Nur ein Wunsch

GeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P16
Juro Krabat Meister Michal Tonda
24.12.2014
24.12.2014
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Vorwort: Meine Art, ein Frohes Fest zu wünschen. Milenka ist der OC, den ich mir mit 14 Jahren ausgedacht habe. Sie ist sozusagen meine dunkle Seite. Aber sie wünscht sich ein Weihnachten, wie sie es früher kannte.
(Weihnachtsgeschenk für meine Großeltern, die Milenka mit mir haben aufwachsen sehen)

~*~

Die Schneekristalle knirschen unter ihren Füßen. Die Landschaft ist weiß, als hätte sich ein stiller Schleier über sie gelegt und macht es beinahe unmöglich, dagegen anzukämpfen – und Milenka tut es trotzdem. Sie war noch nie ein Mädchen, das sich an die Regeln gehalten hat. Es ist ein Tag im November, eigentlich wie jeder andere auch, nur dass Schnee liegt, aber sie hat ein Anliegen. Denn es ist der 24. November. Einen Tag und einen Monat vor Heiligabend. Sie hat ein Anliegen an den Meister.
Und Spaziergänge sind die besten Orte für Gespräche.

„Meister“, hebt Milenka dann die Stimme. Sie ist diejenige, die um etwas bittet, sie muss es aussprechen (und sie ist ein Müllersmädchen, sie ist ihm unterstellt) „Ich habe einen Wunsch“
Der Meister, ganz in Schwarz und mit der Augenklappe, breitet seine Hand in fließender Bewegung aus. Ergreife das Wort, heißt das.
„Wisst Ihr, was in einem Monat ist?“

„Der 24. Dezember, vermutlich“, der Meister zieht die Augenbrauen hoch. Aber Milenka spürt, dass der Meister genau weiß, worauf sie hinaus will. Er kennt seine Gesellen gut, er kann sie gut manipulieren und weiß, wo ihre Schwachstellen sind. Und er kennt Milenkas Schwachstelle. Also wird er auch ihren Wunsch kennen.

„Und...“, sagt sie. Der Meister sieht sie zweifelnd an, als wisse er nicht, worauf sie hinaus wolle. Er spielt mit ihr Katz und Maus. Er manipuliert sie. Aber sie lässt sich nicht darauf ein. „Und Weihnachten“
Der Meister nickt ihr zu. Das weiß er noch. Aber er weiß auch etwas anderes. Milenka will es herausfinden. „Ich will in die Kirche“, sagt sie geradeheraus.

„Milenka“, der Meister spricht mit ihr wie mit einem ungezogenen, ungehorsamen Kind und das macht sie wütend „Ihr bekommt die schwarze Kunst gelehrt. Ist das nicht genug?“. Er bezeichent es als Kunst. Für sie war es genug. Aber es ging ihr um etwas anderes.
„Es ist mir genug“, sie senkt den Kopf. Sie hat ein Dach über dem Kopf, Essen jeden Tag, eine Aufgabe, Familie, jemand der sich um sie kümmert, wenn sie krank ist. Ihre Finger frieren nicht mehr vor Kälte und sie zittert nicht mehr in der Nacht. Aber eine Erinnerung sticht mehr hervor, als alle anderen. Mehr noch, als sie von einem freundlichen Bäcker Brot bekommen hat oder als sie in einer Scheune zwei Nächte statt einer schlafen durfte, weil ihr der Bauch wehgetan hatte. Es ist eine helle Erinnerung. Sie strahlt und wärmt sie von innen.
Glockengeläut und Gesang. Dann die Segnung. Und für einen Abend fühlt sie sich nicht so allein.
„Aber ich bin Weihnachten immer in die Kirche gegangen, Meister“

„Die letzten vier Jahre nicht, nun brauchst du es auch nicht mehr“. Der Meister ist hart, aber er versteht nicht. Vier Jahre in der Außenwelt sind eineinhalb Jahre in Mühlenzeit. Vor eineinhalb Jahren ist jemand gestorben und sie trauert immer noch.

„Weihnachten habe ich immer meiner verstorbener Geschwister gedacht und eine Kerze für sie angezündet“, erklärt sie, auch wenn sich wieder ein Knoten in ihrem Hals bildet und die Erinnerungen es ihr schwer machen, auch nur einen Gedanken zu fassen „Und ich würde es gerne wieder tun“
„Die Toten sind tot und vergessen“, erwidert der Meister barsch „In der Mühle wird der Name nicht mehr erwähnt“

„Gewiss, in der Mühle nicht“, sagt Milenka sanft „Doch was ist mit heiligem Boden?“
„Ihr habt euch der schwarzen Kunst verschrieben, ihr könnt in keine Kirche. Das ist verboten“
Milenka blickt auf den schneeweißen Grund vor ihr, bald wären sie am Wüsten Plan. So weit sind sie schon gekommen. Hat der Meister sie mit einem Grund hergebracht?

„Ja“, der Meister hat ihre Gedanken gelesen. Nicht durch Intuition, wie es ihre Gesellen oder normale Bürgersleut taten, sondern jedes einzelne Wort hatte er in ihrem Kopf gesehen, bevor sie es auch nur zu Ende gedacht hatte. „Du kannst hier sein, aber nicht im Dorf. Juro bindelt dir bestimmt eine Kerze, Streichhölzer haben wir genug. Kirchenlieder kennst du eh nicht mehr, der Koraktor verbietet es“
Der Koraktor.... Milenka schüttelt es am ganzen Leib. Sie weiß, an wen sie ihr Leben gebunden hat, aber es zu hören ist etwas anderes, als es zu wissen. Er spricht durch den Koraktor. Er. Sie versucht eines zu singen. Irgendeines. Es kam ihr nicht über die Lippen, auch wenn sie das Lied im Kopf schrie. Es kam nicht über ihre Lippen.
„Was macht Ihr mit unserem Glauben?“, sie sieht den Meister entsetzt an, aber der schüttelt mild den Kopf „Ihr vergesst ihn selbst, wenn ihr auf der Mühle bleibt“

Das war furchtbar. Schlimmer als jede Hölle, die Milenka sich vorstellen konnte. Ihr früheres Leben gab es nicht mehr... sie sackte auf die Knie und spürte, wie sich die Kälte langsam durch ihre Hose fraß. Ihr Glaube...
Sie musste sich an etwas festhalten, irgendetwas.

„Es geht mir nicht um den Glauben“, flüstert sie schließlich „Es geht mir nicht darum. Es geht mir um die Erinnerung in der Kirche. Ich will meine Erinnerungen zurück“

„Die Toten bleiben tot, dummes Mädchen“

„Aber ich will sie wiederhaben“, schluchzt sie. Es ist ein ohnmächtiger Schmerz, beinahe zu mächtig für sie. Dann spürt sie eine Hand auf ihre Schulter. Sie ist warm und stark. Ihre Verzweiflung weicht, zurück bleibt eine kratzende Kehle und ein Wummern in ihrem Kopf. Sie ist müde.

~*~

An Heiligabend ist der Meister nicht da. Er flieht zwei Wochen vor Jahresende, um dem Endkampf nicht beiwohnen zu müssen. Milenka fragt sich, wer dieses mal kämpfen muss. Die Stimmung ist gedrückt und trotzdem freut sie sich auf heute Abend. Sie hat schon länger geplant, was sie tun wird. Niemand weiß von ihrem Plan, sie will niemanden in Gefahr bringen.

Es ist ein Fußmarsch nach Schwarzkollm, deshalb stiehlt sie sich vom Mittagstisch ein wenig und packt es ungesehen ein. Es gibt keine Arbeit und so sitzen die Gesellen lethargisch im Haus umher, sie bemerken nicht, wie sie sich Nachmittags fortschleicht. Außer Michal. Der lächelt ihr zu und hält ihr die Tür auf, als sie nach außen tritt (Milenka weiß jetzt, wer es dieses Jahr ist, aber sie nimmt ihre ganze Kraft zusammen und denkt an heute Abend, nicht an Silvester).
Während sie den Weg nach Schwarzkollm hinuntergeht, fühlt sie sich befreit, beinahe so, als würden ihre Erinnerungen mit jedem Schritt wieder ihr gehören. Sie kann es gar nicht mehr erwarten, unten im Dorf zu sein. Für heute hat sie sich schick gemacht. Sie trägt das alte Kleid, das sie auch damals getragen hatte. Verstaut in einer Truhe des Meisters, hat Juro erstaunt gesagt (er hat es ihr wiedergegeben, als er dort saubergemacht hatte). Es ist geflickt, an den Stellen, die vorher löchrig waren, es hat wieder Farbe, an den Stellen, die ausgeblichen sind. Sie wird immer eine Spur der schwarzen Kunst an sich tragen. Für heute sieht sie den Mädchen aus dem Dorf zum Verwechseln ähnlich und niemand kommt auf einen anderen Gedanken.

Vor dem Gottesdienst fühlt sie sich unbehaglich, etwas in ihr will fliehen. Sie gehört hier nicht hin und das weiß sie auch. Aber sie bleibt starr sitzen, sie betet mit den anderen, sie singt und empfängt den Segenswunsch.
Als sie eine Kerze für ihre Geschwister anzündet, flüstert sie einen Moment die Namen und ist erstaunt, wie leicht es geht. Eine ältere Frau legt ihr eine Hand auf die Schulter und drückt sie sanft. Es ist ein anderes Gefühl der Wärme, als das, das der Meister gezaubert hat.

Und trotzdem geht sie, voller Scham, nach dem Gottesdienst nicht gleich in die Mühle zurück, sondern an einen Ort, an dem jemand gewaltsam gestorben ist. Der Ort, an dem sie das erste Mal war, der Henkersbaum. Sie fühlt sich gleich besser.
Aber das Gefühl der Wärme kann ihr niemand mehr nehmen.
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