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Im Schatten einer Generation von Wundern

von lenne87
MitmachgeschichteAllgemein / P12 / Gen
17.11.2014
11.08.2015
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17.11.2014 14.178
 
Point of view: Yan Sasha Theia Dreyszas

-Montag, 1 April 2014 -

<<Schweigend sind Menschen miteinander im Einklang. Jedes Wort kann zuviel sein, denn in der Stille wird vernehmbar, was Worte nicht sagen können. >>

Wäre mein Wecker nicht mein Handy gewesen hätte ich es wohl genommen und aus dem geschlossenen Fenster katapultiert. Dies hätte aber eine zerbrochene Fensterscheibe und dauerhaftes auf mich Eingerede seitens O bāchan zufolge, weswegen ich den Drang das Ding zu packen um es gewaltsam zum Schweigen zu bringen schlussendlich dann doch verwarf und mich dazu durchrang schweren Herzens aufzustehen.
Eigentlich war ich diese Nacht gar nicht so lange auf gewesen, war der Himmel doch mehr als wolkenverhangen gewesen, was meine Laune nur sinken gelassen hatte. Doch das war noch nicht das Schlimmste.
Viel schlimmer war, dass heute nicht nur Montag war, nein. Heute fand auch noch diese verblödete Eröffnungszeremonie an meiner neuen Schule statt.
Schwermütig zog ich mich an, machte mich zurecht und verließ dann ohne weiteres das Haus um eine Runde joggen zu gehen. Das war seit meiner Zeit mit Kaoru als Coach mein morgendliches Ritual, welches sich aber als äußerst hilfreich erwiesen hatte.
Nach ungefähr eineinhalb Stunden kehrte ich nach Hause zurück, sprang unter die Dusche, schminkte mich und zog meine neue Schulkleidung an, um danach endgültig das Haus zu verlassen um meinen Weg in die Schule antreten zu können.
Menschenmassen strömten auf das Schulgelände zu und ich verzog das Gesicht, ehe ich es zwangsweise ebenfalls betrat.
Auch wenn ich für diese Feier genauso viele Ambitionen hatte wie für das Ansehen von Horrorfilmen – genau, nämlich gar keine – kam das Fernbleiben von der Schule für mich dennoch nicht in Frage, war ich doch schon immer ein ziemlich pflichtbewusster Mensch gewesen, der die Wichtigkeit seiner schulischen Laufbahn erkannte und unter anderem zu einer seiner Prioritäten machte.

<<Wähle einfach und frei das Bessere und halte Dich daran >>

Überall standen ältere Schüler, die die Neuzugänge für ihre Clubaktivitäten begeistern wollten. Auch vor mir machten diese skrupellosen Wesen nicht halt, obwohl ich mich schon darum bemühte so abweisend wie möglich zu wirken. Obwohl ich mir hatte sagen lassen, dass ich mich dafür nicht sonderlich anstrengen brauchte.
„Willst du nicht dem Schwimmclub beitreten?“, ein groß gewachsenes Mädchen zupfte mir am Ärmel herum. „Du scheinst gut in Form zu sein, solche Mädels wie dich können wir gut gebrauchen“, brabbelte sie wie ein Wasserfall und ich hob die Braue. „Kein Interesse“, lehnte ich ab und wandte mich sofort zum Gehen um, damit sie nicht noch weitere Versuche unternehmen konnte mich für ihren dämlichen Paddelclub anzuwerben.
Ich hatte dieses 'Angebot' aufgrund zweier Gründe abgelehnt. Erstens wusste ich schon längst, welchem Club ich beitreten wollte, zweitens – und diesen Grund hätte ich niemals angesprochen, unter anderem weil sie mich dann wahrscheinlich um jeden Preis dabei haben wollte, weil es dann ja jemanden geben würde, der von ihr abhängig war - weil ich schlicht und ergreifend nicht dazu in der Lage war zu schwimmen. Ich hatte es nie gelernt und ich sah es nicht als notwendig an dieses 'Versäumnis' nachzuholen. Wenn ich Wasser um mich herum haben wollte, konnte ich auch genauso gut duschen oder baden gehen. So einfach war das Ganze.
„Ich verstehe gar nicht wieso keiner kommt um sich einzuschreiben“, wetterte ein Mädchen lautstark. „Basketball ist eben kein sehr beliebter Sport bei Mädchen“, entgegnete eine andere und ich wandte mich in die Richtung aus der ich meinte die Stimmen vernommen zu haben. Das war meine Anlaufstelle.
Ich setzte mich auf den Stuhl, der den Beiden gegenüber stand.
„Es sei denn sie können heiße, männliche, vor sich hin schwitzende Spieler beobachten und vor sich hin quieken wie die Meerschweinchen“, murrte ich. „Denn Fakt ist, dass die Fangirls das Gaffen der eigenen Bewegung vorziehen“, führte ich meine Ausführungen über glotzende und kreischende Fangirls, die bei einem Lächeln eines der jungen, durchtrainierten Männer reihenweise in Ohnmacht fielen, zu ende.
Das Mädchen mit dem Braunen Haar grinste von einem Ohr zum Anderen. „Akihara Mai aus dem dritten Jahr“, sie nickte mir zu. „Ich bin die Managerin des Mädchenbasketballclubs dieser Schule und warte sehnsüchtigst auf neue Mitglieder, die sich hier ziemlich rar zu machen scheinen“, um ihre Worte zu untermalen sah sich sich weitläufig auf dem überfüllten Schulhof um. Ich hasste Menschenansammlungen. Dieses Herumgeschubse war wirklich nicht die feine, englische Art.
„Und du interessierst dich für Basketball?“, fragte sie unnötigerweise und ich hob die Braue. „Würde ich sonst hier sitzen?“, stellte ich eine Gegenfrage zur Antwort und diesmal lachte sie.
„Du passt ins Team wie Arsch auf Eimer, meine liebe“, sie schob mir ein Formular über den Tisch unter die Nase.
„Füll das aus und komm morgen nach dem Unterricht direkt zum Training“, ich nahm mir einen Stift und begann den Wisch auszufüllen.
Ich musste meinen Namen, mein Alter und einen Grund für meinen Eintritt angeben.
Ernsthaft? Aber ohne mich großartig zu beschweren klatschte ich ihnen ein paar Wörter in dieses Feld. Dann schob ich ihnen den Zettel wieder zu und erhob mich.
„Teiko Mädchenmannschaft?“, las die Managerin laut vor. „Die Teiko mit den Wunderkindern?“, ich drehte mich um um zu gehen und hob ohne mich noch einmal umzublicken die Hand zum Abschied.

Die Eröffnungszeremonie war unheimlich langweilig. Ich saß irgendwo ganz hinten und hörte mehr schlecht als recht zu. Ich schob meine Brille zurecht und verschränkte die Arme vor der Brust.
Sie älteren Schülerinnen und Schüler führten hier und da etwas auf und irgendwie kam ich mir ein wenig verarscht vor, da die kleinen Sketche, die sie dort oben aufführten, irgendwie kindisch waren. Wäre ich unhöflich, wäre ich einfach gegangen, doch ich war einfach zu gut erzogen, als dass ich mich jetzt einfach erheben konnte um eine Schulveranstaltung zu verlassen. Also hielt ich strikt bis zum Ende durch, nur um nach der Ansprache des Schuldirektors und einem Abschlusslied als erste die Aula der Schule fluchtartig zu verlassen um so schnell es nur ging nach Hause zu gehen.

<<Nicht der Mensch hat am meisten gelebt, welcher die höheren Jahre zählt, sondern derjenige welcher sein Leben am meisten empfunden hat.>>

- Dienstag, 2. April -

Griesgrämig vor mir hin murrend begab ich mich am Dienstag aus dem Bett. Zu gerne hätte ich mich noch einmal umgedreht und einfach den Fakt ignoriert, dass ich ab dem heutigen Tag eine neue Schule besuchen würde. - Der gestrige Tag zählte für mich im Übrigen nicht, da er doch ziemlich unwichtig gewesen war -
Die Zeit der Ruhe und – des mehr oder minder – inneren Friedens war viel zu schnell vorüber gezogen und zum zweiten Mal innerhalb kürzester Zeit fragte ich mich wo nur die Zeit geblieben war, die so rasend schnell an mir vorbei zog, als befände ich mich in einem Zeitraffer. Angenervt von allem möglichen schlurfte ich ins Bad und sprang erst einmal unter die Dusche um richtig wach zu werden.
Ich ließ das warme Wasser auf mich herunter rieseln, lehnte mich gegen die kühlen Fliesen der Dusche und schloss die Augen, dachte an mein warmes Bett und die Unannehmlichkeiten, die auf mich zukommen würden, wenn ich meinen Fuß auf die Straße setzen würde.
Es war nicht so, dass ich Menschen nicht mochte. Es war nur so, dass die meisten meiner Mitbürger eine unangenehme Präsenz besaßen, zudem eine nervenaufreibende Art, sodass ich mich so manches Mal wirklich darum bemühen musste meinen Mund zu halten.
Schwermütig verließ ich irgendwann die Dusche, trocknete mich ab und zog mir dann meine neue Schuluniform an. Ich betrachtete mich im Spiegel, während ich darauf wartete, dass mein Glätteisen einsatzbereit war. Ich mochte Schuluniformen nicht. Diese hier war noch schrecklicher als die der Teiko es gewesen war und murrend setzte ich mich auf den Badewannenrand um meine trocken geföhnten Haare zu glätten.
Wie jeden Morgen brauchte ich ungefähr eine Stunde im Bad, bevor ich mich auf die Straße trauen konnte. Ich war weißgott nicht eingebildet oder übermäßig von mir selbst überzeugt, dennoch legte ich Wert auf mein Aussehen.
„Sasha, ich habe dir dein Essen für die Schule auf den Tisch in der Küche gestellt“, O bāchan stand an der Treppe und hatte die Arme vor ihrer Brust verschränkt. Ich nickte nur und rückte meine schwarze Nerdbrille zurecht. Ich wusste nicht, ob es die richtige Bezeichnung dafür war, doch das war eigentlich relativ egal.
So nahm ich mein Essen für die Schule, warf es zu den Schulbüchern und meinem Sammelsorium an Süßigkeiten in die Schultasche, zog meine Schuhe im Eingangsbereich an, warf noch einen letzten Blick in den Spiegel um in ein verschiedenfarbiges Paar Augen zu sehen, welches alles andere als Enthusiasmus ausstrahlte und verließ dann das riesige Haus von O bāchan, welches ein Kinderheim war.

<< Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer.>>


Mein Weg zur Schule war nicht sonderlich weit, weswegen ich ihn auch sehr gut zu Fuß bewältigen konnte. Ich ließ mir Zeit, da ich eigentlich nicht sonderlich erpicht darauf war einen Fuß auf dieses Gelände zu setzen, doch was sein musste, musste eben sein. Es ging mir nicht einmal um die Lust auf Schule im Allgemeinen. Ich musste zugeben, dass ich sogar sehr gern zur Schule ging. Sie war wichtig für die Zukunft, alles, was man später aus sich machen würde hing von der eigenen, schulischen Laufbahn ab. Ich ließ natürlich jetzt außer Acht, dass es selbstredend auch Fächer gab, in welchen ich mein Desinteresse nicht für mich behielt.
Nein, eigentlich ging es mir eher darum, dass es eine Neue Schule war. Neue Mitschüler, Menschen, die sich einem aufdrängten, dich unbedingt kennen lernen wollten und auch noch die letzte Information über dich und dein Leben aus dir heraus quetschen wollten. Und das war es, was mich am Meisten störte. Unter anderem.
Ich wusste nicht, wieso ich die Touou Academy gewählt hatte. Sie war mir einfach ins Auge gesprungen, auf dieser Informationsveranstaltung hatten sie vielversprechend geklungen. Dass ich dennoch allein der Meinung gewesen war, dass meine Wahl die einzig Richtige sei, hätte ich um ehrlich zu sein nicht erwartet. Und so begab es sich, dass Yan Sasha Theia Dreyszas sich allein auf der Touou Academy herumschlagen musste und ich redete mir ein, dass es für mich nicht schlimm war allein zu sein.
Gegen das allein sein an sich hatte ich wirklich nichts einzuwenden. Es würde niemanden geben, der mich in der Pause stören würde, niemanden, der mich im Unterricht ansprach und mich dadurch aus meinen eigenen Gedankengängen riss. Niemanden, der meine Süßigkeiten mit mir teilen wollte und niemanden, der mit mir zusammen aufs Klo wollte, weil 'Mädchen doch immer zusammen' gingen.
Nein, eigentlich war es eher so, dass ich meine Freundinnen wirklich vermissen würde. Natürlich würde ich diesen Gedanken niemals an die Öffentlichkeit geraten lassen, sondern stets für mich behalten.
Doch ich musste vor mir selbst zugeben, dass ich Yin Snow und ihre manchmal viel zu freundliche Art jetzt schon vermisste, den herrischen Ton meines Coaches, welchen ich des öfteren geflissentlich Ignoriert und genau das Gegenteil von dem getan hatte, was sie von mir verlangt hatte und die zahlreichen Motivationsversuche meines Kapitäns, die mich mit ihrer ruppigen, dennoch liebevollen Art des öfteren dazu gebracht hatte ein Schmunzeln zu unterdrücken.
Das alles fehlte mir jetzt schon, doch ich verbot mir dieses melancholische Verhalten und blieb vor dem großen Tor, welches die Straße und das Gelände der Touou Academy voneinander trennte wie zwei vollkommen verschiedene Welten, stehen, zuckte mit den Schultern, stopfte meine Hände in die Taschen meiner Swaetjacke und trat meinen Gang nach Canossa an.

Ich schloss meinen Spind auf um dort zu aller erst die gefühlt dreißig Millionen Paar Schuhe dort zu verstauen. Außerdem bugsierte ich einen Teil meiner Süßigkeiten, sowie Schulutensilien, die ich am heutigen Tage nicht benötigen würde in das metallene Ding. Eine Kopie meines Stundenplans befestigte ich an der Innenseite der Spindtür. Perfektionistisch wie ich war überprüfte ich, ob es auch wirklich ordentlich aussah, bevor ich in meine Hausschuhe stieg, meinen Spind wieder schloss und mich auf den Weg in meinen Klassenraum machte.
Ich wusste, dass mein Klassenraum im zweiten Obergeschoss lag und das sich über dessen Tür ein weißes Schild mit der Aufschrift „10 - C“ befand. Kurzerhand und ohne weitere Skrupel schob ich die Tür auf, ließ meinen Blick kurz durch den Raum schweifen und setzte mich kurzerhand an den Fensterplatz in der letzten Reihe. Schon immer hatte ich einen solchen Platz bevorzugt und war somit relativ zufrieden.
Die Klasse füllte sich mit voranschreitender Zeit und damit stieg auch der Lärmpegel im Raum stetig. Ich verdrehte entnervt die Augen und sah aus dem Fenster, da ich mich nicht sonderlich für die Menschen in meiner Umgebung interessierte. Sie waren zu laut, die Mädchen waren so aufgeregt, dass sie wild durcheinander kicherten, die Jungen wollten allen anderen so sehr imponieren, dass sie laut und rau über Witze lachten, die gar keine waren und ich fragte mich wo ich hier eigentlich gelandet war.
Ich zückte mein Handy und wollte eine Nachricht an Luca schreiben, die im Großen und Ganzen die selben Charakterzüge wie meine Wenigkeit besaß und wollte sie fragen, ob sie ebenfalls in einem Irrenhaus gelandet war, doch just in diesem Moment betrat mein Klassenlehrer den Raum und die Schüler setzten sich, schlagartig wurde es still im Raum und wäre ich nicht ich gewesen, hätte ich wahrscheinlich erleichtert geseufzt.
„Ich bin Shun Moriyama“, stellte sich der grauhaarige, wirklich viel zu schlanke Mann vor und rückte seine Brille mit den runden Gläsern, die seine Augen um mindestens das Siebenfache vergrößerten, zurecht.
„Ich bin 54 Jahre alt und ich werde euch die nächsten drei Jahre an dieser Schule hier begleiten“, aha, dachte ich und schnaubte leise, behielt meine Gedanken dennoch für mich.
„Ich schlage euch vor eine Vorstellungsrunde zu machen“, mein Lehrer klatschte viel zu begeistert in die Hände und auch wenn ich eher weniger voreingenommen war, beschloss ich, dass dieser Mann hier mir für's Erste in irgendeiner Art und Weise unsympathisch war. Diese überfreundliche Art gefiel mir in keinster Weise und ich richtete meinen Blick wieder aus dem Fenster.
Nach einiger Zeit tippte mich jemand von der Seite an und ich sah ihn aus dem Augenwinkel heraus an.
„Sumimasen!“, ich hob die rechte Augenbraue, was typisch für mich war. „Aber du musst dich vorstellen“, ich verdrehte erneut entnervt die Augen, erhob mich träge und begab mich in eine vollkommen aufrechte Position.
„Yan Sasha Theia Dreyszas, 16 Jahre alt, früher Teiko Mittelschule“, sagte ich und befand meine außerordentlich umfangreiche Ausführung über mich und mein Leben als ausreichend. Ich setzte mich wieder und mein Lehrer kritzelte in seinem Notizbuch herum. War er etwa nicht in Besitz einer Klassenliste? Wenn nicht, sollte er sich eine solche schnellstmöglich anschaffen.
„Woher kommst du, Dreyszas-san?“, fragte er und ich unterdrückte ein entnervtes Stöhnen.
„Dein Name ist für japanische Verhältnisse ja eher..“, er schien nach dem richtigen Wort zu suchen und ich schlug ein Bein über das andere. „untypisch?“, half ich ihm mit monotoner Stimmlage auf die Sprünge und er zeigte mit seinem Stift auf mich und zwinkerte. „Danke sehr“, nickte er, doch ich erwiderte nichts darauf, da ich seinen Dank nicht annehmen wollte. Ich mochte es im Übrigen nicht, wenn man ein Suffix an meinen Nachnamen hing. Das man sich in Japan ausschließlich bei seinem Nachnamen ansprach, ausgenommen von guten Freunden oder Verwandten, war für mich schon immer äußerst befremdlich gewesen.
„Vilnius, das liegt in Litauen, nur mal ganz nebenbei“, entgegnete ich widerwillig und schob gleichsam die genaue Lage von Vilnius hinterher. Für diejenigen, die keine allzu große Leuchte in Geographie waren.
„Danke, Dreyszas-san“, Moriyama-senpai nickte, kritzelte wieder in seinem Heftchen herum, obwohl ich bezweifelte, dass er sich unsere Namen notierte, schloss dieses dann und sah über den Rand seiner viel zu schwer aussehenden Brille ins Plenum.

 

In der Pause nahm ich zu aller erst eine Schmerztablette. Erstens, weil ich fürchterliche Schmerzen in meinem rechten Knie hatte, welche die Folge einer früheren Verletzung waren und mich beim Basketball schon das ein oder andere Mal behindert hatten, Zweitens, weil ich Kopfschmerzen von dem vielen Gerede meines Klassenlehrers bekommen hatte, dessen Stimme nach einiger Zeit sehr anstrengend war.
Ich spülte die weiße Kapsel, zu welcher ich in der Regel nur im äußersten Notfall griff, mit Cola herunter, schraubte die Flasche wieder zu, stellte sie auf meinen Tisch und suchte in meiner Schultasche nach Schokolade, welche ich selbstredend auch fand. Ich wickelte das Papier ab und anstatt ein Stück von der Tafel abzubrechen, wie jeder Normalsterbliche es tun würde, nahm ich eine Ecke der Tafel in den Mund und biss davon ab.
Bedächtig und genießerisch kaute ich darauf herum und genoss das Gefühl der Zufriedenheit. Ich sah erneut aus dem Fenster, beobachtete ein paar Passanten, die vor dem Tor zum Schulgelände herumlungerten und wandte meinen Blick ab, als ich ein herum turtelndes Paar entdeckte.
Ich schüttelte den Kopf über sie. Ich hielt nichts von dem Ideal der 'wahren Liebe', hasste diese ekelhaft verliebten Blicke, die sich diese Menschen, die lange Zeit eine rosarote Brille trugen, dauerhaft zuwarfen, verachtete diese kitschigen Liebesschwüre, die sie sich im Sekundentakt zuquietschten nur um sich irgendwie übertreffen zu können, da ihre Liebe zueinander ja so immens groß war, dass sie bis zum Pluto, dreimal um den Saturn und wieder zurück reichte.
Zumal diese übertriebene und geradezu anmaßende, wenn man es denn so wollte, Liebeserklärung absolut irrsinnig und in keinster Weise realistisch war.
„Wer ist denn da eifersüchtig?“, ich drehte mich widerwillig zu demjenigen um, der mit solch einem abfälligen Ton mit mir sprach, als würde er gerade über ein eben tot getrampeltes Insekt sprechen. Ich kam nicht umhin eine überraschte Mine zu unterdrücken, stand dort doch tatsächlich Aomine Daiki vor mir. Ich hob unbeeindruckt die Braue und stützte meine Wange gegen meine Fingerknöchel.
„Sieh' einer an“, stichelte ich, da mir seine Art sich wie ein arrogantes Arschloch zu benehmen, in keinster Weise gefiel. „Wer lässt sich dazu herab mit einem Mädchen zu sprechen? Das Ass der Wunderkinder“, er hob die Brauen und stützte sich vor mir auf der Tischplatte ab. „Und du bist...?“, herausfordernd sah er mich an, doch ich gähnte hinter vorgehaltener Hand. „Jemand, der sichtlich von deiner Wenigkeit gelangweilt zu sein scheint“, sagte ich ihm auf genau die selbe ekelhaft freundliche Art und Weise wie er es tat, dass ich ihn schlicht und ergreifend scheiße fand. Entschuldigt, doch unsympathisch wäre als Beschreibung in diesem Kontext einfach nicht ausreichend gewesen.
„Haah?“, machte der Hüne und richtete sich vor mir zu seiner vollen Größe auf und musterte mich abschätzend. Er war ein wenig gewachsen und seine Statur war noch stattlicher als noch vor ein paar Wochen. „Auf Krawall gebürstet, Kätzchen?“, er beugte sich wieder zu mir herunter und kam mir so nahe, dass unsere Nasenspitzen sich beinahe berührten. Für meine Verhältnisse war das viel zu nahe, doch nachgeben war für mich keine Option, war es nie und würde es auch niemals sein.
Also blieb ich an Ort und Stelle und erwiderte ausdruckslos seinen Blick, der mich zu durchbohren schien. Sollte jemand behaupten Aomine Daiki sei grobschlächtig und ein Trampeltier wie es im Buche stand, dumm und unwissend in so ziemlich allen Bereichen des Lebens, so würde selbst ich denjenigen darum bitten sich doch bitte vor einen Lastwagen zu schmeißen. Intelligente Augen musterten mich, sein wacher, aufmerksamer und immer abschätzender Blick lag auf mir und ich begann mich unwohl zu fühlen, was beim besten Willen wirklich nicht oft vorkam, wenn mich jemand so eingehend musterte.
„Passfoto?“, fragte ich tonlos und er schnaubte verächtlich. Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und ich widmete mich wieder meiner Schokolade.

Nach dem Unterricht und dem Säubern des Klassenraumes begab ich mich auf die Suche nach Sporthalle Eins, in welcher meinem Informationsstand nach das Basketballtraining für Mädchen stattfinden sollte. Ich betrat die ziemlich große Halle und staunte noch über dessen Ausmaß, als ich von einem orangehaarigen Mädchen, welches viele Zentimeter kleiner war als ich, in Empfang genommen wurde. Sie macht einen süßen Eindruck, doch ihr Blick sagte das Gegenteil von dem aus, was man als erstes über die dachte.
Ich war zwar ein sozial eher schwer kompatibler Fall, doch ich war weder dumm noch auf den Kopf gefallen. Auch ich besaß dieses nützliche Etwas, welches sich Menschenkenntnis nannte und auch ich war dazu imstande andere Menschen einzuschätzen. Vielleicht war ich darin sogar besser als ich eigentlich wollte.
„Und du bist?“, vernahm ich ihre Stimme, in welche sie einen leicht herrischen Unterton gelegt hatte, welchen mich sogleich an Kaoru erinnerte. „Ein arbeitsloser Power Forward“, entgegnete ich ausdruckslos und sah mich in der Halle um, die bestimmt dreimal so groß war wie die an der Teiko Mittelschule.
„Und du glaubst hier einfach herein spazieren zu können und dich mir nichts, dir nichts in unser Team zu schleichen,ja?“, sie stemmte die Hände in die Hüften und ich hob meine rechte Braue. „Wenn du es mir so einfach machst“, erwiderte ich und sie grinste herausfordernd. „Gefällst mir“, sie winkte mich heran, ich stieß mich von der Wand ab und trat ein paar Schritte auf sie zu.
„Dann zeig doch einfach mal was du kannst und dann sehen wir weiter“, ich nickte, froh darüber mir zu Anfang keine große Vorstellungsrunde antun zu müssen und bekam auch sogleich einen Basketball in die Hand gedrückt.
Ich dribbelte ein wenig im Stehen, beobachtete die anderen Mädchen, die sich um mich herum aufstellten und Verteidigungshaltung annahmen. Kurz musterte ich sie, sah in mich hinein um zu prüfen, wie es sich momentan mit den Schmerzen im Knie verhielt, doch sie waren in diesem Moment kaum zu spüren. Ich befand dies als ausreichend, schloss die Augen, atmete tief durch und als ich die Augen wieder öffnete begann ich langsam einen Fuß vor den Anderen zu setzen. Gemächlich ging ich geradewegs auf mein Ziel – den Korb über dem Centermädchen – zu. Doch eine Rothaarige versperrte mir den Weg. Ich dribbelte auf der Stelle, blieb vor ihr stehen, tat als würde ich überlegen, doch das tat ich nicht. Das tat ich beim Basketball nie. Denn meine volle Konzentration halt meinen Bewegungen, die nun abrupt einsetzten. Ich dribbelte den Ball schnell von rechts nach links, tat, als würde ich links an ihr vorbei werfen, doch rechts an ihr vorbei laufen, nahm jedoch den Ball wieder an mich und schoss letztendlich über rechts nach vorne.
So war mein Stil. Aggressiv, formlos.
Da ich es der Stil meiner Basketballmannschaft an der Teiko war die Gegner auszutanzen, schloss ich nun meine Augen und dachte an meine Freundinnen, die sich nun auf anderen Schulen befanden als ich es tat. Durch das Training mit Kaoru hatte ich stark an Wendigkeit zugenommen, was stets von Vorteil war. Ausdauer war noch nie ein Problem gewesen.
Ich musste nicht hinsehen wohin ich ging, ich wusste, wo sich der Korb befand, spürte die überaus herausragende Präsenz des Centers, welche sich nun vor mir aufbaute und ich öffnete die Augen, sprang ab, täuschte einen Wurf nach vorne an, ließ mich dennoch nach hinten fallen und warf den Ball dann durch das Netz. Gut, dass ich mich unmittelbar unter dem Korb befunden hatte. Hätte ich weiter weg gestanden, wäre der Ball mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit daneben gegangen.
„Und wer bist du jetzt wirklich?“, fragte das Mädchen von vorhin und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Yan Sasha Theia Dreyszas“, wiederholte ich meinen Namen heute schon zum Siebenhundertsten Mal an diesem Tag und würde ich ihn noch einmal sagen müssen würde ich ihn höchst wahrscheinlich ablegen, weil ich ihn nicht mehr hören konnte.
„Ah, Der 'Shadow Puppeteer' von Teiko“, das Mädchen nickte wissend. „Oder soll ich dich 'The Equilibrist' nennen“, ich zuckte mit den Schultern. Immerhin hatte sie schon von uns gehört. Ob das positiv oder negativ behaftet war ließ ich mal dahin gestellt.
„Nenn' mich wie du willst“, gab ich vor und gähnte hinter vorgehaltener Hand. Schließlich war ich gut erzogen.
„Ich bin Amai Imayoshi, die Sammlerin und mein Name ist verdammt nochmal Programm“, sie grinste frech. „Ich bin der Coach und wenn ich eins will, dann ist es gewinnen, verstanden?“, ich nickte resignierend. „Wir sind da eigentlich nicht anders als unsere Jungenmannschaft, präg' dir das ein“, ich erwiderte daraufhin nichts, da ich dies nicht als nötig erachtete.
„Das da“, mit einem Kopfnicken deutete Amai auf zwei Rothaarige Mädchen, die sich so ähnlich sahen, dass man sie nicht auseinander halten hätte können, hätten sie nicht unterschiedliche Frisuren.
„..sind Lin Kanō, 'die Mathematikerin' und ihre Schwester Rin, 'The Hunter' . Sie besetzen die Positionen des Small Forward und des Point Forward“, ich nickte den beiden zu, die aneinander gelehnt nebeneinander standen und mich musterten.
„Erin Shinri, 'the omniscient' ist unser Shooting Guard  und...“, sie deutete auf das größte der hier anwesenden Mädchen.
„. das ist Shia Shōri 'the frozen wall'. Sie ist unser Center“, auch dem Mädchen, mit welchem ich vorhin schon einmal Bekanntschaft gemacht hatte, nickte ich zu. Sie sah mich aus ihrem starren Blick heraus an und erst jetzt bemerkte ich, dass sie einen kleinen Teddybären in ihrer Hand hielt. „Sie hat ein Faible für diese Dinger“, witzelte der Coach und irgendwie musste ich zugeben, dass ich mich unter diesen listig aussehenden, zielstrebigen Mädchen pudelwohl fühlte.

 <<Weisheit bewahrt einen vor Situationen. in denen man sie braucht.>>

  - Mittwoch, 3. April 2014 -

Jeden Tag die gleiche Leier, doch das war ja schon immer so gewesen. Aufstehen, von morgens bis nachts in die Schule gehen, Schlafen. Gelernt wurde am Wochenende oder Nachmittags an trainingsfreien Tagen.
Daran hatte ich mich gewöhnen müssen, nachdem ich von Litauen hierher gekommen war. Doch jetzt war es eigentlich ziemlich akzeptabel.
Also ging ich wie jeden morgen joggen, duschen, machte mich fertig, aß eine Kleinigkeit, packte mein Essen für die Schule ein und ging zu eben dieser. Auf dem Weg dorthin hielt ich noch einmal bei dem kleinen Supermarkt um mir noch etwas Süßes zu kaufen, denn Vorrat musste eben sein.
In der Schule ging ich zuerst an meinen Spind, wechselte meine Schuhe, sah auf den Stundenplan und ging dann in meine Klasse. Wir hatten in der ersten Stunde Englisch, was mir eigentlich keine Probleme bereitete.
Der Lehrer betrat den Raum und begann sofort ohne Punkt und Komma auf Englisch vor sich hin zu Brabbeln. Irgendwie hörte es sich bei ihm noch merkwürdiger an als beim Rest meiner japanischen Mitmenschen, war der Akzent meines Lehrers irgendwie sehr stark ausgeprägt.
Wir sollten uns auf Englisch dem Lehrer vorstellen und dann erklärte er uns – ebenfalls auf englisch – etwas über die englische Geschichte, die Kultur und erzählte uns von der derzeitigen Queen.
„God bless the Queen“, murrte ich in meine Handfläche und sah aus dem Fenster, schrieb das ab, was er uns in seiner Sauklaue an die Tafel klatschte und antwortete ihm, wenn er mich etwas fragte. Sonst versuchte ich den Blicken des arroganten Arschlochs namens Aomine Daiki auszuweichen, die er mir zuwarf. Ich fühlte mich merkwürdig unter seinen Blicken. Sie schienen mich zu durchbohren, als wolle er mich irgendwo fest tackern stierte er mich an und ich wollte aus seinem Blickfeld verschwinden, doch das war für mich undenkbar. Ich flüchtete nicht. Dafür war mein Stolz viel zu groß.
Die Stunde zog sich wie Kaugummi, was vor allem daran lag, dass ich diesen Menschen da vorne an der Tafel partout nicht leiden konnte und ich seufzte leise auf, als er endlich – wieso auch immer – fluchtartig den Raum verließ. Vielleicht hatte er ja ein Date auf dem Schulhof – was für mich aber irgendwie undenkbar war – oder aber er musste einfach nur mal ganz nötig aufs Klo.
Apropos, dahin könnte ich auch mal gehen. Also erhob ich mich und verließ die Klasse um den langen Flur entlang zu gehen.
Mist, wo waren denn noch einmal die Toiletten, verdammt nochmal? Ich sah nach links und lief prompt in jemanden hinein. Ich schüttelte den Kopf und sah dann an dem Hünen hoch, bis ich in sein hämisch grinsendes Gesicht sah. Aomine Daiki. Da ich mir den Anblick dieser Visage auch gut und gerne schenken konnte, ging ich ohne ein weiteres Wort an ihm vorbei und beschleunigte meinen Schritt. Doch ich wurde prompt herum gerissen und gegen die Wand gedonnert. Meine Hände rechts und links von meinem Kopf an die Wand tackernd kam mir der braun gebrannte Basketballer wirklich unheimlich nahe und ich sah ihn ausdruckslos an, zwang mich dazu ruhig zu atmen, denn, ich konnte es mir selbst nicht erklären, dieser Mensch machte mich auf irgendeine Art und Weise nervös und das nervte mich ungemein. Also versuchte ich mir nichts anmerken zu lassen.
„Nicht so schnell, Süßer“, ich hob provokant eine Augenbraue und er grinste Schadenfroh. „Mach mal halblang, Kätzchen“, raunte er und machte keine Anstalten mich los zu lassen. „Sagt der Richtige“, stellte ich klar und um ihn zu provozieren unternahm ich auch keinen Versuch mich zu wehren oder zu befreien. Zumal ich so oder so nichts gegen diesen Mann ausrichten könnte, da dieser mich nicht nur um etwas mehr als mindestens 20 Zentimeter überragte, nein. Er war zudem auch noch viel stärker als ich. Auch wenn mir dieser Fakt nicht gefiel, so war er dennoch schlicht und ergreifend wahr.
„Komm von deinem hohen Ross runter, Arschloch“, spuckte ich aus und er hob die Brauen. „Hah?“, machte er und kam mir noch näher. „Du bist ganz schön frech“, ich zuckte mit den Schultern. „Solange ich nicht so dämlich bin wie du, ist mir das egal“, entgegnete ich ausdruckslos. „Du gefällst mir, das geht mir ziemlich gegen den Strich“, raunte er und ich verzog das Gesicht. „Ein Glück“, ich atmete gespielt erleichtert aus.
„Du mir nämlich nicht“, log ich. Ja, es war gelogen. Er gefiel mir nämlich leider Gottes sehr wohl. Und er hatte verdammt noch mal Talent und das musste man ihm einfach verflixt noch mal anrechnen. Das konnte man nicht so einfach außer Acht lassen.
Er ließ mich los und mit einem Gefühl der Genugtuung stolzierte ich den Flur entlang, an dessen Ende ich dann auch die Toiletten entdeckte.

„Von welcher Schule kommst du eigentlich?“, fragte mich mein Coach in der Mittagspause. Wir saßen gemeinsam auf dem Schuldach und aßen unsere Mitbringsel von daheim. Ich biss in meine Schokoladentafel.
„Teiko“, sagte ich und sie verschränkte skeptisch die Arme vor der Brust.
„Ah, die Schule, die die Wunderkinder hervorgebracht hat“, ich verdrehte die Augen. „Wenn du es, wie alle anderen auch, nur damit assoziieren willst, dann ja“, entgegnete ich und interessiert lehnte sie sich nach vorne.
„Sie hatte also tatsächlich eine Mädchenmannschaft?“, ich nickte. „Haben zweimal den Titel geholt“, entgegnete ich ausdruckslos und die Augen der Managerin weiteten sich sichtlich. „Wieso hört man denn nichts von euch, wir wären wahrscheinlich an eure Schule gekommen um euch anzuwerben, hätten wir das gewusst“, rief sie aus und ich verzog das Gesicht.
„Bin ja auch von alleine gekommen, oder?“, stellte ich fest und die anderen nickten zustimmend.
Ich biss erneut von meiner Tafel Schokolade ab.
„Wirst du nicht irgendwann fett, wenn du weiterhin so viel isst, Sasha?“, fragte mein Coach und unweigerlich musste ich – was eine Seltenheit war – schmunzeln.

 << Die fehlende Vergangenheit macht junge Menschen intolerant.
Wer noch nie in Nöten war, kennt die eigenen Kräfte nicht.>>


„Dreyszas!“,herrschte Kaoru mich an, als sie in der Pause auf mich zu gepoltert kam. „Wenn du weiterhin so viel frisst, wirst du noch fett!“, ich verdrehte die Augen. „Maul, Toda“, entgegnete ich gedehnt und nahm meinen Lolli wieder in den Mund, während ich sie herausfordernd grinsend ansah.
„Wenn du wenigstens mal freundlich grinsen würdest“, Yin kratzte sich am Hinterkopf. „Aber das scheinst du im Laufe deines Lebens ja irgendwie verlernt zu haben“, amüsiert hob ich eine Braue.
Ich empfand es als unglaublich süß, wenn jemand wie Yin versuchte mich in irgendeiner Weise zu beleidigen. „Falsch“ bemerkte ich. „Ich habe nie versucht es zu lernen“, stellte ich die Sache richtig und die Weißhaarige nickte resignierend.
„Irgendwann wirst du es lernen“, sagte sie und mir graute es schon. Denn meistens hatte Yin mit dem was sie sagte recht.

„Dreyszas!“, der Coach wedelte mit ihrer Hand vor meiner Nase herum und ich blinzelte ein paar
Mal. „Hm?“, machte ich und schüttelte dann den Kopf. „Ich werde nicht fett, danke der Nachfrage“, stellte ich klar und aß mein letztes Stück Schokolade. Dann stand ich auf um in meine Klasse zu gehen, da es wieder geschellt hatte, was bedeutete, dass die Pause nun vorbei war.
Der Schultag zog sich dahin wie Kaugummi, was mir nicht sonderlich gefiel, doch ich hatte noch nie im Unterricht geschlafen, weswegen ich es auch an solchen Tagen, an denen ich Todeslangeweile schob, unterließ meine Augen zu schließen.
Stattdessen starrte ich überwiegend aus dem Fenster oder nutzte meinen Schreibblock um ihn zum Zeichenblock umzufunktionieren.
„Oh, Dreyszas-san, du zeichnest aber schön“,raunte mir jemand nach dem Unterricht ins Ohr und ich drehte mich langsam zu meinem Klassenkameraden um, der mir schon auf den ersten Blick ziemlich unsympathisch gewesen war. Gäbe es eine Steigerung von Aomine Daiki, so war es dieser Mann. Ayako Ryou war sein Name. Glaubte ich zumindest zu wissen.
Auch wenn Aomine Daiki ein Arschloch war, so besaß er wenigstens ein wenig Anstand. In diesem Sinne musste ich ihn also eigentlich ein wenig in Schutz nehmen, auch wenn er es nicht verdient hatte.
Ayakos große Leidenschaft war es scheinbar Reihenweise die Herzen der Mädchen zu brechen. Dies tat er seit der ersten Sekunde, die wir an dieser Schule verweilten, in Akkordarbeit.
Mindestens zwei Mädchen aus unserer Klasse waren ihm schon zum Opfer gefallen und ich hütete mich davor großartig mit ihm aneinander zu geraten, da ich ihn einfach nicht ausstehen konnte. Die Mädchen dieser Schule hatten direkt begonnen zu tuscheln, als sie Ayako und Aomine entdeckt hatten. Große, junge Männer, sportlich, gutaussehend waren einfach Frauenmagneten. Der Unterschied zwischen den beiden: Ayako liebte es so im Mittelpunkt zu stehen und machte es sich zu Nutze, indem er zuckersüß auf die Mädchen zu ging und sie mit seinem falschen Lächeln zum Schmelzen zu bringen. Aomine hinbgegen interessierte sich dafür nur herzlich wenig, wollte lieber seine Ruhe, war ruppig und machte mit seiner rauen Art auch vor Mädchen nicht Halt.
„Danke“, sagte ich lediglich ohne es wirklich ernst zu machen, legte so viel Abscheu in meine Stimme, wie ich nur konnte. „Was bist du denn so abweisend, meine Schöne“, hauchte er mir ins Ohr und ich bemühte mich mich nicht umzudrehen um meine Faust mit Anschwung in seinem Gesicht zu platzieren.
„Ich mag dich nicht“, stellte ich klar und er zog scharf die Luft ein, ging um den Tisch herum und setzte sich darauf, lehnte sich zu mir herunter. Ich fragte mich, was ich eigentlich an mir hatte, dass mir diese Jungen ewig zu nahe kommen mussten.
„Das ist traurig“, seufzte er theatralisch und diese Falschheit brachte mich dazu mich zu ekeln.
„Dann geh woanders heulen“, ich widmete mich wieder meinem Block und meinem Bleistift, doch er nahm mein Kinn in einen Schraubstockartigen Griff, drückte so sehr zu, dass es schon weh tat, doch ich gab keinen Laut von mir. Schon wieder jemand, gegen den ich körperlich nicht sonderlich viel ausrichten konnte.
„Tröstest du mich?“, hauchte er und ich unterdrückte einen Schauer des Ekels. „Nein“, entgegnete ich lediglich und erwiderte trotzig seinen Blick. Er leckte sich über die Lippen. „Oh, Frozen“, raunte er. Oh, hatte sich mein Spitzname etwa schon herum gesprochen?
„So kalt wie Eis. Lass mich dich in einem Feuer der Leidenschaft auftauen, bis zur Extase bringen, bis du nur noch eines im Kopf hast“, er umfasste mein Kinn noch fester und ich unterdrückte es zusammen zu zucken. „Mich“, hauchte er und ich wollte grade den Mund auf machen um etwas zu sagen, da tippte ihm jemand auf die Schulter nur um ihn keine Sekunde später zu packen und herum zu reißen.
„Steck dir dein scheiß Feuer in den Arsch, du Aufreißer“, Aomines tiefe Stimme klang unheimlich bedrohlich und der Womanizer grinste herausfordernd. „Du wirst sie nicht bekommen, Aomine“, sagte er und in seiner Stimme schwang ein Ton mit, den ich nicht deuten konnte. Und wollte.
„Schon gar nicht als erstes. Denn sie wird mir gehören“, er kam dem etwas größeren Basketballer gefährlich nahe und sie stierten sich an, als würden sie im nächsten Moment aufeinander los gehen, doch Aomine schnaubte nur verächtlich.
„Träum weiter und geh Schäfchen zählen“, er schob sich an Ayako vorbei um sich hinter mich zu stellen.
„Sie gehört längst mir“, ich hob eine Braue. Bitte?
„Als ob“, Ayako lachte ironisch auf. „Sie würde sich mit dir nicht abgeben“, ich lehnte mich in meinem Stuhl so weit zurück, dass mein Kopf Aomines Bauch berührte, er legte seine großen Hände auf meinen Schultern ab.
„Mit dir noch weniger“, ich gähnte hinter vorgehaltener Hand.
„Leider gibt sie sich seit der Teiko mit mir ab“, provokant beugte Aomine sich ein Stück nach vorne, behielt seine Hände aber auf meinen Schultern, spielte mit einer Hand mit meinem Zopf, wickelte ihn um seine Hand, nur um ihn dann wieder los zu lassen, wieder auf zu nehmen und das Ganze von vorne zu beginnen.
„Sie ist seit der Mittelschule mein Püppchen. Nur ich darf mit ihr spielen“, einen Scheiß darfst du, fuhr ich ihn in Gedanken an, doch wenn er mir Ayako vom Hals halten konnte, würde ich das zu groß geratene Spielkind wohl oder übel gewähren lassen.
Woher aber bitte wusste er, dass ich auch auf der Teiko Mittelschule gewesen war?

  << Lebensfreude höchstes Glück, jedermanns Theaterstück.>>  

Irgendwann hatte ich nicht mehr zu gehört und ich hatte mich wieder meinem Block gewidmet. Ayako, aber auch Aomine rauschten irgendwann davon, eigentlich hatte ich nicht einmal mitbekommen, wann sie aufgehört hatten miteinander zu diskutieren.
Doch es war mir auch eigentlich ziemlich egal. Ich hatte wieder meine Ruhe und das reichte mir.
Da wir heute kein Training hatten konnte ich nach der Schule direkt nach Hause gehen. Also begab ich mich auch auf direktem Wege dort hin, stellte meine Tasche auf ihren Platz, ging in die Küche und ließ mir von O bāchan eine Tasse Kaffee in die Hand drücken.
„Wie war die Schule, Sasha?“, fragte sie und ich verdrehte nur die Augen, während ich an meiner Tasse nippte. „Das war konkret“, stellte die Kinderheimleitung ironisch fest und ich zuckte mit den Schultern.
„Scheine 'n Arschlochmagnet zu sein“,die alte Frau kicherte. „Hat deine Freundin dir nicht gesagt, dass du auch unter diese Kategorie zählst?“, feixte sie. Sie war zwar eine alte Frau, dennoch war sie weder doof noch auf den Kopf gefallen. Sie hatte es faustdick hinter den Ohren.
„Erinner' mich nicht daran“, Amaya hatte damals zu mir gesagt, dass ich zu Aomine passen würde wie Arsch auf Eimer, da ich genauso ein Arschloch sein konnte wie er eines war. Ich hatte es ihr mit einem Mittelfinger gedankt.
„Ich geh' ein bisschen laufen“, informierte ich  O bāchan, die stets wissen wollte wohin wir gingen. Also ging ich in mein Zimmer, zog mir Sportkleidung an und ging nach draußen um zu laufen.
Ich setzte meine Kopfhörer auf die Ohren und begann meinen Schritt zu beschleunigen, bis ich das Tempo für angemessen hielt. So joggte ich Meter um Meter, Kilometer für Kilometer und dachte nach. Über Ayako, Aomine, über die Schule und darüber, dass ich jetzt schon keine Lust mehr auf diese Schule hatte und mich am Liebsten vor einen Zug werfen wollte. Nervtötende Lehrer und Mitschüler, dessen Anwesenheit so störend und unangenehm war, dass ich mich am Liebsten irgendwo verkriechen würde um diese Menschen nicht sehen zu müssen.
Nicht nur Ayako Ryou, dieser elendige Womanizer ging mir tierisch auf die Nerven, nein. Am Meisten störte es mich, dass Aomine Daiki irgendetwas in mir auslöste das ich nicht wollte. Ich wollte nicht interessiert an ihm sein, ich wollte ihn eigentlich noch abstoßender finden als Ayako. Doch aus irgendeinem mir unerfindlichen Grund funktionierte das nicht so ganz.
Unterwegs traf ich auf Amai, meinen Coach. Auch sie war gerade dabei zu joggen, entdeckte mich und winkte mir. Ich setzte meine Kopfhörer ab, hing sie mir um den Hals und hob die Hand zum Gruß.
„Hey, Dreyszas!“, begrüßte sie mich und ich nickte ihr zu. „Na? Frust abbauen?“, ich brummte irgendetwas Unverständliches vor mich hin. „Hab' gehört du hast zwei Typen die sich um dich streiten wie zwei Hähne, hah?“, ich winkte ab. „Ach, hör' doch auf“, ich begann weiter zu laufen, sie lief neben mir her. „Und dann auch noch die zwei begehrtesten Jungen der Schule“, sie kicherte gehässig. „Die Beiden haben die vorherigen begehrenswertesten Junggesellen komplett in den Schatten gestellt, faszinierend“, sie rieb sich die Hände.
Ich kannte Amai zwar jetzt erst zwei Tage, doch ich hatte schnell festgestellt dass sie im Team die wirklich hinterlistigste war. Sie liebte es Intrigen zu spinnen, uns so spielen zu lassen, dass wir die Gegner dazu brachten das zu tun, was wir wollten. Sie hatte die selbe Begabung wie ich. Sie war eine Puppenspielerin. Man nannte sie die Sammlerin, da sie im Sammeln von Informationen und in deren Verarbeitung mindestens genauso gut war wie Momoi Satsuki. Wenn nicht sogar noch besser.
„Sag mal, Dreyszas“, sie verlangsamte ihr Tempo ein wenig, ich drosselte das  Meine automatisch.
„Wieso heißt du eigentlich nicht nur 'shadow puppeteer' sondern auch 'Equilibrist'? Ich meine, das bedeutet doch Akrobatin, oder?“, ich nickte zustimmend. „Stimmt“, gab ich ihr Recht.
„Ja, aber du machst doch keine Akrobatik, oder?“, ich hob provokant eine Augenbraue. „Das glaubst auch nur du“, murmelte ich und wie es der Zufall so wollte kamen wir an einem Basketballplatz vorbei, auf dem.. Moment. Waren das die anderen Spielerinnen der Touou?
„Du kleines Biest“, feixte ich und war wirklich beeindruckt. Sie konnte unheimlich gut manipulieren.
Sie zwinkerte mir zu. „Ich bin nicht umsonst die Schwester von Shoichi Imayoshi“, ich nickte. Ich hatte von ihm gehört, als Sakurai in einer der Pausen zwischen den Stunden über ihn geredet hatte. Seine Persönlichkeit soll wohl äußerst... gewöhnungsbedürftig sein, um es nett zu formulieren. Anders gesagt: er war eine hinterlistige Schlange, genauso wie Amai. Doch war diese Eigenschaft in Hinsicht auf Basketball unheimlich nützlich und effektiv, das musste ich gestehen.

„Ihr habt zwei Meisterschaften gespielt?“, Mai, die Managerin zog ihre Jacke der Schuluniform aus und hing feuerte sie auf den Boden vor dem Basketballfeld.
„Dann zeig', was ein so erfolgreicher Power Forward auf dem Kasten hat“, ich liebte Herausforderungen. Also zog ich meine Trainingsjacke aus und betrat das Feld. „Du spielst so?“, ich sah an mir herunter, nachdem Rin auf mein Oberteil gedeutet hatte.
Ich musste dazu sagen, dass ich beim Training eher knappe Kleidung bevorzugte. Ich hatte damit kein Problem, da ich Europäerin war und nicht so verklemmt wie die Japaner.
Also trug ich ein enges Sportoberteil, welches bis unter die Brust reichte und eine eng anliegende Hotpan in schwarz, dazu meine Sportschuhe. Ich nickte.
„Wenn ich euch zeigen soll, wieso ich 'the equilibrist' genannt werde, dann ja“, stellte ich trocken klar und Amai winkte ab. „Lass sie machen, ich will es sehen“, sie beugte sich nach vorne, ihr Gesicht nahm euphorische Züge an. „Ich bin sowas von heiß darauf“, ich sah mich um und entdeckte jetzt erst eine andere Mädchenmannschaft.
„Die da, ja?“, Amai nickte. Ihre Spielerinnen waren ein wenig kleiner als wir selbst, Lin erklärte mir, dass diese Mädchen öfter hier waren um Streetball zu spielen.
Als ich Streetball hörte war ich sofort angeheizt. Streetballer spielten meistens aggressiver als die Spieler aus den Vereinen.
„Dann fangen wir mal an“, murrte ich und stellte mich auf meine Position.
Da Shia unsere größte Spielerin war, war sie auch diejenige, die als erste an den Ball kam. Sie schlug ihn in unsere Hälfte, ich fing ihn und preschte voraus, lief an den Mädchen vorbei und machte sofort den ersten Korb.
Etwas verwundert darüber, dass die Mädchen der anderen Mannschaft nicht großartig auf meinen Angriff reagiert hatten, ließ ich mich auf den Boden fallen und lief wieder zurück, da die Streetballerinnen jetzt am Zuge waren.
„Das kriegen sie zurück, los Kina“, rief eines der Mädchen und ich beeilte mich zurück zu laufen.
Der Center der anderen nahm den Ball auf und passte ihn zu ihrem Point Guard, der damit nach vorne lief. Ich beobachtete sie ein paar Sekunden und stellte fest, dass sie zum Shooting Guard zurück passen würde. Also positionierte ich mich hinter dem Shooting Guard und Rin hob die Braue. „Ich zeig euch mal etwas von meiner Taktik“, versprach ich ihr und positionierte mich.
Wie lange hatten Kaoru und ich nach dem Training noch in der Halle gestanden, meine Sprungkraft trainiert, damit ich höher und höher hatte springen können, um an den Korb zu gelangen – oder aber um über andere Spieler springen zu können -
Im Endeffekt war es wie beim Hochsprung. Man holte so viel Schwung wie möglich, sprang ab und sah zu, dass man seinen Arsch hoch bekam. Wie oft hatte ich Kaoru meine Füße in den Nacken gerammt, sie mit meinem Hintern mit zu Boden gerissen. Wie oft hatten sie und ich auf dem Boden gelegen, uns die Knie und Ellenbogen aufgeschürft, uns Handgelenke verstaucht und wie oft hatte ich eine Überdehnung der Wadensehnen. Doch es hatte sich verdammt noch mal gelohnt. Danach hatte ich höher springen können als zuvor, was mir oft zugute kam.
Also nahm ich Anlauf, als der Shooter der anderen den Ball fing. Sie hielt ihn über ihrem Kopf und zielte. Ich sprang hinter ihr ab, sprang über ihren Kopf hinweg und schlug ihr dann den Ball aus den Händen. Ein Glück, dass sie mindestens zehn Zentimeter kleiner sein musste als ich. Mein Knie war nach der Lauferei von vorhin ziemlich belastet. Außerdem dankte ich Kaoru für ihre unglaublich gut Arbeit.

 <<Beim Menschen kann zwischen zwei Charakteren unterschieden werden. Der eine geht voraus und tut etwas, der andere geht hinterher und kritisiert es.>>

„Akrobatin“, meine Managerin stand am Spielfeldrand und sah herüber. Ich nickte ihr zu. Erin hatte meinen Steal gefangen, warf zu Lin herüber, die vor der Mittellinie stand und den Ball im Netz versenkte. Die andere Mannschaft verlangte eine kurze Auszeit.
Auch wir trafen uns am Spielfeldrand.
„Was war das denn?“, fragte Amai, die völlig aus dem Häuschen war. „Jahrelanges Training und Dreihundert gebrochene Knochen“, erwiderte ich und schickte ein weiteres Danke an Kaoru und ihre verteufelten Trainingsmethoden.
„Kannst du noch mehr?“, ich zuckte mit den Schultern. „Sicherlich“, am Besten war es doch, wenn die Gegnerinnen kleiner waren. So musste ich mich nicht so anstrengen um höher zu springen.
„Unser Stil war ein ganz anderer“, stellte ich fest und Amai stemmte die Hände in die Hüften.
„Erklär mal“, Shia fuhr sich durch ihr Haar. „Wir haben getanzt“, sagte ich und erinnerte mich an unser großartiges Zusammenspiel. „Haben die Gegner verwirrt, waren ein Mischmasch aus sanften und aggressiven Spielerinnen“, wovon ich die wohl aggressivste war, fügte ich in Gedanken hinzu und dachte an Luca, die wahrscheinlich direkt nach mir gekommen war.
„Wendig und formlos, sowie kraftvoll spielen, das hat Kaoru mir immer ans Herz gelegt, nachdem sie mich und meinen Stil analysiert hatte“, sagte ich tonlos, doch lobte sie innerlich für ihren Fleiß. „Sie hat für jeden eine Individuelle Spielweise gefunden, hat uns die Ansätze nahe gelegt und wir sollten sehen was wir daraus machen. Wir haben uns entwickelt, unterschiedlich, aber trotzdem hat es im Gesamtbild perfekt zusammen gepasst“, endete ich meine gefühlt Dreistündige Rede. Ich mochte es nicht so viel zu reden, weswegen ich ab jetzt meinen Mund hielt. Es nervte mich einfach.
„Gut, dann bewegt eure Ärsche mal wieder aufs Feld“, scheuchte Amai und und auch Mai machte diese komischen Handbewegungen, die man nur machte, wenn man scheuchend hinter einer Schaar Hühnern her rannte.
Ich grummelte und begab mich wieder auf den Platz.
„Streetball“, schnaubte ich verächtlich vor mich hin. Die spielten kein Streetball, sie waren die reinsten Amateure. Hatten keinen richtigen Trainer, waren unkoordiniert und langweilten mich. Also brauchte ich auch nicht all meine Geschütze aufzufahren, wie ich es mir erhofft hatte. Unterforderung konnte ich nämlich genauso gut leiden wie Zahnschmerzen. Nämlich gar nicht.
Wir gewannen, haushoch. Irgendwann hatte ich aufgehört mitzuzählen, wenn ich ehrlich war sogar schon nach dem ersten Viertel. Die Mädels hatten nämlich darauf bestanden ein ganzes Spiel zu spielen.
Irgendwann war ich nur noch über den Platz gejoggt, hatte hier und da einen Punkt gemacht und hatte mich eigentlich nur gelangweilt.

Als ich am Abend wieder zuhause war überlegte ich Yin anzurufen um mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Schließlich war sie jetzt weit weg von Tokio und auch Kizuna und Kira hatten umziehen müssen. Doch ich legte mein Handy wieder weg und ging erst einmal duschen, da ich während des Herumgerennes heute doch ins Schwitzen gekommen war. Unter der Dusche massierte ich meine Waden, da diese doch heute sehr beansprucht worden waren. Was gut war, denn so geriet ich wenigstens nicht aus der Form.
Irgendwann ließ ich das Wasser einfach so an mir herunter rieseln und ich geriet wieder ins Grübeln.
Schon wieder brachte mich Aomine Daiki zum Nachdenken. Ich mochte keine Menschen, die mich ständig zum Nachdenken brachten. Doch ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass er nicht interessant war. Dieser Idiot war nicht nur talentiert, auch irgendetwas an seiner Art weckte meine Neugierde. Dieses Ruppige und Raue war etwas, das mich in irgendeiner Art und Weise anzog. Er wusste was er wollte, holte es sich, wenn es nötig war und eigentlich war seine Art weniger nervenaufreibend wie die der anderen Jungen, die prahlten und mit Imponiergehabe wie die Hirsche durch die Gänge der Schule trampelten um allen zu beweisen, dass sie die coolsten Menschen auf diesem Planeten waren. Sie waren mindestens genauso nervig wie diese ekelhaft glücklichen Pärchen.
Was mich dennoch an Aomine störte war dieses überhebliche. Ich fragte mich, wann er so geworden war. Und wieso. Ich erinnerte mich an eine Zeit an der Teiko Mittelschule, an der er noch nicht so gewesen war. Er lachte, hatte Spaß am Basketball und schätzte seine Freunde. Es hatte sich im letzten Jahr schlagartig geändert.
Ich schüttelte den Kopf um die Gedanken an ihn los zu werden wie lästige Fliegen. Es sollte mich nicht kümmern, was mit Aomine Daiki war und was nicht.
Es. interessierte. Mich. Nicht. Punkt um!

 << Verbiete Deinem Ego, Dir Probleme zu machen. >>

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- Donnerstag, 4. April 2014 -

Vollkommen gerädert wachte ich am Donnerstagmorgen auf. Ich hatte das morgendliche Laufen ausfallen lassen, da ich mich unglaublichen Knieschmerzen in der Nacht aufgewacht war. Ich warf die Bettdecke zurück und warf einen Blick darauf. Es war ein wenig angeschwollen, doch es war nicht warm, was zu meinem Glück bedeutete, dass es nicht angeschwollen war.
Also stand ich auf, darauf bedacht das Knie nicht vollständig zu Belasten aber auch nicht in die Schonhaltung zu gehen.
Ich zog meine elendige Schuluniform an. Ich hasste Röcke genauso sehr wie Horrorfilme und Mineralwasser.
Ich machte mir meine Haare, ging ins Bad, schminkte mich, ging nach unten... das selbe Morgenritual wie jeden Tag.
Schlussendlich rückte ich meine Brille zurecht und verließ das Haus um Richtung Schule zu gehen.
„Als ich aus der Haustür trat stand ich auf einmal jemandem gegenüber, den ich um diese Uhrzeit wirklich nicht sehen wollte. Aomine Daiki. Er sah mich mit hochgezogener Augenbraue an, ich starrte ausdruckslos zurück und verbot es mir den Blumenkübel neben mir zu packen um ihn nach dem Basketballer zu werfen. Vielleicht erlitt er dann ja einen Gedächtnisverlust und ich konnte ihn mir formen wie ich wollte. Ihn damit umzubringen war aber eigentlich auch eine gute Methode. Doch da ich weder ins Gefängnis, noch den Krankenwagen rufen wollte zuckte ich mit den Schultern und ging an ihm vorbei.
„Kinderheim, hah?“, fragte er mit rauer Stimme und ich zuckte erneut mit den Schultern. „Was dagegen?“, fragte ich ohne ihn anzusehen.
„Deine Eltern haben dich wohl nicht mehr ausgehalten“, wollte er mich provozieren. Ich ging weiter. „Wäre schön wenn's so wäre“, denn dann wären sie wenigstens noch am Leben, fügte ich in Gedanken hinzu und mein Herz machte einen kleinen Satz, als Aomine mit seinen Worten ein Messer in meinen Brustkorb rammte und es das eine ums andere Mal drehte.
Ich ließ mir meinen Schmerz dennoch nicht ansehen, denn ich hatte mir vorgenommen stark für meine Eltern zu sein. Irgendwann würde ich sie wieder sehen. Und dann würden sie stolz auf mich sein. Da war ich mir ganz sicher.
„Wieso bist du sonst dort?“, ich blieb stehen, drehte mich aber nicht um. „Bist du blöd oder tust du nur so?“, jetzt drehte ich mich zu ihm um, war aufgebracht, dennoch nicht laut. Bedrohlich näherte ich mich ihm, legte den giftigsten Unterton in meine Stimme den mein Innerstes auftreiben konnte. „Das ich da keinen Urlaub mache ist dir klar, oder? Idiot“, sagte ich leide, bedrohlich, giftig.
„Wir können ja mal deine Eltern um die Ecke bringen und dich hier her verfrachten. Mal sehen ob du das dann auch noch so lustig findest. Benutz deinen mickigen Verstand, Einstein, wenn du so etwas überhaupt besitzt“, ich drehte mich um und stolzierte zur Schule. Ich wusste, dass Aomine alles andere als dumm und dämlich war. Doch es gab Situationen, da fragte ich mich ob er zu 99 Prozent dumm oder zu einem Prozent intelligent war.

„Wir trainieren heute mit den Jungen zusammen, da in unserer Halle etwas repariert werden muss“, gab Amai nach der Schule bekannt und ich verdrehte die Augen. „Wir können es auch gerne lassen“, murrte ich vor mich hin und Erin pflichtete mir nickend bei. „Stellt euch nicht so an, das ist 'ne gute Chance“, Mai stemmte die Hände in die Hüften. „Rennt mit den Jungen um die Wette und prügelt euch meinetwegen mit ihnen“, Amai scheuchte uns wieder einmal vor sich her, da ich aber keine Anstalten machen mich vom Fleck zu bewegen packte sie mein Handgelenk und zerrte mich hinter sich her. „Wenn ihr nach dem heutigen Training mit ihnen mithalten könnt, seid ihr perfekt“, ich stöhnte genervt auf und befreite mich aus dem Klammergriff meines Coaches. Auf halben Wege kam Momoi uns entgegen.
„Sasha“, nickte sie mir zu ohne eine Mine zu verziehen. „Satsuki“, nickte ich ebenfalls zurück und auch auf meinem Gesicht lag absolut kein Ausdruck.
„Ihr könnt euch nicht leiden, kann das?“, Rin knuffte mir in die Seite.
„Ich kann fast niemanden leiden“, stellte ich klar und Lin kicherte. „Wo du recht hast“, sie betrat als erste die Halle der Jungen und als wir uns nebeneinander aufgestellt hatten, baute sich Amai neben Mai vor uns auf und stemmte die Hände in die Hüften. Da ihr älterer Bruder nun ebenfalls anwesend war musste sie sich natürlich beweisen.
„Lauft euch erst einmal ein“, rief sie viel zu laut und ich atmete hörbar aus. Die anderen Mädchen liefen los, ich zurrte meine Bandage noch einmal richtig fest, damit sie nicht rutschen konnte und lief den anderen dann hinterher.
Und weil Amai ein sadistisches, kleines Biest war hatte sie natürlich ihre Freude daran uns quer durch die Halle zu jagen, uns Übungen machen zu lassen, die sie in ihrer gesamten Trainerlaufbahn noch nicht einmal praktiziert hatte, doch ich war es gewöhnt.
Kaoru.
„Dreyszas, wie groß bist du“, brüllte Amai quer durch die Halle. „1,71“, entgegnete ich und sie sah sich in der Halle um. „Du da!“, sie zeigte auf Sakurai, welcher seinen Ball vor sein Gesicht hielt um sich Siebenunddreissigtausend Mal zu entschuldigen. „Nein, nein“, Amai winkte ab. „Wie groß bist du?“, brüllte sie wieder um gegen den Lärm anzukämpfen, der durch das Dribbeln der vielen Bälle verursacht wurde. „1,75 m, Senpai“, antwortete der Shooting Guard wahrheitsgemäß und Amai sah ihn abschätzend ab.
„Dreyszas!“, rief sie doch ich warf meinen Ball weg und lockerte mich kurz. „Weiß schon“, entgegnete ich. In diesem Moment betrat Aomine Daiki die Halle, welcher von Momoi hereingezerrt wurde.
Na super.
„Bleib wo du bist“, rief Erin Sakurai zu, welcher gar nicht wusste, wofür er grade missbraucht wurde.
„Das Schlimmste was dir passieren kann ist 'ne gebrochene Nase“, griente Lin und kringelte sich vor vorzeitiger Schadenfreude.
„Was auch immer ihr tut“, Imayoshi rückte seine Brille zurecht. „Malträtiert meine Stammspieler bitte nicht“, ich zuckte mit den Schultern.
Amai hatte mit Absicht den Kleinsten Spieler der Jungen ausgewählt. Er war größer als ich, jedoch nicht sehr viel. Doch vier Zentimeter reichten.
„Was ist dein Rekord, Dreyszas?“, rief Amai noch einmal und ich überlegte kurz. „1,77“, entgegnete ich. Ich sollte dem Leichtathletik Club für den Hochsprung beitreten. Ehrlich.

<< Je weniger Du vom Nächsten erwartest desto angenehmer ist ihm Deine Gegenwart.>>


Wenn ich springen sollte, brauchte ich aber Bewegungsfreiheit. Also zog ich mein schlabberiges Oberteil, welches mich so oder so störte, aus und fühlte mich gleich viel wohler.
„Was soll das werden, wenn es fertig ist?“, fragte Wakamatsu und ich verdrehte die Augen.
„Akrobatik, shhht!“, Shia legte einen Finger an die Lippen.
„Unser Ass zeigt euch jetzt, was wahre Kunst ist“, voller Vorfreude klatschte Rin in die Hände und ich schüttelte den Kopf.
Alle Zuschauer ausblendend konzentrierte ich mich auf Sakurai, der grade ein zitterndes Bündel seiner selbst war und mein Hindernis darstellte. Es sollte kein Problem für mich darstellen, wenn mein Knie nicht so streiken würde. Ich verfluchte es und ignorierte den Schmerz, der noch vorhanden, aber nicht mehr so stark wie am Morgen war.
„Mach es wie gestern“, bat mich Amai, welche mal wieder voller Euphorie war. Dieser Wahnsinnige Blick in ihren Augen stachelte mich an und ich nickte.
Ehrgeiz mochte ich.
„Wehe du bewegst dich“, drohte ich Sakurai, welcher sich sofort bei mir entschuldigte.
Danach hüpfte ich ein paar Mal auf und ab und nahm dann Anlauf, ohne zu stoppen sprang ich vor Sakurai ab, der kurz zusammenzuckte. Er folgte meiner Flugbahn, über seinem Kopf trafen sich unsere Blicke kurz, wir waren uns so nahe, dass sich unsere Nasenspitzen beinahe berührten, doch kurze Zeit später stand ich auch schon wieder hinter ihm und Amai ballte die Hand zur Faust um sie gen Hallendecke zu befördern.
„Jawoll!“, rief sie und warf mir einen Schokoriegel zu. Danke, den brauchte ich jetzt auch.
Ass, dass ich nicht lachte.
Ich setzte mich auf die Bank und aß meine Schokolade, sah den Jungen bei ihrem Training zu und unterdrückte den Drang mein Knie von meinem restlichen Bein abzumontieren um es in die nächste Mülltonne zu katapultieren.
Lin setzte sich neben mich und lehnte sich mit dem Rücken an der Wand hinter uns an.
„Hast wohl Schmerzen, hm?“, sagte sie und ich zuckte nur mit den Schultern. „Nix wildes“, entgegnete ich unwahrheitsgemäß und mein Blick heftete sich auf Aomine, der nur halbherzig an die Sache heran ging. Eine Sache, die ich partout nicht leiden konnte.
Ich stand auf, nahm meinen Ball, den ich vorhin in die Ecke gefeuert hatte und warf ihn nach ihm. Was mich nicht wunderte: Er fing ihn.
„Wenn du schon mit etwas nach mir wirfst, solltest du mehr Kraft in deinen Wurf setzen, Kätzchen“, flötete er und ich wusste, dass er mir sagen wollte, dass ich schwach war. „So wird das nämlich nichts, aus dir kann sonst nichts werden“, ich schlenderte auf ihn zu und lächelte ihn ekelhaft zuckersüß falsch an. „Sorgst du dich etwa um mich, mein Held?“, ich legte eine Hand auf seiner Brust ab, fühlte die Konturen  seiner Muskeln und verkniff es mir sie mit meinen Fingerspitzen nachzufahren.
„Hast mich ja schon vor Ayako gerettet, war echt süß von dir“, bedankte ich mich ohne es ernst zu meinen und er sah von oben auf mich herab. „Sahst so hilflos aus“, konterte er und ich zog einen Schmollmund. „Was hätte ich nur ohne dich getan?“, fragte ich mich und schlug mir theatralisch die Hand an den Mund. „Hättest dich ja auch von ihm küssen lassen können, hätte dir sicher gefallen“, er beugte sich zu mir herunter und kam mir – mal wieder – gefährlich nahe.
Ich seufzte übertrieben. „Kann dir doch nicht fremd gehen, wo wir doch schon so lange zusammen sind, Wunderkind“, ich sah ihn über den Rand meiner Brille gespielt entschuldigend an. An seinem Grinsen erkannte ich, dass ihm dieses kleine, ironisch-sarkastische Wortgefecht Spaß machte und ich musste zugeben, dass auch ich Gefallen daran gefunden hatte, auch wenn ich wirklich noch sauer auf ihn war, wegen heute morgen.
„Ruf mich, wenn du wieder gerettet werden musst“, er tätschelte meinen Kopf. „Süße Mädchen brauchen schließlich Unterstützung“, ich hasste es als süß betitelt zu werden, doch ich lächelte ihn scheinheilig an. „Jederzeit, Liebster“, ich behielt meinen scheinheiligen Blick bei. „Geh mit deinen Püppchen und Kätzchen spielen, Wunderkind“, ich tätschelte ihm etwas zu fest seine Wange. Er verzog das Gesicht und ich schlug ihm noch einmal im Vorbeigehen sachte gegen den Bauch, ehe ich mich daran machte an meinen Distanzwürfen zu arbeiten, die mir auf Gedeih und Verderb einfach nicht gelingen wollten.

<< Es gibt zwei Zeiten im Leben eines Menschen, da er den Kopf nicht verlieren darf.
Dann wenn er verliebt ist und dann, wenn er es nicht mehr ist.>>


- Freitag, 5. April 2014 -

Und jeden Tag die selbe Leier.
Aufstehen, anziehen, joggen gehen, duschen, für die Schule zurecht  machen, aus dem Haus gehen, Langweilen.
Mein alltäglicher Tagesablauf. Ich wünschte mir ich hätte außer dem Sport, der mir meinen Tag wirklich ab und an rettete, eine Sache, die mir meinen Tag wenigstens ein wenig erträglicher machte. Ich hasste diesen Alltagstrott, in den die Menschen so leicht fielen und wenn man sich auf offener Straße umsah erkannte man, dass es genug Menschen gab, die sich ihrem tristen Alltag und dem Trott schon vor langer Zeit einfach hingegeben hatten.
Natürlich war ich ein Mensch, der seine Ruhe haben wollte. Doch wenn ich eines hasste, dann war es Langeweile. Und ich langweilte mich schnell.
In der Schule vollkommen unterfordert saß ich auf meinem Platz am Fenster und stierte Löcher in die Luft, wartete darauf, dass es endlich halb vier am Nachmittag war, damit ich endlich zum Training gehen konnte um mich auszupowern.
Ich hörte meinen Mitschülern nicht bei ihren Gesprächen zu, da sie sich stets über Themen unterhielten, die mich mal so gar nicht interessierten und vollkommen banal waren, mischte mich auch nicht in die sinnlosen Diskussionen der Jungen ein, die über Dinge sprachen, die so abwegig waren wie das durch Null teilen in der Mathematik. Es war überflüssig.
Ich kannte diese Menschen in meiner Klasse grade mal Viereinhalb Tage und hatte noch immer keine Lust mich mit einem von ihnen anzufreunden.
Die üblichen Gruppen hatten sich bereits gebildet.
Die Fangirls – ob heimlich oder offensichtlich spielte dabei absolut keine Rolle -
Die Nerds, die in den Pausen an ihren Laptops saßen und sich angeregt über Computer- und Videospiele unterhielten.
Die Zicken, die seit den letzten zwei Tagen verzweifelt versuchten sich den Rang der Oberprinzessin zu ergattern indem sie andere auf Teufel komm raus nieder machten um sich gegenseitig zu beweisen, dass sie die absolut schlagfertigste war, was eigentlich immer dazu führte, dass man aus deren Sicht natürlich auch gleichsam am Besten für die Führungsposition geeignet war. Sie schmissen sich den Typen auf den Gängen an den Hals, wollten unbedingt die erste sein, die ihr erstes Mal hatte nur um dann zu sagen 'Hey, ich bin die heilige Jungfrau Maria, ja?'
Die Machos, die sich wie die Tiere an jedes weibliche Wesen heranschmissen, dass sie auf dem Schulgelände entdecken konnten nur um den anderen zu beweisen was für Aufreißer sie doch waren.
Dann gab es da noch die Bücherwürmer, die den lieben langen Tag über ihren dicken Wälzern hockten und diese wahrscheinlich sogar auswendig und rückwärts erzählen konnten, die Schüchternen, die allein in ihren Ecken saßen und sich nicht trauten Anschluss zu suchen, die Sportler und dann gab es dann noch die, die sich für so ziemlich gar nichts interessierten. Und unter diese Kategorie fiel nun einmal ich. Doch es – wie lustig – interessierte mich wirklich nicht ob ich jetzt zu einer Gruppe gehörte oder nicht. In drei Jahren würden wir alle von dieser Schule gehen, Universitäten besuchen um uns verstärkt auf unsere Karriere – wie auch immer sie aussehen würde – zu konzentrieren, da nach der Universität wohl oder übel der Ernst des Lebens beginnen würde. Ob man denn nun wollte oder nicht.

Ich jedenfalls hatte nicht sonderlich viel Lust irgendeinem Alltagstrott zu verfallen, weswegen ich mich mit – für meine Verhältnisse sehr – guter Laune zum Training aufmachte.
„Jungs“, hörte ich Amai schon brüllen, obwohl ich die Halle noch gar nicht betreten hatte. „Heute kommen die Jungs zu uns“, ich hob die Brauen. Echt jetzt?
„Wieso?“, Shia brachte es auf den Punkt. „Gestern wurde bei uns etwas repariert, heute ist die Halle der Jungs dran“, unser Coach rieb sich die Hände. „Ich lass' mir was schönes einfallen um ihnen den Tag zu versüßen“, amüsiert schnaubte ich. Amai war einfach so schön gehässig.
„Lauscher aufsperren“, breitbeinig und mit in die Hüften gestemmten Armen stand sie vor der versammelten Mannschaft und hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Spieler.
„Ihr befindet euch hier in meiner Halle“, das 'meiner' hatte sie extra stark betont und zeigte mit dem Daumen auf sich selbst um ihren Worten Nachdruck zu verleihen.
„Ihr macht das, was ich sage und wer sich muckiert“, sie sah sich um und stierte auch den Coach der Jungenmannschaft an. „Der darf sich mal mit meiner Sasha draußen vor der Tür unterhalten“, ich ließ zur Untermauerung ihrer Worte meine Fingerknöchel knacken.
„Einlaufen“, befahl sie und ich schlenderte den anderen hinterher. „Dreyszas!“, giftete sie und ich streckte ihr die Zunge raus. „Steck dir den Befehlston sonst wohin, Sammlerin“, provozierte ich sie und sie hob die Brauen. „Kannst dich draußen vor der Tür ja mal mit dir selbst unterhalten“, brummte sie und ich verzog das Gesicht.
„Abgelehnt“, tat ich ihren Konter tonlos ab. „Leide nicht an multipler Persönlichkeitsstörung“, sie zeigte in Richtung der anderen. „Einlaufen Dreyszas, keine Widerrede“, ich schnaubte amüsiert und joggte an der vor sich hin kichernden Amai vorbei um zu den anderen aufzuholen.
„Na, Kätzchen“, ich verdrehte die Augen. „Verfolgst mich wohl, du Wunder“, murrte ich schlecht gelaunt und war immer noch angesäuert wegen der Sache von gestern morgen.
„Hab ganz schön Ärger bekommen wegen dir“, belustigt ließ ich mich ein wenig zurück fallen um mehr darüber zu erfahren. Schadenfroh grinste ich ihn an.
„Hast wohl bei Amai gepetzt gestern, hm?“, ich zuckte mit den Schultern. „Hab ihr nur auf ihre Frage geantwortet“, dies entsprach der Wahrheit. Gestern hatte der Coach mich nach dem Training gefragt, wieso ich so angepisst sei.
„Bin ich das nicht immer?“, hatte ich ausdruckslos gefragt, doch sie hob den Zeigefinger. „Ich konnte bei dir verschiedene Arten der Unfreundlichkeit und des Angepisst-seins feststellen“, ah, sie hatte scheinbar eine schnelle Auffassungsgabe. „Und heute bist du anders angepisst als sonst“, ich nickte und schilderte ihr ausführlich wie immer die Sachlage. Nun, diese Ausführung hatte sich auf maximal drei Worte beschränkt, hatte aber gereicht.
„Imayoshi hat mich heute ziemlich rund gemacht wegen dir“, brummte er und eine Welle der Genugtuung durchströmte mich. „Dann benutz deinen Gehirnskasten, bevor du den Mund öffnest“, gab ich ihm einen guten Rat mit auf den Weg und beschleunigte meinen Schritt wieder.
<<Ich habe einen ganz einfachen Geschmack; ich bin immer mit dem besten zufrieden.>>

Nach dem Training ging ich nach Hause, duschte und setzte mich im Wohnzimmer an den Flügel um ein wenig zu spielen. Wie gern hatte ich mich mit Kaoru zum Musik machen getroffen, hatte Piano gespielt, während sie auf ihrer Violine auf dem Flügel gesessen hatte und dabei mehr als einmal Ärger bekommen hatte, weil das Ding mindestens siebzehn Mal so teuer war wie Kaorus gesamter Besitz. Kaoru hatte stets lächelnd auf dem Stuhl neben mir Platz genommen und sich wieder auf den Flügel gesetzt, sobald die Luft rein war.
Ich schmunzelte unwillkürlich, als ich daran dachte und in das nächste Lied über ging.
Fynn lag auf dem Sofa und lauschte der Musik. Sein rotes Haar fiel ihm ins Gesicht und ich drehte mich wieder in Richtung Tasten, nachdem er mich angegrinst hatte.
Es klingelte an der Tür, doch ich achtete nicht darauf. Jemand anders würde schon gehen. Ich vertiefte mich ganz in mein Spiel und erst als jemand auf der Bank neben mir platz nahm blickte ich hoch. Prompt hörte ich auf zu spielen.
„Hausfriedensbruch ist strafbar“, murrte ich vor mich hin und starrte an die Wand vor mir. „Spiel ruhig weiter“, brummte Aomine und legte die Hände in den Schoß. „Ja, wenn du aus der Haustür verschwunden bist“, er schüttelte amüsiert grinsend den Kopf. „ O bāchan“, hob ich meine Stimme ein wenig und Angesprochene kam ins Wohnzimmer. „Ja, bitte, mein Kind?“, sie legte mir eine Hand auf die Schulter. „Könntest du diesen Mann aus dem Haus entfernen?“, fragte ich tonlos und verzog das Gesicht, als die alte Frau mir auch noch in den Rücken fiel und den Kopf schüttelte.
„Er sagte er habe ein wichtiges Anliegen an dich, lass ihn doch reden“, sagte sie und ich schnaubte. „Anliegen“, grummelte ich und warf dem Hünen neben mir einen giftigen Blick zu, ehe ich mich wieder daran machte meine Finger über die weißen Tasten des Flügels fliegen zu lassen.
Zu meiner Verwunderung setzte Aomine sich auf den Boden, lehnte sich mit dem Rücken an eines der Standbeine des Pianos, schloss die Augen und sagte einfach gar nichts. Sein rechtes Bein hatte er ausgestreckt, das Linke angewinkelt, sein linker arm ruhte auf dem Knie des aufgestellten Beines und er war zu meiner Verwunderung einfach mal still.
Also störte ich mich weiterhin an seiner Anwesenheit und spielte so lange, bis ich keine Lust mehr hatte.
„Ich sollte mich bei dir entschuldigen, stell dir das vor“, schnaubte Aomine leise, nachdem der letzte Ton verklungen war und zerstörte damit die ruhige Atmosphäre. Ich zuckte mit den Schultern.
„Dazu bist du doch zu stolz“, er umfasste mein Kinn. „Genauso wie du“, ich hob die Braue. „Im Gegensatz zu dir habe ich nicht unüberlegt gehandelt“, giftete ich und er lachte leise, bevor er aufstand und ging.
War er jetzt wirklich nur gekommen um mir das zu sagen?
Ich schüttelte den Kopf.
Baka.

<< Nicht zu tun zu haben hat den Nachteil, dass man keine Ruhepausen machen kann.>>

 - Samstag, 6. April 2014 -

Dass die Sonne schien an diesem Morgen machte mich ein Stück weit froh.
Dass ich ausschlafen konnte machte mich noch froher. Und das ich am Wochenende keinen Unterricht hatte und tun und lassen konnte was ich wollte, das machte mich zum glücklichsten Menschen auf diesem Planeten.
Als ich in den Spiegel sah, war von purer Freude und Enthusiasmus dennoch keine Spur. Ich sah in ein ausdrucksloses Gesicht, ein blaues und ein braunes blickten mich an und ich fuhr mir durch mein blaues Haar.
Ich entschied ein wenig Laufen zu gehen, zog mich an und nahm mir etwas zu trinken mit, da es an diesem Morgen doch recht warm war.
Also verließ ich zusammen mit einer Flasche gefüllt mit Cola das Haus, setzte meine Kopfhörer auf  und lief los. Ich lief Meter um Meter, gab mich dem Takt der Musik hin und die Meter häuften sich zu Kilometern an. Lied um Lied wurde abgespielt, Sekunde um Sekunde verstrich und ich lief weiter, bis ich irgendwann an einer großen Wiese stehen blieb.
Ich kannte diese Gegend hier nicht. Ich hatte den Eindruck, dass hier die wohl wohlhabenderen Menschen leben mussten und ich beschloss eine Pause einzulegen.
Kurzerhand setzte ich mich auf den satt grünen Rasen und legte mich hin, keuchend vor Anstrengung lag ich dort, sah in den Himmel und schloss dann genießerisch die Augen. Da ich an Bluthochdruck litt, hörte ich mein Blut in meinen Ohren rauschen, so wie als würde man sich eine Muschel ans Ohr halten. Es floss in Strömen meine Arterien entlang und ich konzentrierte mich darauf meine Atmung zu beruhigen, als es plötzlich dunkel über mir wurde.
„Jetzt folgst du mir auch noch in mein Viertel“, vernahm ich eine mir bekannte Stimme und ich wedelte mit noch geschlossenen Augen mit meiner Hand in der Luft herum.
„Spielkind, du stehst mir im Weg“, murrte ich unzufrieden.
Unzufrieden darüber, dass mir seine Anwesenheit scheinbar nicht einen Tag erspart blieb und darüber, dass sich meine gute Laune just in diesem Moment in Wohlgefallen auflöste.
„Baka“, vernahm ich seine Stimme nun direkt neben meinem Ohr und als ich die Augen öffnete und meinen Kopf nach rechts drehte, hatte er sich direkt neben mich ins Grad gelegt, sein Gesicht war so nahe vor meinem, dass sich unsere Nasenspitzen berührten und am Liebsten wäre ich aufgesprungen und hätte ihm gleichsam eine schallende Ohrfeige mit anschließendem Tinnitus verpasst.
„Was verschlägt dich her, Püppchen“, raunte er und bewegte sich keinen Millimeter von der Stelle.
„Übertreib nicht, Wunderkind“, hauchte ich. „Schließlich kennen wir uns erst eine Woche“, es ging mir auf den Zeiger, dass mein Geist danach schrie einige Meter Sicherheitsabstand zwischen mich und den Basketballer zu bringen, doch mein Körper wollte per se nicht reagieren.

„Dabei kennen wir uns doch schon seit der Mittelschule“, schmollte er und ich hob eine Braue. „Nur weil ich gesagt habe, dass ich auf der Teiko war heißt es nicht, dass wir uns kennen“, er grinste provokant, während ich ihn ausdruckslos aussah. „Weißt du, Püppchen“, er rollte sich auf die Seite und befand sich nun direkt über mir, spielte mit meinen Haaren, wickelte meine Haarspitzen um seine Finger und ließ sie dann wieder aus eben diesen gleiten wie Sand durch die Hände.
„ich hab' mich zwar verändert“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort. „Aber ich bin weder blind, noch taub oder dumm“, er grinste. „Ich kenne die Teiko Mädchenmannschaft nicht. Es hat mich nicht interessiert wie erfolgreich ihr wart“, ich hob die Brauen. „Nur weil wir nicht eure Schlachten geschlagen haben, sondern unsere eigenen?“, er tat als würde er überlegen. „Wenn du es so sagen willst“, gab er mir recht. „Aber dass ich ein so schönes Talent wie dich übersehe glaubst auch nur du, die du in meiner Nachbarklasse warst und in Physik sogar neben mir gesessen hast“, ich kam nicht umhin. Ich musste – zu meiner eigenen Überraschung, denn das hatte ich seit meiner Kindheit nicht getan – lachen!
„Ohh“, es war ungewohnt den Klang seines Lachens zu vernehmen, wenn man selbst schon gar nicht mehr wusste, wie es sich anhörte, wenn man ehrlich lachen musste.
„Das Ass der Too Academy erinnert sich an den kleinen Power Forward der Mittelschule“, ich wusste nicht einmal, wieso ich gelacht hatte. Vielleicht weil es mich amüsiert hatte, dass er trotz seines großen Egos gerade zugegeben hatte, dass er eine Frau, die ihm, was Talent anging, beinahe ebenbürtig war, wieder erkannt hatte, hatte er mich doch am Dienstag noch gefragt wer ich denn eigentlich war.
„Weißt du, Wunderkind“, ich zuckte belustigt mit einer Augenbraue. „Sollten wir jemals auf dem Spielfeld aufeinander treffen“, drohte ich ihm an. „Werde ich keine Gnade walten lassen“, er schnaubte amüsiert. „Komisch“, raunte er und wanderte mit seinem Mund an mein Ohr. „Das Selbe wollte ich dir auch gerade sagen“, ich hatte Mühe damit den Schauer zu unterdrücken, der mich mit Gewalt überkommen wollte.
„Dann sind wir uns ja einig“, quetschte ich zwischen zusammengepressten Kiefern hervor.
„Gut“, meinte er und ließ sich wieder neben mich ins Gras und auch wenn ich ihn am Liebsten da vorne im See ersäufen würde widmete ich mich meinen eigenen Gedanken und wir schwiegen den Rest der Zeit, die wir – eher unfreiwillig meinerseits – zusammen verbrachten.
Irgendwann begann es sich zuzuziehen und ich öffnete die Augen um kritisch den Himmel zu beäugen.
Seufzend stand ich auf und trat dem Eingeschlafenen Wunder sanft in die Seiten.
„Ging das auch netter?“, grummelte er mich an und erhob sich ebenfalls.
„Das war doch nett“, hob ich die Braue und hob die Hand, nachdem ich mich umgedreht hatte.
„Wag es ja nicht zu mir zu kommen“, drohte ich ihm an.
„Sonst was!“, brüllte er mir hinterher und ich quittierte dies mit einem für ihn nicht sichtbaren Schmunzeln und dem Heben meines  Mittelfingers, an dessen Innenseite sich ein Tattoo befand.
'Shh' stand dort geschrieben und passte in so unendlich viele Situationen, so wie auch in diese.

 
 
- Sonntag, 7. April 2014 -  

Da heute Sonntag war schlief ich so lange wie es mir möglich war.
Leider öffnete sich um 10 Uhr meine Zimmertür und ein feuerroter Schopf flitzte durch mein Zimmer. Fynn nahm Anlauf und sprang auf mein Bett.
„Haah, Fynn“, murrte ich und warf mich herum. „Geh' spielen“, forderte ich ihn harsch auf und er kicherte. „Ich will lieber mit dir Kuscheln Onee-sama“, ich hob meine Decke an und ließ ihn gewähren. Zu ihm konnte ich einfach nicht 'nein' sagen.
„Onee-sama?“, er kuschelte sich an mich. „Hm?“, machte ich, mundfaul wie eh und je und noch vollkommen im Halbschlaf. „Machen wir heute was zusammen?“, ich seufzte tief. „Hmh“, machte ich, damit er endlich Ruhe gab. Er begann zu kichern.
„Gehen wir Eis essen, Onee-sama?“, ich holte tief Luft. „Hmh“, machte ich wieder. Wahrscheinlich hätte ich ihm sogar zugestimmt, wenn er mich gefragt hätte, ob ich ihm ein Pferd kaufen würde, damit ich nur jetzt in diesem Moment meine Ruhe hatte. Nur noch Fünf Minuten...
Die gewährte Fynn mir auch. Er gewährte mir sogar eine Dreiviertel Stunde, ehe er auf mir herum tollte und voller Euphorie war, da er es nicht mehr erwarten konnte aus dem Haus zu kommen.
„Wir haben schon lange nichts mehr zusammen gemacht, Onee-sama!“, kicherte er und ich setzte mich auf, fuhr mir durch mein wahrlich zerzaustes Haar und wollte gar nicht wissen, wie ich in diesem Moment aussehen musste. „Komisch“, brummte ich missgelaunt. „Kann mir gar nicht vorstellen woran das liegen mag“, er sprang kichernd vom Bett und schmiss mir meine Kleidung entgegen. „Anziehen, Onee-sama, anziehen!“, rief er und schon war er aus der Tür gestürmt um allen anderen Kindern zu erzählen, dass ich mit ihm in die Stadt gehen würde.
Ich gähnte ungeniert und streckte mich, sah, dass mein Handy aufblinkte und entsperrte dessen Display. Eine Nachricht von Erin.

                   Erin:
                   „Aufwachen, Schlafmütze!“ 10:36
Ich stöhnte genervt auf und schüttelte den Kopf. Wenigstens schrieb sie mir nicht wie Kaoru und Kizuna Sonntagsmorgens um halb sieben, damit ich bloß nicht zur morgendlichen Joggingrunde mit den anderen verschlief.

Ich:
„Hab' einen rothaarigen Jungen zu verkaufen. Noch Jung und voller Tatendrang.
Willst du ihn? Schenke ihn dir sogar                               10: 58

Postwendend bekam ich sogar eine Antwort darauf.
                   
                   Erin:
                   „Kannst ihn auch gerne behalten, oder schenke ihn Rin und Lin. Die                     freuen sich. Shia würde ihn wohl nur als Puppe benutzen“ 10:59
Ich:
„Ich glaube kaum, dass er das mit sich machen lassen wuerde“ 11:00

Daraufhin kam nichts mehr, was mich auch nicht sonderlich störte. Ich zog mich widerwillig an, putzte mir die Zähne und ging dann in die Waschküche zu   O bāchan, die gerade die Wäsche aufhängte.
„Guten Morgen, Ia“, ich verzog das Gesicht. Sie nannte mich nur 'Ia', wenn ich etwas angestellt hatte.
„Wer ist gestorben und warum?“, fragte ich, ehe sie mich auf meine mir unbekannte Tat aufmerksam machen konnte. Sie lächelte leicht.
„Du gehst mit Fynn in die Stadt“, ich nickte gequält. „Und kaufe ihm mindestens ein Pferd, einen Elefanten und siebzehn Kamele“, gab ich ihr Recht und sie lachte leise. „Selber Schuld“, ich hasste es, wenn Schadenfreude an mich gerichtet war. „Was gibst du dich seinem Charme hin?“, ich brummelte vor mich hin, während ich ihr half die Wäsche aufzuhängen, was immer eine Menge war, da hier außer mir und Fynn noch ungefähr 36 andere Kinder lebten.
„Ist auch der einzige Charme dem ich verfalle“, stellte ich klar und sie sah mich liebevoll an, während ich ein Batman T-Shirt in Kindergröße aufhing.
„Was ist denn dann mit dem jungen Mann von neulich?“, ich versteifte mich kurz. „Ich nehme Melody mit“, startete ich einen Versuch vom Thema Aomine Daiki abzulenken. Ich wunderte mich, dass ich noch nicht von ihm träumte, wenn ich schlief, so sehr fühlte ich mich von ihm verfolgt. Selbst wenn er nicht anwesend war.
„Er kam nur um dir beim Spielen zuzuhören und hat sich bei dir entschuldigt“, ich sah sie an und ließ ein pinkes Rüschenkleidchen von Baby Melody sinken. „Wie auch immer“, tat ich ihre Worte ab, die mir ein Dorn im Auge waren.
„Ich neheme Baby Melody mit“, beschloss ich. „Die kann auch mal frischen Wind um die Nase gebrauchen“,  O bāchan nickte mir zustimmend zu.
Baby Melody war seit ungefähr einem halben Jahr hier und sie liebte mich und Fynn. Sie war eineinhalb Jahre alt, flitzte wie ein junges Reh durch die Gegend, seit sie es gelernt hatte zu laufen und aß unheimlich gern Süßes. So wie ich.
Also schnappte ich mir einen Basketball, Baby Melody, Fynn, einen kleinen Rucksack, in welchem sich etwas zu trinken für uns alle, sowie mein halber Vorrat an Süßem befand und mein Portmonee und verließ dann schlussendlich das Haus.
„Was machen wir zuerst?“, kicherte Fynn und strich sich seinen Pony aus dem Gesicht. „Bald mal wieder zum Frisör gehen?!“, schlug ich ihm vor und er verzog das Gesicht.
„Onee-sama“, jammerte er. „Das ist cool“, ich hob die Brauen und Baby Melody in meinen Armen klatschte in die Hände und lachte. „Kuhl!“, quietschte sie und ich schmunzelte, ehe ich mit den Beiden Kindern über die Straße ging, Fynn den Ball in die Hand drückte und ihn auf den Basketballplatz in der Nähe vor laufen ließ.
Als ich nach ihm dort ankam setzte ich Melody mit ihren Füßchen auf dem Boden ab und sie begann wild durch die Gegend zu flitzen, jagte Fynn hinterher, der den Ball dribbelte und ihn dann Schlussendlich zu mir passte.
„Lass uns spielen!“, forderte er mich auf und ich hatte ihn selten so ernst und entschlossen gesehen.
Also nickte ich, stand auf, da ich so oder so Lust auf Basketball bekommen hatte und dribbelte ebenfalls.
„'pielen!“, quietschte Melody in ihrem schwarzen Kleidchen und den farblich passenden Schuhen und ihr blondes Haar stand zu so ziemlich allen Seiten ab, da sie sich alle drei Sekunden durch ihr Haar fuhr.
Ich nahm eines meiner Zopfgummis aus meinem eigenen Zopf und fing die Kleine ein, setzte mich mit ihr auf den Boden und machte ihr einen kleinen Zopf.
„Dann los“, ich gab sie wieder frei und prompt rannte sie los. Ich widmete meine Aufmerksamkeit gerade Fynn, als dieser das Gesicht verzog. Dann vernahm ich das Jammern von Melody und ich riss die Augen auf, als ich herumfuhr.
Baby Melody saß auf ihrem Hintern weil sie gegen jemandes Beine gelaufen war.
Aomines Beine.
„Ich hab doch gesagt, dass du nicht kommen sollst“, fauchte ich und hob die Kleine vom Boden auf.
„Du hast mir aber keine Drohung an den Kopf geworfen“, grinste er siegessicher und ich verdrehte die Augen.

- - Zeitsprung bis zum Abend - -  

Am Abend brachte ich Baby Melody ins Bett, sang ihr noch ein Schlaflied, doch brach es in der Mitte ab, da die Kleine so sehr erschöpft war, dass sie eingeschlafen war. Auch Fynn war hundemüde. Sicher, auch ich war nicht mehr ganz so fit. Wir waren den ganzen Tag lang unterwegs gewesen. Und am Meisten überrascht hatte mich mein eigentlich ungebetener Begleiter.
Es war ihm nicht anzusehen, doch er konnte wirklich gut mit Kindern.
„Kommt Daiki wieder, Onee-sama?“, fragte Fynn mich, als ich ihn ins Bett brachte und ich zuckte nur mit den Schultern. „Hoffen wir es nicht“, sagte ich nüchtern und er schmollte. „Aber er ist cool“, lächelte er müde und ich gab ihm einen Kuss auf den Scheitel. „Schlaf jetzt, morgen ist wieder Schule“, sagte ich und verließ das Zimmer, nachdem ich das Licht gelöscht hatte.
Danach ging ich duschen und legte mich dann ebenfalls ins Bett.
Aomine hatte heute lange und geduldig mit Fynn  Basketball gespielt, hatte mit Baby Melody fangen gespielt und sie getragen, wenn sie nicht mehr laufen konnte. Sie hatte sich sogar beruhigt, wenn sie maulig gewesen war und er hatte dabei nicht einmal das Gesicht verzogen, was mich stark gewundert hatte.
Außerhalb der Schule war dieser Mensch ein ganz anderer als sonst und ich überlegte, ob ich es in der Schule herum erzählen sollte nur um ihn zu provozieren.
Doch ich verwarf diesen Gedanken schnell wieder, klappte meinen Laptop auf um im Chatroom auf meine Mädchen zu warten, mit denen ich mich hier treffen wollte. Ein wenig über die erste Schulwoche austauschen oder so.
Dann nahm ich mein Handy, entsperrte den Bildschirm, öffnete das Nachrichtenprogramm und schrieb eine Nachricht an die Person, die ich eigentlich auf den Tod nicht leiden konnte.

Von: Sasha Dreyszas
An: Aomine Daiki
Betreff: Stirb
„Danke!“

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