Schokoladenkekse

von No Cookie
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
19.11.2014
30.04.2015
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Der Kaffee dampfte vielversprechend und ich wollte mich gerade im Stuhl ein wenig bequemer  zurücklehnen, die Füße womöglich sogar faul auf der Arbeitsplatte verschränken.
Da wurde unvermittelt die Tür zu unserem winzigen Büro aufgestoßen und flog mit einem lauten Krachen an die Wand.
Vor Schreck zuckte ich zusammen und schüttete mir das heiße Getränk in den Schoß statt in die Kehle, wohin er eigentlich gehörte. Quas dagegen hagelte fast von der Leiter auf der sie balanciert hatte um an das oberste Regal zu kommen, schaffte es aber elegant auf allen vier Pfoten zu landen.
Eingehüllt in einen bunten Wirbel aus Papierschnipseln und Wollresten, fegte ein Blaufelliger, junger Wolpertinger an unseren Schreibtisch und warf etwas  mitten auf dessen Platte.
„Schaut euch das an“, spie Sora, mit vor Wut aufgestelltem Fell , hervor, und deutete mit zitternder Pfote auf das was sie uns gerade entgegengeschleudert hatte.
Ein rundes, flaches Etwas rollte über die Platte auf uns  zu, kreiste ein paar mal um die eigene Achse und kippte dann schwunglos auf die Seite.
Ich schob mir das Monokel zurecht und war doch recht erstaunt über das was ich hier zu Gesicht bekam, noch mehr aber warum man darüber in Wut geraten konnte. Ein mürbe gebackenes, süßes Stücken, gesprenkelt mit Punkten aus Zartbitterschokolade.
„Ähm. Ein Keks?!“, stellte ich, halb wissend, halb fragend fest und warf meiner Partnerin einen ratlosen Blick zu, die gerade neugierig an meine Seite schlich.
„Ja“, fauchte Sora und hieb mit der Pranke auf den Tisch, „Aber das ist nicht irgendein Keks“, fuhr sie auf, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, die sich jedem sofort erschließen müsste.
Ich biss mir auf die Lippe und zog die Schultern, wie zum Schutz ein bisschen weiter nach oben.
Du liebe Zeit, so hatte ich meine Freundin ja noch niemals erlebt, sonst war sie immer anhänglich und friedlich. Da musste ihr aber wirklich mächtig jemand auf die Füße getreten sein. Leider hatte ich noch immer keine Ahnung wovon sie sprach.
Quas wagte sich noch ein wenig näher an das bescholtene Gebäck heran und schnupperte kurz daran. Was auch immer sie roch, es schien ihr zu gefallen, denn haste nicht gesehen, war er auch schon in ihrem Schlund verschwunden.
„Ähm, ein leckerer Keks?“, nuschelte sie kauend und blickte genauso ratlos und verwirrt drein, wie ich mich fühlte.
Sora stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus und ließ sich schwer auf einen unserer wenigen Stühle fallen. Alle Wildheit war aus ihrem Gesicht gewichen und stattdessen machte sich darin nun ein Kummer breit, den ich noch viel schlimmer fand.
Zum Glück waren die Wolpi und ich ein eingespieltes Team und so brauchte es nur ein kurzes Nicken um alles Nötige in die Wege zu leiten. Quas machte sich an unserem Schrank zu schaffen, holte Tassen, Löffel und ein mächtiges Stück Schokolade herbei, während ich das Wasser für den Tee über unsere Feuerstelle hängte. Dann setzten wir uns zu unseren brandneuen, unerwarteten Mandantin, rechts und links, tröstend die blauen Pfötchen haltend.
„Natürlich ist er Keks lecker, er wurde nach einem alten Familienrezept gebacken. Unser gut gehütetes Geheimnis“, erzählte sie dann endlich, nachdem sie uns kummervoll angeblickt hatte.
Ich ließ wieder von ihr ab, um den Tee aufzugießen, nickte aber die ganze Zeit über verständnisvoll, während Quas sich enger an die Artgenossin schmiegte.
„So dachte ich zumindest, aber dann habe ich Sushi heute morgen dabei erwischt, wie er diese hier...“, sie deutete mit bitterer Miene auf den wohl gefüllten Bauch meiner Partnerin, „...im Schlemmerviertel verkauft hat“, klagte sie entsetzt und nahm dankbar den Teebecher den ich ihr hinreichte.
Schnell kritzelte ich einige Notizen auf ein Stück Pergament und setzte mich dann im Schneidersitz, wie immer wenn ich nachdenken wollte, einfach auf die Tischplatte.
„Bist du dir denn sicher, es sind deine Geheimkekse?“, stellte ich eine, zugegeben, recht dämliche Frage, da ich mir einfach nicht vorstellen konnte, wie man so etwas auf nur einen Blick feststellen sollen könnte.
Sora sah zu mir auf und schenkte mir einen spöttischen Blick mit dem sie mir zu verstehen gab, nur ein Nichtwolpertinger könne so etwas wissen wollen. Denn auch Quas verdrehte auf diese Frage die Augen und schüttelte ein bisschen mitleidig den Kopf.
„Natürlich bin ich mir sicher, der Geruch ist unverkennbar“, erinnerte mich da der blaue Wolpi, an den fantastischen Spürsinn einer Daseinsform, die zu verstehen eine Kunst für sich war.
Ich wurde rot und fühlte mich ziemlich belämmert. Klar, wie hatte ich das so leicht vergessen können? Sora nahm einen kräftigen Schluck vom Tee und stopfte sich ein noch mächtigeres Stück Schokolade in die Schnauze.
„Aber eigentlich ist es unmöglich, denn das einzige Exemplar des Rezeptes ist vor Jahren schon verschollen, gestohlen vermutlich“, mampfte sie und verteilte Schokokleckse auf meine Pergamente, „Woher hat er es da so plötzlich?“, berichtete sie weiter und rührte geistesabwesend im Getränk, bis dort ein kleiner Wirbel entstand und über den Tassenrand schwappte.
Ratlos tippte ich mit dem Stift auf meine Notizen und blähte die Backen. Das klang ja mal wieder sehr verzwickt.
„Ich will es wiederhaben“, jammerte Sora und vergrub ihre Schnauze in Quas schönem Weißfell, „Es ist ja schließlich auch meines“, bat sie uns und sah mit großen Augen erst den Einen, dann den anderen von uns an.
Brrrr, immer diese Wolpiblicke, da konnte man ihnen ja Nichts abschlagen, was wir zwei beide ja ohnehin niemals getan hätten. Auch meiner Partnerin schien es so zu ergehen, obwohl ich immer gedacht hätte, da sie der selben Daseinsform angehörte, sei sie immun gegen solcherlei. Pustekuchen.
„Wir werden es finden und den Dieb gleich mit dazu“, versprach Quas, hoffentlich nicht  zu voreilig und kraulte dem Blauwolpi beruhigend das Fell.
Sora verschwand, voller guter Laune und glücklich summend, wieder und ließ uns in Ratlosigkeit und Verwirrung zurück.
„Wo fangen wir an?“, stellte meine Partnerin eine ganz ausgezeichnete Frage und schob ihre Schnauze über die Tischkante um sich anzusehen, was ich da in aller Eile auf mein Pergament geschrieben hatte.
Ich schob mir meine Schreibfeder wieder zurück in den Kappenaufschlag und stopfte mir die Blätter in eine meiner Hosentasche.
„Bei Sushi“, schlug ich vor, „Den fragen wir einfach mal woher er die Kekse hat“.
Das erschien mir am einfachsten und war, hoffentlich, auch am ungefährlichsten für Leib und Leben. Quas nickte zustimmend und huschte schon einmal vor mir her in die Gang hinaus. Denn im Gegensatz zu mir fand sie die Wege durch die Nachtschulgänge immer mühelos und ich war gut beraten ihr die Führung zu überlassen. Sonst würde ich wieder ewig herumirren, bis ich den Gesuchten endlich fand.
Langsam zog ich die Tür der Detektei zu und konnte den kalten Schauer nicht ignorieren, der mir in diesem Moment den Rücken hinunterlief. Warum auch immer, aber ich konnte mich des Gefühles nicht erwehren, uns einmal mehr in Dinge einzumischen, die leicht unser Ende bedeuten könnten.
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