The hanging tree

von Arzani92
KurzgeschichteSchmerz/Trost / P16
Katniss Everdeen
06.12.2014
06.12.2014
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„Und keiner fragte sich mehr, was makaberer war
– den Mann zu hängen oder ihm beim Hängen zuzusehen!“


Leise raschelten die wenigen Blätter an dem alten Baum, der unweit der Wiese stand. Man hätte meinen können, sie sängen eine Melodie, die sich forttrug, über die Wolken, den Wald und das Gras, das grüner nicht sein konnte.
Seit Jahren, ja seit Jahrzehnten schon, trieb der Baum immer weniger Blätter, Blüten gar keine. Die, die er trieb, verwelkten schnell, wurden braun und verdorrten, wie die Äste, die sie trugen. Das Holz war dunkelbraun, fast schon schwarz – als wäre es verkohlt und trotzdem stand der alte Baum immer noch felsenfest, wie ein Mahnmal um an etwas zu erinnern, an das sich keiner mehr erinnern konnte.

Oft spielten Kinder auf der Wiese, lachten und waren fröhlich. Ihre Gesichter waren rund und pausbackig, ihre Klamotten zwar dreckig vom Schmutz, aber fein gearbeitet und keine Löcher waren zu sehen. Man konnte ihnen ansehen, dass sie sich freuten, ihre Freunde zu sehen. Sie waren unbeschwert und das einzige was ihnen Sorge bereitete war die nahende Dunkelheit, die sie zurücktrieb zu den Häusern, die von ihren Eltern bewohnt wurden. Dort würden die liebenden Mütter sie mit offenen Armen empfangen, mit einer warmen Mahlzeit und der Liebe ihrer Familie. Aber noch schien die Sonne und die Kinder spielten und der alte Baum war einen langen Schatten auf die Wiese.

Oft kam eine alte Dame zur Wiese, stand in der Nähe des Baumes und betrachtete die Kinder, wie sie spielten. Ihre Haare waren grau, aber lang und zu einem Pferdeschwanz geflochten. Ihre Haut war gesprenkelt von Altersflecken und doch war ihr Körper sehnig und ihre Augen waren wach. Sie beobachteten alles, sahen alles und waren stets wachsam.
Den Kindern wurde schon in jungen Jahren beigebracht, die alte Dame mit Respekt zu behandeln, doch warum wussten sie nicht. Die Erklärungen ihrer Eltern verstanden sie nicht, weil sie zu kompliziert waren, zu gefüllt mit Worten, die sie davor noch nie in ihrem Leben gehört hatten. Doch das störte die Kinder nicht, weil sie zu jung waren um sich über solche Sachen Gedanken zu machen. Es gab zu viele Erklärungen die sie nicht verstanden und so war es nur eine von vielen.

Die Erwachsenen, so dachten zumindest die Kinder, wussten eh nichts von der Welt. Sie redeten über Spiele als seien sie etwas Schreckliches. Sie sprachen voll Angst davon, wie sie voll Angst von Hunger sprachen und ähnlichen Dingen, die die Kinder nicht kannten.
Für sie waren Spiele etwas Fröhliches. Sie lachten, wenn sie hintereinander herjagten um den jeweils anderen zu fangen. Sie lachten, wenn sie ein anderes Kind erwischt hatten und dieses dann so lange auf dem Boden liegen musste, bis es nur noch einen Sieger gab, der dann ehrfürchtig betrachtet wurde, bis sie anfingen eine neue Runde zu spielen. Sie lachten, wenn sie gewannen und sie lachten, wenn sie verloren. Sie lachten, denn es war ihre Art sich die Zeit zu vertreiben. Es war doch nur ein Spiel voll Spaß.

Über all das wachte der Baum, jeden Tag, jede Stunde. Die Kinder mochten den Baum und doch war er ihnen unheimlich, weil er schwarz war und verkohlt wirkte. Sie wussten, dass er anders war. Anders als die Bäume im Wald, die grüne Blätter hatten und Blüten trieben. Anders als die Bäume in ihren Gärten oder zwischen den Häusern. Anders als alle Bäume, die sie bisher gesehen hatten.
Oft hatten sie ihre Eltern schon gefragt, warum der Baum nicht so schöne grüne Blätter hatte und doch hatte es ihnen keiner erklären können.
Die Erwachsenen sagten dann oft sowas wie „Das war schon immer so und wird auch immer so sein.“ oder „Man sollte schlafende Geister nicht wecken.“ Auf jeden Fall sagten sie immer „Fragt nicht solch einen Unsinn nach!“
Es waren keine Erklärungen, mit denen die Kinder etwas anfangen konnten und so rätselten sie untereinander, was es mit dem schwarzen Baum auf sich haben könnte. Doch das hinderte sie nicht daran ihre Spiele zu spielen. Denn die Wiese war grün und der Baum stand ja etwas weiter weg.

Auch heute spielten die Kinder auf der grünen Wiese unweit des Baumes und lachten, wenn sie jemanden erwischten und lachten, wenn es nur noch einen Sieger gab. Auch heute stand die alte Frau bei dem Baum und beobachtete die Kinder, wie sie spielten.
Als der Letzte übrig war, sahen die Kinder zu dem Baum und dann zur Frau. Sie lachten und dann rief der Sieger, mutig wie er war, etwas zu der Frau.

„Alte Dame,
warum ist der Baum tot?“


Stille legte sich über die grüne Wiese und nur noch das Rascheln der wenigen, verdorrten Blätter des Baumes war zu hören. Sie sangen ihr Lied und beobachteten die Szene.
Erwartungsvolle Augen schauten die alte Frau an, wissende Augen schauten die Kinder an. Eine Weile war alles leise bis die Frau ihre Antwort gab.

„Weil der Tod diesen Baum liebt.“


Während die Kinder noch über die Antwort nachdachten und zum ersten Mal der Meinung waren, eine Erklärung einer Erwachsenen zu verstehen, drehte sich die alte Dame um und ging ihres Weges, zurück zu den Häusern, die ehemals den Distrikt 12 gebildet hatten. Der Wind begleitete sie, wie sie das Rauschen der wenigen Blätter begleitete und während sie ging, stimmte sie in das Lied des Baumes ein. Schwache Töne schwebten über die grüne Wiese und in ihnen fingen sich die Stimmen einer ganzen Generation, die inzwischen so alt war, wie die Frau.

„Are you, are you
coming to the tree?
Where they strung up a man,
they said who murdered three.
Strange things did happen here,
no stranger would it be
if we met at midnight
in the hanging tree!” *


Als die alte Dame außer Sichtweite war, begannen die Kinder erneut mit ihrem Spiel. Sie spielten die Runde, bis nur noch ein Sieger am Schluss übrig blieb und es war gut, dass sie nicht wussten, warum die Erwachsenen Angst vor Spielen hatten.
Sie spielten mit einem Lachen auf ihren Lippen und es war gut, dass sie nicht wussten, dass sie auf einer Wiese spielten, die gesät war mit Totenschädeln.
Sie spielten so lange, immer und immer wieder, bis nur noch ein Sieger übrig blieb, den sie ehrfürchtig betrachteten und es war gut, dass sich bald nur noch der Baum daran erinnern würde, warum dem Todesgruß ebenso großen Respekt gezollt wurde, wie einer alten Dame und dem Spotttölpel.


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* "The hanging tree"
Text: Suzanne Collins
gesungen von: Jennifer Lawrence
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