Mittelerde Adventskalender – Tag 1 – In Erinnerung an die Freunde, die das Leben bereichert haben

von Roheryn
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
01.12.2014
01.12.2014
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Hallo zusammen,
dies ist der erste Beitrag für den  Tolkien Adventskalender
Hier geht also das erste Türchen auf, das gleich eine Ecke länger ist ^^“.
Gut, ich habe im Text zwar eigentlich alles eingeführt, aber die Namen, die nicht aus dem Herrn der Ringe kommen, nenne ich hier dennoch einmal. Sicher ist sicher:

Ingwë = Hoher König aller Elben, König der Vanyar, erwachter Elb
Finwë `= erster Hoher König der Noldor, erwachter Elb, Freund von Ingwë
Elwë (Elu Thingol) = erster König der Sindar, erwachter Elb, Freund von Finwë, längster aller Elben
Nerdanel = Schwiegertochter von Finwë, macht die besten Statuen
Míriël = erste Frau von Finwë
Feanáro = Sohn von Finwë und Míriël, Erfinder der Tengwar Vater von sieben Söhnen
Rumil = Noldo, Schriftgelehrter
Santiël (OFC) = Gefährtin von Ingwë, erwachte Elbin, Vanya
Calastar (OMC) = Begleiter von Sam, Vanya
Canyotorno (OMC) = Begleiter von Sam, halb Noldo, halb Vanya



In Erinnerung an die Freunde, die das Leben bereichert haben


Samweis Gamdschie saß auf seinem zotteligen Pony. Der Hobbit war bereits alt und im vergangenen Jahr verwitwet, als seine Rosie am Mittjahrestag nicht mehr aufgewacht war. Der Gedanke an seine Frau, trieb ihm Tränen in die Augen, aber zeitgleich wurde ihm warm ums Herz. Alleine die Erinnerung an sie, reichte aus, damit ihm nicht kalt werden konnte. Ihnen waren viele wunderschöne und friedliche Jahre vergönnt gewesen und Samweis hatte durch leidvolle Erfahrungen gelernt, wie er diese Zeit besonders schätzen konnte.
 Lange Zeit hatte er nicht über das Angebot, was er von den Elben bekommen hatte nachgedacht, hatte es beinahe vergessen. Doch nachdem seine Rosie gestorben war, hatte er sich wieder daran erinnert und seine letzte Reise angetreten. Oder eher, die Reise, von der er dachte, dass sie seine letzte war, was nun aber nicht ganz stimmte.
 Denn nachdem er Tol Eressea erreicht hatte und von den Elben dort warm und beinahe mit Ehrfurcht begrüßt worden war, hatte er Dinge erfahren, die ihn traurig machten. Der alte Bilbo und auch sein Herr Frodo lebten nicht mehr und sein Wunsch danach, sie wiederzusehen, war nicht in Erfüllung gegangen. Samweis war bewusst gewesen, dass die Möglichkeit bestand, dass seine Freunde nicht mehr lebten, doch an der schwachen Hoffnung hatte er sich festgehalten. Vor allem bei Frodo hatte er darauf gehofft ihn gesund wieder zu sehen, er erinnerte sich noch gut daran, wie oft sein Herr und Freund krank gewesen war. Ihr Abenteuer hatte einen hohen Tribut von Frodo gefordert und es war niemals gerecht gewesen und so anders, wie in den wirklich guten Geschichten. In den wirklich guten Geschichten waren die Helden zurück in ihre Heimat gekommen und hatten dort neu anfangen können. Sie waren verändert gewesen und doch noch sie selbst, nur größer und stärker als zuvor. So wie es auch bei seinen anderen Freunden, Meriadoc und Peregrin gewesen war, beide waren große Hobbits geworden, aber nicht nur mit den Körpern. Er erinnerte sich noch daran, wie sie ihn genötigt hatten, bei ihrer Verschwörung mitzuhelfen und wie unsicher er gewesen war, nur um dann doch einzuwilligen. Er war ihr Spion gewesen und hatte ihnen von Frodos Aufbruch erzählt und davon, dass der Umzug nur ein Weg war, um das Auenland heimlich zu verlassen. Merry, Pippin, Dick Bolger und er, die Verschwörer und Frodo, der so überrascht gewesen war, als sie ihm eröffnet hatten, dass er nicht alleine gehen würde. Dass er Freunde hatte, die seine Geheimnisse besser hüteten als er selbst und die bereit waren ihm in eine Drachenhöhle zu folgen.
 Ihre Gemeinschaft war zerbrochen als Frodo und Gandalf über das Meer gegangen waren, vielleicht auch schon lange zuvor, als Boromir gestorben war. Aber Samweis dachte gerne so darüber, dass ihre Gemeinschaft noch Bestand hatte, wenn sie sich nicht mehr sehen konnten, so waren sie einander doch in Gedanken treu. Niemals würde er vergessen, was sich damals zugetragen hatte, niemals würde er aufhören, die Geschichten von Frodo Neunfinger, dem Ringträger zu erzählen. Auch die Geschichten von Meriadoc dem Ritter der Mark und Fluch des Hexenkönigs waren in ihm unvergessen, ebenso wie die von Peregrin, der Wache des Weißen Turms, der alleine einen Troll erschlagen hatte.
 Der Hobbit war so in Gedanken versunken, dass er die Stadt, die nun vor ihm zu sehen war, nicht bemerkte. Seine Begleiter, zwei hochgewachsene Elben, die ihn den ganzen Weg von Tol Eressea bis nach Valmar begleitet hatten, tauschten einen Blick. Über den Verlauf ihrer gemeinsamen Reise hatten sie herausgefunden, dass der Hobbit, dem sie Geleit gaben, häufiger in Gedanken versank und dann nicht sprach.
 „Herr Perion“, begann einer der beiden und riss Samweis damit aus seinen Gedanken. Der alte Hobbit sah den Elben an, der sich ihm als Calastar vorgestellt hatte. „Wir haben unser Ziel sehr bald erreicht, Du müsstest es bereits sehen können, denke ich zumindest“, erklärte er dann und deute in die Ferne. Tatsächlich konnte der Hobbit Valmars goldene Konturen sehen und nicht verhindern, dass sich eine freudige Erwartung in ihm breit machte. Obgleich er nun zwischen den Elben lebte, faszinierten sie ihn noch immer und eine Stadt wie Valmar hatte er noch nicht gesehen.
 „Es ist nicht mehr weit und wir werden schon bald am Hof von König Ingwë sein“, ergänzte der andere Elb, der im Augenblick neben seinem Pferd herging.
 Ingwë, Samweis kannte den Namen und wusste, dass alle Elben diesen mit Respekt aussprachen, handelte es sich bei ihm doch nicht nur um den König eines Volkes, sondern auch um den hohen König aller Elben. Samweis konnte sich nicht helfen, er verspürte tiefen Respekt vor dem Elben, obwohl er ihn nicht kannte. Noch immer erschien es kaum vorstellbar, dass er  an den Hof dieses Königs kommen würde. Doch der Grund war leider ein trauriger und das hatte der Hobbit trotz all der Aufregung nicht vergessen. Er hatte die lange Reise nach Valmar angetreten, weil dort zwei Gräber waren, die er besuchen wollte. Frodo und Bilbo hatte man dort bestattet, das war Samweis gesagt worden, doch eine Begründung dafür, warum sie so weit von ihrem letzten Wohnort zur Ruhe gelegt worden waren, die hatte man ihm nicht gegeben.
Canyotorno, hatte den Halbling beobachtet und wechselte nun die Seite, so dass er zwischen seinem Pferd und dem Pony auf dem Samweis saß, ging. „Genieß den Anblick, die Zeit für dunkle Gedanken ist nicht, während man die Stadt der Vanyar zum ersten Mal erblickt“, erklärte er dann und der Halbling schenkte ihm ein schmales Lächeln.
 „Selbst heute noch, lässt Valmar mein Herz höher schlagen und oft habe ich die Stadt von hier gesehen. Doch noch immer ist das erste Mal, dass ich Valmar erblickte unvergessen, es war eine Neumondnacht, in der wir kamen. Nur die Sterne haben gefunkelt, doch hat man die Umrisse der goldenen Mauer gesehen, das blass gewirkt hat, im wenigen Licht, aber doch beeindruckend.“
 „Canyotorno! Bleibe in der Gegenwart, mein Freund, und sei so gut und lass Meister Samweis mit seinen eigenen Augen sehen, was Du so liebst!”, rief Calastar aus und lachte leise, er kannte den anderen Elben, der anders als er selbst, das Blut der Vanyar und der Noldor in sich vereinte und seit seiner Kindheit oft zwischen Tirion auf dem Berg Tuna und Valmar, hin und hergereist war.
 Das Elbengelächter verfehlte seine Wirkung nicht und Samweis spürte, wie die Trauer, die ihn übermannen wollte, weggeblasen wurde, nicht von einem heftigen Sturm, sondern von einer sanften Brise. Ein Lächeln kam zurück auf sein Gesicht und für einen Moment sah er zu seinen Begleitern, die nur nach Tol Eressea gekommen waren, um ihn abzuholen und nach Valmar zu geleiten. „Es stört mich nicht, Herr Canyotorno, Ihr könnt gerne weiter reden“, meinte der Hobbit und sah nun in die grauen Augen des Halbnoldos, denn anders als Calastar, dessen Eltern beide Vanyar waren, hatte er eine Noldo zur Mutter.
 „Das könntest Du bereuen, Herr Perion“, lachte Calastar. „Erlaube nie jemandem, der mit den Noldor verwandt ist, zu sprechen, wie es ihm beliebt. Ihre Mundwerke sind nicht zu zähmen und sie halten ihre Worte für unbeschreiblich bedeutsam und gewichtiger als das aller anderen.“
 „Immerhin sprechen wir von Dingen, die waren, und von Dingen, die sind, und nicht von wirren Gedankengängen, die Möglichkeiten hätten eröffnen können, wie es ihr Vanyar so gerne tut!“, hielt Canyotorno dagegen und Samweis wusste nicht recht, wie ihm geschah.
 Er hatte seit seiner Ankunft schon erfahren, dass es unterschiedliche Sippen unter den Elben zu geben schien, doch noch hatte er nicht herausfinden können, wie sehr diese sich voneinander unterschieden. Seinen Begleitern entging nicht, dass er fragend dreinschaute. „Darf ich Dir etwas über unsere Völker erzählen? Nachdem Du nun bei uns lebst, könnte es auch besser sein, nicht für jeden ist Unwissenheit eine Entschuldigung.“ Beide Elben wirkten nun ernster als zuvor. Es war Canyotorno, der gesprochen hatte und als er ein kleines Nicken bemerkte, fuhr er fort. „Nach allem, was man mir über die Außenlande erzählt hat, sind unsere Geschlechter in den Augen Außenstehender zu einem einzigen verschmolzen und vor sehr langer Zeit waren wir das auch. Wir waren ein Volk, das weit im Osten, erwacht ist, an einem Ort, den alle, außer unseren Ältesten, nur noch aus Erzählungen kennen. Doch schon dort haben sich Gruppen gefunden…“, für einen Moment unterbrach Canyotorno sich und sein Blick ging ins Leere.
 Als Samweis eben nachfragen wollte, ob etwas nicht stimmte, fuhr der Elb fort. „Es ging danach, wer die Ältesten geweckt hat und sie waren die Anführer der Gruppen, die sich damals noch sehr nahe standen. Mir wurde gesagt, dass diese Gruppen aber die Familien ersetze haben, die die Erwachten nicht hatten. Doch spätestens zur Zeit der großen Wanderung wurden die ersten Trennungen endgültig. Es gab jene, zu denen auch Calastars und meine Vorfahren gehören, die mit unseren Fürsten in dieses Land aufgebrochen sind, und es gab jene, die geblieben sind. Weitere Trennungen kamen über uns und aus dem, was einmal ein Volk war, wurden immer mehr Splittergruppen und heute wissen wir nicht einmal selbst, wie viele Völker wir eigentlich sind. So traurig es auch ist, wir könnten uns nicht einmal mehr so weit einigen, dass wir wieder ein Volk sein wollten. Wir unterscheiden uns auf vielen Ebenen und doch sind wir in gewisser Weise gleich. Doch ich schweife ab. Sollte ich doch nur den Unterschied zwischen den Noldor und den Vanyar erklären und nicht die traurigen Kapitel unserer Geschichte aufwärmen. Ruf mich zurück, sollte ich erneut abschweifen, Herr Perion.“
 Der alte Halbling hatte sein Pony gezügelt und damit auch die beiden Elben dazu gebracht, selbst anzuhalten. „Nein, nein, Ihr braucht Euch nicht zu entschuldigen, Meister Canyotorno, aber es ist bislang ein wenig verwirrend“, gestand der Halbling mi einem freundlichen Lächeln. Der Elb nahm diese Aussage zur Kenntnis und senkte seinen Kopf leise, ehe er fortfuhr.
 „Die Vanyar sind aus der ersten Gruppe der erwachten Elben hervorgegangen und haben sich selbst Minyar – was die Ersten bedeutet – genannt. Der Name, der sich heute durchgesetzt hat, wurde von den Noldor vergeben. Wenn Du nun zu Calastar sehen möchtest, Meister Gamdschie, dann siehst Du, wodurch sich die Vanyar äußerlich auszeichnen. Sie sind die Einzigen von uns, die beinahe ausschließlich goldene Haare haben, was bei den anderen Stämmen nie vorgekommen ist. Ich habe auch gehört, dass jene von den Menschen, die einige der Vanyar im Krieg des Zornes, vor sehr langer Zeit gesehen haben, behauptet haben, dass die Vanyar die Schönsten von uns wären. Doch was ist Schönheit schon, außer einem Abbild eines Ideals, das eine bestimmte Person hat? Doch gibt es in den Außenlanden keine Vanyar mehr, bei der großen Wanderung sind sie geschlossen hier her gekommen und auch nach dem Krieg des Zornes, für den einige kurzfristig nach Beleriand gegangen sind, kamen sie zurück. Wenn ich behaupte, dass die Vanyar die Lieblinge der Valar sind, dann lüge ich nicht, sondern spreche eine Tatsache aus, das Volk meines Vaters ist für seine Sanftheit und Liebe zu den schönen Künsten bekannt. Die Noldor, das Volk meiner Mutter sind eine andere Geschichte.“ Canyotorno holte kurz Luft und beobachtete den Halbling vor sich. Canyotorno war nicht entgangen, dass Samweis Calastar genau gemustert hatte, der als Beispiel genannt worden war und vermutete, dass dem Halbling auch die Augen des Vanyas nicht entgangen waren, die ebenso braun waren, wie seine eigenen.  „Sie haben, wie die meisten Elben, dunkles Haar und zumeist graue Augen, ich selbst bin kein gutes Beispiel dafür, ich komme zu sehr nach dem Volk meines Vaters. Doch sind es weniger die äußerlichen Unterschiede, um die es uns geht. Die Noldor sind die Neugierigsten von uns, sie waren es, die viele Gesetzmäßigkeiten der Natur erfasst haben und ihre Werke übertreffen die unserer Brüder und Schwestern, in beinahe allen Belangen. Es waren auch die Noldor, denen wir unsere Schriften verdanken. Feanáros Tengwar und davor Rumils Sarati, sind Belege dafür, dass sie auch auf dem Gebiet der Sprachen und Schriften eine treibende Kraft waren. Ich kenne viele Noldor, die meisten von ihnen sind unruhig, wenn ihre Hände still stehen oder ihr Geist nicht beschäftigt ist. Viele Kunstwerke, die Du in Valmar sehen wirst, wurden von ihren Händen geschaffen. Doch die Noldor haben auch die dunkelste Geschichte von uns allen, obgleich sie niemals einen Krieg begonnen haben, haben sie ebenso wenig aufgegeben oder von ihrer Rache abgelassen. Ich werde an dieser Stelle nicht mehr viel dazu sagen, nur, dass es niemals weise ist, einen Noldo so zu bedrängen, dass er mit dem Rücken zur Wand steht und keinen Ausweg mehr sieht…“ An dieser Stelle wurde er von Samweis unterbrochen, der sich an eine der Erzählungen vom alten Bilbo erinnerte.
 „Erbittert wie ein Drache, mit dem Rücken zur Wand, wie schon Gandalf über Herrn Bilbo gesagt hat? Nur denke ich, dass in diesem Fall mehr Wahres daran ist, als bei einem Hobbit, selbst wenn es sich um einen abenteuerlustigen Hobbit wie Bilbo handelt.“ Samweis erinnerte sich auch daran, wie oft er diese Geschichte für seine Kinder aus dem roten Buch vorgelesen hatte. Er kannte sie mit ganzem Herzen auswendig und wollte auch niemals nur ein Detail vergessen oder verfälschen. Die Taten waren groß genug gewesen und er würde sie nicht damit beflecken, dass er sie in eine andere Form brachte, oder ihnen etwas hinzufügte.
 „Das ist ein guter Vergleich, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht einen Drachen bevorzugen würde, wenn die Alternative aus verzweifelten Noldor besteht“, warf Calastar düster ein, ehe er mit einem leichteren Tonfall fortfuhr. „Doch auch ich kenne viele Noldor gut genug, um zu wissen, dass sie nicht annähernd so grausam sind, wie die Moriquendi und die Lindar behaupten.“
 „Die Lindar, das sind jene Elben, die seit jeher an den Küsten Valinors leben und die lange Zeit die einzigen Bewohner von Tol Eressea waren, ehe sie es den Widerkehrenden unter den Noldor überlassen haben. Mit Moriquendi sind alle jene gemeint, die nicht während der großen Wanderung hier hergekommen sind, bei denen alle Generationen in den Außenlanden gelebt haben“, ergänzte Canyotorno, der die Verwirrtheit des Halblings sah.
 „Gil-galad, war ein Noldo, oder bringe ich etwas durcheinander?“, fragte Samweis und Calastars Blick wurde noch etwas freundlicher. „Hier haben wir wirklich ein Juwel unter den Periondion“, rief er aus. „Ja, er war der letzte Hohe König, den die Noldor im Exil hatten und er kam aus ihrem größten Haus. Doch wir sollten weiter, Herr Perion, sonst werden wir noch eine weitere Nacht auf den Straßen verbringen und ich denke, dass wir alle froh wären, darauf verzichten zu können.“
 Damit hatte der Vanya nicht Unrecht, besonders da Sams Gelenke, nach jeder Nacht, die er im Kalten geschlafen hatte, unangenehm steif waren. Dabei sorgten seine Begleiter dafür, dass er immerhin ein Zelt über sich hatte und vor dem Wetter geschützt war, zumindest soweit man auf einer Reise davor geschützt sein konnte. Der alte Halbling erinnerte sich daran, wie anders es während seinem großen Abenteuer gewesen war. Damals hatte er auf dem blanken Boden und unter freiem Himmel geschlafen, oder in Dornenbüschen gelegen, wenn sie sich hatten verbergen müssen. Mit einem heftigen Kopfschütteln trieb er sein Pony wieder an, er wollte nicht an Mordor denken, auch wenn ihn die Erfahrungen noch immer verfolgten. Vieles war er losgeworden, aber weder die Schrecken, die er dort auf den toten Ebenen gesehen hatte, noch die Verzweiflung, die er in Frodos Augen. „Könnt ihr mir mehr von den unterschiedlichen Völkern erzählen?“, fragte er dann, weil es ihn interessierte, aber vor allem, um abgelenkt zu werden, damit er nicht weiter in seine Gedanken sinken konnte.
 Canyotorno kam dem nur zu gerne nach, er erzählte Samweis, was er über die Sindar wusste und auch von den Nandor, die sich noch weiter aufgeteilt hatte. Irgendwann, als der Halbling schon das Tor in der Mauer ausmachen konnte, unterbrach Calastar den anderen Elben und sprach stattdessen von den größten Dichtern der einzelnen Völker. So gerne Samweis sich alles gemerkt hätte, so war es ihm doch nicht möglich, es waren zu viele Dinge auf einmal und doch hörte er gerne zu.
 
„Herr Perion, sieh, wir sind angekommen. Die Tore Valmars!“, rief Canyotorno aus und Samweis sah, wie zwei weitere Elben, die als Wachen am Tor standen, vor ihm salutierten und er war erstaunt und zeitgleich gerührt. Was war er schon, verglichen mit den unsterblichen Helden, die es unter den Elben gab? Als er einen Blick zu seinen Begleitern warf, sah er, dass diese nur leicht lächelten.
 „Du hast alle Ehren verdient und hier werden sie Dir zuteil“, erklärte Calastar sanft und lenkte sein Pferd durch das Tor. Sobald er sich gefangen hatte, brachte Samweis sein Pony dazu, dem Pferd zu folgen, Canyotorno bildete den Schluss.
 Der Hobbit kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, die Gebäude waren anders gebaut als auf Tol Eressea, aber ebenso beeindruckend. Die Gebäude waren höher und wirkten so filigran, dass Samweis sich fragte, wie sie überhaupt stehen konnten. Doch so schön alles war, so unheimlich wirkte es auf ihn, wo er die Höhe noch immer fürchtete. Als sie einen großen Hof erreicht hatten, sprang Canyotorno von seinem Pferd und trat dann an Samweis‘ Pony heran, um dem Halbling hinunter zu helfen. Während der Reise hatten die Elben festgestellt, dass der Halbling sonst eher vom Rücken des Tieres fiel, als wirklich abzusteigen. Was daran lag, dass Samweis‘ nach einiger Zeit im Sattel sehr steif war und es ihm nicht mehr so leicht fiel, sich dann frei zu bewegen. Calastar führte die Pferde weg und erst, nachdem er dem Halbling geholfen hatte, folgte Canyotorno mit dessen Pony.
 „Geh Du mit ihm vor, Calastar. Ich schau nach den Tieren, mein Freund“, sagte er dann und der Vanya nickte mit einem Schmunzeln und ging dann wieder auf den Hof, wo er den Hobbit darum bat, ihm zu folgen. Eine Bitte, der Samweis nachkam, der versuchte seine Aufregung niederzuringen.

Ingwë Ingweron, der Fürst der Fürsten unter den Eldar stand in einem kleinen Raum und sah auf ein verblasstes Bild, das zwar für die Ewigkeit geschaffen worden war, doch eine Ewigkeit war lang und auch Farbtöne verblassten im Lauf der Jahrtausende. Dann hob er eine Hand und hielt am Ende doch kurz vor dem Bild inne, mit einem schweren Seufzen schüttelte er seinen Kopf und zog sie wieder zurück. Es half nichts, das Bild brachte ihm jene, die er vermisste, nicht zurück und ihm blieb nichts, als das hinzunehmen. Eine Lehre, die er nie ganz hatte verinnerlichen wollen.
 Ein Klopfen riss Ingwë aus seinen Gedanken und er richtete sich wieder hoch auf. „Ja?“, rief er leise und einer seiner Untergebenen trat ein und verbeugte sich ehrfürchtig von ihm.
 „Aranya, der Perion ist angekommen“, erklärte der Elb leise und wartete ab, ob er eine Anweisung bekam.
 „Ich danke Dir“, sagte Ingwë und trat auf die Tür zu, doch dann fragte er sich, ob er den Halbling wirklich im Prunksaal empfangen wollte. Was hatte er davon, wenn er ihn beeindruckte? „Führ ihn bitte in diesen Raum“, bat er dann und wartete, bis der Andere gegangen war, ehe er seine Augen kurz schloss. Es war lange her, dass er zuletzt einen Fremden in einem so vertrauten und privaten Raum empfangen hatte. In diesem Punkt hatte er sich immer von seinem Bruder von den Noldor unterschieden, doch in diesem Fall erschien ihm alles andere nicht richtig.
 Kurz darauf hörte er Schritte vor der Tür und dazu ein leises Klappern, dass er nicht einordnen konnte, obwohl es näher kam. Als Calastar den Halbling in den Raum führte, sah Ingwë aber, was das Geräusch verursacht hatte, es war der Stock gewesen, auf den sich der Hobbit stützte. Der Hohe König nahm sich einen Moment Zeit, um die Person vor sich zu betrachten. Das Haar war kraus und weiß, die Haut runzelig und faltig, besonders um Augen und Mund, doch die Augen, die ebenso braun waren, wie seine eigenen waren wach und klar. Auch wenn es nicht das erste Mal war, dass Ingwë die großen und behaarten Füße eines Halblings sah, so war es doch erneut verwunderlich, besonders, da dieser an sich so klein war.
 Als Samweis zu einer Verbeugung ansetzen wollte, hielt ihn eine warme Stimme auf. „Nicht, Herr Perion, ich bin nicht Dein König und Du bist mein Ehrengast.“ Was Ingwë nicht aussprach war, dass er sich sorgte, dass der Halbling sich deswegen etwas antat, er hatte keine Erfahrungen mit Personen, die durch das Alter gebrechlich geworden waren. Er hatte Erfahrungen mit Brüdern und Schwestern, die an etwas litten, doch das Alter war niemals eine Gefahr gewesen. Doch wusste der Vanya, dass es bei Halblingen anders war.
 „Aber von Euch wird immer nur in den höchsten Tönen gesprochen“, Samweis Stimme war etwas höher als sonst, das lag an der Aufregung und da half es ihm nicht, dass er länger als jeder Vorgänger Bürgermeister von Hobbingen gewesen war. Wie zu so vielen Leuten, musste Samweis seinen Kopf weit in den Nacken legen, um Ingwës Gesicht zu sehen. Dem Hobbit fiel auf, dass der König der Vanyar noch größer war, als seine Begleiter und diese waren ihm schon riesig vorgekommen. Doch er vermutete fast, dass er nun auf einer Leiter stehen müsste, die so hoch war, wie er groß, damit er Ingwë in die Augen sehen könnte.
 „Das kann auch ich behaupten, Herr Perion, ich habe bereits einiges von Dir gehört und wenig Neuigkeiten aus den Außenlanden dringen bis an meine Ohren“, gestand Ingwë ruhig und bot Samweis einen Stuhl an. Einen Augenblick später fragte er sich, ob er an geistiger Umnachtung litt, wie sollte der Halbling, der so klein war, auf die Sitzfläche gelangen sollte. Besonders, da es sich nicht um einen der Stühle handelte, die sowohl für Männer und Frauen geeignet war, sondern der für einen Elben gemacht worden war, der größer war, als Ingwë selbst. Doch der Hobbit schien sich daran nicht zu stören und nahm tatsächlich auf dem Stuhl Platz, auch wenn es offensichtlich war, dass er seine liebe Mühe damit hatte, auf die Sitzfläche zu gelangen.
 Der Hobbit wirkte noch immer aufgeregt und Ingwë verstand nicht recht, was dafür verantwortlich war, er selbst konnte es eigentlich nicht sein. Zumindest wäre es das erste Mal, dass er eine solche Wirkung auf andere ausübte und er hatte viele Leute in seinem Leben getroffen. Doch dann sammelte sich Samweis und begann: „Mir wurde gesagt, dass Frodo und Bilbo nach Valmar gebracht wurden.“ Die Stimme war etwas belegt und Ingwë verstand nur zu gut, warum.
 „Ja, das wurden sie, Herr Samweis und hier haben sie auch ihre letzte Ruhe gefunden“, begann der Vanya leise und setzte sich selbst auf einen Stuhl. „Deswegen und aus einem anderen Grund habe ich Dir Begleiter geschickt, die Dich hier her geleitet haben. Ich muss gestehen, dass ich Dich kennen lernen wollte, denn so viele Leute ich auch schon getroffen habe, in meinem Leben, so waren nur wenige darunter, über die man so sprechen könnte, wie über Dich.“ Mit einem traurigen Lächeln musste Ingwë an die Freunde denken, die er verloren hatte und fragte sich, warum er, als er von Samweis gehört hatte, an diese hatte denken müssen. Äußerlich hatte Samweis nichts mit Finwë und Elwë gemein und auch das Verhalten, dass er bislang gezeigt hatte, war den beiden auch nicht ähnlich und doch, doch erinnerte er Ingwë an diese beiden.
 Für einen Moment sagte Samweis nichts, er sah Ingwë nur an und wartete ab. Als dem Vanya bewusst wurde, wie unhöflich er eigentlich war, erhob er sich eilig noch einmal. Er nahm eine Karaffe von einem Tisch und schenkte etwas leichten Wein ein. „Ich bin sofort wieder da, Meister Perion“, sagte Ingwë dann und reichte Samweis den Kelch, ehe er hinausging und dem Halbling damit die Gelegenheit gab, seine Gedanken zu ordnen und sich zu überlegen, was er sagen wollte.

Kurz darauf kam Ingwë wieder und hatte ein Tablett mit einigen Speisen dabei, das er auf den Beistelltisch neben den Stuhl stellte.
 Seine vorbereiteten Reden vergessen, rutschte Samweis ein: „Ihr macht das Selbst?“, heraus. Er war sich nicht sicher, was er erwartet hatte, doch er wusste, dass er nicht gedacht hatte, dass Ingwë Ingweron selbst Arbeiten machen würde, die auch gewöhnliche Leute verrichteten. Doch der Vanya überraschte ihn mit einem leisen Lachen.
 „Aye, Meister Perion, ich bin auch nur ein Elb und einige meiner Geschwister behaupten, dass wir unsren eigenen Wert schmälern, wenn wir nicht länger die alltäglichen Aufgaben bewältigen. Doch zu diesen gehöre ich nicht. Aber wie ich schon sagte, ich bin auch nur ein Elb, warum sollte ich sehr anders behandelt werden, oder mir Vorrechte herausnehmen? Damit würde ich mich über meine Brüder stellen und das tu ich nicht.“ Hier hielt Ingwë inne, um Samweis die Gelegenheit zu geben, die Fragen zu stellen, die in seinen Augen standen.
 „Verzeiht, aber wie viele Geschwister habt Ihr und wo sind diese?“
 „Nun bin ich es, der um Verzeihung bitten sollte, Meister Perion, ich habe keine Geschwister durch Blutsbande, doch nenne ich meine Freunde und auch mein Volk so. In lange vergangenen Tagen hatten wir kein Wort für Freunde und so nannten wir uns Brüder und Schwestern und an diesen Bezeichnungen halte ich noch fest, auch wenn wir schon lange andere Wörter dafür haben. Aber bitte, Du bist lange gereist, bediene Dich an den Speisen.“ Bei seinen letzten Worten machte Ingwë eine Geste auf das Tablett und auch auf den Kelch, den Samweis noch nicht angerührt hatte. Dankbar kam der Hobbit der Aufforderung nach und aß etwas, dann bekamen seine Augen einen anderen Glanz. „Besteht eine Möglichkeit, dass ich mit dem Koch dieser vorzüglichen Speisen Rezepte austauschen kann? Auch wenn die einfachen Gerichte der Hobbits ein schlechter Tausch sein müssen“, fragte er mit höflichen Tonfall nach.
 „Die Möglichkeit besteht, doch denke ich, dass wir nicht diesen Tag verwenden sollten, um Speisen unserer Völker auszutauschen. Doch gerne will ich Dir zeigen, wie man diese Speisen macht“, erklärte Ingwë leise und lächelte. Es waren doch noch immer die kleinen Dinge, die die größten Freuden machen konnten.
 Nach einem kleinen Nicken nahm Samweis seinen Mut zusammen, er war nicht hergekommen, um zu kochen, auch wenn er es noch immer sehr gerne machte und auch stolz auf seine Kochkünste war.
 „Weswegen liegen sie hier?“ Die Frage war sehr leise gestellt und auch nicht mit den schönen Worten gestellt, die er sich eigentlich überlegt hatte. Er beobachtete sein Gegenüber genau, der sich eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht strich und seufzte. Es war einer dieser Seufzer, die man nicht hören, aber an der Art, wie sich Kopf und Oberkörper bewegten, sah. Dann aber antwortete er leise. „Weil mein Volk die meisten und behutsamsten Heiler unter den Eldar haben. Elerrondo, den Du wohl als Elrond, kennst, mag sehr gut sein, aber mein Volk hat sich seit es uns gibt, diesen Künsten verschrieben. Wir haben uns Wissen angeeignet, dass er nicht hatte, auch wenn er viel weiß und das selbst die Bewandertsten meiner Brüder zugegeben haben. Doch wir sind es, die seit Zeitaltern versuchen, die Spuren der Außenlanden an unseren Brüdern und Schwestern zu lindern. Spuren, die auch dem Halbelben selbst zu schaffen machen.“
 „Haben sie hier ihren Frieden gefunden?“, fragte Samweis und kam nicht umhin zu hoffen. Sowohl Herr Frodo, als auch der alte Bilbo hatten den Frieden so verdient!
 „Sie haben Linderung erfahren“, sagte Ingwë schlicht und hoffte, dass keine weiteren Nachfragen kamen. Denn selbst den Vanyar war es nicht möglich gewesen, die Spuren ganz von Frodo abzuwaschen, auch wenn sie seine Beschwerden stark gelindert hatten. Der Halbling ihm gegenüber schien zu wissen, was ihm vorenthalten wurde und hatte seinen Kopf bedrückt gesenkt.
 „Doch sie waren nicht unglücklich hier, Meister Perion“, fügte der Vanyarkönig leise an und erreichte damit, dass der Halbling seinen Kopf wieder hob und ihm ein unsicheres Lächeln über das Gesicht huschte. Ein Gesicht, in dem, wie Ingwë nun auffiel, eine tiefe Erschöpfung deutlich zu sehen war. Wohl versteckt, aber nicht unsichtbar, besonders nicht für ihn, der gelernt hatte, auf solche Anzeichen zu achten. „Aber vielleicht solltest Du ruhen…“, begann er, doch wurde unterbrochen.
 „Ich würde sie gerne sehen.“ Samweis hatte seine Schultern gestrafft und wirkte gefasst und entschlossen.
 „Dann werde ich Dich zu den Gräbern führen“, erwiderte Ingwë leise und fragte sich, wie es wohl war, am Grab seiner eigenen Freunde zu stehen. Das von Elwë, das er niemals hatte sehen können, war in Beleriand gewesen und untergegangen, doch bei Finwë war es ein anderer Fall.

So in seine Gedanken versunken und darüber nachgrübelnd, ob er nicht einmal nach Formenos reisen sollte, um neben der Erde zu stehen, unter der sein Bruder nun schlief, bemerkte er nicht sofort, dass er angesprochen wurde. Erst als die Stimme des Halblings eindringlicher wurde, wurde ihm bewusst, dass ihm etwas entgangen war.
 „Verzeih, ich war in Gedanken“, erklärte er entschuldigend und sah auf Samweis herab.
 „Das konnte ich sehen… aber wen habt Ihr verloren, Herr König? Wo Ihr doch den Vorteil habt, dass Eure Geschwister nicht sterben.“ Als der Hobbit sah, wie ein Schatten über Ingwës Gesicht kam, da fragte er sich, ob er etwas Falsches gesagt hatte und er bereute seine Worte.
 „Das gilt nicht, wenn sie getötet werden und ich habe viele meiner Geschwister verloren, besonders jene, die mir am nächsten standen. Außerdem waren die ältesten meiner Brüder weniger… wiederstandfähig, als die jüngeren. Auch wenn Zeitalter vergangen sind, so habe ich sie doch nicht wieder bekommen, ich weiß also ein wenig, wie es Dir geht, Meister Perion. Verlust ist mir leider nicht fremd, auch wenn ich das sehr gerne von mir sagen würde“, gestand der Vanya und bemerkte, wie die Augen des Halblings sich etwas weiteten und bedrückt wurden. „Ich mache Dir keinen Vorwurf für Deine Worte, Meister Perion, aber ich würde Dich darum bitten, meine Erwiderung in Erinnerung zu behalten.“
 „Ich wollte keinen alten Schmerz wecken“, murmelte der Hobbit und es tat ihm wirklich leid, doch hatte er nicht gedacht, dass auch Ingwë solche Verluste kannte. Langsam und fortan schweigend führte der Hohe König der Elben den Halbling durch einen Hof in einen Garten. Dann erreichten sie eine ruhige Stelle, an der Bäume wuchsen, die Samweis niemals zuvor gesehen hatte. Dort, im Schatten der Bäume standen mehrere Statuen, die der Hobbit im ersten Moment für lebende Personen gehalten hätte, so echt sahen sie aus, doch erst als er noch einmal hinsah und bemerkte, dass die Brust desjenigen, der ihm am nächsten war, sich nicht hob und senkte, wurde ihm bewusst, dass es Statuen waren. Da war kein Atem und doch sah die Gestalt, die einem Elben gehörte, der noch größer war, als Ingwë, so wirklich.
 „Nerdanels Werke“, sagte Ingwë leise und Samweis überlegte, ob er den Namen schon einmal gehört hatte, doch glaubte er es nicht. „Man sagt, dass ihre Skulpturen wirken, als würden sie leben, doch es stimmt nicht, ihnen fehlt die Bewegung. Doch sind es die besten Abbilder, die es von jenen, derer man sich hier erinnert, gibt.“
 Der Hobbit begriff, es musste sich hierbei um jene handeln, die Ingwë verloren hatte. „Wer sind sie?“, fragte er und hatte seinen Kopf in den Nacken gelegt, um die Gesichter der großen steinernen Elben zu sehen.
 Ingwë zögerte für einen Moment, dann machte er eine kleine Geste zur größten der Skulpturen. „Das ist Elwë, den sie später, wie man mir gesagt hat, Elu Thingol genannt haben. Sein Abbild trifft ihn nicht genau. Doch Nerdanel hat ihn nie gesehen, sie hat ihn nur nach Beschreibungen nachgebildet.“ Ein großer Name und Samweis hatte viel von Thingol gehört, doch wusste er nicht genau, wie Ingwë ihn kennen konnte, doch traute er sich nicht diese Frage zu stellen. Dann aber ging Ingwë zwei Schritte auf zwei andere Statuen zu. Es waren Mann und Frau, die nebeneinanderstanden, die sich offensichtlich nahe gestanden hatten. „Míriël und Finwë…“, erklärte der Vanya leise und klang noch bedrückter, als er es bei Elwë getan hatte und Samweis glaubte nicht, dass er dem Elben Trost spenden konnte, so gerne er es auch wollte. Er selbst wusste, dass es bei Verlust keine Worte gab, die halfen, sondern dass man lernen musste, mit den Wunden im Herzen zu leben. Doch das war nicht einfach und die Narben vergingen nicht. Oder zumindest nicht in einer Zeitspanne, wie er sie kannte, doch als er zu Ingwë hochsah, wurde ihm bewusst, dass mehr Zeit auch nicht gegen den Zeit eines Verlusts half. „Aber Du bist nicht hier, um meine Geschwister zu besuchen, sondern wegen deinen eigenen.“ Ingwë sprach so leise, dass Samweis ihn nicht verstanden hatte, doch als er auf einmal eine warme Hand auf seinem Rücken  hatte, die ihn behutsam weiter geleitete, brauchte er nicht nachfragen, um zu wissen, um was es gegangen war. Hinter einem dicken und zweifelsohne uralten Baum waren zwei gepflegte Gräber, nebeneinander angelegt und jeweils mit einer Statue versehen.
 Tränen schossen dem alten Hobbit in die Augen, als er seine Freunde sah, durch das Licht der untergehenden Sonne wirkten die beiden noch lebendiger, das rötliche Licht, dass auf den weißen Stein fiel, ließ es so wirken, als wäre es kein Stein, sondern ergrautes Haar und blasse Haut. Bilbo – nein, sein Abbild - saß auf einer kleinen Bank, ein Buch und eine Feder in den Händen und ein verträumtes, aber müdes Lächeln auf seinen Lippen. Frodo war auf seinem Abbild beinahe so, wie Samweis ihn in Erinnerung hatte. Doch wirkte das Gesicht friedlicher, als es in den letzten Jahren, die Frodo noch im Auenland verbracht hatte, gewesen war. Der Halbling versuchte sich zusammenzureißen, doch es gelang ihm nicht, er begann schluchzend zu weinen, konnte aber nicht einmal genau sagen, weswegen. War es, weil seine Freunde tot waren? So, wie auch seine Rosie tot war? Oder war es wegen der Ungerechtigkeit der Welt, dass jene am meisten litten, die es nicht verdient hatten?
 Erinnerungen übermannten ihn und er konnte sich kaum rühren, er sah den Abschied vor sich, bei dem er ein letztes Mal der Spion gewesen war, er hatte Merry und Pippin gesagt, dass Herr Frodo aufbrechen wollte und ihnen gesagt, wohin sie kommen mussten. Damit sie sich verabschieden konnten, denn dass hatten sie verdient gehabt, sie waren so unerschütterlich gewesen und hatten Frodo so geliebt, wie er es selbst getan hatte.

Ingwë hatte den Halbling zu den Gräbern geführt, die liebevoll gepflegt wurden, nicht von irgendjemandem, sondern von seiner Gefährtin Santiël. Ihr waren die beiden Halblinge ans Herz gewachsen.
 Der Vanya sah, wie der Perion weinte, wie es seinen kleinen Körper durchschüttelte und wie verloren er wirkte. Dann ging er in die Hocke, keinen Gedanken daran verschwendend, dass viele aus seinem Volk seltsam schauen würden, wenn sie ihn nun sehen könnten. Ingwë nahm den Halbling behutsam in den Arm, so wie er es bei seinen Geschwistern und bei seinem Kind getan hatte, wenn Tränen gerollt waren. Der Perion tat ihm leid, er selbst kam sich so manches Mal einsam vor, doch hatte er seine Gefährtin, seinen Sohn und weitere Geschwister, doch wen hatte der Halbling? Niemanden an diesem Ufer, außer ein paar losen Bekannten, doch das war nicht, was man in einer Zeit der Trauer brauchte, das wusste Ingwë nur zu gut.
Es dauerte einige Zeit, bis der Halbling sich langsam beruhigte, seine Tränen versiegten und sein Atem wieder gleichmäßiger ging. Ingwë hielt ihn solange schweigend fest, er wollte die Trauer des anderen nicht mit belanglosen Worten durchbrechen. Nachdem der Hobbit sich beruhigt hatte, öffnete er seinen Mund und nahm seinen Kopf wieder von Ingwës Brust, gegen die der Vanya ihn behutsam gedrückt hatte.
 „Bedank Dich nicht“, murmelte der Elb und sah dem Halbling in die braunen Augen. „Niemand sollte mit seiner Trauer alleine sein müssen“, fügte er dann noch an und warf einen kurzen Blick auf die Gräber neben ihnen. Ihm entging das schmale Lächeln, das auf Samweis Lippen kam, nicht. Es war das Lächeln eines Mannes, der genau wusste, wie wahr die gesprochenen Worte waren und der den Halt dennoch zu schätzen wusste.
 „Aber komm, es wird dunkel und der Weg von Tol Eressea ist weit, selbst nach meinem Empfinden. Wenn Du willst, dann kannst Du noch mit mir und meiner Gefährtin essen, ehe wir Dir einen Raum zeigen, der für Dich hergerichtet wurde. Nach den Sitten deines Volkes, ebenerdig, da brauchst Du keine Angst zu haben.“

Später würde Samweis nicht viel über dieses Essen am Tisch des Königs sagen können. Es war beinahe so, wie das erste Mal, als er Elben getroffen hatte, damals vor langer Zeit im Waldende nahe von Waldhof. Er hatte niemals wirklich passende Worte für dieses Treffen gefunden, es aber mit tadellosen Pflanzen verglichen, wie er sie nicht zu züchten verstand. Es war ein Vergleich, den er so nicht mehr anstellte, doch einen passenderen Ersatz hatte er nicht. Santiël, die Gefährtin Ingwës, war eine Schönheit, wie der alte Halbling nur wenige gesehen hatte und sie hatte ihn – zu seinem eigenen Erstaunen – an seine Rosie erinnert. Es war weniger das Aussehen, als das Lachen, es klang ähnlich, das war ihm sofort aufgefallen.
 Viel hatten sie nicht geredet, aber die Stille war nicht erdrückend, sondern einvernehmlich gewesen.
 Nach dem Essen hatten sie ihn eingeladen, noch ein wenig Zeit mit ihnen zu verbringen, doch er hatte abgelehnt. Die Reise hatte ihn erschöpft und er sehnte sich nach einem Platz, an dem er schlafen konnte. Während er Ingwë durch einen Säulengang folgte, kamen die Erinnerungen an das besagte Treffen wieder in ihm hoch. Samweis erinnerte sich auch daran, was Gildor zu Ratschlägen gesagt hatte. Dass er sie nicht gerne vergab und auch, dass jemand, der eine Situation nicht genau kannte, keine gute Abschätzung machen konnte, weswegen ein Rat immer mit Vorsicht zu genießen war. Für einen Moment fragte Samweis sich, warum er genau daran denken musste. Besonders da ihm seither Elben begegnet waren, die durchaus Ratschläge gaben, die gut und vernünftig klangen.
 „Das bin ich“, murmelte er „ich kann meine eigenen Gedanken nicht nachvollziehen.“
 „So geht es uns allen bisweilen“, hörte er Ingwë sagen und errötete leicht, eigentlich waren seine Worte nicht für fremde Ohren bestimmt gewesen, aber er hatte nicht daran gedacht, wie viel besser die Elben doch hörten.
 Dann drückte der Vanya eine Tür auf und der Halbling sah in ein Zimmer, das ihm riesig vorkam. Auch die Möbel waren nicht auf seine Körpergröße ausgelegt, aber neben dem Bett stand ein mehrstufiger Schemel, damit er nicht klettern musste. „Es tut mir aufrichtig leid, aber die Zeit hätte nicht gereicht, um Möbel in angemessener Größe herbringen zu lassen“, begann Ingwë ruhig und sah Samweis an, der sich aber nicht daran zu stören schien.
 „Es gab eine Zeit, in der ich in der Natur mein Federbett vermisst habe, aber mittlerweile nicht mehr, ich habe gelernt, mit wenig zurechtzukommen und ein Bett, dass mir zu groß ist, ist mir mehr als gut genug“, verkündete er mit einem warmen Lächeln und dankte dem Vanya noch einmal, ehe dieser ihn alleine ließ.


„Ingwë?”, rief ihn eine Stimme, als er den Raum verlassen hatte. Es war Santiël, die seine Aufmerksamkeit verlangte, seine Gefährtin, die noch immer an seiner Seite stand.  Behutsam beugte er sich zu ihr hinunter und vergrub sein Gesicht in ihren Haaren. Sie wusste nur zu gut, dass er die Verluste seiner Geschwister nie ganz verwunden hatte. Er hing noch immer an ihnen und konnte nicht an sie denken, ohne in Trauer zu versinken und das, obwohl tausende von Jahren vergangen waren. „Kommst du zurecht?“, fragte sie ihn liebevoll und wusste nicht genau, was sie machen konnte, um den Schmerz ihres Gefährten zu besänftigen. Es war schwer und immer wieder wünschte sie sich, dass sie mehr machen könnte.
 „Santiël, es ist nichts Neues, es ist nur, dass ich es noch immer nicht wirklich begreifen kann. Vor allem bei Finwë und Elwë hätte ich es niemals glauben können. Hätte man mir damals gesagt, dass einem von uns etwas zustoßen würde, ich hätte es nicht geglaubt. Die beiden waren so stark und hatten immer ein Auge auf mich. Und jetzt? Jetzt bin ich der Einzige von uns, der noch unter den Lebenden weilt. Ich hätte es besser wissen sollen, aber ich hielt uns für unverwundbar, auch nach allem.“ Ingwë konnte es noch immer nicht glauben, es war unmöglich, wie hatten seine Brüder getötet werden können, wo sie doch alle so unglaublich stark gewesen waren? Elwë, der jeden anderen überragt und keine Furcht gekannt hatte, dem sich wilde Tiere gegenüber zahm verhalten hatten? Und Finwë, dessen Neugier niemals zu bremsen gewesen war und der einmal beinahe eine Tawaril um ihren Körper gebracht hatte, weil diese Elwë ein zweites Mal hatte verführen wollen. Es war keine kleine Tat, besonders, wenn man daran dachte, dass die Baumgeister zu den Geringeren der Maiar gehörten, die allgemein gesprochen mächtiger waren, als die Kinder Erus.
 „Nichts hätte dir damals zeigen können, dass auch sie verwundbar sind“, murmelte Santiël leise. Sie hatte dem Irrglauben nur für eine kurze Zeit erlegen. Als Finwë versehrt aus Valinor zu ihnen zurückgekehrt war, vor der großen Wanderung, hatte er ihr einerseits leid getan, aber auf der anderen Seite, war sie froh gewesen, dass es nicht ihr Gefährte gewesen war, der darunter zu leiden hatte. Auch wenn sie nicht wusste, ob Ingwë vielleicht besser mit Krampfanfällen umgehen könnte, die sich nicht vermeiden oder vorhersagen ließen. „Aber komm, es ist spät und mir ist das Bett alleine zu groß und zu kalt.“

~*~*~


Es war später Morgen, als Samweis schließlich aufgewacht und als er aus dem Bett geklettert war und die Vorhänge zurückzog, wurde er von strahlendem Sonnenschein begrüßt. Für einen Moment stand er lächelnd da und ließ sich die Sonne auf das Gesicht scheinen. Er hatte es nicht eilig und genoss den Augenblick.
 Dann richtete er sich, wusch sich an einer Wasserschale, die man ihm hingestellt hatte, und kämmte sich die Haare, zunächst die, die er auf dem Kopf hatte und dann jene, auf seinen Füßen, die ebenso weiß geworden waren.
 Als er eben die Tür öffnen wollte, um zum Frühstück zu gehen, fiel ihm ein, dass er nicht wusste, wo es dieses gab und er hielt für einen Moment inne. Dann entschied er, dass er einfach wieder in den Garten gehen würde, dorthin wo die Gräber waren. Es mochte sein, dass es sich für einen normalen Hobbit nicht gehörte, eine Mahlzeit auszulassen, aber ein normaler Hobbit verließ das Auenland auch nicht, was er mehrfach getan hatte. Nein, er war kein gewöhnlicher Hobbit und hier hatte er auch keine Nachbarn, die deswegen zu reden begannen.
 Bei den Statuen seiner Freunde war der Halbling noch, als eine Stimme nach ihm rief. Es war Ingwë, was Samweis sehr verwunderte. Warum sollte sich genau dieser noch einmal Zeit für ihn nehmen? „Meister Perion, hier bist Du.“
 Er reagierte mit einem kleinen Nicken und sah zu Ingwë auf. „Hat Dich bereits jemand zu Tisch geführt?“, fragte der Vanyar nun und Samweis verneinte ruhig.
 „Verzeiht mir, Ingwë, aber was verschafft mir, einem einfachen Hobbit, die Ehre, dass Ihr nach mir sehen kommt?“, rutschte es ihm dann heraus und er war überrascht, als Ingwë vor ihm in die Hocke ging, damit sie gleichauf waren.
 „Wenn auch nur die Hälfte von dem wahr ist, was ich über Dich gehört habe, dann bist Du kein gewöhnlicher Perion. Außer aber dein Volk hat mehr Helden herausgebracht, als jedes andere, doch nach dem, was mir zu Ohren gekommen ist, wage ich das zu bezweifeln. Scheint Dein Volk doch, ähnliche Dinge wertzuschätzen wie meines und damit keinen großen Bedarf an Helden zu haben. Aber ich bin auch hier, weil ich unsere Gespräche gestern als angenehm empfunden habe, Meister Perion.“ Ingwë lächelte sanft und sah Samweis an. „Und nun komm, ich möchte nicht, dass gesagt werden kann, dass ich meine Pflichten als Gastgeber vernachlässige.“
 „Das würde ich niemals von Euch sagen!“, rief Samweis aus und ihm entging nicht, wie der Vanyar leise lachte.
 „Erfreulich zu hören, aber ich weiß nicht, ob ich Dich gestern schon darum gebeten habe, doch Du musst nicht „Euch“ zu mir sagen. Ich weiß, dass die Sindar und andere meiner Geschwister, die lange in den Außenlanden geweilt haben, diese Form verwenden. Doch wir verwenden diese kaum und nur dann, wenn wir unseren Gegenüber auf Abstand halten wollen, was ich in Deinem Falle sehr schade fände“, erklärte Ingwë dann und beobachtete, wie der Halbling die Augenbrauen zusammenschon, wobei die Falten auf seiner Stirn noch tiefer wurden.
 „Das… kann ich gerne machen, aber dann nennt mich Sam, so wie mich beinahe jeder gerufen hat.“
 „Erweist Du mir dann die Ehre, mich zu begleiten, Sam?“


Zu seiner Überraschung brachte Ingwë Sam in die Küche, wo es aber nicht vor lauter Angestellten wimmelte. Ein anderer Elb war wohl da, aber das war alles und dieser wirkte nicht erstaunt, als er seinen König sah. Sam wunderte sich etwas darüber, fragte aber nicht nach, zu sehr war er damit beschäftigt, die große Küche zu begutachten. Gut ausgerüstet erschien sie ihm und wenn er etwas größer gewesen wäre, dann, da war er sicher, würde er diese gerne verwenden.
 „Ich hatte doch versprochen, dass Du die Rezepte der Süßspeisen bekommst, die man Dir gestern gebracht hat“, begann Ingwë, nachdem er dem Halbling eine Weile lang nur schweigend Gesellschaft geleistet hatte und bemerkte amüsiert, wie die Augen des Hobbits aufblitzen. „Doch habe ich einen Vorschlag an Dich, wir könnten sie auch gemeinsam machen. Ich habe zwar eine Besprechung mit einigen meiner Fürsten und das in… weniger als einer Stunde, doch den Nachmittag kann ich mir freihalten.“
 Sams Augen weiteten sich deutlich, als er Ingwë anhörte, er konnte nicht glauben, dass dieser das wirklich gesagt hatte. Da er seiner Stimme nicht traute, nickte er eilig.


Samweis musste noch feststellen, dass die Zeitangaben, die Ingwë ihm gab nicht immer seiner Definition entsprachen und das, was der Vanyar Nachmittag genannt hatte, hätte er selbst eher als früher Abend  bezeichnet. Doch dann standen sie tatsächlich gemeinsam in der Küche. An allen Stellen, an denen Sam die Arbeitsfläche benutzen wollte, standen kleine Schemel. Als Sam auf einen hinaufklettern wollte, hob Ingwë ihn darauf. Der Vanyar sagte nichts dazu, sah den Halbling aber mit einem warmen Lächeln an, während er Sam zeigte, was sie alles für den Teig brauchten.
 „Es ist überschaubarer als Zuhause, als ich meinen Kindern das Kochen und Backen beigebracht habe“, murmelte Sam nachdenklich und Ingwë wartete auf eine Erklärung. Einige Atemzüge später gab der Hobbit diese auch. „Eine Küche, in der all meine Kinder umhergewuselt sind, konnte niemals groß genug sein und wenn ihre Mutter und ich nicht sehr gut aufgepasst haben, dann ist alles in den Bäuchen der Kleinen gelandet, ehe es fertig war“, erzählte er, während er den Teig knetete und Ingwë noch einige Gewürze hineingab. „Dabei haben sie manchmal fürchterliche Bauchschmerzen davon bekommen“, fügte Sam noch an und war in schönen Erinnerungen versunken.
 Ingwë riss ihn nicht zurück in die Wirklichkeit, sondern ließ ihm den Augenblick. Er wusste nur zu gut, wie kostbar diese waren.
 „Oh, dieses Gewürz kenne ich!“, rief Sam auf einmal aus, als sich ein sehr charakteristischer Geruch verbreitete und er sah auf das Gewürz, dass Ingwë eben in der Hand hielt. Dann lächelte der Hobbit noch etwas breiter, falls das möglich war. „Wenn Du willst, kann auch ich Dir ein Rezept zeigen. Wir nennen das Lebkuchen und machen sie besonders im tiefen Winter, während wir darauf warten, dass der Sommer erneut zurückkommt.“
 „Es würde mich freuen“, meinte Ingwë sanft und es kam ihm so vor, als würde er den Halbling neben sich schon lange kennen und er genoss seine Anwesenheit.
 „Gibt es hier Winter?“
 „Schnee haben wir in Valmar keinen, aber es wird zu einer Zeit des Sonnenjahres etwas kühler“, erklärte Ingwë geduldig und konnte nicht ganz verhindern, dass er sich fragte, ob der Halbling den nächsten Winter überhaupt noch sehen würde.
 „Dann werde ich es Dir dann zeigen, ja?“ Mit all der Begeisterung, die in Sams Stimme lag, klang er nicht wie der alte Mann, der er war, sondern sehr viel jünger.
 Ingwë schmunzelte und nickte leicht. „Es wird mir eine Freude sein“, verkündete er ehrlich, während er das Holzbrett, auf dem sie den Teig nun auswellen wollten, herzog und vor den Halbling stellte. Er freute sich wirklich, noch einmal etwas Vergleichbares zu tun, er wurde nicht hinterfragt, wie es viele Elben taten, da sie der Meinung waren, dass Backen Frauenarbeit wäre. Doch Sam störte sich nicht daran und schien auch Freude daran zu haben.
 Es war ein kleines Versprechen, dass ihm eine gewisse Normalität und Bescheidenheit versprach, weswegen er sich daran erfreute.
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