Alpha und Omega

von Ynishii
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12
27.11.2014
07.08.2015
33
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27.11.2014 1.319
 
Mei Ti Sun, K’thek Therr und der unsterbliche Durash waren auf dem Weg in die Stadt Moraga. Es handelte sich um die zweitgrößte Ansiedlung des Planeten QUENTALON VI, einer Landwirtschaftskolonie der LFT. Obwohl die Sonne schon relativ niedrig stand spendete sie immer noch angenehme Wärme. Der Horizont, an dem schon die höchsten Gebäude von Moraga sichtbar wurden, färbte sich langsam rot und violett. Die Drei bewegten sich im Schutz der Schwarzlichtfelder ungesehen am Rande der riesigen Felder entlang, die die Stadt einschlossen. Zwischen diesen waren Feldwege angelegt worden, welche die gesamte Landschaft in ein Parzellenmuster einteilten. Alle Strukturen hatten eine exakt rechteckige Grundstruktur. So war es für die vollautomatischen Erntemaschinen einfacher ihre Arbeit zu verrichten. Fünf Mal im Jahr wurden die Felder abgeerntet. Riesige Lastgleiter brachten die Körner zur Weiterverarbeitung.
Wider Erwarten begann K’thek zu sprechen, nicht wie üblich, Mei Ti. Sie war damit beschäftigt sich den Sonnenuntergang anzusehen.
„Eine schöne Welt. Aber sicher wäre sie noch schöner, wenn man die ursprüngliche Vegetation erhalten hätte. Es gibt hier nicht einmal Insekten. Ich würde ein Summen erwarten oder Vogelgezwitscher. Nichts. Wo sind die ganzen Tiere hin?“
Durash wusste die Antwort.
„Selbst in ursprünglichen Zustand gab es keine höheren Lebensformen hier. Die Flora bestand hauptsächlich aus Bäumen, Sträuchern und Gräsern. Sie bestäubten sich selbst oder bildeten Ableger, die sich mit Pflanzen gleicher Art in der Nähe vermischten. Insekten waren nicht erforderlich. Nur die Kleinstlebewesen im Boden. Auch die Meere sind quasi nur von Pflanzen bevölkert.“
„Wie kann so ein Ökosystem funktionieren? Atmen Pflanzen nicht Kohlendioxid? Wo kommt das her, wenn es keine Tiere gibt, die es ausatmen?“
„Das ist nicht ein so großer Widerspruch, wie es zunächst den Anschein hat. Nicht nur, dass Pflanzen nachts, wenn keine Photosynthese möglich ist Sauerstoff aufnehmen, einige Arten haben von Natur aus einen anderen Stoffwechsel. Sie setzen Sauerstoff und Nährstoffe in Wachstum um. Es sind die Pflanzen, die annähernd durchsichtige Blätter haben. Diese dienen nicht primär der Photosynthese sondern sind nichts anderes als Lungen. Man könnte sie durchaus als immobile Tiere bezeichnen. Es ist also ganz praktisch möglich jede Pflanze durch ein Tier und jedes Tier durch eine Pflanze zu ersetzen, solange sie die gleiche ökologische Nische ausfüllen. Wir müssen lernen Leben nicht unnütz zu kategorisieren, das ist so ohne Weiteres gar nicht möglich. Rein theoretisch wäre sogar ein vollkommen anorganisches Ökosystem denkbar.“
„So etwas wie ein vollrobotischer Planet?“
„Du kategorisierst schon wieder. Anorganisch bedeutet mitnichten robotisch. Auch eine zum Beispiel kristalline Lebensform kann anorganische Grundmaterie und Energie, wie etwa elektromagnetische Felder, zur Vergrößerung der eigenen Körpermaterie nutzen. Sicher gibt es auch robotische Lebensformen oder kybernetische, wie die Posbis. Eine per se Definition von Leben gibt es heute nicht mehr. Von Mal zu Mal müssen wir neu entscheiden. Ich denke, das Wichtigste ist die Möglichkeit höhere Denkprozesse theoretisch entwickeln zu können, dann wird nämlich aus einer Lebensform eine Intelligenz. Um das Endziel erreichen zu können eine unabdingbare Eigenschaft.“
„Das Endziel?“
„Die Perfektion, was sonst?“
Mei Ti wollte gerade etwas entgegnen, als noch etwas nach kam.
„Bevor du widersprichst – Perfektion ist nicht von der Sichtweise abhängig. Perfekt ist perfekt, egal aus welcher Perspektive.“
„Das wollte ich gar nicht sagen. Eigentlich wollte ich dir gerade recht geben.“
„Na, gut. Das ist immer erlaubt.“
Durash wendete sich wieder dem Raumsoldaten zu, der sich mittlerweile wohl an die fehlenden Insekten gewöhnt hatte, denn er ließ das Thema fallen und schnitt ein anderes an.
„Was ist das überhaupt für ein Knilch, mit dem wir uns treffen wollen. Wieso braucht er Geld und ist er damit nicht auch grundsätzlich schon unzuverlässig? Was ist, wenn jemand anders mehr bietet. Sollten wir nicht lieber eine Plan B haben?“
„Hast du schon erlebt, dass ich jemandem grundlos traue? Natürlich ist er verdächtig aber wir brauchen Informationen. Außerdem weiß er weder etwas von den Robotern, noch von Mei Ti, die ja ursprünglich gar nicht hier sein sollte.“
„Wenn er ein ehemaliger TLD-Agent ist dann wird er das auch herausfinden.“
„Und auch eine Menge, was uns nützen kann. Wenn er Zicken macht, dann kannst du ihn erledigen.“
„Ein Wort genügt.“
Die Halbkartanin interessierte sich mehr für ein anderes Problem das ebenfalls dringend der Klärung bedurfte.
„Wo sollen wir eigentlich bleiben, wenn wir nicht sichtbar werden dürfen?“
Der Unsterbliche wirkte zunächst ratlos, was K’thek Therr zu amüsieren schien.
„Na sowas. Ich wusste, dass ich da was vergessen hatte. Was machen wir bloß?“
Mei Ti fand das nicht so lustig wie ihr beiden Begleiter.
„Maximilian Augustus Durash!“
„Na gut. Damit du nicht draußen auf dem Boden schlafen und dich von Grashalmen ernähren musst haben wir natürlich eine komfortable Unterkunft besorgt. Dazu musst du wissen, dass es einmal einen wissenschaftlichen Außenposten auf dieser Welt gab, der vor mehr als fünfzig Jahrtausenden von den Lemurern errichtet wurde. Dieser befindet sich ein wenig außerhalb der Stadt unter der Oberfläche.“
„Ein lemurischer Stützpunkt? Warum blieb er unentdeckt?“
„Weil er energetisch tot ist. Keine der alten Anlagen arbeitet noch. In der Endphase des Bestienkrieges wurde er evakuiert. Sie haben fast alles mitgenommen und die Reaktoren abgeschaltet. Wenn man nicht sehr genau hinsieht kann man die Basis kaum finden. Wenn man natürlich, so wie wir, über vier Milliarden Jahre alte Sensoren verfügt – die haben damals noch was getaugt – dann ist es allerdings eine Fingerübung.“
„Aber keiner von uns ist Lemurer. Du bist auch kein Mensch mehr. Werden uns die Anlagen überhaupt als befehlsberechtigt anerkennen?“
„Die Anlage ist abgeschaltet, auch die wenigen noch vorhandenen Positroniken. Wenn wir sie wieder in Betrieb nehmen wollen müssen wir selbstverständlich eine Umprogrammierung vornehmen. Dafür bin aber ich zuständig. Lass Big-Papa mal machen.“
Langsam fand die Gardistin ihren Humor wieder.
„Hat Big-Papa auch bedacht, dass möglicherweise nach so langer Untätigkeit und fehlender automatischer Wartung schon lange alles vergammelt ist?“
„Sicherlich wird die Einrichtung zum größten Teil korrodiert und unbrauchbar sein aber die Stollen und Räume des Stützpunktes sind zu etwa achtzig Prozent erhalten. Die Lemurer waren bekannt dafür äußerst solide zu bauen. Die Chancen, dass wir zumindest eine Zeit lang von dort aus operieren können stehen also gut.“
„Was ist mit der Lebenserhaltung?“
„Ich habe ein paar tragbare Oxygenatoren einpacken lassen. Damit können wir genug Sauerstoff für drei Personen generieren.“
„Also gut. Ich gebe mich geschlagen aber ich bestehe auf das Penthouse mit Blick auf die Stadt und Zimmerservice. Ich schlage vor unser grimmiger Krieger wirft sich dafür in einen Smoking.“
K’thek war von dieser Aussicht weniger begeistert.
„Und ich schlage vor, dass die blinden Passagiere die Bewirtung und Unterhaltung übernehmen, während die richtigen Expeditionsteilnehmer ihrer Arbeit nachgehen. Ich habe hier irgendwo noch ein Schürzchen für dich. Leider habe ich den Rest von dem Kostüm zu Hause gelassen.“
Auf diese Herausforderung hatte sein Gegenüber gewartet.
„Du glaubst ich mach das nicht? Was bist du denn bereit als Gegenleistung zu bringen?“
Das vernarbte Gesicht des Raumsoldaten zeigte ein anzügliches Lächeln.
„Zeigst du mir deins, zeig ich dir meins. Mal sehen wie lange du durchhältst?“
„Ich bin schon mit größeren Bullen fertig geworden. Dich rauch ich in der Pfeife.“
Gerade wollte der Topsider noch eine mehrdeutige Bemerkung loswerden, als er rüde unterbrochen wurde. Durash hatte keinen Sinn für solche Unterhaltungen, was wohl eher seinem androiden Wesen als fehlendem Humor geschuldet war.
„Wenn das so weitergeht, dann werdet ihr beide die nächsten Tage in einer lemurischen Besenkammer verbringen, während ich meiner Arbeit nachgehe. Ihr könnt dann nur hoffen, dass ich euch nicht vergesse wenn ich wieder abreise.“
Natürlich musste eine gewisse ehemalige Ermittlerin noch das letzte Wort haben.
„Dann aber bitte eine Doppel-Besenkammer mit zwei Gucklöchern. Ich fürchte mich nämlich im Dunkeln und ich brauche Platz.“
„Brauchst du den Platz für dein Ego oder die große Klappe?“
„Eigentlich für meine ausladenden Gesten wenn ich mit mir selber rede. Ich weiß gar nicht, was du hast, ich bin doch ein Musterbeispiel an Ruhe und Frieden – Der hat angefangen.“
Mei Ti zeigte mit dem Finger auf den Topsider, der ein undeutliches Brummen von sich gab.
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