Eine kleine Weihnachtsgeschichte

KurzgeschichteAllgemein / P6
24.12.2014
24.12.2014
1
635
5
Alle Kapitel
4 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Eine kleine Weihnachtsgeschichte


Zitternd kuschelte der arme Mann sich fester in seinen alten, viel zu durchlässigen Mantel. Er fror; auf den Straßen lag Schnee, und vom Himmel fielen immer weiter dicke Flocken, die der Welt ein weiches Aussehen verliehen.
Doch die Welt war kalt. Nicht nur von außen, sondern auch im Herzen.
Lachend liefen Kinder von einer Bude auf dem Weihnachtsmarkt zur nächsten. Erwachsene teilten sich einen Glühwein und unterhielten sich, überall blinkten bunter Lichter und der Geruch von gebrannten Mandel und von Zimt lag in der Luft. Das Summen der Fahrgeschäfte vermischte sich mit dem glücklichen Kichern der Kinder und der stimmungsvollen Musik, die aus den Lautsprechern an den Ständen drang.
Gegen den Schneefall anblinzelnd sah der alte Mann hoch zu dem reich geschmückten riesigen Tannenbaum, auf dessen Spitze ein Stern verheißungsvoll leuchtete. Neben ihm reihte sich Bude an Bude, Glühwein neben Kerzen, Zuckerwatte und Backfisch. Doch nicht für ihn; für andere, aber nicht für ihn.
Seufzend wandte er sich von einem Maroni-Stand ab und wanderte weiter. Er spürte seine Füße schon nicht mehr, seine Hände hatte er sich unter die Achseln geklemmt, um sie zu wärmen. Sein Atem stand ihm als weiße Wolke vor der Nase.
Am Ende der Straße sah er einen Weihnachtsmann Stollen an Kinder und Erwachsene verteilen. Hoffnungsvoll hinkte der Mann auf die Stelle zu, eine Hand auf seinen vor Hunger schmerzenden Magen. Die andere streckte er flehend aus.
»Bitte…«, krächzte er.
Mit angewiderter Miene musterte der Weihnachtsmann den Alten. »Verpiss dich, Bettler! Hier gibt es nichts für Abschaum wie dich!« Er wandte sich ab, um sich hinzuknien und einem kleinen Mädchen mit freundlicher Stimme einen Stollen anzubieten.
Niedergeschlagen senkte der Mann seinen Kopf und schlurfte davon, als er ein Zupfen an seinem zerschlissenen Mantel spürte. Neugierig guckte er sich um und sah das kleine Mädchen von vorhin. Mit großen, haselnussbraunen Augen sah es ihn an.
»Warum wollte der Weihnachtsmann dir nichts geben? Warst du böse?«, fragte sie unschuldig.
Traurig lächelte der Bettler. »Nein, mein Kind, ich habe nichts Böses getan. Ich passe nur nicht in sein Bild der Menschheit, deswegen verdrängt er mich aus seinen Gedanken und will mich nicht sehen.«
»Oh.« Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. »Aber dann ist doch der Weihnachtsmann böse? Mama sagt immer, ich solle zu allen Menschen und Tieren immer freundlich sein.«
»Nein, er ist auch nicht böse. Er weiß es nur nicht besser, das kannst du ihm nicht vorwerfen. Er ist kein so weiser Mann wie du oder deine Mutter.«
»Ach so…« Verstehend nickte sie und zog eine behandschuhte Hand aus ihrer Jackentasche. Schüchtern hielt sie ihm ein in eine Servierte eingewickeltes Päckchen hin. »Hier, für dich!«
Zögernd nahm der alte Mann es mit bebenden Händen entgegen. Vorsichtig wickelte er es unter dem gespannten Blick der Kleinen aus. Krümel rieselten zu Boden, als er den Stollen auspackte. Zaghaft hob er den Blick und sah das Mädchen an. Ein glückliches Lächeln schlich sich auf sein Gesicht und Tränen traten in seine Augen vor Rührung wegen der Güte dieses kleinen Wesens.
»Danke«, brachte er mit brechender Stimme hervor.
»Fröhliche Weihnachten, netter Mann!«
Lachend hüpfte das Mädchen davon, sein flauschiger Schal wehte hinter ihm her. Der alte Mann sah ihm hinterher und beobachtete, wie es zu einer dick eingepackten Frau lief, auf diese einredete und dann auf ihn deutete. Die Frau sah ihn an und lächelte. Dann winkte sie kurz, und mit ihrer Tochter an der Hand ging sie davon.
Vielleicht, dachte der alte Bettler, vielleicht hat die Welt ja doch noch ein warmes Herz…
Review schreiben
 
 
'