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Stimmen im Zirkel

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Suspense / P16 / Gen
09.12.2014
12.10.2020
10
41.697
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09.12.2014 8.624
 
Kapitel 1

Gespräche in den Mauern

„Die Kirche lehrt uns, dass es der Hochmut  der Menschen war, der die Dunkle Brut in unsere Welt brachte. Die Magier wollten den Himmel an sich reißen.“

-Duncan der Graue Wächter in der Einleitung zu Dragon Age: Origins







„Ich weiß nicht, wer mein Vater ist. Gerüchteweise ja ein Chevalier aus Orlais... Das wäre schon in Ordnung, aber zu firlefanzgeladen für meinen Geschmack.“ Die blecherne Stimme übertönte alle anderen am Tisch und ließ auch die Schüler, die an den anderen Enden saßen, unfreiwillig mithören.

Eine zweite, samtige Stimme lachte affektiert auf und sagte herablassend: „Du hast gans sischer kein orlaisianisches Blut in dirr. Außerdem, wie kommt der Sohn eines orlaisianischen Adligen hierher? War deine Mutter eine Hure, Gilbert?“

So gehässig es auch klingen mochte, Gilbert wusste, wie es gemeint war, und machte nur eine obszöne Geste in Richtung Francis. „Wie kommst du denn hierher, hmm?“, stichelte er.  

„Oh, ich“ Francis dehnte das Wort „war mit meiner Familie ‘ier, in diesem Kaff, zu Gast, als wohl leider auffiel, dass ich die Kersen ganz ohne Feuer anbekommen ‘abe…“

„Aber sicher!“, tönten Katya und Natalya, beide in Hörweite, spöttisch dagegen, während einige andere Schüler interessiert die Köpfe hoben.

Für den größten Teil der Magier, die bereits als Kinder von ihren Familien fortgebracht worden waren, war die Außenwelt weit zurück, entfernt, fast fremd und spannend wie jedes beliebige Land an den Enden von Thedas. Sie kannten Geschichten; hatten selbst vielleicht Erinnerungen; Besuche von Verwandten wurden ab und zu gewährt, und ganz wenige hatten es schon gewagt, zu flüchten und ihre Familien zu besuchen, was meistens relativ glimpflich endete - sie wurden nicht erwischt; aber die verschiedenen Viertel, die Adligen, die Arbeiter am Hafen, die Stadtwache, die Stadt selbst, Räuberbanden, Sklavenhändler, die Qunari, die Zwerge, die Freibeuter auf den Meeren; All das waren entfernte Erinnerungen oder gar nur leere Stichworte; so mancher nickte und erinnerte sich an gelesene Bücher und nicht an vergangene Eindrücke. Auch das Klassenbewusstsein und die Rassendünkel waren draußen stärker als hier in der Burg; und in den Zirkel drang die Außenwelt nur in Form von Geschichten, Gerüchten und Büchern hinein. Dementsprechend richteten sich wissbegierige Augen auf den Orlaisianer.

Die, die ihre Talente lange genug nicht entdeckt hatten oder von ihren Familien versteckt worden waren und dementsprechend etwas mehr wussten, dagegen schnaubten, und Arthur sagte bissig: „Sicher. So wie ich von Dalish-Elfen gefunden und in die geheime Magie der Vorzeit eingeweiht wurde, als ich zehn war.“

„Oh, isch würde es dir sutrauen, seltsam wie du bist, Arthur…“

Die folgende Kappelei, die aus Fauchen und Fußtritten unter dem Tisch bestand (heute war Ser Canee im Esssaal postiert, und Ser Canee kam gleich nach Ser Alrik. Sollte heißen, wenn der Saal unter Ser Alrik totenstill und voll giftiger Blicke war, war er bei Ser Canee zwar gefüllt mit gesittetem Murmeln, aber dem Wissen, dass man für die kleinste Anwendung von Magie noch nicht einmal Kerzenlicht zu Gesicht bekommen würde, geschweige denn Tageslicht, und zwar vierundzwanzig Stunden lang – es sei denn, die richtigen Templerkollegen bekamen es mit und verkürzten die Zeit…) beraubte Gilbert seiner Aufmerksamkeit. Er schmollte ein bisschen und bewarf schließlich Francis mit seinem Löffel. Es klirrte, als das Holzbesteckteil Francis‘ Glas traf, und das Behältnis mit der Flüssigkeit kippte um. Fünf Blicke huschten sofort zu Ser Cannee.

Der Templer war gerade von einem hochgewachsenen Mann in Rüstung abgelenkt, der an ihn herangetreten war und leise mit ihm sprach. Cullen . der neue Kommandant des Kirkwaller Ablegers des Templerordens. Wichtig genug, um die Aufmerksamkeit des anderen Templer in Anspruch zu nehmen.

Eine paar am Tisch atmeten hörbar auf.

„Gilbert, warum! Was soll das, kannst du nischt sielen?“ Francis‘ Messer schlitterte zielgerade auf Gilbert zu, der es hastig abfing, um erstens nicht getroffen zu werden und zweitens nicht noch einmal zu klappern.

„Klar kann ich zielen! Ich kann quasi alles, im Gegensatz zu dir…“

„Das passt nicht zu dir“, sagte Lukas. Seine Augen, groß und glänzend, wie die Augen der Elfen waren, blickten gleichgültig in seinen Teller, als ginge ihn alles nichts an.

„Was?“

Lukas zuckte mit den Schultern. „Ein Chevalier. Das passt nicht zu dir.“

Gilbert blinzelte irritiert, dann strahlte er. „Findest du?“

„Genau!“ Natalyas monotone Stimme unterbrach sie. Sie  zeigte auf Gilbert. „Sucht etwas heraus, das zu ihm passt! Ein orlaisianischer Elite-Krieger, dass ich nicht lache.“

Felicks, der sich bisher auch für kein Wort interessiert hatte, schnipste in Gilberts Richtung. „Vielleicht war sein Vater ja ein rivainischer Pirat…“

„Bestimmt“, sagte Arthur trocken. „Ich frage mich, was mit der Hautfarbe dieses Rivaini passiert ist.“

Antonio, der einzige im Zirkel, dessen Vorfahren wohl einmal mit einem Sklavenzug von Rivain nach Kirkwall gekommen waren, seiner Hautfarbe nach zu urteilen ( und der einzige am Tisch, der sicher wusste, wie er zustande gekommen war – „Meine Eltern sind Fischer und wohnen am Hafen“ –) grinste und winkte Gilbert zu.

„Alles nur, weil wir im Traum eine Kerze anbrennen können“, sagte jemand bitter.

Arthur warf einen fragenden Blick auf Ivan.

Gilbert zuckte mit den Schultern. „Na und? Wärst du lieber ein Templer und würdest den ganzen Tag lang auf uns aufpassen wollen?“

Aufpassen ist gut“, kam von Francis.

„Ich wäre gerne draußen“, sagte Felicks unschuldig.

„Ach, schht! Wie alt bist du denn, du Kind!“

„Komm, die Templer sind in ihre hässlichen Rüstungen geklemmt und stehen überall in der Burg herum. Ist bestimmt keine angenehme Arbeit, wenn man stattdessen auch draußen herumlaufen könnte.“

„Also ich finde die Rüstungen…“

„Interessiert keinen, Froschgesicht!“

"Du weißt überhaupt nischt, was ich sagen wollte!"

"Ich weiß es und ich versichere dir, das will keiner wissen."

„Wenn es doch so viele machen? Dann kann es hier gar nicht so schlecht sein.“

Ihr Gespräch ging im Geschnatter des Esssaals unter, und das war Roderichs Glück, der leise sagte: „Die Herren Templer sind vielleicht adelig oder können ihre Vorgeschichten hinter sich lassen… aber sie können sich mehr Fehltritte leisten als die meisten Menschen da draußen.“

„Jetzt seid mal ruhig…“ Katyuscha hob beschwichtigend die Arme, Sorge im Gesicht.

Roderich hob die Augenbrauen. „Ich frage mich, ob es wirklich nötig ist, Leuten wie Alrik zu erlauben, Magier mit Freude zu besänftigen, um so etwas wie Tevinter aus dem Reich der Kirche zu bannen… Tevinter ist lange her. Tevinter ist wie ein Dämon, der zu erscheinen droht, wenn wir jemals von dem abweichen, was unsere Lehrer uns sagen. Seid nicht wie Tevinter; denkt nicht einmal daran... Aber dieses Tevinter gibt es schon lange nicht mehr.“

Gilbert war der erste, der wieder redete. „Tevinter gibt es immer noch.“

Und Roderich antwortete, weil er einfach musste. „Als ein Beispiel, dem niemand nacheifern möchte.“

"Und unsere Situation und dieses aus den Fugen geratene Magierimperium haben miteinnichts ander zu tun. Unser Leben dreht sich um die Pflicht, die wir als Magier haben. Tevinter ist da draußen, ja, und ein furchtbarer Ort, an dem Magier nichts von Grenzen und davon wissen, was sie für die Welt tun sollte - sondern nur, was die Welt für sie tun sollte. Tevinter ließ die Menschen direkt in dieser Burg ausbluten. Du kennst die Berichte, Roderich."

"Aber hier, in Krikwall, ist Tevinter schon lange vorbei. Wir wagen es nicht, irgendetwas zu tun, irgendetwas zu versuchen, oder zu ändern, wenn es auch nur schwach nach Tevinter-Magie riecht."

"Was willst du damit sagen? Willst du etwas am Zirkel ändern?"

"Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich es zunächst einmal schade finde, Wissen verloren gehen zu lassen. Es gab Gelehrte, die sowohl an Essenzen als auch an Geistern arbeiteten und unter anderem Blutmagier ausgebildet haben. Warum lehnen wir all ihr Wissen ab? Als ob ein Tropfen maleficares Denken alles verunreinigen könnte? Wir behandeln die Historiker der Hohen Märsche nicht auf diese Weise. Wir verurteilen ihre Schlussfolgerungen, respektieren aber ihre Berichte. Und zweitens wollte ich sagen, dass ein Templer, der von Anfang an ein Mistkerl ist, wegen des Lyriums, das er schlucken muss, noch ekelhafter wird, als er sein sollte, und das ist eine offensichtliche Sache, über die wir nie sprechen...".

Der Griff an Roderichs Schulter wurde schmerzhaft.

Er hatte zu viel gesagt. Roderich hatte ruhig und relativ emotionslos gesprochen, aber Erbauer, er hatte mit diesen beiden Sätzen mindestens drei Tabus gebrochen.

Er sah es in dem Moment, in dem Katyuschas Unterkiefer entsetzt herunterklappte, und sogar Arthur, der hartgesotten drauf bestand, dass Dalish-Magie faszinierend und nicht primitiv oder sogar gotteslästerlich war, verschluckte sich an seinem Rest Eintopf und würgte entgeistert hoch, was noch nicht im falschen Hals gelandet war.

„Ah!“ Felick’s dünner Arm zischte vor, und seine Hand presste sich auf Roderichs Mund. „Du unartiges Ding! Geh auf dein Zimmer!“ Die übertriebene Theatralik in seiner Stimme zitterte warnend.

„Sag nichts gegen Alrik! Nicht, solange Cannee hier ist!“, zischte Natalya besorgt.

„Lyrium... und die Besänftigung… haben ihren Sinn und sid Sache der Templer und der Oberverzauberer und sollten wirklich nicht angezweifelt werden…“, kam etwas gepresst von Arthur.

Gilbert lehnte sich über den Tisch zu Roderich und funkelte ihn an, während seien Stimme vor Unglauben eine Oktave tiefer sackte. „Willst du damit sagen, dass du die Transfigurationen in Frage stellst?
Allein die Worte waren so ungeheuerlich, dass sich betretenes Schweigen über alle senkte. Die Transfigurationen, die alte Zeit des Kontinents, und die Zeit der Prophetin Andraste, war, was ihre Welt geschaffen hatte, wie sie heute war. Und die Texte dieser Tage gehörten zu den geachtetsten und den heiligsten Texten des Kontinents.

Alle, außer Ivan, der langsam den Blick hob und die Augenbrauen hochzog.

„Der Erbauer bewahre, nein!“ Roderich hob abwehrend die Hände. „Nein. Aber“ Nun gut. Bevor ihn jemand auf die übelste Art missverstand, sagte er besser, was er dachte… Er lehnte sich unbewusst ein Stück vor, und seine Augen wurden etwas schmaler, während er Gilbert anstarrte. „Ich möchte wissen, wie es damals war. Überall in Thedas war es nicht nötig, eine grausame Magierherrschaft zu beenden. Nur in Tevinter.“

„Tevinter machte damals den halben Kontinent aus!“, unterbrach Gilbert ihn hart. „Tevinter IST die Geschichte von Thedas, bevor die unterdrückten Länder sich befreien konnten!“

Die, die sich in der Geschichte der Welt und der Magie zurückgelehnt und geschlafen hatten, sahen sich schulterzuckend an. Arthur und Lukas hörten zu.

„Und so wie Tevinter damals überall seinen Einfluss hatte, steht Orlais heute da. Trotzdem-“

"Genau das meine ich. Tevinter war überall nur in der Herrschaft, nicht in der Mentalität. Tevinter bewahrte die Macht und die Vorherrschaft der Magier bis heute. Niemand sonst tat das. Glaubst du, dass die Freien Marschen, oder Orlais, oder Ferelden, riskieren würden, ein neues Tevinter zu werden, angenomen wir erlauben, sagen wir, nicht besänftigten, fertig ausgebildeten Magiern, außerhalb des Zirkels zu leben und zu praktizieren?"

Katjuscha wandte unbehaglich ihren Blick ab. Auch Natalja blickte stirnrunzeld auf ihren Teller. Artus und Lukas hörten aufmerksam zu.

"Warte, macht das nicht dein Argument zunichte, dass Tevinter, das Sklavenreich, längst Vergangenheit ist? Glaubst du, dass die Grundprinzipien der Magie und die Welt mit Tevinter untergegangen sind? Glaubst du, dass Andraste die Gefahren der Magie mit sich nahm, als sie den Erbauer aufsuchte?"

"Was willst du sagen?"
"Die Oberfläche der Welt hat sich verändert. Die Gefahren der Magie und unsere Verantwortung nicht."

"Aber sie hat sich verändert!" Roderich wurde ungeduldig und zunehmend frustriert. "Wir wollen nicht die Welt regieren! Keiner von uns hier hat das vor!" Einige ihrer Altersgenossen kicherten darüber. Roderich erinnerte sich daran, seine Stimme wieder zu senken. "Glaubst du, wenn wir in die Welt hinausgehen und dort für das Wohl der Welt arbeiten dürften, würden wir uns zusammenscharen und versuchen, alle zu versklaven?"

Gilbert zögerte und überlegte einen Moment. Dann blitzte sein Blick triumphierend auf. Seine Augen leuchteten fast rot im gedämpften Licht des Speisesaals. "Ja, das tue ich. Tevinter ist weg? Nein. Es wurde geschlagen, nicht ausgelöscht. Und die Erinnerungen daran, was Magie und Macht zusammen der Welt angetan haben, sind genau hier. Die Statuen im Hof stammen aus der Zeit von Tevinter. Sehen die Kerle aus, als hätten sie Spaß gehabt?“

Die niedergebückten Gestalten mit den gequälten, weinenden Gesichtern im Hof der Burg waren durchaus der Grund, warum manche der jüngsten Schüler lieber im Gebäude blieben und Haut wie Porzellan besaßen, als sich etwas gesundem Sonnenlicht auszusetzen und jeden Tag die überlebensgroßen Statuen draußen anzusehen.

„Wirst du mich ausreden lassen? Ich sage nicht, dass ich Tevinter verehre, Erbauer nein!“ Roderichs Gedanken rasten zwischen dem Bedürfnis, sich zu verteidigen, und eine plausible Erklärung vorzubringen, die nicht zu aggressiv gegen die Templer wirkte, hin und her. „Ich meinte, dass wir, so gut unsere Ausbildung auch ist, zu wenig darüber lernen, was es in der Welt noch gibt außer der Magie, die wir kennen; ich meine hinter dem Schleier und ich meine die Jahrhunderte vor uns.“

„Hör mal, Serah.“ Der speziell für Roderich reservierte Spitzname war noch nie so aggressiv gezischt worden. „‘Wissen verloren gehen‘ für den flammenden Arsch aller Erzdämonen! Wenn du damit andeuten willst, dass du etwas für Maleficare übrig hast, gehst du am besten gleich zu Ser Cannee da drüben und lässt dich besänftigen.“ Das war nicht hart, das war brutal.

Roderich stockte.

Noch nicht einmal wegen den Worten, die ungeheuerlich verletzend waren.

Mit so viel - Hass? - Wut? –Gewalt? - hatte er Gilbert noch nie sprechen hören.

Arthur hob ungläubig die Augenbrauen. „Gilbert, das zu sagen, ist wirklich…“

Etwas hinter den Augen des Weißhaarigen ging mit ihm durch.„Ich meine es absolut ernst. Wirklich, Roderich, geh hinunter und sag, dass du dich besänftigen lassen willst…“

„Hinunter?“, entfuhr es Roderich, und Felicks keuchte. „Im Ernst, Gilbert, entschuldige dich sofort bei ihm!“

Gilbert biss sich auf die Zunge wegen Roderichs Frage und senkte langsam den Blick, nachdem Felicks ihn angeblafft hatte. Er gab keine Antwort.

Es herrschte Stille. Dann sagte Natalya: „Gilbert. Ich habe meine Läuterung hinter mir. Du auch, nicht wahr?“

Er sah misstrauisch zu ihr herüber. „Ja, und?“, fauchte er.

„Du weißt genau, was und. Benimm dich wie ein Erwachsener.“

„Hat Roderich sie wohl noch nicht hinter sich?“

Roderich hatte den Eindruck, dass zwischen den Sätzen eine bedeutungsschwere Pause lag. Eine, in der etwas mitschwang, das nur Natalya und Gilbert zu verstehen schienen.

Und Ivan, der die beiden schweigend und mit einem undefinierbaren Blick ansah.

„Was, Gilbert hat seine Läuterung bestanden und erzählt nicht jedem bis zu den Kellerratten, wie toll er das gemacht hat?“, sagte Densen lachend, der gerade an ihnen vorbeigehen wollte. „Verarsch uns nicht!“

Das Mahl war aufgehoben. Die ersten standen auf.

Sie hatten es gar nicht mitbekommen.

Aber der Aufbruch im Saal und Densen lockerten beide die angespannte Situation nur bedingt auf.

„Dann… gehen wir besser in den Unterricht.“

Der Fereldaner riss überrascht die Augen auf, als ihm niemand antwortete.

Nacheinander löste sich die Tischgemeinschaft aus betretenen und geröteten Gesichtern auf.

Gilbert marschierte davon; Natalya und Katyuscha wechselten Blicke, Arthur und Francis hatten schon wieder etwas gefunden, das wohl begründete, dass sie sich gegenseitig aus dem Weg zu schieben versuchten, und Roderich stand langsam auf. Mit dem Gefühl, Blei im Körper zu haben, folgte er den anderen. Lukas ging seinen Weg aus dem Saal, als wäre die Welt um ihn herum eine uninteressante Fliege, die ab und zu an seiner Nase vorbeisurrte.

Nur Ivan, der die ganze Zeit über schon irgendwo mit sich beschäftigt und nicht bei der Sache gewesen war, verpasste den Moment, aufzustehen, und kassierte dafür einen auffordernd-strengen Wink von Ser Canee.

Der nachmittägliche Unterricht begann.



***




Roderich zog seine Robe um sich.

Hier oben unter den Dächern war es immer am wärmsten; dennoch war ihm kalt.

Er war alleine, und dankbar dafür. Auf seinen Knien lag das Buch, das ihnen Oberverzauberer Brenn empfohlen hatte. Roderich blinzelte müde und las denselben Abschnitt bestimmt zum dritten Mal.

„Auch ohne Lyrium können Rücksichtslose ihre eigene Lebensenergie beim Zaubern einsetzen, aber hin und wieder übertreiben es insbesondere ehrgeizige Schüler damit…“

Roderich konnte der Aufsatz nicht egaler sein, und wenn er noch so tief in die Grundlagen des Zauberns einstieg.

Seine Gedanken kreisten unaufhaltsam um zwei Punkte.

Das Thema Lyrium wurde erst dann intensiver behandelt, wenn sie ihre letzte Prüfung bestanden hatten. Und genau die stand Roderich erst noch bevor.

Besänftigungen. Und der Zorn, mit dem Gilbert ihn angeherrscht hatte.

Roderich schloss die Augen und legte den Kopf auf den aufgestellten Knien ab.

Niemand erfuhr davon, wann seine Läuterung stattfinden würde; und die Schüler, die sie bestanden hatten, waren verpflichtet, über die Inhalte der Prüfung zu schweigen.

Nachdem die Prüfung beendet war, bekam man Bedenkzeit und das Angebot, sich freiwillig besänftigen zu lassen. Danach war man ein volles Mitglied des Zirkels. Oder ein Besänftigter.

Wenn man versagte, hieß es, besänftigten sie einen auch.

Roderich schnaufte verärgert. Er verstand nicht, warum man die Prüfung nicht wiederholen dürfen sollte.

Und freiwillig? Wie nur, fragte er sich, konnte man sich freiwillig seine Seele nehmen lassen? Weil ich ein Magier bin? Die rebellische Stimme in ihm lachte bissig auf.

Er selbst war zu müde und sank nur ein Stück mehr in sich zusammen.

Zu lange nichts von den Verzauberern zu hören, die einen zur letzten Prüfung aufforderten, war ein schlechtes Zeichen. Auch hier behaupteten manche hartnäckig, dass dies automatisch dazu führe, dass man von den Templern besänftigt oder sogar hingerichtet wurde.

Wie genau immer so etwas denn ablief.

Die Unsicherheit und die vielen Gerüchte würden ihn noch wahnsinnig machen.

Und egal, wie sehr Roderich rein aus Prinzip weghörte, wenn Gerüchte und wilde Geschichten über ihre Prüfungen kursierten; der Gedanke, dass so manche andere in seinem Alter ihre Läuterung bestanden hatten und er noch nicht, machte ihn nervös.

Er hatte damit gerechnet, eine wirklich schwere Prüfung vorgelegt zu bekommen, vermutlich über jedes einzelne Fach ihrer Lehrer. Also hatte er das ganze Jahr über bis jetzt fleißig gelernt und aufmerksam zugehört, und auch seine praktischen Fähigkeiten verbessert. Er hatte Talent dafür, Lyrium und sein Mana kontrolliert einzusetzen, und übte sich darin. Er hatte sich für die Geistmagie entschieden und, als sie darüber aufgeklärt wurden, dass sie im Fall eines Krieges gefragt sein würden, hatte er sich ohne zu Zögern für die Taktiken der Verstärkung und die Grundlagen der Elementarmagie eingetragen. Das Bild des Blitzes, der ihm einmal das Leben gerettet hatte, würde er nie vergessen.

Roderich fühlte sich bereit, und er wusste, dass er intelligenter und schneller von Begriff war als viele andere. Aber es kam nichts.

Gilbert fiel ihm schon wieder ein. Gilbert war weniger gut als Roderich, was beinahe alle Fächer anging. Von seiner Begeisterung für die Mann-gegen-Mann-Kämpfe vielleicht abgesehen. Das einzige Fach, in dem sie nicht saßen und das sie im Hof gelehrt wurden: das Kämpfen mit der Magie, unter den wachsamen Augen der Templer und der Oberverzauberer. Gilbert war einer der wenigen, der seinen langen Stab nicht mit der ausführlich geschulten Eleganz und mit der Konzentration eines Magiers führte, sondern er schwang ihn herum und schlug damit sogar zu wie ein Krieger. Was ihm beinahe immer eine Korrektur einbrachte.

Und er war längst zur Läuterung angetreten, wie Roderich seit dem Mittagessen wusste!

Genau wie Natalya.

Warum ich nicht?

Vielleicht war dem Zirkel auch die innere Einstellung wichtig. Und so sehr Roderich sich normalerweise auch zurückhielt, manchmal hatte er seinen Biss über den steinernen Käfig, in dem sie lebten, nicht mehr unter Kontrolle.

Vielleicht deswegen. Hoffentlich. Ich muss eben weiter lernen, sagte er sich. Ich sollte mir weniger Sorgen machen, wirklich, sie helfen mir sowieso nicht weiter. Irgendwann müssen sie mich doch prüfen!

Die Buchseite starrte zurück.

Roderich seufzte und fuhr sich durch die Haare, deren Strähnen auch einmal wieder geschnitten werden konnten.

Vielleicht war der Wind vom Meer her heute so feuchtigkeitsschwer… oder er war einfach krank… oder müde.

Er klappte die Abhandlung über den sinnvollen Einsatz von Mana und Lyrium in der auf Kämpfe ausgelegten Magie zu.

„Braucht Ihr etwas?“

Roderich lächelte schon, als er nur den Rocksaum am Rand seines Gesichtsfelds auftauchen sah. Er stand sofort auf. „Guten Tag, Elizavet.“

Sie beobachtete ihn. „Seid Ihr müde? Oder habt Ihr nicht gefunden, was Ihr sucht?“

„Ich bin traurig, Elizavet.“ Roderich verblüffte sich selbst.

War er traurig?

Sie sah ihn weiter an. Sie verstand ihn nicht, tat aber ihr bestes, ihn einzuschätzen und weiterzuhelfen, das wusste er, und lächelte ein bisschen.

„Aber Ihr habt mich schon wieder aufgeheitert, Elizavet.“

„Das ist schön. Ich kann Euch also nicht helfen?“

„Nein. Ihr könnt Euch mit mir unterhalten, wenn Ihr möchtet.“

In ihren Augen lagen Intelligenz, und Wissen, und Aufmerksamkeit. Und keinerlei Antrieb. „Ich habe bestimmt etwas Zeit übrig.“ Und trotzdem bildete er sich ein, dass sie ungewöhnlich freundlich war; manchmal sogar lächelte.

Roderich nickte und legte sein Buch beiseite. Er wünschte sich, zu wissen, wie sie wohl vor Jahren gewesen war. Und sie fragen zu können, was sie besser fand – Jetzt oder damals. „Elizavet… Denkt Ihr manchmal an Eure Familie?“

Ihre Wimpern gingen mit, als sie blinzelte. „Sehr selten.“

Roderich nickte verstehend. „Wisst Ihr etwas über sie?“

„Oh ja. Meine Eltern kommen aus der Oberstadt.“

„Könnt Ihr mir etwas mehr erzählen?“ Es entspannte ihn immer, mit ihr zu reden. Auch, wenn er sich ihr nicht ganz anvertrauen durfte… So freundlich, wie sie ihm Auskunft gab, würde sie auch jedem Auskunft geben, der sie fragte: „Gibt es einen Magier im Zirkel, um den wir uns Sorgen machen müssen?“

Elizavet dachte nach. „Was wollt Ihr denn wissen?“

„Was fällt Euch denn zuerst ein?“

„Wir wohnten direkt neben dem Rotlichtviertel. Das war kein Vorteil. Es tut dem Ruf der Familie nicht gut, und später kamen die Hunde-Lords mit ihren schweren Kampfhunden, bis alle Adligen der Oberstadt sich Wächter für das ganze Viertel anschafften und sie töten ließen.“

„Das ist interessant!“, ermunterte er sie, auch wenn er bei den Kampfhunden und den getöteten fereldischen Banden stockte. „Daher kommen also Eure gute Ausdrucksweise und Eure gute Erziehung.“

Sie nickte.

„Wart Ihr denn noch nicht im Zirkel, als die Verderbnis in Ferelden losbrach?“

Sie lehnte sich gegen ein alterhrwürdiges Regal und faltete die Hände. Elizavet stellte sich wohl auf ein längeres Gespräch ein. „Ich habe meine Familie besucht.“

„Oh… heimlich?“

„Ja. Es war mir damals verboten.“

Das Ratespiel, wer was von seiner Herkunft wusste und wie viel, war in den letzten zwei Tagen zu ihrer Obsession geworden. Eine kleine Idee, Gesprächsstoff, dann war es abgehakt; aber ihre Familien waren für sie als Kinder immer ein Quell der Fragen, des Schmerzes, der Trauer; sie fragten sich, wo sie wohl genau waren, was sie taten; wie sie lebten, was sie noch von ihnen wussten, ob sie sie vermissten, an sie dachten; und irgendwann einmal akzeptierte jeder von ihnen, dass der Zirkel ihre Familie war.

Es tat gut, jemanden so sachlich und völlig losgelöst von irgendwelchem Schmerz über das reden zu lassen, was sie alle als Kinder beschäftigte: Wer sind meine Eltern?

Roderichs Blick wanderte kurz zu der nur schwach hervortretenden Tätowierung auf ihrer Stirn, und er schluckte. „Hat man Euch deswegen besänftigt? Hat Euch Ser Alrik erwischt?“

„Oh nein.“

„Darf ich Euch fragen, was geschehen ist, sodass Ihr jetzt besänftigt seid?“

„Das darf ich Euch jetzt noch nicht verraten.“ Sie lächelte sanft. „Ihr könnt mich wieder fragen, wenn Ihr Eure Läuterung bestanden habt.“

Roderichs Augen wurden größer. Heißt das, wollte er fragen, dass ich bald geläutert werde? Oder dass Ihr glaubt, dass ich sie bestehe? Oder dass ich Euch nicht fragen kann, wenn ich nicht bestehe? Oder wird es mich nicht mehr interessieren? Er sortierte sich, suchte nach der Frage, die am unverfänglichsten war…

„Geht doch heute etwas früher schlafen, Roderich.“ Sie streckte ihm ihre Hände hin, also wolle sie ihn an der Hand nehmen und ihn aus der Bibliothek führen.

Dann fragte er wohl besser nicht. „Danke, Elizavet. Das werde ich wahrscheinlich tun.“ Er lächelte sie an, und sie nickte freundlich, neigte elegant und im genau angemessenen Winkel den Kopf.

Roderich legte sein Buch zurück, verließ den warmen, nach Papier und Tierhäuten riechenden Raum und ging fast wie von selbst in Richtung Haupttreppe davon.

Er fühlte sich tatsächlich besser.



***




Roderich wanderte langsam und gedankenverloren die Treppe hinunter, nicht sicher, wo er hinwollte. Vielleicht ging er nun wirklich schlafen… Die kühle Steinmauer, an der seine Finger entlangglitten, beruhigte ihn zusätzlich. Ja. Schlafen. Einfach warten, bis die Unruhe in ihm schwieg. Das funktionierte nicht immer, aber es war nach wie vor seine Strategie Nummer 1. Erst einmal darüber schlafen, dann planen… dann weitermachen… und sehen… Manchmal fiel ihm ein, was er noch tun konnte; zum Beispiel mit der Tradition brechen und direkt fragen, warum er noch nicht geprüft wurde… einfach aus der Burg schleichen und alleine sein… Gilbert schlagen und Elizavet küssen.

Im Traum sog er die kalte Luft ein, die zu ihm aus dem Gang in die Tiefen heraufdrang. Aber er stand immer dort, an genau dieser Stelle, und ging nicht weiter. So wie auch im echten Leben.

Roderichs Finger stießen an dicken, rauen Stoff, und er zog die Hand zurück.

Er war in der Halle angekommen.

Roderichs Augen suchten den hohen Raum ab, nach dem Punkt, der am attraktivsten schien. Der Aufgang zum Schlaftrakt oder aber… Eigentlich war ihm nicht danach; aber das einzelne rote Licht, das hinter dem Torbogen ein Stockwerk tiefer hervordrang, zog ihn heute abend doch an.

Roderich durchschritt die Halle, jetzt bis auf zwei Templer leer, die sich wohl leise murmelnd unterhalten hatten, ihn aber jetzt schweigend beobachteten. Roderich grüßte und ging weiter, vorbei an den Wandteppichen, die die Wappen derer zeigten, die für das Leben dieser Festung verantwortlich waren. Das Sonnensymbol der Kirche, das geflügelte Schwert der Templer, der nüchterne Kreis mit dem ihn unterbrechenden Strich, der die Verbindung zum Nichts symbolisierte, für den Zirkel der Magier, und das Ornament der Stadt Kirkwall. Mit dem letzteren konnte die Roderich am wenigsten anfangen; von der Stadt bekamen sie in ihrem gesamten Leben ab dem Eintritt in den Zirkel kaum etwas zu Gesicht. Aber ihre Geschichte konnten sie nachlesen, und das Wappen prangte auf der Wand. Ein goldenes Schwert, Symbol der Befreiung mit Gewalt, dessen Griff in zwei kühl und symmetrisch senkrecht gezeichnete Linien ausliefen. Sie sahen aus wie Tränen.

Den Wandteppich gegenüber übersah Roderich. Er hatte ihm noch nie gefallen, und Roderich war gut darin, Dinge die ihm nicht gefielen zu übersehen. Die Galgenburg, jetzt die Herberge des Magierzirkels der Stadt Kirkwall, war einmal das Wahrzeichen der Abschreckung und der Ort des Henkens für die ungehorsamen Sklaven und alle weiteren unliebsamen Personen des Tevinter-Imperiums gewesen, und dementsprechend erdrückend wirkte ihr Symbol. Es sollte wohl einen mächtigen Herrscher im weiten Mantel darstellen. Für Roderich zeigten die bildhaften Linien des Wappens lediglich einen fetten König, in eine Kastenform gepresst, mit einer Körperhaltung, als müsse er dringend Wasser lassen. Und Flügeln, mit denen der gute Mann gewiss nichts anfangen konnte. Er fand es potthässlich.

Roderich trat zögernd durch den Torbogen, due große Halle jetzt im Rücken.

Es war im Gang schon so dunkel, dass die Fackeln die Steintreppe entlang bereits brannten. Der Geruch nach Rausch und verbrennendem Duftholz wurde von der kühlen Luft aus dem einzigen Fenster durcheinandergewirbelt.

Es war niemand da und unwirklich still. Die Kirchenschwestern waren wohl beim Abendessen.

Roderich betrachtete die Tür der Kapelle. Vielleicht würde er tatsächlich etwas Frieden finden… Seine Finger berührten das schwere Holz.

Er wand sich wieder ab.

„He, Serah.“

Die Anrede, die Roderich mittlerweile nur noch kindisch fand, kam ein bisschen unsicher heraus. Hinter ihm.

Roderich fuhr zusammen, und drehte sich erschrocken um.

Gilbert lehnte mit verschränkten Armen an der kalten Steinmauer. Er starrte Roderich unverwandt an.

Roderich sah stumm zurück. „Ja?“, fragte er schließlich, als nichts kam.

„Wolltest du gerade in die Kapelle gehen?“

„Nein.“

Wieder eine Pause, in der Gilbert einen Entschluss fasste und sich räusperte. „Wir haben ein Gespräch noch nicht beendet.“

Roderich musste fast lachen. Aber nur fast. Alle ihre Gespräche bestanden aus nie endenden Debatten, hatte er so den Eindruck. „Welches denn?“, fragte er.

Gilbert fuhr sich durchs Haar. „Ich muss dir etwas zeigen“, sagte er abrupt.

Roderich zog die Augenbrauen zusammen. „So?“

„Ja ja, komm mit!“

Roderich hatte wirklich Lust, Gilbert alleine weiterlaufen zu lassen, oder hier und jetzt zu fragen, was das Ganze – alles an diesem Tag – sollte. Aber als Gilbert schon unruhig am Treppenabsatz herumstand, folgte er seinem Mitschüler einfach, wenn auch zögernd, der es auf einmal eilig hatte, die Treppen in Richtung Schlafsäle hochzusteigen.

Er ging schweigend hinter ihm her, bis Gilbert über die Schulter blickte und schließlich langsamer wurde und wartete, bis sie nebeneinander gingen.

„Was willst du denn?“ Roderich entschied sich, dass er doch lieber jetzt wissen wollte, ob er besser in den Schlafsaal ging und sich die Decke über den Kopf zog, oder sich zu dieser Zeit noch auf unbekanntes Territorium einließ.

Gilbert zuckte mit den Schultern. „Dir etwas zeigen.“

Nicht, dass Gilbert unbekanntes Territorium war. Aber seine Bemerkung an diesem Mittag hatte etwas berührt, das man nicht hätte überschreiten sollen; irgendetwas war heute zerstört worden, und es hing in der Luft wie eine Glaswand.

„Du bestehst doch immer darauf, dass wir als Magier keine Verpflichtungen haben“, begann Gilberts im Konversationston. Seine Sandalen gaben bei jedem Schritt auf dem Stein ein schabendes Geräusch von sich.

„Keine anderen moralischen Verpflichtungen als die, die jeder Mensch hat“, korrigierte Roderich beinahe automatisch, und stieg also auf die Vorlage ein. Wieder einmal. Er war auf einmal wieder hellwach.

„Und darauf, dass wir es nicht nötig haben, mehr beschützt zu werden als alle anderen.“

Eigentlich sollte Roderich Gilbert einfach sagen, dass er mit der Sprache herausrücken oder gehen sollte und er, Roderich, heute wirklich keine Lust auf sein Gesicht hatte.  „Genau.“ . Roderich fiel auf, dass sie eine Wendung nahmen, die weg von den Schlafsälen führte, höher zu den Kräuter- und Tee-Trockenräumen, und dann nur noch unter das Dach… Gilbert ging einfach weiter. „Und du bestehst darauf, dass Andrastes Worte über die Magie genau so gemeint waren, wie die Zirkel heute organisiert sind.“ Langsam brachte ihn das gleichzeitige Aufsteigen, Reden und Denken zum Schnaufen. „Hat unser Spaziergang irgendetwas damit zu tun, wie sehr man uns beschützen und hier einsperren muss?“

Gilbert reagierte nicht einmal auf den Biss gegen den Zirkel. Das beunruhigte Roderich ein bisschen. „Ich will dich etwas fragen.“

„Ja, bittesehr, frag“, knurrte Roderich, als wieder einmal nichts weiter von seinem Mitschüler kam; nur die Treppe wurde steiler und schmaler, und schließlich bückte Gilbert sich in einem offenen Fensterbogen nach vorne. „Erst einmal festhalten“, sagte er, und grinste sogar ganz schwach. „Dann gibt‘s Antworten.“

Als ob er überhaupt irgendetwas wissen wollte außer was diese Aktion sollte... Roderich traute seinen Augen erst einmal nicht, als Gilbert in den Fensterrahmen kletterte und dann einen Schritt nach draußen tat. Er trat ans Fenster und sah, dass sie sich anscheinend auf der Höhe des Dachs befanden, und dass ihn hier, eingelassen in die verputze Gebäudemauer, ein schmiedeeisernes Gitter mit verflixt großen Löchern erwartete; nichts neben sich, unter sich ein viel zu weit entferntes, hartes Flachdach, das jetzt in der Abendsonne rötlich-weiß schimmerte; und vor sich… „Der Turm?“

„Ja! Stell keine Fragen, komm!“

Die mächtige Burganlage bestand aus massiven vorgeschobenen Mauern, der Außengrenze ihrer Welt, und einem mindestens genauso massiven, in den blauen Himmel der Bucht ragenden Hauptgebäude. Kern der Festungsanlage bildete der alte, bei Nacht wie ein dürrer Baum aus einem Steinquader in die Höhe ragende Turm.

Roderich war noch nie dort oben gewesen. Überhaupt gab es keinen Grund, sich dort aufzuhalten, es sei denn, man wollte sich einen Sonnenstich holen oder vom Wind davongeweht werden und entweder schmerzhafte, lähmende Brüche oder sogar den Tod davontragen.

„Ich soll da herüber?“

„Jaha, jetzt komm einfach!“

Roderich knurrte vor sich hin und sah zweifelnd auf das schmerzhaft harte Dach weit unter ihm, versteckt in den tiefer werdenden Schatten des Abends. Dann gab er sich einen Ruck, raffte seine Robe, so lächerlich er sich dabei auch vorkam, und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen auf das Gitter. Nach langem, langem vorsichtigen Vorwärtswackeln kam er endlich an der erlösenden Öffnung an - einem zweiten Fenster. Er stütze sich an der moosbewachsenen Wand ab, glitt in den Raum und atmete erst einmal tief ein. „Gilbert“, sagte er leise, auch wenn der Name immer noch bitter schmeckte „Wenn das hier nicht bald Sinn macht oder wenigstens zu Ende ist, werde ich gehen und dich bitten, nie wieder mit so einem Unsinn zu mir zu kommen. Egal, worum es geht und was...“

„Ist gut! Ich habe verstanden!“ Gilbert verstand "bitten" sehr richtig als "strangulieren und dabei fluchen" und sah recht beunruhigt aus. Dann zeigte er mit dem Kinn geradeaus. „Einfach da hoch und zur Tür hinaus.“

Roderich runzelte die Stirn, folgte ihm aber, eine dunkle Holztreppe hinauf und durch eine Tür, deren Riegel Gilbert erst vorschieben musste. „Heute ist gar keine Patrouille hier“, murmelte der vor sich hin.

Was ist hier überhaupt?, wollte Roderich fragen, aber in dem Moment sah er es selbst.

Ein Wehrgang. An der Mauer des Turms.

Das realisierte er noch, und dann hatte Roderich für nichts anderes mehr Augen als dem Anblick vor ihnen.

Es war Abend. Die Sonne war bereits so weit weg, dass ihr Ball schon verschwunden war und nur noch ihr Licht über der Küste vor Kirkwall lag.

Und doch sah Roderich alles.

Einfach alles.

Die Gipfel der Berge, die hier bis in den Himmel ragten. Der eine Berg, der im Schatten seiner selbst dort thronte und ihre Burg hier auf den Klippen wie ein persönlicher Wächter überragte.

Die steil abfallende, in die Felsen geschnittene Schlucht, die das Meerwasser wie ein schwarzes Band durch die schroffen Klippen der Verwundeten Küste schnitt. Roderich staunte. „Die Stadt“, murmelte er. „Da ist Kirkwall.“ Wenn man sich umdrehte, sah man sie weißlich aufragen, die Oberstadt auf der anderen Seite des Meerdurchbruchs. Sie schimmerte schwach, erleuchtet wohl von Fackeln und Kerzen; und dem Leben dort.

Roderich wünschte sich schmerzhaft wie noch nie, fliegen zu können.

Und er erinnerte sich wieder an kalte, modrige Luft von unten.

„Siehst du das Wache Meer?“, riss Gilberts Stimme ihn zurück in die Wirklichkeit.

„...Ja.“ Wenn er sich nach vorne beugte und den Nacken verdrehte, konnte er das Tor zum Wachen Meer erkennen. „Sind die Lichter dort draußen Schiffe?“, fragte er ganz selbstvergessen, immer noch damit beschäftigt, zu den Bergen zu sehen, auf die Stadt, das Meer weit weit weg…

„Das sind Fackeln. Auf dem Meer liegt Nebel. Wenn es Tag ist und man den Gang bis dort hinten geht, kann man sogar die Statuen im Wasser sehen. Sie sind ganz deutlich.“

Roderich war nicht so leicht umzuwerfen. So sehr er einen Moment lang auch weg gewesen war, so sehr ihn der weiße Gipfel des Gebirges auch in seinen Bann zog; jetzt sah er nach unten; über steile Klippen ins Schwarz des Meers. „Was wolltest du mich hier fragen?“

Gilbert brauchte einen Moment, um zu antworten. "Was fühlst du, wenn du das siehst?“

Sollte das ein Scherz sein? „Warum willst du das wissen?“

Gilbert schnaufte frustriert. „Weil… es ist nichts besonderes! Antworte doch einfach!“

„Sehnsucht“, sagte Roderich sofort und wartete ab.

„Das ist es eben“, murmelte Gilbert, und er klang ehrlich verblüfft. „Ich nicht.“

„Was?“

Gilbert lehnte sich auch an die Brüstung, der Blick fest nach unten gerichtet. „Wir können nicht fliegen, das weiß ich. Also bleibe ich hier.“

Und auch wenn er es nicht wollte, verzog sich Roderichs Mund zu einem kleinen, belustigten Lächeln. Wenn auch freudlos. „Ist das dein bestes Argument? Du zeigst mir eine andere – Perspektive auf diese Welt… Und du demonstrierst mir, dass du trotzdem sicher stehst, auch wenn du nur siehst, wo du niemals sein wirst? Als Gegenbeispiel zu mir?“

Gilbert gab ein Geräusch von sich, das sich nicht festlegen ließ. „Willst du dort hinauf? Auf den Berg?“

Roderich legte den Kopf in den Nacken und schauderte mit äußerstem Respekt. „Dort hoch? Nein. Es wird seine Gründe haben, warum niemand dort hin geht. Es heißt, dass es so weit oben am Himmel keine Luft mehr gibt…“

„Warum willst du dann dort hinunter?“ Gilberts Augen glänzten in der Dämmerung, als er auf die Stadt zeigte. „Erklär es mir.“

Die schwachen Lichter Kirkwalls, das sich an die Küste schmiegte, wie sie aus Zeichnungen und Bildern ihrer Kindheit wussten, winkten.

„Das ist kein Berg. Es ist eine Stadt.“

„Dort ist es auch gefährlich.“

„Das stimmt“, sagte Roderich, und Gilbert bemerkte den ruhigen, bestätigenden Ton in seiner Stimme sehr wohl, und sah überrascht aus. „Aber…“ Er überlegte, stockte, und sagte dann beinahe trotzig: „Darum geht es. Ich könnte dort unten leben, wenn ich ein normaler Mensch wäre! Ich wäre dort…“

Gilbert lachte ihn aus. „Ach so. Du könntest auch dort sein, wenn du kein Magier wärst, und deswegen passt es dir hier nicht, Serah?“

„Ich hätte eine Familie“, sagte Roderich heftig. „Ein Leben, weißt du?“

Gilbert schüttelte den Kopf. „Lebst du hier denn nicht?“

Roderich presste die Lippen aufeinander. „Ich weiß einfach, wie es auch aussehen kann“, sagte er. „Du vielleicht nicht, Gilbert.“

„Wie alt warst du denn, als du zum Zirkel kamst?“

Roderich, sich auf einmal weit nach unten in sein Bett wünschend, immer noch nicht fähig, sich von dem Anblick der Weite unter ihnen zu lösen, rückte nur ein Stück von Gilbert weg. „Sechs Jahre etwa. Und Acht, als ich den Norden Fereldens durchquert und ins Wache Meer gespeit habe.“

„Ach“ Gilbert zog die Luft ein. „Richtig. Du kamst als Flüchtling aus Ferelden.“ In seiner Stimme klang ehrlicher Respekt, und Roderich horchte auf.

Ein Magier war hier zunächst einmal ein Magier, und nichts anderes. Zumindest für die Templer. Trotzdem: eine ganze Gruppe neuer Gestalten, die auftauchte, mit einem komischen Dialekt und merkwürdigen Geschmäckern, war damals nicht von jedem freundlich aufgenommen worden.

„Erzähl.“

„Was?“

„Du hast das ganze nördliche Ferelden durchquert?“

„Ja. Ich kam aus Lothering.“

"Wo liegt das?"

"Im Süden."

"Es ist also kalt und verregnet und stinkt nach Hund?"

"Wahrscheinlich."

Pause. „Kannst du auch mehr reden?“

„Was interessieren dich Orte, die du nie betreten wirst?“

„Warst du schon einmal im Nichts?“, fragte Gilbert wie aus dem Zusammenhang gerissen.

„Nie bewusst.“ Roderich stockte erst einmal. Ins Nichts gehen… das ging nur über komplizierte oder mächtige und schwer zu kontrollierende Magie. Das wusste er. Und weiter waren sie im Unterricht noch längst nicht…

Gilbert schwieg schon wieder, und runzelte dabei die Stirn.

Roderich wollte noch hierbleiben und warten, bis das versinkende Licht am Horizont ihm die Sicht nahm; und er beschloss, dass dieses Gespräch nicht das schlechteste war, das sie bisher gehabt hatten. „Warum“, sagte er unvermittelt, und kam damit zurück auf das eine Thema, über das sie sich wohl niemals einig sein würden „sollte der Erbauer uns die Verbindung zum Nichts gegeben haben, wenn sie eine Gefahr für uns ist? Und wenn er wirklich wollte, dass wir anders leben als alle anderen - Warum wollte er das?"

„Er wollte uns sicher eine besondere Aufgabe geben“, sagte Gilbert ernst. Er sah beinahe traurig aus. “Aber der Erbauer hat uns bereits verlassen.“

"Dann können wir auch nicht behaupten, dass wir wissen, was sein Wille ist!"

"Roderich... glaubst du seiner Prophetin nicht?"

Roderich schwieg unbehaglich. "Ich glaube, dass manche Worte und der Gesang des Lichts so umgesetzt werden, wie es den Templern passt. Und nicht wie verantwortungsvolle Diener der Kirche es tun sollten." Er wartete angespannt und fürchtete sich ein bisschen vor einem neuen Gewitter seitens Gilberts.

"Die Templer und die Schwestern der Kirche dienen auch nur Andraste. Den Erbauer können sie nicht fragen." Gilbert schloss die Augen und schüttelte den Kopf. „Warum hat er uns überhaupt alleine gelassen…“

„Das heißt, dass er diese Welt nicht zerstört, wenn wir uns falsch verhalten, sondern geht und uns alleine entscheiden lässt“, erwiderte Roderich vorsichtig. „Ist das nicht gut?“

Gilberts Blick suchte Roderichs, und er war ernst, und traurig und in sich gekehrt wie Roderich seinen Mitschüler noch nicht gesehen hatte. „Er verlässt uns“, sagte er. „Hinterlässt uns nur unsere eigene Fehler in Form der Verderbnis, und dann verlässt er uns. Ist das nicht viel schlimmer?“

Roderich konnte sich einen geraden, herausfordernden Blick nicht verkneifen. „Gilbert, kann ich dir einfach sagen, was ich denke, oder muss ich mir noch einmal vorschlagen lassen, mich zum Besänftigten machen zu lassen?"

Gilberts Augen schienen im blasser werdenden Licht zu glühen. "Sprich..."

„Warum?“

„Was warum?“

„Warum ist es schlimmer, wenn ein Gott seine Welt verlässt, als wenn er sie zerstört?“

„Weil… weil wir nicht mehr wissen, wozu sie gut ist.“ Gilberts Blick irrte ins Weite. „Weißt du, wozu es das Nichts gibt? Wozu es uns gibt? Und warum?"

"Nein. Die Antwort werden wir auch nie bekommen. Aber das heißt doch auch, dass wir, auf uns gestellt, uns auch um uns kümmern müssen, oder nicht! Wir haben quasi eine neue Aufgabe."

„Das Nichts“, sagte Gilbert langsam „Ist voller Rätsel. Manchmal dachte ich, dass es die Geheimnisse unserer Welt versteckt. Und dass wir sie finden müssen. Dass wir als Magier doch darauf kommen müssen, wie man die Schwarze Stadt erreicht. Dann wieder, dass es unsere Welt bedroht. Vielleicht zerstört. Vielleicht sind dort die Reste unsres vergangenen Hochmuts versteckt, und werden uns eines Tages zerstören? Oder spiegelt das Nichts uns nur? Hält die Welt zusammen? Ich weiß es nicht. Aber ich bin nicht gern dort.“

Roderich beobachtete ihn. „Träumst du viel?“

„Ja.“

Roderich konnte sehen, wie Gilberts Hände rastlos über die steinerne Balustrade strichen, und er dachte nach. „Kennst du den Gesang des Lichts so wenig?“, fragte er schließlich leise. „Die Schwarze Stadt war einmal weiß. Sie ist die verlassene Stadt des Erbauers.“

Gilbert lächelte. „Und so weit du auch gehst, nie erreichst du sie. Wir haben wohl das selbe Buch gelesen."

"Vielleicht baut Er sie wieder auf."

"Seine Stadt ist verloren.“

„Das wissen wir nicht. Nur, dass sie verlassen ist – das ist nicht das selbe.“

„Dann wissen wir auch nicht, was mit uns passiert.“

"Ich dachte, mir könne man zu wenig Vertrauen in den Erbauer vorwerfen." Gilbert hob erstaunt den Blick. "Aber auch du stellst zu viele Fragen, Gilbert."

Und Gilbert lachte wieder, sein blechernes, in den unpassendsten Momenten kommendes Lachen. "Viel mehr können wir ja nicht tun."

Roderich widersprach ihm nicht, und so war die Stille zwischen ihnen beinahe friedlich.

"Ich kann nur mit dir über so etwas reden."

Roderich starrte verdattert zu ihm herüber. "Womit habe ich denn DAS verdient?"

"Ach, halt den Mund..."

"Im Ernst, was willst du mir sagen?"

"Dass du deinen Allerwertesten hochbekommen und die Läuterung hinter dich bringen sollst, damit ich deine Argumente plätten kann."

"Was-"

"Du hast sie doch noch nicht bestanden?"

"Nein", knurrte Roderich "Und es wundert mich, dass du schon bestanden hast."

Gilbert kicherte. "Das gefällt mir."

"Das denke ich mir bereits."

Gilbert stieß sich von der Brüstung ab, und jetzt fiel ihnen auf, wie dunkel es war.

Die Nacht hatte sich über die Bucht von Kirkwall gelegt.

„Mir geht es ähnlich wie dir“, sagte Roderich langsam. „Mit einem anderen Ort.“

„Wo…? Was?“

Roderich schüttelte den Kopf. „Ich stehe davor, aber ich weiß… wenn ich weitergehe, sind die Träume aus und die Wirklichkeit fängt an. Ich bin nicht mehr beschützt. Also gehe ich nicht.“ Er lächelte freudlos. „Ich verstehe dich mehr, als du vielleicht für möglich hältst.“

"Du...?"

"Ja?" Roderich bereute es jetzt schon, etwas gesagt zu haben.

"Was meinst du, du hast einen Ort?"

"Das ist nicht wichtig. Ich will nur sagen - du hast einen Ort, der dir die Welt zeigt und an dem du dich nicht weiterbewegst. Weil du stur bist."

"Treu", unterbrach Gilbert Roderich einigermaßen verschnupft, und Roderich tat es mit einer Geste ab. "Und ich habe einen Ort, der für mich Freiheit bedeutet. Und ich würde nicht bleiben. Ich würde gehen. Aber ich tue es nicht, weil ich weiß, was passieren kann."

"Aha." Gilbert hatte die Arme verschränkt, nach wie vor nicht begeistert, so absolut einfach als stur abgetan zu werden. "Du lebst gefährlich, Roderich."

Roderich ließ sich das nicht von jemandem sagen, der seine Zunge nicht im Zaum hatte. "Du lebst exzessiv."

"Was soll das heißen?"

"Es ist bald Sperrstunde."

"Jetzt weich nicht aus, Serah."

"Schweig, Sklave."

Gilbert rempelte ihn grob an. "Ich nenne dich Serah, nicht Magister, du unglaubliche Niete, was Geschichte angeht!"

Roderich boxte ihm hart gegen die Schulter. "Wie kommen wir wieder zurück?"

"Was..? Oh, ach so. Mhh, Feuer, würde ich sagen."

"Oh nein!"

"Kannst du wohl nicht mit Feuer umgehen?"

Roderich knurrte nur und konzentrierte sich stumm auf die Energie in seinen Adern. Die Nacht war endgültig gekommen.

Bald kribbelte es warm über seine Handfläche, und die Flammen, die sich formten, glitten warm und ruhig über seine Hand.

Gilbert hinter ihm schnalzte abwertend mit der Zunge. "Ach ja, die Geistmagier."

Roderich warf einen schiefen Blick auf den um einiges helleren und unruhiger brennenden Feuerball in Gilberts Hand. "Das sieht explosiv aus."

"Das bildest du dir nur ein."

"Du gehst voran."

"Och, kommst du ohne mich wohl nicht weiter?"

"Ich möchte, dass du zuerst fällst."


***


In dem Moment, in dem der vertraute Raum um ihn herum Konturen annahm, war Roderich klar, dass er träumen musste.

Die Decke war hoch über ihm, viel höher als die alten Studierzimmer, in denen sie unterrichtet wurden, wirklich waren, und verschwand im undurchschaubaren Nirgendwo.

Wie es in Träumen eben so war, fragte er nicht, was er tat und warum anstatt einer Fensterreihe meterhohe Säulen zu seiner Rechten im Grau des Traums verschwanden; er ging einfach vorwärts, und stellte fest, dass zwei Gestalten am anderen Ende des Raums miteinander redeten, ohne ihn in irgendeiner Weise zu bemerken.  

Und als ihre Stimmen zu ihm herüberschwebten, erkannte er auch seine beiden Mitschüler.

Das kann ich nicht glauben! Das ist einfach nicht wahr!“

So mancher Gelehrte hatte ganze ellenlange Bücher über Träume geschrieben. Manchmal war das Nichts weit und klar, hieß es, und manchmal dicht und erdrückend wie der Nebel an den Flussufern der südlichen Sümpfe.

Roderichs Träume waren immer dicht, fokussiert, und genau so klang Alfreds Stimme. Roderich schloss zu den beiden Gestalten in ihren Roben auf, und wie ein unbeteiligter Zuschauer träumte er, neben einer Säule zu stehen und den beiden zuzuhören…

„Das ist alles, was ich finden konnte. Es muss funktionieren. Es hört sich an, als würde es funktionieren. Kannst du mir helfen, Alfred?“

Bist du wahnsinnig! Das fällt unter Blutmagie!“

„Sei leiser…“

„Hier hört uns niemand!“

„Wer weiß. Alfred…“

„Ach, genau. Dazu kann ich nur eines sagen: Wenn du das jemals tust, schlage ich dich höchst persönlich so, dass du nicht mehr aufstehst! Du kannst nicht…“

Der Traum-Ivan ballte beide Hände zu Fäusten. „Ich will nicht sterben. Ist das so schwer zu verstehen?“

Alfred schluckte. Er hob zögernd, langsam, eine Hand. „Das – wer sagt denn, dass du sterben wirst!“

Ivan knirschte mit den Zähnen. „Ich sehe sie jede Nacht“, sagte er leise. "Seit meiner Läuterung. Ich werde sie auch nicht mehr los..."

Alfred machte ein verständnisloses Gesicht; dann warf er die Hände in die Luft. „Du meinst deine hässlichen Angst-Dämonen! Ignorier sie und tritt sie in den Hintern, was ist denn dabei!“

„Mein Herz ist in der letzten Woche zweimal stehen geblieben. In nur einer Woche. Ich kann morgens manchmal fast nicht mehr aufstehen. Was habe ich denn noch?“

Alfred brüllte etwas; es war ein heiserer, unartikulierter Schrei, verzweifelt und aus der Seele; Roderich dachte beim Aufstehen, dass er sich wohl in diesem Moment den Kopf an der Wand, an der sein Bett stand, angeschlagen haben musste. „Dann geh zu den Schwestern!“

„Sie können auch nichts tun als mir Getränke zu geben…“

„Das hilft! Ich weiß, dass ihre Säfte helfen! Ivan, willst du deinen Körper hernehmen, um deine Gesundheit zu reparieren? Wie soll denn das gehen? Wie geht das überhaupt? Man muss sich ja die Arme aufschneiden und eine Riesensauerei veranstalten! Mir wird gleich schlecht! Du bist doch irre, nur daran zu denken!“

„Denkst du gerade darüber nach, wie du mir assistieren kannst?“ Ivan, und deswegen war dieser Traum vollkommen daneben, lächelte.

Alfred packte Ivan am Gürtel seiner Robe und schüttelte ihn. „Niemals, du Irrer!“

Ivan drehte sich weg, wendete Alfred eine Schulter zu. „Ich habe es dir schon gesagt. Nur kleine Versuche. Ob ich vielleicht mein eigenes Blut kontrollieren kann…Mehr will ich nicht tun.“

„Erbauer, fang nicht wieder damit an, was du vorhast! Blutmagie haben die ersten, die sie beherrschten, von Dämonen erlernt! Daran kann nichts gut sein! Ivan, bitte…“

Ivan machte sich halbherzig los und sagte leise und wütend: „Ich vertraue dir als einziger, Alfred. Ich hätte nichts sagen sollen…“

„Erbauer!“ Alfred warf die Hände in die Luft, und seien Stimme hallte verzerrt durch Roderichs Kopf, während sie an Lautstärke zunahm. „Wenn es helfen würde, würde ich dir etwas von meinem Blut abgeben. Und ob du etwas sagen wirst! Du wagst es nicht, alleine irgendeinen Unsinn anzustellen! Ich würde alles für dich tun. Ich wecke dich jede nach auf. Ich kämpfe mit dir gegen sie. Egal wie oft du träumst. W-wach einfach auf und sag es mir… Verstehst du das denn nicht, alles, aber was DU vorhast, geht nicht!

Ivan biss sich auf die Lippen und sein Blick huschte nervös von Alfred weg, durch den Raum…

Roderich wich automatisch zurück, in die schattigen Randbereiche dieser Szene…

Da war es vorbei.

Beim Aufwachen fragte Roderich sich, wie es wohl weitergegangen wäre, wenn die beiden ihn gesehen hätten.

Dann schüttelte er den Kopf.

Als ob irgendjemand von ihnen es auch nur im Scherz in Betracht ziehen würde, ein Maleficar zu werden.

Und als ob Alfred im echten Leben jemals Bitte sagen würde.

Roderich schmunzelte, und dann fragte er sich ernst, ob die Unruhe wegen seiner letzten Prüfung so tief saß, dass er schon solch einen Unsinn zusammenträumte.

Beim Frühstück hatte er den Traum und seine kleine Beule am Kopf schon vergessen.




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Glossar

Blutmagie: Anstatt der in Lyrium besonders konzentriert vorkommenden Lebensenergie = Mana verwendet ein Magier für seien Zauber die Lebensenergie des Blutes; die angewandten Techniken kommen aus dem düsteren Reich der Dämonen; sie sind meist dunkel und missbrauchend; außerdem genügt ein wenig Blut aus den Adern einer einzigen Person häufig nicht, um sehr mächtige Zauber auszuführen. Was also passieren kann, ist offensichtlich.

Maleficar: ein Blutmagier; das Wort legt die Betonung auf den Tatbestand / das Verbrechen

Thedas: der Kontinent

Tevinter: ein altes Reich, nun vom Rest der Welt abgeschottet und für seine dunkle Vergangenheit, in der es den halben Kontinent beherrschte und die auch heute von ihm ausgehenden Menschenhändler bekannt; der einzige und letzte Magierstaat von Thedas. Seine Herrschaft wurde beendet durch den Ersten Hohen Marsch (aka Kreuzzug), angeführt von der Prophetin Andraste

Kirkwall ist ein Stadtstaat, geprägt durch seine Lage am Meer und seiner Vergangenheit als Sklavenumschlagplatz des Reichs von Tevinter

Serah: höfliche Anrede für einen Adligen oder sehr Höherrangigen in Kirkwall

Die Rassen des Kontinents: Menschen, Elfen, Zwerge, Qunari; die letzten beiden Gruppen leben zu einem großen Teil für sich; Zwerge sind nicht magiebegabt und Qunari lassen sich so weit im Süden selten blicken

Hier erwähnte Staaten der Menschen, denen man gewisse stereotypische Vorbilder zuordnen kann und deren Städtenamen außerdem Hinweise auf das jeweilige kulturelle Vorbild liefern, sind

Orlais (pseudo-absolutistisches Frankreich und Sitz der Kirche), die Freien Marschen (eine Ansammlung von Stadtstaaten mit überwiegend englischen Namen), Ferelden (das nasse, grüne Land im Süden, schottisch (keltische Namen)), Rivain (Sonne, Seefahrer, Spanien), Tevinter (Latein). Deutsche Namen finden sich in Anderfels, das seit der letzten Verderbnis allerdings verödet ist und über das aktuell wenig bekannt ist


Der Rest ist hoffentlich… (später noch) erschließbar. Ein bisschen was Geheimnisvolles muss hier ja bleiben!


Tbc. Definitiv. Plot steht auch. Nur wann ist die große Frage. ^^
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