And when the snow begins to fall…

von - Leela -
GeschichteAllgemein / P12
07.12.2014
07.12.2014
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Diese Geschichte wurde geschrieben für das Projekt »Weihnachten mal anders« von herzblatt«. Ich wünsche euch viel Spaß dabei, und frohe Weihnachten! ^^


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And when the snow begins to fall…

Cyril Sneer packte hastig einige Sachen zusammen. Er hatte nicht vor, hier in der Villa zu bleiben. Dieses Jahr verlief Weihnachten alles andere als geplant. Mit Cedric hatte er sich wegen einer Lappalie gestritten, und nun wollte sein Sohn ausgerechnet mit den Waschbären feiern, anstatt mit ihm. Das war fast noch schlimmer, als die Ursache des Streits an sich; es grenzte für den millionenschweren alleinerziehenden Vater an Hochverrat.
      Den Großunternehmer hielt nichts auf dem großen, teuren Anwesen. Er hatte keine weitere Familie hier, und seine Angestellten… Wenn sie nicht gerade selbst irgendwo bei ihren Familien feierten, hatten sie seine exklusive Aufmerksamkeit nicht verdient! All das festliche Ambiente, die liebevolle Deko, die Lichter und das exklusive Weihnachtsessen… Die ganzen Vorbereitungen waren umsonst gewesen, sollte er Weihnachten allein in dem Haus feiern.
      Cyril schloß die Reisetasche und machte sich fertig zum gehen. Sicher würde sein Sohn bald ein schlechtes Gewissen haben. Aber er würde ihn hier nicht antreffen! Cyril würde ihm eine Lehre erteilen. Der alte Aardvark griff nach seinem Hut und verließ das Haus. Das Auto, das ihn zum Bahnhof bringen würde, stand schon bereit. Heute fuhr der Multimillionär selbst…

Cyril sah aus dem Fenster seines Eisenbahnabteils, während die Landschaft vor der Scheibe dahinrauschte. Er hatte kein bestimmtes Ziel. Er hatte einfach den nächsten Fernzug genommen, der gehalten hatte. Das Ticket hatte er pauschal bis zur Endstation gelöst. Er konnte es sich leisten. Diesmal würde er Weihnachten anders feiern – nicht zu Hause, sondern in der großen weiten Welt, die ihn mehr mit offenen Armen empfing, als sein eigener Sohn.
      Gedankenverloren sah er aus dem Fenster, während sie den immergrünen Wald hinter sich ließen. Sein Bild spiegelte sich in der Scheibe. Er konnte sehen, wie ein blasses Abbild seiner Selbst draußen vor dem Waggon von der Landschaft überrollt wurde, die vorüberzog. Doch sein Spiegelbild verzog keine Miene.
      „Tschuldigung, ist der Platz noch frei?“
      Eine fremde, desinteressiert wirkende Stimme riß ihn aus seinen Gedanken. Zuerst bemerkte er nur das Spiegelbild einer schwarzen Lederjacke im Glas, bevor der Eigentümer der Stimme sich auf den Sitz ihm gegenüber fallen ließ, ohne eine Zustimmung abzuwarten. Cyril musterte den neuen Fahrgast. Es war nicht gerade der typische Bahnreisende, den er erwartet hatte. Den jungen Mann, der gerade mal aus dem Teenageralter raus sein mußte, hätte er sich besser auf einem Motorrad vorstellen können. Aber vielleicht täuschte auch die Lederkluft. Und die dunklen, gegelten Haare. Und der Ohrring, den der andere trug.
      Der junge Mann fläzte sich mit den Händen in den Jackentaschen auf den Sitz, und Cyril erwartete fast, daß er noch die Füße neben ihm auf den Sitz legen würde, was zu seiner Überraschung aber ausblieb. Innerlich seufzte der alte Sneer. Das hatte ihm gerade noch gefehlt!
      Er versuchte, sich zu entspannen, doch eine merkwürdige Stille war eingetreten, in der er sich unwohl fühlte. Zuerst sah er unbeteiligt aus dem Fenster, dann begann er, das Spiegelbild des jungen Mannes in der Fensterscheibe zu beobachten. Was ihn wohl hierher verschlagen hatte? Zufrieden sah er jedenfalls nicht aus, geschweige denn glücklich. Einen Augenblick überlegte Cyril, ob er ein Gespräch anfangen sollte. Doch über was sollte er mit dem jungen Mann reden? Zwischen ihnen lagen Welten. Bestimmt hatte der Bengel nicht mal Interesse daran, sich etwas von dem alten Mann erzählen zu lassen. Das Schweigen war zwar auch nicht die schönste Atmosphäre, doch immer noch besser als ein erzwungener Smalltalk, der sie beide in Verlegenheit brachte.
      Der Großunternehmer lehnte sich zurück und musterte seinen Gegenüber aus den Augenwinkeln. Bald schon kam er zu dem Schluß, daß es sich wahrscheinlich nicht lohnte, seine Zeit dafür aufzuwenden, weiter über ihn nachzudenken. Das, was der junge Mann ausstrahlte war kaum mehr als Desinteresse. Vermutlich drehten sich seine Interessen nur um Frauen, Motorräder und ein cooles Image; der Inbegriff eines typischen Rebellen. Vielleicht auch noch um Tattoos; wundern würde es den Sneer nicht. Zu wenig, um etwas im Leben daraus zu machen.
      Der Großunternehmer versank in Gedanken und dachte daran, was für ein Glück er gehabt hatte. Sein Sohn war so ganz anders. Cedric war gebildet, intelligent und setzte seinen Verstand für Dinge ein, die ihn weiterbrachten. Vor seinem inneren Auge entstand das Bild von dem jungen Aardvark mit der Brille, der immer ein Lächeln auf den Lippen hatte; und er lächelte wehmütig. Ach, wie sehr wünschte er sich, Cedric würde ihm jetzt hier gegenübersitzen. Mit ihm hätte er wenigstens etwas anfangen können.
      Als die Tür zum Abteil einmal aufgeschoben wurde und wieder zurück ins Schloß fiel, schreckte der Jugendliche Cyril gegenüber plötzlich auf und sah sich um. Erleichtert sank er wieder gegen die Lehne zurück, als er feststellte, daß es lediglich ein anderer Fahrgast gewesen war, der sich einen Platz in einem anderen Abteil suchte.
      Cyril hatte nicht verhindern können, die Reaktion mitzubekommen. Und er konnte eins und eins zusammenzählen. „Sag nicht, du hast keine Fahrkarte!“ ließ er sich ruhig vernehmen.
      „Was geht Sie das denn an?“ gab der Dunkelhaarige bissig zurück.
      Cyril nickte. Die Reaktion war Antwort genug für ihn. „Das ist natürlich sehr cool, gegen die Regeln zu verstoßen!“
      „Was wollen Sie eigentlich von mir? Sie rauchen Zigarre, obwohl das Rauchen in den Zügen verboten ist!“ schoß der junge Mann zurück.
      Cyril entglitten die Gesichtszüge und verschluckte sich fast an seiner Zigarre, so daß er zu husten begann, und möglichst nebenbei seine Zigarre entsorgte. „Was ist es?“ fragte er weiter. „Eine Mutprobe, oder hast du kein Geld?“
      Der andere antwortete nicht. Cyril beobachtete ihn eingehend. Die Art, wie er den Blick schmollend abwandte, legte ihm die zweite Möglichkeit nahe. „Na komm. Mit jemandem, der auch gerne die Regeln bricht, kannst du drüber reden!“ versuchte der Aardvark, ihn aus der Reserve zu locken. „Mein Name ist Cyril. Und wie heißt du?“
      Zuerst dachte der Ältere, der Junge wollte ihm gar nicht antworten. Dann jedoch atmete er leicht durch und antwortete verzagt: „Mikey Randall.“
      „Du hast wirklich kein Geld, oder, Mikey?“ hakte Cyril nach.
      „Kein Geld, keine Familie, kein Zuhause…“ Er machte eine resignierende Geste. „Die Liste können Sie beliebig fortsetzen.“
      „Keine Freunde, keine Perspektive…“
      „So wörtlich habe ich das jetzt auch nicht gemeint!“ warf Mikey ein.
      Cyril schreckte aus den Gedanken. „Oh, Verzeihung. Ich war gerade in Gedanken.“ Er wollte dem Jungen nicht erzählen, daß die Aufzählung in diesem Moment mit Ausnahme des Geldes auch auf ihn zutraf. „Was ist passiert, Mikey? Ich kann mir nicht vorstellen, daß das immer so war.“
      „Naja, das kommt auf die Sichtweise an. Bislang habe ich mit Gelegenheitsjobs mein Garagenappartement bezahlt, nachdem ich bei meiner Mutter rausgeflogen bin.“
      Cyril kniff leicht die Augen zusammen. „»Garagenappartement«!“
      „Sagen Sie nichts! Es war ein wirkliches Zuhause für mich! Zumindest solange, bis ich meinen Job verlor und die Miete nicht mehr zahlen konnte.“ erklärte der junge Mann kategorisch.
      Der Geschäftsmann musterte ihn nachdenklich. „Und dann hast du dich einfach in den Zug gesetzt, und alles zurückgelassen?“ fragte er ungläubig. „Oder was führt dich sonst hier in den Zug?“
      Mikey machte eine resignierende Geste. „Es gab ja nichts, was ich hätte »zurücklassen« können! Das ist alles draufgegangen, damit ich überleben konnte. Ich war gezwungen, alles zu verkaufen: Meine Möbel, meine Gitarre, meine Plattensammlung, mein Motorrad…“
      Cyril legte leicht den Kopf schief. Er hatte sich also nicht geirrt. Und anhand des Tonfalls konnte er ablesen, daß das Motorrad noch die schmerzlichste Entbehrung gewesen war. „Du verstehst etwas von Motorrädern, oder?“
      „Machen Sie Witze?“ Plötzlich kam Leben in Mikey. „Ich habe mein eigenes Motorrad im Schlaf auseinandergebaut und wieder zusammengebaut!“
      Cyril schmunzelte. Das hatte er sich gedacht. „Wie sieht es denn mit einer Ausbildung aus?“
      Mikey stieß leicht die Luft aus. „Ich habe mit Glück meinen Schulabschluß geschafft! Bei den Firmen, bei denen ich mich beworben habe, hatte ich keine Chance.“
      „Aber in der Branche kennst du dich doch aus! Das wär doch sicher etwas für dich!“
      „Sagen Sie mal, rede ich chinesisch? Ich habe gerade erklärt, daß mich niemand haben will! Ich weiß nicht, ob es an der Lederjacke liegt - die übrigens die einzige ist, die ich habe -, oder daran, daß die anderen bessere Zeugnisse haben, oder daß der eine den nächsten kennt, der wiederum jemanden kennt… Fakt ist, ich habe eine Riesensammlung von Absagen, die ich auch noch verkauft hätte, wenn ich gekonnt hätte!“
      Cyril hatte seinen Gesprächspartner in aller Ruhe ausreden lassen, bis er fertig war. Dann erklärte er ruhig: „Ich wollte nicht wissen, was du schon alles erlebt hast, ich wollte wissen, ob dich ein Beruf in der Richtung interessiert!“
      Mikey stockte kurz. „Machen Sie Witze? Ich würde sterben dafür!“ So schnell wie die Euphorie kam, war sie auch schon wieder verflogen, und der junge Mann ließ sich mit einem Schmollen auf dem Sitz zurückfallen. „Aber davon kann ich sowieso nur träumen.“
      Cyril schwieg bedächtig. Der junge Rebell erinnerte ihn an jemanden, den er kannte. Und aus irgendeinem Grund war er ihm doch gar nicht so unsympathisch…
      Er wachte aus seinen Gedanken, als der Junge aufschreckte und sh sich schnell zur anderen Seite des Abteils um. Dort kam gerade der Fahrkartenschaffner und kontrollierte die Karten.
      Mikey schob sich bereits aus der Bank, als ein rosa Fuß ihm den Weg versperrte. als er aufsah, sah er in den konsequenten Blick von Cyril Sneer. „Du bleibst sitzen!“
      Mikey biß die Zähne zusammen. „Herzlichen Dank!“ stieß er sarkastisch hervor. „Das habe ich in der Schule auch immer zu hören bekommen!“
      Cyril kommentierte es lediglich mit einem tiefgründigen Schmunzeln. Zumindest aber war Mikey so vernünftig, sich in das unvermeidliche zu fügen, zumal der Schaffner immer näher kam, und jetzt bald bei ihnen sein würde.
      „Guten Abend! Ihre Fahrkarten bitte!“ sagte der stämmige Mann gerade, der jetzt ihr Abteil erreicht hatte.
      Cyril hielt ihm lächelnd sein Ticket hin und ignorierte den frustrierten und beschämten Blick seines Gegenübers. „Der Junge fährt auf meinem Businessticket mit!“ Der Fahrkartenschaffner stockte merklich und sah den Multimillionär argwöhnisch an, als der ihm sein Ticket hinhielt. „Was ist? Wollen Sie es nicht entwerten?“ fragte der Großunternehmer ungehalten. „Sie sehen doch, daß ich auf dem Businessticket eine weitere Person mitnehmen kann!“
      Der Schaffner sagte kein Wort, entwertete das Ticket und gab es Cyril zurück; nicht ohne Mikey einen argwöhnischen Blick zuzuwerfen, bevor er weiterging. Cyril ließ ihn nicht aus den Augen, bis er das Abteil verlassen hatte.
      Mikey lugte um das Polster der Sitzbank herum, bis sie wieder allein waren, und wandte sich dann dem pinken Geschäftsmann wieder zu. „Warum haben Sie das gemacht?“
      Cyril ließ sich ein kleines Schmunzeln vernehmen. „Weil wir uns beide nicht so unähnlich sind, wie man zuerst glauben mag.“
      Mikey stockte merklich. „Wie… meinen Sie das?“
      Cyril machte eine unbestimmte Geste. „Du bist weggelaufen, ich bin weggelaufen. Du hast gegen die Regeln verstoßen, ich habe gegen die Regeln verstoßen. Du hast mich gerettet, jetzt habe ich dich gerettet. Du bist an diesem Weihnachten nicht bei deiner Familie, ich bin es auch nicht. Und wir sitzen beide in diesem Zug. – Das ist schon eine Menge, nicht wahr?“
      Mit einem Mal mußte selbst der Rebell schmunzeln. „Sie können sich ein Businessticket leisten, und ich habe nicht mal mehr Geld, um mir einen Kaffee zu kaufen. – Fahren Sie immer mit Businesstickets?“
      Cyril nickte. „Ich bin Großunternehmer. Und auf Geschäftsreisen kommt es häufig vor, daß ich mal einen potentiellen Kunden oder Partner auf der Karte mitreisen lassen muß. Dadurch, daß ich ein gewisses Quantum ausgeschöpft habe, bekomme ich Prozente auf Businesstickets, deswegen ist es für mich billiger als ein normales.“
      Mikey staunte, und jetzt war es ihm sichtlich unangenehm, daß der Geschäftsmann ihn rausgehauen hatte. „Ähm, danke…“ brachte er ein wenig verschämt hervor.
      „Nichts für ungut!“ Cyril sah zur Uhr, dann aus dem Fenster. „Weißt du was? Hier steigen wir aus!“
      Mikey machte eine unbestimmte Geste. „Sie sind der Boss! Ohne Sie fahre ich schwarz!“
      Cyril lächelte und ließ die Augenbrauen ein paar Mal in die Höhe schnellen. „Und hör auf, mich zu siezen!“ sagte er, kurz bevor er in den Gang ging.
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