Jenseits des grauen Schleiers

OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Hoher Lord Akkarin Takan
24.12.2014
24.12.2014
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Dieser OS enthält Anspielungen auf noch nicht gepostete Kapitel von  Unter tausend schwarzen Sonnen. Der übrige Inhalt erhebt keine Garantie darauf, dass er sich während „Die zwei Könige“ tatsächlich so ereignet. Er ist nur eine Möglichkeit, was sein könnte, inspiriert von Lesersehnsüchten. Ihr könnt sie mir glauben oder auch nicht ;)

Allen Lesern wünsche ich schöne und besinnliche Weihnachten und dass ihr diese ganz besondere und magische Zeit gemeinsam mit den Menschen verbringen könnt, die euch am meisten am Herzen liegen.


Widmung
Für Lady Alanna, weil sie Akkarin so schmerzlich vermisst und weil sie die Frage, wie es ihm ohne Sonea ergeht, so sehr quält. Und für alle anderen, die ihn ebenfalls vermissen und sich diese Frage stellen.



***




Jenseits des grauen Schleiers



Darkness come tonight
Nothing can take my faith away
Darkness come alive
Life fades to black from silver grey
(Kamelot, The Black Halo)



Zum zweiten Mal in Akkarins Leben war seine Sonne für immer untergegangen. Ein Ereignis, das er ein ganzes Jahr lang so sehr gefürchtet hatte, dass er dafür sogar seinen eigenen Tod in Kauf genommen hatte. Doch erst in dem Augenblick, in dem es passiert war, war ihm bewusst geworden, dass es überhaupt wieder eine Sonne in seinem Leben gegeben hatte.

Ohne sie war seine Welt grau. Sie unterschied sich nur noch in den verschiedenen Schattierungen, die diese Unfarbe im Laufe des Tages annahm, bevor sie zum Abend hin immer dunklere Nuancen hervorbrachte und schließlich in das Schwarz dissipierte, das zu einem Lebensgefühl geworden war, seit er so viele Jahre zuvor den Schritt getan hatte, nach dem es für ihn kein Zurück mehr gegeben hatte. Die Farbe seiner Roben war nur ein Ausdruck dessen. Sie sorgte für eine ironisch anmutende Harmonie zwischen ihm und der Außenwelt, in der er für das, was er war, gefürchtet wurde.

Mit ihr war das Schwarz der Nacht voll warmer Farben gewesen, beinahe sichtbar, wenn er ihren winzigen, zarten Körper in seinen Armen gehalten und ihre weiche Haut sich vertrauensvoll gegen seine geschmiegt hatte. Vor ihr war seine Nacht voll Dämonen der Vergangenheit gewesen, die ihn unermüdlich heimgesucht und an das erinnert hatten, was er getan hatte. Ihre Nähe hatte die Dämonen vertrieben. Mit ihr hatte er sich zum ersten Mal in seinem Leben vollständig gefühlt.

Und jetzt ist sie fort …

Spürend, wie sich ein Schmerz in seiner rechten Hand ausbreitete, löste er seine Faust. Obwohl Kiano ihm versichert hatte, dass die Motorik erhalten geblieben war, bereiteten exzessive Bewegungen ihm noch immer Schmerzen. Sie waren indes das Einzige, das zu ihm durch den Grauschleier, der sich mit ihrem Verschwinden erneut über seine Welt gelegt hatte, drang. Sie erinnerten ihn an das, was er getan hatte, um sie zu retten.

Es war zu wenig gewesen.

Er hatte versagt.

So wie einst bei Isara.

Regungslos beobachtete Akkarin, wie der Wind Schatten über die schroffen Berghänge vor seinem Fenster jagte und ein nicht deterministisches, ständig wechselndes Muster der unterschiedlichsten Schattierungen von Grau erschuf. Obwohl bar sämtlicher Farben, entfaltete das Schauspiel vor Akkarins Augen eine Schönheit, die nur er sehen konnte, weil seine Welt bis auf dieses eine Jahr schon viel zu lange grau war.

Irgendwo jenseits dieser Felswüste in Grau war die Liebe seines Lebens. Wartete sie auf Rettung? Oder hatte sie vielleicht alle Hoffnung aufgegeben? Akkarin hatte aufgehört zu zählen, wie oft er kurz davor gewesen war, sie per Gedankenrede zu rufen. Und es kostete ihn all seine Selbstdisziplin, es nicht zu tun. Denn damit hätte er nicht nur sich verraten, sondern zugleich alles in Gefahr gebracht, was er zu schützen suchte.

„Meister, kann ich Euch noch etwas bringen?“

„Nein“, antwortete Akkarin ohne den Blick von dem einzigartigen Schauspiel abzuwenden. „Du kannst für heute gehen.“

„Aber es ist erst Nachmittag“, protestierte Takan. „Was ist mit Eurem Abendessen?“

„Wenn ich hungrig bin, werde ich mit den anderen Magiern unten in der Halle speisen.“

Das Schweigen seines Dieners sagte ihm, dass seine Antwort ihn nicht zufriedenstellte. „Ich mache mir Sorgen um Euch, Meister“, begann er vorsichtig. „Euer Verhalten zeigt Grundzüge der ersten Wochen nach Isaras Tod.“

Akkarin fuhr herum.

„Was nicht heißen soll, dass es so schlimm ist wie damals“, fuhr sein Diener tapfer fort. Mit dem Tablett in beiden Händen und einer einsamen Sumitasse darauf wirkte er seltsam verloren. Es war kein Blutjuwel nötig, um zu wissen, dass Akkarins Reaktion und der Ausdruck in seinen Augen dem anderen Mann Angst einjagten. Aber er sah sich nicht in der Lage, das zu bedauern. „Schließlich ist Lady Sonea noch am Leben, das ist sie doch, nicht wahr?“

Für einen kurzen Moment schloss Akkarin die Augen. „Ja.“

Aber wenn ich daran denke, was ihr bevorsteht, wünschte ich das Gegenteil …

„Und dann werdet Ihr sie befreien.“

„Dazu muss sie zunächst einmal gefunden werden.“

„Wenn einer das vermag, dann Ihr, Meister.“

Akkarin unterdrückte ein Schnauben. „Ich kann gar nichts“, sagte er mehr zu sich selbst. „Ich habe die Verantwortung für die Gilde. Sie braucht mich im Augenblick dringender.“

„Dann wird Botschafter Dannyl gewiss Erfolg haben.“

Wenn er denn dazu kam, die Verhandlungen aufzunehmen. Für den Augenblick hing alles von Savara ab. Die ehemalige Verräterin war mehr als willig, ihre alte Schuld zu begleichen. Doch sie durchsuchte ganz allein ein riesiges Land nach einer einzelnen Person, ohne jeglichen Anhaltspunkt, wo diese sich befand. Akkarin fand, er hatte bessere Chancen, Sonea auf eigene Faust zu suchen. Aber dann würde er vielleicht nicht rechtzeitig zur Stelle sein, wenn die Gilde ihn brauchte. Es widersprach seinen Prinzipien, die Magier für eine einzelne Person im Stich zu lassen. Selbst, wenn es sich bei dieser um die Liebe seines Lebens handelte.

Akkarin unterdrückte ein Seufzen. An manchen Tagen fiel es ihm unendlich schwer, seine Pflicht zu tun und die Gilde anzuführen. Sonea zu finden und wieder in seinen Armen zu halten, war alles, wonach es ihm verlangte. Es kostete ihn all seine Willenskraft, nicht ein Pferd zu satteln und das Fort gen Sachaka zu verlassen. Er wusste, damit hätte er niemandem geholfen. Weder der Gilde noch Sonea selbst. Also blieb ihm nichts als das Warten mitsamt seiner quälenden Ungewissheit.

„Was glaubt Ihr, wer sie entführt hat?“

Akkarin wandte sich wieder dem Schattenspiel auf den Berghängen zu. „Ich weiß es nicht, Takan.“ Er hatte die verschiedenen Möglichkeiten mit dem König und den höheren Magiern wiederholt diskutiert. Jeder Sachakaner, der an der Schlacht teilgenommen hatte, konnte Sonea haben. Und sie kannten nicht einmal die Namen aller Beteiligten. Savara hatte lediglich einige der gefallenen Ashaki identifizieren können. Sicher war nur, dass Soneas Entführer früher oder später zu größerer Macht gelangen würde, indem er ihr Wissen für sich nutzte. „Es könnte ein mächtiger Ashaki sein, oder einer der Ichani, mit denen sich der König verbündet hat. Oder es ist Marika selbst.“

Er wandte sich um und fixierte Takans Blick. „Wer auch immer es ist, ich werde dafür sorgen, dass er bereut, sie mir genommen zu haben.“

Für einen kurzen Augenblick schreckte sein einstiger Leidensgenosse vor ihm zurück. Ein Bild von ihm blitzte in seinen Gedanken auf, das Akkarin vermutlich selbst das Fürchten gelehrt hätte, hätte er sich um seine gegenwärtige Wirkung auf andere Menschen geschert. Aber zugleich verstand Takan. Er verstand wie kein anderer.

Sonea gehörte ihm ganz allein. Ohne sich dessen bewusst zu sein, hatte sie aus freien Stücken getan, was Isara mit ihren Worten „Ich wünschte, du wärst ein höherer Magier“ impliziert hatte. Instinktiv hatte sie das Prinzip von Liebe und Hingabe begriffen, ohne dass er es sie je hatte lehren müssen. Und es war für sie beide eine Offenbarung gewesen. Entgegen seinen Befürchtungen war es Akkarin gelungen, die dunkle Seite in ihm zu kontrollieren und zu ihrer beider Erfüllung einzusetzen.

Zu wissen, dass irgendein sachakanischer Bastard sie sich genommen und all das gegen sie verwenden würde, erfüllte ihn mit einem Zorn, den er nur schwer in Zaum halten konnte.

Ich hätte mich gar nicht derart auf sie einlassen sollen. Es war ein Fehler. Ich wusste, dass ich es nicht zufrieden gewesen wäre, hätte ich meiner dunklen Seite nicht zumindest ein wenig nachgegeben. Dass er es getan hatte, erschien ihm nun wie ein fauler Kompromiss. Aber wie hätte er widerstehen sollen, wo ihre Gedanken ihm entgegengeschrien hatten, wovon er bei Isara nur hatte träumen können? Er hatte sie verdorben und das würde ihr nun zum Verhängnis werden.

Wie am eigenen Leib hatte Akkarin miterlebt, was Dakova seiner ersten Liebe angetan hatte. Was ihm mit viel Kontrolle und Selbstdisziplin in ein Spiel zu verwandeln gelungen war, wenn er es denn schon nicht mehr loswurde, war für einen sachakanischen Meister eine Form des Vergnügens, bei der man keine Rücksicht nehmen musste.

Ich hätte mich an meine Vorsätze halten, und nach meiner Rückkehr überhaupt keine intime Beziehung mehr eingehen sollen. Nicht mit ihr noch mit irgendeiner anderen Frau.

Der stechende Schmerz in seiner rechten Hand sagte ihm, dass er gerade dabei war, seine Fäuste erneut zu ballen. Verärgert streckte er seine Finger wieder.

„Meister?“

Realisierend, dass Takan zu ihm gesprochen hatte, zuckte Akkarin zusammen.

„Ihr solltet darüber reden. Es tut Euch nicht gut, alles mit Euch selbst auszumachen.“

Nein, korrigierte Akkarin sich mit einem humorlosen Lächeln. Dieser sachakanische Bastard wird auch ohne meine ’Vorarbeit’ sich nehmen, was ihm beliebt und sie nach seinem Willen formen. Ich habe ihm nur den Weg geebnet.

Das für sich genommen war jedoch unverzeihlich genug.

„Deine Hilfsbereitschaft in allen Ehren, Takan“, sagte er. „Doch du kannst mir nicht helfen.“

„Ich weiß, was Euch und Lady Sonea verbindet. Glaubt mir Meister, niemand weiß besser, wie sehr Euch die Tatsache rasend macht, dass ein anderer nun sie für sich beansprucht.“

Unwillkürlich schüttelte Akkarin den Kopf. Manchmal war es beinahe unheimlich, wie dieser Mann ihn selbst ohne Magie und Gedankenlesen so viel besser kannte, als er sich selbst.

„Ach ja?“, fragte er sich zur Ruhe zwingend. „Woran machst du das fest?“

„Wenn man die Anzeichen zu deuten weiß, dann war es in jeder Eurer Interaktionen mit ihr erkennbar.“ Ein scheues Lächeln huschte über Takans Gesicht. „Ich habe immer gewusst, dass es Euch gelingen würde, diese Seite in Euch zu kontrollieren. Weil Ihr wahrhaftig liebt.“

Tue ich das?, fragte Akkarin sich. Er hatte lange geglaubt, Isara wäre die Liebe seines Lebens gewesen. Er hatte sie so sehr geliebt, dass er für sie gestorben wäre. Aber es war eine einseitige, an manchen Tagen fast an Besessenheit grenzende Liebe gewesen. Er hatte nie herausfinden können, ob mit ihr zusammen zu sein sich wie eine ähnliche Offenbarung angefühlt hätte. Er hatte nie herausfinden können, ob die Worte, die Sonea aus freiem Willen und tiefstem Herzen zu ihm gesagt hatte, von Isara nur gesprochen worden waren, weil sie es nicht anders gekannt hatte.

Mit Sonea war es anders gewesen. Es hatte sich richtig angefühlt. Doch er konnte nicht aufhören, sich zu fragen, ob er sie aus purer Eigennützigkeit verdorben hatte.

„Was geht Euch durch den Kopf, Meister?“, hörte er Takan fragen. „Redet mit mir.“

Akkarin seufzte. Was würde ich nur ohne dich tun?, fuhr es ihm durch den Kopf. Als einziger kannte Takan die gesamte und unbeschönigte Wahrheit dessen, was damals in Sachaka geschehen war. Er wusste als Einziger, was wirklich in ihm vorging.

„Ich frage mich, ob ich mich zurückgenommen hätte, hätte ich diese Bereitschaft nicht in ihren Gedanken gesehen“, sagte er den Blick auf das Schattenspiel gerichtet, das sich verdüsterte, als dunkle Regenwolken von Westen über die Berge rollten und ihre sich ständig bewegenden Finger nach den Ödländern ausstreckten. „Alles, was ich getan habe, wird der sachakanische Bastard, der sie mir genommen hat, gegen sie verwenden.“

Das leise Klirren von Porzellan, das Tappen von Schritten und eine sich nähernde Präsenz teilten ihm mit, dass Takan sein Tablett auf dem Tisch abgestellt hatte und auf ihn zukam. Schweigend stellte der andere Mann sich neben Akkarin ans Fenster.

Eine Weile beobachteten sie das Schattenspiel gemeinsam.

„Wäre es Euch lieber, er würde sie von Grund auf ’verderben’, so wie Ihr es zu nennen pflegt?“

Akkarin schüttelte den Kopf. Auch wenn es ihm nicht gefiel, ihrem Entführer den Weg geebnet zu haben, würde es das zugleich weniger traumatisch für sie machen. Zumindest war es das, was er versuchte, sich einzureden.

„Nicht alle sachakanischen Meister sind so“, sagte Takan. „Die meisten vermutlich ja. Aber es gibt auch viele, die ihre Sklaven gut behandeln. Vielleicht wird ihr Meister nicht fortführen, wo Ihr eine Grenze gezogen habt. Vielleicht rührt er sie gar nicht an.“

Ich wünschte, ich könnte das glauben. Sachaka war ein Land, das die dunkelsten Seiten der Menschen hervorbrachte. Diejenigen, die Macht besaßen, nutzten diese für ihre eigenen Zwecke, Gewaltbereitschaft und Kontrolle waren umso ausgeprägter, wenn man keine Rücksicht nehmen musste. Akkarin hatte lange damit gekämpft, seine eigene Dunkelheit zu kontrollieren. Die Vorstellung, dass ein anderer Mann mit Sonea tat, was er sich selbst verboten hatte, machte ihn regelrecht krank.

Merin hat recht, dachte er nüchtern. Dieser Krieg ist zu einem Privatkrieg geworden.

Nur, dass er seinen Feind noch nicht kannte. Aber wenn ich herausfinde, wer sie mir genommen hat, werde ich keine Gnade kennen.

„Ich weiß, dass Ihr auf alle Eventualitäten vorbereitet sein wollt“, begann Takan. „Aber Ihr solltet nicht sofort vom Schlimmsten ausgehen. Damit tut Ihr Euch selbst nicht gut. Lady Sonea ist ein sehr vernünftiger Mensch, sie wird nicht zulassen, dass man ihr zu viel Leid zufügt.“

„Sonea ist auch ein überaus sturer und rebellischer Mensch“, entgegnete Akkarin. „Und sie ist stolz. Sie ist nicht mehr das eingeschüchterte Mädchen, das ich einst zu meiner Novizin gemacht habe.“

Und genau das schätzte er so an ihr. So sehr es ihm gefiel, wenn sie sich seinem Willen fügte, würde sich das ohne ihre Sturheit falsch anfühlen. Sie erinnerte ihn daran, wann er es zu weit trieb und hielt seine dunkle Seite in Zaum.

Und das unterschied sie so sehr von Isara.

„Aber sie erkennt auch, wann eine Rebellion aussichtslos ist“, unterbrach Takan seine Gedanken.

Zumindest sollte sie das. Akkarin schnaubte leise. Sonea neigte besonders dann zum Rebellieren, wenn ihr Stolz oder ihr Gerechtigkeitssinn es ihr gebot, wozu sie die Vernunft bereitwillig ignorierte. Das alleine war Grund genug, sich zu sorgen.

„Ja. Nur dass dies oft zu lange braucht.“

Das Spektrum von Grautönen vor seinem Fenster vereinte sich zu einem einzigen, bleiernen Grau, als der Himmel seine Schleusen öffnete und ein für die Jahreszeit typisches Unwetter auf die Berge am Nordpass niederging. Die plötzliche Dunkelheit legte sich wie ein schwerer Schleier auf Akkarins Gemüt und ließ ihn die Finsternis der Nacht herbeiwünschen, in der sich seine Welt auf die Erinnerungen an sie und das Gefühl ihres zarten Körpers in seinen Armen reduzierte. Dann war es am leichtesten sich einzureden, dass sie noch immer da war.

Takan hat recht, ich beginne mich wie damals, nach Isaras Tod zu verhalten …

„Ruft nach mir, wenn Ihr mich braucht, Meister.“

Er zuckte unwillkürlich zusammen. „Das werde ich, Takan.“

„Und versucht, heute Nacht zu schlafen. Ich werde Euch Nemmin bringen.“

„Kein Nemmin, Takan“, sagte Akkarin entschieden.

„Aber es würde helfen.“

„Und es hat unerwünschte Nebenwirkungen, die ich in meiner Position nicht riskieren kann.“ Sein Diener öffnete protestierend den Mund, doch Akkarin ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Ich weiß, du sorgst dich um mein Wohlergehen und versuchst zu helfen, doch es genügt, dass du da bist.“

„Ich fühle mich geehrt, Meister“, sagte Takan und verneigte sich tief. „Mit Eurer Erlaubnis ziehe ich mich dann nun zurück.“

Akkarin machte eine Geste zur Tür. „Du kannst gehen.“

Takan nahm das Tablett mit der benutzten Sumitasse und ging zur Tür.

Nachdenklich fuhr Akkarin sich über die dichterwerdenden Bartstoppeln an seinem Kinn. Findest du, der Bart steht mir?, erinnerte er sich an eine Konversation, die so lange zurücklag, dass sie von zwei Fremden geführt zu sein schien.

Ganz ehrlich? Mir ist scheißegal, wie du aussiehst.

Die Erinnerung ließ ein humorloses Lächeln an seinen Lippen zerren. So viel hatte sich verändert. Aber er war immer da gewesen. Und er würde immer da sein, solange sie beide lebten.

„Takan?“

Sein Diener wandte sich um.

„Danke, dass du deine Befehle missachtet hast und hergekommen bist.“

Über das Gesicht seines einstigen Leidensgenossen huschte ein Lächeln. „Ich wusste, Ihr würdet mich brauchen, Meister. Und das schließlich auch erkennen.“

Für einen kurzen Augenblick verspürte Akkarin ein ungeahntes Gefühl von Wärme. Doch als sich die Tür hinter Takan schloss, kehrte die graue Düsternis zurück, raubte auch das letzte Licht aus seiner Welt und schloss ihn wieder in ihre bleiernen Arme.

***
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