Der Steg

von ansoba01
GeschichteFamilie, Freundschaft / P12
Jamie Campbell Bower
24.12.2014
24.12.2014
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24.12.2014 2.197
 
Zehn Jahre waren vergangen. Zehn Jahre, seit dem ich meinen zwanzigsten Geburtstag mit Jamie
in dem italienischen Restaurant gefeiert hatte. Zehn Jahre, seit dem Kuss an der Hauswand und
seitdem war so viel passiert. Ich war gerade mit Jamie und unserer Tochter Lila spazieren. Lila ist
zu 31,25 % Englisch, 43,75 % Schottisch, 12,5 % Chinesisch, 12,5 % Amerikanisch, falls das denn
überhaupt wichtig ist. Es war mein dreißigster Geburtstag und wieder war ich in Toronto
unterwegs. Hier wohnte ich nun. In dem Haus meiner Großeltern. Meine Oma wohnte mit Cheng,
die mittlerweile dreizehn war, ein wenig abseits von Toronto in einem einigermaßen ruhigen Ort.
Nachdem Opa vor drei Jahren gestorben war, wollte sie ihre Ruhe haben, Cheng ging aber
weiterhin hier in Toronto zur Schule.

„Mama?!“

„Ja mein Schatz?“

„Darf ich Ballon kaufen?“

„James? Hast du noch Geld?“

„Ich gucke Mal“, sagte Jamie und kramte in seinem Portemonnaie.

„Das sollte reichen“, meinte er und gab Lila das Geld. „Pass auf, du gehst da hin und sagst dem
Mann welchen Luftballon du haben willst, und danach gehen wir noch ein Eis essen, okay? Schaffst
du das alleine?!“

„Gut“, sagte Lila und rannte los.

„So groß ist sie schon…“, murmelte Jamie.

„Jamie, sie ist drei!“, sagte ich lachend und nahm seine Hand.

„Ich finde es trotzdem schon ziemlich lange her, seit wir uns Babysachen kaufen mussten.“

Er lächelte unseren kleinen Wirbelwind an, der nun mit einem Herzluftballon wiederkam.
„Guck ma‘ Mama, i- schenk dir mein Herz.“

Aww…. Das war wirklich mega-niedlich von ihr.

„Aber dann hast du doch gar keinen Luftballon mehr“, sagte ich und bückte mich zu ihr hinunter.

„Das ist egal, du Geburtstag, du Luftballon haben.“

Damit gab sie mir den Luftballon.

„Hier Papa!“, sagte sie und gab Jamie das Restgeld wieder.

„Danke meine Süße!“, sagte er und strich ihr über die roten Haare, die sie von mir geerbt hatte. Die
blauen Augen hatte sie von Jamie, genauso wie die Nase.

„Und jetzt willst du ein Eis haben?!“

„Oh ja! Eis!“, sagte sie und klatschte begeistert in die Hände.

Ich lächelte. Als mein Handy piepte zog ich es aus der Tasche und guckte darauf. Dabei sah ich
meinen Ehering. Silbern war er, mit einem weißen Stein und im Innern das Datum unserer
Hochzeit und den Namen meines Mannes: 12. Juni 2018 – James M. C. B.

Bei ihm stand: 12. Juni 2018 – Joyce M. B.

Joyce Madeline Bower. Mein Name, seit mehr als sechs Jahren.

Am Anfang war es komisch alles umzustellen. Plötzlich wurde ich mit Mrs. Bower angesprochen
und musste auch so unterschreiben, doch mittlerweile kam ich ganz gut zurecht.

Aber wir waren ja bei meinem Handy. Es hatte gepiept und ich hatte es aus der Hosentasche
gezogen.

Hey, treffen wir uns dann gleich? - Will um 15:32


Ich lächelte. Der gute William, der nun mit Frau Lucy und elfjährigem Kater Klobürste in einer
Wohnung am Stadtrand wohnte und der Patenonkel von Lila war.

Klar, kannst du so schnell wie möglich ins Café…

„James?!“

„Hmm?!“

„Wo gehen wir denn Eis essen? Will wollte auch kommen“

„Ich denke dieses… Wie heißt es noch gleich -“

„Greg’s?!“

„Ja, genau.“

Klar, kannst du so schnell wie möglich ins Café Greg’s Ice Cream kommen?!
Bring doch Lucy mit
– Ich um 15:34

„Will und Lucy kommen wahrscheinlich auch!“

„Onkel Will?!“, fragte Lila aufgeregt und sah mich begeistert an, während sie auf meine
Zustimmung wartete.

„Ja genau“, sagte ich und sie rannte auf mich zu. Während ich sie umarmte musste ich aufpassen,
dass mir der Luftballon nicht aus den Fingern glitt, es ging jedoch alles gut und so kamen wir

wohlbehalten zum Auto.

Jamie schnallte Lila an und ich überreichte ihr den Luftballon, den sie freudestrahlend ergriff.

„Denn kannst du ja haben. Während der Fahrt kann ich den vorne nicht lassen!“, sagte ich und sie
nickte.

Ich lächelte, schloss die Tür, ging nach vorne um mich neben Jamie zu setzten.

Mein Handy piepte erneut.

Alles klar, sind schon unterwegs – Will um 15:42

„Die beiden sind unterwegs“, sagte ich zu meinem Mann und er nickte.

„Mama! I hab Hasi vergessen“

„Was? Wo?“

Jamie legte eine Vollbremsung ein und fuhr an die Seite.

„I – weiß nich!“, sagte Lila und fing nun an zu weinen.
Naja, war ja nicht das erst Mal, dass sie ihn irgendwo hat liegen gelassen.

„Fahrt ihr schon Mal vor! Ich such ihn und nehme mir dann ein Taxi“, sagte Jamie und stieg aus
dem Wagen.

„Aber James -“

„Wird schon!“, sagte er, küsste mich und strich über Lilas Haare der die Tränen an der Wange
herunterliefen.

„Er wird ihn finden, Schatz! Ganz bestimmt“, sagte ich zu meiner Tochter und lächelte ihr zu.

„Und wenn nich? Ich will Hasi!“

„Pass auf: Wir essen jetzt mit Will und Lucy Eis, und Papa wird mit Hasi nachkommen!“, versuchte
ich Lila zu beruhigen.

Sie nickte und schniefte. Ich nahm mir ein Taschentuch aus meiner Handtasche und wischte ihre
Tränen weg.

„Alles ist gut!“, flüsterte ich. Eher zu mir als zu ihr. Wenn Hasi weg wäre, wäre das ein Drama. Ich
weiß nicht was ich machen könnte,  um sie dann wieder zu beruhigen.

Schnell rutschte ich rüber auf den Fahrersitz und fuhr los.

Wir fuhren durch die Straßen Torontos,  bis wir an dem Café vorbeifuhren und ich mich nach einem
Parkplatz umsah.

„Mama, da is Will!“, hörte ich Lila von hinten sagen.

„Ja, ich hab ihn gesehen!“, sagte ich und parkte.

Will und seine Frau kamen auf uns zu und ich stieg aus und öffnete die Tür, um Lila rauszuholen,
während ich den Beiden: „Hallo ihr zwei“ sagte.

„Na Geburtstagskind!“, sagte Will und umarmte mich. „Hallo Lila, wie geht’s dir? Oh, du hast ja
ganz rote Augen!“


„Hasi is weg!“, murmelte sie leise und ich schnallte sie ab.

„Was? Oh nein“, sagte Lucy und hob meine Tochter aus dem Sitz.

„Sie hat ihn im Park verloren. Jamie sucht ihn gerade und kommt dann mit einem Taxi nach.“

„Okay, dann gehen wir schon mal rein? – Oh! Das ist aber ein schöner Ballon!“

Will sah lächelnd auf den Ballon in Lilas Hand.

„Das‘ Mamas!“

„Oh, Mamas ist das?“, fragte Lucy und beugte sich runter zu ihr.

„Ja, hab ich geschenkt!“

„Du hast ihn Mama geschenkt? Das find ich ja toll!“, sagte Lucy und nahm Lila auf den Arm.

„Lila, vielleicht lassen wir den Luftballon lieber im Auto!“, sagte ich. „Nicht dass er noch wegfliegt,
okay?“

Sie nickte mit dem Kopf

„Ich kann es kaum erwarten bis unser Kind kommt…“, flüsterte Will leise und kam dann auf mich
zu.

„Euer Kind?“

Lucy grinste und auch Will lächelte.

„Ihr meint doch nicht…“

Lucy setzte Lila ab und stellte sich schräg vor mir auf.

„Sieht man den Unterschied?!“

„Neeeiiiiiin, wirklich? Ich freue mich so dermaßen für euch!!!“, meinte ich und umarmte erst Will
und dann seiner Frau.

„Was gibt’s denn zu freuen?“, hörte ich Jamie fragen und drehte mich zu ihm um.

„Rate mal!“, sagte ich, während Lila ein „HASIIIIII!“, rief und ihn begeistert in die Arme schloss.

„Es fängt mit ‚B‘ an“, sagte Lucy.

„Und hört mit ‚aby‘ auf“

„Wow“, sagte er und kam weiter auf uns zu. „Habt ihr’s also auch mal geschafft!“

„Was ist, Mama?“

„Lucy und Will kriegen ein Baby!“, sagte ich.

Ihre Augen wurden groß. Immer größer.

„Ein Baby?“

„Ja genau!“

„Toll!!!“, sagte meine Tochter begeistert und lachte.

„Das war jetzt mal eine Ankündigung!“, sagte Lucy und lächelte in die Runde. „Ich wünsche mir ja
so, dass es ein Mädchen wird!“

„Ich fände nen Jungen aber auch klasse, Schatz!“, sagte William und lachte. „Aber das kann man
sich ja nicht aussuchen“

„Ja, zum Glück!“, sagte ich. „Stellt euch mal vor, was für Streitereien es dann geben könnte!“     

„Hast du Recht. Ist ganz gut, so wie es ist“, sagte Lucy. „Wollen wir dann mal reingehen?“

Wir gingen ins Innere des Cafés suchten uns einen leeren Tisch.

„So, was gibt’s den so alles?“, murmelte Jamie und suchte in einer der Karten nach etwas
leckerem.

Auch ich machte mich daran etwas auszusuchen. Im Endeffekt entschied ich mich für einen  
Obsteisteller und bestellte für Lila einen Schokoeis-Kinderteller.

„Jamie wie läuft’s mit dem neuen Film?“, fragte Will plötzlich.

„Gut, wir sind gut dabei, Montag geht’s weiter mit dem Dreh - und du schreibst immer noch fleißig
an deinem Buch?“

„Ja, ich musste den  Erscheinungstermin verschieben, weil ich länger brauchte, aber sonst ist alles
klasse.“, sagte Will, „Die Ideen sprudeln nur so aus meinem Kopf heraus, das Problem ist, dass ich
mit dem Schreiben einfach nicht hinterherkomme. Wisst ihr, mit dem Schreiben ist es ja so: Ihr
könnt so viele Ideen im Kopf haben wie ihr wollt, wenn ihr sie nicht auf Paper bringt, könnt ihr sie
nicht teilen und dann bleiben sie in deinem Kopf. Irgendwann vergisst du sie, und dann ist die Idee
für immer verloren, deshalb sollte man das Wichtigste immer sofort aufschreiben. Die
Entscheidung was von den ganzen Ideen denn nun das Wichtige ist, das ist das wirklich Schwierige
am Schreiben. Zumindest wenn du ein Kreativer Mensch bist. Am besten wäre glaube ich eine -
Atmen Will - mittelmäßige Kreativität. Wenn man zu wenig Kreativität hat ist das Schreiben
wirklich schwierig.  Wenn man zu viel davon hat, ist das auch nicht so hilfreich. Also wäre ich für
eine mittelmäßige Kreativität.“

Einen Moment war es still am Tisch und man hörte nur das schnelle Luftholen von Will, der beim Sprechen zu wenig geatmet hatte.

„Ja, ich glaube das wäre wirklich ganz gut“, sagte Jamie. „Ich denke, die besten Autoren haben
entweder ein extrem schnelles Schreibtempo, oder diese mittelmäßige Kreativität…“

Während die Männer sich über die Gaben der Autoren unterhielten fingen Lucy, ich und Lila an
über den Kindergarten zu reden.

Irgendwann kam dann das Eis und wir fingen an zu Essen und hatten noch einen Großartigen
Nachmittag gemeinsam.

Abends waren wir drei (Jamie, Lila und ich) wieder zu Hause. Ich hatte für uns drei Nudeln
gemacht. Immer noch eines der wenigen Gerichte die ich kochen konnte.

„Das war schön heute“, sagte ich. In diesem Moment klingelte Jamies Handy und er ging ran.

„Ja? - Was? - Ja, das verstehe ich natürlich, aber - Hör zu, meine Frau hat Geburtstag - Nein, ich
kann da keine Ausnahme machen, es ist ihr Geburtstag - Ja - Ja ich habe verstanden - Ja, ich
komme, ich bin in einer halben Stunde da - Dann in zwanzig Minuten - Ja, gut - Bis dann“

Er steckte sein Handy weg und sah mich entschuldigend an.

„Was ist los?“

„George kann am Montag nicht kommen - Wir müssen heute drehen“

„Was?! Aber… Haben die Mal auf die Uhr geschaut?“

18:37 zeigten die leuchtenden Ziffern an.

„Ja, es wird ein langer Abend. Wahrscheinlich werde ich erst um vier oder fünf wieder da sein.“

„James Metcalfe! Es ist mein Geburtstag!“

„Darauf nehmen die keine Rücksicht“

„Aber - Das können die echt nicht ernst meinen! Das ist doch ein schlechter Scherz!“, ich war
aufgesprungen, hatte meine Gabel auf den Teller geworfen und war nach draußen gestürmt, zum
Steg.

„Joyce!“, hatte Jamie geschrien, doch ich hielt mir die Ohren zu. Sollte er doch rumschreien.

Natürlich war es nicht richtig gewesen vor meinem Kind so auszurasten. Aber ich war einfach so
wütend.

Ich setzte mich hin und sah auf das Wasser hinunter. Als eine blonde Person ein Spiegelbild neben
meinem zeigte drehte ich den Kopf weg.

„Joyce - “, sagte er. „Es tut mir leid!“

„Du kannst ja nichts dafür“, murmelte ich und drehte mich zu ihm um. An der Glasscheibe stand
sein Rucksack. Er war also schon fertig.

Ich sah ihn an. Direkt in die Augen. In diese wunderschönen strahlenden Augen, in die ich mich
verliebt hatte.

„Es tut mir wirklich leid“, sagte er und umarmte mich.

Ich vergrub mein Gesicht an seiner Schulter. Grün und weiß. Das waren die Farben seines
Oberteils. Es war ein weißer Pullover mit grünen Ärmeln und hinten mit der Aufschrift:

      64
New York.

„Mama, Papa?!“, hörte ich Lila sagen. Lustig. Genauso wie Cheng, als sie noch kleiner war. Da ist
sie auch immer plötzlich irgendwo aufgetaucht.

„Ja mein Schatz?“

„Ich hab den Luftballon gebracht!“, sagte sie und hielt mir den Herzluftballon hin. In der anderen
Hand hatte sie Hasi.

„Danke, Lila!“, flüsterte ich und nahm den Luftballon entgegen.

Wir drehten uns alle in Richtung See. Ich und Jamie hielten den Luftballon.

„Ist der Himmel nicht schön?“, flüsterte er und ich sah nach oben.

Ja, er war tatsächlich schön. Und irgendwo von dort oben sah Opa auf uns herab. Ich konnte sein
lächelndes Gesicht vor mir sehen, als er erfuhr, dass ich schwanger war. Schade, dass er seine
Urenkeltochter nie kennenlernen konnte.

„Mami, Mami! Eine Sternschnuppe! So eine, wie ich im Kindergarten gebastelt hab!“

„Dann darfst du dir jetzt was wünschen!“, sagte Jamie und küsste sie auf die Stirn. „Aber nicht laut
sagen!“

Lila kniff die Augen zusammen. Dann lächelte sie.

„Ich esse!“, sagte sie und rannte wieder ins Haus.

„Schatz?“

„Hmm?“, meinte Jamie und sah mich an.

„Ich liebe dich!“

„Und ich dich erst“, sagte er. „Weißt du was? Dieser Ort hier ist besonders“

„Was, der Garten?“

„Nein, der Steg. Weißt du noch, als wir uns hier geküsst haben?“

„Beinahe! Geküsst haben wir uns im See.“

„Ja, beinahe“, sagte er. „Ich muss los“

„Ich weiß“, sagte ich und legte meine Lippen auf seine.

„Bis dann!“

„Bis dann“
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