Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Im Schatten einer Generation von Wundern

von lenne87
MitmachgeschichteAllgemein / P12 / Gen
17.11.2014
11.08.2015
27
146.536
6
Alle Kapitel
44 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
17.11.2014 9.618
 
Montag: 01. April

„Kira!“ Unsanft wurde an meiner Schulter gerüttelt. Murrend schlug ich die Hand weg, die mich so hartnäckig zu wecken versuchte und drehte mich auf die andere Seite. Dabei zog ich mir meine Decke wieder fester um die Schultern.
„Noch fünf Minuten“, murmelte ich schlaftrunken und kniff die Augen fester zusammen, im schwachen Versuch, mich wieder ins Land der Träumen zu bringen.
„Wenn du noch weitere fünf Minuten schläfst, kommst du an deinem ersten Schultag zu spät. Und die Lehrer müssen ja nicht gleich von deiner Angewohnheit erfahren.“ Die Stimme wurde immer ungeduldiger und ich öffnete unwillig ein Auge.
Ihre Mutter stand an meinem Bett, die Hände in die Seiten gestemmt. „Steh jetzt auf. Heute müssen wir alle pünktlich sein und keiner kann dich in die Schule fahren. Das Frühstück wird schon knapp für dich. Zwing mich nicht, noch einmal zu kommen!“ Mit diesen Worten ging sie aus dem Zimmer. Um ihrer Aussage Nachdruck zu verleihen, knallte sie zusätzlich die Tür ins Schloss.
Mit einem Seufzen drehte ich mich wieder auf die andere Seite, um einen Blick auf meinen Wecker zu werfen. Ich hatte ihn nicht gehört, vermutlich hatte ich ihn wieder im Schlaf ausgeschaltet. Das war mir schon häufiger passiert, weswegen ich es meistens nur knapp vor Unterrichtsbeginn in die Klasse geschafft habe. Und wenn nicht, hatte ich immer eine gute Ausrede parat. Im Ausreden erfinden bin ich mittlerweile ganz groß und ich werde auch nicht mehr rot dabei, wenn ich jemand  en eine kleine Notlüge auftische.
Die Uhr zeigte mir an, dass ich nur mehr wenig Zeit hatte, wenn ich noch ein Frühstück zu mir nehmen wollte. Und da ich ungern mit knurrendem Magen im Unterricht saß, schälte ich mich aus meiner Bettdecke und schwang die Beine aus dem Bett.
Sofort bereute ich diesen Schritt, denn meine Haut begann zu prickeln und die feinen Haare auf meinen Unterarmen stellten sich auf. Ich rieb mir über die Arme, um die Gänsehaut zu vertreiben. Nach einer kurzen Katzenwäsche schlüpfte ich in die neue Schuluniform. Schwarzer Pullover und grünkarierter Rock – grün war ja eigentlich nicht so meine Farbe, aber die Schulfarben konnte man sich ja nicht aussuchen.
Schnell zupfte ich eine verirrte Haarsträhne zurecht und sauste in die Küche.
Mein Vater leerte gerade seinen Kaffee in einem Zug und legte die Morgenzeitung beiseite. „Mäuschen, deine ewiges Zuspätkommen muss irgendwann mal aufhören“, tadelte er mich, worauf ich im einen finsteren Blick zuwarf.
„Wenn du mich weiterhin Mäuschen nennst, passiert das sicher nie“, erwiderte ich trocken und verschlang das kleine Frühstück, das mir vor die Nase gestellt worden war. Ich wünschte meinen Eltern noch einen schönen Tag, dann schlüpfte ich in der Diele in meine Schuhe und verließ das Haus.
Wenn ich Glück habe, erwische ich noch die nächste Bahn. Und wenn ich Pech habe, steht die dann wieder ewig, weil es ein Problem in einem Streckenabschnitt gibt. Ich entschloss mich, doch lieber zu laufen.
Bei der Schule angekommen, schloss ich mich den letzten Schülern an, die gerade zur Turnhalle gingen. So gern ich auch zu spät kam, einen Orientierungssinn hatte ich alle mal. Außer am ersten Tag, da brauchte ich oft Hilfe in Form eines Raumplanes oder ähnlichem. Bei der Turnhalle angekommen blickte ich mich um. Eigentlich hätte Kizu-chan hier auf mich warten sollen. Sie war doch sonst immer pünktlich.
Etwas ungelenk fischte ich mein Handy aus der Tasche und wählte ihre Nummer. Ich musste nicht lange warten, denn Kizuna hob sofort ab. „Kizu-chan, wo bist du? Wir wollten uns doch vor der Turnhalle treffen?“, fragte ich und warf noch einen Blick auf die Uhr. Nicht mehr lange zur Eröffnungsfeier.
„Kira, ich stehe hier irgendwo in er Schule und suche die Turnhalle.“ Kizunas verzweifelte Stimme brachte mich zum Schmunzeln. Das sah ihr mal wieder ähnlich. Überpünktlich, aber null Orientierungssinn.
„Bleib wo du bist, ich komme dich holen“, sagte ich. „Gib mir nur eine Beschreibung, wo du ungefähr bist.“
Kizuna erklärte mir rasch den Weg und ich machte mich sofort auf die Suche nach ihr. Kaum hatte ich sie gefunden, zerrte ich sie auch schon wieder Richtung Turnhalle, damit wir die Veranstaltung nicht verpassten.
Die Ansprache war zu langweilig, um einen in der Früh wach zu halten und ich wünschte mir, dass ich noch etwas später gekommen wäre. Ich unterdrückte ein Gähnen und hoffte, dass die Rede schnell vorbei wäre.
Meine Bitte wurde erhört und kurze Zeit später durften wir uns auf die Suche nach unserem Klassenzimmer machen. Diesmal blieb ich gleich neben Kizu-chan, damit sie nicht wieder verloren ging.
„Kira, wir suchen nachher mal den Basketballclub. Ich will den Trainingsplan haben“, meinte Kizuna und wirkte schon wieder voller Elan.
„Können wir nicht noch ein paar Tage warten?“, seufzte ich. „Wäre es für dich nicht erst besser, wenn du dich in der Schule zurechtfinden würdest?“ Eigentlich wusste ich, dass es vergebene Müh war, Kizuna vom Training abzuhalten, aber probieren konnte man es doch mal. Ihre Antwort überraschte mich nicht. „Wenn wir warten werden wir schwach und außerdem sind sonst alle Positionen weg“, gab sie zu bedenken. Erneut seufzte ich, nickte aber, da sie im Grunde ja Recht hatte.
Der Unterricht ging schneller vorbei als gedacht und ich hatte gar keine Chance aus dem Klassenzimmer zu flüchten, als mich Kizuna auch schon packte und mich zum Clubraum der Basketballspieler schleifte. Den Weg fand sie beinahe problemlos, was mich ein amüsiertes Lächeln kostete.
Im Clubraum saß nur eine einzige Person und die wirkte nicht gerade wie eine Spielerin. Lange blonde Haare wie die einer Barbie, perfektes Makeup und Fingernägel, bei denen sie bei jedem Spiel fürchten musste, dass ihr einer abbrach. Na ja, vielleicht war das nur die Managerin, man konnte es ja nicht wissen.
Kizuna war mal wieder voller Elan und sprach gleich den Punkt an, warum wir hier waren: „Hey, wir wollen dem Basketballclub beitreten!“
Die Barbiepuppe hob den Kopf und musterte uns abschätzig. „Schön wir haben bestimmt noch Platz auf der Bank. Ich bin Lorana Ariko der Cäpt’n hier. Dienstag haben wir Training. Erscheint dann in Sportzeug in der großen Halle.“ Ihr Tonfall war beinahe gelangweilt und ich musste mich um ein höfliches Lächeln bemühen. Sie war mir von Anfang an unsympathisch.
„Wir haben nur Dienstag Training? Ist das nicht ein bisschen wenig?“, warf Kizu-chan ein und ich musste ihr Recht geben. Trotzdem wollte ich es mir nicht von Anfang an mit dem Cäpt’n verderben. Deswegen versuchte ich es wieder auf meine Art.
„Wir sind es gewohnt öfter zu trainieren. Wäre es nicht möglich, da noch ein oder zwei Tage dranzuhängen?“, schlug ich vorsichtig vor.
„Wenn es euch nicht passt, könnt ihr euch ja einen anderen Club suchen. Wir trainieren in der Halle Sechs zusammen mit den Jungs“, meinte Ariko und ihr Gesicht verzog sich zu einer säuerlichen Miene.
„Na gut, dann warten wir mal das Training morgen ab. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm“, sagte Kizu-chan und drehte sich zu mir um.
„In Ordnung“, gab ich meine schlichte Zustimmung. Ich wollte einfach nur mehr aus dem Club raus und nach Hause gehen. Auch Ariko schien ganz froh zu sein, dass sie sich wieder ihren Haaren widmen konnte.
Zusammen mit Kizuna verließ ich den Club. Wir verabschiedeten uns voneinander und ich hielt nach der nächstbesten Bahnstation Ausschau. Nach Hause laufen wollte ich nicht unbedingt. Jetzt war ich lieber faul und das erste, was ich zuhause tun würde, war in meine Jogginghose zu schlüpfen. Nun gut, vielleicht sollte ich heute noch etwas Basketball trainieren sollte. Schließlich wollte ich mich morgen nicht vor den anderen blamieren.
Mein Plan wurde aber zunichte gemacht, als mich zuhause noch die letzten ungeöffneten Kartons in meinem Zimmer erwarteten. Seufzend räumte ich den Rest ein und versorgte dann meine Katzen.

Dienstag 02. April

Heute war wohl ein besonderer Tag. Denn ich hatte einen Wecker gehört und war sofort aufgestanden. Voller Elan hatte ich mich in den Tag gestürzt, was meine Eltern dazu veranlasst hatte, mich zu fragen, ob ich denn krank wäre. Doch wie es schien, freute ich mich nur wieder auf das Training. Ich wollte heute zeigen, was ich konnte. In Teiko war ich Ersatzspielerin gewesen, die aber dennoch ihren Einsatz bei ein paar Spielen hatte. Vielleicht hatte ich diesmal mehr Chancen, um Stammspielerin zu werden.
Unglücklicherweise kam ich auf halben Weg darauf, dass ich meine Unterlagen für die erste Stunde vergessen hatte. Was bedeutete, dass ich noch einmal umdrehen musste. Und das wiederum bedeutete, dass ich zu spät kommen würde. Mal wieder.
Heute sollte Kizuna allerdings vor dem Tor auf mich warten, damit sie sich nicht wieder verirrte. Ich hoffte, dass sie sich daran hielt.
An unserer Haustür erwartete mich schon meine Mutter, die mit der Mappe wedelte, die ich brauchte. „Hast du das vergessen?“, fragte sie mich mit einem amüsierten Lächeln. „Das lag am Frühstückstisch.“
„Ja, danke“, antwortete ich erleichtert und griff danach, um es in meine Tasche zu stecken. „Viel Spaß beim Unterricht. Und jetzt beeil dich, dann schaffst du es vielleicht doch mal pünktlich“, ermahnte mich meine Mutter.
Ich befolgte den Rat und eilte den Weg entlang, um zur Schule zu kommen. Ehrlich am besten sollte man mir immer eine Uhr um den Hals hängen, die mich anschrie, wenn ich zu spät kam. So eine interaktive Uhr eben.
Als ich um die Ecke bog und auf das Schultor zumarschierte, erkannte ich Kizuna. Sie hatte wirklich auf mich gewartet und war nicht einfach so in die Schule spaziert. Als ich weiterging, erkannte ich, dass sie nicht allein war. Ein Junge stand neben ihr und schien sie mit irgendetwas Uninteressantem zu langweiligen. So jedenfalls würde man ihren Gesichtsausdruck beschreiben. Als sie mich erkannte, schien so etwas wie Erleichterung bei ihr auszubreiten.
„Komm gehen wir, bevor ich mich vergesse“, murmelte sie und spazierte auf die Schule zu. Ich warf noch einen kurzen Blick auf den Jungen, dann ging ich neben Kizuna her. „Ach, ich fand den ganz nett“, sagte ich mit einem ironischen Unterton in der Stimme. „Der ist sicher genau dein Typ.“
Der Unterricht war sterbenslangweilig, doch ich zwang mich aufzupassen. Zwar hoffte ich schon, im Basketball weiter zu kommen, doch wenn es nicht so sein sollte, wollte ich zumindest eine gute Ausbildung haben und dann vielleicht mit Kindern arbeiten.
Nach Unterrichtsende führte uns unser Weg zum Training des Basketballclubs. Im Umkleideraum herrschte schon reges Treiben, unsere Barbie von Cäpt’n und der Rest des Teams zog sich schon um. Als ich erkannte, dass sie sich in ein bauchfreies Top und Shorts quetschte, zog ich eine Augenbraue in die Höhe, verzog aber keine weitere Miene. Das war doch wohl nicht ihr Ernst, oder?
„Also ich begrüße unsere neuen. Ich bin Lorana Ariko, ich bin der Cäpt’n hier und meine Position ist Power Forward. Das ist Evalyn Tamara, sie ist Shooting Guard. Julika Kotori, sie ist Small Forward. Shin Sahra, sie ist Point Guard und Horoshi Anisa ist unser Center. Wir machen heute ein lockeres Training um eure Zukunft im Team festzulegen.“ Währen der Cäpt’n die Teammitglieder vorstellte, nahm ich sie genauer unter die Lupe. Irgendwie schienen sie alle nicht in ihre Positionen zu passen. Unwillkürlich verglich ich sie mit den Mädchen aus unserer alten Mannschaft. Nein, das passte einfach nicht.
Der Shooting Guard sah ebenfalls aus wie eine Barbie, nur mit schwarzen Haaren, vermutlich die beste Freundin unseres Cäpt’ns. Dafür wirkten die anderen zwar sehr athletisch, auch wenn sie auf den falschen Positionen waren. Horoshi-san war ein hübsches Mädchen, mit langen, roten Haaren und grünen Augen. Julika Kotori, der Small Forward, war schlank, die wohl Größte hier, mit kurzen, dunkelblauen Haaren.
Ein Blick auf Kizu-chan zeigte mir, dass sie derselben Meinung war. Aber wir schwiegen beide und bereiteten uns lieber auf das Spiel vor. Es war ein Match neue Schüler gegen die alte Mannschaft. Schon nach der Hälfte des Spiels wurde klar, dass unsere Senpais überhaupt nicht zusammenarbeiten konnten. Sie waren einfach auf den falschen Positionen eingesetzt worden. Es unterliefen ihnen zahlreiche Fehler, wodurch es mir ein leichtes war, ihnen den Ball abzunehmen und ihn an Kizu-chan weiterzugeben.
Das Spiel endete mit einem klaren Sieg unserer Mannschaft. Unsere Senpais sahen leicht angesäuert aus, ihren Mienen zufolge hätten sie das wohl nicht erwartet. Ich zog meinen Zopf noch einmal straff und warf einen Blick auf die Uhr. Eine Stunde war vergangen und die Älteren packten schon wieder zusammen. Wenn das Kaoru sehen würde, würde sie ihnen die Hölle heiß machen. Mit einer Stunde Training kam man doch nicht weiter. Vor allem nicht, wenn man nur an einem Tag in der Woche trainierte.
Ich griff nach meiner Wasserflasche und schnappte einen Satz des Cäpt’ns auf. „Tja, da du und deine kleine Freundin ganz gut seid, werdet ihr als Ersatzspieler auf der Bank sitzen.“
„War ja klar“, murmelte ich halblaut vor mich hin und strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Ich war es gewohnt, auf der Bank zu sitzen, schließlich waren unsere Stammspieler besser gewesen als ich, aber hier. Hier war ich eindeutig im oberen Durchschnitt und durfte trotzdem auf der Bank sitzen.
Nach dem Training wurde ich mal wieder von Kizu-chan mitgezogen. Langsam wurde das zur Gewohnheit und weil es eben nicht meine Art war, mich zu wehren, ließ ich sie an mir herumzerren.
„Ich denke, hier werden wir nicht wirklich zu etwas kommen, Kira-chan. Wir werden unseren eigenen Trainingsplan durchziehen. Die Mädchenmannschaft hier ist ein Witz. Ich zeichne uns dann mal den Trainingsplan von Kaoru-chan auf“, ereiferte Kizuna sich.
Ich unterdrückte ein kleines Lachen. Ihre Zeichnungen waren zwar gut gemeint, aber oft schwierig zu entziffern, weswegen es schon einige Streitereien und Missverständnisse in unserer Mannschaft gegeben hatte.
„Wenn du mir eine schriftliche Erklärung dazu gibst, gerne. Deine Zeichnungen sind… wie soll ich es sagen… verwirrend“, gab ich zurück und unterdrückte ein breites Grinsen.
„Na, so schlecht sind meine Zeichnung ja nun auch nicht“, kam die prompte Antwort.
„Habe ich nicht behauptet. Ich sagte nur, dass sie verwirrend sind und wir deswegen schon ein paar Missverständnisse hatten“, verteidigte ich mich sofort.
„Hast ja Recht. Überleg dir mal ob du die Small Forward oder Point Guard Position trainieren willst. Da wir hier tatsächlich die größten und besten des Teams sind, kannst du dir das aussuchen.“ Kizuna, der Cäpt’n war wieder im Einsatz. Ihr Tonfall legte nahe, dass es sich nicht um eine Bitte, sondern eher um einen Befehl handelte.
Ich überlegte kurz. „Im Grunde ist die Mannschaft ganz gut, wenn man sie nur auf den richtigen Positionen besetzen würde. Doch ich denke, keiner eignet sich wirklich als Spielmacher. Ich denke, ich konzentriere mich auf das, was ich am besten kann. Passen und Stealen. Werfen überlasse ich dir, also könnte ich mich auf die Point Guard Position konzentrieren.“
Ursprünglich hatte ich auf der Point Guard Position spielen wollen, doch Kizuna hatte mich auf den Small Forward gesetzt. Sie musste aber einsehen, dass ich im Werfen eine Niete war. Ich konnte zwar gut mit unserem Power Forward zusammenarbeiten, aber meine eigene Trefferquote lag bei unter 50 %.
„O.k. dann machen wir heute Schluss. Ab Donnerstag ziehen wir dann das übliche Training durch“, bestimmte Kizuna und ich antwortete mit einem Nicken. Eine andere Reaktion wäre für Kizuna auch nicht zufriedenstellend gewesen.
Wir verabschiedeten uns rasch voneinander und dann machte ich mich auf den Weg nach Hause. Dort schmiss ich meine Sachen in eine Ecke und streckte mich genüsslich auf der Couch aus. Meine Eltern arbeiteten öfter mal bis spät am Abend, weswegen ich nach der Schule meistens das Haus für mich alleine hatte. Nun ja, ganz allein war ich ja nicht, meine Katzen schlichen schon wieder um mich herum. Sie machten es sich auf meinem Bauch bequem und begannen sofort zu schnurren.
„Wenn ihr jetzt einschlaft, kann ich den Rest des Tages nicht mehr aufstehen“, nuschelte ich und schob sie beherzt, aber dennoch sanft von mir herunter. Filou, der braun-weiß gefleckte Kater, maunzte protestierend, begnügte sich dann aber mit dem Kopfkissen. Seine Schwester Minou, weiß mit nur einem braunen Fleck auf der Brust, rollte sich neben ihm zusammen.
Gemütlich setzte ich mich im Schneidersitz auf mein Bett und nahm mein Tagebuch zur Hand. Ja, ich schrieb Tagebuch, sehr mädchenhaft, aber mir gefiel es. So redete ich mir quasi meinen Frust von der Seele. Mit einem Knopfdruck schaltete ich meine Stereoanlage ein und vertiefte mich dann in mein kleines Büchlein.

Mittwoch 03. April

„Ich kann dich heute bei der Schule absetzen“, murmelte mein Vater halblaut, ohne von seiner Zeitung aufzublicken.
Ich hielt beim Essen inne. „Hm?“, machte ich und schluckte den Bissen hinunter, den ich noch in meinem Mund hatte.
„Ich sagte, ich kann dich heute bei der Schule absetzen“, wiederholte mein Vater, diesmal etwas lauter und er klappte die Zeitung halb herunter, um mich anzusehen. „Oder ist dir das nicht Recht?“
„Doch, klar. Danke“, erwiderte ich mit einem breiten Lächeln. Warum sollte ich dagegen sein? Immerhin regnete es draußen in Strömen und ich hatte keine Lust, mich unter einen kleinen Regenschirm zu quetschen oder erst Recht in die Bahn, wo man bei jedem Stopp fast ausrutscht, weil der Boden so nass war.
„Dann hol deine Sachen, ich möchte gleich fahren.“
Sofort schob ich den letzten Bissen in meinen Mund und sprang vom Tisch auf. Ich fiel beinahe über meine Katzen, die gerade zu ihren Näpfen schlichen, um ihr Frühstück zu holen. Doch ich fing mich wieder und ging in mein Zimmer, um meine Sachen zu holen.
Als ich wieder aus meinem Zimmer kam, stand mein Vater schon im Flur und klimperte mit den Autoschlüsseln. In der anderen Hand hielt er seine Aktentasche, über der sein Jackett hing.
Wir riefen beide meiner Mutter eine laute Verabschiedung in die Küche und dann verließen wir beide das Haus. Der Seiteneingang führte direkt in die Garage, wodurch wir nicht erst nach draußen in den Regen mussten.
Ich ließ mich auf den Beifahrersitz fallen und schnallte mich gewissenhaft an. Ein Blick auf die Uhr am Armaturenbrett zeigte mir, dass ich heute wohl pünktlich in der Schule angekommen würde, wenn der Verkehr mitspielte.
Wenig später waren wir bei meiner Schule angekommen und ich stieg schnell aus dem Auto aus. Bevor ich die Tür zuschlug, verabschiedete ich mich von meinem Vater und bedankte mich außerdem für die kurze Fahrt. Dann hastete ich durch den Regen zum Eingang der Schule, um mich unterzustellen. Wie jeden Morgen wartete ich auch Kizu-chan, damit sie sich nicht in der Schule verirrte.
Als sie kam, konnte man ihr schon deutlich ansehen, dass ihr Tag bis jetzt schlecht verlaufen war. Sie zog eine Miene, die eindeutig zu dem Wetter passte.
Trotzdem begrüßte ich sie mit meinem üblichen Lächeln und ging zusammen mit ihr zu unserem Klassenzimmer. Dort standen die Mädchen wie üblich in einer Traube zusammen, um sich über die neuesten Dinge auszutauschen. Auch die Jungs hingen zusammen herum, weswegen wir uns zu unseren Plätzen durchschlängeln mussten.
Wann immer ich jemanden unabsichtlich berührte, entschuldigte ich mich höflich und kam schließlich bei meinem Platz an. Ich ließ mich auf den Stuhl fallen und holte meine Unterlagen für die erste Stunde heraus.
Der Unterricht zog sich dahin, heute kam es mir nur noch länger vor, weil auch das Wetter nicht gerade einladend war und man schon in deprimierende Stimmung kam, wenn man nur aus dem Fenster blickte.
Seufzend malte ich die Dinge ab, die auf der Tafel standen und versuchte mich halbwegs zu konzentrieren und nicht einzuschlafen.
Das erste Klingeln erlöste uns für kurze Zeit aus den langweiligen Vorträgen. Hinter mir hörte ich ein Gähnen und drehte mich um.
„Du weißt schon, dass wir noch ein paar Stunden vor uns haben, ehe du schlafen kannst?“, fragte ich Kizu-chan belustigt.
„Ich will nicht mehr. Wenn ich daran denke, dass es noch weiter geht, wird mir übel“, erwiderte sie gelangweilt.
„Denk positiv. Schlimmer kann der Tag nicht mehr werden“, versuchte ich sie aufzuheitern.

Endlich Mittagspause. Ich streckte mich einmal genüsslich durch und kramte in meiner Tasche, um mein Essen herauszuholen. „Oh, bitte nicht“, zischte ich und schüttelte über mich selbst den Kopf. Da war man einmal pünktlich in der Schule, vergaß aber mein Mittagessen.
„Kizu-chan? Hast du Lust, Mittagessen zu gehen?“, fragte ich, nachdem ich mich zu ihr umgedreht hatte.
„Sehr gerne, ich habe mein Essen eh stehen gelassen.“
Die Cafeteria lud mit Misosuppe und Pudding als Nachtisch zum Essen ein. Kizuna und ich folgten der Einladung und konnten uns nach einer kurzen Wartezeit unsere Portionen sichern. Jetzt war allerdings der schwierigere Teil der Pause zu bewältigen. Wir mussten einen Platz finden, wo wir essen konnten.
Ich lief neben Kizuna her und sah mich dabei genau um. Meine Schritte setzte ich mit Bedacht, denn der Boden in der Cafeteria war rutschig.
„Da hinten ist was frei“, sagte ich, als ich einen Platz erspäht hatte und nickte mit dem Kopf in die Richtung, in die wir gehen mussten. Während ich vorsichtig um die Kurve ging, ertönte hinter mir ein Aufschrei von Kizuna, gefolgt von einem monotonen „Aua“. Kurz danach folgte ein lautes Klirren, vermutlich war die Suppenschale auf den Boden gefallen.
„Bitte dreh dich um Kira und sag mir, dass ich NICHT Murasakibara getroffen habe“, meinte Kizuna hinter mir und ich tat ihr den Gefallen. Ich hätte mich so oder so umgedreht, aber vermutlich, um ihr zu helfen und nicht dem Getroffenen.
Als ich das Bild sah, das sich mir bot, musste ich mir erstmal auf die Lippe beißen, um nicht laut loszulachen. Murasakibara stand da, über und über mit Suppe bekleckert. Er hatte etwas davon in den Haaren und von seiner Kleidung wollte ich gar nicht erst reden. Obwohl er seinen üblichen monotonen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte, schien er etwas verärgert zu sein.
Ich räusperte mich einmal, bevor ich sprechen konnte. „Tut mir leid, aber ich fürchte, doch“, brachte ich hervor, ehe ich schon wieder die Lippen aufeinanderpressen musste, um nicht loszulachen.
Meine Schultern begannen zu zittern und ich wandte schnell den Kopf zur Seite, damit keiner mein breites Grinsen sah.
„Es tut mir so unendlich leid, Murasakibara-kun“, entschuldigte Kizuna sich hastig.
„Wenn du das nicht essen wolltest, hättest du es mir auch einfach so geben können“, erwiderte er trocken.
„Ich mach es wieder gut“, versprach Kizu-chan. „Aber zuerst komm mit. Kira, entschuldige mich bitte kurz.“
Ich nickte nur mal kurz und setzte mich dann an den Tisch, den wir ursprünglich angesteuert haben. Meine Misosuppe hatte ich ja zum Glück nicht verschüttet, weswegen ich mich genüsslich über mein Essen hermachte.
Kurze Zeit später klingelte allerdings mein Handy. Stirnrunzelnd ließ ich von meinem Pudding ab und kramte das Gerät hervor und hielt es mir ans Ohr.
„Du Kira ich stehe hier vor dem Krankenzimmer wie komme ich zum Waschraum im dritten Stock?“ Kizuna hatte sich mal wieder verlaufen.
Ich stieß ein Seufzen aus. „Du gehst den Gang entlang zur Treppe, läufst hoch zum dritten Stock, dann nach links und die dritte Tür ist dann der Waschraum“, gab ich ihr breitwillig Auskunft. Irgendwann würde ich ihr einen Raumplan zeichnen.
„Du rettest mich echt jedes Mal, bis gleich“, lautete ihre Verabschiedung und dann ertönte nur mehr ein Tuten.
Kopfschüttelnd schob ich mein Handy zurück in die Tasche und widmete mich wieder meinem Pudding. Ich war gerade dabei, mir den letzten Löffel in den Mund zu schieben, als Kizu-chan und Murasakibara-kun die Cafeteria erneut betraten. Als Kizu-chan mich entdeckte, ließ sie den Riesen stehen und kam auf mich zu.
Bei ihrem Anblick musste ich schon wieder lachen, obwohl Kizuna mich die ganze Zeit mit einem missmutigen Blick ansah. Sie schien genervt, doch ich konnte mich einfach nicht beherrschen.
Der restliche Schultag verlief ohne Zwischenfälle. Unglücklicherweise hatte ich meinen Schirm zuhause gelassen und der Regen war wieder stärker geworden. Seufzend fuhr ich mir durch die Haare und überlegte, wie ich zur Bahnstation gelangen konnte, ohne völlig durchnässt zu werden.
„Alles in Ordnung?“, fragte plötzlich eine Stimme neben mir. Ich wandte den Kopf zur Seite. Horoshi-san stand neben mir, einen Schirm in der Hand.
„Nun ja, es scheint, als hätte ich meinen Schirm zuhause liegen gelassen“, antwortete ich mit einem verlegenen Lächeln.
Die Basketballspielerin überlegte kurz. „In welche Richtung musst du denn?“, fragte sie schließlich mit einem Lächeln.
„Nur bis zur nächsten Bahnstation“, erwiderte ich und deutete in die Richtung, in die ich wollte.
„Da muss ich auch lang, komm unter den Schirm“, sagte Horoshi-san und machte eine einladende Handbewegung.
Erleichtert atmete ich auf. „Danke!“ Ich schlüpfte zur ihr unter den Schirm und gemeinsam gingen wir zur Bahnstation. Auf den Bahnsteigen trennten sich aber unsere Wege, da sie in gegensätzliche Richtungen fuhren.
Als die Bahn einfuhr, drehte ich mich noch einmal zu Horoshi-san um. „Nochmals danke“, sagte ich.
„Keine Ursache“, erwiderte sie mit einem Lächeln. Dann hob sie die Hand zum Gruß und drehte sich um, um zu gehen.

Donnerstag 04. April

Heute war ich mal pünktlich aus dem Haus gegangen und konnte nun gemütlich zur Schule spazieren. Dafür, dass es gestern in Strömen geregnet hat, war es heute ungewöhnlich schön. Ein paar vereinzelte Wölkchen waren am Himmel zu sehen.
Ich nahm meine Sporttasche von der einen in die andere Hand. Heute würden Kizuna und ich unser Training durchziehen. Ein Teil von mir freute sich irrsinnig darauf, der andere Teil befürchtete, dass ich mich danach nicht mehr rühren konnte. Wenn Kizuna den Trainingsplan von Kaoru wirklich durchzog, dann würden mir morgen alle Knochen wehtun.
Fröhlich vor mich hin pfeifend, ging ich zur Schule und versuchte Kizu-chan beim Tor ausfindig zu machen. Ich konnte sie nicht erkennen, bis sich Murasakibara zur Seite bewegte und davonging. Tz, der Riese hatte sie doch wirklich komplett verdeckt. Ich hob die Hand, um sie auf mich aufmerksam zu machen.
Sie reagierte mit einem Lächeln und ich ging weiter auf sie zu.
„Ist was passiert?“, fragte ich und sah in die Richtung, in die Murasakibara verschwunden war.
„Ich habe mich bei Murasakibara-kun entschuldigt“, antwortete Kizuna und wirkte erleichtert.
„Und du hast überlebt, gratuliere“, erwiderte ich mit einem Grinsen. „Dann ist ja wieder alles in Ordnung.“
Gemeinsam gingen wir in die Klasse und setzten uns auf unsere Plätze. Ich versuchte dem Unterricht zu folgen, obwohl er mal wieder sterbenslangweilig war.
Die letzte Stunde war Kunst und wir hatten die Aufgabe erhalten, eine Landschaft zu zeichnen. Ich zog ein Blatt Papier aus meiner Mappe und begann zu zeichnen. Ich war zwar nicht unbedingt begabt, aber für ein Landschaftsbild sollte es reichen.
Kizuna präsentierte mir einige Zeit später stolz ihr Bild.
„Ein kleines Dorf, über das ein Tsunami geweht hat, richtig?“, riet ich ins Blaue, nachdem ich mir die Zeichnung genau angesehen hatte. „Respekt, das hast du sehr gut getroffen.“
„Das ist eine Herbstlandschaft, Kira“, erwiderte Kizuna.
Ich biss mir auf die Lippe, um nicht loszulachen und sah noch einmal auf das Bild. „Jetzt, wo du es sagst, sehe ich es auch“, erklärte ich und schenkte ihr ein entschuldigendes Lächeln.
Kizuna sagte nichts mehr, sondern holte ihr Handy heraus, vermutlich, um ihre Nachrichten zu checken.
Nach dem Unterricht gingen wir in Halle 3, um uns endlich unserem eigenen Training zu widmen. Nachdem ich meine Sportsachen angezogen hatte, band ich meine Haare zu einem Zopf und wartete auf Kizunas Anweisungen. Für mich war sie immer noch mein Cäpt’n, selbst wenn wir jetzt in einer neuen Mannschaft waren.
Die Halle, in der wir waren, war zwar klein, aber für das Training zu zweit reichte sie alle mal.
Kizuna baute ihren CD-Player auf und legte eine CD ein. Sofort erfüllte Musik die gesamte Halle und wir wärmten uns zum Lied Meteor auf. Ein paar Runden Laufen und Dehnübungen, damit mein Körper locker wurde.
„O.k., wir arbeiten heute an deinen Würfen und an meiner Abwehr“, wies Kizuna mich schließlich an. „Ich muss mehr Kraft aufbauen und du musst mehr Körbe werfen. Und da das Team lausig ist, müssen wir versuchen, das Schlimmste abzuwenden. Ich kann Barbie jetzt schon nicht ab. Also, du Offensive, ich Defensive.“
Ich tat, was von mir verlangt wurde und nahm mir einen Ball. Kizuna nahm eine Abwehrhaltung ein und wartete meinen Wurf ab.
Als Erstes dribbelte ich ein bisschen und fixierte den Korb. Ich warf immer äußerst ungenau, weswegen ich mich genau auf die Mitte des Korbes konzentrierte. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich auch Kizuna und versuchte abzuschätzen, wann ich werfen konnte.
Ich wartete den richtigen Moment ab, dann warf ich. Kizuna versäumte den Block, doch der Ball ging nicht in den Korb. Ich zuckte seufzend mit den Schultern und holte mir den Ball wieder.
Vier Stunden ging das Training. Langsam taten mir die Arme weh, aber die letzten Würfe hatten, sofern sie nicht von Kizuna geblockt worden war, immer getroffen. Zwar war ich dankbar über diese Verbesserung, aber ich würde mich wohl nicht mehr lange auf den Beinen halten können. Mir taten schon alle Knochen weh.
„Sind wir bald fertig?“, versuchte ich Kizuna zum Aufhören zu überreden. „Mir tut schon alles weh.“
„Ach komm, so lange sind wir doch noch gar nicht hier“, wehrte Kizu-chan ab.
„Wirf mal einen Blick auf die Uhr. Wir sind seit vier Stunden hier“, erwiderte ich trocken und deutete mit dem Kinn auf die große Uhr, die an der Wand der Halle hing. Ich schob schmollend die Unterlippe vor und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Na gut, wir machen Schluss“, gab Kizuna schließlich nach und ich war kurz davor, sie vor lauter Dankbarkeit zu umarmen. Aber ich hielt mich zurück und beschränkte mich auf ein erleichtertes Lächeln.
Nachdem wir uns umgezogen hatten, verließen wir gemeinsam die Halle. Ich verabschiedete mich von Kizuna und ging dann nach Hause. Die Bahn war mir vor der Nase weggefahren und statt auf die nächste zu warten, ging ich lieber zu Fuß nach Hause. Wenn schon, denn schon, nicht wahr?
Zuhause begrüßten mich meine Katzen, dich ich mit frischen Futter versorgte, bevor ich mich ins Bad schleppte. Ich ließ heißes Wasser in die Wanne laufen und tat mein Lieblingsschaumbad dazu. Aus dem kleinen Radio, das auf der Fensterbank stand, drang leise Musik und ich ließ mich ins warme Wasser gleiten.
„Tut das gut“, murmelte ich, als ich den Kopf gegen den Wannenrand lehnte und die Augen schloss. Ich spürte regelrecht, wie sich meine Muskeln wieder entspannten und die Anstrengung von mir abfiel.
Es klopfte an der Badezimmertür. „Kira, bist du im Bad?“, ertönte gedämpft die Stimme meiner Mutter durch die Tür.
„Ja, was gibt es?“, fragte ich und öffnete die Augen wieder.
„Ich habe unsere Nachbarn gerade auf der Straße getroffen. Sie wollen heute auf ein Konzert gehen, aber ihr Babysitter ist abgesprungen. Ich habe ihnen angeboten, dass sie die Kinder zu uns bringen können. Du kümmerst dich doch um die beiden, oder?“
„Meinst du die Zwillingsmädchen von nebenan?“, wollte ich wissen.
„Ja, sie werden um 7 hier sein“, antwortete meine Mutter.
„Klar, ich werde mich um sie kümmern“, gab ich meine Zustimmung und schloss dann wieder die Augen.
„Danke“, war noch alles, was ich hörte, dann entfernte sich meine Mutter vom Badezimmer. So schnell hatte man also einen Babysitterjob. Aber mir machte das ja nichts aus. Immerhin kam ich gut mit Kindern aus und die Zwillingsmädchen hatte ich auch schon kennengelernt. Die beiden waren sehr aufgeweckt, aber ganz süß. Meine Katzen würden wohl von ihnen verwöhnt werden und ansonsten würde mir schon etwas einfallen, womit ich sie beschäftigen konnte. Außerdem würde meine Mutter ihnen sicher ein paar leckere Sachen zaubern.

Freitag 05. April
„Kira, wenn du jetzt nicht aufstehst, komme ich beim nächsten Mal mit einem Eimer kaltem Wasser“, drohte meine Mutter und knallte die Zimmertür hinter sich zu.
Missmutig schob ich die Decke zurück und schwang die Beine über die Bettkante. Bevor ich mit kaltem Wasser geweckt wurde, stand ich doch lieber auf. Den Blick auf die Uhr konnte ich mir sparen, ich wusste, dass ich schon wieder zu spät war. Gestern war aber auch ein aktiver Abend gewesen. Erst hatten sich die Kinder mit meinen Katzen beschäftigt, doch als Filou und Minou genug hatten, waren sie einfach unters Bett gekrochen. Dann hatten die Zwillinge darauf bestanden, dass ich mit ihnen tanzte und waren selbst nach zehn aufeinanderfolgenden Liedern nicht müde geworden.
Ich zog mich rasch um und machte mich kurz frisch, bevor ich in die Küche lief.
Meine Mutter sah mich tadelnd an. „Das Frühstück kannst du jetzt vergessen, du musst sofort los, ansonsten kommst du nicht mehr pünktlich zur ersten Stunde“, sagte sie und stemmte die Hände in die Hüften.
Ich verzog das Gesicht. Mit knurrendem Magen im Unterricht zu sitzen, war nicht unbedingt das, was ich heute brauchte. Ich zog mein Handy heraus und schrieb Kizu-chan, dass ich zu spät kommen würde und sie nicht auf mich zu warten bräuchte.
Ich zog im Flur meine Schuhe an und schulterte meine Tasche, als mein Vater aus der Küche trat. „Hier, damit du mir nicht verhungerst“, erklärte er und hielt mir ein kleines Päckchen hin. Der Form zufolge, war es ein kleines Sandwich, eingewickelt in Folie.
Sofort bedankte ich mich und drückte meinem Vater einen Kuss auf die Wange, ehe ich das Haus verließ. Das Brot konnte ich auf dem Weg essen und musste dann nicht mit knurrendem Magen im Unterricht sitzen.
Ich verschlang schnell das Sandwich und beeilte mich dann, zur Schule zu kommen. Zuerst ging ich nur schnell, dann fing ich doch an zu rennen. Es würde knapp bis zur ersten Stunde werden und wie ich Kizuna kannte, würde sie trotzdem vor dem Tor auf mich warten. Ich wollte nicht schuld an ihrem Zuspätkommen sein.
Abgehetzt kam ich bei der Schule an und bog schnell um die Ecke. Wie erwartet, stand Kizuna noch da.
„Guten Morgen, Schlafmütze“, begrüßte sie mich, gefolgt von einer Drohung. „Ab Montag gibt es einen Weckruf, meine Liebe!“
Entsetzt riss ich die Augen auf. „Bitte nicht. Es reicht schon, wenn meine Eltern mir jeden Morgen mit dem schlimmsten drohen“, erklärte ich und schüttelte mich, bei dem Gedanken, dass mir heute fast kaltes Wasser gedroht hätte.
„Das müsste ich nicht wenn du mal pünktlich wärst.“
„Du wirst mir garantiert ins Ohr schreien oder sonst irgendetwas. Aber selbst wenn du mir etwas vorsingen würdest, würde ich dem Weckruf nicht zustimmen. Außerdem gibt es einen Grund, warum ich heute noch später als sonst bin“, erklärte ich. Ich begab mich ins Schulgebäude, um noch rechtzeitig ins Klassenzimmer zu kommen. Kizu-chan folgte mir.
„Na dann lass mal hören du weißt ja ich liebe Geschichten.“
„Wir hatten gestern Besuch von den Zwillingen aus unserer Nachbarschaft. Ich habe den ganzen Abend als Babysitter verbracht und musste mit den Mädchen tanzen. Und die haben Unmengen an Energie. Und mit Unmengen meine ich Unmengen.“ Ich deutete mit den Händen einen großen Umfang an. „Ein Wunder, dass ich keinen Muskelkater habe.“
„Oh dann war das Training noch nicht hart genug. Das ist gut!“ Ein boshaftes Grinsen trat auf Kizunas Lippen und ich verzog sofort das Gesicht.
Wir kamen beim Klassenzimmer an und gingen an unsere Plätze. Kaum, dass wir uns gesetzt hatten, kam auch schon der Lehrer herein. Er wurde von einem Jungen begleitet, der freundlich lächelnd vorne stehen blieb.
„Guten Morgen Schüler, heute bekommt ihr einen neuen Mitschüler. Stell dich bitte vor.“
Der Junge wandte sich an die Klasse. „Ich heiße Himuro Tatsuya, bin 16 Jahre alt und komme gerade aus Amerika. Ich liebe Basketball.“ Ein weiteres Lächeln folgte und ich konnte regelrecht sehen, wie die meisten Mädchen der Klasse dahinschmolzen.
Zugegeben, er sah wirklich nicht schlecht aus und er hatte ein süßes Lächeln, aber ich würde mich da keinen Tagträumereien hingeben. Vermutlich war er mir vom Charakter her sehr ähnlich. Stets freundlich und ein Lächeln auf dem Gesicht. Er würde einigen Mädchen das Herz brechen, auch wenn er es auf eine diplomatische Art und Weise tun würde.
Sein letzter Satz hatte mich aber doch zum Schmunzeln gebracht. Er liebte Basketball? Das würde wohl bedeuten, dass er in der Schulmannschaft spielen würde, wenn er gut war.
Ich drehte mich halb zu Kizuna um. „Wenn der in die Mannschaft der Jungs kommt, werden sich Barbie und der Rest nicht mehr auf das Spiel konzentrieren können“, zischte ich ihr zu.
„Kannst du Gedanken lesen das hab ich auch gerade gedacht“ fragte Kizu-chan.
Der Junge ging nach hinten zu seinem Platz und die Blicke der Mädchen folgten ihm. Ein leises Seufzen ging durch die Reihen und ich verdrehte kurz die Augen. Dann richtete ich meine Aufmerksamkeit wieder auf den Lehrer, der mit dem Unterricht begann.
Als es zur Pause klingelte, verließ ich gemeinsam mit Kizu-chan den Raum.
„Lass uns heute nach der Schule ins Schwimmbad gehen, dort spielen wir dann Wasserbasketball“, schlug sie vor.
Ich warf ihr einen erstaunten Blick zu, dann zuckte ich mich den Schultern. „In Ordnung“, gab ich meine Zustimmung.
„Ich glaube, wir müssen uns auch einen anderen Stil ausdenken, Kira. Alle unsere Members kennen unsere Spielweise. Ich arbeite gerade an vier neuen Shoots“, fügte sie noch hinzu.
„Das sagst du so einfach, ich kann nicht viel mehr außer Stealen und Passen“, gab ich resigniert zurück und ließ die Schultern hängen. Wenn ich die anderen überraschen wollte, müsste ich plötzlich extreme Fähigkeiten im Werfen erreichen.
„Hey du da, warte mal“, rief plötzlich jemand hinter uns.
„Sie heißt Nari-chin“, erklärte jemand, dessen Stimme äußerst verdächtig nach Murasakibara-kun klang.
Kizuna drehte sich mit einem wütenden Gesichtsausdruck um. Ich tat es ihr gleich, wenn auch nicht so wütend wie sie.
„Was gibt es?“, wollte Kizu-chan wissen.
„Ich bin Himuro, dein Shoot heute früh war echt klasse“, lobte der Neue meinen ehemaligen Cäpt’n.
„Danke für die Blumen. Kira, wir gehen“, erwiderte Kizu-chan und zog an meinem Arm, um mich zum Weitergehen zu bewegen.
„Warte doch mal. Spielst du Basketball? Wir wollen nach der Schule ein bisschen spielen“, meinte er. Mit wir meinte er wohl Murasakibara und sich selbst. Ich musterte das Wunderkind. Er stand wie üblich teilnahmslos daneben und schien nicht unbedingt interessiert  zu sein.
„Ja, wir spielen Basketball. Wir sind Mitglieder der Yosen Basketballmannschaft. Ihr wollt also spielen? Hm, was meinst du dazu, Kira?“, antwortete Kizuna und sah mich fragend an.
Tja, wir waren Mitglieder der Basketballmannschaft, wenn auch nur auf der Bank, schoss es mir durch den Kopf, doch dann nickte ich.
„Klar, wieso denn nicht? Ist doch auch Training für uns“, gab ich meine Zustimmung.
„Ok. Zwei zu zwei. Kira, du weißt, was du tun musst“, bestimmte Kizuna und ich nickte.
„Klar, das kriege ich schon hin“, grinste ich und band meine Haare zu einem Zopf. Gott sei Dank hatte ich immer ein Haargummi um mein Handgelenk geschlungen.
Wir begaben uns zu einem Platz und holten einen Ball hervor. Ganz der Gentleman überließ Himuro uns den ersten Angriff. Ein Fehler, denn Kizunas Shoots waren wirklich klasse. Als sie gegen Murasakibara ihren Spezialshoot anwandte, würde er etwas wütend. Erst recht noch, als er bemerkte, dass er mit ihrer Wendigkeit nicht mitkam.
Meine Aufgabe war es, Himuro zu blocken. Er war wirklich gut, doch er unterschätzte mich. Zumindest am Beginn. Als er bemerkte, dass ich mich nicht von Fakes täuschen ließ, strengte er sich noch mehr an. Trotzdem schaffte ich es, ihm ab und an den Ball abzunehmen und weiter zu Kizuna zu passen.
Zum Schluss stand es aber dennoch 120:60 für die beiden Jungs. Murasakibara war nach etwa der Hälfte des Spiels in die Offensive gegangen und gegen den Riesen kamen wir einfach nicht an.
„Mist, verloren“, fluchte Kizuna und pfefferte den Ball gegen den Zaun. Ich öffnete den Mund, um sie zu beruhigen, doch außer Keuchen brachte ich nicht mehr zusammen. So viel zu meiner Kondition. An der musste ich wohl noch arbeiten. Aber auch die Jungs atmeten schwer.
„Du bist voll klasse“, wandte Himuro sich an mich. Ich sah ihn etwas überrascht an und spürte, wie meine Wangen heiß wurden.
„Danke“, erwiderte ich und strich mir eine gelöste Haarsträhne aus meinem Gesicht.
„Kira, das Training fällt heute aus“, meinte Kizuna und wir schleppten uns unter die Duschen.
„Himuro ist gut. Auch wenn er ein schwarzhaariges Kise-Imitat ist“, sagte Kizuna.
„Ja, es ist gut. Vor seinen Fakes müssen sich die anderen in Acht nehmen“, erwiderte ich und löste meine Haare aus dem Zopf.
„Hm, was machst du morgen? Ich glaube, ich werde mal die Stadt unsicher machen“, fragte Kizu-chan.
„Ich weiß noch nicht, ich denke, das überlege ich mir morgen spontan“, antwortete ich. „Womöglich werde ich mich auch in der Stadt umsehen.“
Als wir die Halle verließen, war es draußen bereits dunkel geworden. Überraschenderweise warteten die beiden Jungs noch vor dem Eingang auf uns.
„Warum steht ihr hier rum?“, fragte Kizuna.
„Mädchen sollten nachts nicht allein nach Hause gehen. Wir bringen euch nach Hause“, meinte Himuro lächelnd.
Ich zog eine Augenbraue hoch. So spät war es nun auch nicht, dass man uns nicht mehr alleine herumspazieren lassen konnte. Da sah auch Kizuna so, denn sie protestierte: „Ist nicht nötig.“
„Nari-chin kommt mit mir“, bestimmte Murasakibara einfach.
„Dann geh ich mit Kira“, folgerte Himuro.
„Haben wir auch noch was zu sagen?“, fragte ich etwas überrumpelt. Doch meine Frage wurde einfach überhört.
Kizuna und ich tauschten einen verzweifelten Blick, doch da wurden wir auch schon von den Jungs getrennt. Ich konnte ihr gerade noch zuwinken, dann war sie auch schon wieder aus meinem Blickfeld verschwunden.
„Wo müssen wir denn lang?“, fragte Himuro-kun mich und holte mich wieder zurück aus meinen Gedanken.
„Oh, ähm. Da lang“, erwiderte ich und deutete in die richtige Richtung. „Du musst mich aber nicht nach Hause bringen. Ich nehme mal an, dass du nicht in bei mir in der Nähe wohnst.“ Meinen Blick richtete ich auf den Gehsteig, um ihn nicht ansehen zu müssen.
„Ach, das ist kein Problem, ich mache das gerne“, wehrte Himuro-kun ab.
Dann gingen wir schweigend nebeneinander her. Die Stille war nicht unbedingt unangenehm, doch ich wünschte mir, ich würde irgendetwas sagen können. Himuro-kun schien das allerdings nichts auszumachen, er schlenderte mit einem Lächeln neben mir her.
Als wir in meine Straße einbogen, kamen die beiden Zwillingsmädchen mit ihren Eltern auf uns zu. „Kira“, riefen die beiden aufgeregt im Chor und liefen auf mich zu. „Wir waren den ganzen Nachmittag auf dem Spielplatz.“ Sie zupften aufgeregt an meiner Jacke herum. Dann erst schienen sie Himuro zu bemerken und musterten ihn mit großen Augen. „Ist das dein Freund? Er ist hübsch“, wollten sie dann einstimmig wissen.
Erschrocken riss ich die Augen auf und öffnete den Mund, um zu widersprechen, doch kein Ton kam über meine Lippen. Ich blickte zu ihren Eltern, die uns aus kurzer Entfernung belustigt beobachten, dann zu Himuro-kun.
Dieser ging in die Hocke und grinste die Zwillinge an. „Ich bin nur ein Klassenkamerad von Kira-chan, der sie nach Hause gebracht hat“, erklärte er in einem freundlichen Tonfall. Dass er einfach meine Vornamen benutzte, obwohl wir uns erst seit heute kannten, wunderte mich zwar, doch ich sagte nichts dazu.
„Kommst du jetzt öfter?“, wollten die Zwillinge wissen.
Himuro warf mir einen kurzen Blick zu und zuckte mit den Schultern. „Mal sehen, das hängt nicht von mir ab“, erwiderte er und wuschelte den Mädchen durch die Haare. Dann zwinkerte er mir zu.
„Kira, mach, dass er öfter kommt“, bestimmten die Zwillinge und sahen mich mit großen Augen an. So kriegten sie mich normalerweise immer klein. Am liebsten wäre ich jetzt im Erdboden versunken und wandte den Blick ab, damit niemand meine roten Wangen nicht sah.
Die Zwillinge wurden von ihren Eltern gerufen, worauf sie uns einen schönen Abend wünschten und auch ich verabschiedete mich schnell von Himuro-kun. Ich schloss die Tür hinter mir und lehnte mich mit dem Rücken dagegen. „Gott, warum passieren solche Sachen immer mir?“
Mein Handy meldete eine SMS und ich warf einen Blick auf den Bildschirm. Kizuna wollte wissen, ob ich gut angekommen war. Schnell schrieb ich zurück:
>>Ja, bin gut angekommen. Hatte aber noch eine peinliche Begegnung mit unseren Nachbarn, auf die ich verzichten hätte können.<<

Samstag 06. April

Samstag. Endlich ein Tag, an dem ich nie zu spät aufstehen würde. Am Wochenende konnte man zum Glück ausschlafen und hatte keine Verpflichtungen. Ja, Samstag und Sonntag waren eindeutig die liebsten Tage des Wochenendes.
Ich schlüpfte in ein bequemes Outfit, bestehend aus einer engen Jeans und einem schlichten Top. Meine langen Haare flocht ich zu einem Fischgrätenzopf, der mir locker über die linke Schulter fiel.
Meine Eltern saßen noch am Frühstückstisch, der heute mal reichlicher gedeckt war. Am Wochenende hatten wir eben alle mehr Zeit.
„Ohayo“, begrüßte ich sie fröhlich und setzte mich an meinen üblichen Platz.
Mein Vater musterte mich und zog eine Augenbraue hoch. „Was verschafft dir heute so gute Laune? Haben wir etwas verpasst?“, fragte er.
„Vielleicht hängt das mit dem Jungen zusammen, der sie gestern nach Hause gebracht hat“, warf meine Mutter mit einem breiten Grinsen ein. Sie zwinkerte mir zu und ich spürte, wie ich wieder rot anlief.
Ich verneinte hastig und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Wenn ihr’s wissen wollt, heute hat Kizu-chan Geburtstag und ich habe vor, mit ihr einen kleinen Einkaufsbummel zu machen. Wir würden auch an deiner Boutique vorbeikommen“, erklärte ich schnell und sah meiner Mutter an.
„Wenn sie sich ein Kleidungsstück findet, lass es auf mich anschreiben, dann kostet es nur noch die Hälfte“, bot meine Mutter sofort an, was ich dankend annahm.
„Ich kann dich zu Kizuna bringen, wenn du möchtest. Ich muss sowieso noch ins Autohaus“, fügte mein Vater hinzu. Auch dieser Vorschlag wurde sofort von mir angenommen.
Wenig später saß ich auch schon mit meinem Vater im Wagen. Ich hatte mir noch meine neuen Stiefeletten aus dem Schrank gesucht und eine schwarze Lederjacke über das Top angezogen. Meine Sachen, die ich heute brauchen würde, hatte ich in eine Umhängetasche gesteckt und summte gut gelaunt die Melodie nach, die im Autoradio gespielt wurde.
„Wir sind da“, holte mein Vater mich kurze Zeit später aus meinen Gedanken. „Wenn ich dich abholen soll, melde dich bei mir!“
Ich bedankte mich noch schnell bei ihm und sprang aus dem Auto. Schnell klingelte ich bei Kizuna und wartete darauf, dass sie mir die Tür aufmachte. Kaum war die Tür offen, lächelte ich sie breit an. „Alles Gute zum Geburtstag“, wünschte ich ihr und holte eine Schachtel ihrer Lieblingspralinen hervor, um sie ihr zu überreichen. „Mach dich fertig, ich hab was vor mit dir!“
„Oh was denn?“, fragte Kizu-chan neugierig wie eh und je.
„Wir gehen in die Stadt, shoppen. Also mach dich fertig“, bestimmte ich und verschränkte etwas ungeduldig die Arme vor der Brust. „Ich warte solange hier!“
„Ich bin gleich da“ meinte Kizuna und lief schnell zurück in ihr Zimmer.
Wenig später waren wir auch schon auf den Weg in die Stadt. „Erst gehen wir shoppen, dann können wir ja noch ein Eis essen oder wenn ein guter Film läuft, ins Kino gehen“, plapperte ich vor mich hin. „Also, das sind nur Vorschläge. Als Geburtstagskind darfst du natürlich entscheiden!“
„„Eis essen und dann Shopping. Mein Vater hat mir Basketball schuhe geschenkt. Cool, oder?“
„Tja, heute bin ich topmotiviert, also bin ich für alles offen. Außer vier Stunden durchgehendes Training“, stellte ich klar und grinste Kizu-chan breit an.
Als Erstes schleppte ich sie in die Boutique, in der auch meine Mutter arbeitete. „Ohayo“, begrüßte ich die anderen Verkäuferinnen, die heute arbeiteten. Alle Mitarbeiter kannten mich, weswegen sie fröhlich zurückgrüßten. Ihr Lächeln wirkte echt und nicht so aufgesetzt, wie sonst immer. „Such dir was aus“, wandte ich mich an Kizu-chan. „Ist noch ein kleines Geburtstagsgeschenk von mir.“ Ich machte eine ausschweifende Bewegung über die Auswahl des Ladens.
„Echt alles?“, wollte Kizuna etwas ungläubig wissen. Ihre Augen waren groß geworden.
„Du kannst dir wirklich aussuchen, was du willst. Durch meine Mutter ist ein 50 % Rabatt drinnen“, erklärte ich und lächelte eine der anderen Verkäuferinnen zuckersüß an, als sie mich überrascht musterte. Die junge Frau schmunzelte und nickte dann aber zustimmend.
Während Kizu-chan sich in der Boutique umsah, ließ ich mir die Dinge zeigen, die meine Mutter für mich auf die Seite legen hatte lassen. Das tat sie öfter, wenn sie meinte, dass mir etwas aus den neuen Kollektionen gefallen könnte.
„Nein… Eher nicht… Das auch nicht“, kommentierte ich die Sachen, während ich sie durchwühlte. Nur ein Pullover mit Aufdruck weckte mein Interesse. Ich probierte ihn rasch an und ließ ihn mir dann einpacken.
„Hast du was gefunden, Kizu-chan?“, rief ich dann quer durch den Laden. Ich hatte sie aus den Augen verloren, deswegen nahm ich an, dass sie in die Umkleidekabinen gegangen war. Abwartend lehnte ich mich an die Theke und spielte mit der Tasche in meiner Hand, in die mein Einkauf gepackt worden war.
„Ja, die Jacke hier ist ein Traum, die muss ich haben“, erklärte Kizu-chan, als sie um die Ecke geschlendert kam. Sie hielt eine schicke, violette Jacke in den Händen.
„Stimmt, die sieht wirklich gut aus“, stimmte ich ihr zu und nahm ihr die Jacke ab, um sie für sie zu bezahlen. Immerhin wollte ich ihr die ja noch zum Geburtstag schenken. Ich zahlte und hielt ihr dann die Tüte hin. „Bitteschön“, sagte ich. „Und jetzt gehen wir Eis essen, bevor wir den Shoppingtrip fortsetzen!“
Gesagt, getan. Zum Glück war in der Nähe ein Eissalon, der nicht nur sein Eis selbst produzierte, sondern auch die schrägsten Eisbecherkombinationen zusammenstellte. Ich selbst war ja nicht so experimentierfreudig, aber auch die „gewöhnlichen“ Eisbecher waren nicht zu verachten.
Kizu-chan und ich saßen uns gegenüber und vertieften uns erst einmal in die Karte, die uns ein Kellner freundlicherweise gereicht hatte. Die Auswahl war riesig und ich hatte Probleme damit, mich zu entscheiden.
„Ich denke, ich nehme den Triple-Chocolate-Becher und ein Glas Wasser, bitte“, bestellte ich schließlich, als der Kellner wieder zurückkam und erwartungsvoll seinen Block zückte, um alles zu notieren.
„Ich nehme einen Erdbeer-Vanille Becher und eine heiße Schokolade“, bestellte Kizuna.
Der Kellner nickte und sammelte die Karten wieder ein. Mit dem Versprechen, dass unsere Bestellung gleich kommen würde, verschwand er. Ich stützte mein Kinn auf meiner Handinnenfläche ab und pustete mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Als mir etwas einfiel, schlich sich ein breites Grinsen auf meine Lippen.
„Erzähl mal, wie war es von Murasakibara-kun nach Hause gebracht zu werden?“, wollte ich wissen und zog dabei eine Augenbraue in die Höhe. Dazu beugte ich mich etwas weiter nach vorne, damit ich auch ja alles mitbekam.
„Wir sind Zug gefahren und du weißt ja wie gerne ich das mache. Er hat eigentlich kaum geredet naja was solls.“ Kizuna wirkte nicht gerade begeistert.
Ich grinste nur über ihre Antwort und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Leider wollte sie auch wissen, was bei mir vorgefallen war: „Und bei dir? Hat es dir gefallen von einem so hübschen Jungen begleitet zu werden?“ Schließlich hatte ich ja nichts Genaueres in meiner SMS erwähnt.
„Tja, die Zwillinge sind uns mit ihren Eltern entgegen gekommen und die beiden haben sich natürlich gleich auf mich gestürzt. Und als sie Himuro-kun bemerkt haben, wollten sie natürlich sofort wissen, ob er mein Freund ist“, erzählte ich die Geschichte in der Kurzfassung. „Er hat dann gesagt, dass er nur ein Klassenkamerad ist und jetzt wollen die Zwillinge, dass er öfter kommt, weil sie ihn hübsch finden. Und dafür soll natürlich ich sorgen.“
„Na dann weißt du ja was du tun musst. Himuro und Kira ach Liebe auf den ersten Blick“, spöttelte Kizu-chan mit einem schelmischen Grinsen.
Meine Reaktion war es, den Kopf zur Seite zu legen und ihr einen „Ja, nee, ist klar“-Blick zuzuwerfen. Also einen Mundwinkel ironisch hochgezogen und leicht mit dem Kopf genickt. Als ich mir die Geschichte noch einmal durch den Kopf gehen ließ, fiel mir auf, wie lächerlich sie eigentlich war und meine Lippen kräuselten sich, während ich krampfhaft versuchte, nicht selbst loszulachen. Die beiden Mädchen waren einfach zu süß und naiv.
Die Eisbecher kamen und ich tauchte sofort meinen Löffel in die Variation aus Schokoladeneis. Weiße Schokolade, Vollmilchschokolade und dazu noch ein Schoko-Cookie-Eis, die perfekte Mischung, noch dazu mit Schokoladensoße und ein paar Streuseln.
„Gibt’s was Besseres als Eis an freien Tagen?“, murmelte ich, eher zu mir als zu jemand anderem.
„Stimmt auffällig, ich bin echt froh mit dir auf Yosen zu sein. Hätte mir echt nichts Besseres wünschen können“, gab Kizuna zurück und ich musste lächeln. Hätte ich den Mund nicht mit Eis voll gehabt, hätte ich ihr auch eine Antwort gegeben.
Nach dem Zwischenstopp beim Eissalon ging die Shoppingtour weiter. Wir durchforsteten alle Läden nach Klamotten, die uns gefielen, probierten aber auch die unmöglichsten Kreationen an. Mit solchen Kleidern würde ich vermutlich nie an die Öffentlichkeit gehen.
Später am Nachmittag warf ich einen Blick auf die Uhr. „Ich glaube, ich muss jetzt langsam mal los“, erklärte ich und sah Kizu-chan entschuldigend an. „Ich hoffe, es macht dir nichts aus, dass wir unsere Shoppingtour jetzt unterbrechen müssen.“
„Ne das geht in Ordnung, ich habe mich riesig gefreut“, erwiderte Kizuna.
„An deinem nächsten Geburtstag entführe…“ Ich malte Anführungsstriche um das „entführen“. „… ich dich einfach wieder. Aber da lasse ich mir dann was anderes einfallen. Es sei denn, du hast dann etwas anderes vor. Man weiß ja nie, was im nächsten Jahr passiert.“
„Na ja so viel passiert nun auch wieder nicht Kira-chan.“
Wir verabschiedeten uns voneinander, wobei ich ihr noch einen schönen Geburtstag wünschte und gingen dann in entgegengesetzte Richtungen nach Hause. Ich schwang die Tüten mit meinen Einkäufen fröhlich neben mir her und betrachtete beim Nachhause gehen noch ein bisschen die Schaufenster.
Zuhause erwartete mich bereits das Abendessen und dann bestand meine Mutter auf eine gemeinsame Filmnacht. Ich willigte widerstrebend ein. Wenn bei uns Filme geschaut wurden, endete das meistens nur in einer Diskussion. Meine Mutter tendierte nämlich dazu, alle Szenen des Filmes zu kommentieren. Wohingegen mein Vater und ich eher ruhig zusahen und erst hinterher diskutieren. Dazu kamen noch unsere unterschiedlichen Filmgeschmäcker. Es gab kaum einen Film, den wir uns alle drei gerne ansahen.
Wie erwartet, startete die Diskussion schon bei der Auswahl des Filmes. Genervt lehnte ich mich auf der Couch zurück. Das konnte ja noch heiter werden…

Sonntag 07. April

Sonntag war für mich ein Tag, mit dem ich mich nicht so wirklich anfreunden konnte. Ich hatte zwar frei, aber ich wusste einfach, dass ich morgen wieder in die Schule musste.
Den Großteil des Vormittags verbrachte ich damit, in meinem Bett zu liegen und mit meinen Katzen zu kuscheln. Obwohl wir ihnen eine eigene kleine Ecke in unserem Wohnzimmer eingerichtet hatten, blieben sie lieber bei mir im Zimmer.
Sonntag war außerdem der Tag, an dem ich meistens zuhause in der Jogginghose herumhing. Ich ging nur im äußersten Notfall vor die Tür – das war mein Motto heute zumindest.
Erst kurz vor dem Mittagsessen setzte ich mich mal an meinen Schreibtisch und erledigte meine Hausaufgaben. Ich war in der Schule immer guter Durchschnitt gewesen, zu meinen Topfächern zählten aber vermehrt Sprachen und Geschichte. Wenn es um Zahlen ging, brauchte ich länger, um etwas zu kapieren, dann aber saß es meistens.
Seufzend legte ich den Stift weg und schüttelte den Kopf. Diese Mathematikformeln wollten einfach nicht in meinen Kopf. Nachdenklich tippte ich mit den Fingern auf meinem Schreibtisch herum und stützte meinen Kopf in die andere Hand.
Immer wieder wanderten meine Augen über die Angabe, doch auch nach einer halben Stunde konnte ich nichts damit anfangen. Im Gegenteil, wenn ich glaubte, dass ich auf dem richtigen Weg war, verkomplizierte sich die ganze Sache nur noch.
Missmutig verzog ich mein Gesicht und schob den Stuhl zurück. Mit dem Buch und dem Block in der Hand machte ich mich auf ins Arbeitszimmer meines Vaters. Wenn der mir die Aufgabe nicht erklären konnte, dann war ich verloren und würde wohl die Hausaufgabe abschreiben müssen.
„Hättest du kurz Zeit für mich?“, fragte ich, nachdem ich – gut erzogen, wie ich war – an seine Tür geklopft hatte.
Mein Vater blickte von seinen Unterlagen auf und musterte mich erst einmal, bevor er nickte. „Was ist los?“
„Mathematik ist los. Ich verstehe die Aufgabe nicht und sie alleine trennt mich noch von fertigen Hausaufgaben“, erklärte ich und hielt ihm das Buch unter die Nase.
„Hat das noch Zeit bis nach dem Mittagessen?“, wollte mein Vater wissen, nachdem er sich die Angabe durchgelesen hatte.
„Im Prinzip schon, aber ich hätte es lieber jetzt gleich erledigt“, erwiderte ich und zog einen weiteren Stuhl heran, um mich neben meinen Vater zu setzen.
Geduldig wie er war, erklärte er mir die Aufgabe Schritt für Schritt und das eine geschlagene Stunde lang. Man sagt ja, aller guten Dinge sind drei, oder? Denn ich brauchte drei Versuche, bis ich es dann doch kapiert hatte und die Aufgabe richtig war. Zwischendurch waren wir mal Mittagessen, aber die Zeit habe ich nicht mitgezählt.
Mit dem festen Vorsatz, noch so ein Beispiel zu üben, ging ich zurück in mein Zimmer. Doch dieser Vorsatz war genauso schnell wieder dahin, wie er gekommen war. Ich hatte schlicht und ergreifend einfach keine Lust mehr und schrieb meine beinahe unleserlichen Notizen noch einmal schön ab, ehe ich das gesamte Schulzeug zur Seite räumte.
Stattdessen nutzte ich den restlichen Tag, um mein Zimmer noch zu dekorieren. Nach unserem Umzug war ich noch nicht dazu gekommen, weswegen ich es jetzt nachholte. Zuerst wurden die Fotos, die ich mit meinen Freundinnen gemacht hatte, im Zimmer aufgestellt, dann noch ein paar Kerzen – ich stand total auf Duftkerzen – und ein weitere Kleinigkeiten, die ganz hübsch aussahen.
Auf mein Fensterbrett stellte ich eine kleine Topfpflanze, die nicht viel Wasser brauchte. Ich vergaß nämlich zu oft auf das Gießen, weswegen normale Zimmerpflanzen nicht auf längere Zeit überlebten. Tja, ich hatte wohl einfach keinen grünen Daumen.
Als ich das nächste Mal auf die Uhr blickte, waren einige Stunden vergangen und draußen ging bereit die Sonne unter. Rasch schlüpfte ich noch unter die Dusche und zog mir einen kuscheligen Pullover zur Jogginghose an, dann setzte ich mich wieder an meinen Schreibtisch.
Mein nächster Schritt war es, meinen PC hochzufahren. Schließlich wollte ich ja heute noch mit meinen Teiko Mädels chatten.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast