Frozen dreams

von sjoe
GeschichteRomanze / P16
26.11.2014
06.12.2018
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Miriam war mehr als froh, als Stefan Schwarzbach, der Pressesprecher des DSV, ihr eine Packung Taschentücher reichte, dabei hatte die kurzfristig einberufene Pressekonferenz noch nicht einmal angefangen.

Aber verdammt, wie sehr wünschte sie, dass sie diese Erklärung gar nicht abzugeben bräuchte!

Sie wischte sich mit dem Papiertuch über die Augen und schnäuzte sich, aber schon als Stefan den Mannschaftsarzt Dr. Bernd Wohlfahrt begrüßte und ihr dankte, dass sie sich den Fragen der Presse stellte, begannen die Tränen wieder zu laufen.

Er erklärte, dass es im Anschluss keine Einzelinterviews geben würde und als er sie ansprach, versuchte sie, sich zusammen zu reißen und schaffte es sogar irgendwie, so etwas wie ein Lächeln zustande zu bringen.

„Wer dich gestern auf der Strecke gesehen hat, der hat vielleicht schon damit gerechnet, dass heute eine Entscheidung fallen könnte. Du hast noch einmal eine Nacht darüber geschlafen, hast mit den Mannschaftsärzten gesprochen, mit den Trainern.
Ich sag jetzt mal relativ viel selber, damit du nicht so viel erzählen musst…“

Sie nickte dankbar.

„Zu welchem Entschluss bist du gekommen?“

Sie holte tief Luft: „Ich bin zu dem Entschluss gekommen, dass ich nicht nach Sotchi fahren werde und erst mal versuche, wieder gesund zu werden.“

Sie schluchzte. Das war alles so verdammt bitter, so scheisse, so… an ihrem Plan und Ziel vorbei und doch ging es einfach nicht anders, so sehr sie das auch wollen mochte.
Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und weinte.

Sofort intervenierte Stefan und wandte sich an Bernd: „Aus medizinischer Sicht wahrscheinlich die einzige und sinnvolle Entscheidung, dass man da jetzt gestern einfach den Schlussstrich gezogen hat, oder?“

Natürlich war sie das wirklich schon mit allen durchgegangen, mehrmals, hatte mit ihren Eltern und mit Felix telefoniert, aber das jetzt wirklich auszusprechen und ausgesprochen zu hören, war irgendwie noch einmal eine Stufe schlimmer.

„Ja, das ist sicherlich sinnvoll. Miriam hat alles versucht und man muss sich noch mal vor Augen führen, dass das eine sehr sehr schwere Verletzung war, im Mai diesen Jahres. Wir sind sehr froh, dass sie überhaupt noch laufen kann, das hätte auch viel schlimmer ausgehen können.

Es hat aus medizinischer Sicht denke ich einen guten Verlauf genommen, das muss man auch sagen.
Es wird so sein, dass Miri mittelfristig keine Probleme mehr mit dieser Sache haben wird, die Frage ist halt immer, was ist Medizin, was ist maximale Belastbarkeit im Leistungssport, welche Möglichkeiten hat man da.

Da sind wir halt an die Grenzen gestoßen und da hat sie jetzt zu viele Begleitprobleme auch im Rahmen des frühen Wiedereinstiegs ins Training bekommen und deshalb glaube ich, ist das jetzt die einzig konsequente Entscheidung.

Jetzt steht wiederum die Medizin, die Rehabilitation im Vordergrund, aber ohne den Druck des sich qualifizieren Müssens, ohne den Druck, die Sotchi-Norm anzugreifen und ich glaube, das ist der beste Weg, den man jetzt gehen kann.“

Wenigstens hatte sie es während der Ausführungen des Arztes jetzt geschafft, sich wieder einigermaßen in den Griff zu bekommen und nickte bekräftigend zu seinen Worten.

Stefan hakte nach: „Das, was sie in den letzten Wochen und Monaten geleistet hat, ist ohnehin viel mehr, als das was man hätte erwarten können, oder?“

„Ja, auf jeden Fall. Das hat natürlich auch ein bisschen Hoffnung geweckt, das muss man ganz klar sagen.“

Oh ja, und wie viel Hoffnung das bei ihr geweckt hatte! Sie hatte wirklich daran geglaubt, dass sie nach Sotchi fahren würde und dort gute Rennen machen konnte.

Bernd erklärte noch einmal, dass die Reha wirklich gut gelaufen war, dass sie im Training viel belastbarer gewesen war, als erwartet, aber die Belastung, die dann in einem Rennen stattfand, dann doch eine ganz andere war.

Vor allem, weil das ja dann auch mehrere Rennen kurz hintereinander waren.

Schließlich wandte sich Stefan noch mal an sie: „Miriam, die Hoffnung stirbt zuletzt. Du hast die ganze Zeit gekämpft, auch gestern noch mal alles gegeben. Ab wann hast du es gemerkt? Schon gestern auf der Strecke?“

„Ja. Ich wollte gestern alles probieren, hab über Weihnachten versucht, noch mal alles zu geben, sowohl medizinisch als auch im Training, eine gute Vorbereitung zu machen…“ Sie wischte eine Träne weg.

„Aber es hat einfach nicht funktioniert. So macht es keinen Sinn und wenn man ehrlich ist: bei Olympia geht es um die Medaillen und darum, ganz vorne mitzulaufen und dazu bin ich momentan mit meinem Rücken einfach nicht in der Lage.

So haben jetzt andere die Chance. Ich werde versuchen, mich auf die März-Weltcups vorzubereiten, schauen, dass ich vielleicht bis dahin wieder fit werde. Aber jetzt steht wirklich erst einmal im Vordergrund, dass der Rücken wieder gut wird. Dass ich dann wieder mit neuem Spaß und vor allem vielleicht weniger Schmerzen die letzten drei Wochen mitmachen kann, wobei ich mir das noch offen halte.“

Und dann war die Pressekonferenz Geschichte. Stefan bedankte sich bei ihr und wünschte ihr im Namen von allen Anwesenden gute Besserung. Da war es dann auch schon wieder vorbei mit der Fassung  und sie begann erneut zu weinen.  

Zum Glück wartete draußen vor dem Pressezelt direkt schon der Wagen mit laufendem Motor und ihrem Gepäck im Kofferraum, so dass sie einfach nur noch einsteigen musste.

Von ihren Mannschaftskameradinnen und allen anderen hatte sie sich schon vorher verabschiedet.

Allerdings war es sicherlich kein Zufall, dass Kaisa auf einmal um die Ecke kam, als das Fahrzeug gerade losfuhr und mit einem leicht traurigen Lächelnd die Hand hob.

Sie presste ebenfalls die Hand an die Scheibe und sah so lange nach draußen, bis die nächste Kurve die Freundin verschluckte.



Irgendwann unterwegs klingelte ihr Telefon und wenn nicht „Felix“ im Display aufgeleuchtet hätte, wäre sie sicher nicht drangegangen.

„Hallo!“

„Hallo!“

Seine Stimme klang wie eine warme Umarmung  und sie schloss sehnsüchtig die Augen.

Leider würde es auch in den nächsten Tagen bei rein virtuellen Umarmungen bleiben, denn er war mit dem Team nach Italien gereist, wo in zwei Tagen das erste Slalomrennen des neuen Jahres stattfinden würde.

„Gings?“ hakte er nach einer Weile sanft nach.

„Nein. Es war furchtbar. Ich habe nur geheult. Einfach… einfach, weil es  so scheiße ist!“

„Das ist es!“ stimmte er ihr aus vollem Herzen zu.

„Wie war dein Training?“

„Gut. Alles im grünen Bereich.“

„Auch der Daumen?“ hakte sie ein wenig zweifelnd nach.

„Naja, der tut natürlich weh, aber das tut er ja so oder so. Wie immer wurde er vorher gut getaped, das ging also.“

„Manchmal frage ich mich, ob bei uns eigentlich was falsch gepolt ist, dass wir darauf stehen, auch mit Schmerzen noch weiter zu machen!“

„Ja. Bestimmt. Aber so ist es halt, ich glaube, anders kann man nicht dahin kommen, wo wir schon waren!“

„Nein, vermutlich nicht.“ Sie seufzte.

„Wie geht es dem Rücken jetzt gerade?“

„Geht. Ich habe den Sitz ziemlich weit nach hinten gekippt, ich kann kaum noch übers Armaturenbrett gucken, das ist schon ein wenig surreal vom Gefühl her irgendwie, aber so lässt es sich aushalten.“

„Gut. Wie lange braucht ihr noch?“

„Mh, wir sind jetzt kurz vor Ingolstadt, also schon noch eine Weile. Zum Glück ist es noch halbwegs mit dem Verkehr und ich hoffe, dass wir München ohne Stau hinter uns bringen. Wobei samstags natürlich in allen Skigebieten Bettenwechsel ist…“

„Stimmt. Hier hat man auch diverse vollgepackte Autos gesehen, bereit zur Abreise…“
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