Der Wald der Verlorenen

von Scypho
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P16
27.11.2014
27.11.2014
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»Es sind einfach zu viele« rief Kahlan.
»Und sie kommen von allen Seiten« ergänzte Cara, während sie einen der Banelings mit einem kräftigen Fußtritt nach hinten beförderte.
Richard drehte sich zu seinem Großvater um. »Zedd, wir müssen hier weg!«
Der Zauberer schickte einen Feuerstrahl gegen zwei anstürmende Banelings, ehe er sich seinem Enkel zuwandte. »Hinter uns, nicht weit von hier, ist ein Fluss.«
»Und wie soll uns das helfen?«
»Es führt nur eine alte Hängebrücke hinüber. Wenn wir sie vor ihnen überqueren, können wir sie zum Einsturz bringen und ihnen den Weg abschneiden.«
Richard entledigte sich eines Angreifers, indem er ihn ins Leere laufen ließ und ihm seinen Ellbogen ins Gesicht rammte. Er nickte Zedd zu. »Dann los.«
Cara und Kahlan, die das Gespräch mitverfolgt hatten, ließen zeitgleich mit Richard von den Banelings ab und liefen los. Zedd schleuderte die erste Reihe der verunstalteten Kreaturen mit einem gewaltigen Luftschlag zurück und folgte den dreien.
Sie umrundeten einen großen Felsen im Laufschritt und steuerten auf eine langgezogene Mulde zu. Dutzende Banelings jagten ihnen hinterher und von den Seiten kamen beständig neue hinzu. Immer wieder sahen sie sich der Herausforderung gegenübergestellt, einzelne Angreifer abzuwehren, ohne dabei an Geschwindigkeit zu verlieren.
Als sie die Mulde durchquert hatten, kam endlich der Fluss in Sicht. In reißendem Tempo schnellte der Strom dahin, vielfach von zackigen Felsen durchzogen. Zedd pustete einmal tief durch und Kahlan strahlte Richard an.
Doch die aufkommende Erleichterung währte nur kurz. »Und wo ist nun diese Brücke?« fragte Cara.
Angestrengt suchten sie mit ihren Blicken den Fluss ab, während die Banelings immer näher kamen.
»Da!« rief Kahlan und deutete nach rechts. Bestürzt sah Richard in die Richtung. Die Brücke war noch über hundert Schritte entfernt. Und eine Schar von Banelings war ihr bereits näher als die vier es waren.
Zedd ergriff das Wort und kam damit Richards unausgesprochenen Gedanken zuvor. »Wir müssen dort hinüber. Es gibt keinen anderen Weg.«
Richard sah sich kurz um, nickte knapp und grimmig und rannte los, gefolgt von Kahlan, Zedd und Cara.
Die Banelings bei der Brücke formierten sich zum Angriff und kamen ihnen entgegen. Mit voller Wucht warf sich Richard in den Pulk aus Feinden, blieb aber schon nach wenigen Schritten im Gewühl stecken. Kahlan war dicht hinter ihm und schlug mit ihren Dolchen nach jedem Angreifer, der ihr oder Richard zu nahe kam.
Während Zedd hinter der Vierergruppe mehrere mannshohe Feuerkaskaden gegen die nachrückenden Banelings auftürmte, tat Cara ihr Möglichstes, um diejenigen abzuhalten, die trotzdem durchdrangen und sie zu umzingeln drohten.
Baneling um Baneling verbrannte qualvoll oder fand den schnelleren Tod durch Caras Strafer, doch die schiere Masse der Feinde drängte sie und Zedd Schritt um Schritt zurück, bis die beiden mit Kahlan und Richard, die in verzweifeltem Kampf zum Brückenkopf vorzustoßen versuchten, beinahe Rücken an Rücken standen.
Dann sah Richard die Lücke. »Zedd! Wir sind fast durch!«
Der Zauberer fuhr herum und wurde beinahe von einem anstürmenden Baneling überrascht. Cara erledigte ihn mit einer schnellen Schlagbewegung.
»Los, alle zusammen!« schrie Zedd und unterstrich seine Worte, indem er zwei der verbliebenen Banelings, die den Weg zur Brücke blockierten, mit einem Luftstoß über den steilen Abhang in die Fluten warf.
Kahlan und Richard setzten ihre Angriffsbemühungen mit noch größerer Intensität fort und auch Cara schloss sich ihnen nun an, gab dafür aber ihren Rücken und die Flanken preis.
Endlich gelang Richard der Durchbruch. Den letzten Baneling, der den Weg versperrte, teilte er mit einem Schwerthieb beinahe in zwei Hälften.
Er stürmte zur Brücke vor und verschaffte sich und seinen Freunden, die ihm nachfolgten, mit heftigem Armeinsatz genügend Platz zum Durchkommen.
Kahlan und Zedd waren dicht hinter ihm. Cara dagegen musste sich als letztes Glied der Gruppe angesichts der wütenden Angriffe der Banelings doch wieder umdrehen und rückwärts laufen. Sie beließ es dabei, die zahlreichen Attacken abzuwehren und konzentrierte sich darauf, nicht vom richtigen Weg abzukommen.
Als Richard, Kahlan und Zedd die Brücke bereits zur Hälfte überquert hatten, setzte auch Cara endlich einen Fuß auf die erste Planke der schwankenden Holzkonstruktion. Die Banelings waren nun ihr geringstes Problem, da die Brücke so schmal war, dass ihr nur noch einer gegenübertreten konnte. Doch es wurde immer schwerer, das Gleichgewicht zu halten.
Schritt um Schritt zurückweichend hielt sie sich mit ihrer linken Hand am Halteseil fest und nutzte mit ihrer rechten den Strafer, um den vordersten Baneling auf Distanz zu halten. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Richard, Kahlan und Zedd die andere Seite erreicht hatten. Sie überlegte, ob sie es mit einem ansatzlosen Spurt ebenfalls schaffen könnte, als der Baneling ihr gegenüber plötzlich zu Boden ging. Die anderen seiner Art trampelten ihn in ihrer Mordgier nieder und rollten ineinander verschlungen wie eine Welle über die Brücke, die sich mittlerweile bedrohlich nach rechts neigte.
»Cara!« rief Richard.
Sie drehte sich zu ihm um. »Cara, die Brücke kippt!«
Cara schenkte ihm ob dieser mäßig hilfreichen Bemerkung einen genervten Blick und wandte sich wieder den Banelings zu. Zwei von ihnen hatten ihr Gleichgewicht gefunden und kamen dicht hintereinander auf sie zu. Sie ließ kurz das Halteseil los, um dem ersten mit dem Strafer in ihrer Linken einen punktgenauen Schlag an den Unterkiefer zu versetzen. Schreiend fiel er in die Tiefe. Den zweiten traf ihr Fußtritt ebenso unvorbereitet wie heftig – auch er konnte sich nicht auf der Brücke halten.
Während er kopfüber ins Wasser stürzte, sah Cara auf. Vor ihr herrschte absolutes Chaos. Die Banelings waren mehr miteinander beschäftigt als sich auf sie zu konzentrieren und der nächste war mindestens sechs Schritte von ihr entfernt. Jetzt oder nie.
Sie fuhr herum und rannte los, es waren noch etwa 15 Schritte bis zur anderen Seite. Schnell ließ sie Planke um Planke hinter sich. Die Banelings hatten sich wieder einigermaßen organisiert, doch es war zu spät. Caras Schritte wurden immer größer, den letzten nahm sie mit einem weiten Satz. Noch bevor die Mord-Sith mit ihrem Fuß festen Boden berührt hatte, kappte Richard eines der beiden Haltetaue, Kahlan tat es ihm Sekundenbruchteile später mit dem anderen gleich.
Gequälte Schreie erfüllten die Luft, als etliche Banelings von der wegbrechenden Brücke stürzten. Einige hielten sich bis zuletzt an ihr fest, rauschten zusammen mit den Brettern und Seilen durch die Gischt der Stromschnellen und klatschten mit einem unappetitlichen Geräusch gegen die gegenüberliegende Felswand.
Cara pustete auf dem Rücken liegend tief durch, während die letzten Schreie langsam verklangen. Widerwillig nahm sie Richards Angebot, ihr aufzuhelfen, an, als Kahlan plötzlich zum anderen Ufer zeigte. »Da, seht mal!«
Sie blickten ihrem ausgestreckten Finger hinterher und sahen, wie sich die übrigen Banelings, die nicht bis auf die Brücke gekommen waren, immer noch mehrere Dutzend, nach rechts wandten und am Fluss entlang fortliefen.
Richard sah seinen Großvater fragend an. »Zedd, weißt du, was das zu bedeuten hat?«
Der Zauberer runzelte besorgt die Stirn. »Ich fürchte, ja. Ungefähr eine Stunde Fußmarsch in dieser Richtung liegt eine weitere Brücke.« Nervös knetete er seine Hände. »Doch wenn sie dieses Tempo durchhalten, schaffen sie es erheblich schneller.«
Richard ließ die Worte kurz auf sich wirken, ehe er antwortete. »Dann sollten wir keine Zeit verlieren« erwiderte er. Entschlossen schulterte er seinen Rucksack, wandte sich vom Fluss ab und marschierte schnellen Schrittes los. Zedd, Kahlan und Cara schlossen sich ihm an und ließen diesen Ort des Todes zügig hinter sich.

»Ich weiß wirklich nicht, wo uns dieses verdammte Ding hinführt«, schimpfte Zedd. Der Zauberer fuchtelte nachdrücklich mit den Armen. »Erst hetzt es uns eine Horde Banelings auf den Hals und jetzt steuern wir geradewegs auf eine Kette von Bergen zu, die man nur als ›die Unpassierbaren‹ kennt.«
»Zedd, der Kompass hat uns noch nie grundlos irgendwohin gelenkt«, entgegnete Richard. »Das wird diesmal nicht anders sein.«
Zedd brummte noch etwas vor sich hin, sagte aber nichts mehr.
Als die vierköpfige Gruppe eine kleine Hügelkuppe überwunden hatte, meldete sich Kahlan von hinten. »Richard, meinst du nicht, es wäre besser, wenn wir -« Sie stockte mitten im Satz. Ein vernehmliches Knacken ließ sie alle nach rechts herumfahren.
Aus dem dichten Buschwerk stolperte ein junger Mann auf sie zu.
Kahlan musterte ihn mit zusammengekniffenen Augen. »Sein Gesicht...«
Cara erkannte die Zeichen als Erste. »Schon wieder einer« seufzte sie und zog ihre Strafer.
Als auch Kahlan zu ihren Dolchen und Richard zu seinem Schwert griff, blieb der Baneling stehen, hob abwehrend die Hände und signalisierte, dass er unbewaffnet war. »Halt, bitte, wartet!«
Cara, die bereits zum Angriff angesetzt hatte, blieb stehen.
»Bitte, wartet!« wiederholte er. »Ich will euch nichts tun.«
Richard betrachtete ihn nun genauer. Sein Verfall war bereits weit fortgeschritten. Dieser Mann hatte schon lange niemanden mehr getötet. »Was willst du dann?« fragte er.
»Ich komme aus einem Dorf jenseits der Berge. Man hat mich geschickt, um -« Sein Blick fiel auf Richards Schwert. »Ihr – ihr seid der Sucher!«
Richard nickte.
Erleichtert sackte der Baneling in sich zusammen. »Gepriesen sei die Schöpferin! Unsere Gebete wurden erhört!«
Kahlan schaltete sich ein. »Was meinst du?«
»Es war vorgestern am helllichten Tag. Plötzlich verfinsterte sich der Himmel und die Erde bebte, bis sie sich schließlich mit einem riesigen Riss spaltete, der Häuser und Menschen verschlang. Überall erschienen Banelings und andere, noch schlimmere Kreaturen, die unser Dorf angriffen und überrannten. Wir wurden immer weiter in die Dorfmitte zurückgedrängt und mussten uns schließlich in unserem Heiligtum, einem Tempel zu Ehren der Schöpferin, verbarrikadieren.«
»Der Tempel von Shelter-Inn!« Zedd kam ein paar Schritte näher. »Er ist in den ganzen Midlands bekannt.«
Der Baneling nickte. »Die Aura der Schöpfung, die diesen Ort umgibt, hielt die Angreifer ab. Sie konnten nicht hinein – aber wir auch nicht hinaus. Weil unsere Notvorräte, die wir in den Katakomben aufbewahrt hatten, nur für zwei, höchstens drei Tage gereicht hätten und es keine Hoffnung auf Rettung gab, fassten wir einen Entschluss: Einer von uns musste sich herausschleichen und Hilfe holen.«
Zedd wollte sich erneut zu Wort melden, doch der Mann kam ihm zuvor. »Bitte, hört mich an! Ich habe nicht mehr viel Zeit. Wir wussten, dass es niemandem, der noch am Leben war, gelingen würde, zu entkommen. Also musste einer von uns sterben und den Handel des Hüters annehmen.«
»Und man hat dich ausgewählt« sagte Richard.
Stolz richtete sich der Baneling auf. »Ich habe mich freiwillig bereit erklärt. Und ich habe es selbst getan.« Er deutete auf sein Herz.
Ein paar Sekunden herrschte Schweigen, ehe Cara das Wort ergriff. »Es könnte auch eine Falle sein...«
Energisch schüttelte Kahlan den Kopf. »Nein, er sagt die Wahrheit. Das spüre ich.«
»Ja!« rief der Baneling. »Ich schwöre es, bei der Schöpferin! Bitte -« Das Sprechen fiel ihm zunehmend schwerer. Immer tiefere Furchen zogen sich durch sein Gesicht. »Bitte, Sucher, ihr müsst meinen Freunden helfen!« Erschöpft und schwer atmend ließ er sich gegen einen Baum sinken.
Richard hockte sich neben ihn und legte ihm vorsichtig die Hand auf die Schulter. »Wir werden deine Freunde nicht im Stich lassen. Das verspreche ich dir.«
Aus tiefen Augenhöhlen blickte der Baneling zu Richard auf, ergriff seine Hand und rang sich mit letzter Kraft ein Lächeln ab, ehe er endgültig zu Staub zerfiel. Zurück blieben nur seine Kleider.
Richard hielt einen Augenblick inne, dann wandte er sich an Zedd. »Zedd, du hast gesagt, die Berge seien unüberquerbar. Wie konnte er dann so schnell hierhin kommen?«
Zedds Miene verdüsterte sich. »Sie heißen zwar ›die Unpassierbaren‹, aber es gibt einen Weg.«
Da alle ihn gespannt ansahen, fuhr er fort. »Vor über tausend Jahren kämpften mächtige Zauberer an den Hängen dieser Berge. Mit ihren Kräften schlugen sie eine Schneise in das Gebirge, in der sie letztlich alle umkamen.«
»Dann nichts wie los« sagte Richard. »Welcher Weg führt dorthin?«
Der Zauberer zeigte auf einen Pfad hinter Richard, der sogleich losmarschieren wollte.
»Richard!« rief Zedd. »Wir können nicht hindurch.«
Richard sah ihn irritiert an. »Was? Wieso denn nicht?«
»Es ist ein überaus gefährlicher Ort. Zwar hat sich die Natur dort inzwischen mit einem dichten Wald ihren Platz zurückerobert, aber die Banne der Zauberer sind geblieben. Es heißt, dass sie jede lebende Seele, die sich dorthin wagt, unweigerlich ins Verderben führen. Man nennt es den ›Wald der Verlorenen‹.«
Richard runzelte die Stirn und deutete mit dem Kopf nach hinten. »Wie ist er dann durchgekommen?«
»Er hatte seine Seele bereits dem Hüter vermacht. Ich vermute, dass er deshalb gegen die Banne gefeit war.«
Kahlan trat zu den beiden. »Zedd, warum erzählst du uns das alles, wenn wir den Durchgang doch nicht passieren können?«
Erneut wurde der Gesichtsausdruck des alten Mannes finster. »Das war noch nicht alles. Der Legende nach ist es vor vielen hundert Jahren trotz der unheilvollen Umstände dennoch einem lebenden Menschen gelungen, den Wald zu durchqueren.«
»Wem?« fragte Richard.
Zedd sah ihm nun direkt in die Augen, mit einem Anflug von Trauer im Gesicht. »Dem damaligen Sucher. Es heißt, er habe die Magie des Schwertes genutzt, um die Zauber, die ihn umfingen, zu brechen.«
Richard blickte zu Boden, hob schließlich den Kopf und sah in die Richtung, in die sein Großvater zuvor gedeutet hatte. »Dann muss ich alleine gehen.«
Kahlan sah ihn schockiert an und schüttelte langsam, aber nachdrücklich den Kopf. »Richard, nein! Das ist viel zu gefährlich!«
»Ich halte das auch für keine gute Idee« merkte Cara an.
Doch Richard ließ sich nicht beirren. »Ich habe keine Wahl. Ohne mich sind diese Menschen dem sicheren Tod geweiht. Deswegen hat uns der Kompass hierher geführt. Ich muss ihnen helfen. Es ist meine Pflicht. Meine Bestimmung.«
Kahlan schüttelte noch immer den Kopf und sah zu Zedd, auf der Suche nach Bestätigung. Doch er lächelte sie nur mit schmerzlicher Milde an. »Richard hat Recht, Kahlan. Er erfüllt seine Aufgabe als wahrer Sucher.« Unvermittelt wurde der Blick des Zauberers skeptischer. »Ich frage mich nur...«
Richard sah ihn eindringlich an. »Was?«
Zedd fasste sich ans Kinn. »Ich frage mich, warum der Hüter es ausgerechnet auf Shelter-Inn abgesehen hat. Der Tempel ist für ihn unerreichbar, solange es noch Menschen gibt, die auf die Schöpferin vertrauen. Und sonst hat der Ort nichts Nennenswertes zu bieten. Was hat ihn zu diesem Schritt bewogen?«
»Was soll ihn schon bewogen haben?« warf Cara ein. »Er mordet, wo es ihm gerade passt.«
Nachdenklich ging der Zauberer hin und her. »Nein, nein. So einfach ist das nicht. Der Hüter ist zwar mächtig, aber einen Riss im Schleier hervorzurufen, der ein ganzes Dorf zerteilt, das kostet auch ihn viel Kraft. Irgendetwas dort muss sein Interesse geweckt haben.«
»Aber was könnte das sein?« fragte Kahlan.
Zedd warf die Hände in die Luft. »Ich weiß es doch auch nicht! Vielleicht hat er etwas gesucht oder sich vor irgendetwas oder irgendjemandem gefürchtet.«
Cara schnipste mit den Fingern. »Ich weiß es.«
Zedd starrte sie ungläubig an. »Du? Du weißt es?«
Gelassen erwiderte die Mord-Sith seinen Blick. »Ja. Als ich noch Darken Rahl diente, haben wir einmal eine Expedition in diese Gegend unternommen. Eine alte Schriftrolle berichtete von einer unterirdischen Schattenwasserquelle, aber wir haben sie nicht gefunden. Ich vermute, sie befindet sich in den Katakomben des Tempels.«
Richard runzelte die Stirn. »Warum habt ihr damals nicht dort danach gesucht?«
Cara zuckte mit den Achseln. »Wir kannten zwar den Tempel, aber nicht die Katakomben. Stattdessen haben wir alle Höhlen, Brunnen und Gräben untersucht – ohne Erfolg.«
»Aber was wollte Darken Rahl überhaupt mit dem Schattenwasser?« fragte Kahlan. »Zu dieser Zeit gab es doch noch gar keine Banelings.«
Belehrend hob Zedd den Finger. »Schattenwasser ist nicht nur zur Heilung von Banelings geeignet. Es beinhaltet verschiedenste Arten von Magie und kann daher vielseitig eingesetzt werden. Ich bin mir sicher, dass ein erfahrener Zauberer wie Darken Rahl zahlreiche Verwendungsmöglichkeiten dafür gehabt hätte.«
»Aber eins passt nicht« sagte Richard. »Wenn sich die Quelle dort befindet, wieso haben sie das Schattenwasser dann nicht genutzt, um die angreifenden Banelings zu heilen?«
»Vielleicht haben sie die Quelle noch gar nicht entdeckt. Er...« Cara deutete auf die Kleider des Banelings. »hat ja auch nichts davon erzählt.«
»Und wie soll dann der Hüter von ihr erfahren haben?«
Erneut hob Zedd den Finger. »Der Hüter ist zwar an die Unterwelt gebunden, aber er ist nicht zu unterschätzen. Jeder Tote ist ein potenzieller Informant für ihn. Daher ist er stets gut darüber unterrichtet, was in der Welt der Lebenden vor sich geht.«
Ein paar Sekunden lang herrschte nachdenkliches Schweigen, ehe Richard mit grimmiger Miene hochfuhr. »Schluss mit der Grübelei! Diese Menschen brauchen meine Hilfe, egal aus welchem Grund.«
Er trat zu Kahlan, umarmte sie und gab ihr einen langen, zärtlichen Kuss. »Ich liebe dich. Aber ich muss gehen. Das weißt du.«
»Ja« seufzte sie und blickte zu Boden.
Richard drückte sanft ihre Hand und wandte sich dann an Zedd. »Wo treffen wir uns wieder?«
»Nun, in der Nähe des Risses im Schleier ist es zu gefährlich. Aber wir können auch nicht hierbleiben, denn die Banelings sind uns sicherlich auf der Spur. Deshalb müssen wir die Berge umgehen. Etwa drei Meilen westlich von Shelter-Inn gibt es eine Gaststätte namens ›Tovi's‹. Dort müsste es sicher sein.«
»Dann sei es so« sagte Richard, umfasste den Arm seines Großvaters und wandte sich zum Gehen.
Doch Zedd hielt ihn zurück. »Warte, Richard! Wenn du den Wald durchquerst, musst du dir bewusst sein, dass die dunklen Mächte dort alles versuchen werden, dich in ihren Bann zu ziehen. Bleibe wachsam und vertraue auf die Magie deines Schwertes!«
Richard legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. »Schon gut, Zedd. Mach dir keine Sorgen.«
Wieder wollte er gehen, wieder fasste ihn Zedd am Arm. »Richard, hör mir zu! Diese Banne sind äußerst gefährlich. Nicht einmal ich weiß, was dich dort erwarten wird. Sie könnten dir alles Mögliche vorgaukeln, um dich in die Irre zu leiten. Du darfst dich nicht auf ihre Zauber einlassen! Könntest du Kinder in Not ihrem Schicksal überlassen? Würdest du einem wehrlosen Mann die Kehle durchschneiden? Richard, könntest du Kahlan töten, wenn du müsstest?«
Der Zauberer schwieg kurz, ehe er fortfuhr. »Nur wenn du diese Fragen mit ›Ja‹ beantworten kannst, solltest du diesen Pfad beschreiten.«
Richard sah ihm fest in die Augen. »Ich verstehe, Zedd. Ich werde tun, was ich tun muss. Das verspreche ich dir.«
Damit drehte er sich um und machte sich auf den Weg, ohne noch einmal zurückzublicken.
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