Böse Weihnachtsgeschichten

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
27.12.2014
13.09.2015
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Und wieder ein Jahr rum. War doch echt toll. Was haben wir alles erlebt. Ach Scheiß drauf. Mein Jahr war zum Kotzen. Verlassen worden, verarscht worden und die ganze Scheiße. Und jetzt auch noch „Das Fest der Nächstenliebe“, wie kann man da nicht fröhlich sein? Ganz einfach, indem man hinter die Fassade guckt. Alle rennen Grinsen um mich herum durch die Fußgangerzohne. Von einem Klamottenladen in den nächsten. Vom Glühweinstand in den Saturn. Vom Buchladen zum Nippesstand. Überall leuchtet alles und immer die gleichen Weihnachtslieder werden einem um die Ohren gehauen. Und wenn man davon keine gute Laune bekommt, wird man angeguckt als hätte man zwei Köpfe.
Genauso werd ich angeguckt. Von meinen Springerstiefeln über meine Lederhose hoch zu meinem Ledermantel und darüber meine Langen Haare. So nach dem Motto wieso ich nicht auch wie bekifft grinsend durch die Stadt laufe und mich mit dem üblichen Weihnachtsscheiß eindecke. Über mein Handy höre ich Internetradio. Wenigstens etwas um die ganzen schlechten Weihnachtssongs auszusperren. Auf Radio Dark Dimension läuft son Scheiß nicht, und wenn dann in homöopathischen Dosen. Was ich dann, wenn ich auf den ganzen Weihnachtskram scheiße, in der Stadt suche? Ich kann doch nicht den ganzen Tag in meiner Wohnung rumsumpfen oder?
Plötzlich steht mir so ein Blonder Grinsekeks im weg, hat ne Jacke von irgend einer Wohltätigkeitsorganisation an und bedeutet mir, die Kopfhörer abzusetzen. Durch einen Kurzen schlag gegen den Bügel hängt er mir um den Hals und übergangslos fängt sie an:
„Hallo, wollen sie nicht auch ein wenig spenden?“
„Wofür denn? Gelähmte Regenwürmer?“, frage ich mit unverhohlenem Sarkasmus, den sie zu überhören scheint.
„Nein, für die Flüchtlinge, die hierherkommen, aus Angst vor dem IS-Terror in ihrer Heimat“, flötet sie fröhlich, was im krassen Gegensatz zu ihrem Anliegen steht.
„Und wieso soll ich für die Spenden? Hier werden die doch auch Terrorisiert. Schonmal in die Nachrichten geguckt. Niemand will die in seiner Nachbarschaft haben, die Glatzen schenken denen Mollotvcocktails per Eilzustellung durch geschlossene Fenster oder streicheln sie mit Baseballschlägern und stiefeln.“
„Ja und um das zu verhindern und denen ein Menschenwürdiges Leben zu gewährleisten, sammeln wir Spenden!“, entgegnet sie, nun etwas energischer, da der Groschen gefallen ist.
„Ah das ist was anderes, dann erklären sie doch mal, wie definieren sie ein menschenwürdiges Leben“, so langsam komme ich in fahrt.
„Ganz einfach, damit sie ihre verwandten herholen können, ein Dach über dem Kopf haben und genug zu essen und anzuziehen. Manche mussten ihre Frau und Kinder zurücklassen.“
„Traurig traurig, aber danke sehr, ich hab selbst genug Probleme. Und mein Geld habe ich schon einem besseren Zweck zugedacht. Daher entschuldigen sie bitte wenn ich nichts Spende,“ sage ich und will mich umdrehen als ich ein gemurmeltes „Egoistenarschloch“ höre.
„Könnten sie das bitte wiederholen?“, frage ich liebenswürdig.
„Was denn, ich habe doch nichts gesagt“, entgegnet sie leicht verschreckt und wird rot.
„Das habe ich aber anders gehört. Nur weil ich meine eigenen Probleme habe, und nicht spenden will, haben sie mich 'Egoistenarschloch' genannt. War es nicht so?“, dringe ich weiter auf sie ein.
„Da  Da  Das haben sie falsch verstanden.“
„Und wie war es denn zu verstehen. Ich glaube an diesem Ausdruck gibt es wenig war zweideutig ist, oder?“
„Nagut sie haben gewonnen, sind sie jetzt Glücklich? Sie kümmern sich genau wie alle anderen nur um ihre eigenen Probleme!“, fährt sie mich an, anscheinend mutiger geworden.
„Ah, also genauso wie sie. Von meinen Problemen wollen sie nichts wissen. Ihnen geht es nur um das gute Gefühl, etwas für andere Getan zu haben. Sich um Probleme woanders gekümmert zu haben, aber die Probleme vor ihrer Nase kümmern sie nicht. Haben sie gewusst, dass in unserer ach so glücklichen Westlichen Gesellschaft, die Selbstmordrate zu Weihnachten extrem Ansteigt, ebenso wie die Besuche in Bordellen? Und wissen sie auch wieso? Weil diese ganzen Arschlöcher, die nur auf das gute Gefühl, geholfen zu haben, stehen, und sich dafür Probleme aussuchen, die mit ihnen nichts zu tun haben und bequem weit weg sind. Heißt es nicht „liebe deinen Nächsten?“ aber es wird nur Praktiziert „liebe deinen Übernächsten!“, herrsche ich sie an.
„So darf man das nicht sehen, hier kann man sich doch...“. Fängt sie an, doch ich unterbreche sie.
„Doch genau so muss man es sehen. Erstmal vor der eigenen Tür kehren. Aber dafür tragt ihr die Nase zu weit oben, so seht ihr die Probleme vor euren Türen nicht. Oder wollt sie nicht sehen, weil es euch aus euer schönen flauschigen Kuscheltwelt herausreißt. Gönnen sie sich mal ne anständige Dosis Realität. Sehen sie doch mal den Herren da drüben. Der alleine auf der Parkbank sitzt. Er sitzt schon die ganze Zeit da, während wir beide reden. Ihn sah ich schon von weitem. Was glauben sie wieso er da sitzt? Gibt es nicht hübschere Flecken zum Sitzen? Zum Beispiel ein Café. Was glauben sie wieso er überhaupt hier sitzt. Ich will es ihnen sagen, und dann verstehen sie auch wofür ein Teil meines Geldes gedacht war. Seine Frau ist vor zwei Jahren gestorben, seine Kinder und Enkel besuchen ihn nicht, da er nur ne kleine Rente bekommt. Seine Freunde von früher sind gestorben. Er sitzt hier, wegen der Illusion, von Gesellschaft. In ein Café kann er nicht, da er kein Geld hat, würde er nur einen Kaffee trinken, könnte er am Abend nichts mehr essen, weil das Geld nicht mehr reichen würde. Ich war, nachdem ich ihn gesehen habe, auf dem Weg dort rüber und wollte zwei Becher Kaffee holen und mich eine Weile zu ihm setzen. So mache ich es immer, wenn ich ihn sehe. Aber sie, sie würden an ihm vorbeigehen und denken 'was sucht der Penner hier', oder?“, kläre ich sie auf und sehe wie sie mich geschockt ansieht.
„Das wusste ich nicht, ich...“, beginnt sie
„Natürlich wussten sie das nicht, sie sind ja zu beschäftigt die Welt zu retten. Und nach den von mir erwähnten Problemen haben sie auch nicht gefragt. Also jetzt eine Frage, Wer von uns ist das Egoistenarschloch?“
Mit diesem Gedanken und ohne ihre Antwort abzuwarten, setze ich meine Kopfhörer wieder auf und gehe zum Coffeeshop und hole die üblichen Kaffee. Als ich mich zu ihm setze begrüßt er mich fröhlich und greift in seine Tasche. Er zieht eine Arg zerkratze Taschenuhr hervor und drückt sie mir in die Hand und fügt hinzu:
„Meine Kinder würden durchdrehen wenn sie wüssten, dass ich sie dir Schenke, Markus. Aber dir macht sie mehr Freude. Ich möchte, dass sie jemand bekommt, der sie zu schätzen weiß, der hinter die Fassaden sieht“ er hält meine Hand mit deinen geschlossen und sieht mich traurig an.
„Was ist denn los Wilhelm? So traurig habe ich dich noch nie gesehen“, frage ich besorgt.
„Es kommt alles zusammen. Ich muss mein Haus verkaufen und der Arzt hat auch keine Guten Nachrichten für mich. Könntest du mir einen Gefallen tun? Bring diesen Brief zur Post, der andere ist für dich, bitte lies ihn erst zu Hause“, antwortet er und reicht mir zwei Briefe, beide mit zittriger Hand adressiert.
„Natürlich, alles was du willst“, antworte ich und verstaue die Briefe in meiner Manteltasche.
Er trinkt seinen Kaffee in großen Schlucken und wärmt seine Finger am heißen Becher. Ein Seltsames Lächeln huscht über sein Gesicht und er sagt:
„Bitte geh jetzt, ich will nicht das du hier mit mir herum sitzt. Du hast doch sicher besseres zu tun“, sagt er traurig, doch mit einem Unterton der keinen Widerspruch duldete. Wohl ein Überbleibsel aus seiner Resistancezeit. Ich nickte und drückte seine Hand wieder und sagte, dass ich an Heilig Abend wiederkomme und ihm was gutes mitbrächte. Er lächelte nur.
Zu hause öffne ich den Brief an mich. Den anderen habe ich weggeschickt. In dem an mich stand:



Lieber Markus,

Danke für die letzten beiden Jahre. Ohne dich, hätte ich schon lange getan, was ich nun, da du diesen Brief liest, getan habe. Der Arzt sagte mit, dass ich Krebs hätte. Lungenkrebs. Wie ein Schwindsüchtiger huste ich die meiste Zeit Blut. Meine Zeit ist einfach gekommen. Bitte behalte die Taschenuhr. Ich habe sie seinerzeit für meine Hochzeit gekauft. Bitte Trage sie, wenn du einmal Heiratest, das richtige Mädel, wird dir noch begegnen. Ich hoffe es sehr und hoffe auch, dass du nie das Tun musst, was ich heute getan habe.
Ich habe nur zwei Andenken an den Krieg und meine Zeit in der Resistance behalten. Die Taschenuhr in deiner Hand, und die Luger in meiner. Ich gehe nun den Weg des Feiglings. Bitte verzeih es mir, aber ich will nicht dahinsiechen und meine Kinder um mein Erbe streiten sehen.

Möge Gott mit dir sein, auch wenn du nicht an ihn glaubst,

Wilhelm Leydinger