Freddies Mama

GeschichteAbenteuer, Humor / P6
Freddie Faulig Sportacus Stephanie
14.12.2014
08.02.2015
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Genüsslich sog Stephanie den Duft von ofenfrischen Weihnachtsplätzchen ein. Sie saß am Küchentisch und schrieb Einladungen, als Meinhard das Backblech aus dem Ofen holte. „Es gibt nichts Schöneres, als eine Tasse Kakao mit frischen Vanilleplätzchen!“, sinnierte Meinhard. Vorsichtig legte er das Blech auf der Küchenzeile ab. „Ach Gottchen, wie das duftet! Da werden sogleich Erinnerungen wach! Ich muss dann immer an meine Oma und an meine Mutter denken. Dieses Rezept, und viele andere habe ich von ihnen geerbt. Und egal, wie gut die Plätzchen werden: Ich bin immer der Meinung, dass die von Oma und Mama immer am besten waren!“
„Ich finde, deine Plätzchen sind die besten, Onkel Meinhard!“
„Danke, Stephanie. Aber leider kanntest du die Plätzchen von ihnen nicht. Glaube mir, die waren ein einziges Gedicht! Sie zergingen förmlich auf der Zunge.“
Aber auch Meinhards Vanilleplätzchen – nach altem Familienrezept – zergingen auf der Zunge. Stephanie fertigte die letzte Einladungskarte für das Weihnachtsfest. „Die ist für Freddie!“, sagte Stephanie. „Ich werde sie ihm gleich selbst bringen.“
„Traust du dir das zu?“, fragte Meinhard verblüfft. „Vielleicht hat er heute schlechte Laune. Sollen wir ihn nicht lieber anrufen?“
„Klar traue ich mir das zu! Wir haben ihn doch schon öfter eingeladen. Und zu einem guten Weihnachtsessen sagt er ganz bestimmt nicht 'nein!' “
„Aber zuerst stärke dich mit Kakao und frischen Plätzchen, bevor du dich auf den weiten Weg machst. Und denke daran, dass wir heute auf dem Marktplatz den großen Weihnachtsbaum aufstellen und schmücken werden.“
„Das vergesse ich sicher nicht. Aber erst muss ich die Karte für Freddie fertig machen.“
„Und ich lasse die Plätzchen eben für einen Moment abkühlen.“

Freddie Faulig war auch in froher Stimmung. Er hatte sich vorhin eine riesengroße Tasse Kakao mit einem Berg Schlagsahne obendrauf gemacht und kuschelte sich in seinen Sessel. Die Tasse war so groß und schwer, dass er sie kaum heben konnte. Auf seinem Schoss lag seine Kuscheldecke.
„Wohl dem, der es sich bei diesem kalten Wetter behaglich machen kann“, sprach er mit einem zufriedenen Lächeln. „Wenn es draußen stürmt und schneit, ist es hier drin umso gemütlicher. Besser kann es mir gar nicht gehen!“
Meinhard hatte einen Teller Plätzchen auf dem Fensterbrett abgestellt, damit sie an der kalten Winterluft ein wenig auskühlten. „Sind das etwa...Plätzchen?“ Es war Ziggys Stimme. Stephanie wurde aufmerksam und sah zum Küchenfenster. „Au! Sind die heiß!“, hörte sie Ziggy rufen.
„Nanu, nana, wer ist denn da?“, fragte Meinhard, obwohl er es bereits wusste. Er sah sofort, dass gleich zwei Plätzchen fehlten.
„Wenn du noch etwas wartest, sind sie nicht mehr so heiß“, sagte Meinhard und sah lächelnd durch das Fenster.
„Hallo Herr Bürgermeister!“, grüßte Ziggy. „Tut mir leid, ich konnte nicht widerstehen...die Plätzchen sind so lecker...ich habe sie schon von Weitem gerochen...“
Wieder musste Meinhard an früher denken und wie er selbst als kleiner Junge gerne Plätzchen stibitzt hatte. Er konnte Ziggy gut verstehen.
„Komm' rein und trinke eine Tasse Kakao“, lud er ein. „Nur auf die Plätzchen musst du noch etwas warten. Sie sind noch zu heiß. Darum habe ich ein paar hier abgestellt.“
„Noch ein paar Tage, dann ist Weihnachten!“, rief Ziggy, als er durch die Tür kam.
„Und ich dachte, bald wäre Ostern!“, sagte Stephanie lachend, weil sie Ziggy ein wenig necken wollte. Ziggy sah sie allerdings verwundert an. „Du weißt doch, dass es bald Weihnachten wird, wenn in Lazy Town so viel Schnee liegt!“
„Manchmal liegt aber auch Schnee im Frühling!“, sagte Stephanie. Sie stellte sich noch immer dumm. „Und diesmal dachte ich, es wäre bald Ostern. Ich habe Onkel Meinhard schon gefragt, warum er denn den Weihnachtsschmuck ausgepackt hat. Ich habe gleich vor, jede Menge Eier zu färben. Machst du mit?“
Ziggys Augen wurden vor Erstaunen ganz groß. „Was? Wie? Eier färben? Geht's dir nicht gut, Stephanie?“
„Ich glaube, Stephanie hat Recht!“, sagte Meinhard mit gespieltem Erstaunen. „Vielleicht habe ich doch die falsche Dekoration ausgepackt. Da muss ich doch gleich mal auf dem Dachboden nachsehen, wo ich denn den ganzen Osterschmuck hingelegt habe. Die Plastikeier zum aufhängen, die Osterhasen aus Filz und die ganzen bunten Osternester! Ach Gottchen, und den Weihnachtsbaum für den Marktplatz muss ich doch glatt abbestellen. Den brauchen wir doch gar nicht!“
„Neeeiiiiiin!“, rief Ziggy. Der Kleine bekam jetzt doch langsam ein großes, flaues Gefühl im Magen. Er war sich langsam selbst nicht mehr sicher. „Wir haben bald Weihnachten! Ich meine – wir haben doch wirklich bald Weihnachten, oder? Ich warte doch so auf den Weihnachtsmann!“
„Schon gut, Ziggy. Wir haben nur Spaß gemacht“, versicherte Stephanie. „Keine Angst, es wird wirklich bald Weihnachten. Und nicht Ostern!“
„Ein Glück!“, seufzte Ziggy erleichtert auf. „Aber das dürft ihr nie wieder mit mir machen!“
„Die Plätzchen sind abgekühlt!“, sagte Meinhard. „Greift zu!“ Das taten sie, und wie! Und bald hatte auch Stephanie ihre letzte Einladungskarte fertig geschrieben. Sie packte alle Karten in ihre Schultertasche, um sie an ihre Freunde zu verteilen.

Freddie Faulig hatte es noch immer sehr gemütlich in seiner Fabrik. Und er hatte beinahe seinen Kakao ausgetrunken! Sein Bauch war sehr voll, aber dafür wohlig warm. „Es gibt doch nichts Schöneres auf dieser Welt!“, sagte er. „Ein voller Bauch und Ruhe...“
„Freeeeeeddiiiiieeee!“, hallte es durch die Fabrik. Es war Stephanie, die vor der Eingangsluke stand. Mittlerweile wussten sie ja alle, wo Freddie Faulig wohnte, bzw. vermutete man, dass er hier eines seiner Verstecke haben musste. Und selbst wenn Stephanie hier an der falschen Adresse gewesen wäre: Freddie hätte sie auf jeden Fall gehört. „Frrreeeeeeeddiiiiieeee!“
„Oh Gott! Das klingt wie eine Alarmsirene!“, sagte Freddie. Er stellte schnell die Tasse ab und presste sich mit beiden Händen die Ohren zu. „Und ich kann sie nicht mal abschalten!“ Er sprang auf und lief zum Periskop. „Steht die wirklich und wahrhaftig vor meiner Haustür?! Wie kann sie es wagen!“
Freddie ließ das Periskop aus der Erde schnellen, direkt in Stephanies Nähe. „Wusst' ich's doch, dass ich an der richtigen Adresse bin!“, sagte Stephanie. „Du wohnst hier, nicht?“
„NEIN!“, gab Freddie unhöflich zur Antwort. „Was willst du hier?!“ Stephanie merkte, dass sie zu direkt gewesen war. So richtig zugeben wollte Freddie noch immer nicht, dass er hier wohnte, und das musste sie eben respektieren.
„Ich wollte dich ganz herzlich zu unserer Weihnachtsfeier bei uns Zuhause einladen.“ Und bevor Freddie wieder 'nein' sagen konnte, sagte sie schnell: „Es gibt ganz viele gute Sachen zu essen! Vor allem Kuchen und Pudding!“
„Was für einen Kuchen?“
„Schokoladenkuchen – den magst du doch so gerne!“
„Soll das ein Witz sein? Ich liebe Schokoladenkuchen!“, rief Freddie und seine Stimmung hob sich. „Und was für einen Pudding?“
„Schokoladenpudding – unter anderem!“
„Wunderbar!“, rief Freddie. „Ich komme gerne!“
„Die Einladung habe ich hier“, sagte Stephanie und hielt den Umschlag hoch. „Da steht alles drin.“
Ein Briefkasten schnellte in die Höhe. „Leg' den Umschlag da rein!“, sagte Freddie.
Die Klappe öffnete sich. Kaum hatte Stephanie den Umschlag hineingelegt, sog sie ein Windstoß ein. Stephanie guckte erstaunt in den Postkasten. Der Umschlag war weg. Freddie hatte schon seltsame Erfindungen! „Und ich wollte dir noch Bescheid sagen, dass wir heute um vierzehn Uhr den Tannenbaum am Marktplatz aufstellen. Und später wird er noch geschmückt. Bis dann! Wir sehen uns!“ Sie winkte und sprang davon.
„Bis dann, pinkhaariges Mädchen!“
Freddie klappte die Einladungskarte auf. „Kuchen und Pudding!“, frohlockte er. „Besser kann der Tag nicht werden!“

Er ging auf seinen Sessel zu und nahm seine große Tasse vom Tisch. Er wollte gerade den letzten Schluck Kakao austrinken, als das Telefon klingelte. „Wie – erst kriege ich Post und dann einen Anruf? Was ist heute los? Und wer kann das sein?“ Freddie stellte die Tasse ab, legte die Karte beiseite und hob gespannt den Hörer ab. „Faulig?“
„Freddielein! Mein lieber, kleiner Junge! Wie geht es dir denn? Ich bin's, deine Mama!“
„Mama!“, rief Freddie und seine Laune wurde immer besser. Er setzte sich in den Sessel. „Wie geht es dir und Papa?“
„Aaaaach, uns geht es blendend! Und dir?“
„Ach ja, im Moment sehr gut! Was macht ihr an Weihnachten? Das Übliche?“
„Dieses Jahr wird es anders, ganz anders! Die schlechte Nachricht ist: Dein Vater arbeitet an Weihnachten leider den ganzen Tag, rund um die Uhr. Wir beide feiern also nicht zusammen.“
„Was? Das tut mir aber wirklich leid!“, bedauerte Freddie ehrlich.
„Als Chef und Matratzentester seiner Bettenfabrik hat er immer viel zu tun, das weißt du ja. Und er liebt seine Arbeit so sehr, dass ich ihm da auch nicht reinreden möchte. Hinzu kommt, dass seine neue Erfindung weggeht wie warme Semmeln. Gerade vor Weihnachten.“
„Neueste Erfindung?“
„Ach, habe ich dir das noch nicht erzählt? Er erfindet doch mit Vorliebe vollautomatische Betten. Und er hat das Luxusmodell, was er vor zwei Jahren auf den Markt gebracht hat, noch verbessert.“
„Du meinst das mit den eingebauten Roboterarmen? Das sich selbst beziehen kann und gezielt Rückenbeschwerden diagnostiziert und wegmassiert? Das mit dem eingebauten Fernseh- und Computerbildschirm, dem kleinen Kühlschrank, dem Radio? Und das sich in eine Badewanne umfunktioniert? Es konnte sogar Pralinen machen!“
„Nein nein, das war sogar das noch ältere Modell. Es kann jetzt noch sehr viel mehr.“
„Das musst du mir mal ganz genau erzählen. Aber sag' mal Mama, was machst du denn alleine an Weihnachten? Oder bist du woanders eingeladen?“ Freddie nahm einen großen Schluck Kakao.
„Darüber wollte ich mir dir reden. Ich hatte mir gedacht...es ist schon so lange her, und ich...also ich wollte sehr gerne mit dir feiern. Bei dir Zuhause, in Lazy Town!“ Freddie verschluckte sich beinahe. Er war nicht erschrocken, im Gegenteil! Er war vielmehr überrascht. Es war viele Jahre her, dass er mit seiner Mutter in Lazy Town Weihnachten gefeiert hatte.
„Ich habe es mir sehr lange durch den Kopf gehen lassen, mein Junge. Aber ich habe mich wirklich dazu entschlossen. Wenn es dir nichts ausmacht, meine ich.“
„Aber nein! Natürlich nicht! Ich würde mich freuen!“
„Dann ist es also abgemacht? Ich komme dich dann am 24. Dezember besuchen. Ich werde mich sehr früh auf den Weg machen und bin dann etwa – hm, sagen wir, gegen zehn Uhr da. Wir beide stellen ein Festessen auf die Beine, wie früher! Und ich koche alle deine Lieblingsgerichte!“
„Und ich koche deine Lieblingsgerichte! Das machen wir! Ich liebe dich, Mama! Bis dann! Grüße an Papa!“
„Tschüüüssiii!“

Freddie legte den Hörer auf. Er konnte kaum glauben, was er da vernommen hatte. „Meine Mama kommt nach Lazy Town! Und das nach all den Jahren!“ Freddies Eltern hatten nämlich vor langer Zeit in Lazy Town gewohnt, allerdings nur bis zu dem Tag, an dem ein geheimnisvoller Superheld aufgetaucht war. Die Nummer 9! Damals wurden die Kinder genauso aktiv und sportlich wie heute, und das störte vor allem Freddies Mutter. Frau Faulig war eine resolute Dame, die ihre Ziele genauso hartnäckig verfolgte wie ihr Sohn. Und sie liebte auch die Ruhe und Faulheit! Ihre Versuche, die Kinder wieder zur Faulheit zu überreden und den Superhelden zu vertreiben, scheiterten jedoch. Zuletzt sah sie nur noch die Möglichkeit, mit ihrer Familie wegzuziehen. Nur Freddie wollte unbedingt in seiner Heimatstadt bleiben, obwohl er seine Eltern sehr liebte.
Sein Vater wäre eventuell auch noch geblieben. Er war von Natur aus nachgiebiger und gutmütig, aber genau aus diesem Grund konnte er seiner Frau kaum widersprechen. Und er wollte natürlich, dass sie wieder glücklich leben konnte und nicht einen Nervenzusammenbruch nach dem anderen bekam. Es war eine schwere Zeit für die Fauligs gewesen. Den Tag der Abreise hatte Freddie noch sehr gut im Gedächtnis. Wie ein Dorn steckte diese Erinnerung in seinem Herzen. Und obwohl seine Mutter beim Abschied sehr gefasst und tapfer schien, hatte sie danach sehr bitterlich geweint. Das hatte er später von seinem Papa erfahren.

Selbst als eines Tages Nummer 9 verschwand – den Grund wusste niemand mehr so genau – wollte Frau Faulig auf keinen Fall mehr zurückkehren. Sie hatte Angst, dass der Superheld eines Tages wiederkam. Oder das vielleicht ein anderer Superheld auftauchte. Und das traf ja irgendwann ein. Nummer 9 kam nicht mehr zurück, aber dafür die Nummer 10. Sportacus! Es war also ein großes Ereignis, dass sich Freddies Mutter, trotz Sportacus' Gegenwart, nach Lazy Town traute. Ein richtiger Feiertag, festlicher als Weihnachten!
„Ich muss ja noch alles schmücken!“, rief Freddie. „Und aufräumen! Ach herrje!“ Aber das war für ihn eine Arbeit, die er diesmal sehr gerne tat. Für seine Mama sollte alles blinken und blitzen! Und ein Geschenk musste her! Aber im Grunde reichte ein großer Kuchen. Den hatte seine Mama auch sehr gerne. Aber dann fiel Freddie plötzlich Stephanies Einladung ein. Eigentlich wäre es kein Problem gewesen, die Einladung abzusagen. Der Bürgermeister hatte dafür sicher Verständnis. Immerhin kam Freddies Mutter zu Besuch, das war ein guter Grund. Das Problem war nur: Freddie wollte gar nicht absagen! Er dachte an den Pudding und den Kuchen. Aber seine Mutter ging natürlich vor.

Aber dann dachte er an ein anderes, viel größeres Problem, was ihm jetzt richtig Sorgen machte. „Meine Mama darf nicht wissen, dass man mich beim Bürgermeister eingeladen hat. Das gibt eine Katastrophe!“, sagte er, und seine Laune begann jetzt doch langsam in den Keller zu sinken. „Sie glaubt dann, ich wäre mit ihm befreundet oder so, und sie kann ihn genauso wenig leiden wie Sportacus. Oha – Sportacus..! Der kommt natürlich auch zur Feier. Was soll dann Mama von mir denken? Dabei gehe ich doch nur wegen dem Essen hin, und nicht, weil ich Sportablödi mag!“ Freddie starrte auf seine Einladung. Er musste einfach beim Bürgermeister absagen, sonst wäre seine Mutter aufs tödlichste beleidigt. Sportacus und sein Vorgänger waren ja immerhin der Grund, warum sich seine Mutter entschieden hatte, wegzuziehen.
„Kuchen oder Mama – das ist hier die Frage“, sagte Freddie und dabei wusste er schon längst die Antwort. Er hob langsam den Hörer. Er musste es über sich bringen und die Nummer von Herrn Meintsgut wählen. „Kuchen – Pudding – Mama – Kuchen – Pudding – Mama!“, zählte Freddie unentwegt auf. Er legte den Hörer auf die Gabel. „Zwei Einladungen bedeuten doppelt soviel gutes Essen. Es muss doch eine Möglichkeit geben, beide Einladungen wahrzunehmen, ohne das Mama das mitkriegt.“ Freddie wusste, dass das so gut wie unmöglich war. Seiner Mutter konnte man so leicht nichts vormachen. Es war fast so, als hätte sie den sechsten Sinn. Sie merkte es immer gleich, wenn irgendwas nicht stimmte oder wenn man sie sogar anschwindelte.

„Es geht nicht“, sagte Freddie schließlich kopfschüttelnd. „Ich kann das nicht machen. Ich kann doch nicht meine eigene Mama anschwindeln und heimlich auf diese Feier gehen, nur um den Kuchen abzustauben. Das ist das erste Mal seit langem, dass sie nach Hause kommt. Ich will sie nicht enttäuschen. Es würde ihr das Herz brechen. Aber es macht ja auch nichts, wenn ich auf das Essen beim Bürgermeister verzichten muss. Ich kenne niemanden, der so gut kocht und backt wie meine Mama! Aber ich muss auch etwas für sie kochen. Ich suche gleich mal das Kochbuch!“
Währenddessen hatte Stephanie fröhlich alle Einladungen verteilt und alle Freunde daran erinnert, dass der große Weihnachtsbaum aufgestellt werden sollte. Am Nachmittag trafen alle – außer Freddie – wie vereinbart am Marktplatz zusammen und warteten gemeinsam auf Sportacus, der den Tannenbaum bringen sollte. „Habt ihr euch denn entschieden, wie der Baum geschmückt werden soll?“, fragte Stephanie ihre Freunde.
„Ich dachte an Rot und Gelb!“, sagte Trixie. „Das sind meine Lieblingsfarben, weißt du ja. Aber Rot und Gold geht auch.“
„Gold ist meine Farbe!“, beharrte Meini und reckte die Nase dabei ganz hoch. „Aber gegen Gold hätte ich bestimmt nichts einzuwenden. Und gegen Silber auch nicht.“
„Hm, ich finde alle Farben für den Baum ganz schön“, sagte Stephanie.
„Übrigens meinte ich vorhin echtes Gold und echtes Silber“, setzte Meini hinzu. „Was anderes würde mir gar nicht an den Baum kommen.“
„Pfffff – echtes Gold!“, höhnte Trixie. „Echtes Silber! Das würde aber 'n bisschen teuer werden. Ich glaube nicht, dass der Bürgermeister das hat.“
„Nein, glaube ich auch nicht“, sagte Stephanie. „Ansonsten wäre mein Onkel nicht Bürgermeister, sondern König von Lazy Town!“
„Kein echter, wertvoller Schmuck. Wie armselig“, bedauerte Meini. „Wir behängen unseren Baum daheim immer mit echtem Schmuck.“
„Wer's glaubt..!“, sagte Pixel. „Meini, du bist ein alter Angeber! Also ich würde den Baum gerne im Metallic-Look schmücken. So mit CD's und Schrottteilen von meinem alten Computer. Das sieht besser aus, als man glaubt.“

„Süßigkeiten...“, schlug Ziggy vor. „Wir hängen den Baum voller Süßigkeiten!“
„Und ich hätte den Baum gerne in Pink und Weiß!“, sagte Stephanie. „Aber ich glaube, da sollten wir einen Kompromiss finden. Eine Lösung, die uns alle zufrieden stellt. Von jedem ein bisschen.“
„Klingt nicht schlecht, Stephanie“, sagte Meinhard, der mit Senta ein wenig abseits gestanden und sich mit ihr unterhalten hatte. „Ich frage mich nur, wo Sportacus bleibt. Er ist ziemlich spät. Hoffentlich ist unterwegs nichts passiert.“
„Ich vermute, es liegt am Wetter“, sagte Pixel. „Es war vorhin recht windig. Das hat ihm bestimmt Probleme gemacht.“
„Da kommt er!“, rief Ziggy. Sportacus' Luftschiff näherte sich Lazy Town. Unten an einem langen, kräftigen Seil hing ein sehr großer und schöner Tannenbaum. Senta klatschte begeistert in die Hände. „So ein wundervoller Baum! Sportacus hat nicht zuviel versprochen!“, rief sie.
„Macht Platz!“, bat der Bürgermeister, „Haltet alle Sicherheitsabstand, damit auch nichts passiert!“ Sportacus lenkte das Luftschiff über den Marktplatz und senkte den Baum vorsichtig in die dafür vorgesehene Halterung. Den Baum hatte Sportacus übrigens nicht abgeschlagen, sondern ausgegraben, damit er nach Weihnachten in den Wald zurückgebracht und an der gleichen Stelle wieder eingepflanzt werden konnte.

Als er den Baum in die große Halterung perfekt einsetzte, klatschten alle vor Begeisterung. Dann nahm der Bürgermeister seine mitgebrachte Schaufel zur Hand und begann, den Baumstamm an den Wurzeln mit Erde zu bedecken. Sportacus sprang von der Plattform und aus seinem Rucksack entfaltete sich der Sportgleiter. Gekonnt setzte er auf dem verschneiten Boden auf und der Gleiter faltete sich wieder selbstständig zusammen. „Entschuldigt die Verspätung!“, sagte Sportacus. „Unterwegs kamen einige Windböen auf. Das hat die Aktion ein wenig verzögert.“
„Ja, das hatte Pixel auch schon vermutet“, sagte Meinhard und drückte mit der Schaufel vorsichtig die Erde rundherum fest. „Hautsache, Sie sind da!“
„Und der Baum auch!“, rief Ziggy. „Mann, bin ich froh, dass wir Weihnachten und nicht Ostern haben. Jetzt bin ich mir wirklich ganz sicher!“
„Wovon redest du, Zwerg?“, wollte Trixie wissen.
„Ich und Onkel Meinhard haben Ziggy vorhin ein bisschen auf den Arm genommen“, erklärte Stephanie. „Ich wollte ihn glauben lassen, wir haben Ostern!“
„Das kann auch nur Ziggy glauben!“, lachte Trixie.
„War aber auch ein bisschen gemein von uns“, gab Stephanie zu.
„Und später schmücken wir also zusammen den Baum?“, fragte Senta. „Habt ihr euch denn schon entschieden,  welchen Schmuck ihr nehmen wollt?“
„Noch nicht“, antwortete Pixel. „Aber das klären wir noch.“
„Überlegt aber nicht zu lange!“, mahnte Senta. „Wir haben noch viel vor.“
„Stephanie hatte gedacht, von jedem ein bisschen“, sprach Meinhard. „Weil doch jeder einen anderen Geschmack hat.“
„Aber es muss doch auch zusammen passen“, sagte Senta. „So einfach von jedem ein bisschen geht nicht!“
„Ich würde es erst versuchen und gucken, wie es aussieht“, meinte Sportacus.
„Am besten, jeder bringt seinen Weihnachtsschmuck mit“, schlug Stephanie vor. „Und dann schauen wir mal, was wir daraus Schönes machen.“
„Darf ich dann auch meinen Stern mitbringen?“, fragte Senta. „Der, der auf die Spitze kommt?“
„Aber natürlich!“, sagte Meinhard.
„Schön!“, freute sich Senta und war auch gleich etwas versöhnlicher gestimmt.

Das Schmücken wollten allerdings zum Teil die Erwachsenen übernehmen. Zumindest in der Baummitte und an der Spitze, denn das wäre für die Kinder sonst zu gefährlich. Aber die Kinder waren mit diesem Vorschlag ganz zufrieden. Der Baum war groß genug, also gab es für jeden was zu tun. Die Kinder liefen nach Hause, um Weihnachtsschmuck zu besorgen. Dabei hatten sie sich überlegt, dass sie Sportacus mit dem geschmückten Baum überraschen wollten. Der war einverstanden und freute sich auf die Überraschung. Er ging nach Hause, um derweil sein Luftschiff  für die Feiertage zu dekorieren.
Als die Kinder mit jeweils einem Karton Weihnachtsschmuck zurückkamen, hatte auch Pixel wieder mal eine große Überraschung parat.
„Der Schmück-o-Mat 6000!“, präsentierte er stolz. Die Maschine war ein großer, metallischer Kasten mit einem Rohr vorne daran und stand auf vier Rädern. Sie hatte viele blinkende Knöpfe an einer Seite, einen flachen Bildschirm und eine Tastatur. Die Maschine war etwas größer als Pixel selbst.
„So! Alles rein damit!“, befahl Pixel. Seine Freunde guckten ganz skeptisch.
„Das geht doch alles kaputt!“, rief Meini. „Zumindest die Kugeln!“
„Da geht nichts kaputt!“, versprach Pixel. „Ehrlich! Ich habe es selbst probiert. Ich könnte rohe Eier hineintun, die würden keinen Kratzer abkriegen.“
Senta sah trotzdem nicht überzeugt aus. „Also, mein Stern kommt da nicht rein!“
„Okay, versuchen wir es erst mit dem Kleinzeug“, entschied Pixel. „Ziggy, du kannst deine Lollis und Bonbons reinwerfen. Wo soll ich hinzielen? Auf welche Stelle?“
„Versuch mal die Mitte“, schlug Ziggy vor.
Pixel programmierte und Ziggy warf seine verpackten Lollis, die Zuckerstangen und die Bonbons hinein. „Ach herrje!“, rief Ziggy, „Ich habe vergessen, Schnüre dran zu knoten! Da bleibt ja sonst nichts hängen!“
„Auch kein Problem!“, meinte Pixel. „Zur Not bleibt alles auch so hängen. Der Schmuck wird mit einem stabilen, aber dennoch leichten Kleber versehen.“
„Aber dann kann ich das doch nicht mehr essen!“, krähte Ziggy. Aber auch in diesem Punk konnte ihn Pixel beruhigen. „Der Kleber besteht aus Zuckerguss, also keine Sorge. Kann ich jetzt endlich anfangen? Okay!“

Pixel drückte einen Knopf. Die Maschine zitterte und fuhr selbstständig einmal um den Baum herum. Dabei spuckte sie Ziggys Süßigkeiten aus dem Rohr. Das Zuckerwerk blieb an den Zweigen  haften und nicht ein Teil ging kaputt. Die bunten Süßigkeiten sahen sehr hübsch aus. Danach kamen Pixels CD's an die Reihe, die er sich ausgesucht hatte und nicht mehr brauchen konnte. Es waren kaputte Rohlinge, die er sowieso hätte wegschmeißen müssen. Die CD's funkelten in allen Farben. Dann folgten Stephanies weiße Weihnachtssternblüten und Meinis kleine, goldfarbene Schweinis, immer abwechselnd mit seinen großen, glänzenden Goldmünzen.
„Und? Ist das alles echtes, pures Gold?“, fragte Trixie grinsend.
„Was denkst du denn..?“, antwortete Meini. „Ähmm...zumindest...ist es echt aussehende Goldfarbe.“
Trixie grinste jetzt bis über beide Ohren. „Was du nicht sagst..!“
„Naja“, gab jetzt Senta ihren Senf dazu, „Es sieht ein bisschen ungewöhnlich, aber ganz nett aus. Trotzdem habe ich es lieber traditionell.“ Danach kamen Trixies rote und gelbe Wollsocken dran.
Senta war entsetzt. „Die haben ja alle Löcher!“, rief sie.
„Sind ja auch meine alten Socken“, musste Trixie zugeben. „Aber zum wegwerfen fand ich sie zu schade.“
„Hoffentlich hast du die auch gewaschen!“, sagte Meini.
„Glaubst du, ich packe Stinkesocken auf den Weihnachtsbaum?!“
„Weiß man's?“
„Kinder, werdet nicht albern!“, bat Senta. „Das Schmücken des Baumes ist eine ernste Sache!“
„Ich dachte, es soll Spaß machen?“, sagte Trixie. Dann ging es Schritt für Schritt weiter. Aus der Maschine schossen schlängelnd die glitzernden Girlanden in Rot, Orange, Gold, Dunkel- und Hellblau und schließlich Pink. Und zwar wohlgeordnet: Über Stephanies Blüten hing die pinkfarbene Girlande, über Ziggys Süßem die blauen, und so weiter. Jeder hatte ja seine Lieblingsfarben. „Es nimmt langsam Form an“, beurteilte Senta das Gesamtwerk. Auch der Bürgermeister gab zu, dass er es so schlecht gar nicht fand. Zuletzt kamen die Kugeln dran, auch in allen Lieblingsfarben der Kinder. Diesmal waren die Farben aber gemischt, damit es nicht zu einheitlich und zu geordnet wirkte. Und zuletzt...
„Der Stern!“, sagte Senta und holte ihn aus einer Schachtel. Er war groß und golden, mit langen Zacken und war sehr blank poliert. „Der ist aber wirklich schön!“, bewunderte ihn Meinhard.
„Danke. Ich habe ihn immer Zuhause auf meinem Baum gehabt. Es ist ein Erbstück.“

„Das ist aber sehr großzügig von ihnen“, sagte Meinhard und bewunderte den Stern umso mehr. „Aber, hmmmm, vielleicht sollte ich ihn doch lieber selbst anbringen.“
„Schade“, sagte Pixel. „Ich hätte ihn zwar gerne auf den Baum geschossen, aber okay.“
„Dafür ist dieser Moment viel zu festlich und der Stern viel zu kostbar, um ihn einfach auf den Baum zu schießen – wie du es nennst!“ Senta nahm die Angelegenheit wirklich sehr ernst.
Meinhard lehnte die große Leiter an den Baum. „Hm, ich muss aufpassen, dass ich die Kugeln nicht berühre. Aber es wird schon gehen.“
„Sei vorsichtig, Onkel Meinhard!“ Sprosse für Sprosse stieg Meinhard immer höher, und Senta hielt die Leiter fest. Langsam und bedächtig setzte Meinhard den Stern auf die Spitze.
„Aaaaaaahhhh..!“, raunten alle vor Bewunderung. Schon bald stand Meinhard wieder sicher auf dem Erdboden.
„Wirklich wunderschön“, lobte Stephanie und alle waren gleicher Meinung. Besonders Meini war sich sicher, dass er vorher noch nie so einen schönen Stern gesehen hatte. „Wirklich...wunderschön...“, wiederholte er leise. Seine Augen wurden glasig und er starrte wie hypnotisiert auf den Stern. „Einzigartig...so golden...bestimmt aus...purem...Gold?“
Das musste er unbedingt herausfinden. Während sich die anderen angeregt unterhielten und den Schmuck bewunderten, war Meini auf der Rückseite der Tanne unbemerkt auf die Leiter gestiegen. Bald hatte er die Spitze erreicht und griff nach dem Stern. Stephanie entdeckte ihn als Erste. „Meini! Was soll das?!“
„Wer?! Ich?!“, Meini erwachte aus seiner Trance. Er erschrak und zuckte zusammen. Die Leiter rutschte weg, er verlor den Halt und griff nach den Zweigen. Meini hing im Tannenbaum! Sportacus' Kristall meldete sich in dem Moment, als er gerade die letzte Weihnachtskugel in seinem Luftschiff angebracht hatte. „Jemand hat ein Problem!“, rief er. Er sprang in den Flugschrauber, schnallte sich an und entfernte sich vom Luftschiff.

Inzwischen war aber schon Trixie zur Rettung geeilt. Zumindest hatte sie es versucht. Noch bevor Meinhard und Senta eingreifen konnten, hatte sie sich die Leiter geschnappt und war, flink wie ein kleines Eichhörnchen, hinaufgeklettert. Schon war sie bei Meini angelangt und versuchte, ihn zum runterklettern zu überreden. Aber daran war nicht zu denken. „Mein Stern!“, rief Meini immer wieder und streckte die Hand nach ihm aus. „Mein Stern!“
Ziggy starrte angestrengt nach oben. Um besser sehen zu können, ging er nun einige Schritte rückwärts und rempelte dabei gegen Pixels Maschine. Versehentlich kam er dabei an einen Knopf, die Maschine schaltete sich ein und fuhr um den Baum herum. Dabei stieß sie gegen die Leiter, sie fiel um, und jetzt hing auch Trixie im Weihnachtsbaum, und zwar nur ein kleines Stück unter Meini.
„HELFT UUUUUUNNS!“, schrie Trixie. Der Weihnachtsbaum neigte sich schon gefährlich zur Seite. Trixie rutschte weg, krallte sich aber noch immer in den Zweigen fest. Sie hing jetzt vorne am Baum und Meini noch immer hinten. Freddie Faulig war gerade dabei, eine festliche Tischdecke herauszusuchen, als die Lautsprecher ihn mal wieder auf den Krach aufmerksam machten. „HILFE! ZU HIIIILFEEEEE!“
„Auwei!“, sagte Freddie. „Wenn die an Weihnachten auch so einen Krach machen, dreht meine Mama gleich auf dem Absatz um und geht wieder nach Hause! Was ist da überhaupt los?!“ Er blickte in das Periskop. Ihm bot sich ein kurioses Bild:

Zwei Kinder hingen an dem bunt geschmückten Weihnachtsbaum. Eine seltsame Maschine fuhr unentwegt um die Tanne herum, jagte dabei Ziggy vor sich her und spuckte Kugeln, CD's, Süßigkeiten und Girlanden. „MEIN STERN! DAS IST MEIN STERN!! DER IST AUS GOLD UND GEHÖRT MIR!!“, brüllte Meini.
„HIIIILFEEEEE!“, schrie Trixie.
„Meinhard! Fangen Sie den Stern!“, befahl Senta.
„Ach Gottchen! Ach Gottchen!“
„Meine Maschine! Jemand muss meine Maschine aufhalten!“, rief Pixel, und Stephanie rannte verzweifelt hin und her, weil sie nicht wusste, was sie zuerst tun sollte: Ziggy helfen, Meini und Trixie retten, Pixels Maschine ausschalten oder den Stern auffangen, der jeden Moment herunterfallen konnte. Völlig verdattert und fassungslos starrte Freddie auf diese Szene. Er blickte verwirrt zur Seite, dann ins Periskop, und dann wieder zur Seite. „Völlig verrückt!“, sagte er. „Die sind alle völlig verrückt geworden..! Jetzt fehlt nur noch Sportahopps, der um den Christbaum tanzt!“
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