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Heavy in your arms

von Nathilik
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Rutil Spinell
21.11.2014
21.11.2014
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Was sie im Moment am allermeisten faszinierte, war die Tatsache, wie schnell sie es geschafft hatten, die Steckbriefe im ganzen Land zu verteilen. Egal, welches Dorf, welche Stadt sie passiert hatte, seitdem sie sich von Rutil und seinem Orchester getrennt hatte, überall hingen sie schon. Von jeder Wand aus starrten die vier Gesichter sie an und jedes Mal blieb ihr Blick an jenem hängen, welches man links oben platziert hatte. Sie hatten ihn gut getroffen und das machte es nicht wirklich einfacher für sie.

„Widerliche Kerle, was?“

Innerlich zuckte sie erschrocken zusammen, aber das Gesicht war trainiert genug, um das nicht auch noch zu zeigen. Langsam drehte sie sich zur Seite und sah direkt in die entrüsteten Züge einer Frau, die in etwa ihr Alter haben musste. Die Arme auf Brusthöhe verschränkt, blickte sie sie offen an, in der Erwartung, eine Antwort zu bekommen, die ihr Recht gab.

Unter anderen Umständen hätte sie das wahrscheinlich auch getan. Aber hier und jetzt, zuckte sie einfach nur desinteressiert mit den Schultern, drehte sich um und ging. Sie hätte lügen können. Sie hätte sich mühelos an diese Meinung anpassen können, ihr das erzählen, was sie hören wollte, nur... sie wollte nicht. Nach all der Zeit, die sie an Rhodonits Hof verbracht hatte, all den Lügen, die sie erzählt hatte, mit ihren Lippen, ihrem Körper, jeder einzelnen Faser ihres Seins, war sie es leid. Die wenigen Tage, die sie mit Menschen verbracht hatte, die sich nicht an ihrem wahren Ich störten, nein, die sogar daran interessiert waren – oder zumindest hervorragend so taten – fehlte ihr die Kraft, einfach eine weitere Maske überzustreifen und so weiterzumachen, wie bisher.

Sie würde früh genug wieder die Wahrheit verdrehen, spätestens dann, wenn sie einen Fuß auf die ersten Stufen des königlichen Palastes setzte. Anders würde sie ihren Kopf nicht behalten können. Und anders würde sie Rutil und seine Kapelle voller dummer Narren nicht schützen können. Nur das war... das war ein guter Grund zu lügen. Der beste, den sie in ihrem Leben jemals gehabt hatte. Der ein warmes Gefühl in ihr auslöste, etwas, das sie so lange nicht mehr gespürt hatte, dass sie sich fast nicht mehr daran erinnern hatte können, wie es sich anfühlte.

Es zauberte ein leichtes Lächeln auf ihre Lippen, das sie kaschierte, indem sie den Kopf senkte und das Barett tiefer in die Stirn zog. Das ging schließlich niemanden etwas an. Wirklich nicht.

Was ihr allerdings Sorge machte, waren die Nachrichten, die vom Senat her drangen. Die Stimmen aus dem Volk, die von Aufstand sprachen, die den Kopf der Königin rollen sehen wollten und die sich bereits mobilisiert hatten, um genau das zu schaffen. Seit Tagen hatte niemand nach ihr verlangt, seit Tagen hatte sie niemanden getroffen, der im Dienst der Königin stand. Sie war abgeschnitten vom Nachrichtendienst und hing fest. Und da war das ungute Gefühl, das fast schon Gewissheit gleichkam, das Rutil, zumindest was den Senat anging, die Finger mit im Spiel hatte.

Wenn sie gekonnt hätte, dann hätte sie auf der Stelle versucht, Kontakt mit ihm aufzunehmen, aber so, wie die Dinge im Moment standen, wusste sie nicht genau, wo er sich herumtrieb. Und das machte ihr Sorgen...

„Fräulein?“ Eine schüchterne Stimme erhob sich und zerrte sie aus ihren Gedanken. Brachte sie dazu, stehen zu bleiben und sich umzudrehen. Ein kleiner Junge, nicht viel älter als zehn, stand vor ihr und sah sie eingeschüchtert an. Fräulein... Fast hätte sie gelacht. So hatte sie eine Ewigkeit niemand mehr genannt. Nein, so hatte sie noch niemals jemand genannt, zumindest nicht, wenn sie sie selbst war.

„Ja?“ Um ihn nicht ganz zu verschrecken, ging sie vor ihm in die Hocke und sah ihn erwartungsvoll an. Er hörte zwar nicht auf, auszusehen, als würde er lieber weglaufen, aber wenigstens tat er es nicht.

„Ich soll Euch das hier geben.“ Zittrig hielt er ihr einen schmalen, weißen Zettel hin, den sie stirnrunzelnd entgegennahm. Aber anstatt ihn zu öffnen und zu lesen, fixierte sie das Kind.

„Wer hat dir das gegeben?“ Es konnte durchaus ein Durchbruch der erzwungenen Nachrichtensperre sein, aber offizielle Briefe sahen anders aus. Und bevor sie sich dummen Hoffnungen hingab, bevor sie auf etwas hereinfiel, das sie nicht verkraften würde, wollte sie jetzt gleich jegliche Zweifel vom Tisch wischen.

Der Junge schluckte sichtlich überfordert mit allem, aber dann strafften sich seine Schultern mit einem Mal und er hob das Kinn ein kleines Stück. „Er... er hat gesagt, dass Ihr mich das fragen werdet und ich soll Euch ausrichten, dass Ihr einfach lesen sollt, was man Euch schreibt und Euch dann auf den Weg machen.“ Dann begann er mit einem Mal mit der Fußspitze in dem Boden vor sich zu scharren. „Und... dass Ihr mich bezahlen würdet.“ Das kam nun unheimlich leise und fast hätte es ihr mit einem Mal bis zum Hals schlagendes Herz übertönt.

Sie griff in ihre Tasche, zog drei Münzen hervor und drückte sie dem Kind, dessen Augen sich in ungläubigem Staunen zu weiten begannen, in die Hände und stand auf, die Finger zittrig um das Blatt geschlossen, welches mit einem Mal kostbarer schien, als alles, was sie sonst noch besaß.

Ihre Ohren waren taub durch das Rauschen des Blutes, welches hart und schnell durch ihre Adern pumpte, der Dank des Jungen ging vollkommen darin unter, genau wie der Klang ihrer eigenen Schritte oder der restliche Lärm der Stadt. Die erste kleinere Gasse, die sich ihr bot, wurde genommen, sie presste sich an die Wand und faltete hastig das Papier auseinander, strich es glatt und erkannte schon in den ersten Sekunden den charakteristischen Schwung seiner Handschrift. Manche frommen Wünsche gingen wohl schneller in Erfüllung, als man es selbst zu glauben wagen konnte.

Sie überflog die Zeilen. Nicht viel, nur eine Anweisung, ihn zu treffen, der Gasthof sagte ihr etwas und das war es. Das musste ein gutes Zeichen sein. Das musste heißen, dass er geschafft hatte, was ihn in die Welt getrieben hatte und dass es jetzt galt, die Sache zu Ende zu bringen. Dass er einfach nur ihre Hilfe brauchte, dass er... sie brauchte.

Natürlich ging sie. Gezwungen langsam, um nicht aufzufallen, weil ihre Reaktion auf die Nachricht schon nicht dem Handbuch entsprochen hatte. Auch, wenn sie am liebsten gerannt wäre, den ganzen verdammten Weg, der eine Ewigkeit lang zu werden schien, während sie Schuhe trug, die mit Blei beschlagen waren.

Die Tür des Gasthofes öffnete sich mit einem leisen Quietschen und sie stand an einem dieser Orte, die er so mochte. Nicht zu abgelegen, kein zu armes Klientel, wenig Rauch, wenig Leute. Ein wenig Stil musste man scheinbar auch als gesuchtester Mann im ganzen Staat noch beibehalten, nicht? Und für diese Annahme, dass genau das in seinem Kopf vorging, sprach auch seine Erscheinung. Er mochte in der dunkelsten Ecke sitzen, in einen weiten, schwarzen Mantel gehüllt, aber die langen, hellen Haare fielen ungehindert über seinen Rücken und zogen den einen oder anderen Blick auf sich – Blicke, die sie nicht verübeln konnte. Denn für eine winzige Dauer sah sie ihn einfach nur an, als wolle sie sich das Bild auf ihre Netzhaut brennen, damit, wenn er doch wieder einfach gehen sollte, sich sein Anblick nicht einfach mit ihm verflüchtigen konnte.

Erst dann setzte sie sich in Bewegung, zog den zweiten Stuhl, der an dem Tisch stand, zu sich und sah ihn mit hochgezogener, rechter Augenbraue abschätzig an. „Was fällt dir eigentlich ein, mich den Boten, den du zu mir schickst, selbst bezahlen zu lassen?“

Es war so viel einfacher, es so anzufangen. Es war so viel einfacher, ihm gegenüber einen rauen Ton anzuschlagen. Weil es das war, was sie beide kannte. Das, was sie immer gehabt hatten. Sie musste nichts preisgeben, nichts öffnen, was er mit Füßen treten konnte. Wie ein Spiel, dessen Regeln sie beide nicht entkommen konnten und das sie immer und immer wieder einfach so spielten. Nur manchmal, wie bei dem Kuss auf seine Wange, brach einer von ihnen beiden aus, vorzugsweise dann, wenn der Andere nicht mehr reagieren konnte.

Aber er, er zog die Mundwinkel nach oben und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. „Ich dachte, du würdest besser einschätzen können, was man solchen Leuten bezahlt. Ich hoffe, du warst freundlich zu ihm.“

Spinell antwortete ihm mit einem Schnauben, schlug die Beine übereinander und begann mit der rechten Hand auf die Tischplatte zu trommeln. „Sicher, was denkst du denn?“ Für ihre Verhältnisse war sie das wirklich gewesen.

„Oh, das... nun, nichts anderes.“ Sein unverschämtes Grinsen sprach da zwar eine ganz andere Sprache, aber sie war nicht hier, um sich mit ihm darüber zu streiten. Auch, wenn ihr der Sinn doch ein wenig danach stand.

„Warum hast du mich herkommen lassen?“ Das war doch das, worum es hier ging. Nur, weil er sich gerne darum wand, unangenehme Dinge anzusprechen, war sie nicht bereit, das auch zu tun. Und unangenehm musste es sein, denn kaum hatte sie ihren Satz beendet, schlichen sich Schatten auf seine Züge, das Lächeln verschwand und machte dem seltenen Ernst Platz. Rutil schwieg, starrte auf seine Finger, die er ineinander verschränkt hatte und nickte schließlich dem Wirt zu.

„Lass uns... lass uns ein Stück gehen, Spinell, ja?“ Sie war überrascht, nickte aber trotzdem. Wenn er es lieber draußen besprach, ihr sollte es recht sein. Ein Gasthof war leichter zu überblicken, aber konnte genau so gut schneller eine Falle werden, als es einem lieb war. Aber darum ging es ihm wohl eher nicht. An solche Dinge verschwendete der Herr Kapellmeister nämlich auch sonst keine Gedanken.

Sie wartete, bis er gezahlt hatte, erhob sich mit ihm und verließ hinter ihm den Gasthof. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war immer noch nicht verschwunden, er schien mittlerweile wie in Stein gemeißelt. Die hellen, blauen Augen huschten nervös über den Boden vor ihm, fast schuldbewusst, als hätte ihn eine Ungeheuerlichkeit hierher gebracht, die er nicht auszusprechen wagte. Sorge umfasste ihre Herz mit klammer Hand und so legte sie die Fingerspitzen leicht auf seinen Oberarm, die Stimme ungewöhnlich ruhig und sanft. „Rutil, ist alles in Ordnung mit dir?“

Seine Finger umschlossen die ihren und drückten sie leicht. „Sicher.“ Eine Lüge, die federleicht über seine Lippen kam, so schnell und selbstsicher, dass sie fast gewillt gewesen wäre, ihm zu glauben. Aber noch ehe sie ihn zurechtweisen konnte, drückte er ihre Hand fester, sog die warme Luft, die sie umgab, tief in die Lungen und hob den Kopf, um nach oben zu sehen. „Du musst mir einen Gefallen tun.“

Es mochte für Außenstehende herzlos erscheinen, aber... es war, um es ihm einfacher zu machen. „Na, das ist ja eine ungemeine Überraschung.“ Ihr Tonfall war ätzend, der Gesichtsausdruck abfällig, aber sie entzog ihm ihre Hand nicht. Vielmehr bettelte sie innerlich darum, sie länger halten zu können. „Und was ist es dieses Mal, mh? Du musst einfach endlich dafür sorgen, dass ich in dem gleichen Dreck lande, wie du und deine Zirkustruppe, nicht?“

Ein bitteres Lachen kam über seine Lippen, aber immerhin, er lachte. Und er sah sie wieder unverwandt an. „Ja, genau darum geht es, um nichts anderes.“

Rutil ließ ihre Finger los, aber nur, um ihr den Arm anzubieten. Nach einem kurzen Moment des Zögerns und einer Prüfung der Umgebung, ob das auch wirklich niemand sehen konnte, der sie kannte – ganz gleich, wie unrealistisch das scheinen mochte – hackte sie sich unter, auch, wenn sie spüren konnte, wie ihre Wangen zu brennen begannen.

Er ließ es unkommentiert, wofür sie ihm einerseits dankbar war, andererseits hatte sie darauf gewartet, dass er die Chance, sich auf ihre Kosten zu amüsieren wahrnahm und ging einfach los. Scheinbar ziellos, ein unstetes Umherwandern in der Stadt.

Noch einmal zu fragen, was denn nun war, das wagte sie die ersten Meter nicht. Der Schmerz in seinen Augen machte ihr mehr Angst, als sie bereit war, zuzugeben. Das war nicht der Mann, den sie kannte. Das war nichts, was sie an ihm sehen wollte. Davor hatte sie ihn bewahren wollen, vor allem Schlechten der Welt, weil er immer so ausgesehen hatte, als könnte ihn das niemals berühren. Weil er die Zuflucht in ihrem Leben war, die sie unbedingt brauchte und jetzt, wo sie wieder die Möglichkeit bekommen hatte, sich unter diesen Schirm zu flüchten, konnte sie nicht zulassen, dass er befleckt wurde. Von niemandem. Von nichts.

Aber er war es selbst, der irgendwann wieder anfing zu sprechen. „Du musst für mich auf Eles achten. Ich bitte dich, es ist... sehr wichtig.“ Ihre Lippen wurden schmal und das Brennen der Eifersucht wälzte sich durch ihre Eingeweide. Natürlich. Das Mädchen. Das Mädchen, das er an all die Orte mitgenommen hatte, die sie niemals zu Gesicht bekommen würde. Was sonst. Und auch, wenn sie verstand, was er an ihr fand, das hieß noch lange nicht, dass sie es gut heißen konnte. Kopf und Herz waren, was ihn anging, niemals eine Einheit bei ihr gewesen.

„Ich bin kein Kindermädchen. Mir reicht es noch vom letzten Mal.“ Sie biss sich auf die Unterlippe, der Blick trotzig zu ihm gehoben – was sie besser nicht hätte machen sollen. Rutil sah sie an wie ein kleiner, geschlagener Hund, als hätte sie sich gerade geweigert, etwas zu tun, an dem sein Leben hing. Und sie, sie knickte einfach ein. Wie ein Grashalm, auf den jemand trat. „Für wie lange?“

Der übliche Triumph von seiner Stimme, wenn er sie zu etwas gebracht hatte, was sie partout nicht hatte tun wollen, blieb vollständig aus. „Nicht für lange. Du musst nur... du musst dafür sorgen, dass sie mir nicht folgen kann. Sorg' dafür, dass sie bleibt, wo sie ist, bis wir... zurück sind.“ Die letzten beiden Wörter kamen gepresst aus seiner Kehle, als könne er das, was er da sagte, selbst nicht glauben.

Durch ihre Adern wälzte sich der erste Anflug von düsterer Vorahnung, bittere Angst, die sich auf ihre Zunge legte. Tief krallte sie die kurzen Nägel in den schwarzen Stoff, der seinen Arm bedeckte. „Rutil, was um Himmels Willen hast du vor?“

In seinem Gesicht änderte sich nichts. Nur war es jetzt, als blicke er durch sie hindurch, als gelte die Qual etwas... jemandem, der nicht hier war, sondern unerreichbar fern.

„Ich bringe es zu Ende, Spinell. Ich...“ Sein Körper zitterte, als er tief einatmete und dann, dann lächelte er das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder. „Du hast doch immer kritisiert, dass ich nicht entscheidungsfreudig genug bin... es sollte dich doch freuen, dass ich... dass ich jetzt wirklich weiß, was ich tun werde. Und es... zu Ende bringen werde.“

Das, was nur ein Anflug von Angst gewesen war, wurde ein Welle der Panik, die ihren Mund austrocknete und ihre Knie weich werden ließ. Sicher hatte sie sich darüber beschwert, sicher hatte sie ihm angedroht, ihn endgültig fallen zu lassen, wenn er nicht endlich über sich selbst nachdachte, aber das war nicht das Ergebnis, das sie gewollt hatte. Nicht eine Sekunde lang.

„Wir haben das schwarze Oratorium.“ Ein so einfacher, kleiner Satz und er trieb den letzten Rest Farbe aus ihrem Gesicht. Eine Kindergeschichte. Etwas, das er ihr erzählt hatte, als sie selbst nicht hatte schlafen können. Ein Märchen, nicht mehr, ein Buch, dass sich jemand ausgedacht hatte, der sich den Umsturz wünschte...

„Aber das...“ Ihre Stimme war nicht mehr viel mehr als ein Krächzen, aber er schien zu begreifen, was sie hatte sagen wollen. Was es für ihn bedeuten konnte, wenn die Musik, die dort niedergeschrieben stand, wirklich das bewirken konnte, was man ihr nachsagte.

„Deswegen will ich nicht, dass Eles mich begleitet, sie... ich will nicht, dass ihr etwas passiert. Und dafür brauche ich dich, Spinell, weil ich sie niemandem sonst anvertrauen kann.“

Ihr Kiefer knirschte, als sie die Zähne hart aufeinander biss. Er ließ sie also beide einfach zurück. In der Sicherheit, in die er sie zwang, damit sie darauf warten konnten, ob er zurückkam oder nicht. Nicht einmal wissend, was es sein würde, was am Ende zurückkommen würde. Ob er überhaupt jemals wieder... In ihr wuchs das Bedürfnis, ihn zu schlagen. Die Finger zur Faust zu ballen und ihn immer und immer wieder zu schlagen, damit er wenigstens einen kleinen Bruchteil des Schmerzes äußerlich teilen konnte, den er ihrer Seele zufügte. Ihr und dem Mädchen, das mit einem Mal wieder auf der gleichen Seite stand und dazu gezwungen werden würde, hilflos zuzusehen, obwohl der größte Wunsch es doch eigentlich war, an seiner Seite bleiben zu können. Ein Teil seines Lebens sein zu dürfen, nützlich zu sein...

„Sei mir nicht böse.“ So sanft, so bettelnd, dass zumindest der brutale Teil des Wunsches für einen Moment sein Ende fand. „Spinell ich...“

Mit einer unwirschen Handbewegung brachte sie ihn zum Schweigen. „Du solltest... du solltest das nicht mir erklären, sondern ihr. Sie hat eine Erklärung für das, was in deinem Kopf vor sich geht, verdient, ich schwöre dir, wenn du sie einfach sitzen lässt, ohne...“ Der Zeigefinger seiner rechten Hand legte sich auf ihre Lippen und beendete ihren Satz abrupt.

„Ich werde es ihr erklären. Ich verspreche es dir. Den Rest der Predigt... sei ehrlich, du wirst ihn sowieso wiederholen, wenn Kohaku und Gwindel dich ebenfalls hören können, nicht?“ Sein linker Mundwinkel zuckte in leichter Erheiterung und sie, sie drehte den Kopf in einem harten Ruck zur Seite, um seiner Berührung zu entkommen.

„Natürlich werde ich das.“, fauchend kam es aus ihrer Kehle, die Augenbrauen bildeten zwei wütende Striche über ihren schmalen Augen. „Glaub ja nicht, dass ich deine Taten vor deinen Anhängseln bejubeln werde.“

Rutil schüttelte den Kopf, ein leises Lachen stieg in die Luft. „Es hätte mich auch ernsthaft besorgt, wenn du anders reagiert hättest. Wirklich.“

So gern sie dieses Lachen hörte, weil es wie ein seltener Vogel an einem trüben Tag war, den man am liebsten mit beiden Händen eingefangen hätte, um ihn ganz für sich zu haben, so leicht würde er ihr nicht davon kommen. Er würde sich nicht aus dem Thema winden, nicht mehr.

„Wirst du zurückkommen?“ Es war die wichtigste aller Fragen. Es war das, worum sich ihr ganzes Leben nur drehte, immer gedreht hatte, der brennende, sinnlose, schmerzvolle Wunsch, er möge irgendwann wieder durch die Tür treten und alles würde werden, wie es gewesen war.

„Spinell...“ Als er den Kopf wegdrehte, griff sie mit der linken Hand an seine Schulter und hing nahezu mit ihrem ganzen Gewicht an ihm.

„Sieh mich an.“, harsch, fordernd. „Sieh mich an und sag mir, dass du zurück kommen wirst. Dass du zu mir zurück kommen wirst. Versprich es.“ Ihre Stimme drohte zu brechen, die letzten Silben wollten nicht mehr mit dem Nachdruck aus ihrem Mund, wie jene zu Beginn und überschlug sich schließlich am Ende. „Versprich es mir!“

Es hing atemlose Sekunden zwischen ihnen, dann drehte er sich mit einem Mal komplett zu ihr, ihr Arm glitt aus der Beuge, in der er bis jetzt verharrt hatte und er schlang beide Arme um sie und zog sie an sich. Alles in ihr spannte sich im Widerstand an, der reine, alte Reflex, wollte ihn von sich stoßen, aber der Kraft, mit der er sie hielt, hatte sie nichts entgegenzusetzen.

Das Barett auf ihrem Kopf fiel zu Boden, als er die Finger in ihren kurzen Haaren vergrub und seine Lippen gegen ihre Stirn drückte. Für den Moment war es, als hätte ihr Herz sich dazu entschieden, mit dem Schlagen aufzuhören. Da, wo vor so kurzer Zeit noch Angst und Eifersucht durch ihre Venen gerast waren, füllten sie sich jetzt mit einem zarten Kribbeln, das ihr nahezu fremd war, zumindest in dieser Intensität. Es machte jede Faser ihres Körpers weich, ließ es zu, dass sie sich an ihn lehnte, Gesicht und Hände an seiner Brust geborgen, während er ihren Namen flüsterte, als wäre er Teil einer Liturgie.

„Ich kann es dir nicht versprechen.“ Leise, unendlich leise drang es an ihr Ohr, als er es schließlich aussprach, ohne sie auch nur einen Zentimeter von sich weichen zu lassen. „Ich wollte dich nicht mehr belügen, hast du das vergessen? Ich wollte dich nicht mehr verletzen und das... das ist ein Versprechen, das ich nicht geben kann, weil es nicht an mir liegen wird, es zu halten.“ Die Hand in ihren Haaren löste sich und fand den Weg an ihre Wange. Sacht drückte er ihr Kinn mit zwei Fingern nach oben und zwang sie, ihn anzusehen.

„Alles... alles, was ich versprechen kann ist, dass, wenn ich zurückkommen kann, ich es werde. Dass, wenn ich in der Lage bin, diesen Ort zu verlassen, zu dir kommen werde.“

Honigsüße Worte, die ihren Geist einwebten und alles in ihr danach schreien ließen, dass sie ihm glauben musste. Dass er es meinte, wie er es sagte. Dass die Zeit, in der sie ihm mit blankem Hass begegnete, weil er ihr Herz mit Füßen getreten hatte, vorbei war.

„Du meinst, es wird werden, wie es war, ja?“ Mehr als ein Ja wollte sie nicht hören, nur dieses einfache, kleine Wort und alles, alles wäre in Ordnung, aber er schüttelte den Kopf, langsam, bedächtig, als brächte er ein dummes Kind zur Vernunft.

„So wie es war, kann es nie wieder sein, Spinell. Dafür haben wir uns zu sehr verändert. Dafür wird die Welt sich zu sehr verändern.“ Sie konnte spüren, wie ihre Augen schmal wurden und das wohlig Warme in ihrem Inneren durch kalten Hass ersetzt wurde. Also doch nichts weiter, als sinnlose, leere, hohle Worte, um sie dazu zu bringen, das zu tun, was er von ihr wollte, Versprechen, die in sich zusammenfielen wie ein Luftschloss, wenn man nur eine gezielte Frage stellte. Sie wollte das tun, was der erste Reflex gewesen war, ihn von sich stoßen, aber er hielt sie mit eisernem Griff davon ab.

„Es gibt keinen Grund für dich, mich so anzusehen. Lass mich dir zeigen, was ich meine.“ Qual. Das war alles, was er ihr bereiten wollte, nichts sonst. Und genau das wollte sie ihm ins Gesicht spucken.

Aber noch ehe sie den Gedanken ganz abgeschlossen hatte, drückte er ihr Kinn ein Stück weiter nach oben und war mit einem Mal ihrem Gesicht so nah, dass sie spüren konnte, wie sein warmer Atem über ihre Haut strich. Und dann lagen seine Lippen auf den ihren, zaghaft, schüchtern und ihr Kopf war wie leergefegt.

Alles, was sie noch wahrnahm, war der Druck seiner Hand in ihrem Rücken, seine Finger auf ihrer Wange, der benebelnde Geruch seines Parfüms, süßlich-herb, ambivalent wie er selbst, seine weichen Lippen, die sich leicht öffneten und die eigene Sehnsucht, mit der sie ihm entgegenkam.Mit beiden Händen den dunklen Stoff des Mantels umklammernd zog sie ihn näher zu sich und erst, als er sich mit einem leisen Lachen ein wenig von ihr löste, kehrte ein Teil der Realität zurück.

„Das meinte ich Spinell.“ Ein leises Flüstern, seine Stirn gegen die ihre gedrückt. „Wenn ich wieder komme, dann wird es so sein. Wir werden gehen und das hinter uns lassen. Diese verfluchten Stimmen, diesen Kampf, alles...“ Zittrig bewegte sich der Brustkorb unter ihren Händen, als er tief einatmete. „Selbst diese verfluchten Körper, lass uns... lass sie endlich ihre wahre Form annehmen, eine... endgültige.“

Der egoistische Teil in ihr schrie, dass sie die verdammte Frage, die ihr auf der Zunge brannte, nicht aussprechen sollte, aber nicht laut genug. „Was ist mit deinem Orchester?“

Sein Lächeln fror für die Dauer eines Wimpernschlages ein, ehe es noch ein wenig breiter wurde. „Sie werden ihren Weg danach gehen. Wenn wir so weit sind, dann habe ich mein Versprechen gehalten. Ich werde ihnen gezeigt haben, wofür sie und ihr Talent existierten. Wir werden ein einmaliges Stück spielen und damit die Welt verändern und dann... dann sollen sie selbst entscheiden, wohin ihr Weg sie führt, denn danach gibt es nichts mehr, was ich ihnen zeigen kann.“

„Ich verstehe...“ Das war wirklich nicht mehr der Feigling, der jede Konsequenz scheute, der dazu neigte, immer den leichtesten Weg zu gehen und am Ende jemand anderen die eigenen Entscheidungen treffen ließ. Nein, das war... das war er, wie er früher gewesen war. Wie sie ihn früher gesehen hatte und wie er es endlich wirklich wert war, auch gesehen zu werden.

Der Mann, den sie liebte.

Ein so wuchtiges Wort, dass es wie ein Glockenschlag in ihrem Kopf nachhallte. Zu mächtig, als das sie es jetzt hätte wirklich sagen können, aber wenn er Wort hielt, dann würde sie Zeit haben, das zu lernen.

„Wirst du mit mir gehen?“

Die Unsicherheit, die mit einem Mal auf seinen Zügen lag, zauberte harten Spott in ihr Lachen. „Trottel.“ Das war nun wirklich die dümmste aller Fragen, die er je gestellt hatte, die aller-, aller-, allerdümmste. Wenigstens schien er das von selbst zu begreifen und zog nicht dieses Gesicht, das ihn wie einen kleinen, beleidigten Jungen aussehen ließ, dem man etwas weggenommen hatte. Stattdessen verschloss er ihre Lippen wieder mit den Seinen, ohne das geringste Zögern, fordernd, besitzergreifend.

Sie ließ es eine letzte, kleine Weile zu, kostete dieses gestohlene Glück aus, so weit, wie sie es konnte und senkte dann den Kopf, ehe sie ihm einen harten Stoß gegen den Brustkorb versetzte. Jetzt, wo er nicht darauf vorbereitet war, taumelte er zwei Schritte zurück und sah sie absolut irritiert an, während sie sich nach ihrem Barett bückte und die Haare mit zwei Handgriffen wieder ordnete.

„Spinell, was...“

„Das muss jetzt reichen.“ Mit schmalen Lippen setzte sie sich das Barett auf den Kopf und rückte es akkurat zurecht, während ihr Blick die Menschen streifte, die Zeugen des Ganzen gewesen waren... großer Gott, alleine der Gedanke, dass Menschen das hier gerade wirklich gesehen hatten, trieb ihr eine brennende Röte auf die Wangen. Das war... das... waren keine Dinge, die man in der Öffentlichkeit tun sollte, das war... nein.

„Aber was...“ Rutil fuhr sich mit allen zehn Fingern durch die blonden Haare, bis die breite, schwarze Schleife diese Bewegung an seinem Hinterkopf stoppte. „Spinell, daran wirst du dich gewöhnen müssen, das...“

Der Rest seines Satzes ging in einem schmerzerfüllten Laut unter, als sie ihm einen gezielten Schlag in die Seite verpasste. Während er sich leicht neben ihr krümmte, zog sie ihre Bluse wieder zurecht.

„Benimm dich nicht wie ein Kleinkind.“

„Warum bist du immer so brutal zu mir?“ Da, da war der kleine Junge Blick. Nur leider, leider zog der schlicht nicht.

„Weil du es anders nicht lernst. Du bist auf der Flucht, auf deinen Kopf ist eine wahnsinnig hohe Summe ausgesetzt, du solltest dich unauffällig benehmen. Das gerade war nicht unauffällig.“ Schön. Aber nicht unauffällig.

Seine blauen Augen weiteten sich ungläubig, aber immerhin widersprach er ihr nicht mehr und das stellte sie zufrieden.

„Du solltest gehen.“ Ein warmes Lächeln erhellte ihre Züge. „Sag mir, wo ich euch finden kann, ich werde da sein und mich um deine Kleine kümmern.“

Er nickte. Sagte ihr, wo sie sich gerade versteckt hielten und wandte sich dann zum Gehen.

Sie blieb zurück, in der Mitte der Straße und sah ihm nach, das erste Mal mit leichtem Herzen. Hob die Hand, als er sich noch einmal nach ihr umsah, und deutete ein Winken zum Abschied an, der noch nie so leicht gefallen war. Nicht, weil sie wusste, dass sie ihn in wenigen Stunden wiedersehen würde.

Sondern weil sie ihm vertraute. Weil sie dem glaubte, was er gesagt und getan hatte. Er mochte ein grausamer Mann sein, aber das tat hier nichts mehr zur Sache.

Die Zukunft gehörte ihnen beiden, ihr Leben war das Seine, solange es dauern mochte. Und sie, sie war etwas, das sie nicht mehr gewesen war, seitdem er sie an jenem Tag im Palast von sich gestoßen hatte. Etwas, das sich mit der Situation, in der sie sich alle befanden, eigentlich gar nicht vereinen ließ.

Glücklich.

Alles, was es jetzt noch zu tun galt, war das Treffen von Vorbereitungen für diesen Abend, aber das war reine Routine, keine große Sache. Sie war fast schon auf dem Weg.


|| Fin.
 
 
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