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Maria

von nighty
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
06.12.2014
06.12.2014
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1.933
 
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Maria

Feuer und Rauch, riesige Flammensäulen, die wie Signalfeuer bis in den von Rauch verdunkelten Himmel ragten …..Schreie der Wut, der Verzweiflung …… des Sterbens……. Kampflärm erfüllte die Luft und das Stampfen tausender Stiefel ließ den Boden erzittern …

Gehetzte Augen sahen von ihrem Versteck auf die Straße. Große, schwere Holzkisten hatten sie geschützt vor den Häschern in ihren zerschrammten Rüstungen. Die Augen hatten gesehen, wie gnadenlos die fremden Soldaten mit ihren altertümlichen Waffen ohne Ausnahme jeden töteten, dessen sie habhaft wurden.

Zuerst waren die Männer gefallen, die die Stadt verteidigten und dann, als die Linie der Krieger schwankte und sich auflöste unter der Angriffslust der Fremden, ihre Familien. Ihr Vater hatte sie hinter den Holzkisten versteckt, ihr befohlen zu warten, bevor er sich wieder in den Kampf stürzte.

Sie hatte gewartet, die Hände auf die Ohren gepresst, die Knie fest gegen den Körper gezogen, das Gesicht darin vergraben. Ihr Geist betete verzweifelt. Lautlos bewegten sich ihre Lippen, als sie das Gebet sprachen. `Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus.

Heilige Maria, Mutter Gottes,
bitte für uns Sünder
jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Amen.

Lange hatte sie gewartet und gebetet, aber ihr Vater kam nicht zurück um sie zu holen, wie er es versprochen hatte. Die Nacht war gekommen. Stille war eingekehrt, als sie sich aus ihrem Versteck hervor wagte. Kleine Feuer brannten noch und tauchten die Straße, die sie entlang ging, in blutrotes Licht, in dem sie sich ihren Weg suchte.

Die breite Straße war gesäumt von unzähligen Leichen, Männer, Frauen und Kindern. Entsetzt huschten ihre Augen angesichts des Massakers, das die fremden Soldaten angerichtet hatten, hin und her, deswegen sah sie nicht die Leiche, stolperte über sie und fiel der Länge nach hin. Benommen richtete sie sich auf und stützte sich auf ihre Hände.

Erschrocken schlug sie die Hand vor den Mund, um den Schreckensschrei zu unterdrücken, der sich angesichts der furchtbar zugerichteten Leiche, ihr entfliehen wollte. Die Leiche war eine junge Frau, kaum älter als sie selber. Man hatte ihren Bauch aufgeschlitzt, sodass die Eingeweide aus ihr herausquollen, aber das wahrlich Entsetzlichere lag neben ihr.

Oh Gott, der Feind hatte ihr das Kind aus dem Bauch geschnitten und mit seiner eigenen Nabelschnur erwürgt. Wie um sie noch zu verhöhnen hatte der Feind ihr das tote Kind in den Arm gelegt. Verzweifelt presste sie die Hand auf den Mund, nicht mehr, um sich selber am schreien zu hindern, sondern um den Würgereiz zu bekämpfen, aber sie verlor und erbrach sich. Nach ein paar Minuten stand sie schwankend und erschöpft auf. Mit zittriger Hand wischte sie sich den Mund ab. Tot, sie waren alle tot.

Alle.

Warum? Warum hatte ihr Volk sterben müssen? Warum?

Sie sah sich um und erkannte, dass sie vor der Kirche stand, die die Mönche des Jesuiten-Ordens errichtet hatten. Die Bauarbeiten waren fast abgeschlossen.

Gott!

Warum hatte Gott ihre Gebete nicht erhört? Warum hatte Gott ihr Volk verlassen?

Sie würde ihn fragen… Warum?

Mit einem Krachen flogen die schweren Holztüren gegen die Wand. Laut hallten ihre Schritte als Echo in dem hohen Raum wieder, als die Frau an den einfachen Holzbänken vorbei lief. Vor dem Altar blieb sie stehen und hob das von Blut und schwarzem Rauch verschmierte Gesicht hoch zu dem Kreuz.

„Warum?“

Zornig starrte sie den gekreuzigten Mann an. „Warum hast du das zugelassen?“, schrie sie ihn an. „Ich habe zu dir gebetet! Er meinte, dass du allmächtig bist!“ Mit ‚er’ meinte sie Pater Fresenius, der sie das Gebet gelehrt hatte. Ein Jesuit, dem es nach vielen Jahren gelungen war, dem Rat die Erlaubnis abzuringen, seinen Orden in der Stadt eine kleine Kirche bauen zu lassen, um von dort aus ihrem Volk den Glauben an seinen Gott zu verkünden. „Er sagte, dass auch wir deine Kinder sind und dass du uns liebst!“ Mit jedem Wort war ihre Stimme lauter geworden und gab ihrem Schmerz Raum.

„Kind, versündige dich nicht gegen Gott.“, ermahnte sie eine schwache Stimme.

„Pater Fresenius.“, erkannte sie die Stimme. Die junge Frau drehte sich einmal herum, erst dann sah sie die Füße des Paters, die in einfachen Sandalen steckten und an einer Seite des Altars hervor sahen. Sie eilte an seine Seite und kniete neben ihm nieder. Der Pater lag in einer großen Blutlache. Er ergriff ihre Hand und wiederholte. „Kind, versündige dich nicht gegen Gott. In seinem Wille ist er unergründlich.“

„Das ist keine Antwort auf meine Frage, Pater.“, protestierte sie und drückte seine Hand fest. „Warum?“

Pater Fresenius ächzte leise, als er seine Hand hob und ihr eine widerspenstige Haarlocke aus dem Gesicht strich. „Bete mit mir!“, bat der sterbende Mann. Trotz ihres tiefen Zorns konnte sie das dem Sterbenden nicht abschlagen. Sie schloss die Augen und gemeinsam begannen sie zu beten.

Vater unser, der Du bist im Himmel,
Geheiligt werde Dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel also auch auf Erden.
Unser täglich Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Übel.
Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

„Amen!“, beendete sie einen Augenblick später als der Pater. Sie legte seine erschlaffte Hand auf die Brust des Toten. Er konnte ihre Frage nicht mehr beantworten. Sie erhob sich und trat hinter den Altar, dicht an das Kreuz.

„Warum?“ Ihre Augen starrten unnachgiebig, wie ihre Wut auf den gekreuzigten Mann.

„Warum? Das ist eine gute Frage.“, erklang eine tiefe, angenehme Stimme hinter ihr, die sie herumfahren ließ. Auf einer Holzbank saß ein Mann mit schwarzen, kurzen Haaren und dunklen Augen, die sie leicht spöttisch ansahen.

Angst überlagerte den lodernden Zorn in ihren Augen und veranlasste den Mann, die Hände zu heben, um zu zeigen, dass er nicht bewaffnet war. Er sagte beruhigend. „Habe keine Angst vor mir. Ich will dir nichts tun.“

Seine Worte wirkten keineswegs beruhigend auf die Frau, die auf einmal wie durch Zauberhand ein Messer in ihrer Hand hielt und sich leicht duckte. Sie erwartete seinen Angriff und leicht würde sie es ihm nicht machen. Bis zum letzten Atemzug würde sie ihr Leben verteidigen. Der Mann lächelte. „Widerspenstig bis zuletzt.“

Zornig knurrte sie und fragte. „Was gibt es zu lachen?“

„Ich bewundere Frauen mit Überlebensinstinkt.“, überging er ihre angriffslustige Frage und verschränkte die Arme vor der Brust und lehnte sich entspannt ein wenig zurück.

Seine Lässigkeit und sein Kompliment verunsicherten die Frau und sie ließ das Messer sinken. „Wer bist du?“ Ihre dunkelbraunen Augen musterten den Mann misstrauisch. Er war gekleidet wie ein Krieger, aber weder an ihm, noch an seiner Kleidung waren Spuren des Kampfes zu sehen, der vor Stunden noch in den Straßen getobt hatte. Dann wurde es ihr klar. Der Mann hatte überlebt, weil er sich feige versteckt hatte, wie sie.

Feigling, ja, sie war ein Feigling. Ein schwächlicher Feigling, der den Worten eines fremden Glaubens gefolgt war, der nur von Liebe sprach. Liebe, verächtlich schnaubte sie, die von einem verlangte, die andere Wange hinzuhalten, wenn man geschlagen wurde. Wie hatte sie das nur glauben können? Der Kampf war die Lebensregel ihres Volkes, unbeugsam und immer aufs eigene Überleben bedacht.

„Gott gab mir den Namen Luzifer, aber ich bevorzuge es, Luzius genannt zu werden!“, beantwortete er ihre Frage

„Gott gab dir deinen Namen?“ Ungläubig öffneten sich ihre Augen ein wenig.

„Ja, Gott gab jedem seiner Engel einen Namen.“

„Engel? Pater Fresenius erzählte mir von den Engeln. Sie sind seine Botschafter, die Übermittelter seiner Worte. Bringst du mir die Antwort auf meine Frage?“ Zornig richtete sie sich auf. „Warum hat Gott den Mord an meinem Volk zugelassen?“

Langsam stand der hochgewachsene Mann von der Holzbank auf und kam näher. Dicht vor ihr blieb er stehen. „Soviel Schmerz in solch einem schönen Gesicht.“, murmelte er in die Schönheit der Frau versunken. Er schloss die Augen und sog ihren Geruch ein. „Es ist lange her, dass ich Schönheit gerochen habe.“

Das Verhalten des Engels irritierte die Frau erheblich. Sie trat einen Schritt zurück und hob fragend die Augenbraue. „Ich warte!“

Luzius lächelte. Die Angst war aus ihrem Duft verschwunden und in ihrer Seele fühlte er nur noch Wut und Hass, nicht anderes. So war es richtig. Er sah an ihr vorbei. „Hast du gewusst, dass Gott seinen eigenen Sohn geopfert hat, damit dieser durch seinen Tod, die Sünden aller Menschen auf sich nehme?“

„Gott hat seinen eigenen Sohn geopfert?“, fragte die Frau fassungslos nach. Ernst nickte Luzius und wartete wie seine wohlgewählten Worte aufgingen. „Wie kann ein Vater sein eigenes Kind opfern?“ Verständnislos schüttelte sie den Kopf. „Pater Fresenius hat immer nur von der immerwährenden Liebe Gottes zu seinen Kindern gesprochen.“

„Sie nennen den Tag Karfreitag. Sein Todestag ist einer ihrer höchsten Feiertage.“ Luzius warf einen verächtlichen Blick auf die Leiche von Pater Fresenius.

Sie war kurz seinem Blick mit ihren Augen gefolgt, dann hob sie den Kopf und drehte sich zu dem Kreuz an der Wand und betrachtete es und flüsterte verstehend. „So ist er gestorben!“

„Kein schöner Tod!“, bestätigte Luzius. Sie sah das zufriedene Lächeln nicht, das kurz seine Lippen umspielte.

Als sie sich wieder zu Luzius umdrehte, war nur noch Kälte in ihrem Blick zu lesen. „Ich habe eine Botschaft für deinen Gott, Engel.“ Luzius legte den Kopf leicht fragend zur Seite. „Sag deinem Gott, dass ich ihn hasse.“ Der Gesichtsausdruck des Engels blieb unbewegt. Kein Widerspruch. Sie hob die Hand und ballte sie zur Faust. „Ich schwöre beim geflossenen Blut meines Volkes, ich werde einen Weg finden, um mich zu rächen, egal, was es mich kosten wird.“

„Egal, was es dich kostet?“, fragte Luzius herausfordernd. „Solch einen Eid sollte man nicht leichtfertig schwören!“

„Egal, was es mich kostet. Ich werde meine Rache bekommen.“, stieß sie heftig hervor und trat drohend auf ihn zu. „Bringe deinem Gott meine Nachricht!“

Luzius seufzte auf. „Ich kann ihm deine Nachricht nicht bringen.“

„Was…?“ Sofort erfasste sie Misstrauen, sie trat einen Schritt zurück und ihre Hand tastete nach dem Messer. Wer war der Engel?

„Gott hat mich aus seinem Himmelreich verstoßen.“, gestand Luzius ihr betrübt.

Die Frau brauchte einige Sekunden, um Luzius Geständnis zu verstehen und zu verarbeiten, dann verzog es sich erneute vor Wut und Hass. „Alles nur Lügen!“ Luzius schwieg und wartet. Der Moment war gekommen, wo er die Ernte einbringen konnte, die er gesät hatte und es war eine gute Ernte. „Wenn Gott dich nicht gesandt hat, warum bist du dann hier?“

„Errätst du es nicht?“

„Wir haben beide das gleiche Problem.“

„Kluges Mädchen.“, gab Luzius einen Teil seiner Absichten zu erkennen.

„Wir wollen beide das Gleiche, Rache. Wie will mir ein verbannter Engel helfen können?“

„Ich kann dir ein Werkzeug für deine Rache geben!“

„Werkzeug? Ein Waffe mit der ich die Mörder töten kann? Was soll das für eine Rache sein?“

„Er wird eine Waffe sein, wie es keine zweite in diesem Universum geben wird.“

„ER?“

„Unser Sohn!“, erklärte Luzius seine Rache. „ER hatte seinen Sohn. WIR werden unseren haben, doch er wird kein Opfer sein.“

Die Frau sah ihn an, während sie so dicht an ihn herantrat, das nur noch wenige Zentimeter sie trennten. „Was für eine angemessen Rache!“ Begeisterung glomm in ihren Augen auf. Alle Vorteile ihres Blutes würden sich mit der Dunklen Macht des Engels vereinen.

„Wie ist dein Name?“

„Maria.“

„Maria!“, flüsterte Luzius. „Du wirst meine Maria sein und meinen Sohn gebären. Er wird die Wut eines ganzen Volkes in sich tragen und in die Welt hinaus bringen.“ Seine Zunge glitt gierig an ihrem Hals entlang und leckte das Blut auf…


Ende
 
 
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