Vom wahren Reichtum

KurzgeschichteAllgemein / P6
30.11.2014
30.11.2014
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(Ursprünglicher Arbeitstitel: Der Origami-Medikus)

Es war einmal ein sehr gelehrte Arzt, von dem man sagte, er könne selbst den Tod kurieren. Daher wollten viele mächtige Männer ihn in ihre Dienste stellen und boten ihm Unsummen an Geld, doch schlug der Doktor alle Angebote aus; er nahm kein Geld. Wer seine Hilfe wollte, bezahlte ihn mit Faltfiguren: Den Origami-Kranichen. Je verheerender das Gebrechen desto mehr Kraniche galt es darzubieten. Wem der Tod im Nacken saß, dem wurde im Austausch von 1000 Stück das Leben versprochen.
Dies verärgerte natürlich die Mächtigen und Reichen, denn keiner von ihnen hatte die Lust, sich mit dieser Kunst zu befassen. Daher fragte einer von ihnen den Wunderheiler:
»Du könntest der reichste und mächtigste Mann auf Erden sein. Warum gibst du dich mit diesen Papierfetzten zufrieden?«
Darauf lächelte der Weise und antwortete:
»Aber ich bin doch der reichste Mann auf Erden.«
Dies verwunderte den Geldscheffler sehr:
»Wie kannst du reich sein? Du lebst in einer armseligen Hütte mit nichts als diesen Figürchen und ernährst dich von den Lächerlichkeiten, die du von deinen Kunden als Gaben akzeptierst.«
Das Lächeln des weisen Mannes wurde breiter:
»Du verstehst wenig davon reich zu sein. Du hältst mich für einen Narren, weil ich Papier statt Geld nehme? Du denkst, dass kaltes, totes Gold mehr wert sei als ein Gebilde, was die Seele erschuf? Ich hoffe, du weißt, dass ein einziges Menschenleben weitaus mehr wert ist als alles Gold und Geschmeide dieser Welt. Warum also sollt' ich ein Leben unterm Wert verkaufen?«
Der Reiche blickte nur noch verwirrt. Wieso sollte gefaltetes Papier mehr wert sein als poliertes Gold? Was kann ein blankes Blatt an sich haben, was den verheissungsvollsten Verträgen versagt blieb? Der weise Arzt legte dem Konfusen die Hand auf die Schulter und verriet ihm den Ursprung seines Reichtums:
»Mein lieber Freund, für dich mag es unverständlich klingen, doch liegt die Antwort in dem offenkundigem Geheimnis einer jeden Kunst. Du musst wissen, wenn ein Mensch etwas erschafft, sei es beim Malen eines Bildes, dem Bauen eines Hauses, dem Komponieren eines Stückes oder dem bloßen Falten eines Papieres, dann geht ein Teil unseres Herzens, ja, ein Teil unserer Seele selbst in dieses Werk ein. Du siehst also: Ich habe mir schon mit einem einzigen Kranich mehr erwirtschaftet, als du in deinem ganzen Leben; denn mir gehören die Herzen der Menschen.“
Da packte den Skrupellosen die Angst und er suchte das Weite, denn er fürchtete um seine unsterbliche Seele. Selbst bei der schweren Krankheit, die ihn alsbald befiel, wagte er nicht, nach dem Wundersamen zu schicken. Als seine Leiden immer schlimmer wurden und keiner der Quacksalber, die er für teuer Geld aus aller Welt zusammen gerufen hatte, ihm mehr zu helfen wussten, begann er, sich von seinen wenigen Freunden zu verabschieden.
Ungebeten reihte sich aus der Weiseste aller Ärzte in die spärliche Schlange ein. Stolz wollte der reiche Narr seinen Triumph über den Meister der Heilkunst verkünden, da nahm dieser einfach ein Blatt Papier, begann zu falten und sprach mit bedächtiger Stimme:
»Das letzte Geheimnis habe ich dir wohl noch nicht verraten. Du, der du nichts anderes kennst, denkst über das Herz, wie über Geld. Anders als Gold, was nur erhalten werden kann, wenn jemand anderem etwas genommen wurde, so bereichert ein dankbar angenommenes Geschenk nicht nur den Beschenkten, sondern auch den, der augenscheinlich Verlust gemacht hat: Den Schenkenden, den Künstler.«
Und mit diesen Worten legte der wunderbare Weise einen einzigen Kranich in die Hände des Todverschriebenen. Zum allerersten mal erwärmte sich das kalte Herz des Raffgierigen und mit noch zitternden Fingern faltete auch er einen einzigen Kranich. Sowie er fertig war und alle Leiden wie fortgeblasen fühlte, erkannte er, dass er nicht an einer Krankheit der Körpers gelitten hatte, sondern an seinem gefrorenen Herzen.
So starb er nicht an diesem Tag und auch nicht in diesem Jahr und es heisst, er hätte 100 Jahre glücklich gelebt. Sein ganzes Gold schwand zwar mit der Zeit, doch brauchte er es auch nicht mehr, denn er hatte gelernt, was wahrer Reichtum bedeutete.
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