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Incendio

von Keiraleth
GeschichteFantasy / P16 / Het
03.12.2014
11.04.2015
44
223.473
57
Alle Kapitel
193 Reviews
Dieses Kapitel
50 Reviews
 
 
03.12.2014 6.649
 
Hinweis: Dies ist der VIERTE TEIL einer Crossover-Saga, die sich die „Timeturner-Saga“ nennt. In sich gesehen, gibt es aber natürlich in jedem Teil einen Anfang und ein Ende.

Hier geht es zum ersten Teil "Arresto Momentum"

Hier zum zweiten Teil "Lumos Solem"

Und hier zum dritten Teil "Protego

Kenntnisse über die X-Men-Filme oder gar Comics sind NICHT erforderlich. Ich schreibe auch für die Leser, die die Filme nicht kennen.

Klappentext:
„Ah, man kann nicht durch den Sand der Zeit wandeln, Hermione Granger, ohne Spuren zu hinterlassen …“

Hermione ist fest entschlossen.
Es gibt drei Dinge, die ihrer Aufmerksamkeit bedürfen: ihre Mission, der Zeitumkehrer und ihre Suche nach Legolas.
Als das Trio schließlich auf der Suche nach Antworten ein gewagtes Risiko eingeht, begehen sie einen folgenschweren Fehler. Im Laufe eines überraschenden Angriffs wird der Zeitumkehrer von einem Zauber getroffen und die drei Freunde verlieren sich im Gewirr der Zeit aus den Augen.
Plötzlich findet sich Hermione mitten in der Nacht alleine auf einem Rastplatz wieder, mit nichts als einem klopfenden Herzen, ihrem Stab und panischer Furcht als ihre Begleiter. Ausgerechnet dort trifft sie auf einen Fremden, dessen Gesicht ihr nicht zum ersten Mal begegnet.
Schnell versteht sie, dass nichts so ist wie zuvor. Hat der Zeitumkehrer einen Schaden davongetragen oder greift Voldemorts Fluch noch tiefer in die Fäden der Zeit, als es sich irgendeiner von ihnen ausmalen konnte?
Und wo stecken Harry und Ron?

Disclaimer:  Ich besitze keine Rechte an der "Harry Potter"-Reihe, dem „Der Herr der Ringe“, „Troja“, „Fluch der Karibik“-Reihe oder der „X-Men“-Reihe und verdiene mit dieser FF auch kein Geld. Die "Harry Potter"- Serie ist J. K. Rowlings geistiges Eigentum, „Der Herr der Ringe“ ist J. R. R. Tolkiens geistiges Eigentum, „Troja“ gehört Warner Bros. Pictures, „Pirates of the Carribean“ Walt Disney, „X-Men“ 20th Century Fox und die Idee zu dieser FF und die Handlung aus Sicht des Trios sind mein geistiges Eigentum.
Bekannte Sequenzen der FF entstammen dem Drehbuch der ersten drei X-Men-Filme. Ich habe mir allerdings vorbehalten, diese auch entsprechend zu modifizieren, soweit es die Handlung meiner Geschichte benötigt. Das entsprang dann allein meiner Feder.

Last but not least: Da der neueste X-Men-Film in die Kinos kam, als schon das gesamte Konzept dieser Geschichte stand und mehr als ein Drittel geschrieben war, übergehe ich „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ völlig (bis auf ein Zitat).
Ansonsten freue ich mich, dass wir endlich starten können. Viel Spaß, Freude, Spannung und Unterhaltung! Reviews sind immer gerne gesehen.




INCENDIO




Incendio: [lat. incendo = anzünden] Zauber, mit dem man ein Feuer entzünden kann




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I believe the future is only the past again, entered through another gate.
Arthur Wing Pinero, The Second Mrs. Tanqueray


I know that’s what people say — you’ll get over it. I’d say it, too. But I know it’s not true. Oh, you’ll be happy again, never fear. But you won’t forget. Every time you fall in love, it will be, because something in the man reminds you of him.
Betty Smith, A Tree Grows in Brooklyn


Time goes, you say? Ah no! Alas, time stays, we go.
Henry Austin Dobson


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„Yes, things are better out there. But you, of all people, know how fast the weather can change.”

X-Men, The Last Stand



Prolog
Die Fragilität der Zeit


„Ich würde sagen, das war ein Volltreffer.“

Langsam ließ Hermione ihren Bogen sinken, während Ron anerkennend nickte. Noch während sie den Schaft des nächsten Pfeils betastete, fuhr er fort: „Ich sehe ein, ich habe keine Chance gegen dich. Alles was ich drauf habe, ist das, was Paris mir in Troja beigebracht hat.“

„Paris hat von mir gelernt“, bemerkte sie lächelnd. „Außerdem bist du keineswegs schlecht, Ron.“

Achilles’ Ferse hast du jedenfalls getroffen, setzte sie nur in Gedanken nüchtern nach, weil sie wusste, dass er mit seinem damaligen verbissenen Zorn argumentieren würde, aber auch, weil es immer noch nicht leicht war, darüber zu sprechen, selbst mehr als zwei Jahre danach nicht. Der Schrecken würde sie nie verlassen, genauso wenig wie Achilles’ letzten Worte.

Der rothaarige Zauberer grinste dank ihres Kompliments und verfolgte, wie sie ihren zweiten Pfeil abgab. Dann erklärte er: „Das ist trotzdem nichts für mich. Man braucht dafür viel zu viel Beherrschung …“

„… und Disziplin. Du hast Recht, das ist nichts für dich“, neckte Hermione. Trotzdem reichte sie ihren Bogen und den zugehörigen Köcher an ihn weiter, damit er sein Glück versuchen konnte.

Er zielte auf die provisorische Holzplatte, die sie in den Windschatten an Shell Cottages Außenfassade montiert hatten, und traf auf die rote Fläche, die das schwarze Innere umkreiste.

Der Wind zog heute nur mäßig durchs Schilf, höchst unüblich für den britischen Herbst an der See, und so hatten sie beschlossen, ihre freie Zeit mit ein wenig Training zu versüßen.

Seit Harry und Ron einen Bogen und einen Köcher voller Pfeile für Hermione von einem ihrer Einkäufe im Muggel-London mitgebracht hatten, verbrachte sie fast täglich Zeit mit diesem. Auch wenn dieses Exemplar nicht mit ihrem ersten Bogen aus Mittelerde mithalten konnte, der von den Händen der Elben gefertigt worden war, genügte es bei weitem, um ihr Können zu pflegen. Normalerweise stellten der Wind und das Wetter ihre erbitterten Gegner dar, doch heute hatte sich Ron bereit erklärt, ihr Gesellschaft zu leisten.

Die Übungen mit Pfeil und Bogen befreiten Hermione, wie es sonst nur Lektüre konnte, und auch wenn sie es sich nicht recht eingestehen wollte, benötigte sie Entspannung.

Der reglose Zeitumkehrer, aber auch die Entschlüsselungsversuche des mittelerdischen Buches nagten an ihrem Nervenkostüm und ließen ihr keine Ruhe. Erst wenn sie das Haus verließ, ihre Pfeile zur Hand nahm und auf die Speerholzplatte zielte, schaffte sie es, ihre Gedanken von diesen Dingen loszureißen. Und während sie für gewöhnlich tief ein- und ausatmete, den Wind in ihrem Gesicht spürte, die Wellen vernahm, die an den Strand schlugen, und ihre Augen auf den schwarzen Punkt in der Mitte der Platte fixierte, versicherte sie sich ein weiteres Mal, dass alles gut war. Dass Legolas lebte und irgendwo in diesem Land auf sie wartete.

Dass sie sich wieder sehen würden.

Denn das hatte sie in Galadriels Wasser gesehen, das hatte ihr der Blick in die Zukunft verraten, und seitdem war nichts mehr wie vorher. Ihr Herz beschleunigte auch jetzt seinen Schlag, als sie zu diesem Gedanken zurückkehrte, und Rons Anblick für einen Moment von der Erinnerung an das Gesicht ihres Mannes im Wasser überlagert wurde.

Der Zauberer schien ihre Abwesenheit zu bemerken, denn er senkte den Bogen, runzelte die Stirn und fragte: „Wie weit bist du mit dem Buch?“

Rasch sah Hermione ihn wieder an. „Ich konnte den Hieroglyphenzauber anwenden“, berichtete sie ruhig und scharrte dennoch mit ihren Sneakers. „Statt der Schrift aus Mittelerde sehe ich jetzt lateinische Buchstaben, allerdings kann ich mit den Buchstaben alleine nichts anfangen. Die Konsonanten und Vokale ergeben in dieser Zusammenstellung einfach herzlich wenig Sinn – was ja auch kein Wunder ist, denn es ist in einer anderen Sprache verfasst. Außerdem ist es mühselige Arbeit, die Begriffe Zeile für Zeile zu entschlüsseln.“

„Harry hat dir geholfen?“

Ron hatte am gestrigen Abend beiläufig mitbekommen, wie neuerdings Harry über dem Buch gehockt und lateinische Beschwörungen gewispert hatte, während Hermione auf gewöhnliche Muggelart ihr Abendessen zubereitet hatte, magisch erschöpft von dem Tag voller Zauber zur Entschlüsselung.

„Ja, er hat mir einen Teil der Arbeit abgenommen.“ Hermione lächelte schwach. „Ich wüsste gar nicht, was ich ohne euch beide tun würde …“

Das entscheidende Werk aus Fluorish & Blott’s, das sie erst so weit gebracht hatte, war auch von ihren beiden Freunden entdeckt worden. Erst in diesem war sie auf den Hieroglyphenzauber gestoßen.

Auch wenn ihr ein Stein vom Herzen gefallen war, wusste sie inzwischen, dass es nicht der Zauber sein konnte, mit dem der Zeitumkehrer agierte, um sie die Sprachen und Schriften anderer Zeiten verstehen und lesen zu lassen. Vermutlich setzte sich dieser Zauber aus mehreren Bestandteilen zusammen, von denen der Hieroglyphenzauber nur ein Bruchstück darstellte. Aber Hermione war tief entschlossen, auch die weiteren Zauber herauszufinden und anzuwenden. Das Buch aus Mittelerde war eine Nachricht von Legolas an sie. Sie wusste, dass es Antworten für sie bereit hielt, und das nicht erst seit die Meeresgöttin Calypso ihr dies versichert hatte.

Ron ließ die Pfeile, die sich in die Holzfläche gebohrt hatten, mit einem Zauber wieder in ihrem Köcher erscheinen. „Lass uns zurück ins Haus gehen. Ich habe Hunger und Harry hat irgendetwas von Pfannkuchen gesagt.“

Hermione nahm ihm den Köcher ab, blinzelte gegen den Horizont, an dem sich ein fernes Passagierschiff abzeichnete, und schüttelte leicht den Kopf. „Geh schon einmal vor. Ich bleibe noch ein wenig.“

Während Ron sich entfernte, spannte sie ihren Bogen erneut. Ihr zurückgebundenes Haar kitzelte sie im Nacken, doch davon ließ sie sich nicht ablenken.

oo


Sie aßen tatsächlich Pfannkuchen mit Preiselbeeren. Der Duft der Köstlichkeit zog durch ganz Shell Cottage und hatte sich bereits auf sämtliche Gegenstände gelegt, als Hermione ins Haus zurückkehrte, ihren Bogen abstellte und ihren beiden Freunden am Tisch Gesellschaft leistete.

Harry präsentierte ihr voller Stolz den von ihm erarbeiteten Fortschritt in ihrem Buch, während sie hungrig zu Messer und Gabel griff und Ron Unmengen von Schlagsahne auf seine Portion Pfannkuchen setzte.

„Es ist zur guten Hälfte geschafft“, bewertete Harry gerade, dann rieb er sich die Schläfe und stand auf.

Nickend stimmte Hermione ihm zu, während sie kaute und ihre Augen über die neu dekodierten Seiten schweifen ließ, die genauso wenig Sinn ergaben wie die vorherigen, weil sie die darauf niedergeschriebene Sprache nicht verstand.

„Es ist irgendwie gespenstisch, dass wir in Mittelerde so gesprochen und es trotzdem nicht bemerkt haben, oder?“, murmelte Ron plötzlich, offensichtlich in ähnlichen Gedanken schwelgend.

„Ich finde es weit gruseliger, dass unsere eigenen Spuren in Geschichtswerken auftauchen“, konstatierte Harry, der an eines ihrer Fenster getreten war und sich auf deren staubigen Bank niedergelassen hatte.

Hermione wusste sofort, worauf er sich bezog. Erst wenige Tage zuvor hatten sie in den Regalen dieses alten Hauses auf der Suche nach weiteren praktischen, magischen Werken auch ein Geschichtsbuch gefunden, das sich vorzüglich mit der Antike befasste. Zwar hatte das entscheidende Augenmerk auf Magier und Zauberpraktiken dieser Zeit geruht, doch es war nicht schwer gewesen, sich selbst darin wieder zu finden. Im Gegenteil, es war erschreckend leicht gewesen.

Hermione hatte sich hinsetzen müssen, als sie den Text eher flüchtig überflogen hatte und dabei zufällig auf ihren eigenen Namen gestoßen war. Harry und Ron, die eine schwere Kiste von einem Paar weiterer Regale hatten fortschweben lassen, waren sofort neugierig zu ihr herüber geeilt.

„Ich stehe hier drin“, hatte Hermione nur gewispert und dann auf den besagten Absatz gewiesen. „Ich bin in diesem Buch als Priamos’ Nichte verewigt.“

Es war eine kleinere Passage über das Königshaus Trojas gewesen, in dem auch das Trio aufgeführt und die Vermutung geäußert worden war, dass es sich bei ihnen um magische Sprösslinge gehandelt haben mochte. Des Weiteren war auch auf den Spartaner Emonelos eingegangen worden, der nach Aussagen dieses Werkes mit ihr verlobt gewesen war und einen weiteren Zauberer jener Zeit darstellte. Seine Feindschaft mit dem nichtmagischen Krieger Achilles folgerte sich nach Aussagen des Buches klar aus dessen Liebschaft zu ihr.

Ihr war unvermittelt übel geworden, als sie sich darüber bewusst geworden war, wie nah das Werk an der Wahrheit kratzte, aber vor allem, als sie verstand, dass sie nun auf ewig mit Achilles verbunden sein würde – schwarz auf weiß in unzähligen Berichten und Büchern der magischen als auch nichtmagischen Welt. Ein unauslöschbares Andenken ihrer gemeinsamen Zeit.

Ihr Unwohlsein rührte primär aus den inzwischen fast verdrängten Schuldgefühlen, der unterdrückten Zuneigung und den verbannten Erinnerungen. Sie hatte Achilles geliebt, auf eine ganz eigene Weise, das wusste sie nun, heute, hier und jetzt. Sie hatte es ihm nie gesagt, aber er hatte es gewusst. Warum sonst war er ihr in den Palastgarten gefolgt? Warum sonst hatte er ihre Tränen weggestrichen und sie gezwungen, die Stadt mit ihren Freunden zu verlassen?

Auch Legolas hat das lesen können, hatte ihr Gewissen irgendwann gewispert, während sie auf die Sätze gestarrt hatte, die ihre Beziehung so sachlich und unberührt darstellte, dass es niemals das widerspiegeln konnte, was sich tatsächlich zwischen ihnen abgespielt hatte. Und die Angst hatte die dünne Frage ergänzt, ob Legolas es denn verstanden hatte. Ja, wie man dies jemals hätte verstehen können, nachdem sie beide sich ewige Liebe geschworen hatten. Denn dass er jene Hermione dieser Seiten als die seine erkannt hätte, daran gab es keinen Zweifel, wenn sie doch neben Namen wie Harris und Ron aufgeführt wurde.

Ihren beiden Freunden schien der Beweis ihres Aufenthalts in der Vergangenheit ähnlich nah an die Substanz gegangen zu sein wie ihr selbst.

„Vielleicht hätten wir uns mit anderen Namen vorstellen sollen“, erwog Harry soeben und riss sie damit aus ihren Gedanken zurück.

Ron schnaubte und ließ Gabel und Messer sinken. „Wir besitzen nichts mehr als unsere echten Namen. Ich werde nicht auch noch die aufgeben.“ Er blitzte in die Runde. „Dass wir Dumbledores Auftrag angenommen haben, war keine Selbstverständlichkeit. Wir haben es gemacht, weil unser Leben uns etwas bedeutet, unsere Familien und Freunde. Hogwarts.“

Sie verstand, was er sagen wollte. Das, was sie bereits hatten opfern müssen und was noch in der Zukunft liegen mochte, war genug.

Ihre Namen waren das einzige, was ihnen von ihrem alten Leben geblieben war – ihr einziger Faden zu ihrer Existenz vor Voldemorts Fluch.

„Es wird nie werden wie vorher, das haben wir doch erkannt“, fuhr Ron nun wieder ruhiger fort. „Du-weißt-schon-wer hat unser Leben verpfuscht, sprechen wir es doch aus. Selbst die Geschichte kann niemals wieder das werden, was sie einmal war. Hermione sagt doch immer, dass unsere Einwirkungen nicht ohne Folgen bleiben können. Wir versuchen also nur einen ähnlichen Stand der Dinge wiederherzustellen, aber mehr können wir nicht machen, oder? Mehr können wir einfach nicht machen …“

Sie senkte den Blick auf ihr Essen zurück und kaute weiter, mit dem Echo der Meeresgöttin in ihren Ohren, die Rons Worte so treffend bestätigt hatte.

„Ah, man kann nicht durch den Sand der Zeit wandeln, Hermione Granger, ohne Spuren zu hinterlassen …“

In diesem Moment klackerte es laut gegen die Fensterscheibe, an der Harry nach wie vor gelehnt saß. Sie alle zuckten fest zusammen, doch als sie sich von dem Schock erholten, erkannten sie, dass es sich nur um eine dunkle Eule handelte, die mit ihrem kurzen Schnabel gegen das Glas pochte.

Verwirrt sah Harry zu seinen beiden Freunden herüber, die ebenso perplex hereinsahen, dann wandte er sich langsam um, öffnete die Scheibe und ließ den Kauz ein. Dass er durch ihre Schutzzauber gekommen war, ohne dass es Alarm geschlagen hatte, versicherte ihnen, dass er keine gefährlichen Flüche oder Aufspürzauber mit sich brachte.

Ein schimmernder, dunkler Umschlag war mit einer hellen Schnur an sein Bein befestigt worden. Mit wachsamen Griffen entschnürte der dunkelhaarige Zauberer die Nachricht, woraufhin der Vogel sich umdrehte, die Flügel spannte und wieder zum Fenster hinaus flog. Ron sah ihm überrumpelt hinterher, während Harry den Briefumschlag in den Händen wendete und erstarrte.

Er sah auf und blickte ihr in die Augen.

„Der ist für dich, Hermione.“

Langsam kam der Zauberer auf sie zu und legte den Umschlag vor ihr auf den Tisch. Mit tauben Fingern nahm Hermione ihn auf, blickte einige Sekunden auf die eckige Schrift, die ihren vollen Namen bildete, und stand zögernd von ihrem Platz auf.

Hermione Jean Granger.

„Woher kommt er?“, fragte Ron nervös. „Wer schreibt dir?“

Du existierst doch offiziell gar nicht, ergänzte sie für sich. Erst zwei Wochen zuvor hatte Hermione zusammen mit Harry bei der Beobachtung ihrer Eltern erfahren, dass diese sie nicht kannten und Hermione folglich in dieser Realität nie geboren worden war. Umso seltsamer war ein Brief, der an sie adressiert war.

Vorsichtig riss sie das Papier auf und zog den darin enthaltenen, gefalteten Pergamentbogen heraus. Es bestand aus zwei Teilen: einem Brief und einer Urkunde, wie es schien.

Tief atmete Hermione aus, als ihre Augen über die Worte flogen, dann schluckte sie, sah ihre Freunde wieder an und schüttelte langsam den Kopf.

„Wir müssen an die Akte“, erklärte sie fest.

Harry runzelte die Stirn und schob seine Brille hoch. „Was für eine Akte?“

Mit leicht zittrigen Fingern faltete sie das Pergament wieder zusammen, dann antwortete sie: „An die Akte über den Zeitumkehrer. Es muss einfach eine existieren, immerhin wurde er vom Zaubereiministerium entwickelt. Wir müssen mehr über ihn erfahren. Uns bleibt gar keine andere Wahl.“

„Wieso? Wovon redest du?“

„Was steht in dem Brief? Von wem ist er?“, warf Ron dazwischen.

Wortlos schob sie das Pergament zu dem rothaarigen Zauberer herüber, der die zwei Bögen schnell überflog und dann entgeistert aufsah. „Du hast ein Haus geerbt!“

Was?“

Rasch trat Harry zu ihm heran.

„Hector Barbossa hat mir ein Grundstück mit Anwesen in der Karibik vermacht“, erklärte Hermione endlich tonlos. „Er hat es bei Gringotts in Auftrag gegeben, dieses Erbe erst am heutigen Tag auszustellen und an diesen Namen zu versenden.“

Dass der alte Pirat überhaupt noch einen Gedanken an sie verschwendet hatte, nachdem sie sich so oft in die Haare bekommen hatten, wunderte Hermione, doch die spürbaren Auswirkungen der veränderten Zeit ängstigten sie weit mehr, als dass sie sich mit dieser Tatsache auseinander setzen konnte.

Barbossa hatte alles über ihre Herkunft gewusst, folglich musste es für ihn nicht allzu schwer gewesen sein, über einen Zauberer einen solchen Erberlass auszustellen.

„Er schreibt, dass er Captain der Queen Anne’s Revenge geworden ist. Was ist das für ein Schiff?“, wollte Ron wissen.

Hermione biss sich auf die Unterlippe. „Ich glaube, es war das Schiff von Blackbeard. Er kam erst nach unserer Zeit und war einer der gefürchtetsten Piraten der Geschichte. Man vermutet, dass er ein Zauberer gewesen ist.“

Harry schien sich jedoch längst mehr mit ihrer Forderung nach der Akte befasst zu haben.

„Angenommen, wir wollen tatsächlich etwas über den Zeitumkehrer herausfinden und suchen diese Akte – Hermione, dir ist doch klar, dass wir dafür in das Zaubereiministerium müssen?“

Sie nickte, zögerlich, aber dennoch fest. „Natürlich. Wo sollte sie sonst sein?“

Entsetzt sah Ron auf. „Ihr wollt in das Zaubereiministerium?“

„Wir wissen nicht einmal, ob Voldemort gegenwärtig an der Macht ist“, setzte Harry nach, um die Gefahr zu verdeutlichen. „Außerdem werden sie uns ein so geheimes Dokument wohl kaum freiwillig aushändigen. Ich weiß nicht, ob wir dieses Risiko eingehen sollten.“

Hermione stützte ihre Hände auf der Stuhllehne ab und sah zu ihm herüber.

„Wenn wir es nicht tun, können wir genauso gut blind im Trüben fischen. Wir müssen herausfinden, ob alles so sein sollte, wie es zurzeit läuft. Ob der Zeitumkehrer richtig funktioniert. Oder ob unsere ganze Mission nicht vielleicht eine Illusion ist.“

„Du meinst, alles was wir getan haben, könnte umsonst gewesen sein?“ Ron klang zu Recht schockiert.

„Ich meine, dass ich mir über gar nichts mehr im Klaren bin. Wenn wir die Vergangenheit nämlich mehr aus dem Gleichgewicht bringen, als sie zu retten, sollten wir das wissen, oder nicht?“

Die beiden Zauberer wechselten einen dunklen Blick. Sie begannen beide gleichzeitig zu nicken.

oo


Der Topf mit altem, aber dennoch verwendbarem Flohpulver ruhte bereits in Rons Händen, als Hermione zusammen mit Harry ins Wohnzimmer trat.

Das Kaminfeuer war gegenwärtig die einzige Lichtquelle im Haus, wenn man von den schwach silbernen Strahlen absah, die der nächtliche Mond durch das Fenster schickte.

Eine Sekunde betrachtete Ron seinen besten Freund im rötlichen Schein der Flammen, dann nickte er schließlich, scheinbar deutlich beruhigter: „Das sollte gehen.“

„Mir wäre Vielsafttrank immer noch lieber gewesen“, bemerkte Hermione, knöpfte sich aber trotzdem ihren violetten Umhang zu, den sie mit der goldenen Blattbrosche Lothlóriens aufgewertet hatte.

„Dazu hätten wir keine Zeit gehabt. Du weißt, wie lange wir an unserem ersten Vielsafttrank gesessen haben“, erinnerte Harry sie. „Wenn wir etwas herausfinden wollen, dann müssen wir es jetzt tun. Mit jeder Stunde, die wir zögern, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Zeitumkehrer sich meldet.“

Ein kurzer Blick zu ihm versicherte ihr, dass ihre zahlreichen Zauber und Illusionen Wirkung gezeigt hatten.

Hermione hatte seinen aus der Karibik gebräunten Teint noch um einige Akzente verdunkelt, seine Augenfarbe in ein dunkles Braun abgewandelt und seinen Haaren den tiefschwarzen Ton und ihre Struppigkeit genommen. Ohne Brille und ohne die blitzförmige Narbe auf seiner Stirn, die sie beide mit einem Desillusionierungszauber hatte verschwinden lassen, wirkte er vollkommen gewöhnlich und unauffällig. Der dunkelgrüne, leicht schimmernde Umhang, den er sich übergeworfen hatte, unterstrich diesen Eindruck nur zusätzlich.

Auch Ron hatte sie notdürftig von seinem karottenroten Haar und seinen Sommersprossen befreit. Blond und grauäugig würde ihn niemand als einen Weasley identifizieren, ganz zu schweigen von seiner scheinbar eleganten Zaubererkleidung, die diese Herkunft zusätzlich verschleierte.

„Was ist mit dir?“, fragte Ron jäh.

„Mich kennt keiner“, erinnerte Hermione ihn. „Wenn ich nie geboren wurde, kann mich auch keiner enttarnen.“ Dann vergewisserte sie sich nochmals, dass Harry ihren Rucksack mit all ihren Habseligkeiten verstaut hatte, den sie stets bei sich trugen, und erklärte: „Die Zauber halten nicht ewig. Wir haben etwa zwei bis drei Stunden Zeit, also sollten wir uns beeilen.“

Sie trat auf Ron zu, nahm ihm das Flohpulver ab und fragte: „Wie spät ist es?“

Kurz sah Harry zu ihrer Wanduhr. „Fünf Minuten nach Mitternacht.“

Tief atmete sie aus. „Also dann.“

Ihr Herz pochte laut und kräftig, als sie eine Hand des Pulvers nahm, dieses in die Flammen des Kamins warf und anschließend in das grün flackernde Feuer trat. Es kitzelte an ihren Beinen und Füßen und der kratzige, beißende Geruch von Asche stieg ihr in die Nase.

„Atrium, Zaubereiministerium“, sagte sie klar und deutlich. Sofort wurde sie herumgewirbelt, flog durch ein Flammenmeer, ummauert von unzähligen verschiedenen Kaminen, und landete schließlich am Zielort. Als sie aus dem grünen Feuer trat und sich umsah, erkannte sie erleichtert, dass sich tatsächlich nahezu niemand in der Eingangshalle des Zaubereiministeriums aufhielt.

Sie versuchte ein ruhiges und unbekümmertes Gesicht zu machen, schritt langsam in die riesige Halle hinein und ließ ihre Augen prüfend über ihre Umgebung wandern, während sie insgeheim darauf wartete, dass ihre beiden Freunde nachfolgten.

Was machen wir hier eigentlich …

Ihr gemeinsamer Plan war simpel und hoffentlich ebenso effektiv. Tief in ihrem Inneren zweifelte Hermione jedoch daran, dass es ihnen gelingen konnte. Sie wussten weder mit Sicherheit, wer das Ministerium im Moment leitete, obwohl sie in den letzten Tagen ausreichend Zaubererradio gehört hatten, noch ob sich etwas an den Sicherheitsüberprüfungen seit ihrem letzten Besuch in ihrem fünften Schuljahr geändert hatte.

Lange hatte das Trio darüber diskutiert, wie sie am besten in das Zaubereiministerium gelangen, eine hochgeheime Akte finden, entwenden und wieder unbemerkt entkommen sollten. Schon allein die Frage, wo sich eine solche Akte befinden mochte, hatte sie vor ein entscheidendes Problem gestellt: Einerseits war es vorstellbar, dass sich die Abteilung für Magische Unfälle und Katastrophen mit der drohenden Gefahr eines Fluches vom Ausmaß des von Lord Voldemort auseinander gesetzt hatte, aber letztlich waren sie zu der Erkenntnis gelangt, dass es sich bei ihrem Zeitumkehrer um ein solch hochbrisantes Thema handelte, dass es einzig und allein in der Mysteriumsabteilung erforscht worden sein konnte.

„Zumindest das ist gut“, hatte Harry gesagt, während Hermione das Herz in die Hose gerutscht war und sie ihn entsetzt angesehen hatte. „Wir kennen die Mysteriumsabteilung, Hermione“, hatte er auf ihren Blick hin erläutert.

„Vage. Wir kennen sie vage. Du kannst nicht behaupten, dass wir im Laufe des Kampfes gegen die Todesser sonderlich viel von ihrem Inventar und Aufbau mitbekommen haben. Und Du-weißt-schon-wer hatte seine Finger im Spiel, wenn du dich erinnerst, Harry. Er wollte dich dort haben und hat uns den Weg hinein geebnet. Es wird diesmal höchstwahrscheinlich weit schwieriger hinein zu kommen. Außerdem ist die Mysteriumsabteilung die geheimste Abteilung des Ministeriums. Wenn wir dort aufgegriffen werden, dann sperrt man uns nach Askaban“, hatte sie entgegnet.

„Du warst es doch, die uns davon überzeugt hat, dass wir den Hintergrund zu unserem Auftrag aufspüren müssen“, hatte Ron eingeworfen. „Dafür müssen wir ein Risiko eingehen.“

„Wir lassen uns einfach nicht aufgreifen.“

Harrys beendender Satz spukte in eben diesem Moment durch ihren Kopf, als ihre Augen zu der Stelle wanderten, an der sich in ihrer Erinnerung der Brunnen der magischen Geschwister befunden hatte. Obwohl sie innerlich gefror, schritt sie langsam weiter.

Der Brunnen war fort. Unter der pfauenblauen Decke, bestückt mit Goldintarsien, ragte nun einzig und allein die Skulptur eines überdimensionalen Zauberstabs, aus dessen Spitze sich ein Vogel, ein Schlüssel und ein Sternenschauer in stetiger Abwechslung materialisierten und wieder auflösten.

Die hastigen Schritte einer Person ließen sie zusammenzucken, doch als Hermione aufsah, eilte nur ein übermüdet wirkender Zauberer an ihr vorbei, dicht verfolgt von drei aufdringlichen Memos. Er nickte ihr zu, dann verklangen seine Schritte in der großen, leeren Halle wieder, als er sich mehr und mehr entfernte.

Wenige Minuten später hatten Harry und Ron zu ihr aufgeschlossen.

„Wo ist der Brunnen hin?“, wisperte der nun blonde Ron, kaum dass er das Fehlen des Denkmals registriert hatte.

„Ich habe keine Ahnung.“ Es lief Hermione kalt den Rücken hinab, obwohl sie mit eben so etwas gerechnet hatten.

„Hoffen wir, dass es die einzige Veränderung darstellt“, murmelte Harry, dann ging er voran in Richtung des gegenwärtigen Sicherheitswachpostens.

„Wir sind von der Abteilung für magische Zusammenarbeit angefordert worden“, informierte er den pausbäckigen, lockigen Mann, der an seinem Platz saß und gelangweilt in die Gegend stierte. „Es geht um den Vorfall in Amsterdam.“

Ob es irgendeinen Vorfall in der niederländischen Stadt gab, wusste keiner von ihnen, doch so selbstsicher wie Harry klang, würde der Wärter dies auch nicht allzu schnell in Frage stellen.

„So spät?“, wunderte er sich lediglich, schien aber nicht wirklich eine Antwort zu erwarten, als sei er es gewohnt, ignoriert zu werden. Stattdessen zückte er eine goldene Rute, die wie eine Antenne aussah, und tastete damit ihre Körper ab. Da die Zauber, die Hermione zur äußerlichen Veränderung ihrer Freunde verwendet hatte, Alltagszauber darstellten, regte sich der magische Erspürer nicht. Anschließend verlangte der Wachposten ihre Stäbe zur Registrierung. Hermiones Herzschlag stockte, als er sich Harrys Zauberstab annahm, da jedoch kein Alarm ertönte und auch keine Sicherheitsbeauftragten die Halle stürmten, beruhigte sie sich wieder.

Als sie ihre Stäbe zurückbekommen hatten und durch gewunken wurden, musste Hermione sich beherrschen, um nicht zu erleichtert dreinzublicken.

Gemächlich schlenderten sie zu den vergitterten Aufzügen, als haben sie eine längere Nacht langweiliger Arbeit und keinen Diebstahl von geheimen Informationen vor sich. Doch kaum, dass sie den Lift betreten und die Türen sich geschlossen hatten, kehrte die Anspannung auf ihre Gesichter zurück.

Sie fuhren eine Etage in den neunten Stock hinab, dann ruckelte der Aufzug wieder, das Gitter öffnete sich und eine kühle Frauenstimme verkündete: „Mysteriumsabteilung.“

„Fühlt sich nicht besonders gut an, wieder hier zu sein“, murmelte Ron, während sie den Aufzug verließen, die Stäbe nun wieder griffbereit in den Händen hielten und den langen, kahlen Gang entlang auf die einzige Tür zu schritten.

„Das alles lief überraschend glatt“, setzte Hermione skeptisch nach. „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“

Keiner ihrer Freunde erwiderte etwas. Schweigend erreichten sie das Ende des fensterlosen Ganges, passierten die Treppe, die in die Gerichtssäle der unteren Etage führten, und standen sich schließlich der unbeschrifteten Tür gegenüber, hinter der sich Jahre zuvor ein Kampf zwischen Todessern und der DA abgespielt hatte. In dieser Realität hatte der Kampf vermutlich nie stattgefunden, wie so vieles, was ihr Leben ausgemacht hatte.

Ruhig öffnete Harry die Tür, ohne erahnen zu lassen, was die Nähe zum ehemaligen Wendepunkt seines Lebens in ihm auslöste. Hier war sein Patenonkel Sirius Black gestorben, hier hatte er die Prophezeiung gefunden, die ihm die Wahrheit über sein Leben und das Voldemorts verkündet hatte – dass er Voldemort oder dieser ihn letztendlich töten musste – und eben hier war die Zauberergesellschaft endlich auf die drohende Gefahr aufmerksam geworden. Doch all das bedeutete nicht mehr das, was es einst bedeutet haben mochte – der Zeitumkehrer, der Fluch Sarumans, überschattete alles.

Ich kann mich kaum erinnern, an mein Leben davor, verstand Hermione. Wir sollen niemals vergessen, woher wir kommen, hat Dumbledore gesagt, aber wie können wir verhindern, dass uns all dies entgleitet, während so viele andere Dinge uns so nahe kommen?

Zu dritt traten sie in den runden Raum hinter der Eingangstür. An den Wänden erstreckten sich die bekannten zwölf Türen – jede von ihnen identisch mit ihrer nächsten und alle ohne Türgriffe. Der Raum war so kahl und düster wie bei ihrem letzten Mal und obwohl die Stille allgegenwärtig war, spürte Hermione, dass sie einigen Antworten so nah waren wie nie zuvor.

Hier hat alles angefangen, verstand sie schaudernd. Irgendwo hier hat ein Zauberer oder eine Hexe beschlossen, dass man Sarumans Fluch aufhalten muss, sollte er jemals verwendet werden. Irgendwo hier wurde der Grundstein für unser heutiges Leben gelegt.

Sie sah langsam von einer Tür zu nächsten, während sich die Härchen auf ihren Armen aufstellten, als könnten sie den Puls der Zeit leibhaftig spüren.

Wegen dem, was hier entschieden wurde, liebe ich dich, Legolas.

Und doch fesselten sie ihre Füße an Ort und Stelle, als sei es zu verwegen, zu mutig, dem entscheidenden Wissen nun auf den Grund zu gehen.

„Also, holen wir uns die Akte“, entschied Ron endlich, nachdem sie alle einige Minuten unentschlossen in die Runde gesehen hatten, als wolle keiner von ihnen den ersten Schritt wagen.

„Beim letzten Mal hat sich eine passende Tür geöffnet, nachdem ich eine Forderung gestellt habe“, erinnerte sich Harry.

„Versuchen wir es“, stimmte Hermione ihm heiser zu. Das blaue Licht der Kerzen an den Wänden spiegelte sich gespenstisch in Rons optisch verändertem Gesicht, als er zustimmend nickte. Sie holte tief Luft und verkündete dann mit dennoch brüchiger Stimme: „Zeitumkehrer-Akte.“

Nichts regte sich.

Hermione schluckte, wechselte einen unsicheren Blick mit Harry, dann versuchte sie es erneut: „Zeitumkehrer.“

Wieder blieben alle Türen verschlossen, während ihre zitternde Stimme von den steinernen Wänden widerhallte.

Schließlich trat Harry einen Schritt vor und erklärte laut und fordernd: „Zeitforschung.“

„Vielleicht sollten wir einfach wie das letzte Mal die Türen durchprobieren“, wandte Ron ein. „Ich meine, der Raum wird rotieren, aber wir können sie ja wieder markieren.“

Hermione ignorierte seine Worte, als ihr plötzlich einfiel, dass in dem Raum, in dem sie einst während ihres Kampfes die gewöhnlichen Zeitumkehrer gefunden hatten, nicht nur diese vorhanden gewesen waren. Es hatte eine Thematik gegeben, wie Harry ebenfalls festgestellt zu haben schien. Jeder einzelne dieser Räume besaß ein Forschungsfeld.

„Was hast du damals gesagt, als sich deine Tür geöffnet hat?“, fragte sie ihren besten Freund.

„Ich habe nach dem Ausgang gefragt.“

„Das ist es! Wir müssen den Ort benennen, an den wir wollen.“ Ruckartig wandte sie sich an die verschlossenen Türen zurück. „Wo befindet sich die Halle der Zeit?“

Es dauerte eine Sekunde, dann klickte es und die dritte Tür zu ihrer rechten schwang auf. Rasch wechselte sie einen zufriedenen Blick mit ihren Freunden, dann eilten sie los. Sie hatten gerade die Türschwelle übertreten, als ein schriller Ton wie der eine Sirene erklang, der ihnen durch Mark und Bein lief, und die grifflose Tür hinter ihnen ins Schloss fiel.

„Nein!“ Harry fuhr herum, während sich Hermione ob dieses Lärms entsetzt die Ohren zuhielt. „Alohomora!“

Die grelle Sirene wurde lauter, doch die Tür blieb verschlossen, auch als sich Harry aus einem reinen Impuls heraus dagegen warf.

„Das war bestimmt ein Schutzzauber gegen Eindringlinge“, brüllte Ron über den Lärm hinweg. „Wir sind automatisch eingeschlossen worden, als die Schwelle uns als Fremde erkannt hat.“

„Dann wird es hier gleich von Auroren wimmeln“, stieß Hermione bestürzt aus.

Das schillernde Licht der Glasglocke in Mitten des Raumes, in welcher ein Vogel aus einem Ei schlüpfte, alterte, starb und wieder zum Ei wurde, reflektierte sich in den Augen ihrer Freunde, als sie diese schockiert ansah. Die Einsicht, dass sie womöglich einen großen Fehler begangen und zu überstürzt gehandelt hatten, flutete ihren Geist und ihren beunruhigten Brustkorb.

„Wir brauchen die Akte!“ Harry, der als Einziger einen halbwegs freien Kopf behalten zu haben schien, wies auf die Vitrinen und Regale um sie herum. Das Ticken der verschiedenen Uhren ging im Alarm gänzlich unter, doch das Glänzen bronzener Sonnenuhren und goldener und silberner Fassungen anderer Zeitmess- und Zeitreisegeräte erhielten die Magie des Raumes. „Jetzt sind wir hier, also finden wir die Unterlagen und bahnen uns dann einen Weg aus dem Ministerium.“ Hermione wies ihn nicht darauf hin, wie unmöglich seine letzten Worte klangen, jetzt da sie in einem Hochsicherheitstrakt gefangen waren. Als keiner sich rührte, brüllte er: „Na, los!“

Sofort stoben sie auseinander. Hermione stürzte auf die Vitrinen zu, die zahlreiche Zeitumkehrer der Sorte beinhalteten, wie den, den sie in ihrem dritten Schuljahr getragen hatte. Silbern und unscheinbar präsentierten sie sich, nur sanft anders gestaltet, als der goldene Zeitumkehrer, den sie nun um ihren Hals trug. Hektisch ließ sie ihre Augen über das Umfeld wandern, während ihre Finger ihren Stab fest umklammert hielten. Kurz überlegte sie, einen Accio-Zauber zu formen, doch sie wusste nicht, wonach speziell sie rufen sollte, also verwarf sie die Idee wieder.

Hinter ihr wühlte Ron in einem Regal voller Standuhren und einzelner Pergamentrollen, während Harry verriegelte Schränke unter der schillernden Glasglocke inspizierte.

Entschlossen riss auch Hermione einen dünnen, goldenschimmernden Vorhang zurück, hinter dem sich eine Reihe seltsamer Instrumente und Ordner befanden. Zielsicher griff sie nach den Akten und Karten, stieß auf Skizzierungen von Bauteiler verschiedener Zeitumkehrer und Gesundheitsberichten einzelner Versuchspersonen. Alles, was auch nur einen Hinweis auf ihr Unikat zu beinhalten schien, behielt sie in den Händen, sodass ihr linker Arm schon bald vor Pergamentrollen und Mappen überquoll.

Der Alarm zerrte an ihren Nerven und dämpfte ihre Konzentration, doch irgendwie gelang es ihr, sich rasch genug von Regalreihe zu Regalreihe zu arbeiten.

„Ich … ich glaube, ich hab es!“

Rons überraschte Stimme drang nur schwach durch den Sirenenlärm, doch es genügt, um Hermione herumfahren zu lassen.

In seinen Händen hielt er eine tiefblaue Mappe, die von silbernen Spangen zusammengehalten wurde.

„Hier steht Untersuchung zur Konservierung der Vorwelt und Renitenz des Anullierungsfluches. Es hat eine hochgeheime Sicherungsrune, wie Dad sie immer beschrieben hat, und außerdem-“

Noch während Ron sprach, sprang die Tür auf und die Vitrine, neben der Hermione stand, barst in tausende Splitter. Sie hatte keine Zeit, zur Seite zu springen, sie hatte nicht einmal den Atemzug, den Arm zu heben und ihr Gesicht zu schützen, und so wurde sie rigoros von den Füßen gerissen und in das nächste Regal geschleudert. Die gesammelten Pergamentrollen und Karten entflogen ihren Armen und der Schmerz von unzähligen Glassplittern, die sich in ihre Haut gegraben hatten, brandete an ihrem ganzen Körper auf, wurde jedoch sofort von dem reißenden Schmerz ersetzt, der sich ihrer bemächtigte, als das Regal mit all seinen Gegenständen und Werken über ihr zusammenbrach.

Ihr Kopf schwirrte und ihre Sicht verschwamm zur Unkenntlichkeit.

STUPOR!“

Expelliarmus!“

Weitere Gegenstände explodierten und ein violetter Schein zischte wenige Zentimeter an ihrer noch benommenen Gestalt vorbei. Gebrüll erhob sich unter dem Sirenenlärm. Nur langsam festigte sich ihr Blickfeld wieder.

„HERMIONE!“

Harry hatte sich hinter der Glasglocke in Deckung geworfen und sah nun erschrocken zu ihr herüber, während Ron die hereindringenden Auroren mit Explosionsflüchen zurückhielt.

„Lassen Sie Ihre Stäbe fallen und ergeben Sie sich!“, rief eine tiefe Stimme über den Duelllärm hinweg, doch stattdessen warf Harry Rons Fluch einen gezielten Schockzauber hinterher.

Die Benommenheit wich von ihr, während die Schmerzen in ihren betroffenen Körperregionen zunahmen. Gerade noch rechtzeitig beschwor Hermione ein Schutzschild herauf, als sie einen Lähmzauber auf sich zufliegen sah, dann schrie Harry erneut nach ihr und endlich erlangte sie wieder die Kraft, sich auf ihre Füße zu hieven und zu ihm herüber zu sprinten.

Sie duckte sich schwerfällig unter einem gelben Fluch hinweg und ging an Seite ihres besten Freundes in Deckung.

„Alles in Ordnung?“, keuchte Harry.

Obwohl sie Blut schmeckte und ihr Körper schrie, nickte sie und biss die Zähne zusammen.

„Hier spricht das Zaubereiministerium. Legen Sie Ihre Waffen nieder!“

Ein scharfer Aufschrei von Ron, ließ Harry aus seiner Schutzposition springen. Gekonnt warf er drei verschiedene Flüche in Richtung des Eingangs, dann ergriff er die verloren gegangene blaue Mappe und warf sich hinter ein noch intaktes Regal.

Mit Schrecken erkannte Hermione, dass die Auroren bereits in den Raum vorrückten. Hastig versuchte sie sie vom Vormarsch abzuhalten, indem sie sie mit Schockzaubern bombardierte.

„Hermione!“ Als sie zu Harry herumfuhr, warf er die wertvolle Mappe und keuchte: „Fang!“

Die Akte fiel mitten in ihren Schoß, dann explodierte die Regalreihe, hinter der sich Rons leicht verletzte Gestalt verbarg und verteilte Sand, Pergament und Glassplitter im gesamten Raum.

Entsetzt sprang Hermione auf, hechtete zu ihm herüber und zerrte ihn aus den Trümmern, während Harry ihnen Rückendeckung bot.

Allerdings hatten inzwischen um die acht Auroren den Raum betreten und ihr schwante, dass ihre Chancen zu entkommen längst gegen null gesunken waren.

Sie beschwor einen Schutzzauber herauf und zerrte Ron auf die Füße, dann wurden sie beide erneut von der Wucht eines Zaubereinschlags zu Boden gerissen.

Wir haben die Akte, aber wir haben verloren. Der Gedanke fraß sich in ihr gesamtes Sinneszentrum und lähmte sie.

„Hermione, Vorsicht!“

Mit einer abrupten Bewegung zog Ron ihren Kopf wieder hinab und bewahrte sie damit vor der Bewusstlosigkeit.

Sie brauchte einen Moment, um durch den Lärm des Duells, den splitternden Vitrinen und klirrenden Zeitumkehrern den vertrauten Klang zu vernehmen, der sich ihrer Ohren bemächtigte.

Die Regaltrümmer zu ihrer Linken fingen Feuer und Ron warf einen Wasserzauber über sie, während Hermione sich herumrollte, wie in Zeitlupe über das Chaos im Raum blickte und Harry ins Auge fasste, der an die gegenüberliegende Wand der Halle gedrängt worden war.

Vier Auroren hatten sich inzwischen auf ihn eingeschlossen.

„Der Zeitumkehrer“, wisperte sie schwach in Rons Richtung.

„WAS?“ Er duckte sich unter einem Fluch und sah zu ihr herüber. „Ich hab dich nicht verstanden …“

Es klirrte in der Halle und es klirrte in ihrem Kopf. Die blaue Akte fest umklammert, zwang sie sich zurück auf die Füße, erwischte endlich einen Auroren mit einem Lähmfluch und wiederholte ihre Worte, nun laut und eindringlich: „Der Zeitumkehrer! Der Countdown ist gestartet.“

Ron wechselte einen scharfen Blick mit ihr, dann folgte er ihren besorgten Augen zu Harrys kämpfender Gestalt.

„Wir müssen zu ihm herüber“, stieß Hermione aus.

„Die Deckung reicht nicht für uns alle aus“, widersprach Ron. „Die Auroren werden das ausnutzen.“

„Wir müssen aber zu ihm, bevor es zu spät ist!“

Entschlossen hob sie ihren Stab, biss die Zähne zusammen, als sie sich endgültig aufrichtete, und zischte: „Reductio!“

Die Glasglocke mit dem sich entwickelnden Vogel pulverisierte in einem grellen Knall und ein roter Funkeschauer regnete auf den Raum herab. Dort, wo die Funken aufkamen, entstanden bläuliche, zischende Brandherde.

Während die Auroren noch Schutz suchend in Deckung sprangen, spurtete Hermione los, dicht gefolgt von Ron.

Ein entsetzlich süßlicher Geruch stieg von den Trümmern der Glasglocke auf und so hielt sie den Atem an – unsicher darüber, was die Dämpfe anrichten mochten – bis sie Harry erreichte. Ron wankte, sichtlich benommen von dem Geruch, ergriff ihren Arm und stolperte, doch er kam wieder auf die Füße. In Nähe ihres besten Freundes schnappte sie wieder nach Luft und fühlte sofort eine schwere Trägheit auf sich fallen.

Schwer atmend zog Hermione die Kette ihres Zeitumkehrers hervor und warf sie über Harrys und Rons Köpfe. Sie duckten sich unter dem erneut einsetzenden Zauberbombardement, doch der Countdown war bereits so laut in ihren Ohren, dass sie nicht mehr vernehmen konnten, was die Auroren schrieen.

Und dann, gerade als sich die beiden Ringe ihres magischen Schmuckstücks zu regen begannen, wurden sie von einem bläulichen Zauber getroffen.

Hermione ächzte auf und vernahm das Aufstöhnen ihrer beiden Freunde, noch während sich die Farben zu vermischen begannen. Mit ihrer vom Stab halbfreien Hand griff sie nach Rons Arm.

Sie erfasste ihn, doch etwas weit Stärkeres schien an ihm zu zerren.

Sie krallte sich in seinen Umhangsärmel und die Fasern des Stoffs begannen zu reißen.

Verschwommen sah sie Harrys Gesicht und hier und da den Körper einer ihrer beiden Freunde, während sie durch Zeit und Raum flogen.

Dann verlor sie Rons Ärmel endgültig aus den Fingern. Sie spürte, wie ihr Kontakt sich löste, die Schwerelosigkeit sie verließ und heftig und ungebremst stürzte sie plötzlich auf asphaltierten, schneebedeckten Boden. Ihre Hände schürften sich auf und das umkämpfte Dokument schlitterte einige Meter von ihr fort.

Als sie zitternd und bebend aufsah und durch die Dunkelheit stierte, verstand sie, dass sie alleine war.
 
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