Fuchs, du hast die Gans gestohlen ...

von Pepsal
GeschichteRomanze, Familie / P16
Donna Paulsen Harvey Specter Michael "Mike" Ross
20.11.2014
24.06.2015
9
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20.11.2014 1.980
 
„Wie sehen deine Pläne heute aus?“, bemühte Harvey sich am nächsten Morgen um ein Gespräch, als er Hannah dabei beobachtete, wie sie nur in ihrem Schlafanzug bekleidet auf der Couch hockte und durch das mehr als dürftige Fernsehprogramm zappte.
Sie zuckte mit den Schultern, sah ihn jedoch nicht an.
„Vielleicht treffe ich mich mit einem von den tausend Bekannten, die ich hier in New York habe.“
Der Sarkasmus in ihren Worten war kaum zu toppen.
Harvey seufzte und zog den Knoten seiner Krawatte fest.
„Schon kapiert, war eine blöde Frage.“
„Na wenigstens hast du es selbst erkannt.“, erwiderte sie giftig.
Er kniff die Augen zusammen, trat auf sie zu und nahm ihr die Fernbedienung aus der Hand. Als sie eben zu protestieren beginnen wollte, schaltete er den Fernseher aus und sagte in seinem strengsten Ton, den er sonst nur vor Gericht gebrauchte:
„Aufstehen, anziehen, mitkommen. Und zwar so flott wie möglich, wenn ich bitten darf.“
Seine Worte verfehlten ihre Wirkung nicht. Hannahs Miene verdüsterte sich zwar in Sekundenschnelle, doch tatsächlich tat sie, wie er befohlen hatte. Zwar nicht ohne Murren und Meckern, doch das entlockte Harvey bloß ein müdes Schmunzeln.
Dass sie nicht gerne Kommandos entgegennahm, konnte er wohl auf die Liste ihrer Gemeinsamkeiten hinzufügen.




Obwohl Hannah Scott selten ein Problem mit ihrem Selbstbewusstsein hatte, fühlte sie eine steigende Unsicherheit aufkeimen, als sie neben Harvey durch die Büroräume der Kanzlei „PearsonHardman“ schritt. Von allen Seiten folgten ihnen neugierige Blicke und Hannah hegte den leisen Verdacht, dass die Mitarbeiter bestens darüber informiert waren, dass es sich bei ihr um keine Mandantin handelte.
Plötzlich kam sie sich blöd vor in ihren Jeans und ihrer karierten Bluse.

Was hatte sie sich nur dabei gedacht, Harvey zu gehorchen?
Was hatte er nun vor, da er sie hierher gebracht hatte?
Wollte er sie vorführen wie einen Pokal?

Eine leise Stimme in ihrem Inneren flüsterte ihr zu, sie solle sich freuen, dass ihr Vater offensichtlich nicht vorhatte, sie vor aller Welt zu verstecken, doch sie drängte diese rasch beiseite.
Im Moment fühlte sie sich unwohl und damit basta.

„Das ist Donna, meine Sekretärin und Mike kennst du ja bereits.“, eröffnete ihr Harvey als sie schließlich an einem Büro angekommen waren, an dessen Türe in silbernen Lettern „Harvey Specter – Senior Partner“ prangte.
Mike und diese Donna schienen ein wenig verwundert zu sein, reichten ihr jedoch freundlich die Hand und so rang auch Hannah sich zu einem schmalen Lächeln durch.
Die zwei konnten ja nichts dafür, dass ihr Vater ein Idiot war.
„Hi Hannah, ich freue mich, dich kennenzulernen.“, fügte Donna lächelnd an und verschwand dann aus dem Büro, um sich an ihren Schreibtisch zu setzen.

Mike klatschte übermütig in die Hände und begann aufgekratzt im Büro umherzuwandern.
„Harvey, Sie werden begeistert sein! Mr. Duncan hat zugestimmt, auf die Anteile seiner Vermögenswerte an „Duncan’s Laundry“  zu verzichten, wenn sein Bruder ihm im Gegenzug die RichOil-Aktien überlässt! Was sagen Sie dazu?“
Harvey, der in der Zwischenzeit das Sakko über die Stuhllehne gehängt und an seinem Schreibtisch Platz genommen hatte, nickte anerkennend. Doch Hannah erkannte den spöttischen Zug, der seine Mundwinkel umspielte.
„Sehr gut, Mike. Doch vergessen Sie nicht, dass der Bruder niemals auf diesen Deal eingehen wird.“
Stutzig blickte Mike auf.
„Warum denken Sie das?“
„Ganz einfach: Er möchte sich auf beiden Seiten abgesichert wissen. Die Anteile an der Wäscherei, die sein Vater ihm testamentarisch zugeteilt hätte, sind ihm zu wenig. Er möchte mehr. Doch wenn er alle Ölaktien abtritt und die Wäscherei doch nicht den gewünschten Gewinn abwirft, dann hat er gegen seinen Bruder verloren, obwohl er eigentlich gewonnen hat. Ein Pyrrhussieg, Sie verstehen?“
Der enttäuschte Zug auf Mikes Gesicht war kaum zu übersehen und sofort startete er mit seiner Gegenargumentation.
Während die beiden Männer in eine mehr oder weniger heftige Diskussion verfielen, beschloss Hannah kurzerhand, sich auf dem kleinen Sofa niederzulassen und sah sich interessiert in dem Büro um.

Hier arbeitete er also.
Der große Harvey Specter.
Natürlich hatte sie ihn gegoogelt, sobald das Jugendamt ihr den Namen ihres Vaters bekanntgegeben hatte.
Beeindruckender Lebenslauf, faszinierender beruflicher Werdegang, blabla.
Er war ein hervorragender Anwalt, wenn man den Artikeln Glauben schenken durfte.

„Hannah? Was hältst du davon, Donna ein wenig zur Hand zu gehen?“, trat Mike auf sie zu und schenkte ihr ein freundliches Lächeln.
Sie mochte ihn.
Seufzend erhob sie sich von der Couch und ging in Richtung Türe, wohin er ihr folgte.
„Schon klar, ich bin unerwünscht. Bin ich schließlich gewohnt. Machen Sie sich keine Umstände, Mike!“
Dieser schenkte ihr einen mitleidigen Blick und sah kurz zu Harvey, der jedoch in ein Telefonat vertieft war. Mit gesenkter Stimme sagte er:
„Nimm es ihm nicht übel, er ist kein schlechter Kerl! Er ist nur … nun ja … ein wenig überfordert?“
Hilflos zuckte er mit den Schultern und sie winkte ab.
„Kann sein. Sie werden allerdings verstehen, wenn ich da meine eigenen Ansichten zu dem Thema habe.“
Mit diesen Worten verließ sie das Büro und sprach die rothaarige Sekretärin an, die zwar ein wenig verblüfft über ihr Engagement wirkte, sich dann jedoch dazu breitschlagen ließ, Hannah ein paar Akten zur Ablage in die Hand zu drücken.


„Kannten Sie meine Mutter, Donna?“
Die Frage traf Donna unvorbereitet und so vertippte sie sich mitten im Satz. Ein Fauxpas, der ihr bereits seit Jahren nicht mehr passiert war. Sie war bekannt dafür, keine Tippfehler einzubauen.
„Ähm. Ja. Ja, ich kannte sie. Flüchtig.“, zögerte sie und lenkte ihren Blick strikt auf den Bildschirm, in der Hoffnung, Hannah würde so das Thema wieder fallen lassen.
Ein leises Seufzen zeigte ihr jedoch an, dass ihr Plan wohl nicht aufgehen würde.
„Hör mal, Hannah, ich weiß, dass es für dich sicher nicht einfach ist, aber für Harvey ist das auch eine ungewohnte Situation.“
Hannah schnaubte.
„Ach ja? Warum versuchen eigentlich alle, ihn in Schutz zu nehmen?“
„Nun ja, du darfst aber auch nicht vergessen, dass deine Mutter ihm nie von dir erzählt hat – das ist auch ein ganz schönes Stück.“, erwiderte Donna vorsichtig, doch Hannah wurde wütend.
„Ja, weil sie es nicht ertragen hätte, wenn er ihr nur aufgrund meiner Existenz entgegengekommen wäre! Sie hat ihn echt geliebt und er – er hat sie immer nur benutzt und weggestoßen.“
Mit Entsetzen stellte Hannah fest, dass ihr Tränen in die Augen schossen und auch keinen Halt davor machten, über ihre Wangen zu rollen.
Erschrocken war Donna aufgesprungen und hatte ihr ein Taschentuch gereicht, bevor sie das Mädchen zögerlich in den Arm nahm.
„Ganz ruhig, Hannah. Was hältst du davon, wenn wir beide hier verschwinden und mit Harveys Kreditkarte eine ausgiebige Shoppingtour veranstalten? Ich meine, es macht zwar die Fehler, die er begangen hat nicht wieder gut, aber glaub mir, es gibt einem zumindest eine gewisse Genugtuung.“, zwinkerte sie ihr zu und gegen ihren Willen musste Hannah grinsen.
„Meinst du?“
Verschwörerisch beugte Donna sich zu ihr herunter und flüsterte:
„Ich weiß es.“




„Wie geht es Ihnen mit Hannah? Sie scheint ein nettes Mädchen zu sein.“, wagte Mike sich nach Stunden mühseliger Recherche in unbekannte Gewässer hinaus.
„Sie sollen arbeiten, nicht mein Privatleben analysieren.“, war die knappe Antwort, doch davon ließ sich der junge Hochstapler schon lange nicht mehr einschüchtern.
„Kommen Sie! Sie wollen im Grunde mit mir darüber reden, geben Sie es doch einfach zu!“
Ein vernichtender Blick traf ihn.
„Was wollen Sie hören? Dass sie mich hasst, ich nicht das Zeug dazu habe, ein guter Vater zu sein und Donna mir vorgeworfen hat, ich wäre egoistisch, wenn ich sie in ein Internat nach Chicago schicke?“, entfuhr es ihm schärfer als beabsichtigt und Mike schluckte.
„So schlimm?“
Ohne von den Unterlagen aufzusehen, seufzte Harvey.
„Als ich gestern in mein Appartement kam, hatte sie geweint. Sie schlief zwar tief und fest, doch ich habe es an ihrem Gesicht gesehen. Sie wissen, was ich von heulenden Frauen halte.“
Mike gluckste.
„Oh ja! Wenn Donna mit Tränen in den Augen vor Ihnen steht, erlauben Sie ihr schließlich sogar, dass ihre Eltern bei Ihnen in der Wohnung nächtigen.“
„Sehen Sie – deshalb bespreche ich mein Privatleben nicht mit Ihnen.“

Ein bestimmtes Klopfen riss sie aus ihrer Unterhaltung.
„Deine Sekretärin ist eben mit einem jungen Mädchen verschwunden und sie haben ziemlich gekichert – weißt du davon?“, begrüßte Jessica Pearson ihren Partner und dieser seufzte.
„Nein, ich wusste nichts davon, aber das kann nur bedeuten, dass Donna mit meiner Tochter eine Shoppingtour macht und mich das eine Stange Geld kosten wird. Danke für die Information!“
Erstaunt sah Jessica ihn an.
„Woher weißt du - ?“
„Donna kichert nie. Außer sie kann mein Geld ausgeben und denkt, ich bekomme es nicht mit.“, erklärte er rasch und gegen ihren Willen konnte Jessica sich ein Schmunzeln nicht verkneifen.
„Das war also Hannah Scott?“
Als Harvey keine Anstalten machte, näher auf die Frage einzugehen, sondern sich wieder geschäftig den Papieren vor ihm widmete, ergriff Mike das Wort:
„Ähm, ja. Das ist Harveys Tochter.“
In dem Glauben, sein Boss würde es nicht bemerken, deutete er Jessica durch wilde Gestik an, das Thema fallenzulassen. Diese nickte verständnisvoll.
„Ich bin hier, um mit euch über den Fall Duncan zu sprechen. Mr. Jonathan Duncan hat eben angerufen und sich beschwert, dass er noch kein Angebot vorliegen hat. Könnt ihr mir dazu etwas sagen?“
Harvey sah auf.
„Natürlich hat er das noch nicht, er hat unseren Termin für heute vormittags abgesagt.“
Skeptisch runzelte Jessica die Stirn.
„Was hat das zu bedeuten? Er meinte, du hättest ihm noch keinen Termin gegeben?“
Übermütig warf Harvey den Füller von sich und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Ich vermute, jemand möchte sich in diesen Fall einmischen und ist allerdings nicht so klug, wie er glaubt.“




„Erzähl mir von deiner Mutter!“, forderte Donna das Mädchen auf, als sie schließlich nach drei Stunden „Extreme-Shopping“, wie sie es stets nannte, in einem kleinen Café eingekehrt waren, um einen Eisbecher zu verdrücken. Hannah mied ihren Blick und sah zur Seite, während sie leise zu erzählen begann:
„Sie war großartig! Schön, intelligent und erfolgreich. Sie war eine richtige Karrierefrau, weißt du? Ich wollte immer so werden wie sie. Nie hat sie mich weggeschickt, wenn ich mit ihr reden wollte und immer hatte sie die besten Ratschläge! Wir waren Freundinnen.“
Ihre Augen glänzten und tröstend legte Donna ihre Hand auf den Arm des Mädchens.
„Das hört sich nach einer wahnsinnig tollen Mutter an.“, zwinkerte sie ihr aufmunternd zu und Hannah lächelte.
„Ja, das war sie. Obwohl ich kein Wunschkind war, hat sie mir nie das Gefühl gegeben, unerwünscht zu sein.“
„Was ist passiert?“
Hannah schluckte.
„Ein Autounfall. Die Bremsen haben versagt.“
„Oh. Das tut mir leid.“, erwiderte Donna, doch Hannah winkte ab.
„Das macht sie auch nicht mehr lebendig.“ Sie zögerte. „Aber danke.“
Ein schmales Lächeln zeigte sich auf ihren Lippen, als sie Donna ansah.
„Du bist wirklich nett, danke, dass du das mit mir machst.“
Sie deutete auf die unzähligen Tragetüten, von denen sie umzingelt waren. Donna grinste.
„Gern und jederzeit wieder!“

„Ähm, entschuldigen Sie bitte, könnten Sie mir sagen, wie spät es ist?“, wurden sie aus ihrer Unterhaltung gerissen und als sie aufsahen, blickten sie in das Gesicht eines Jungen, der sie keck angrinste.
„Klar, es ist viertel vor zwei.“, antwortete Donna bereitwillig, doch als sie wieder zu ihrem neu ernannten Schützling sah, wurde ihr klar, dass es dem jungen Mann nicht um die Uhrzeit gegangen war.
Grinsend erhob sie sich, nahm ihre Tasche und zwinkerte Hannah verschwörerisch zu.
„Ich bin mir mal kurz das Näschen pudern.“



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Also Harvey ist sich wohl noch nicht so sicher, wie er mit seiner Tochter umgehen soll, der Arme!
Dafür legt Donna sich mächtig ins Zeug - ob da wohl mehr dahinter steckt als reine Nächstenliebe?

Und unsere arme, kleine Hannah?
Sie kann einem wirklich leidtun, nicht?
Was ist mit diesem Jungen, der sie angesprochen hat?

Und wie war das jetzt eigentlich genau mit Hannahs Mum?

Ach ja - vergessen wir nicht den Fall Duncan!
Wer möchte hierbei mitmischen und PearsonHardman offensichtlich boykottieren?

Ihr seht: Fragen über Fragen!
Antworten gibt's vielleicht im nächsten Kapitel ;-)
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