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Im Schatten einer Generation von Wundern

von lenne87
MitmachgeschichteAllgemein / P12 / Gen
17.11.2014
11.08.2015
27
146.536
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20.06.2015 1.500
 
Noch zwei Stunden dann würde sie wieder den Boden ihres Heimatlandes unter den Füßen haben. Noch zwei Stunden dann würden sie erneut verdammte 9160.38 km trennen. Zwar war der Blick des rothaarigen Mädchens aus dem Fenster gerichtet, doch im Gedanken spielten ihre Gefühle verrückt. Nach außen hin wirkte sie ruhig und entspannt, aber ihr Inneres bebte und verbreitete Unwohlsein. Nur zu gerne würde sie aus dem Flugzeug springen und direkt wieder zum Flughafen laufen aus dem sie mit diesem Flugzeug starteten. Alles was sie wollte war zurück nach Amerika, zurück zu ihm.  
Immer noch pochte ihre Hand von den Berührungen der Hand, die sie kurz vor dem Start des Fluges so stark gehalten hatte. Je mehr sie an die vergangenen Wochen dachte, desto größer spürte sie den Druck auf ihrer Handinnenfläche. Diese Entfernung war für die Sechzehnjährige einfach unerträglich. Zu Teikozeiten war alles noch viel einfacher. Hoffentlich klappte es in zwei Jahren mit dem Studium in Amerika, dann würde sie ihren Freund öfter sehen und eine zusammen eine Zukunft aufbauen.
Sie grübelte viel darüber nach, wie es dann werden würde. Auf jeden Fall will sie Kinder, mindestens zwei. Das konnte ja nur perfekt werden. Sie würde Mama werden und Nijimura Vater. Mit einem zufriedenen Lächeln lehnte sie sich gegen den weichen Sitz. Allein das gab ihr Hoffnung, bald würde alles besser werden. Für den Rest den Fluges schaffte sie es doch noch ihre Gedanken richtig zu ordnen und etwas Schlaf zu finden. Allerdings wachte sie gezwungenermaßen wieder auf, weil ihr Sitznachbar, den sie auf ungefähr fünfzig schätze, entweder zum kuscheln rüber rutschte oder mit seinem lauten Schnarchen einem brüllenden Bären Konkurrenz machen wollte. Bald würde sie aus dem dieser Irrenanstalt raus sein.
„Lange nicht mehr gesehen,  Sarana Chiyo!“ ,ein ihr bekanntes Mädchen mit langen weißen Haaren  winkte sie zu sich rüber und zog sie direkt in eine Umarmung.  Sie konnte vor lauter Müdigkeit gar nicht zum Ausdruck bringen wie sehr sie sich eigentlich freute das weißhaarige Mädchen wiederzusehen.
„Du siehst ganz schön scheiße aus, hat es zwischen dir und Romeo gekracht?“ ,fragte Yin frech und streckte ihrer Freundin die Zunge heraus.
Chiyo warf der Kleineren einen vernichtenden Blick zu. Ihr war klar, dass es eine rhetorische Frage war, aber ihre Laune war immer noch im Keller und würde wohl die nächsten Tage noch ein wenig anhalten. Zur Strafe für die Frechheit Yin’s, die das eigentlich wissen müsste, könnte sie mit ihren 1,75m der Gleichaltrigen fast auf den Kopf spucken, dachte sie sich. Aber halt wirklich nur fast.
„Nein, es war schön, aber viel zu kurz..“, antwortete sie dennoch knapp und spielte dabei nervös mit ihren vorderen Haarsträhnen. Yin nahm die Antwort lächelnd so hin und beide schlenderte langsam zur gemeinsamen Wohnung. Obwohl sie ihrer besten Freundin tausend Dinge erzählten könnte, von all den Erlebnissen die sie die letzten drei Wochen so erlebte, so war sie heute gar nicht plauderlaune.
Morgen würde sich wieder der normale japanische Schulalltag abspielen, zwar diesmal auf einer neuen Schule, der Rakuzan High, aber so viel Unterschied sah das rothaarige Mädchen zwischen den Schulen nicht. Schule war Schule, fertig.
Wenigstens waren Yin und sie in einer Klasse, das hatte wenigstens schon mal was Gutes. Durch die verschobenen Ferien hatte sie bereits eine ganze Woche Unterrichtsstoff verpasst. In Geschichte könnte ihr Yin wie immer helfen und bei Mathe war Nijimura Gehilfe Number one, der King der Zahlen. Aber so viel kann sie noch gar nicht verpasst haben, aber lieber plante sie schon mal ein wenig voraus  als nachher vor den Kopf gestoßen zu werden. Im Bett dachte sie nochmal an ihren Freund. Dabei fiel ihr ein, dass er ihr ja noch ein Abschiedsgeschenk mitgegeben hatte. Hoch und Heilig musste sie ihm versprechen erst bei Ankunft in Japan zu öffnen. Wie von der Tarantel gestochen sprang sie wieder vom Bett auf und kramte in ihrer Tasche und holte eine kleine schwarze Schachtel zum Vorschein. Mit einem Ruck zog sie die Schleife auf und öffnete den Deckel.  In der Kiste befand sich eine kleine goldene Kette mit einem Buch als Anhänger. Ihr Herz pochte wieder wie verrückt. Langsam nahm sie die Kette heraus und legte den schönen Schmuck direkt an. Überglücklich über das Geschenk legte sie sich wieder ins Bett. Morgen würde sie sich bei ihm bedanken und versichern die Kette jeden Tag zu tragen.

Am nächsten Tag hieß es sofort früh aufstehen. Der erste Schultag stand an und die Rothaarige war kein bisschen bereit. Besonders morgens überkam sie eine besonders schlechte Laune. Wütend über den Tag warf sie jeder Person die ihr entgegenkam einen Warum-atmest-du-Blick zu.
Die Weißhaarige versuchte ihre Gleichaltrige Freundin zu beruhigen, doch jegliche Versuche scheiterten kläglich.
„Du hast in zwei Tagen Geburtstag freu dich doch!“, setzte Yin lächelnd an. Das Gesicht der Größeren verzog sich noch einen Tick weiter, noch schlimmer als ohne hin schon war.
„ohne Nijimura…“ flüsterte sie kaum hörbar und fasste automatisch an ihren Halsschmuck.
„Was war das?“ ,hakte die Kleinere nach, weil sie nur ein paar nuschelnde Wörter vernahm. Die Kette bemerkte die Weißhaarige noch nicht.
„Ich sagte ich freu mich riesig!“
„Gut!“
Kaum gingen sie durch die große Eingangstür, steuerte Chiyo sofort das Damenklo an. Yin winkte ihr perplex hinterher, wollte ihr noch etwas wichtiges hinterher rufen, denn eigentlich begann der Unterricht in zehn Minuten und ihre werte Freundin würde den Klassenraum bestimmt nicht ohne Hilfe finden. Aber sie wollte auch nicht zu spät kommen, allein schon wegen diesem Akashi. Sie tippte noch schnell eine SMS um den Weg zum Klassenraum so gut es ging zu beschreiben und trat dann selbst denn Weg dorthin an.
Die Rothaarige stürzte sich regelrecht auf den erstbesten Spiegel und betrachtete ihr Gesicht. Augenringe bis zum Boden, oh Gott, dachte sich das Mädchen nur.
„Du hast da Blätter im Haar“, ertönte es plötzlich hinter ihr und sie wirbelte sich erschrocken um. Wo kam der auf einmal her?! Moment!
„Bist du hier nicht falsch, Perversling?“, böse funkelte sie den großen Jungen mit den grauen Haaren an, doch dieser blieb unbeeindruckt. Ohne die Miene zu verziehen richtete er seinen Blick in das kleine rote Buch in seiner Hand und ging Richtung Ausgang.
„Das wollte ich gerade auch fragen“ ,meinte er noch und ging durch die Tür.
Spinner!
Kaum fünf Minuten hier, schon mochte sie diese Schule nicht. Aber das war jetzt erstmal unwichtig. Erneut widmete sie sich den Spiegel und fischte erstmal die Blätter aus ihrem Haar. Wie sie dort hingelangten war ihr zwar ein Rätsel, aber dafür hatte sie jetzt keinen Kopf. Danach kramte Chiyo aus ihrer Schultasche Concealer heraus. Aussehen war ihr nicht so wichtig, aber sie wollte wenigstens am ersten Tag nicht wie eine Vogelscheuche erscheinen.
Zwar war sie mit dem Ergebnis nicht komplett zufrieden, aber besser bekam sie es momentan nicht hin. Als die Rothaarige fertig war, verstaute da Mädchen alles wieder in ihrer Schultasche und wandte sich zum gehen, als ein Junge an der Wand sie auf einmal erschrocken ansah. Vor lauter Schreck ließ er seine Hose, die er bis eben festhielt, los und rutschte samt Boxershorts auf den Boden . Ungewollt hatte das Mädchen freien Blick auf den Po des Jungen, dessen Gesicht immer röter wurde.
Als Chiyo dann auch aus lauter Schreck losschrie, schrie auch der Junge los und rutschte dabei auf seiner Hose aus. Mit dem blanken Po landete er auf den kalten Fliesen. Aber das war nicht mal der Höhepunkt der Situation. Der Junge ließ ganz offensichtlich gerade an einer der Wandtoiletten  sein Wasser ab und durch den Sturz spritze alles nicht mehr in die Toilette, sondern auf das Oberteil der Rothaarigen. Daraufhin fing das Mädchen noch mehr an zu schreien.  Durch den lauten Tumult wurden neugierige Zuschauer angelockt und leider Gottes waren auch ein paar Lehrer darunter. Die fanden es mehr als unangebracht, dass sich ein Mädchen aus dem ersten Jahr auf dem Jungenklo rumlümmelte und auf das Geschlechtsteil eines Jungen starrte.
Somit durfte das Mädchen den ersten Tag beim Rektor verbringen und bekam eine schöne Strafarbeit aufgebrummt. Zwei Wochen den Schulhof von Müll säubern, welch eine Ehre. Aber Teil eins der Putzarbeiten fand bereits im Jungenklo statt, immerhin wurde dort durch den Vorfall so einiges eingesaut. Bewaffnet mit Mobb und diversen Reinigungsmitteln stürzte sie sich erneut in die Gefahrenzone. Glücklicherweise war niemand anderes im Raum, das machte es ein kleines bisschen erträglicher. Mit angeekeltem Gesicht verrichtete sie die Aufgabe so schnell es ging. Das sie beobachtet wurde merkte sie nicht.
Erst als in ihren Augen alles sauber war, ertönte wieder eine Stimme, die das Mädchen heute schon einmal gehört hatte.
„Du hast da einen Fleck übersehen“ , meinte der Grauhaarige ruhig und jagte Chiyo einen riesen Schreck ein. Die Anwesenheit dieses Jungen war wirklich schwer zu bemerken.  Oder war sie einfach zu sehr im Gedanken.
„Danke , fürs drauf hinweisen“ ,meinte sie zickig und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Gelangweilt lehnte er sich an die Wand und deutete auf den Boden. Der Typ legte es wirklich drauf an.
Scheiß Schule. Scheiß Typ.

©Hayama
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