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Incendio

von Keiraleth
Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy / P16 / Het
03.12.2014
11.04.2015
44
223.473
58
Alle Kapitel
193 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
03.12.2014 4.348
 
Anders aufgeführte Anführungszeichen ("'..."') weisen ein Zitat aus dem Kinofilm X-Men auf (Regisseur: Bryan Singer, Drehbuch: David Hayter und Tom DeSanto, Filmstudio: Twentieth Century Fox Film Corporation, Erscheinungsjahr: 2000)


„ Living from day to day, moving from place to place, with no memory of who or what you are.”

X-Men



Kapitel 1
Zersplintert


Ihre Kehle schnürte sich entsetzlich zu, als Hermione sich auf die Füße hievte, um sich sah und doch keinen ihrer beiden Freunde erblicken konnte.

Bebend atmend tastete sie nach ihrem Zeitumkehrer, zog ihn hervor und untersuchte ihn nach Beschädigungen, doch er schien unversehrt geblieben zu sein. Nun wieder reglos, lag er unschuldig in ihren Händen, als habe sich nichts Weltbewegendes ereignet. Aber das hatte es, dies bewies ihre Einsamkeit. Das war der Zauber, der den Zeitumkehrer getroffen hat, bemerkte ihr panischer Verstand, fast so schrill wie die Sirenen in der Mysteriumsabteilung. Er hat Harry und Ron von mir fort gerissen.

Der Schnee und die eisige Luft ließen sie frieren, doch Hermione spürte kaum etwas davon. Die Wunden des Kampfes pochten auf ihrer Haut und in ihrem Kopf, die Glassplitter steckten noch in ihnen fest und zahlreiche blutige Kratzer überzogen ihre Haut unter den aufgerissenen Ärmeln und dem malträtierten violetten Umhang, den sie trug. Nun gesellten sich Schneeflocken sanft hinzu, schmolzen auf ihren Schultern und in ihrem Gesicht und verfingen sich in ihren Haaren, während Hermione zaghaft um sich sah und ihre Panik niederzukämpfen versuchte.

Die lähmende, hysterische Angst stieg in ihrem Brustkorb auf, fraß sich in ihren Geist und ließ sie so stark zittern, dass ihre Beine jeden Moment mutlos unter ihr zusammenzuklappen drohten.

„Alles in Ordnung, Lady?“

Eine herbe, unerwartete Stimme ließ sie herumfahren. Weiße Dampfwolken stiegen vor ihr auf, als sie sprachlos den Mund öffnete und einen graubärtigen Mann ansah, gekleidet in mehrere Lagen karierter Hemden und einer verblichenen Kordjacke. Er wirkte verhärmt und barsch und seine breitschultrige Figur deutete auf schwere Arbeit hin. Hermione entging sein skeptischer Blick nicht, als er seine Augen über ihre abstruse Kleidung und ihre zahlreichen Schnittwunden wandern ließ.

„Brauchen Sie Hilfe?“

„Ich …“ Ihre erstickte Stimme brach ein, noch ehe ihr Geist einen Satz formulieren konnte, der ihre Aufregung, ihre schiere Angst verbarg. Fiebrig sah sie um sich, registrierte, dass der schneebedeckte Platz, auf dem sie erschienen war, von zahlreichen Lastwagen bevölkert und von hohen Nadelbäumen und einigen niedrigen Häusern umzingelt war. Eine breite, vorbeiführende Straße wies deutliche Reifenschneisen auf, als sei sie halbwegs rege befahren. Das ist ein Rastplatz, wisperte irgendeine vernünftige Stimme in ihrem Kopf, die kaum durch ihre Panik drang. Und es ist Winter.

„Ich rufe einen Krankenwagen“, bemerkte der Alte gerade, der ihre unsteten Blicke besorgt verfolgt hatte.

„NEIN!“

Überrumpelt gefror der Mann in einer halben Bewegung und sah sie nun deutlich misstrauisch an. Er schien nicht einordnen zu können, ob sie auf irgendeine Weise traumatisiert worden war oder ob es sich bei ihr schlichtweg um eine Verrückte handelte.

„Ich komme klar“, keuchte Hermione gepresst. „Alles ist gut.“

„Sind Sie sicher?“

Nein. Nein! „Jaah …“

„Wie Sie meinen.“ Er hob die Schultern und schritt langsam weiter in Richtung der erleuchteten Häuser, jedoch nicht ohne noch einen Blick über die Schulter zurück zu werfen.

Kaum dass er verschwunden war, gestattete Hermione es sich, in den Schnee zurück zu sinken, die Augen zu schließen und das unermessliche Zittern in Wellen über sich spülen zu lassen, das sie nach und nach zu bändigen versuchte. Alles in ihr schrie, jeder Faser ihres Körpers, doch sie wusste nicht, ob mehr aus Schmerz oder aus unbeschreiblicher Furcht vor dem Ungewissen.

Ihre beiden Freunde waren fort, spurlos verschwunden. Schaudernd erinnerte Hermione sich, wie ihr Rons Ärmel entwischt war, kurz bevor sie auf dem Boden aufgekommen war. Doch dieser Gedanke ließ sie nur noch mehr beben und so öffnete sie wieder die Augen, zwang ihre Aufmerksamkeit fort von dem Erlebten und blickte rastlos über ihre Umgebung.

Ihr Blick fiel auf die dunkelblaue, nun von einer leichten Schneeschicht bedeckte Akte, die sie bei ihrer Ankunft fallen gelassen hatte. Tränen der Überforderung traten in ihre Augen, doch sie tadelte sich dafür und blinzelte sie rigoros zurück.

Der helle Schnee erschien bläulich unter dem nächtlichen Himmel und glitzerte, wenn auch nicht so prachtvoll wie die schneebedeckten Berge des Nebelgebirges. Langsam kroch Hermione zu der Mappe herüber und hob sie auf. Ihre Finger brannten in der Kälte, doch da unzählige Stellen ihres Körpers in Flammen zu stehen schienen, fiel ihr das nicht weiter auf.

Obwohl sie den alten Mann fortgeschickt hatte, wallte augenblicklich tiefe Hilflosigkeit in ihr auf, die danach schrie, gestillt zu werden.

Hör damit auf. Das bringt dich nicht weiter, herrschte sie sich innerlich an.

Trotzdem blieb ihr Atem flach und ihre Tränen gefroren auf ihren Wangen, als sie blinzelnd zum Himmel blickte und die unzähligen Flocken auf sich herabfallen sah.

Ich bin allein. Einsam gestrandet, mitten im Nirgendwo.

Doch die Kälte, die endgültig in ihre Glieder und Muskeln wanderte, brachte sie schließlich wieder zur Besinnung. Schwerfällig richtete Hermione sich von dem gefrorenen Boden auf. Den Stab, den sie immer noch in den Händen hielt, hob sie leicht an, in dem Versuch eine verzweifelte Patronusnachricht an ihre verschollenen Freunde zu senden, doch als sie den Zauber beschwor, erschien nicht ihr silberner Adler, sondern lediglich ein schwacher, silberner Dunst.

Hermione war zu durcheinander, zu geängstigt und unruhig, um diesen schwierigen Zauber nun zu bewältigen, verstand sie. Und dann wisperte ihr Kopf, dass sie ohnehin nicht wusste, ob Ron und Harry überhaupt in derselben Zeit gelandet oder nicht irgendwo anders ohne Ausweg gestrandet waren. Bei Merlin. Die Panik drohte mit aller Kraft zurückzukehren, doch diesmal hielt sie sie auf und kämpfte sie wacker herunter. Das ist nicht gesagt, wies sie sich selbst zurecht. Vielleicht wurden wir nur einige Meter auseinander gerissen. Ja, vielleicht lagen Harry oder Ron gleich an der nächsten Häuserecke bewusstlos im Schnee.

Sie musste nur suchen.

Als helle Scheinwerfer erschienen und das tiefe Brummen eines Motors ertönte, zuckte Hermione zusammen. Sie wich dem LKW aus, der auf den Rastplatz auffuhr und lange Holzstämme geladen hatte, indem sie zur Seite stolperte, und wurde sich mit plötzlicher, dumpfer Erkenntnis bewusst, dass ihre Umgebung sich nicht von ihrer Zeit in der Gegenwart unterschied. Dies alles hier wirkte wie ein gewöhnlicher Muggelrastplatz ihrer Zeit.

Vielleicht wurde der Zeitumkehrer doch beschädigt, wisperte eine ahnende Stimme.

Was das bedeuten mochte, wollte sie sich gar nicht ausmalen und so schob sie diese Möglichkeit scharf beiseite. Straßenlaternen beleuchteten schwach die Ecken des Platzes und brannten sich wie ein Mahnmal in ihre Augen.

Ich bin nicht in der Vergangenheit. Und wenn sie es doch war, dann höchstens Monate oder Wochen.

Ja, auch das konnte der Fall sein, wie sie leicht besänftigt verstand. Womöglich waren sie ihrem Ende der Reise schon so nahe gekommen, dass sie nur noch eine geringe Zeitspanne von ihrer Heimat trennte.

Und obwohl alles schief gelaufen war, seit sie das Zaubereiministerium zusammen mit ihren Freunden betreten hatte, überspülte sie nun eine sachte Welle der Zufriedenheit, die ihre Angst eine Nuance schrumpfen ließ.

Wir sind fast am Ziel.

Entschieden stopfte Hermione den Zeitumkehrer, der offenbart auf ihrem Shirt lag, zurück unter die Kleidung, atmete tief aus und fasste eine schmale Gestalt ins Auge, die soeben aus dem LKW gestiegen war, der auf dem Platz geparkt hatte. Es war ein Mädchen, ihr Gesicht verborgen unter der dunkelgrünen Kapuze eines langen Mantels.

Der LKW-Fahrer, der sie scheinbar mitgenommen hatte, stapfte davon, während das Mädchen unsicher um sich sah und ihm schließlich zögerlich folgte.

Kurz entschlossen schlug auch Hermione die Richtung der beiden Fremden ein, verwandelte ihren violetten, zerfetzten Umhang in einen gewöhnlichen Mantel und steckte ihren Stab vorsichtshalber fort. Die Akte des Zaubereiministeriums unter den Arm geklemmt, betrat sie eine scheinbar überfüllte Kneipe, aus der ihr der Geruch von Alkohol, Zigarettenrauch und Erbrochenem entgegenschlug.

Sie blinzelte einen Moment, während ihre vor Kälte erstarrten Finger und Ohren in der Wärme aufbrannten, dann ließ sie ihren Blick über Holzbänke, eine mitgenommene Theke und ein prasselndes Feuer in einer Metalltonne wandern. Dass dieses Gasthaus kein Ort für junge Frauen war, wurde ihr sofort klar, als sie auf die zwielichtigen Gestalten blickte, die sich an den Stehplätzen und der Theke versammelt hatten. Der Eberkopf, indem sie einst ihre DA-Treffen abgehalten hatten, sah dagegen heimelig aus.

Das Gasthaus Zum Tänzelnden Pony und Tortuga sind auch kein Zuckerschlecken gewesen, sprach sie sich selbst Mut zu und trat einige weitere Schritte in den Raum hinein.

Niemand schien sie sonderlich zu beachten, zumindest darin unterschied sich diese Gaststätte von den bereits besuchten. Der Rauch und die angeheiterte Stimmung sorgten für genug Ablenkung. Aus weiteren Teilen des Gebäudes drangen laute Rufe, Lachen und Geschrei und verrieten Hermione, dass sie sich nur im Vorraum zu einer heruntergekommenen Spelunke befand.

Das fremde Mädchen und den LKW-Fahrer hatte sie längst aus den Augen verloren, doch Hermione wusste ohnehin, dass sie sich zunächst auf sich selbst konzentrieren musste. Ihre Wunden mussten versorgt werden, ihr Äußeres geordnet und die wilde Angst musste endlich aus ihren Augen verschwinden. Und so durchquerte sie den Raum auf der Suche nach einer Damentoilette.

Als sie endlich fündig wurde, stemmte sie sich gegen die klemmende Tür, trat in einen kleinen Raum mit drei Kabinen und schloss hinter sich ab. Nach kurzer Inspektion verstand sie, dass die von Edding und Lippenstift beschrifteten Kabinen leer waren, und so wandte sie sich dem einzigen, beschlagenen, dreckigen Spiegel zu. Der Wasserhahn tropfte und in der Luft lag ein unangenehmer Geruch nach Urin und Mageninhalte, der nicht sonderlich zu Hermiones Wohlsein beitrug.

Harry. Ron.

Sie zückte ihren Stab, einen erneuten Patronus auf den Lippen, dann hielt sie inne. Was, wenn die beiden eben nun in einer ähnlichen Situation steckten? Womöglich befanden sie sich unter Muggeln und hatten ihr genau aus diesem Grund selbst noch keine Mitteilung geschickt. Sollte Hermione ihnen nun eine Nachricht schicken, enttarnte sie sie als Zauberer, ja mehr noch, sie hetzte ihnen das Zaubereiministerium auf den Hals.

Denn sie befanden sich nahe an der Gegenwart, an den Gesetzen und Spürzaubern ihrer Zeit – zu nahe, um es zu riskieren.

Und wenn sie gar nicht in dieser Zeit gelandet sind?

Nun, dann würde auch eine Patronusnachricht keine Wirkung zeigen.

Schwer schluckend legte sie die gestohlene Akte auf die Anrichte neben dem vergilbtem Spülbecken, betrachtete einige Sekunden die auf der Mappe eingravierten Worte – Untersuchung zur Konservierung der Vorwelt und Renitenz des Anullierungsfluches – und schloss schließlich die Augen.

Aus der Kneipe drang lautes Gelächter und etwas klirrte, während durch die Wände hinter den Kloschüsseln laute Anfeuerungsrufe zu vernehmen waren.

Also gut, dann bin ich eben alleine. Aber ich mache weiter wie bisher und irgendwie, irgendwie werde ich Harry und Ron finden. Wir haben uns doch immer wieder gefunden. Harry war tot und wir haben ihn zurückgeholt!

Sie nickte ihrem eigenen Spiegelbild zu, wie um sich zur Contenance zu verhelfen, dann strich sie sich ihr wirres Haar aus dem Gesicht, band es mit ihrem Haargummi neu zusammen und begann mit ihrem Zauberstab die zahlreichen Schnittwunden in ihrem Gesicht, auf ihrem Hals und ihrer rechten Körperhälfte zu verarzten, indem sie die Glas- und Holzsplitter mit einem Evanesco verschwinden ließ und die Wunden mit einem Episkey flickte.

Als sie an sich herabblickte, verstand sie, dass ihre Sneakers, ihre Jeans und auch ihr dunkelblaues Shirt unbedenklich waren. Ihren Umhang hatte sie bereits verwandelt und so zog sie sich den kurzen Mantel wieder über, befestigte die Blattbrosche Lóriens seitlich an ihrer Brust und verstaute die wertvolle Akte mit einem Schrumpfzauber in ihrer Jackentasche.

Die Neugier darüber, was in den Unterlagen stehen mochte, war von ihren Sorgen konsequent zurückgedrängt worden und Hermione wusste, dass sie erst wieder auftauchen würde, wenn sich ihr Körper entspannt hatte.

Kurz wusch sie sich ihr Gesicht mit dem eiskalten Wasser, das aus dem Hahn kam, dann sah sie dem getrockneten Blut hinterher, das in das Spülbecken rann, und drehte das Wasser wieder ab.

Als jemand kräftig an die Tür der Toilette pochte und eine heisere Frauenstimme nach Einlass rief, war Hermione soweit beruhigt, dass sie, ohne eine Miene zu verziehen oder in Tränen auszubrechen, zurück in die Kneipe treten konnte.

„Wurde aber auch Zeit“, bemerkte die Unbekannte giftig. „Andere wollen sich auch das Näschen pudern.“

Hermione ging nicht auf diesen sarkastischen Kommentar ein, stattdessen wandte sie sich nach links, fort vom Eingang, und folgte einem düsteren Flur in Richtung der Pfiffe, Rufe und Unruhe.

Schon nach wenigen Metern eröffnete sich vor ihr ein weiter Raum, noch düsterer als der vorangegangene und lediglich erhellt von einem kalten, bläulichen Licht. Eine dichte Menschenmenge hatte sich um etwas versammelt, das wie ein Boxring aussah, nur dass der Ring von einem großen Käfig eingeschlossen zu sein schien. Von Kämpfen dieser Art hatte Hermione durchaus schon gehört. Ihr Vater hatte stets missbilligend den Mund verzogen, wenn die Sprache auf Sportgebiete dieser Art gefallen war. Als sinnlose Brutalität hatte er das Cagefighting bezeichnet. Andererseits war er nie ein Freund von Gewalt gewesen – Hermiones eigene Taten, magisch als auch nichtmagisch, hätten ihn vermutlich verschreckt, wenn er sie je zu hören bekommen hätte.

Ich habe nur um mein Leben gekämpft. Um meines oder das anderer. Das hätte er verstanden. Zumindest hoffte Hermione dies, weil die andere Option zu verletzend tief in ihr Gewissen stach.

Aus dem Inneren des Käfigs wurde soeben eine scheinbar bewusstlose Gestalt gezogen, während ein anderer Mann von Hermione abgewandt im Ring stand und auf einen neuen Gegner zu warten schien.

"'Gentlemen"', verkündete ein beleibter Mann mit einem Melonenhut, der vermutlich den Moderator darstellte, in sein Mikrofon. „In all den Jahren habe ich so etwas noch nicht gesehen – und Sie wissen, dass ich viel erlebt habe.“

Die Menge grölte auf, während Hermione unentschlossen stehen blieb, weit genug vom Käfig entfernt, um nicht aufzufallen, und doch nahe genug, um etwas zu sehen.

"'Wollen Sie diesen Mann etwa einfach so mit Ihrem Geld davon laufen lassen?"', fuhr der Moderator fort und wies auf den abgewandten Kämpfer, der nur eine Jeans trug und sich nicht sonderlich für den Lärm und das Theater zu interessieren schien. „Wollen wir es ihm so einfach machen?“

„Nein!“, brüllte es von allen Ecken und Enden.

"'Ich mache ihn fertig!"', erklärte ein glatzköpfiger, breitschultriger Mann lauthals, der von seinem Sitzplatz aufgesprungen war.

Tiefer Jubel erhob sich, während der Freiwillige auf den Kampfring zulief und der Moderator mit euphorischer Stimme entschied: "'Ladies und Gentlemen … unser Retter!"'

Während sich die Stimmung in der Menge weiter anheizte, erklärte der Moderator dem Neuankömmling etwas, das im allgemeinen Tumult unterging.

Dann verließ er den Ring, eine Glocke ertönte und der glatzköpfige Mann trat, ohne auch nur eine Sekunde abzuwarten, nach dem abgewandten, offenbar noch ungeschlagenen Kämpfer. Er schlug ihn zu Boden und der allgemeine Jubel erklomm eine neue Stufe der Begeisterung.

Mehrmals trat der Kämpfer nach, sodass der unbekannte Siegträger gegen die Käfigwand gestoßen wurde, dann wisperte eine sanfte, fast tonlose Stimme direkt neben Hermiones Ohr: „Das ist brutal.“

Überrascht riss sie die Augen von dem aggressiven Anblick ab und wandte den Kopf in Richtung der Stimme. Verblüfft erkannte sie, dass das Mädchen vom Rastplatz neben ihr stand. Die grüne Kapuze trug sie immer noch ins Gesicht gezogen, doch es konnte ihre jungen Züge nicht verdecken. Sie wirkte wie fünfzehn, höchstens siebzehn und vielleicht war genau das der Grund, weshalb sie Hermione unter allen Anwesenden auserkoren hatte.

Ich selbst sehe nicht viel älter aus. Gefestigter vielleicht und entschlossener, aber immer noch jung. Neunzehn Jahre alt. Und auch wenn sie im Herzen bereits dreiundzwanzig war, ahnte Hermione, dass dies ihre Umgebung ihr kaum ansehen konnte.

Altern wir tatsächlich nicht?

Die Frage schlich sich so unerwartet in ihren Geist, dass sie zögerte. Ehe Hermione etwas Sinnvolles auf die Aussage der Fremden erwidern konnte, ertönte ein lauter Knall, wie von Metall auf Fleisch, und riss ihre Aufmerksamkeit zum vom Zigarettenrauch umwaberten Käfig zurück. Der oberkörperfreie Kämpfer war wieder aufgestanden und hatte nun den Freiwilligen zurück getrieben. Er schlug erneut zu, schmetterte den Mann gegen den Käfig, wartete bis dieser benommen auf ihn zutorkelte und schickte ihn anschließend mit einem knappen Kopfstoß auf den Boden.

Hermione zuckte zusammen, doch der Fremde verzog keine Miene.

Erneut ertönte die Glocke und der nun bewusstlose Freiwillige wurde heraus getragen.

"'Ladies und Gentlemen, der Sieger des heutigen Tages und weiterhin König des Käfigs ist … Wolverine."'

Buhrufe ertönten, zahlreich und eindringlich, während der Mann namens Wolverine desinteressiert den Blick von seinem Publikum abwandte und sich eine Zigarre anzündete.

„Bist du auch … unterwegs?“, wagte das fremde Mädchen einen zweiten Anlauf, mit ihr ins Gespräch zu kommen, während die Menge sich aufzulösen begann.

Hermione schenkte ihr einen schwachen, aber freundlichen Blick und erklärte dann: „Ja, ich denke schon.“

„Wohin?“

Sie zuckte die Achseln und schluckte. „Das weiß ich noch nicht“, gestand sie ehrlich, auch wenn ihr bewusst war, dass sie ungewöhnlich nüchtern klang. Dem Mädchen schien dies nicht aufzufallen.

„Ich bin getrampt. Ein Fahrer hat mich bis Alberta mitgenommen und ein zweiter dann hierher. Er sagte, er nimmt mich nach Laughlin City mit, aber ich wusste ja nicht, dass es sich dabei um dieses … diese Absteige handelt.“ Kurz sah sie Hermione in die Augen, dann zog sie den langen Mantel enger um sich, der fast an einen Zaubererumhang erinnerte, und erklärte: „Ich bin Rogue.“

Ihre in der Düsternis dunklen Augen glitzerten fast so sehr wie der violette Schal, den sie um den Hals trug, und endlich nahm sie zögerlich die Kapuze ab und entblößte damit ihr dunkelbraunes, glattes Haar, das ihr bis über die Schultern fiel.

Bemüht lächelnd erwiderte sie: „Ich heiße Hermione.“

Unsicher nickte Rogue. „Den Namen habe ich noch nie gehört.“

„Er ist alt. Antik. Er wird heute nicht allzu häufig verwendet, aber meine Eltern dachten wohl, sie machen etwas Besonderes aus mir, wenn sie mich so nennen.“

„Und? Haben sie es?“

Hermione hob erneut die Achseln. Ich bin eine Hexe, verfolgt in einem magischen Krieg, beste Freundin des Einzigen, der sich Voldemort entgegen stellen kann, und Zeugin drei verschiedener Jahrhunderte. „Vielleicht. Aber ehrlich gesagt … fühle ich mich nicht so.“ Ich wollte immer nur normal sein. Akzeptiert.

„Dann hast du Glück.“

Verwirrt runzelte Hermione die Stirn, doch ehe sie nachfragen konnte, wies Rogue mit ihrem Kopf in Richtung Bar. „Sollen wir uns setzen?“

In der Hoffnung noch mehr über diesen Ort zu erfahren, folgte Hermione ihr zur Theke und ließ sich neben ihr auf einem Barhocker nieder. Nun da die Kämpfe vorbei waren, schien sich der Laden deutlich zu leeren.

Ein kurzer Blick zu einer Uhr über dem Tresen verkündete Hermione, dass es fünf Uhr morgens war.

Ein blonder, etwa fünfundfünfzigjähriger Mann an der Theke, gekleidet in ein rotblau kariertes Holzfällerhemd, wischte gläserne Bierkrüge aus, doch als sie sich setzten, hob er den Blick.

„Wollt ihr was trinken?“ Er hielt sich nicht mit siezen auf.

Rogue sah unsicher über die Flaschen und Krüge hinter ihm, dann wisperte sie: „Ein Wasser, bitte.“

„Und für dich, Schätzchen?“

Obwohl ihre Zunge staubtrocken war, lehnte Hermione dankend ab, hatte sie doch keinerlei Geld bei sich, mit dem sie hätte bezahlen können.

„Woher kommst du?“, fragte Rogue schließlich, kaum dass der Barkeeper ihr ein überraschend sauberes Glas vor die Nase gesetzt hatte und sich wieder seinem Spüldienst widmete.

Eine Sekunde erwog Hermione zu lügen, andererseits wusste sie immer noch nicht genau, wo sie sich befand, und so erklärte sie ruhig: „Ich komme aus der Nähe von London.“

„London? Du kommst aus England?“

Wortlos nickte sie.

„Wieso bist du nach Kanada gekommen?“

Weil der Zeitumkehrer mich hier ausgesetzt hat. Allein. Das letzte Wort bohrte sich in ihren Magen und verursachte ihr Übelkeit und so sah sie schnell von Rogue fort in Richtung eines kleinen Fernsehers über dem Kopf des Barkeepers, auf dem mit leisem Ton Werbespots zu sehen waren. Das letzte Mal, dass Hermione auf einen Bildschirm geblickt hatte, lag nun schon so viele Jahre her, dass es unwirklich schien.

„Ich verstehe schon. Du willst nicht darüber reden.“

„Und du?“, wich Hermione schnell aus. „Wieso bist du unterwegs?“

„Ich will auch nicht darüber reden.“

Sofort breitete sich Stille zwischen ihnen aus und so hob Rogue ihr Glas an und trank. Leise Musik war nun im Hintergrund zu hören, als wolle man damit auch die letzten Gäste in die Nacht entlassen. Wohin sie jedoch ihre Wege nach Ladenschluss führen würden, war Hermione ein noch undurchsichtiges Rätsel. Sie fühlte sich regelrecht ausgesetzt, etwas das sie in dieser Art noch nie zu spüren bekommen hatte.

„Ich … ich suche Freunde von mir“, gestand Hermione schließlich, weil sie das Gefühl hatte, diese Worte nicht länger zurückhalten zu können.

„Weißt du nicht, wo sie wohnen?“

„Nein … also eigentlich … haben wir uns verloren. Es ist … alles so unglücklich gelaufen.“ Und jetzt sitze ich hier in Kanada, irgendwo in einem winzigen Holzfällervorort, und weiß nicht mehr weiter. Was sollte, nein, was durfte sie tun, um ihre Freunde zu finden? Musste sie nicht eigentlich den Grund dafür finden, weshalb der Zeitumkehrer sie gerade hierher gebracht hatte? Wenn sie einen Fehler machte und den entscheidenden Moment verpasste, weil sie sich auf ihre Freunde konzentrierte, wäre das unverzeihlich. Alles wäre umsonst gewesen – all die Kämpfe und Bemühungen.

Sie musste hier bleiben, so sehr sie auch loslaufen und nach Harry und Ron schreien würde.

Ein Mann, der neben ihr saß, ließ seine Zeitung sinken, faltete sie zusammen und zahlte. Während er noch die Bar verließ, senkte sich Hermiones Blick auf die Titelseite.

Ihr Herz blieb stehen und ihr Körper verkrampfte.

„Alles in Ordnung?“

Sie vernahm Rogues Stimme kaum, rutschte stattdessen vom Barhocker und murmelte rasch eine Entschuldigung. Dann stolperte sie in Richtung Toilette davon.

Sie hatte die Tür gerade hinter sich zugeschlagen, da überkam sie ein unbändiges Zittern.

Entschieden lief sie auf das Spülbecken zu, klatschte sich das kalte Wasser ins Gesicht und zwang sich, Ruhe zu bewahren.

Tief ein- und auszuatmen, wie Legolas es ihr einst beigebracht hatte, um auch in prekären Situationen einen sicheren Schuss abzugeben.

Du hast dich verlesen, erklärte sie sich selbst. Das kann gar nicht stimmen. Du bist einfach zu durcheinander – da kann das schon mal passieren.

Aber eine andere Stimme wisperte, dass man sich gar nicht so deutlich verlesen konnte, wie schummrig einem auch sein mochte. Nicht so gravierend.

„Aber das kann nicht sein“, stieß sie leise aus. „Wir können nicht April 2000 haben.“

Dieses Datum lag nahezu zwei Jahre in der Zukunft. Es war einfach unmöglich.

Panik überspülte sie noch kräftiger als in all den Minuten zuvor, als sie sich bewusst wurde, dass der Zeitumkehrer defekt sein musste. Der Auror, dessen Zauber ihn getroffen hatte, hatte ihn zerstört.

Und was machst du jetzt?

Während sie sich auf dem Beckenrand abstützte, verschwamm ihre Sicht in Tränen und festigte sich wieder.

Du musst sofort nach Hause. Nach Hogwarts oder Shell Cottage. Irgendwohin, wo du nach Hilfe suchen kannst.

Aber die Frage, was geschah, wenn Voldemort das Land regierte, ließ sie innehalten. Sie hatten ihren Auftrag nicht zu Ende geführt, alles war möglich, erst recht zwei Jahre nach dem Krieg. Als Muggelgeborene wäre sie nirgends willkommen und vielleicht erkannte sie nicht einmal einer ihrer alten Freunde, weil sie nicht existierte.

Ich habe nicht einmal mehr das Buch, mit dem ich Legolas finden kann. Harry hatte es in ihrem Rucksack, wie all die anderen ihrer spärlichen Besitztümer. Nur ihren elbischen Dolch trug sie wie immer bei sich; das wertvolle, doch im Moment nutzlose Geschenk Aragorns, das sie fast so selten ablegte wie den Zeitumkehrer und ihren Stab selbst.

Alles, was ich noch habe, trage ich bei mir. Und das ist nicht viel.

Die Splitter ihres Lebens lagen vor ihrem geistigen Auge, alles schien in unerreichbare Ferne gerückt. Nicht einmal einen Ausflug nach Shell Cottage konnte sie wagen. Hermione überkam das unbändige Gefühl zu ertrinken und nun tatsächlich um jeden Atemzug zu ringen.

Da sie absolut nicht wusste, was sie machen sollte – nicht einmal, was sie denken sollte – richtete sie sich wieder auf und verließ die Toilette, um sich vor einem drohenden Nervenzusammenbruch zu schützen, der sie in der Einsamkeit ohne Zweifel ereilen würde. Sie spürte die warnenden Anzeichen in ihrem Hinterkopf pulsieren und in ihrer emotional geknebelten Brust kribbeln. Sie brauchte Ablenkung, irgendjemanden, und wenn es nur das fremde, heimatlose Mädchen war, um nicht einzusacken und in Tränen auszubrechen.

Mechanisch lief sie zur Bar zurück, die sich in ihrer Abwesenheit noch weiter geleert hatte, erkannte, dass Rogue noch an Ort und Stelle weilte, und hielt auf sie zu.

Als sie näher kam, entdeckte sie einen braunhaarigen Mann, der zuvor nicht dort gewesen war und nun zwei Hocker von Rogue entfernt saß. Seine Kieferpartie war zum Teil von einem ungestutzten Backenbart bewachsen und um seine Mundwinkel spielte ein unwirscher Zug. In den Händen hielt er eine Zigarre und an der Art wie er seinen Rücken durchstreckte und doch Lässigkeit vorgab, erkannte Hermione in ihm den Kämpfer Wolverine aus dem Ring wieder.

Unter einer alten, braunen Lederjacke trug er nun ein Jeanshemd und ein Sweatshirt und vor ihm stand ein geöffnetes Bier.

Als Hermione an Rogues Seite trat, blickte er beiläufig auf.

Ihre Augen trafen sich, braun in braun, fixierten einander und plötzlich erstarrten sie beide – Hermione als auch der Fremde.

Das ist der Mann aus dem Spiegel, murmelte ihr Verstand schlagartig. Tatsächlich hatte sie ihn in Galadriels Wasser gesehen, als sie den Blick in die Zukunft gewagt hatte. Sie erkannte dieses Gesicht wieder, diese Augen, diesen eindringlichen Blick, mit dem er sie in der Prophezeiung bei den Schultern gepackt und auf sie eingeredet zu haben schien.

Wolverine ließ die Zigarre sinken und in den halbvollen Aschenbecher fallen, während Hermione noch von dem Wissen durchzuckt wurde, dass dieser Moment vorherbestimmt gewesen war. Dass ihr Treffen vielleicht schon nach ihrer Rückkehr nach Shell Cottage unabwendbar gewesen war. Die ganze Katastrophe.

Wie einst der Tod Boromirs oder ihre Entführung durch die Orks. Wie einst ihre Begegnung mit Achilles und der kurze, grüne Schein der aufgehenden Sonne über dem Meer.

Der Spiegel hatte es ihr gezeigt. Und auch wenn sich nicht alles ereignete, was im Wasser zu sehen war, so log die Zeit nie.

Das bewies auch dieser Moment.

Und dann sagte der Fremde etwas, das sie endgültig lähmte und ihre Welt ins Schwanken versetzte: „Hermione …“



Musik: Radioactive - Imagine Dragons
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