Fuchs, du hast die Gans gestohlen ...

von Pepsal
GeschichteRomanze, Familie / P16
Donna Paulsen Harvey Specter Michael "Mike" Ross
20.11.2014
24.06.2015
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Zu behaupten, Harvey Specter hätte sich nie für die Menschen in seiner Umgebung interessiert, wäre glatt gelogen gewesen. Denn obwohl er zwar mit netten Worten geizte, stand es für ihn stets außer Frage für gewisse Personen, ohne große Überlegungen anzustellen, alles zu riskieren, sollten sie seine Hilfe brauchen.
Doch sein Umfeld hatte sich bisher auf erwachsene und mündige Menschen beschränkt, die im Grunde auch gut für sich selbst sorgen konnten.
Das sollte sich nun ändern.
Dementsprechend unruhig tigerte er nun schon seit einer guten halben Stunde in der Ankunftshalle des New Yorker Flughafens auf und ab, nicht ohne im Sekundentakt auf seine Rolex zu schielen.

„Nun beruhigen Sie sich doch, Sie machen mich ganz nervös!“, riss seine rechte Hand Mike ihn schließlich aus seinen wirren Grübeleien.
„Sie haben leicht reden! Es ist schließlich nicht Ihre Tochter, die hier jeden Augenblick durch die Türe spazieren wird.“, gab er leicht gereizt zur Antwort, rang sich allerdings dazu durch, neben Mike stehenzubleiben.
Dieser lächelte nachsichtig und klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter.
„Machen Sie sich keine Sorgen, Harvey! Sie haben schon schwierigere Fälle bearbeitet.“
Harvey schnaubte.
„Habe ich Ihnen schon mal gesagt, dass Sie ein Idiot sind?“
Gespielt nachdenklich legte Mike seinen Zeigefinger an die Lippen und tat, als würde er scharf nachdenken.
„Hm, kann gut sein. Wissen Sie, ich höre Ihnen nicht immer so genau zu.“
„Spinner.“, murmelte Harvey, hatte jedoch keine Zeit, näher darauf einzugehen, denn in diesem Moment öffneten sich die Türen zu den Gates und eine Menschenmenge strömte daraus hervor, doch eine zierliche, fast unscheinbare Person fesselte ihn sofort:

Schmale Röhrenjeans, lockeres T-Shirt, Chucks.
Blaue Augen, dunkle Locken, leichtes Make-up.
Selbstbewusste Körperhaltung, abweisender Gesichtsausdruck.
Alles in allem ein normaler Teenager von etwa fünfzehn Jahren.
Seine Tochter.
Hannah.

„Hi, ich bin Mike Ross. Ich bin Harveys Assistent bei PearsonHardman.“, schaltete Mike sich schließlich ein, als er erkannte, dass sein Boss wohl so schnell seinen Mund nicht aufmachen würde.
„Ich bin Hannah.“, erwiderte das Mädchen gleichgültig, reichte ihm jedoch höflich die Hand, bevor sie sich wieder ihrem Vater zuwandte. „Können wir gehen? Ehrlich gesagt habe ich genug von Flughäfen.“
Aus seiner Starre gerissen, räusperte Harvey sich und nickte, bevor er nach ihrem Koffer griff und ihn an Mike weiterreichte, der das Ganze mit einem Augenrollen quittierte, den beiden dann allerdings schweigend folgte.



Gegen ihren Willen war Hannah beeindruckt.
Ihr Vater war wohl nicht nur ein ignorantes Arschloch, wie ihre Mutter ihn immer beschrieben hatte, sondern vor allem ein REICHES, ignorantes Arschloch.
Vor dem Flughafen hatte bereits eine Limousine mit Chauffeur auf sie gewartet, der sie direkt zu diesem  Penthouse im Herzen Manhattans geführt hatte, wo sie von jetzt an mit ihrem Vater gemeinsam leben sollte.
Schweigend stand sie vor der riesigen Glasfront, die einen atemberaubenden Blick freigab.
Ein leises Räuspern ließ sie aus ihren Gedanken aufschrecken und sie wandte sich ihrem Vater zu.
„Ich habe dein Gepäck in dein Zimmer gebracht. Ich muss noch einmal in die Kanzlei, richte dich in der Zwischenzeit ruhig ein wenig ein.“
Umständlich kramte er sein Portemonnaie hervor und legte einen Fünfzig-Dollarschein auf den Tisch.
„Bestell dir ‘ne Pizza oder so. Ich bin wohl erst recht spät zurück.“
Hannah konnte das verächtliche Schnauben kaum unterdrücken.
„Schon klar. Mach dir bloß keine Umstände, ich bin die letzten Jahre auch ganz gut ohne dich zurechtgekommen, da werden mich ein paar Stunden nicht umbringen.“
Harvey schluckte, entschied jedoch, nicht näher auf ihre ätzende Bemerkung einzugehen.
Bevor er an der Türe angekommen war, hielt er kurz inne und atmete tief durch. Ohne sie anzusehen, sagte er knapp:
„Das mit deiner Mutter tut mir übrigens sehr leid.“
„Bemüh dich nicht.“, war ihre Antwort, woraufhin er die Wohnung endgültig verließ.

Mit dem Geräusch des Schlüssels, der sich knackend im Schloss drehte, bröckelte auch ihre harte Fassade, um die sie sich bemüht hatte. Stück für Stück sackte sie in sich zusammen, ihre Knie gaben unter ihr nach und nur wenig später fand sie sich gekrümmt auf dem Fußboden liegend wieder. Das Gesicht in den Händen verborgen konnte sie ihr Schluchzen nicht mehr zurückhalten. Tränen perlten über ihre Wangen und hinterließen feuchte Spuren auf dem hellen Teppich, der bestimmt teuer gewesen war.

Ihr Leben war doch immer so einfach gewesen.
Behütet, beschützt und geliebt.
Nie hatte sie sich so hilflos gefühlt, wie sie es in diesem Augenblick tat.
In dieser fremden Wohnung, die nach Geld stank.
Mit einem Mann, der bis vor ein paar Wochen nichts von ihr wusste.
Sie spürte, dass sie nicht in sein Leben passte.
Es war offensichtlich, dass sie ihm im Weg stand.
Trotzdem musste sie hier bei ihm bleiben.

Und das alles nur wegen diesen verbohrten Idioten, die beim Jugendamt beschäftigt waren!
Sie wäre viel lieber bei ihrer Tante Mel geblieben, die sie auch mit offenen Armen aufgenommen hätte.
Doch nachdem herauskam, dass ihre Mutter anscheinend entgegen all ihrer Behauptungen den Namen von Hannahs leiblichem Vater angegeben hatte, stand fest, dass sie zu ihm kommen würde.
Als ob das gemeinsame Blut ihn automatisch zur besseren Bezugsperson machen würde, pah!
Tante Mel hatte alles versucht – hatte geheult, geschrien, gedroht. Völlig umsonst.
Das Urteil war klar: Harvey Specter erhielt das alleinige und uneingeschränkte Sorgerecht.
Sie vermisste ihr Leben jetzt schon.
All ihre Freunde, Tante Mel und ihre Cousine Hillary.
Ihre Familie war in London geblieben.
Und sie war nun hier.
In New York.
Allein.




„Harvey? Was machst du hier?“, begrüßte Donna ihren Boss  ein wenig überrascht. Harvey winkte ab.
„Denkst du etwa, ich würde den Fall nicht weiter bearbeiten und gewinnen?“
Sie schüttelte den Kopf.
„So etwas hätte ich nie angenommen, doch ich weiß, dass heute ein besonderer Tag für dich ist und daher hätte ich nicht gerechnet, dich um diese Uhrzeit noch hier anzutreffen.“
Verständnislos sah sie ihn an und bemerkte, dass er ihrem Blick auszuweichen versuchte.
Etwas, das sehr unüblich für ihn war.

Müde ließ er sich auf die Couch in seinem Büro fallen und starrte auf das Glas Scotch, das sie ihm unaufgefordert hingestellt hatte.
„Ich weiß nicht, ob ich das kann, Donna.“
„Wow! Dieser Satz aus deinem Mund? Es geschehen wohl doch noch Zeichen und Wunder.“, zog sie ihn auf, was ihr einen vernichtenden Blick einbrachte. Er deutete ihr, sich zu ihm zu setzen, was sie auch tat.
Sie goss sich ebenfalls ein Glas von dem teuren Scotch ein und leerte es in einem Zug.
„Also? Was hast du auf dem Herzen? Kummerkasten-Donna ist immer für dich da.“
„Ich … ich habe gestern mit einem Internat in Chicago telefoniert. Sie würden Hannah dort aufnehmen, allerdings erst zu Beginn des nächsten Halbjahres.“
Schockiert sah Donna ihn aus ihren hellen Augen an.
„Das hast du nicht getan oder?“
Er schüttelte den Kopf und nahm einen Schluck.
„Was soll ich sonst tun? Donna, bis vor ein paar Wochen wusste ich noch nicht mal von ihr! Mein Leben ist nicht nach Kindern ausgerichtet. Ich habe keine Zeit, mich um einen Teenager zu kümmern! Was ist mit mir? Mit meinem Job? Mit der Kanzlei? Ich kann aber dafür sorgen, dass sie die bestmöglichste Ausbildung bekommt und es ihr zumindest finanziell an nichts mangelt.“
Das klirrende Geräusch als Donna schwungvoll ihr Glas auf den Tisch knallte, ließ ihn zusammenzucken.
„Hörst du dich eigentlich selbst reden? Ich, ich, ich – immer geht es dir nur um dich! Was ist mit dem Mädchen? Hast du schon mal darüber nachgedacht, wie es ihr geht? Sie hat eben ihre Mutter verloren, dann muss sie zu ihrem Vater ziehen, den sie nicht kennt und von dem sie sicher nicht das beste Bild hat, ihre Freunde hat sie zurückgelassen, ihre vertraute Umgebung! Was denkst du, wie es ihr geht, wenn sie nun auch noch erfährt, dass die letzte Person, die ihr geblieben ist, sie am liebsten so schnell wie möglich loswerden will und sie hunderte Kilometer weit weg verfrachtet?“
Ihre Stimme war zum Schluss hin lauter geworden und sie war aufgesprungen, während sie ihre Rede mit wilden Handbewegungen untermalt hatte.
Doch auch in Harveys Augen funkelte es unheilvoll, als er sich ebenfalls erhob und dicht vor seiner Sekretärin zum Stehen kam.
„Was erwartest du von mir?“, knurrte er und sie zog spöttisch eine Augenbraue hoch.
„Ich? Ich erwarte gar nichts von dir. Aber deine Tochter. Und die erwartet einen Vater, der für sie da ist und sich um sie kümmert. Nicht nur finanziell.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte sie sich um und verließ eiligen Schrittes das Büro.




Es war tatsächlich bereits gegen Mitternacht, als Harvey vier Gläser Scotch später seine Wohnung in der City betrat. Bis auf das Geräusch des Fernsehers aus dem Wohnzimmer war nichts zu hören und fast schon hätte er angenommen, alleine hier zu sein, wenn er es nicht besser wüsste.
Er fand Hannah auf der Couch.
Sie hatte sich in eine der Tagesdecken gekuschelt, die seine Haushälterin Gabriella stets sorgfältig zusammenlegte und Harvey konnte sich nicht daran erinnern, dass er schon jemals eine davon benutzt hätte. Bloß ein paar störrische Locken ragten unter der Decke hervor. Er konnte hören, wie sie regelmäßig atmete und sah, wie sich ihr Brustkorb ruhig hob und senkte.
Sie schlief.

Ob es wohl der Alkohol war, der ihn dazu verleitete oder das Gespräch mit Donna – er wusste es nicht. Trotzdem setzte er sich vorsichtig neben sie auf das Sofa und betrachtete das schlafende Mädchen zum ersten Mal genauer.
Sie war hübsch.
Aber das war klar.
Immerhin trug sie seine Gene in sich.
War sie ihm wohl sonst auch noch ähnlich?
Er schüttelte unwillkürlich den Kopf.
Hoffentlich hatte sie nicht viel von ihm! Es würde ihr das Leben ziemlich vereinfachen.
Vorsichtig, als hätte er Angst, etwas kaputtzumachen, berührten seine Finger die zarte Haut ihrer Wangen und streichelten sanft darüber.
Irritiert nahm er die Tränenspuren wahr, die sich auf ihnen noch bemerkbar machten.
Sie hatte geweint.
Sie hatte geweint, weil sie hier bei ihm war.
Er hatte doch von Anfang an gewusst, dass er kein guter Vater sein würde!
Was in drei Teufels Namen hatte ihn also geritten, als er der Dame vom Jugendamt erklärt, seine Tochter würde gefälligst hier bei ihm leben?
Er schmunzelte.
Klar - Donna.
Sie hatte ihn mal wieder beeinflusst und ihm aufgetragen „das Richtige“ zu tun.
War das hier richtig?

Harvey seufzte und beschloss, die Grübeleien sein zu lassen.
Sein müder und leicht angetrunkener Zustand erlaubte ihm nicht, weiter über die Sache nachzudenken.
Er stand auf und mit einem Schwung hob er seine Tochter vom Sofa, darauf bedacht, sie nicht aufzuwecken.
Sie murmelte etwas, schien sich jedoch sonst nicht in ihrem Schlaf stören zu lassen.
Erstaunlich, wie leicht sie war.
Er würde wohl darauf achten müssen, dass sie mehr aß …
Mit großen Schritten trug er sie zum Gästezimmer, das er ihr angedacht hatte und legte sie sanft auf dem großen Bett ab.
Nach einem letzten Blick auf ihre schlafende Gestalt schloss er die Türe hinter sich und legte sich ebenfalls ins Bett.
Morgen war auch noch ein Tag …
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