Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Fallen cold and dead

von ACZHS
KurzgeschichteDrama / P6 / Gen
Charlie Dalton
22.11.2014
22.11.2014
1
1.391
2
Alle Kapitel
6 Reviews
Dieses Kapitel
6 Reviews
 
 
 
22.11.2014 1.391
 
Hallo.
Da bin ich tatsächlich schon wieder in diesem Fandom, aber als ich an dem Wunsch geschrieben habe, den ich gestern hochgeladen habe, kam mir die Idee hierzu.
Zu sagen ist, dass ich wirklich unterstelle, dass Neil und Charlie beste Freunde waren. Ich habe den FIlm nun gestern noch mal gesehen und bleibe dabei. ;) Das ist wohl also zu berücksichtigen, wenn man das hier liest.
Nun hoffe ich, dass sich das hier überhaupt jemand ansieht und dass es gut gefällt. :)

- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -

Charlie hatte keine Blumen mitgebracht. Er wusste nicht, ob es üblich war. Er wusste nicht, ob er es hätte tun sollen.
Irgendetwas nahm man doch gewöhnlich an ein Grab mit, oder? Irgendetwas, das man am Grab lassen konnte, oder?
Aber was brachte es dem Toten denn noch, wenn man etwas auf die kalte Erde legen würde, unter der der Körper zerfiel? Was brachte es Neil noch?
Er hatte noch nie etwas mitgebracht, dabei war ein paar Mal hier gewesen in den Monaten, die Neil nun schon tot war. Er hatte nie verstanden, was es Neil bringen sollte.
Er schob die die Zigarette zwischen die Lippen und sah gen Himmel, während er sie anzündete.
Es sah nach Regen aus, aber es spielte keine Rolle.
Er nahm einen Zug von der Zigarette, bevor er wieder zum Grabstein sah. Neil hatte einen wunderschönen Stein bekommen und das Grab war auch stets gut gepflegt, wann immer Charlie hier war. Charlie konnte sich vorstellen, wie viel Hingabe Neils Mutter, die er selbst doch auch so selten erst gesehen hatte, hineingab. Hingabe, die sie nicht mehr Neil schenken konnte und ihm vielleicht auch nie genügend geschenkt hatte.
Charlie nahm einen weiteren Zug an der Zigarette, stieß den Rauch aus, bevor er wisperte: „Ich bin’s, Neil.“
Er wusste nicht, warum. Er tat es jedes Mal, wenn er hier war. Er sagte gewöhnlich nicht viel mehr. Er sagte, nachdem er sich die Zigarette entzündet hatte und sich erneut an den Anblick des Grabsteines mit dem vertrauten Namen drauf gewöhnt hatte, dass er da war. Wenn er ging, versprach er stets, dass er bald wiederkommen würde.
Sonst kam kein Wort über seine Lippen, sondern er stand einfach dort vor dem Grab und rauchte und wünschte sich, Neil würde plötzlich da stehen, ihn anlächeln, die Zigarette aus seiner Hand nehmen.
Charlie hörte nach einer Weile zwar die Schritte, aber er drehte sich nicht sofort um. Es gab genug andere Gräber auf diesem Friedhof und stets genug andere Besucher.
Doch sie kamen immer näher und als er sich endlich umdrehte, stand Mr. Perry neben ihm.
Charlie hatte nicht geglaubt, ihn je wiederzusehen. Manchmal hatte er aber überlegt, einfach zum Haus der Perrys zu fahren und ihm eine reinzuschlagen.
Er war überrascht, dass beim Anblick des Mannes nun zwar leichte Wut in ihm hochkochte, aber er keinen Impuls in die Richtung spürte.
Mr. Perry wirkte älter als zu dem Zeitpunkt, als Charlie ihn das letzte Mal gesehen hatte. Seine Wangen waren leicht eingefallen. Sein Anzug mit Mantel saß aber ordentlich wie immer.
Einen Moment sah Mr. Perry ihn einfach an. Auch er hatte nichts mitgebracht, um es am Grab niederzulegen.
„Du bist der Junge der Daltons, oder? Charles?“, fragte Mr. Perry letztendlich.
Charlie nickte lediglich und sah dann wieder zum Grabstein.
Einen Moment war Stille, dann: „Du standest ihm nahe, oder?“
Fast ging ein hämisches Lächeln über Charlies Gesicht. Das war Mr. Perry. Er, Charlie, war der beste Freund seines Sohnes gewesen. Aber was wusste er schon? Er hatte sich nie für Neils Leben interessiert, außer es ging um seine schulischen Leistungen.
Charlie nickte wieder nur leicht und Mr. Perry schien einen Augenblick zu zögern, dann fragte er aber: „Ob wir reden können?“
Charlie wusste nicht, was der Mann von ihm wollte, über was sie jemals reden sollten. Nun war die Wut doch wieder voll in ihm. Er wollte ihm am liebsten alles an den Kopf schmeißen, was er dachte.
Er machte aber nur eine bereitwillige Geste, wandte sich unvermittelt um und ging zur Bank, die nicht weit vom Grab stand.
Wenn sie reden würden, konnten sie sich auch setzen.
Tatsächlich setzte sich Mr. Perry bereitwillig neben ihn.
Einen Moment saßen sie in Stille, Charlie zog dabei fast ein wenig ungeduldig an seiner Zigarette.
Dann fragte Mr. Perry unvermittelt: „Kann ich auch eine haben?“
Ein wenig verwundert zog Charlie die Packung heraus und übergab eine der Zigaretten. Mr. Perry nahm sie in den Mund und Charlie entzündete sie für ihn auch mit seinem Feuerzeug.
So viele hatte Charlie schon mit Neil zusammen geraucht. Er hatte nie geglaubt, jemals eine mit Neils Vater zu teilen. Andererseits hatte er auch nie geglaubt, Neil auf dem Friedhof besuchen zu müssen.
Weitere Minuten vergingen schweigend, dann erhob Mr. Perry endlich wieder die Stimme: „Warum hat er es getan?“
Warum? Fragte Mr. Perry ihn gerade wirklich, warum Neil sich selbst das Leben genommen hatte? Wusste er das tatsächlich nicht? Konnte er es sich nicht denken?
Die ersten Regentropfen nieselten auf sie herunter, als Mr. Perry mangels Antwort von Charlie fortfuhr: „Die Schule hat gesagt, dieser Lehrer sei an allem Schuld. Mr. Keating habe meinem Sohn diese wirren Gedanken eingeredet, sodass er plötzlich Schauspieler werden wollte, bei diesem Theaterstück mitgemacht hat, obwohl ich es ihm verboten habe, und sich am Ende dann das Leben...“
Mr. Perry schluckte hörbar. Offenbar konnte er nicht aussprechen, was Neil getan hatte.
Charlie sah zum Grabstein, auf dem selbst von hier deutlich der Name seines besten Freundes zu lesen war.
Er sog noch einmal an seiner Zigarette, bevor er sagte: „Sie wollen meine Antwort darauf nicht hören.“
Einen Herzschlag, dann: „Du denkst, dass ich Schuld bin, dass mein Sohn...“
Und selbst denn Satz konnte er offensichtlich nicht zuende bringen, aber es war auch genug.
„Ja“, sagte Charlie deutlich. „Ja, ich denke, dass Neil deswegen gestorben ist. Weil Sie diese wahnsinnige Idee haben, dass man seinem Vater immer Folge zu leisten hat. Und weil Sie nicht einmal annährend zugehört haben, was er zu sagen hatte. Jemals.“
Offen sah er Mr. Perry direkt in die Augen. Er hatte erwartet, dort Härte zu sehen, doch das war es nicht.
Seine Stimme dagegen klang jedoch so streng, wie Charlie sie ausschließlich kannte: „Ich habe ihm Dinge ermöglicht, von denen ich als Kind nur träumen konnte. Er sollte es besser haben als ich, einen besseren Beruf haben können. Sich eines Tages mehr leisten können.“
„Damit hat er Sie auch immer verteidigt“, stellte Charlie, nicht ohne bitteren Unterton, fest. „Bis Mr. Keating kam und uns allen gezeigt hat, dass es Wichtigeres als Materielles im Leben gibt und dass unsere Meinungen und... Träume durchaus auch Wert haben. Dass wir Wert haben.“
„Er war mir immer am meisten Wert“, sagte Mr. Perry sofort entschieden.
„Warum haben Sie ihm dann nie zugehört?“, entgegnete Charlie, selbst ohne zu zögern.
Mr. Perry sah ihn einen Moment einfach an, dann, seine Stimme aber nicht mehr so streng und entschieden wie zuvor: „Er war noch jung und konnte es nicht verstehen.“
Charlie ließ seinen Blick wieder zum Grabstein schweifen.
„Und jetzt ist er tot“, stellte er mit zu ruhiger Stimme fest und zog danach erneut an seiner Zigarette, brauchte den Rauch.
Mr. Perry würde nie mehr die Gelegenheit bekommen, Neil zuzuhören. Er würde nie mehr die Gelegenheit bekommen, ihm zu sagen, dass er ihm am meisten Wert war.
Ebenso wie Charlie nie wieder mit ihm eine rauchen könnte, nie wieder mit ihm lachen könnte, nie wieder auch nur ein Wort mit ihm wechseln könnte.
„Er sollte es besser haben als ich“, sagte Mr. Perry und plötzlich klang er so unglaublich schwach.
„Ich weiß“, erwiderte Charlie lediglich, denn ja, er wusste. All ihren Eltern war es darum gegangen, dass sie es gut haben sollten. Sie hatten nur nicht begriffen, wie hoch der Preis dafür tatsächlich war.
Und mittlerweile prasselte der Regen in Strömen auf sie nieder, aber keiner von ihnen beiden dachte daran, aufzustehen und Schutz davor zu suchen.
Charlie stierte weiter auf den Grabstein, unweit von ihnen. Neben ihm wurden die Tränen des Manens vom Regen verschluckt.
Und auch wenn Charlies eigene Eltern ihn mittlerweile anerkannt hatten, seine Meinung und Wünsche anerkannt hatte, nachdem er nach Neils Tod für sich selbst eingetreten war... so würde sein Leben dennoch nie wieder vollständig in Ordnung sein. Es würde immer irgendwo einen Riss haben, eine leere Stelle, die Neil zurückgelassen hatte.
Ebenso wie das Leben von Neils Eltern.
Review schreiben
 
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast