Bonnie & Twill - Die Plage bricht aus

von Melissi
KurzgeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12
Bonnie Twill
06.12.2014
06.12.2014
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Mein Beitrag für die zweite Runde des Fandomturniers 2014/2015 von Pooky.
Ein One-Shot zum Thema »Die Plage bricht aus!«



»Tut mir Leid, dass ich zu spät bin, Mrs. Johnson«, rief Bonnie und rannte zu Twill, die am Ende der Straße auf sie wartete.
   »Dir muss es nicht Leid tun. Mir ist es egal, ob wir zu spät zur Textilfabrik kommen, solange du in unserer momentanen Lage nicht alleine umherirrst.«
   Es war vor ein paar Wochen geschehen. Distrikt 8 hatte sich gegen das Kapitol aufgelehnt. Die Erwachsenen sind ihrer Arbeit nicht mehr nachgegangen und die Kinder haben die Schule ausfallen lassen. Als das Kapitol dann Wind davon bekam, schickte es Hovercrafts nach 8 und zerstörte einige Wohnblöcke und den Süßigkeitenladen am Rande des Distrikts, auf welchen die Bewohner von 8 besonders stolz waren. An diesem Tag beschloss Twill mit ihrem Mann zu fliehen. ›Wir können dich leider nicht mitnehmen‹, hatte sie damals zu Bonnie gesagt. Sie sagte, es würde ihr nichts ausmachen, doch man sah ihr die Betroffenheit an. Immer wenn Twill davon schwärmte, dass sie bald weg aus 8 sein würden, bekam Bonnie eines Kloß im Hals. Sie hatte Twill echt gerne. Nach dem Tod ihrer Mutter vor ein paar Jahren wurde sie zu einer Art Ersatzmutter für Bonnie. Sie wollte sich nicht vorstellen, dass sie bald nicht mehr bei ihr in Distrikt 8 sein würde, sondern in 13.
   Distrikt 13 wurde eigentlich vor gut 75 Jahren vom Kapitol zerstört, doch viele aus 8 glaubten das schon lange nicht mehr. Dazu gehörten auch Bonnie und Twill, sowie ihr Mann. Denn das Kapitol verwendete immer die stets gleichen Aufnahmen und verkauften sie immer als die Aktuellsten. Woher sie das wussten? An den Flügeln des Spotttölpels, die jedes Mal auf´s Neue in der Ecke des Bildschirmes zu sehen waren.
   Eilig hasteten die beiden los zur Fabrik, die noch in weiter Ferne lag. Nur mit Mühe kam Bonnie hinterher. Sie hatte einfach viel zu kurze Beine, sagte sie immer.
   »Hast du auch alles dabei, Bonnie?«, fragte Twill ihre Schülerin.
   »Ja«, hechelte Bonnie und legte einen Sprint ein, um Twill nicht aus den Augen zu verlieren, die sich einige Meter vor ihr durch die Menge von Menschen quetschte, die dabei waren ihre Karten abzuholen.
   Es waren kleine gelbe Karten, die jeder der Arbeiter benötigte, um in die Textilfabriken gelangen zu können. Die Karten waren vor einigen Jahren eingeführt worden, da immer mehr Leute in die Fabriken eingedrungen waren, um dort zu übernachten oder Textilien zu stehlen. Seither benötigten die Leute diese Karten, welche sie einfach nur in den Kartenschlitz, der an jeder Fabrik angebracht war, zu stecken brauchten, damit sich die Türen öffneten.
   Diejenigen, die ihre Karten verloren hatten, konnten sich vor einigen Wochen eine Neue ins Postgeschäft liefern lassen. Deswegen drängelten sich alle in den Laden wie hungrige Wölfe, die nach frischem Fleisch gierten.
   »Twill, warte!«, rief Bonnie bevor Twill zwischen den Köpfen verschwand. Diese drehte sich um und lief zurück zu Bonnie, die vor der Menschenmasse stehen geblieben war.
   »Was ist denn los? Wir sind schon viel zu spät«, drängte Twill.
   »Ich habe meine Karte vergessen«, erklärte Bonnie und sagte dann, »Ich muss mir schnell meine Neue holen.«
   »Hast du dir etwa auch eine liefern lassen?«, fragte Twill ihren Schützling mahnend.
   Zaghaft und fast unmerklich fing Bonnie an zu nicken.
   »Das ist dir doch verboten worden! Aber gut, hole dir schnell deine Karte«, raunte Twill leicht genervt und ließ Bonnie in den überfüllten Laden huschen.
   Es war Bonnie tatsächlich verboten worden, neue Exemplare dieser gelben Karten zu bestellen. Sie war sehr unachtsam und verlor ständig die Plastikkärtchen, weswegen sie ermahnt wurde, sie solle sich nicht so häufig Neue liefern lassen. Sie tat es dennoch.
   Sie drängte sich durch die Leute und quetschte sich vor die Ladentheke. Die Leute hinter ihr, die schon länger auf ihre Karten warteten, pöbelten sie an und beschwerten sich, ließen ihren Frust an andere Kunden aus.
   »Bonnie, Bonnie, Bonnie … Du hast doch nicht schon wieder eine bestellt, oder?«, brummte der schlaksige Mann hinter der Theke. Er schlug ein großes Buch auf, welches vor ihm lag und suchte nach Bonnies Namen in der Bestellliste.
   »Ah, hier. Bonnie Gimpson«, murmelte der Mann und schaute Bonnie dann mahnend in die Augen. »Das letzte Mal, dass ich dir die hier aushändige«, meinte er und drückte ihr die gelbe Karte in die Hand.
   Dankend nickte Bonnie dem Mann zu und drängelte sich dann raus aus dem Laden, zurück zu Twill, die schon ungeduldig geworden war. Sie winkte mit der Karte, die deutlich in ihrer Hand zu erkennen war, Twill zu und schob sie dann in ihre Jackentasche.
   »Jetzt müssen wir uns aber wirklich beeilen«, drängte Twill und marschierte los. Wieder kam Bonnie nur mit Mühe hinterher und hatte schon nach 50 Metern keine Kraft mehr zum Laufen.
   »Twill! Twill … ich brauche eine Pause«, keuchte sie und stützte sich auf ihren Knien ab.
   Laufsport lag ihr einfach nicht so.
   »Wir müssen aber weiter. Wir sind schon viel zu spät. Wir können noch so sehr ackern, sie werden uns den Lohn kürzen«, behauptete Twill, die einige Meter vor Bonnie stehen geblieben war.
   »Ich kann aber nicht mehr, meine Beine krampfen. Können wir bitte eine ganz kurze Pause einlegen? Bitte«, flehte Bonnie und versuchte zu Atem zu kommen.
   »Wir können uns keine Pause leisten, du musst lernen deinen inneren Schweinehund zu überwinden«, beteuerte Twill. »Die Fabrik ist noch nicht einmal zu sehen.«
   Das stimmte. Mann konnte zwar die grauen Rauchschwaden in den Himmel gleiten sehen, aber die konnten auch von jedem anderen Gebäude stammen.
   Twill lief wieder los, die leeren Straßen entlang. Bonnie war noch völlig außer Atem, versuchte aber trotzdem hinter ihr her zu hechten, die eine Hand in der Jackentasche, damit die gelbe Plastikkarte gar nicht die Möglichkeit dazu hatte herauszufallen, die andere wischte den Schweiß von der Stirn.
   Zu Bonnies Glück kamen die Beiden schnell wieder zum Stillstand. Einige Männer trugen eine Ladung neuer Stoffe in eine Fabrik und sie mussten erst warten bis diese die Straße passiert hatten, damit sie weiter laufen konnten.
   Als die Beiden gerade losrennen wollten, wurde es auf einmal lauter auf den Straßen und befüllter. Immer mehr Menschen kamen panisch auf die Straßen gerannt. Doch warum?

   Auf einmal ein lauter Knall. Bonnie und Twill schauten sich erschrocken in die Augen und plötzlich kamen von überall Friedenswächter.
   »Was ist passiert?«, fragte Bonnie angsterfüllt, schaute in die panischen Augen von Twill.
   Dann noch ein ohrenbetäubender Knall und weitere Friedenswächter. Tränen schossen in Twills Augen, sie wusste sofort, was los war.
   »Sie … sie müssen die Fabrik angegriffen haben«, stotterte Twill und fing an zu schluchzen.
   »Hey, es ist alles okay. Wir sind hier in Sicherheit«, versuchte Bonnie ihre Lehrerin zu beruhigen, doch diese fing panisch an zu schreien: »George war schon vorgegangen! Er war schon da!«
   Wie auf ein Kommando liefen beide los und versuchten sich durch die vielen Friedenswächter zu drängeln, um die Fabrik zu erreichen. Das Laufen kam Bonnie diesmal nicht so anstrengend vor wie vorher. Wahrscheinlich, weil sie diesmal einen wirklich triftigen Grund zu rennen hatte.
   Es war ein mühsamer Weg und die Beiden nahmen einige Umwege, um nicht an jeder Ecke von Friedenswächtern aufgehalten zu werden. Durch einige Nebenstraßen schafften sie es nur knapp, denn überall pferchten die Friedenswächter Familien aus ihren Häusern, um sie auf den Justizplatz zu bringen. Vielleicht weil das Kapitol gedacht hatte, dass wieder ein Aufstand angezettelt wird.
   Als vier Friedenswächter eine alte Frau und fünf Kinder aus einer halben Ruine schubsten, wurden Bonnie und Twill ein paar Straßen weiter mit zum Justizplatz geführt, weg von der Fabrik. Nur mit Mühe schafften sie es zu entkommen und die Friedenswächter riefen ihnen nur hinterher, dass sie dort nichts finden würden, weil alles zerbombt sei. Doch die Beiden liefen weiter, drängten sich durch die Plage von Friedenswächtern, die mit der Zeit immer weniger wurden.
   Als sie es zur Fabrik schafften, stieß Bonnie einen erstickten Laut aus. Die Fabrik war komplett zerstört worden. Die Beiden kämpften sich durch die Betonbrocken und Körperteile, die den Arbeitern weggesprengt wurden. Keiner überlebte.
   Twill schluchzte fast unmerklich. Ihr Mann war also tatsächlich gestorben. Ihre Hochzeit war so schön gewesen und sie und ihr Mann passten so gut zusammen, es war echt traurig
   »Die Uniformen«, murmelte Twill plötzlich und bahnte sich einen Weg zum Lager, wo sie die beiden Friedenswächter-Uniformen, die sie und Bonnie anfertigten, für sich und ihren Mann versteckt hatte.
   Bonnie folgte ihr und als die beiden im ehemaligen Lager ankamen, fingen sie wie wild an nach den Uniformen zu suchen. Sie mussten Trümmer wegtragen und zwischen all den Stoffen nach zwei unauffälligen Friedenswächter-Uniformen suchen.
   »Ich glaube, hier sind sie … Ja, Twill, das sind sie!«, rief Bonnie und winkte ihre Lehrerin zu sich. Sie zog die beiden Uniformen, die unter einem Betonbrocken eingeklemmt waren, hervor und hielt sie Twill hin. Twill nahm die größere Uniform der beiden und befahl Bonnie, in die andere zu schlüpfen.
   »Ich soll sie anziehen?«, hakte Bonnie nach und schaute Twill, die schon dabei war sich die Uniform anzuziehen, ungläubig an.
   »Ja, du wolltest doch sowieso mit nach 13, oder? Also, mach schnell«, reglementierte Twill und setzte sich den Helm auf, der einige Meter neben den Uniformen lag.
   »Ach, und nimm die hier«, sagte Twill und hielt ihrer Schülerin eine kleine Provianttasche hin, welche diese in ihre Hose steckte.
   »Was ist da drinnen?«, fragte Bonnie neugierig.
   »Ein wenig Essen und die Kräcker, die wir gebacken haben«, erklärte Twill.
   »Die mit den Spotttölpeln?«, hakte Bonnie nach und ihre Lehrerin nickte nur.
   Als auch Bonnie sich ihre Uniform angezogen hatte, warf Twill ihr auch einen Helm zu, welchen Bonnie nur mit Glück auffing. Die Uniform war ihr viel zu groß. In die Stiefel passte sie bestimmt zweimal rein und die Ärmel musste sie ganz weit hochkrempeln, damit ihre behandschuhten Hände überhaupt zum Vorschein kamen.
   »Diese Hitze ist unerträglich. Der Stoff ist so dick und ich schwitze die ganze Zeit«, stöhnte Bonnie, doch Twill sagte nur, dass sie los müssten.
   Die Beiden kämpften sich wieder raus aus der zerstörten Fabrik und versuchten so schnell und unauffällig wie möglich zum Justizplatz zu gelangen.
   Als sie erst ein paar Minuten Richtung Platz liefen, ertönte plötzlich eine tiefe und raue Stimme hinter den Zweien: »Jayden, Smith? Wurden sie nicht beordert die Grenzpatrouille am Bahnhof zu unterstützen?«
   Die Beiden drehten sich um. Sie standen direkt vor dem Obersten Friedenswächter von 8.
   »Doch, doch. Wir hatten aber Stimmen gehört und wollten nur sicher gehen, ob sich wirklich Keiner in den Trümmern versteckt hat.«, spielte Twill mit und verstellte ihre Stimme beim Sprechen.
   »Nun gut. Dann beeilen sie sich jetzt aber, sie werden gebraucht«, befahl der Friedenswächter und Bonnie und Twill machten sich auf den Weg Richtung Bahnhof.
   Es war nicht weit bis zum Bahnhof, aber durch die viel zu große Uniform, die Bonnie trug, brauchten die Beiden relativ lange, bis sie die Schienen erreichten. Twill eilte zu einem Friedenswächter und Bonnie versuchte hinterher zu kommen.
   »Jayden und Smith. Wo sollen wir uns aufstellen?«, fragte Twill mit der verstellten Stimme.
   »Wird aber auch Zeit! Sie sollen sich am Rande des Distrikts positionieren, beeilen sie sich«, teilte er ihnen mit.
   Als die Beiden losgingen, kam der Friedenswächter mit ihnen. Hatte er etwas gemerkt? Waren sie aufgeflogen?
   Sie versuchten sich so unauffällig wie möglich zu verhalten und so schnell es geht am Ziel anzukommen, doch Bonnie war zu langsam und hing immer hinterher.
   Der Friedenswächter brummte genervt und schubste Bonnie nach vorne, wodurch diese stolperte und ihr Fuß in den zu großen Schuhen umknickte. Sie verzog ihr Gesicht und biss sich auf die Lippe um einen Schmerzensschrei zu unterdrücken.
   Als sie ankamen und Bonnie hinterhergehinkt kam, drückte der Friedenswächter ihnen Gewehre in die Hände und ließ die Zwei allein.
   Ungefähr 100 Meter entfernt standen die nächsten Friedenswächter, schenkten ihnen aber keinerlei Beachtung.
   »Wie geht es deinem Fuß?«, fragte Twill mitfühlend.
   »Ich glaube er ist verstaucht, er schwillt an«, stöhnt Bonnie.
   »Dann benutze das Gewehr als Krücke, wir gehen los«, erklärte Twill und die Beiden machten sich auf den Weg in den Wald. Sie benutzten die Schienen als Wegweiser. Anfangs sind sie fast gelaufen, doch um so länger sie unterwegs waren, um so sicherer fühlten sie sich und wurden langsamer, was vor allem Bonnies Knöchel zu Gute kam.  

   In den letzten Tagen waren Bonnie und Twill in den Wäldern umhergeirrt.
   In den ersten zwei Tagen waren sie gut voran gekommen, doch als ihre Vorräte bis auf einen letzten Kräcker aufgebraucht waren, hatten sie Rast gemacht. Im Wald hatten sie eine verlassene Hütte nahe eines Sees gefunden. Bonnie hatte sich vor den Kamin, der im Betonhaus stand, gehockt und hat über der lodernden Flamme, die sie entfacht hatte, Tee aus Kiefernnadeln gekocht.
   Draußen hatte Twill noch mehr Kiefernnadeln gesammelt, als sie plötzlich jemanden gesehen hatte. Sie hatte an dem Bogen und den Pfeilen erkannt, dass es Katniss Everdeen, das Mädchen, das in Flammen stand, war. Als diese Twill schon hatte abschießen wollen, hatte Twill der Siegerin den Kräcker mit dem Spotttölpel darauf gezeigt, sodass die Siegerin den Bogen hatte sinken lassen.
   Bonnie hatte das Schauspiel draußen mitbekommen und kam herausgehumpelt, das Gewehr als Krücke. Sie hatte Katniss erklärt, dass das Zeichen bedeutete, dass sie auf ihrer Seite waren.
   Katniss hatte gefragt, wer die Zwei waren und die Beiden hatten sich daraufhin vorgestellt.
   Die Siegerin hatte die Zwei ausgefragt. Woher sie die Uniformen hatten, was der Spotttölpel zu bedeuten hatte und was sie nun vorhatten.
   Bonnie und Twill hatten auf jede Frage eine Antwort, erzählten, dass sie die Uniformen aus der Fabrik gestohlen hatten, in der sie beide arbeiteten und, dass Bonnies Uniform eigentlich für Twills verstorbenen Mann vorgesehen war. Sie hatten ihr anvertraut, dass es in Distrikt 8 Aufstände gegeben hatte und sie deshalb auf der Flucht waren. Und sie hatten erzählt, dass sie auf den Weg nach Distrikt 13 waren, was Katniss überraschte, da es hieß, dass Distrikt 13 vor 75 Jahren vom Kapitol ausgelöscht wurde.
   Als Bonnie dann erzählt hatte, dass ihr Knöchel verstaucht sei, hatte das Mädchen, das in Flammen stand, Twill das Gewehr aus der Hand gerissen und die Beiden ins Betonhaus gescheucht. Im Haus hatte Katniss eine prallgefüllte Tasche fallen lassen, die voll gewesen war mit Essen. Sie hatte Bonnie und Twill jeweils ein Käsebrötchen gegeben, die sie ungläubig und unfassbar dankbar angenommen hatten.
   Bonnie und Twill hatten Katniss erzählt wie sie geflohen waren und hatten dabei ihre Brötchen verschlungen.
   Dann hatte Katniss gefragt, was die Beiden in Distrikt 13 erwarte und sie hatten ihr von ihrer Theorie erzählt. Sie sagten, dass es immer dieselben Aufnahmen seien, die das Kapitol zeigte und, dass sie es an dem immer gleichen Spotttölpel erkannten.
   Katniss hatte die Beiden für verrückt erklärt, hatte ihnen aber dennoch geholfen und neue Sachen beigebracht. Sie hatte Twill gezeigt mit Hilfe einer Glasscherbe, die sie und Katniss gefunden hatten, und der Sonne ein Tier zu töten und es zu häuten und die verkohlte Stelle dann zu entfernen. Bonnie hatte sie eine neue Krücke aus einem starken Ast geschnitzt und ihr beigebracht ein richtiges Feuer zu entfachen.
   Sie hatte ihnen ihre Provianttasche und ein weiteres Paar Socken für Bonnie dagelassen und verabschiedete sich dann von ihnen. Es war ein ganz herzlicher Abschied und Bonnie hatte sogar Tränen in den Augen bekommen.
   Jetzt hockten die Beiden im hohen Schnee und das Holzstück neben ihnen glimmte nur noch leicht. Sie froren. Die Nächte wurden immer kälter und es wurde immer schwieriger ein Feuer zu entzünden. Die Zwei hielten sich an den Händen und es war nichts zu hören außer das leise Klappern von Bonnies Zähnen. Bei jedem Ausatmen wich ein kleines bisschen mehr Wärme aus ihren Körpern und verflüchtigte sich in der eisigen Luft.
   »T-twill, ich w-w-wollte dir nur s-sagen, dass du wie eine Ersatzm-m-mutter für mich bist«, krächzte Bonnie und ihr fingen an heiße Tränen über die Wangen zu laufen.
   »I-ich weiß ...«, stotterte Twill und versuchte zu lächeln, wobei ihre spröden Lippen aufrissen und ganz leicht anfingen zu bluten.
   »Und f-f-für mich bist d-du wie eine T-tochter.«, sagte Twill und brachte auch Bonnie ein unbeholfenes Lächeln auf die Lippen.
   Mit zitternden Händen holte Bonnie eine Schachtel Streichhölzer aus ihrer Tasche und versuchte das glimmende Holzstück neu zu entzünden. Sie fuhr mit einem Zündholz immer öfter über die Reibefäche, doch das Streichholz fing kein Feuer.
   »H-hey, ist gut … Wir werden das schon irgendwie schaffen, auch ohne Feuer. D-distrikt 13 kann nicht mehr weit sein«, versuchte Twill ihrem Schützling Mut zu machen.
   »F-für wie blöd hältst du m-mich eigentlich? Ich weiß, dass wir es niemals nach 13 schaffen werden«, murmelte Bonnie und schniefte lautstark.
   »Erinnerst du dich noch an das Lied, was ihr letztes Jahr in der Schule gelernt hattet?

Zeigt her eure Kleider, zeigt her eure Schuh',
Und seht den fleiß'gen Waschfrauen zu:
Sie waschen, sie waschen,
Sie waschen den ganzen Tag!

Zeigt her eure Kleider, zeigt her eure Schuh',
Und seht den fleiß'gen Waschfrauen zu:
Sie spülen, sie spülen,
Sie spülen den ganzen Tag!

Zeigt her eure Kleider, zeigt her eure Schuh',
Und seht den fleiß'gen Waschfrauen zu:
Sie wringen, sie wringen,
Sie wringen den ganzen Tag!

Zeigt her eure Kleider, zeigt her eure Schuh',
Und seht den fleiß'gen Waschfrauen zu:
Sie hängen, sie hängen,
Sie hängen den ganzen Tag!

Zeigt her eure Kleider, zeigt her eure Schuh',
Und seht den fleiß'gen Waschfrauen zu:
Sie bügeln, sie bügeln,
Sie bügeln den ganzen Tag!

Zeigt her eure Kleider, zeigt her eure Schuh',
Und seht den fleiß'gen Waschfrauen zu:
Sie schwatzen, sie schwatzen,
Sie schwatzen den ganzen Tag!

Zeigt her eure Kleider, zeigt her eure Schuh',
Und seht den fleiß'gen Waschfrauen zu:
Sie ruhen, sie ruhen,
Sie ruhen den ganzen Tag!


   Und, kannst du dich noch daran erinnern?«, fragte Twill Bonnie. Bonnie nickte und Twill drückte ihr einen Kuss auf die Stirn.
   »Dann summe es«, war das Letzte was Twill sagte bevor sie einschlief. Bonnie wusste, dass Twill nie wieder aufwachen würde und summte das Lied, weil es der letzte Wunsch ihrer Lehrerin, Freundin und Mutter war. Sie summte es solange bis auch sie einschlief.
   Die beiden schliefen für immer und der Schnee, der Tag für Tag auf sie herabrieselte wie feine weiße Blüten, stellte die Blumendekoration auf dem Grab zweier Menschen dar, die wie Mutter und Tochter waren.
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