verschlossene Türen

KurzgeschichteDrama / P12 Slash
Oliver Sabel
29.11.2014
29.11.2014
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„Was tue ich hier eigentlich gerade?“

Manchmal warf einem das Leben Situationen vor die Füße, von denen man im Nachhinein nicht einmal mehr genau wusste, wie man überhaupt in sie hinein geraten war.

Olli hielt inne und starrte den Mann an, den er bis eben angebrüllt hatte.

Eigentlich kannte er ihn kaum.

Eigentlich war er gerade erst geschieden worden.

Und noch eigentlicher sollte er sich in dieser Phase seines Lebens mit ganz anderen Dingen auseinander setzen.

Vielleicht damit, wie es genau passiert war, dass er endlich wieder einmal frei gewesen war, wie es sich angefühlt hatte, wieder ein Leben zu haben, eine Kneipe zu führen. Seine Kneipe.

Und natürlich auch damit, dass er nicht mehr in seinen mittlerweile besten Freund verliebt war.

Oder aber auch nur damit, dass er eigentlich seit Wochen schon eine neue Lampe hatte kaufen wollen.

Aber das Leben war unaufhaltsam an ihm vorbeigerauscht, ohne auch nur einen klitzekleinen Moment anzuhalten, damit er einen Blick zurück auf die letzten Monate werfen konnte.

Um zu realisieren.

Um zu verstehen.

Und um zu entscheiden.

Vielleicht würde das erklären, weswegen er nun so hilflos an diesem Punkt stand.
In diesem Loft.
Und jemandem gegenüber, der ihn gerade so verzweifelt ansah, als hätte er etwas wirklich, wirklich Dummes getan.

„Ich geh jetzt!“, sagte er, trotziger, als es eigentlich hätte klingen sollen. Er konnte eben auch nicht so einfach aus seiner Haut.

Sein Gegenüber nickte nur.
Und das ließ die Wut sofort wieder hoch kochen.
Aber weswegen eigentlich? Das war doch alles vollkommen irrational. Er musste komplett neben sich stehen!

Und dennoch: „Glaub nicht, dass ich noch einmal wieder kommen werde!“

Der Satz hinterließ im Nachhall eine Erinnerung. Hatte er etwas Ähnliches nicht schon einmal gesagt? An genau diesem Ort, kurz bevor er das erste Mal gegangen war um all das hinter sich zu lassen.
Und hatte nicht sein Gegenüber ihn wortlos gehen lassen?
Er hätte es schon damals besser wissen müssen. Dieser verdammte Kerl hatte bis heute nicht die geringste Ahnung, wieviel es ihm ausgemacht hatte, dass er ihn nicht aufgehalten hatte.

Und trotzdem stand er wieder hier.

Und immer noch.

Am gleichen Ort.

In der selben Situation.

Ein drittes Mal würde es nicht geben. Die Worte waren bereits ausgesprochen, doch seine Beine fühlten sich an, als wären sie am Boden fest gewachsen. Als fehlte noch etwas.
Ein Abschiedswort, irgendwas Bedeutsames, denn dieses Mal gab es kein Zurück mehr.
Auch wenn es natürlich so viel gab, was er eigentlich noch hätte sagen wollen.

Doch die Zeit der Worte war vorbei.

Sie wollten ihm sowieso nicht einfallen.

Nicht ein einziges, was diesem Irrsinn hier einen Sinn gab.

Keines, mit dem er sich erklären konnte.

Warum er jetzt gehen musste, bevor auch er fiel.

Es war schlimm. Viel schlimmer, als er zunächst angenommen hatte.
All das hier hatte ihn leidlich erfahren lassen, dass einige Probleme größer waren, als er selbst.
Aber auch, dass nicht er es war, der daran gescheitert war. Das würde ihn irgendwann sicher trösten, doch noch nicht jetzt. Noch fühlte er sich viel zu schuldig.

„Du bist Arzt, verdammt!“, krächzte er und seine Stimme klang anklagend und verzweifelt zugleich.

Der Mann im Halbdunkel sah ihn fragend an aber er schwieg. Und die Stille war noch viel schlimmer als ihr vorangegangenes Gebrüll, das sicher in der ganzen Nachbarschaft zu hören gewesen war.

„Du rettest andere Menschen aber dir selbst kannst du nicht helfen! Das ist absurd!“

Nein, eigentlich war es nicht absurd. Es war real.
Absurd war nur die Annahme, dass dies hier noch seine Angelegenheit war.

Er atmete zitternd aus.
Der Moment war gekommen.
Ein letzter Blick, dann drehte er sich herum und lief langsam zur Tür.
Noch immer hoffte er auf eine Reaktion. Ein einzelnes Wort, das ihn aufhielt, ein Lufthauch, eine Regung, die ihn umstimmen konnte. Doch der Raum blieb vollkommen still.
Er drehte sich nicht mehr herum, denn er wusste nur zu gut, was er gesehen hätte.

Du kannst mich nicht retten.

Nein, aber ich hatte gehofft, dass du dich selbst retten kannst.

Die Tür fiel hinter ihm ins Schloss.

Das Licht im Treppenhaus flackerte, als er langsam die Stufen hinab lief. Er würde auf dem Heimweg endlich eine neue Lampe kaufen. Zu Hause würde er sich ein Bier aufmachen, mit Sascha einen schwachsinnigen Film ansehen und sich dann die Zeit nehmen um zurück zu schauen.

Um zu realisieren.

Um zu verarbeiten.

Und um zu verstehen.

Zu verstehen, dass er immer noch frei war. Und dass Jo es nie sein würde.
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