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Janna heißt Paradies

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16 / MaleSlash
Agron Duro Nasir
22.12.2014
22.12.2014
1
3.100
7
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22.12.2014 3.100
 
Janna heißt Paradies


Vorwort:

Als Erstes begrüße ich meine Leser mal wieder in einem neuen Fandom... normalerweise springe ich ja nicht gerne zwischen verschiedenen Fandoms hin und her.
Besonders nicht, wenn ich noch soviel anderes offen habe.
Aber diesmal musste es einfach mal sein.

* Ich muss dazu sagen, ich habe die dritte Staffel von Spartacus (noch) nicht gesehen, werde das aber bald nachholen ;-)
Sie liegt schon bei mir bereit.
Sollte also etwas völlig danebenliegen und serienunvereinbar sein, sagt mir mal Bescheid.
Stattdessen habe ich mich einfach mal an den historischen Fakten langgehangelt und ein bisschen frei erfunden. *

Diese Geschichte entstand schließlich sozusagen aus aktuellem Anlass. Und ich mag es, wenn Geschichten nicht einfach nur gute Unterhaltung sind, sondern auch irgendwie noch nützlich.
Deswegen habe ich beschlossen, hiermit ein Weihnachtsgeschenk zu machen. An meine Leser, vor allem aber an viele Menschen, die diese Geschichte wahrscheinlich nie lesen werden - aber vielleicht (hoffentlich) doch davon profitieren werden. Indem andere Menschen nachdenken.
Ich selbst habe für mich durch diese Serie (Spartacus) viel gelernt. Vielleicht nichts, was man von dieser Serie offensichtlich erwarten würde. Keine historischen Fakten (da muss man ehrlich zugeben, dass die eher grottig schlecht dargestellt werden, aber keiner schaut doch Sandalenfilme deswegen, oder?). Aber etwas menschliches.
Nämlich, dass Syrer offensichtlich seit mehr als 2000 Jahren einen verdammt schlechten Ruf haben. Und dass dieser sich offenkundig hartnäckig bis in unsere Zeit hält.
Ja, es geht um Flüchtlinge und unseren Umgang damit. Und wer jetzt die Augen rollt … das schreit eigentlich mal nach einem Sachtext. Böse gesagt könnte ich den fast für die Landwirtschaftsaufklärungsreihe nehmen, immerhin scheinen Flüchtlinge für viele mit Vieh identisch zu sein. Die Grünen behandelten auch an einem Tag Landwirtschaft und Flüchtlingspolitik auf ihrem Parteitag …
Aber dafür fehlt mir momentan die Objektivität, dafür bin ich zu wütend.
Deswegen an alle ausländerfeindlichen Homophoben, die ihr diese Geschichte sowieso nie lesen werdet (immerhin sind Beratungsbedarf und Nachfrage nach Beratung negativ korreliert): Agron und Nasir würden sich schämen!!!
(Und Noam und Ashraf - aus „The Bubble“ - sich ebenfalls, dies nur am Rande!)

Als kleine Einstimmung das Bild, das um die Welt ging und mich zu dieser Geschichte inspirierte und das Lied, das letztlich der Anstoß war, wegen dessen ich zu schreiben begonnen habe … ein kleines Zuhören syrischen Kulturgutes: „Janna Janna Janna“ (Janna heißt übrigens Paradies) … Bild
Flüchtlingschor "Zuflucht" in Neues aus der Anstalt

***


71 v. Chr. - 682 ab urbe condita - Silarus:

Das Gefühl traf ihn wie eine Schwertklinge in den Bauch. Es war ein dumpfer Stoß, heiß und schneidend, ehe es ein überwältigender Schmerz wurde.
Verständnis.
Agron hatte nie verstanden, wieso sein kleiner Bruder Duro damals so gehandelt hatte, wie er es getan hatte... nun verstand er es mit einem Schlag und das war so überwältigend, dass ihm (dem großen Krieger!) fast die Knie nachgegeben hätten...

***


85 v. Chr.  - Germanien, ein unbekannter Ort im Siedlungsgebiet der Cherusker, irgendwo zwischen Weser und Elbe:

„Nein!“, Duro schrie fast, er wagte es tatsächlich ihren Vater anzuschreien! „Ich werde ihn nicht zurücklassen. Du hast gesagt, ich bin für ihn verantwortlich.“
Ihr Vater musterte sie mit einem kühlen, durchdringenden Blick, ehe er Duro das Holzstück vor die Füße spuckte, auf dem er gekaut hatte. „Du hast keine andere Wahl. Du kannst ihn nicht mitnehmen. Wenn du es versuchst, wirst du genauso wie der räudige Köter in den Fluten ersaufen.“
„Warum nimmst du ihn nicht?“, wagte es ihre Mutter, sich in den Streit einzumischen. Sie war eine sanfte Frau und duckte sich schon unter den Blitzen, die aus den Augen ihres Vaters schossen, bevor sie zu Ende gesprochen hatte. „Du bist soviel stärker als der Junge. Du könntest es schaffen.“
Und ungesagt brachte sie zum Ausdruck, was Agron ebenfalls schon gedacht hatte und dessen er sich fürchterlich schämte: Wenn ihr Vater den Welpen nehmen würde und im Wasser einfach loslassen, hätte sich das Problem ohnehin erledigt.

Aber Duro schien zu spüren, was sie dachte, denn er richtete sich auf, spuckte nun seinerseits dem Vater vor die Füße und widersprach erneut: „Nein. Ich werde ihn selbst nehmen. Jeden von euch würde ihn ohne mit der Wimper zu zucken umbringen, um die eigene Haut zu retten. Ich werde für uns beide kämpfen.“
„Bitte“, meinte Agron und spürte die Worte rau über seine Kehle kratzen. „Sei vernünftig, kleiner Bruder. Es ist ehrenhaft, dass du es versuchen willst, aber du kannst nicht für euch beide gewinnen.“

Jeden Moment, den sie sprachen, stieg die braune, schlammig kalte Brühe weiter und überspülte ihre Knöchel.
Schlimmer noch, das Hochwasser unterspülte den Boden, auf dem sie standen … der Grund, warum sie ihre Häuser würden verlassen müssen, um woanders zu siedeln.
Jede Minute, die sie länger blieben, schwanden die Chancen, lebend zu entkommen, denn die Strömung wurde immer reißender. Und es regnete immer noch weiter. Ihre Clanmitglieder waren schon lange aufgebrochen und außerhalb ihres Sichfeldes.
Doch Duro hielt erbittert den kleinen, schwarz-weißen Welpen an seine Brust gedrückt, über den sie stritten.

„Ich gehe nicht ohne ihn“, sagte Duro so langsam und bedächtig, als würde er einem Begriffsstutzigen Latein buchstabieren.
Ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, schritt er mit der Würde eines Königs in die Fluten, die ihm kurz darauf bis zu den Knien reichte, dann bis zu den Oberschenkeln … bis zum Bauch … die königliche Würde wich mit jedem Schritt aus seinem Blick, wich der Verzweiflung des Kindes, dass er in Wirklichkeit war.
Allerdings war er ein trotziges, zu Tode entschlossenes Kind.

Ihr Vater packte seine Frau, ihre Mutter, für seine Verhältnisse (denn er liebte sie wirklich und behandelte sie im Normalfall sehr fürsorglich) grob am Arm und führte sie ebenfalls in die Flut.
Notgedrungen folgte Agron ihnen und wünschte sich wenigstens einen Bruchteil der Entschlossenheit seines kleinen Bruders.
Nicht, dass es ihnen etwas ausmachte. Sie waren Cherusker, sie waren es gewohnt zu schwimmen. Zwar wurden sie von den Batavern in dieser Kunst übertroffen - die Krieger dieses Stammes rühmten sich, dass sie in voller Rüstung den Rhenus (Rhein) durchschwammen. Aber dennoch schwammen auch sie viel und eigentlich gerne.

Duro schien bereits die Mitte des Flusses erreicht zu haben, der an dieser Stelle bei normaler Witterung nicht sonderlich tief war.
Normal führte hier die Fuhrt hindurch, an deren Ufer ihr Dorf gestanden hatte. Der Fluss war in seinen besten Zeiten höchstens knietief und bei trockenem Wetter trocknete er gar zu einem dünnen Rinnsal zusammen.
Als Kinder hatte ihr Vater sie hier die Kunst des Schwimmens gelehrt und sie danach auch ohne Aufsicht schwimmen lassen, weil keine Gefahr bestand, dass sie ertrinken konnten.
Durch die Schneeschmelze und den anhaltenden Regen jedoch hatte der Fluss sein Bett verlassen und war gestiegen. Er lief nun breiter dahin, noch immer nicht sonderlich tief, aber tief genug, um selbst einem hochgewachsenen Kind bis zum Kinn zu reichen.
Allerdings war die Strömung tückisch geworden, sie hatte extrem zugenommen und zerrte an den Gliedmaßen, sodass man sich seinen Halt sorgfältig blind im schlammigen Wasser mit den Füßen ertasten musste.
Und dabei hoffen, dass man nicht von einem mitgerissenen Holzstück oder dergleichen von den Füßen gerissen wurde.

Tapfer hielt Duro den kleinen Hund - so hoch er konnte - über seinen Kopf, damit dieser nur nicht nass wurde.
Vorsichtig tastete er sich unter Wasser vorwärts, um auf keinen Fall auszugleiten und in den Fluten zu versinken, während er den Kopf reckte, damit ihm das Wasser nicht in Mund und Nase drang.
Auf seinem Gesicht spiegelte sich die ganze Bandbreite an Gefühlen … Entschlossenheit, Verbissenheit, Angst, Wut und Hass … und Liebe, während er das gegenüberliegende Ufer fest anfixierte.
Agron konnte dagegen den Blick nicht von seinem Bruder nehmen.

Er hörte einen Schrei, der sich nach ihrem Vater anhörte und die Mutter etwas rufen … gleich darauf spürte er eine große Welle gegen seinen Rücken schwappen und ihn vorwärtswerfen.
Prustend tauchte er unter, aber gleich wieder auf, während er hektische Schwimmzüge machte und sich einmal um sich selbst drehte, um sich zu orientieren.
Dabei sah er, was passiert war: Hinter ihm war das Ufer zusammengebrochen, wie sie es befürchtet hatten. Große Stücke Erde mit Grasbüscheln, wo früher ihr Dorf gestanden hatte, trieben nun schnell mit dem Wasser davon.
Beinahe hätte er weinen mögen und loslassen, sich einfach mitspülen lassen von den Fluten außen und denen der Traurigkeit tief in ihm drinnen, war es doch die Heimat seiner Kindheit, die da den Naturgewalten zum Opfer fiel.

Dann besann sich Agron, drehte sich wieder herum und strebte mit kräftigen Schwimmzügen das gegenüberliegende Ufer an, wo Duro bereits angekommen den Welpen abgesetzt hatte und nun ebenfalls aus dem Wasser kletterte.
Sein kleiner Bruder zitterte, das erkannte er selbst auf die Entfernung und helle Streifen durchzogen sein Gesicht, das vom Schlamm aus dem Fluss eigentlich dunkel gefärbt war.
Aber er lebte. Und auch sein Welpe lebte, bereits das zweite Mal durch seinen jungen Herrn dem Tod entrissen.

Um sich abzulenken wagte Agron die Erinnerung, wie die Hündin gestorben war, die beste Jagdhündin ihres Vaters, noch während sie den Wurf Jungen säugte, auf den sie so große Hoffnung gesetzt hatten.
Ohne die Nahrung und Fürsorge ihrer Mutter waren die Welpen schnell verstorben.
Alle bis auf das eine … das kleinste und hässlichste, wie ihre Eltern fanden, denn es war schwarz-weiß gescheckt und wies nicht die typische Tarnfarbe der anderen Hunde auf.
Für sie war es nutzlos und ihr Vater wollte es schon „erlösen“, damit es sich nicht länger quälen musste, als er Duro dabei überraschte, wie dieser dem kleinen Rüden mit einer wahnsinnigen Geduld frische Milch und warmes, ungeronnenes Blut über einen Strohhalm ins Maul tropfte.
„Er heißt Ulf“, hatte Duro nur ruhig gesagt und damit war es entschieden. Einem Wesen einen Namen zu geben, hieß ihm Lebenskraft zu geben und zu glauben, dass es überleben würde.

Ein weiterer Schrei seiner Mutter riss ihn aus seinen Gedanken.
Rasch korrigierte er seinen Kurs, denn der Fluss hatte ihn bereits ein Stück abgetrieben. Beim Wenden gegen die Strömung konnte er sehen, dass sein Vater offensichtlich ebenfalls ausgeglitten war und eben wieder auftauchte, als ein großer Baumstamm ihn von der Seite rammte.
Natürlich konnte er es nicht wirklich hören, aber er bildete sich ein zu hören, wie seine Rippen brachen.
Mehrere Schwimmzüge mit voller Kraft brachten Agron aus der Gefahrenzone, die der unerbitterlich weiter in den Wassern wirbelnde Stamm bildete und er spürte nun wieder den Boden ganz nahe an seinen Knien, sodass er sich zuerst auf allen Vieren gegen die Strömung drückte und dann aufstand und aus dem Fluss taumelte.

Ihre Mutter hatte dem Vater den Strick aus den Händen genommen, der das kleine Floß führte, auf dem sie ihre wichtigsten Güter, wie ein wenig Proviant und ihre Umhänge übersetzen wollten.
Sie warf sich gegen den Strick und zog das Boot mit aller Kraft, die sie hatte, über den Fluss, sodass ihr Vater nur noch sich selbst übers Wasser bringen musste.
Doch es war offensichtlich, dass er selbst das kaum schaffen würde.

Agron atmete tief durch und setzte die Füße wieder in den Fluss, wollte dem Vater entgegeneilen, der warnend den Kopf schüttelte.
Ein Blutsfaden lief aus seinem Mundwinkel und verteilte sich gleich darauf schnell und unsichtbar im Wasser.
Als er dennoch weiterging, hörte der Vater einfach auf mit Schwimmen … er hörte ein kurzes Röcheln, dann zerrte Strömung ihn unter Wasser und schnell aus seiner Reichweite.
Entsetzt taumelte Agron einige Schritte zurück und landete unsanft mit dem Steißbein auf einem flachen Stein im Ufer.
Sein Vater hatte sich eben lieber dem sicheren Tod übereignet, als dass er zuließ, dass sein Sohn sich in dem Versuch ihn zu retten, ebenfalls in Gefahr brachte.

Derweil hatte Duro ihrer Mutter geholfen, das Boot ans sichere Ufer zu ziehen.
Mit vereinten Kräften halfen sie nun ihm aufzustehen und sich neben Duros Welpen, der seinem jungen Herrn nicht von der Seite wich, ins nasse, aber ungefährliche Gras zu setzen. Sie hatten es geschafft und überlebt … alle, bis auf ihren Vater.
Der kleine Hund sprang im Versuch sie zu trösten um sie herum und versuchte ihnen die Mundwinkel abzulecken, während sie sich gegenseitig festhielten und weinten.

Zwar hatten die Geschwister an diesem Tag ihre Heimat und ihren Vater verloren, aber sie hatten auch etwas sehr wichtiges gelernt: Dass die Liebe sie stark genug machte, um alles zu ertragen und zu erreichen.
Auch wenn sie es nicht so benennen konnten, schlummerte die Erkenntnis in ihnen, bis die Zeit reif wäre, um in ihr Bewusstsein zu gelangen.

***


71 v. Chr. - 682 ab urbe condita - Silarus:

Agron blinzelte und durchlebte im Eildurchlauf noch einmal die Gefühle von damals, als ihre Mutter sie sicher in ein anderes Dorf gebracht hatte, wo sie bald darauf - in dem sicheren Wissen, dass es ihren Kindern in der Dorfgemeinschaft gut gehen würde - ebenfalls verstorben war.
An gebrochenem Herzen, wie die Leute ihnen zu erklären versuchten.

Es folgten gute Jahre, in denen die Jungen abwechselnd von den Dorfbewohnern versorgt worden und von jedem etwas beigebracht bekamen, sodass sie bald als Dank überall helfen konnten. Sei es bei der Feldarbeit oder beim Schmieden von Werkzeugen.
Bereits in jungen Jahren waren sie beide überaus geschickte Jäger geworden, unterstützt von Ulf, der die guten Gene seiner Mutter trotz seiner ungewöhnlichen Färbung voll zum Tragen brachte.
Außerdem waren sie tapfere, starke Krieger gewesen, die immer wieder gegen die Römer und Gallier gekämpft hatten, die gegebene Grenzen einfach nicht hinnehmen wollten.
Zumindest solange, bis Ulf in einem dieser Kämpfe getötet wurde, was sie beide so gebrochen hatte, dass man sie überwältigte und als Sklaven verschleppen konnte...
Dann musste Agron auch noch erleben, wie sein Bruder Duro den Römern zum Opfer fiel.

Und dann hatte er Nasir getroffen und ihn in sein Herz geschlossen und auf einmal hatte es alles einen Sinn ergeben.
Er meinte auf einmal selbst zu spüren, was Duro so rastlos angetrieben hatte, den Welpen zu retten.
Nasirs große, dunkle Augen und seine anfänglichen schlaksigen Bewegungen erinnerten ihn schmerzhaft an den Welpen Ulf, der ein stolzer Jagdhund geworden war, durch die liebevolle Zuneigung seines Bruders.
So ganz verstand er nicht, wie es so schnell gehen konnte, dass sie ein fast ebenso perfektes Paar … nein, perfekteres Paar, denn sie ergänzten sich nicht nur auf diese Weise, sondern auf jede Weise ... geworden waren, wie sein Bruder und sein Hund.
Alle scherzhaften Witze mit Spartacus hatten den Vergleich von Nasir mit einem Hundewelpen beinhaltet, er hatte es klar vor der Nase gehabt und doch nicht verstanden.

Bis jetzt ...

Aber hier, noch mitten auf dem Schlachtfeld, wo eigenes und fremdes Blut ihm  heiß die Innenseite der Schenkel hinablief  und ihn einzig Nasirs gluterfüllter Blick noch auf den Beinen hielt, da begriff Agron wieso.
Aus Liebe.
Er liebte Nasir so tief und innig, dass er ihn gegen die ganze Welt verteidigen wollte. Nein, musste. Nein, er WÜRDE es tun.
Unbewusst war dieses Wissen schon immer da gewesen, aber nun war es ihm das erste Mal bewusst, sodass er schluchzend nach vorn taumelte und sich auch zum ersten Mal der Tränen nicht schämte, als er Nasir um den Hals fiel, ihn einfach festhielt und die Worte aussprach.
Sie durchmischt mit sinnlosen Zärtlichkeiten auf germanisch und lateinisch in Nasirs Haar murmelte:

„Ich liebe dich... liebe dich … liebe dich … lasse nicht zu, dass sie dir etwas tun … bin für dich verantwortlich … werde für uns beide kämpfen...“

Tief durchatmend richtet er sich wieder auf, warf die Schwerter weit von sich und ergriff stattdessen Nasirs Hände.
Sie lebten und es lag in seiner Hand, dass sie weiterhin überleben würden.
Langsam, den einen Moment perversen Friedens zwischen den Toten des Krieges genießend, küsste er Nasirs Hände, während sein Gehirn blitzschnell die Fakten ordnete und einen Plan erstellte, wie er es anstellen musste, sie lebend wegzubringen.

Denn auch wenn sie noch lebten, war nicht klar, dass das auch in Zukunft so sein würde.
Noch versorgten die Römer ihre Verwundeten in der Gewissheit des Sieges.
Doch bald schon würden Grüppchen Soldaten das Schlachtfeld durchkämmen, die verletzten eigenen Leute bergen und alle überlebenden Sklaven töten.

Nasir sah voller Vertrauen und Liebe zu ihm auf und lächelte gar und er war dafür verantwortlich, dass dieser ihn immer so ansehen würde.
Ohne je enttäuscht sein zu müssen, weil er versagt hatte und ihn in den Tod geführt hatte.
Wohin also?

Nach Norden?
Während er noch seinen letzten Feind tötete, hatte er andere überlebende Sklaven gehört, wie sie sich sammelten und immer wieder schrieen: „Nach Norden! In die Berge!“
Es war ihr ursprünglicher Plan gewesen und er klang verlockend. Die Berge würden ihnen Schutz bieten. Und im Norden, wenn auch weit, weit im Norden, war seine Heimat.
Aber da war auch das garstige Lachen der Römer, die die Rufe ebenfalls gehört hatten. Sie würden sie dahin verfolgen, nicht?
Gut, es war nicht sicher, dass sie sie auch einholen würden, aber … auch im Norden waren Römer ... was wenn sie sie in die Zange nehmen würden... sie hatten gehört, dass Pompejus und Lucullus mit ihren Legionen zurück nach Italien gerufen worden waren und keiner von ihnen wusste, wie nahe sie waren.

Sein Blick glitt über Nasir weg nach Norden und der drückte seine Hände fester.
Das gab den Ausschlag. Der Norden war ein Risiko und so verlockend es klang, er würde nicht das geringste Risiko eingehen.
Lieber schluckte er seinen Stolz herunter. Die Piraten hatten sie zwar einmal verraten. Aber das unter dem Druck der Römer und weil es um ihr ganzes Heer ging.
Wenn es allerdings nur um sie beide ging, wäre das Risiko für die Piraten verschwindend gering … nun, und Castus hatte offensichtlich einen Narren an Nasir gefressen und würde zumindest diesen weit weg bringen.
Vielleicht auch ihn, wenn er sich entschuldigen würde.

Syrien war Nasirs Heimat und auch wenn es eine römische Provinz war, es war weit weg.
Vielleicht würden sie dort in Ruhe und Frieden … in Freiheit … leben können.
Und wenn nicht, würde er etwas anderes finden. Aber erst einmal war es ein guter Plan, befand Agron.

Fest entschlossen blickte er seinem Geliebten in die Augen, gab ihm einen kurzen, festen Kuss und flüsterte ihm zu:
„Lass uns gehen … nach Süden. Ich bringe dich … uns … nach Hause. Nach Syrien.“

ENDE



Nachtrag:


Janna Janna Janna

Nach Spartacus Tod ergaben sich viele der aufsässigen Sklaven den Römern und wurden von Marcus Licinius Crassus gefangen genommen.
Ca. 5000 andere flohen, wurden aber noch auf der Flucht von Gnaeus Pompejus Magnus abgefangen und getötet, der vom Senat aus Spanien zurückbeordert worden war, um den Aufstand niederzuschlagen.
Pompejus brachte die Truppen und die Gefangenen nach Rom und stellte Crassus' Sieg als seinen eigenen dar.
Beide Männer wurden daraufhin auf Vorschlag von Gaius Julius Caesar gemeinsam zu den Konsulen des neuen Jahres bestimmt.
Die gefangenen Sklaven (ca. 6000, unter ihnen auch Gannicus, einer der wenigen namentlich bekannten Rebellen) wurden auf Betreiben von Crassus entlang der Via Appia gekreuzigt … auf einer Strecke von Capua bis Rom.
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