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You're not perfect. You're awesome! [MMFF]

GeschichteHumor, Liebesgeschichte / P16 Slash
Akashi Seijūro Aomine Daiki Kagami Taiga Kiyoshi Teppei Midorima Shintarō
29.11.2014
29.07.2017
50
97.385
11
Alle Kapitel
46 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
24.07.2015 2.056
 
Samstag 13. Dezember 2014


Point of view: Izzy Leonardo

Seit dem Zwischenfall, als Midorima doch tatsächlich gestand, er wäre um mich besorgt gewesen – hätte ich meine Stimme noch besessen, hätte ich wohl trotzdem kein Wort sagen können –, hatte er mich fast ausschliesslich ignoriert und nicht mit mir gesprochen – im bildlichen Sinne. Natürlich hatte er mir noch immer die Schultasche abgenommen und sie mir sowohl von zu Hause – wann genau hatte ich angefangen, es als mein Zuhause zu bezeichnen? – zur Schule und von dort wieder zurück getragen, hatte mir immer die Tür aufgehalten und hatte mir einmal sogar geholfen, von einer recht hohen Mauer hinunterzukommen, als ich die Höhe unterschätzt und mich nicht mehr hinunter getraut hatte. Eigentlich hatte sich nicht viel verändert, er lief noch immer schweigend vor mir oder neben mir her, während ich ihn mit gestikulierten Fragen löcherte, auf die er nur an und an Antwort gab.

Man sollte meinen, ich sollte schon froh darüber sein, dass Midorima überhaupt solche eigentlich netten Gesten mir gegenüber anwendete und sich tatsächlich wie ein gemachter Gentleman benahm. Manchmal, jedenfalls. Doch leider Gottes war ich eine immer gut gelaunte, aufgedrehte Person und musste dementsprechend auch immer ein bisschen unterhalten werden. Ich konnte vielleicht nicht sprechen, aber dies hielt mich selbstverständlich nicht davon ab, ständig kommunizieren zu wollen. Leider fiel mir das nicht so leicht, da bis auf drei Personen niemand in meinem Umfeld die Gebärdensprache beherrschte und mich somit auch niemand wirklich verstand. Da war natürlich der Pfleger des Jahres, der mich ignorierte, Kenneth, die eine Klasse über mir war, und ein Junge aus der Klasse neben mir, der jedoch zu schüchtern war, sich mit mir zu unterhalten.

So liesse es sich wohl denken, dass ich auch jetzt recht notdürftig mit meinen Händen Förmchen und Zeichen bildete, frisch, fromm und fröhlich, während Midorima nur neben mir herlief, meine Schultasche locker über die Schulter geschwungen hatte und aus einer gewissen Perspektive wirklich cool aussah. Und ich war unterfordert, verzweifelt und benötigte Aufmerksamkeit. Sonst würde ich noch vergehen wie eine kleine Pflanze, die ebenfalls die nötige Pflege brauchte, um überleben zu können. Und Midorima neben mir würde mich eiskalt eingehen lassen, würde nebendran stehen, während ich verwelken würde.

Oder auch nicht.

Mittlerweile hatte ich ein klitzekleines bisschen verstanden, wie Midorima tickte. Ich hatte ihn noch nicht gänzlich durchschaut, ihn noch nicht ganz entschlüsselt und wusste noch nicht genau, wie er so tickte. Diese Macke mit dem Horoskop liess mich zweifeln an all meinen Theorien, die ich schon für ihn aufgestellt hatte. Was ich aber ganz sicher wusste, entgegen vielen anderen Dingen, war die Tatsache, dass Midorima Shintarou ein kleiner Softie war, wenn es um Mädchen ging – und ich war gewissermassen ja ein Mädchen. Teilzeitmädchen, jedenfalls. Und solange Midorima noch glaubte, ich wäre ein Mädchen, war ja alles im Lot. Obwohl das schon an ein Wunder grenzte, immerhin bewohnten wir dieselbe Bleibe, er hatte schon gesehen, wie unordentlich und chaotisch es bei mir einherging und dass er mich noch nie beim Umziehen erwischt hatte, war auch schon ein Dank an Gott fällig.

Aber nun. Wahrscheinlich wäre er sogar noch ein Softie, wenn er wüsste, dass wir eigentlich ein Geschlecht teilten. Hauptsächlich ging es nämlich nicht ums Geschlecht. Er war keiner dieser stotternden, unsicheren Bürschchen, die sofort erröteten, wenn ein Mädchen sie nur ansah. Natürlich nicht. Und ich konnte auch nicht nachvollziehen, wie Ken es nur mit diesem Nervenbündel auf Beinen aushielt. Nein, Midorima war wie eine überbesorgte Mutter. Kaum dass ich Anmerkungen darauf machte, dass ich müde war, dass ich irgendwelche Schmerzen hatte, dass ich, weiss Gott, Angst hatte oder etwas Derartiges, dann war er sofort zur Stelle, beeilte sich, dass er irgendetwas machen konnte, damit es mir besser ging. Er war wirklich wie eine Mutter. Nur etwas schroffer, rauer und weniger humorvoll und hilfsbereit.

Und da ich wusste, worauf Midorima ansprang, nutzte ich dies selbstverständlich aus. Wieso auch nicht. Dafür hatte ich mich ja angestrengt, einige Analysen aufzustellen, ihn zu durchlöchern und so viel über ihn herauszufinden, wie möglich. Damit ich die richtigen Fäden bei ihm ziehen konnte und bewirken konnte, dass er mich nicht bloss mit Ignoranz strafte. Wofür auch immer.

So tippte ich ihn aus reiner Langeweile am Arm an, worauf er sich zu mir drehte und mich mit einer hochgezogenen Augenbraue musterte. Dass seine Augenbraue unter dem Gestell seiner Brille hervorlugte, blendete ich so gut wie möglich aus, weil ich sonst wahrscheinlich sofort in Gelächter ausgebrochen wäre. Stummes Gelächter, wohlgemerkt.

Ich tippte ihm in unregelmässigen Abständen gegen den Arm – Morsezeichen benutzte ich mit ihm öfters als Gebärdensprache, da dies unauffälliger und diskreter war – und übermittelte ihm somit die Botschaft Mir ist verdammt langweilig, unterhalte mich! und beobachtete dabei, wie sich die zweite Augenbraue zu der ersten gesellte. Er schien mich für nicht ernstzunehmend einzustufen und drehte seinen Kopf einfach wieder nach vorne, wollte mich anscheinend wieder ignorieren. Hätte ich wissen müssen. Dann halt anders.

Ich strich mir eine meiner braunen Strähnen hinters Ohr, die sogleich wieder zurückfiel – ich sollte mir Haarklammern besorgen – und weiterhin auf seinem Oberarm herumtippte. Ich durchlöcherte ihn mit vielen, wirklich sehr unsinnigen Fragen – Hast du zu viel Spinat gegessen, oder weshalb sind deine Haare so grün? oder Trägst du die Brille, weil du nichts sehen kannst, oder aus purem Modetrend heraus? –, auf die er jedoch nicht zu antworten gedachte. Er ignorierte mich und mein Tippen und schien es sogar als ziemlich angenehm zu empfinden, dass ich nicht sprechen konnte. Sonst würde es ihm wohl nicht so leicht fallen, mich auszublenden. Irgendwie war das ziemlich beleidigend.

Natürlich war mir bewusst, dass ich ihm keineswegs egal war, dass ich ihm gar nicht egal sein durfte, wenn nicht von Kenneth persönlich gerügt werden wollte. Und wer wollte das schon. Und obwohl er diese gewissen Gesten in meiner Gegenwart ausführte, die mir eigentlich zeigten, dass es ihm nicht am gänzlich Arsch vorbeiging, wie es mir ging und was mit mir geschah, so gefiel es mir halt doch nicht, dass er mir keine Aufmerksamkeit schenkte.

Irgendwie würde ich es schon schaffen, dass er mehr Interesse an mir zeigte. Immerhin war ich ein geduldiger Mensch und konnte auf den Moment warten, in dem ihm bewusst werden würde, wie toll ich eigentlich war. Ohne überheblich zu klingen. Ich konnte von mir selbst behaupten, eine interessante Person zu sein. Gewöhnungsbedürftig und manchmal anstrengend, das war mir durchaus bewusst. Immerhin sah ich mich nicht durch ein unreelles Trugbild. Ich wusste, wer ich war, wer ich sein wollte und wie ich dies erreichen konnte. Und mein einziges Ziel momentan, das ich erreichen wollte, lief knapp zwei Schritte vor mir, trug meine Schultasche und redete nicht mit mir. Schade eigentlich. Ich mochte seine Stimme. Sie war tief und rau und beruhigend. Sie hatte etwas, das mir gefiel. Nur leider Gottes liess er sie mich nur selten hören. Was mir selbstverständlich missfiel. Daher strapazierte ich seine Nerven einfach weiter, bis er sich schliesslich zu mir umdrehen würde und mich anmotzen würde, dass ich gefälligst nicht nerven solle. So war es in den letzten Tagen gelaufen, so würde es weitergehen. Nur damit ich meine tägliche Portion Aufmerksamkeit erlangen konnte. Redete ich mir jedenfalls ein.

„Weisst du eigentlich, dass du nervst?“, seufzte der Grünhaarige endlich ergeben – heute hatte es lange gedauert – und wandte sich zu mir um, rückte seine Brille zurecht und ich hatte gar nicht gewusst, dass eine so simple Geste so elegant und gleichermassen schön aussehen konnte. Ich schüttelte den Kopf.

„Tust du aber“, er ging weiter, blickte sich erst noch einmal nach mir um, als er bemerkt hatte, dass ich ihm nicht folgte. Er hob nicht zum ersten Mal seine Augenbraue und sah mich auffordernd an. Ich regte mich nicht. Konnte und wollte es nicht. Würde unser Alltag darin bestehen, dass ich ihm bis zum Geht-nicht-mehr an seinem Geduldsfaden zerrte, bis er nachgab und eher aus reinen überstrapazierten Nerven mit mir sprach, was ihm offensichtlich immer viel Mühe abverlangte. Ich war wirklich eine nervende Person, hm?

‚Wieso redest du nicht mit mir?‘, ich zupfte an seinem Ärmel und tippte diese Frage in Morsezeichen in seine Handfläche, nachdem ich seine Hand angehoben und umgedreht hatte. Dabei sah ich ihn nicht an. Ich wusste, wie lächerlich diese Frage klingen musste. Schliesslich kannten wir uns kaum, ich konnte mich gerade noch so an seinen Vornamen erinnern und wir wurden nur zwangsweise zusammengesteckt, ohne wirklichen Willen, ohne eine Wahl. Ich wusste das, konnte es aber nicht akzeptieren.

Midorima blickte auf meine Hände, die seine umschlossen hielten, sich beinah ihn klammerten, sagte nichts und bewahrte Stillschweigen. Wie er es immer tat. Weil er wusste, dass ich ihn nicht zum Reden zwingen konnte. Es auch nicht tun würde, selbst wenn ich dazu in der Lage gewesen wäre. Ich schüttelte den Kopf, liess ihn los, kam mir lächerlich dumm vor, als ich mich abwandte, um weiter die Strasse hinunterzugehen, den Blick auf den Boden gerichtet, still, wie ich es schon immer gewesen war.

„Ich kann mir Mädchen nicht sonderlich gut umgehen, wie du sicherlich bemerkt hast“, die plötzlichen Worte trafen mich wie ein Eimer kaltes Wasser. Nicht, weil es mich so erschreckte, dass er mir tatsächlich eine – sehr indirekte und vage – Antwort zu meiner eher aus einer Laune heraus gestellten Frage gab. Viel mehr, weil ich in der Hose etwas vorzuweisen hatte, das garantiert nicht für das weibliche Geschlecht stand. Soweit hatte selbst ich im Biologieunterricht aufgepasst. Doch anstatt ich mich schuldig fühlen sollte, dass ich ihm noch nicht offenbart hatte, dass ich von Geschlecht zu Geschlecht wechselte, wie es mir gefiel, sondern ein tiefes Gefühl der Belustigung des Amüsements durchströmte mich und ich fühlte mich schrecklich. Belustigt und amüsiert, gleichzeitig aber schrecklich, gerade weil ich so fühlte.

‚Das ist mir aufgefallen‘, gestikulierte ich nun, da es mir zu weit war, zu ihm hinüberzugehen, nur um auf seiner Hand herum zu tippen. Ausserdem musste seine Hand schon ganz wund davon sein. Ich unterdrückte ein aufkeimendes Grinsen.

„Ich weiss nicht, was sagen soll, wenn ich mich in der Nähe eines Mädchens aufhalte, weiss nicht, wie ich mich verhalten soll. Deshalb schweige ich lieber, als dass ich etwas Falsches sage, und benehme mich so wie die Männer in den Filmen, die den Frauen die Tasche tragen und die Tür aufhalten. Zu mehr bin ich wohl nicht geschaffen“, es musste wahrscheinlich recht unangenehm für ihn sein, so viel auf einmal zu sagen, zudem noch einige recht peinlich berührende Worte, die mir direkt ins Herz fuhren und ich gleich wieder erinnert wurde, weshalb Midorima einfach zum Anbeissen niedlich war. Manchmal. In gewissen Situationen. Ziemlich selten.

‚Trotzdem sagst du immer genau das Richtige‘, teilte ich ihm mit einigen Gesten mit, lächelte ihn an – obwohl grinse das bessere Wort für die Grimasse war, die ich ihm zuwarf – und versuchte nicht über seinen verständnislosen, verwirrten Gesichtsausdruck zu lachen. Midorima war schon ziemlich verpeilt. Er wusste das, wusste jedoch nicht, wie wirksam und tiefgehend seine Worte waren, dass sie eine grössere Bedeutung trugen, als er vielleicht zunächst vermutet hatte. Er war viel philosophischer, als er selbst von sich wusste, war viel besser dazu in der Lage, mit Mädchen zu sprechen und wusste es nicht einmal. Er war unsicher, versuchte es mit eisernem Schweigen und Kälte zu vertuschen und nichts durchsickern zu lassen. Verständlich. Viele taten das. Kenneth, Sasha, Skylar, ja, sogar Amaya versuchte es.

So sah jedenfalls meine These aus. Ich notierte meine kleinen Fortschritte in Sachen Midorima Shintarou und legte es gedanklich in der entsprechend beschrifteten Akte ab. Vielleicht konnte es noch von Nutzen sein. Irgendwann, zu einem ungewissen Zeitpunkt.

‚Wir sollten gehen, ich habe noch Hausaufgaben zu erledigen, bei denen ich auf jeden Fall deine unverzichtbare Hilfe benötigen werde‘, meinte ich wortlos und schlenderte weiter den Weg entlang, an den ich mich nicht wirklich erinnern konnte und nur hoffte, dass es der richtige war, der zu meinem zweiten Zuhause führte.
Midorima stolperte nur verdutzt hinter mir her, hielt einen Schritt Höflichkeitsabstand und schwieg, schien über meine Worte nachzudenken.

Er war wirklich verpeilt.

°-°-°-°-°

So, meine Süssen, das war das letzt Kapitel des Specials. Ich hoffe, die kleine Abwechslung, die mir persönlich viel gebracht und Spass gemacht hat, hat auch euch zugesprochen. Lasst mich wissen, ob ihr gerne wieder einmal etwas in diese Richtung lesen würdet. Ich würde mich freuen (auch wenn ich es mit Sicherheit wieder tun werde, spätestens dann, wenn mir wieder langweilig wird).
Eure Kenneth C. E.
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