Weil ich kein Mädchen habe (OS)

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12 Slash
Juro Lyschko
26.12.2014
26.12.2014
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Es gibt keine Geschichten zu meinem neuen Lieblingspair D: das muss schleunigst geändert werden... und zwar klingt es vielleicht seltsam, aber irgendwie macht es auch total viel Sinn!
Achtuuuuung *trommelwirbel* Juro und Lyschko! Na, was meint ihr?^^ Jaja, vielleicht etwas gewagt, aber... naja, egal. Lest einfach ;)
Viele Grüße, Jule
PS: ja, ich seh schon, dass dieses Fandom grade nicht so wirklich vor Leben sprüht, aber vielleicht findet sich ja doch jemand, der noch Spaß an Krabat-FFs hat ;P

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„Und du?“, fragte Krabat. „Du selber hast auch nichts dagegen getan?“
„Weil ich mich nicht getraut habe“, sagte Juro. „Und weil ich kein Mädchen habe, das mich freibitten käme.“


Die sorgsam gewählten Worte spukten durch Juros Kopf und wollten einfach nicht still stehen. Die Traurigkeit, die ihn bei diesen simplen Sätzen umfangen hatte, war seitdem nicht mehr von ihm gewichen, auch wenn das heimliche Treffen mit Krabat schon Stunden zurück lag und sie sich längst in den Schlafraum zurückgeschlichen hatten. Während Krabat sich bereits in unruhigem Schlaf auf seiner Pritsche hin und herwälzte, wollten Juros Gedanken einfach nicht zur Ruhe kommen. Sie piesackten ihn und stachen ihn dort, wo es besonders weh tat. Mitten in seinem Herzen.
Schließlich schwang er leise die Beine über die Bettkante, stand auf und schlich durch den dunklen Schlafraum, der nur vom blassen Licht des halben Mondes, das durch das kleine Fenster fiel, spärlich erleuchtet wurde. Die Pritsche, auf die er sich zu bewegte, lag etwas abseits der anderen. Juro spürte, wie sein Herz schneller schlug, je mehr er von den Umrissen des Müllersburschen erkennen konnte, der darauf im Schlaf lag. Lyschko sah so anders aus ohne den verbissenen, scheelen Ausdruck auf seinem Gesicht, ohne den man ihn des Tags nie zu Gesicht bekam. Im Schlaf entspannte sich seine Miene, wurde weich und befreit, als fiele eine Last von seinen Schultern, die er ansonsten immer mit sich herumtrug. Juro blieb nur einen Schritt von ihm entfernt stehen und betrachtete den Schlafenden, während sein Herz ihm so hart durch die Brust donnerte, dass es weh tat. Kurz sah er sich auf dem Dachboden um, doch die anderen Burschen schliefen alle tief und fest. Eine kaum sichtbare Geste gab ihm die Gewissheit, dass sie in den nächsten Minuten nicht aufwachen würden – keiner von ihnen. Nicht einmal Lyschko – dann überwand er die letzten Zentimeter bis zu dessen Bett und ließ sich auf die hölzerne Kante sinken. Sein Blick streifte über das Gesicht, das ihm Nachts so vertraut schien und am Tag nur Hass und Abneigung barg. Er musterte die schlanken Finger, die ruhig und gelöst neben dem Kopf auf dem Kissen ruhten und die schmale Gestalt, die sich unter der Decke abzeichnete. Er war sich nicht sicher, ob Lyschko schön war, über so etwas hatte er sich nie Gedanken gemacht. Doch es war auch nicht wichtig, nicht hier auf der Mühle, nicht für Juro. Lyschko war einsam und traurig und unverwüstlich, das war es, was Juro anzog wie einen Magneten. Sie waren sich viel zu ähnlich, auch wenn niemand außer Juro das so sehen würde. Weil niemand sein wahres Ich kannte.
„Ich bin nur ein Dummkopf“, flüsterte Juro die Worte, die er sich immer wieder vorsagte, um nie zu vergessen, welche Rolle er zu spielen hatte. Auch nicht in Momenten wie diesen, in denen er Lyschko am liebsten wecken und ihm alles erzählen würde. Vor allem von den Gefühlen, die sein Inneres aufwirbelten, wenn er den anderen Burschen ansah. Schon viel zu lange.
„Ich bin nur ein Dummkopf“, wiederholte Juro, „und werde es für dich auch immer bleiben.“ Er musste es aussprechen, um sich selbst daran zu erinnern, was das Beste für ihn war. Für sie beide. Auch wenn die Erkenntnis jedes Mal aufs Neue schmerzte. Wenn Lyschko herausfände, dass Juro vielleicht der Schlauste unter ihnen war, wäre es um ihn geschehen. Um sie beide.
„Du würdest mich verraten“, murmelte Juro traurig. „Weil du hoffst, dass der Meister eines Tages mehr als Abscheu für dich empfinden wird. Weil du hoffst, sein Nachfolger zu werden, ein großer Magier, ein gefürchteter Mann. Aber du bist nur ein kleiner Junge.“ Er seufzte leise, streckte zögerlich die Hand aus und strich Lyschko eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht, das im Mondschein viel mehr wie das eines Jungen wirkte. Wie alt mochte er sein? Am Tag machten ihn die Falten auf seinem grimmigen Gesicht schrecklich erwachsen, doch des Nachts sah man, dass er wohl kaum älter als 20 Jahre sein konnte. Eher jünger.
„Du willst ihm gefallen, aber er hasst dich“, fuhr Juro leise fort und jetzt, wo er Lyschko bereits, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, berührt hatte, wollte seine Hand sich einfach nicht mehr von der Wange fortbewegen, auf der sie zum Liegen gekommen war. „Er hasst dich für das, was du tust, um ihm zu gefallen. Er mag keine Heuchler.“ Er strich sanft über die Wange des anderen, als wolle er ihn trösten.
„Armer Lyschko“, murmelte er mit müder Stimme. „Verbitterter Lyschko.“ Dann zwang er sich, die Hand in seinen Schoß zurückkehren zu lassen. Er presste die Lippen zusammen und fügte in Gedanken hinzu: ‚Armer Juro. Armer, dummer, einfältiger Juro.’ Mit einem letzten Blick erhob er sich und ging von dem jungen Mann fort. Jeder Schritt zurück zu seiner eigenen Pritsche wog schwer wie Blei. Er verbot seinen Füßen, zurückzulaufen, verbot seinem Kopf, sich noch einmal umzuwenden, verbot sich selbst, an Lyschko zu denken. Letzteres misslang am kläglichsten.
Als er vor viel zu vielen Jahren die Mühle zum ersten Mal betreten hatte, war sein Schicksal besiegelt gewesen. Vom ersten Augenblick an war ihm bewusst gewesen, dass er Lyschko liebte, obwohl dieser auf ihn hinabsah, als wäre er nicht mehr wert als das Schweinefutter, das Juro ihm erst vor kurzem über die Kleidung geschüttet hatte. Hartherziger, kalter, berechnender Lyschko. Wie Juro ihn lieben konnte, wusste er manchmal selbst nicht. Ja es gab sogar Augenblicke, in denen er ihn von ganzem Herzen hasste. Für das was er tat, wie er sich den anderen gegenüber verhielt, wie ehrfürchtig und kriecherisch er in der Gegenwart des Meisters war. Und doch war der Hass voller Leidenschaft, genauso wie die Liebe, die Juro für den anderen empfand. Voller Leidenschaft, die Juro ebenso gut zu verbergen in der Lage war, wie seine Intelligenz. Gegenüber den Burschen, gegenüber Lyschko, gegenüber dem Meister.
„Weil ich kein Mädchen habe.“  Wieder die Worte, die er Krabat gegenüber ausgesprochen hatte in seinem Kopf. Wieder das stumme Bekenntnis, das Krabat so viel über Juro hätte sagen können und das er doch kaum wirklich zu verstehen in der Lage gewesen war. Weil niemand jemals glauben würde, dass Juro jemanden liebte. Und erst recht nicht Lyschko.
Doch Juro wusste es. Wurde mit jedem Tag, mit jedem abwertenden Blick aus Lyschkos Augen, mit jedem abschätzig gesprochenen Wort von seinen Lippen daran erinnert. Und dabei das quälende Gefühl, das sich in seinem Inneren breit machte und in einem kaum größer denkbaren Gegensatz zu dem dümmlichen Grinsen stand, das er nach Außen trug. Der Schmerz, die Enttäuschung und vor allem eine bittere Gewissheit.
Dass Juro niemals aus dieser Mühle würde entkommen können, dass er nie in seinem ganzen Leben wieder frei sein würde. Nicht solange es Lyschko gab. Nicht, solange er ihn liebte. Und vermutlich auch nicht danach, falls es jemals eine Zeit geben sollte, welche auf diese folgte. Niemals würde ein Mädchen kommen, um Juro freizubitten. Nicht in diesem Leben.
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