Waffenbrüder

von Arleen
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P18
14.12.2014
16.05.2019
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Hallo allerseits!

Hier kommt wieder mal etwas Neues, obwohl ich glaube, dass es nicht ratsam ist, eine weitere Geschichte zu beginnen, wo ich "Gold und Asche" und "Die Herren des Erebor" noch lange nicht abgeschlossen habe. Doch es hat zu sehr in den Fingern gejuckt, also arbeite ich jetzt schon an drei Storys zugleich. Mein Hauptaugenmerk liegt hier auf Thorin und Dwalin, die auf einer gemeinsamen Reise quer durch Eriador allerhand erleben und dabei in einen der schlimmsten Winter geraten, die dieses Land je gesehen hat. Viel Vergnügen!


Hauptcharaktere:     Thorin, Dwalin

Nebencharaktere:     Dís, Fili, Kili, Balin

Genre:               Abenteuer/Freundschaft

Disclaimer:     "Der Hobbit", sowie allerlei Informationen zu den Hintergründen sind das alleinige geistige Eigentum von J.R.R. Tolkien. Die Rechte an den Filmen und den dazugehörigen Fakten liegen bei Peter Jackson. Ich verdiene kein Geld mit dieser Geschichte.


<><><><> W A F F E N B R Ü D E R <><><><>


„Die Zeiten sind besser geworden, in der Tat. Doch sie erfordern nicht weniger Arbeit. Was bisher erreicht wurde, will und muss erhalten werden. Und die Spanne des Sommers geht dem Ende entgegen. Unsere Kornspeicher und Lager sind noch nicht ausreichend gefüllt und wir müssen noch einiges aus unserem Handel gewinnen, um gut auf den Winter vorbereitet zu sein. Durin segne unseren König in seiner Unermüdlichkeit. Niemand leidet Hunger, jeder hat einen ansehnlichen Besitz und unsere Stadt in den Ered Luin erblüht so wunderbar, dass es das Herz nur berühren kann. Wahrlich, die Zeiten sind besser geworden.“

Auszug aus den Chroniken der Ered Luin, 23. August des Jahres 2911 Drittes Zeitalter
Niedergeschrieben von Balin Sohn des Fundin


Kapitel 1 – Der Hauptmann des Königs


Ein unaufhörliches Platschen klang in seinen Ohren, bei jedem einzelnen Schritt, den er tat und so fügte der Matsch seinen ohnehin verdreckten Stiefeln weitere Sprenkel und Flecken hinzu. Mit einem Knurren richtete Dwalin seinen Blick zum Himmel empor. Der Sommer ging allmählich zur Neige, doch schien er seine Zorneskräfte an diesem Tag im späten August in besonderem Maße gesammelt zu haben, um sie mit Wucht auf die Gruppe der Reisenden niedergehen zu lassen. Anfangs flackerten die Blitze in Form eines Wetterleuchtens auf, bevor sie kurz darauf aus den Wolken hervorbrachen und ihre Arme in alle Richtungen ausstreckten. Über ihren Köpfen begann es zu rumoren. Beinahe jedem Blitz folgte ein Donnerschlag, welcher bisweilen schmerzhaft in den Ohren dröhnte und so manchen Zwerg vor Schreck zusammenfahren ließ. Wahrlich, dachte Dwalin bei sich, sein Volk war kaum für das Leben unter freiem Himmel geschaffen. Oft hatte er die Launen des Wetters verwünscht und sich nach der Festigkeit und dem Schutz des Gesteins gesehnt, in dessen Höhlen und Hallen die Heimat seines Volkes lag. Doch wann immer er gezwungen war, eine längere Zeit im Freien zu verbringen, ertrug er Kälte und Hitze, den Regen und den Sturm mit ruhiger Entschlossenheit, sobald er das Pech hatte, ihnen ausgeliefert zu sein. Es war das Los dieser Tage. Zu ihrer aller Erleichterung verrauchte die Kraft des Gewitters bald. Nur der Regen wollte nicht weichen, pochte mit tausenden Wasserfäusten auf ihre Köpfe und Rücken und verwandelte den Weg unter ihren Füßen in ein Schlammbad. Dwalin stieß ein Schnaufen aus und es ließ einige Tropfen von seinem mattbraunen, etwas struppigen Bart sprühen. Dieser Regen würde ihn nicht aufhalten. Nichts würde ihn aufhalten, ebenso wenig wie die Reisegemeinschaft von Händlern, die anzuführen ihm aufgetragen worden war. Sie befanden sich auf dem Heimweg in die Ered Luin, jenem Gebirge, das sich von Nord nach Süd an den westlichen Gefilden Eriadors nahe dem Meer hinzog und er würde sich die Rückkehr mitnichten von diesem Wolkenbruch verderben lassen!

"Los! Kommt schon!", rief er über die Schulter. "Es ist nicht mehr weit!"
Hinter ihm ertönte ein Gemisch aus Holzknarren, Gemurre und Stöhnen. Acht große Wagen rollten über den aufgeweichten Weg, ein jeder gezogen von zwei mächtigen Steinböcken. Die Kaufleute und Händler führten sie an den Zügeln und immer wieder überzeugten sie sich mit einem Blick nach hinten davon, dass ihre Ware unter der Wagenplane ausreichend vor dem Wüten des Regens geschützt war. Dabei handelte es sich vor allem um Stoffe, Korn, Pfeifenkraut und haltbare Lebensmittel. Während die Wagenlenker das eine oder andere Wort der Klage verlauten ließen, marschierten zu beiden Seiten ihrer rumpelnden Gefährte Krieger vorwärts, denen es oblag, sie vor Gefahren zu schützen. Sie taten in Schweigsamkeit ihre Pflicht, ohne sich ein einziges Mal über das Wetter zu beschweren und behielten die Umgebung im Auge. Jeder einzelne dieser Männer unterstand Dwalins Befehl und so sehr sich der Hüne über den anhaltenden Regen auch in seinem Inneren ärgern mochte, vergaß er nie seine Wachsamkeit, denn er war der Hauptmann des Königs. Ein König, der keine Krone trug und ein Verbannter war, seines rechtmäßigen Reiches beraubt, doch dieser Umstand spielte für Dwalin keine Rolle. Der Herr der Stadt in den Blauen Bergen war und blieb sein König. Von ihm hatte er den Auftrag erhalten, die Kaufleute und Händler auf ihrer Reise zu eskortieren. Er hatte für ihr Wohl zu sorgen, komme was da wolle. Vor einigen Wochen waren sie aufgebrochen, um ihre Metall- und Holzarbeiten auf den Märkten von Tharbad gegen all jenes einzutauschen, was für den kommenden Winter benötigt wurde. Vom Moment ihres Aufbruchs bis hin zu diesem Tag, da sie wieder in Sichtweite ihrer Heimat gelangten, war alles zu Dwalins Zufriedenheit verlaufen. Und so kämpfte er sich auch jetzt mit der Sturheit seines Volkes voran, verfluchte in seinen Gedanken zum wiederholten Male den Regen und zog sich die Kapuze seines Umhangs tiefer ins Gesicht. Sollten die Wolken ihre Wasser nur auf sie herabschütten, es würde ihn nicht dazu bewegen, eine Rast einzulegen. Noch vor dem Heraufziehen der Dämmerung wollte er die Tore der Festung erreichen.

Seine Lider zogen sich zusammen und die Augen spähten durch den Regenvorhang in das Hügelland hinein. Ein eigenartiges Gefühl kroch ihm über die Nackenhaut und ließ die Haare darauf zu Berge stehen. Über seine Handflächen glitt ein Kribbeln. Er kannte die Anzeichen nur zu gut. Dwalin blickte sich in alle Richtungen um, während das Blut schneller durch seine Adern strömte. Die Hände des Hünen hoben sich und langten über die Schultern zum Griff seiner Äxte, welche er gekreuzt auf seinem Rücken trug. Ein Kreischen durchstieß das Prasseln des Regens. Innerhalb eines Lidschlags hatte Dwalin seine Äxte gezogen und wirbelte herum. Die Kapuze rutschte zurück, Tropfen sprühten von seinen durchnässten Kleidern auf. Ihm blieb gerade noch genügend Zeit, um die Klingen gegen den aufgesperrten Rachen eines Wargs zu führen, der auf ihn zu jagte. Das Fell des Tieres war bleich wie der Schnee und auf seinem Rücken saß ein Ork mit gezücktem Krummsäbel. Schon fanden die Klingen seiner Äxte ihr Ziel im Maul des Untieres und der Warg stürzte auf die Seite. Ukhlat und Umraz, wie er sie genannt hatte, bereiteten ihrem Namen Ehre. Ukhlat griff nach der Seele seines Gegners und Umraz hielt sie fest, bevor ihr Stahl sie zerfetzte. Er konnte sich stets auf ihre tödliche Macht verlassen. Gepaart mit der Wucht von Dwalins Hieben, hatten beide Äxte das Untier gefällt und der Hüne hielt sich nicht länger mit ihm auf, sondern wandte sich dem Ork zu, der von seinem Reittier gesprungen war. Noch eher die dunkle Kreatur recht wusste, wie ihr geschah, drang Ukhlat in das Fleisch zwischen Hals und Schulter ein, fraß sich tief durch seinen Leib. Aus dem Augenwinkel nahm Dwalin weitere Warge und ihre Reiter wahr, die zwischen den Felsen hervor sprangen und über die anderen Zwerge und ihre Wagen herfielen.
„GEHT IN STELLUNG!“, brüllte Dwalin seinen Männern zu.
Sofort bildeten die Krieger einen Kreis um die Wagen und wurden zu einer lebendigen Mauer, deren Macht nur schwerlich zu brechen war. Dwalin riss Ukhlat aus dem Körper seines Widersachers und der Ork fiel zu seinen Füßen in den Schlamm. Gelbe Augen starrten ihm entgegen, deren Ausdruck des Entsetzens und der Pein von der Hand des Todes eingefroren worden war.

"Baruk Khazâd! Khazâd ai-mênu!", stieß Dwalin jenen Kampfruf aus, dessen Worte er auch in Form von Tätowierungen auf seinen Händen verewigt hatte. Er ließ seine Zwillingsäxte durch die Luft und den Regen wirbeln, um jeden Ork und jeden Warg zur Strecke zu bringen, der es wagte den Wagen zu nahe zu kommen. Der Stahl seiner Waffen spaltete Schädel, trennte Arme und Beine ab, wütete ohne jegliche Gnade und sein Blut brodelte in der Hitze des Kampfes. Einer der Orks setzte zum Sprung auf einen der Händler an, der abgestiegen war, ein Schwert in seinen Händen haltend und bereit, seine Ware mit dem Leben zu verteidigen. Doch Dwalin war schneller. Mitten im Sprung wurde das Biest von seinen Äxten getroffen. Ukhlat und Umraz fraßen sich gierig in den Rücken des Orks und die Kraft von Dwalins Armen gab ihnen eine solche Schlagkraft, dass sie beinahe aus dem Bauch ihres Opfers wieder austraten. Der Ork wurde vom Rücken seines Wargs gefegt. Mit Gegurgel und Geröchel sackte er auf der Erde zusammen. Ohne Zeit zu verschwenden, nahm Dwalin sich den Warg vor. Er wich dem großen Maul und den scharfen Zähnen aus, die es danach düsterte ihn zu zerreißen. Mit seinen Äxten teilte er gezielte Schläge aus, die seinen Gegner rasch in die Knie zwangen. Tiefrot und erdbraun war das weiße Fell des Untieres befleckt, als es zappelnd vor ihm lag. Der Rausch des Gefechtes hatte Dwalin derart gepackt, dass er es sogar wagte, die bloße Faust zu gebrauchen. Seine Handrücken waren nicht nur mit Tätowierungen, sondern auch mit Knöchelbewehrungen versehen, die schlimmen Schaden anrichten konnten. Er holte aus und ließ eine Faust auf die Schnauze des Warges niedergehen, das die Knochen brachen. Dann setzte er allem ein Ende und Umraz grub sich in den Nacken des Wolfswesens, durchtrennte Muskeln, Sehnen und Wirbelsäule. Der Körper erschlaffte. Dwalin befreite seine Waffe, richtete sich auf und ließ den Blick über sein Umfeld schweifen. Es erschien ihm, als würden keine weiteren Orks mehr folgen und jene, die sich auf sie gestürzt hatten, fanden ein schnelles Ende durch die Äxte, Speere, Hämmer und Schwerter seiner Männer.

Bald verstummten die grässlichen Laute der dunklen Kreaturen. Zurück blieb einzig das Keuchen der Verteidiger und das Trommeln des Regens. Noch immer pochte das Blut in Dwalins Ohren. Manchmal geschah es, dass er sich in einem Kampf zu verlieren drohte, denn ein tief verwurzelter, glühender Zorn raste durch seine Adern, bei jeder Begegnung mit diesen verabscheuungswürdigen Geschöpfen. Es war ein Echo lang vergangener Jahre. Eine Erinnerung an finstere Zeiten. Der Hüne reinigte seine Zwillingsäxte am Fell des getöteten Wargs, ehe er zu den Wagen marschierte. Einer der Kaufleute eilte ihm entgegen.
"Was hat dieses widerliche Gezücht so nahe bei den Ered Luin zu suchen?"
"Ich weiß es nicht", brummte Dwalin.
Er winkte einen seiner Krieger zu sich heran.
"Sieh dich mit ein paar anderen um!", trug er ihm auf.
Der Mann nickte und machte sich daran, die Umgebung auszukundschaften. Dwalin selbst nahm sich der Leichen ihrer Feinde an und untersuchte sie eingehend. Bald musste er feststellen, dass es sich um eine Art von Orks handelte, die ihm unbekannt war. Ihre Gesichter zeigten eine Bemalung aus weißen Linien. Die Leiber waren groß und kräftig, wesentlich weniger zerfressen von Geschwüren und Blasen, wie es bei den Höhlenorks aus dem mittleren Nebelgebirge der Fall war. Ebenso wenig glaubte er einen Gundabad-Ork vor sich zu haben, wenn auch eine Ähnlichkeit bestand. Einen Niedergestreckten nach dem anderen schaffte Dwalin gemeinsam mit seinen Kriegern aus dem Weg, um die Körper zu einem Haufen aufzuschichten. Indes kehrte der Suchtrupp zurück.
"Nichts!", berichtete einer der Zwerge. "Wobei ich zugeben muss, dass es mir bei diesem Wetter recht schwer fällt genaue Spuren auszumachen."
Dwalin nickte.

"Zurück auf eure Posten!", sagte er. "Es wird Zeit, dass wir die Festung erreichen. Weiter gehts!"
Er bedachte einen der gefallenen Orks mit einem letzten düsteren Blick.
"Abschaum!", zischte er und spie auf den Leib, aus dem jede Lebensregung gewichen war. Sollten sich nur die Tiere über ihr Fleisch hermachen und es bis auf die Knochen abnagen. Die Wagen setzten sich wieder in Bewegung, gefolgt von Dwalin und seinen Männern, die den Weg und ihre Umgebung nun mit doppelter Achtsamkeit beobachteten, allem Regen zum Trotz. Graue Schleier trieben über das Land und ließen den Horizont verschwimmen. Statt seine Zwillingsäxte in ihre Haltungen auf seinem Rücken zu schieben, hielt Dwalin sie fest umschlossen. Er wollte vorbereitet sein, sollten es weitere Bestien wagen, sich an ihnen zu vergreifen. Gleichzeitig trieb er die Händler und Krieger zur Eile an. Wenn sie sich nur genug anstrengten und alle Müdigkeit beiseiteschoben, würden sie ihr Ziel vor dem Einbruch der Dunkelheit erreichen. Das Land stieg nach Westen hin mehr und mehr an. Die von Gras bewachsenen Hügel wichen zunehmend einer Felslandschaft. Vor den Augen der Zwerge strebte die südliche Bergkette der Ered Luin dem Himmel entgegen, ein Wall von gezackten Gipfeln hinter dem trüben Vorhang des Regens und dem schwindenden Licht der Dämmerung. Wie von selbst gewannen Dwalins Schritte an Schnelligkeit. Der Weg, auf dem sie sich vorwärts quälten, wandelte sich zu einer Straße, die von den geschickten Händen seines Volkes geschaffen worden war und ihnen die durchwässerte Erde ersparte, welche die Füße bisweilen rutschen oder die Räder der Wagen einsinken ließ. Hier wand sich nun ein Pfad zwischen dem Berggestein hindurch, der es ihnen erlaubte, auf seine Sicherheit und Festigkeit zu vertrauen. Kiefern und Tannen säumten ihren Weg. Mancher Baum hatte von den Naturgewalten im Laufe der Zeit eine eigenartige Form erhalten. Sie neigten sich zu einer Seiten hin, die Äste seltsam verdreht und gekrümmt. Schließlich führte die Zwergenstraße in eine Schlucht hinein und der Schatten der Felswände legte sich über die Reisenden.

Sie durchquerten die Klamm mit frischer Zuversicht, denn an ihrem Ende wartete der Abschluss ihrer langen Wanderung. Dwalin hob schließlich den Kopf und blinzelte durch die lästigen Regentropfen hinauf zu den Höhen, welche die Ausläufer eines breiten Berges waren und die Schlucht als natürliche Mauer flankierten. Zu beiden Seiten waren dort Wachtürme erbaut worden und der Hüne glaubte das Flackern von Feuern zu sehen. Es war ein Versprechen auf Rast und Wärme. Ein Wall, in dem ein großes Tor eingelassen worden war, versperrte den Ausgang der Schlucht. Er zog sich von einer Seite zu anderen und reichte bis an die Höhen. Über einen Wehrgang konnten die dort stationierten Wachposten von einem Turm zum anderen gelangen. Man hatte die Neuankömmlinge bereits bemerkt.
"Wer da?", brüllte jemand von oben herab.
Dwalin hob die Hände an den Mund.
"Dwalin, Fundinssohn und seine Begleiter! Öffnet das Tor!"
Ein Herzschlag verstrich. Dann schwang sich der Ton eines großen Hornes in die Lüfte auf und hallte durch die Schlucht, dass Dwalin meinte, die Felsen müssten erzittern. Schon lenkte ein Knarren seine Aufmerksamkeit auf das Tor, dessen Flügel sich vor ihnen auftaten. Gefertigt aus bestem Eisen und von einer Dicke, die fast einer Armlänge entsprach, bot es ihnen einen wirkungsvollen Schutz, welcher durch die Mauer und die Türme noch verstärkt wurde. Nach einer Weile hatten die Torflügel den Durchgang gänzlich freigegeben. Dwalin führte seine Gruppe hindurch und betrat den mit Steinquardern gepflasterten Vorhof, welcher vollkommen von den Berghängen umspannt wurde. In den Fels hatte man Höhlen geschlagen, die den Reit- und Packtieren der Zwerge als Stallungen dienten. Überall erblickte Dwalin das Goldgeflacker von Fackeln und den Lichtschein von Laternen. Sie hatten es endlich geschafft.

"Bei meinem Barte!", sagte einer der Händler, sprang von seinem Wagen und streckte sich. "Lasst uns das hier schnell zu Ende bringen. Ich bin die Schaukelei und den Regen leid!"
Noch während der Mann diese Worte sprach, ertönte erneut der Klang eines Hornes und Dwalin richtete seine Aufmerksamkeit auf das zweite Tor, welches vom Vorhof in das Innere des Berges hineinführte und nun im Begriff war, aufgestoßen zu werden. Derweil machten die Händler und Krieger sich daran, die Steinböcke auszuspannen und übergaben sie einigen Burschen, welche sie in die Stallungen brachten. Die Tiere schnaubten, warfen die Köpfe hin und her und scharrten mit den Hufen.
"Willst du wohl!", hörte Dwalin einen der Zwerge schimpfen, der offenbar Mühe damit hatte, eines der Tiere zu bändigen. Er entschied sich, mitanzupacken und so gelang es ihnen mit vereinten Kräften, den störrischen Steinbock ins Trockene zu bringen. Als sie aus den Stallungen in den Regen zurückkehrten, stand das Tor in die Ered Luin offen und Wachen traten zu ihnen hinaus. Schon setzten sie dazu an, einige Worte mit dem Hünen zu wechseln, allerdings bemerkte Dwalin eine weitere Gestalt, die den Schutz und die Wärme der vor dem Himmel verborgenen Stadt verließ, um sich zu ihnen zu gesellen. Er selbst konnte sich rühmen, für einen seines Volkes hochgewachsen zu sein. Gleiches galt jedoch auch für den Mann, der nun auf ihn zukam und ihm in der Größe nur wenig nachstand. Kaum, dass sich die Wachen seines Auftauchens bewusst wurden, wichen sie etwas zurück, um ihm Platz zu machen und ihre Köpfe neigten sich. Der soeben Erschienene blieb vor Dwalin stehen. Seine Arme hatte er vor der Brust verschränkt und Augen, welche die Blaufärbung eines Winterhimmels besaßen, musterten ihn unter dichten Brauen hervor.
"Ihr habt ein ungünstiges Wetter für eure Rückkehr gewählt."

Den Worten folgte eine Regung, die über schmale Lippen huschte und sie zum Anflug eines Lächelns verbreiterte.
"Hm", brummte Dwalin und verzichtete darauf, das Haupt zu beugen, wie es die Wachen und alle anderen Anwesenden getan hatten.
Ohne jeden Zweifel war es eine angemessene Geste, denn es stand niemand Geringerer vor ihm, als der König ihres Volkes. Ein König im Exil. Ein König, der über vertriebene Seelen herrschte, die ihr wahres Zuhause vor Jahrzehnten verloren hatten. Die Kleidung, die er trug war zweckmäßig und besaß nur wenig Zierde, wenn der Stoff auch ein wenig kostbarer war, als der vieler anderer. Doch für Dwalin bedurfte es weder einer reich geschmückten Robe, noch einer Krone, um diesem Zwerg die Würde eines Königs zu verleihen. Jener Mann, der ihn mit seinen blauen Augen anschaute, hatte ihm bereits in allem bewiesen, dass er seines Titels würdig war. Es waren die Taten, die Dwalin stets mehr bedeuteten, als Ländereien, ererbte Macht oder funkelndes Gepränge.
"Thorin", sagte er schließlich, hob den Arm und öffnete die Hand, um dem König im Exil zu zeigen, dass er einschlagen sollte. Und Thorin tat es, nahm die Geste an, ohne sie in Frage zu stellen. Keine übertriebenen Höflichkeiten. Dies waren niemals Dinge gewesen, die Dwalin als wichtig erachtet hatte und er wusste, dass es seinem König zuweilen ähnlich erging, mochte er seines Standes wegen auch dazu angehalten sein, mehr Augenmerk auf Worte und Gebaren zu legen.
"Wie steht es?", fragte Thorin und seine Hand legte sich auf Dwalins Schulter.
Mit einem leichten Druck gab er ihm zu verstehen, dass es an der Zeit war, dem Regen endlich zu entkommen und den Schutz der Felsen zu betreten. Doch zuvor richtete er das Wort an die Händler und Krieger.
"Bringt die Wagen herein!"
Die Männer begaben sich umgehend an die Arbeit, um die Gefährte in das Berginnere zu schieben und zu ziehen.

Der Gang, den sie betraten, besaß genügend Breite, um selbst zwei Planwagen nebeneinander zu fassen und Dwalin wurde von dem Licht unzähliger Laternen empfangen, die an Eisenketten von der Decke herabhingen. Wasser rann aus seinen durchnässten Kleidern und hinterließ eine Spur auf dem Boden. Der Hüne spähte aus dem Augenwinkel zu Thorin, der neben ihm schritt und sein Blick wurde bemerkt.
"Ihr seht aus, als hättet ihr auf eurem Weg eine unliebsame Bekanntschaft gemacht", sagte der König im Exil.
„Und ob!“, zeterte einer der Händler, ehe es Dwalin möglich war zu antworten. „Ein Trupp Orks hat uns auf der Straße angegriffen! Vor ein paar Stunden erst!“
Thorins Augen verengten sich.
„Orks?“
Den Blick auf seinen König gerichtet, zuckte Dwalin mit den Schultern und schlug die Kapuze zurück, was seine Halbglatze entblößte. Nachdem sein Haar auf der oberen Kopfhälfte vor einem Jahr mehr und mehr ausgedünnt war, hatte er beschlossen den kläglichen Resten ein Ende zu setzen und sie kurzerhand abzurasieren.
„Ja, Orks“, sagte er. „Lästig, aber nicht unüberwindlich. Ihre Gier und ihren Leichtsinn haben sie bitter bezahlt.“
Der Hüne beobachtete, wie eine Metallschließe in der Flut von Thorins rabenschwarzen Locken auffunkelte, welche ihm ein beachtliches Stück über die Schultern reichten. Den Bart hielt er jedoch gestutzt, sodass er lediglich das Kinn und die Lippen umspielte und Dwalin wusste um den Grund für diese Beschneidung, die für viele Zwerge einer Verstümmelung gleichkam. Ebenso wie ein langes und von Schmuck verziertes Haupthaar galt ein stattlicher Bart als Zeichen der Würde.

In den Augen Dwalins aber hatte Thorin sich dieser Würde keineswegs beraubt. Es brauchte keinen ausladenden, reich verzierten Bart, um sich die Achtung seines Volkes zu verdienen. Bei Weitem nicht. Auf Mut, Treue und Stärke kam es an, Tugenden, welche Thorin allesamt erfüllte, wie Dwalin fand. Er wandte den Blick nicht ab, als der Sohn Thráins ihn zu der Begebenheit mit den Orks befragte, sich nach ihrer Zahl, der Art ihrer Waffen und den Umständen des Angriffs erkundigte.
„Letztlich ist niemand von uns umgekommen und die Ware in Sicherheit“, schloss Dwalin seinen Bericht ab. „Sei versichert, dass wir keinen von diesen Mistkerlen am Leben gelassen haben.“
„Daran habe ich keine Zweifel“, sagte Thorin. „Ich weiß, wie du kämpfst.“
Er klopfte seinem Freund auf den Rücken und diese Geste brachte den Hünen zu einem Brummen, welches das Lachen, das in seiner Kehle aufstieg, nicht gänzlich verbergen konnte. Tatsächlich verband ihn etwas mit seinem Herrn, das weiter reichte, als das Erfüllen vorherbestimmter Pflichten. Jenes Band war schon in der Kindheit zwischen ihnen geschmiedet worden und während all der Jahrzehnte, die sie gemeinsam gemeistert hatten, war eine unerschütterliche Gewissheit in Dwalin herangewachsen. Egal wohin Thorin auch gehen mochte, er würde ihm folgen, egal was geschehen mochte, er würde ihm dienen und ihn schützen. Thorin wandte sich derweil an die Händler und Krieger.
„Bringt die Waren in die Lager! Ich sehe mir alles an!“
Dwalin blickte sich um und erkannte, dass sie jene Abzweigung erreicht hatten, die zu den Lagergewölben führte. Dort angekommen, begannen sie mit dem Abladen und Überprüfen der Ware. Thorin selbst warf einen Blick auf jedes einzelne Stück. Er vergewisserte sich, dass nichts beschädigt worden war und ließ die Händler genauestens über die Eingänge Buch führen. Im flackernden Schein von Kerzen und Laternen entgingen Dwalin die schwerfälligen Bewegungen seines Freundes nicht.

Er vermutete, dass Thorin bis vor Kurzem noch in einer der Schmieden geschuftet hatte, ehe das Eintreffen der Händler ihn von seiner Arbeit abgebracht und an das Tor getrieben hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach hätte er ohne diese Unterbrechung noch immer vor dem Amboss gestanden. Nachdem alles erfasst und an seinen Platz geschafft worden war, verabschiedeten sich Dwalin und Thorin von den anderen. Wie an seinen Bewegungen, so erkannte der Hüne auch an den Augen seines Königs und Freundes, dass er kräftezehrende Wochen hinter sich hatte. So meisterhaft Thorin seine Haltung auch zu wahren wusste, er war für Dwalin längst nicht mehr das, was man als Buch mit sieben Siegeln bezeichnete. Sie kamen an etlichen Torbögen und Türen vorbei, passierten Schmieden und Werkstätten. Aus manchen Räumen drang noch Lärm herüber, der davon kündete, dass in ihnen noch die eine oder andere Arbeit verrichtet wurde. Mit einem Stirnrunzeln wurde Dwalin eine leichte Unruhe in seinem Magen bewusst. Es war höchste Zeit für ein wärmendes Feuer und eine gute Mahlzeit. Plötzlich erklang Thorins Stimme neben ihm.
„Es beunruhigt mich, dass sich die Orks so nah an die Ered Luin heranwagen.“
„Ich weiß nicht, was es zu bedeuten hat", gestand Dwalin. "Es hat niemals viele Orks hier gegeben und die wenigen, die dumm genug waren, sich mit uns anzulegen, haben dafür bezahlt. Meine Spähtrupps durchkämmen regelmäßig das Umland. Es hat in den vergangenen Monaten keinerlei Anzeichen für Gefahr gegeben und in den letzten Jahren hatten wir wenig Ärger mit ihnen."
"Du sagtest, dass du ihren Stamm nicht kennst", erinnerte Thorin ihn.
"Verflucht sollen sie sein, das ist wahr", erwiderte Dwalin. "Trotzdem waren sie genauso hässlich wie ihre missgebildeten Brüder und verdienen den Tod nicht weniger. Es kann die Vergangenheit nicht wieder gut machen, aber Mahal weiß, jeder tote Ork ist ein Gewinn für unser Volk!"
Er spuckte aus.

Darauf schwieg Thorin und richtete den Blick nach vorn. Es bedurfte keiner weiteren Worte in diese Richtung, denn beide wussten um all das Schreckliche, das ihnen durch die Orks widerfahren war. Die Erinnerung daran war ein feuriges Mal, tief eingebrannt in ihren Herzen und ein Schatten, geboren aus Asche und Blut, lag auf ihren Seelen. Für eine ganze Weile hielt die Stille zwischen den beiden Zwergen an. Schließlich betraten sie einen großen achteckigen Platz. Das Gewölbe reichte an dieser Stelle weit empor, sodass es beinahe in der Dunkelheit verschwand. In der Mitte des Platzes ragte eine gewaltige Säule mit ebenfalls achteckigem Grundriss auf. Ein wahres Meisterstück der Steinmetzkunst. Wie ein gewaltiger, stark stilisierter Baumstamm strebte sie in die Höhe und Dwalin betrachtete die Bildnisse von Raben, die man in den Stein getrieben hatte, als säßen sie ihm Geäst einer alten Kiefer an den Hängen des Einsamen Berges. Im oberen Teil der Säule befanden sich Halter, an denen große Lampen angebracht worden waren und rund um den Platz reihten sich Geschäfte und Hütten aneinander, welche die unterschiedlichsten Dienste anboten. Die Steinmetze waren hier ebenso anzutreffen wie Schneider und Spielzeugmacher. Dwalins Augen huschten zu einer Taverne hinüber, über deren Tür ein Schild baumelte. Auf ihm prangte das Abbild eines Wildschweins.
"Wie wär`s mit einem Humpen im Schwarzen Keiler?", bot er Thorin an. "Ich brauche was zu trinken."
Sein Freund und König senkte den Kopf, jedoch nicht, ohne ein kurzes Schmunzeln zu offenbaren. Eine Gruppe steinmehlbestäubter Bergarbeiter schlenderte an ihnen vorbei, wobei sie Thorin mit einem leichten Neigen des Kopfes grüßten. Nicht weit von ihnen entfernt hatten sich zwei Zwergenfrauen auf einer Steinbank niedergelassen und plauderten in aller Ausgelassenheit miteinander.
"Komm schon", drängte Dwalin. „So lässt es sich besser reden.“
"Und du denkst, dass du mir alles über die Reise erzählen kannst, ohne dich von einem guten Tropfen ablenken zu lassen?"
Thorin musterte ihn mit einem Ausdruck, den Dwalin nicht recht einzuschätzen wusste. Allerdings ahnte er, dass sein König ihn nur necken wollte.
"Sei kein Weib", brummte er. "Ist schon viel zu lange her, dass wir gemeinsam ordentlich getrunken haben."

"Ja", raunte Thorin und trat näher. "Was einen guten Grund hat. Erinnerst du dich?"
Dwalin erkannte den Schalk in seinem Blick.
"Und wie! Bei meinem Barte, was ging es dir elend! Du konntest ja kaum einen Fuß vor den anderen setzen!"
Thorin umrundete ihn, die Arme vor der Brust verschränkt und das Funkeln in seinen Augen war deutlich zu erkennen, während er sprach.
"Fass dir an die eigene Nase. Du warst so sturzbetrunken, dass du nicht einmal mehr den Weg in deine Kammer gefunden hast. Als Nachtlager war die Schubkarre wohl gut genug, wie mir scheint.“
Daraufhin versetzte Dwalin ihm einen heftigen Klaps auf den Rücken, nicht ohne bei der Erinnerung an jenen denkwürdigen Abend aufzulachen. Dann schüttelte er den Kopf. Damals waren sie noch um einiges jünger gewesen und er hatte das Kunststück fertig gebracht, Thorin endlich einmal von seinen Pflichten abzulenken und ihn die Last seines Erbes vergessen zu lassen. Sein Freund und König war an diesem Abend in einer düsteren Stimmung gewesen und beiden hatte die Erschöpfung nach einem langen Arbeitstag am Amboss in den Knochen gesteckt. Nur allzu leicht war der Rausch über sie gekommen und niemals würde Dwalin vergessen, wie Thorin auf unsicheren Beinen vor ihm gestanden hatte, mit geröteten Wangen, zerzaustem Haar und auf eines der Bierfässer gestützt.
"Komm schon, trink mit mir!", sagte er schließlich. "Um der erfolgreichen Reise willen. Was sind schon ein oder zwei Humpen?"
Eine gewisse Erheiterung schlich sich in Thorins Miene und Dwalin schätzte sich glücklich, einer der wenigen zu sein, die dem König ein Schmunzeln, ja sogar ein Lachen entlocken konnten. Viel zu oft blieb sein Gesicht verschlossen und die Augen von Ernst durchdrungen.

Endlich nickte Thorin ihm zu.
„Also gut, ich trinke mit dir“, sagte er. „Danach ruh dich aus. Die Reise war lang. Über die Orks und alles andere unterhalten wir uns morgen … unter vier Augen.“
Gemeinsam schlugen sie den Weg zum "Schwarzen Keiler" ein. Dwalin dachte an die zahlreichen Abende zurück, an denen sie beisammen gesessen hatten, um allerlei Dinge zu besprechen, seien es Gute oder Schlechte und immer hatten sie sich dabei einen Humpen Bier oder Met munden lassen, umwölkt vom Rauch ihrer Pfeifen und der Gemütlichkeit eines Kamins. Doch meist hatten diese Unterhaltungen in ihren eigenen Gemächern stattgefunden. Er wusste ebenso gut wie Thorin, dass sie an diesem Abend nicht in Maßlosigkeiten verfallen würden. Vielmehr war es eine Gelegenheit, einander wieder als Kameraden zu begegnen und Genuss in etwas so Einfachem und Vertrauten zu finden, was, so war Dwalin überzeugt, vor allem Thorin nicht schaden konnte. Mit Schwung stieß er die Tür des "Schwarzen Keilers" auf und trat ein. Die Luft war durchtränkt von Pfeifenrauch und der Hitze des Kaminfeuers. Von einem Augenblick zum Nächsten waren sämtliche Gespräche an den Tischen verstummt und die Köpfe aller Anwesenden wandten sich ihnen zu. Dwalin schritt zwischen ihnen hindurch und fasste eine Zwergin mit hellbraunem Haar ins Auge, die ein Holztablett zur Theke hinübertrug.
"Heda, Helgis! Zwei Humpen von deinem besten Met! Wir haben Durst!"
Hinter sich vernahm er Thorins leises Lachen.


Anmerkungen:               

Baruk Khazâd! Khazâd ai-mênu! – Äxte der Zwerge! Zwerge über euch!

Dwalins Äxte:
Umraz – Keeper
Ukhlat – Grasper
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