Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Relationen (OS)

Kurzbeschreibung
KurzgeschichteHumor, Freundschaft / P12 / Gen
Das Känguru Marc-Uwe Kling
25.11.2014
25.11.2014
1
1.248
14
Alle Kapitel
19 Reviews
Dieses Kapitel
19 Reviews
 
 
 
25.11.2014 1.248
 
"Hell is empty and all the devils are here."
~Norbert Lammert zur Eröffnung einer Sitzung im Bundestag~


Ich schließe die Wohnungstür auf und das Känguru hüpft mir schon im Gang entgegen. Es hat diesen mir nur allzu bekannten Gesichtsausdruck, den es immer aufsetzt, wenn es irgendetwas angestellt und sich den ganzen Tag einen Vorwurf überlegt hat, den es mir an den Kopf werfen kann, wenn ich nach Hause komme, um davon abzulenken.
„Du hast schon wieder bei Lidl eingekauft“, sagt es auch sofort und schaut mich anklagend an. „Dabei hab ich dir doch schon tausendmal gesagt, dass die Arbeitsbedingungen dort unter aller...“
„Ja, ich hatte einen guten Tag, danke der Nachfrage und wie geht es dir?“, murmle ich müde und schlurfe an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Das Känguru folgt mir.
„Hast du mir nicht zugehört?“, fragt es aufgebracht. „Natürlich geht es mir nicht gut. Dieses Billigessen macht mich krank.“
„Wenn du zur Abwechslung mal einkaufen gehen würdest, dann müsstest du vielleicht nicht immer rummeckern“, schlage ich vor und werfe mir eine der Schnapspralinen in den Mund, die auf dem Tisch stehen. Drei Sekunden später spucke ich sie wieder in die Verpackung.
„Das ist so widerlich“, sage ich. „Ich versteh wirklich nicht, wie du die Dinger essen kannst.“
„Lenk nicht vom Thema ab“, rügt mich das Känguru und bringt die Packung vor mir in Sicherheit. „Ich hab gesagt, nicht bei Lidl...“

„Was hast du dieses Mal ausgefressen?“, unterbreche ich es und es ist sofort still. Einige Sekunden herrscht Schweigen, dann senkt das Känguru verlegen den Kopf und scharrt mit dem Fuß auf dem Boden.
„Na ja, ich hab mich so über den Pinguin geärgert“, sagt es zögernd und weicht meinem Blick aus. „Du weißt doch, er hat uns vor kurzem diesen Zettel an die Tür gehängt, dass wir den Flur putzen sollen und dann hat er den ganzen Dreck direkt vor unsere Tür gekehrt und ich bin da reingehüpft, als ich den Müll runterbringen wollte.“
„Du wolltest den Müll runterbringen?“, unterbreche ich skeptisch. „Da stimmt doch was nicht in deiner Geschichte.“
„Na gut, vor die Tür stellen“, korrigiert das Känguru sich ungehalten, „aber das ist ja irrelevant. Auf jeden Fall bin ich mitten in den Dreckhaufen gehüpft und hab dann vor Schreck meine Profikuscheldecke fallen gelassen und jetzt sieht sie aus, als hätte ich auf der Straße geschlafen.“
„Wie damals beim Vietkong“, sage ich.
„Sprich nicht von Dingen, von denen du keine Ahnung hast, Kind“, erwidert es eingeschnappt. „Auf jeden Fall wollte ich es dem Pinguin heimzahlen und dann hab ich ganz viel Klopapier in unsere Toilette gestopft und runtergespült – du weißt ja, dass die Rohre mit den Rohren in der Wohnung des Pinguins verbunden sind – und als er das nächste Mal spülen wollte...“ Es kichert vielsagend. Ich schaue es verwirrt an.

„Du hast unsere Rohre verstopft, damit der Pinguin seine Wohnung überschwemmt?“, hake ich nach. Das Känguru hat ausgekichert und fährt sich stolz mit der Pfote durch das Fell auf seinem Kopf.
„Ein Meisterstreich“, sagt es zustimmend, dann erstirbt das Lächeln auf seinem Gesicht. „Nur nicht ganz bis zum Ende gedacht.“
„Warum?“, frage ich. Mir schwant Böses.
„Na ja“, druckst das Känguru und schaut schnell wieder auf seine Füße. „Ich hab vergessen, unsere eigene Leitung wieder frei zu machen. Ich dachte, wenn ich oft genug spüle...“
„Du hast unser Bad auch überflutet?“, rufe ich empört und springe auf. Das Känguru drückt mich zurück in den Sessel.
„Es ist gar nichts passiert“, beruhigt es mich. „Der Klempner war da und hat alles in Ordnung gebracht.“ Es sieht immer noch sehr schuldbewusst aus.
„Wie teuer?“, kommt mir als erstes in den Sinn, aber das Känguru schüttelt den Kopf.

„Das Geld aus deinem Sparschwein hat gereicht“, versucht es, mich zu beruhigen.
„Da waren 500€ drin!“, rufe ich und springe erneut auf. Wieder gibt mir das Känguru einen Schubs und ich lande mit dem Hintern wieder im Sessel.
„Für den Trockner musste es eben auch noch reichen“, verteidigt es sich.
„Den Trockner?“, frage ich.
„Dein Manuskript für das neue Buch lag neben dem Waschbecken“, gibt es zu und mir wird schwindelig.
„Das waren 200 Seiten, handbeschrieben“, platzt es ungläubig aus mir heraus. „Du willst nicht sagen, dass alles...“
„Keine Panik“, beruhigt mich das Känguru. „Ich hab alles in den Trockner gesteckt. Jetzt ist es so gut wie neu...“ Es stockt.
„Was?“, sage ich erschöpft.
„Na ja, neu im Sinne von ‚neu gekauft’“, murmelt es. „Der Tinte hat der Trockner wohl nicht so gut getan.“ Ich schlage mir die Hände vor’s Gesicht.
„Das kann doch nicht wahr sein“, brumme ich und raufe mir die Haare.

„Ganz schön blöd gelaufen“, gibt das Känguru zu. Und nach einer kleinen Pause fügt es hinzu: „Wie viel weniger verheerend es doch wäre, wenn ich statt dem Pinguin einen Streich zu spielen einfach nur deinen Lieblingspudding aufgegessen hätte. Oder die leckeren Frikadellen, die noch im Kühlschrank waren. Oder vielleicht auch beides. Wärst du dann jetzt nicht unheimlich froh?“ Ich starre das Känguru ungläubig an und als ich dieses Mal aufspringe, kann es mich nicht aufhalten. Mit einem unterdrückten Fluch hechte an ihm vorbei und stürze ins Badezimmer. In der Tür bleibe ich wie vom Blitz getroffen stehen und schaue mich um. Alles sieht unberührt aus. Auf dem Fensterbrett und dem Waschbeckenrand ist sogar noch die Staubschicht zu erkennen, die sich schon bei meinem Verlassen der Wohnung dort befand. Neben dem Waschbecken liegt unberührt mein Manuskript. Irritiert drehe ich mich zu dem Känguru um, das mir gefolgt ist.
„Wdldkfsgdl“, ist das einzige was ich herausbekomme, während ich mit der Hand in Richtung des unberührten Badezimmers fuchtle. Ein Grinsen legt sich auf das Gesicht des Kängurus.
„Na gut, ich hab dich angeschmiert“, sagt es. „Aber bevor du jetzt sauer wirst, bedenke, welch große Katastrophen ich anstellen könnte, wenn du nicht da bist. Stattdessen habe ich mich damit begnügt, deinen Pudding aufzuessen... und die Frikadellen. Verglichen mit dem zerstörten Manuskript ist das ja wohl gar nichts.“

„Das ganze Theater nur wegen einem blöden Pudding?“, frage ich entgeistert.
„Eines blöden Puddings, Genitiv“, verbessert mich das Känguru. „Und Frikadellen. Aber gib es ruhig zu: Jetzt fällt dir ein Stein vom Herzen, oder?“ Ich schnaube auf.
„Ich wünschte, er würde dir auf den Fuß fallen“, knurre ich.
„Ach papperlapapp“, winkt das Känguru ab. „Irgendwann wirst du mir noch dankbar dafür sein, dass ich dir das so schonend beigebracht habe.“ Dann dreht es sich um und hüpft zurück ins Wohnzimmer. Ich folge ihm. Es wirft sich kopfüber aufs Sofa und steckt sich eine Schnapspraline in den Mund.
„Es kommt doch immer darauf an, womit man die blöden Sachen, die einem passieren, in Relation setzt“, schmatzt es. „Du solltest mir dankbar sein, dass du dich jetzt viel weniger ärgern musst.“
„Deine Aktion hat mich sicher fünf Jahre meines Lebens gekostet“, grummle ich und setze mich wieder in den Sessel. „Hast du den ganzen Tag damit verbracht, dir diese Geschichte auszudenken.“ Das Känguru zuckt mit den Schultern.
„Der Pinguin ist in Urlaub gefahren“, verkündet es. „Und mir war langweilig.“ Für einen kurzen Moment schweigen wir, dann schielt es zu mir rüber und kurz blitzt noch mal so etwas wie Schuldbewusstsein in seinem Blick auf.
„Gehst du morgen einkaufen?“, fragt es. „Das Klopapier ist alle.“

-------------------------------------

Als ich vorhin entdeckt habe, dass es eine Kategorie für die Känguru-Chroniken gibt, MUSSTE ich einfach was schreiben. Die Känguru-Bücher sind meine Bibel <3 ^^
Vielleicht findet ja jemand Gefallen an meinem kleinen Ausflug in die WG von Mark-Uwe und dem Känguru ;)
Liebste Grüße, Jule
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast