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Wer bekommt sie?

von Yvett
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft / P12 / Gen
Chris Flo Jan Rico Sophie
17.11.2014
17.02.2018
2
3.340
 
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17.11.2014 2.607
 
Sophie

Ich wollte mir gerade nach dem Ballett einen Döner holen. Meine Mutter war wegen der vielen Kalorien dagegen, doch ich konnte nichts gegen diese "Sucht" tun. Gerade nahm ich meinen Döner über die Theke entgegen, als mich von hinten jemand anrempelte und der Döner zu Boden fiel. Also wieder ein halbes Monatstaschengeld futsch. Ich bekam nicht viel, weil meine Mutter immer über alles Bescheid wissen wollte, was ich mir kaufte. Sie ist halt ein paranoider Kontrollfreak.
Trotzdem war der Döner noch nicht vergessen.
"Hey", sagte ich deshalb zu dem Typen in Lederjacke, der mich nur untröstlich ansah. Trotzdem hatte ich mich auf den Döner gefreut.
"Also was ist jetzt? Kommt da jetzt nochmal irgendwann eine Entschuldigung, oder was?", fügte ich noch hinzu.
"Äh...sorry, wirklich, hab grad nicht aufgepasst.", brachte er nur raus.
"Flo! Schön, dass du da bist. Wie geht's Chris denn jetzt so wieder in Freiheit? ", fragte der Mann hinter der Theke, ich kannte ihn nicht, der Junge aber anscheinend schon. Und er hieß Flo.
"Gut, schön ihn wieder hier in Berlin zu haben, in unserem kleinen Bauwerk. Ihm geht's echt gut und er lebt sich grad wieder ein.", sagte Flo.
"Das ist toll. Warte mal! Zur Feier des Tages kriegt ihr Jungs noch ein Sixpack Bier umsonst von mir.", Bier? fragte ich mich, der Typ ist doch nicht viel älter als ich. Ist das legal? Anscheinend schon.
"Hey danke! Warte mal, den runtergefall'n Döner von dem Mädch'n hier bezahl ich aber!", er wollte mir tatsächlich meinen Döner entschädigen, aber das hatte ich nicht nötig.
"Nee danke, lass mal, so dringend war das jetzt doch nicht!", wehrte ich mich.
"Hey bitte, es war nicht mit Absicht und du siehst so als ob du ihn gern gegessen hättest.", erwiderte er.
"Bitte, wenn's dir danach besser geht, halte ich dich nicht davon ab."; ich machte einen auf arrogant, obwohl das sonst nie meine Art ist, aber irgendwie gefiel es mir.
"Passt so!", sagte er zu dem Mann hinter der Theke und ich bekam einen neuen Döner in die Hand gedrückt!
Schnell bis ich hinein und fühlte mich gleich besser. Endlich mal wieder Fett und Kalorien.
"Du scheinst ihn echt gebraucht zu haben. Wie heißt'n du?", fragte mich dieser Flo. Wieso ging er nicht einfach?
"Äh...Sophie...und du?", aus Verunsicherung fragte ich ihn nach seinem Namen, obwohl ich ihn schon wusste. Außerdem sprach Flo in diesem Szenen-Slang, was mich total irritierte. Obwohl die schwarze Lederjacke, auf dessen Rücken das Wort 'Rox' stand, was auch immer das bedeutete, auch zu ihm passte.
"Ich? Ich bin Flo. Kann ich dich vielleicht noch irgendwo mit hinnehmen, oder so?", fragte er sehr hilfsbereit. Ich hätte liebend gerne ja geschrien, aber ich wollte nicht, dass er merkt, dass ich ihn irgendwo interessant fand.
"Ich kenne dich ja gar nicht. Vielleicht willst du mich auch verschleppen und in ein dunkles Kellerverlies sperren!", entgegnete ich.
"Gut überlegt, aber ich glaube, dass dein Bus da gerade wegfährt und du bestimmt keine halbe Stunde warten möchtest, bis der nächste kommt.", grinste er und drehte mich um und sah noch den Bus davon fahren. Er hatte Recht, also willigte ich ein.
Er lotste mich zu einem flaschengrünen bis gelben alten Wagen, der nicht sehr vertrauenswürdig aussah.
Als wir uns auf die alten, ausgesessenen Sitze gesetzt haben fragte er wohin es gehen sollte.
"Mein Haus ist in der...nein, weißt du was ? Fahr mich doch zu dir nach Hause und wir reden noch ein bisschen. Ich ruf nur kurz meine Mutter an.", schnell wählte ich die Nummer, damit weder er noch ich es mir anders überlegen konnte.

Flo

Wir saßen im Auto und sie sagte, dass sie gerne mit zu mir fahren möchte. Ich wusste nicht, ob das so eine gute Idee war, aber schon rief sie ihre Mutter an. Anscheinend war das ein spontaner Einfall ihrerseits gewesen. Was sollte Chris nur denken? Sie war hübsch und auch ein bisschen frech und unerreichbar, witzig konnte sie bestimmt auch sein. Wie alt war sie überhaupt? So alt wie ich? Wie Chris?
Ich wusste wahrlich nicht, ob das eine gute Idee war, sie mit in das Reich der 'Rox' zu nehmen, weil Chris gerade wirklich andere Probleme mit Rico hatte, aber Ablenkung schadet nie. Also fuhr ich geradewegs in das Reich der 'Rox'.
Leider musste ich dafür durch ein paar Straßen der '78'-er. Sie kannten dieses Auto und dieses Kennzeichen, aber für Sophie riskierte ich es. Hoffentlich  merkte sie nicht, dass ich mich immer wieder panisch umsah. Im Reich der >Rox< angekommen, parkte ich unsauber und öffnete Sophie die Tür.
"Danke", bedankte sie sich höflich und sah sich in dem alten Bauwerk um. Es ist wirklich nicht für feinere Gäste wie sie gedacht, auch wenn es viel Arbeit war.
"Das ist jetzt bestimmt nicht das, was du gewöhnt bist, aber...", begann ich.
"Es ist wundervoll! Nicht so verklemmt penibel und krampfhaft staubfrei. Hier kann man richtig leben!", freute sich Sophie und ich fragte mich, wo sie lebte, dass sie das dachte.
"Wen haben wir denn da? Meinen kleinen Bruder und ein hübsches Mädchen. Du bist aber nicht mit Flo hergekommen, oder?", fragte Chris Sophie, der gerade um die Ecke gebogen ist.
"Sophie, das ist mein großer Bruder Chris. Chris, das ist Sophie", stellte ich die beiden schnell vor. Ich sah Chris drohend an, doch er ignorierte meine Blicke.
"Hallo, hübsche Sophie. Darf ich dich anders als Flo rein bitten? Ist vielleicht nicht perfekt, aber Spaß kann man trotzdem ohne Ende haben, vor allem in meinem Bett...", fing Chris schon versaut an. Sophie sah ihn völlig verstört an.
"Äh...ich, also...", begann sie peinlich berührt.
"Chris, ich  kümmere mich schon gut um sie, keine Sorge!", griff ich schnell ein und stellte mich neben Sophie. Dankbar lächelte sie mich an.
"Wie du meinst, du weißt, wo du mich findest!", zog Chris beleidigt ab und ich bat sie ins "Wohnzimmer". Eine offene, nicht überdachte Halle aus Stein, in dessen Mitte eine Couch stand. Zusammen setzten wir uns darauf.
"Also, erzähl doch mal von dir!", bat ich.
"Es gibt nicht viel zu erzählen. Meine Mutter überwacht jeden Schritt, den ich mache und zählt jede Kalorie einzeln, die ich zu mir nehmen darf. So sieht mein trauriges Leben aus.", erklärte sie mit glasigem Blick.
"Meine Eltern sind tot, also kannst du dich doch noch ganz glücklich schätzen. Jetzt lebe ich hier mit meinem Bruder und Freunden!", erklärte ich. Sophie schien dankbar, dass ich nicht näher auf ihre Mutter einging. Langsam legte ich einen Arm um sie. Da kam Chris wieder rein und seufzte ermahnend.
"Na, na, na, Brüderchen! Pass auf, was du tust!", sagte er und verzog sich wieder. Wieso tat er das?
"Chris hat recht, ich sollte dich wieder nach Hause bringen, jetzt habe ich ein bisschen Angst vor deiner Mum!", sagte ich schnell. Sophie sah mich irritiert an.
"Ich bin doch gerade einmal eine halbe Stunde hier? Und ich habe meiner Mutter Bescheid gesagt, wir können also in Ruhe..."
"Dennoch sollte ich dich jetzt nach Hause bringen. Ich muss eh noch was erledigen!", schnitt ich ihr das Wort ab und stand auf. Enttäuscht trottete sie mir zum Auto hinterher. Ich tat das wirklich nicht gerne, aber wenn Chris die ganze Zeit diese Sprüche von sich gab, wollte ich Sophie nicht bei mir haben. Sie sollte meine schöne Seite kennenlernen, nicht den Rox-Flo, sondern den Flo, den sie auch im Dönerladen kennengelernt hat!
Ich hielt ihr die Tür auf und sie setzte sich wortlos ins Auto. Schnell startete ich den Wagen und fuhr los. Diesmal nicht durch das Viertel der '78', das war zu riskant. Doch Sophie schien es zu bemerken.
"Wenn du rechts abbiegst, ist es nicht mehr...warum biegst du denn nicht ab, Flo?", verdutzt schaute sie mich an. Ich wollte nicht wissen, was in ihrem Kopf vorging. Bestimmt verfluchte sie mich schon oder erzählte ihren Freundinnen, wen sie komisches kennengelernt hat.
"Ich fahr immer hier lang, sorry!", sagte ich schnell und schaute krampfhaft auf die Fahrbahn. Ich konnte ihre Blicke spüren, wie sie sich in mein Fleisch bohrten.
"Ist schon okay. Du fährst zwar gerade komplett in die falsche Richtung, aber ich habe ja Zeit!", sagte Sophie beiläufig mit einem gewissen Unterton.
"Es tut mir leid, Sophie! Ich bringe dich jetzt geradewegs nach Hause, okay?", sagte ich mit warmer Stimme.
"Darum geht es mir doch gar nicht, Flo! Es geht mir darum, dass ich das Gefühl nicht loswerde, du wolltest mich von deinem Leben fern halten!"
"Von meinem Leben?", ich schnaubte verächtlich.
"Das habe ich ernst gemeint!", sagte Sophie gekränkt. Ich schaute sie entschuldigend an.
"Sorry! Es ist nur so, dass mein Zuhause und die Menschen dort nicht für Gäste wie dich bestimmt sind..."
"Menschen wie ich? Wie bin ich denn, dass ich nicht in dieses Schema reinpasse?", Sophies Stimme wurde fordernd - in einem negativen Sinn.
"Du bist...zivilisiert und gebildet! Du solltest nichts mit Straßengangs zu tun haben!"
"Du entscheidest nicht darüber, mit wem ich mich treffe!", bestimmt verschränkte das Mädchen auf meinem Beifahrersitz die Arme.
"Aber ich entscheide, ob du dich mit mir triffst und ich denke nicht, dass das eine weise Entscheidung wäre!"
"Das ist aber auch nicht deine Entscheidung! Wir kennen uns erst seit einer Stunde und du willst mich nicht näher kennen lernen? Das ist in Ordnung für mich, aber dann sag mir das auch und versuch nicht, dich rauszureden! Da bist du nämlich nicht gut darin!", beleidigt und enttäuscht schaute Sophie aus dem Fenster und ich würde nur zu gerne ihr Gesicht in meine Hände nehmen und ihre wunderschönen Lippen küssen, doch ich musste mich aufs Fahren konzentrieren und mir gut überlegen, was ich als nächstes sage.
"Ich versuche nicht, mich rauszureden! Ich möchte dir nur sagen, dass unsere Welten schlecht zusammenpassen und dass ich dich trotzdem näher kennenlernen will!", meine Stimme war warm und liebevoll.
"Du weißt nichts über mich!"
"Und du auch nicht über mich! Was ändert das jetzt? Ich will dich doch näher kennenlernen, aber dir muss einfach bewusst sein, dass das schwer wird!", ich sah Sophie an, doch sie ignorierte mich erfolgreich mit Blicken.
"Du kannst mich hier rauslasen!", sagte sie dann ruhig. Irritiert sah ich sie an.
"Ich habe gesagt, du kannst mich hier rauslassen, es ist nicht mehr weit bis zu mir nach Hause.", Sophies stimme wurde lauter und bestimmter. Schnell hielt ich auf einem Parkstreifen.
"Darf ich dich denn noch nach Hause begleiten?", fragte ich eingeschüchtert.
"Danke, geht schon!", Sophie öffnete die Autotür und ich hielt sie am Handgelenk fest. Ängstlich sah sie mich an. Was sie sich wohl gerade für Szenarien im Kopf ausmalte?
"Sehen wir uns denn wieder?", fragte ich.
"Wenn ja, lasse ich es dich wissen! Ich muss erstmal über deine Worte nachdenken. Mach's gut, Flo!", sagte sie, zog ihren Arm zurück und ging die Straße entlang. Ich sah ihr noch so lange hinterher bis sie nur noch ein kleiner Fleck in der Ferne war. Ich wollte sie so gerne wieder sehen!

Sophie

Hastig lief ich die Straße entlang. Natürlich war es noch eine ganze Ecke bis zu mir nach Hause, aber das wollte ich Flo gegenüber nicht zugeben. Irgendwas schien ich falsch gemacht zu haben. Habe ich ihn etwa mit irgendetwas verärgert? Habe ich zu sehr das bürgerliche, spießige Mädchen raushängen lassen? Oder ihn verlegen gemacht? Bin ich überhaupt schuld? Natürlich bin ich schuld, das war ich bei all den anderen Typen beim Ballett auch gewesen.
Nach einer knappen halben Stunde kam ich zuhause an. Mama saß wie üblich an dem Holztisch in der Nähe der Haustür und wartete auf mich - obwohl ich gesagt hatte, ich würde später kommen.
"Wo bist du gewesen?", war ihr erster Satz. Wie immer. Nie fragte sie mich, wie es mir ging oder wie mein Tag war, Kontrolle ging vor!
"Bei einem Freund. Wir sind zu einer alten Fabrik gefahren.", antwortete ich knapp.
"Kenne ich ihn?"
"Nein."
"Ist er vom Ballett?"
"Nein."
"Woher kennst du ihn dann? Sophie, jetzt lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen, du weißt wie sehr ich das verabscheue!", mahnte Mama.
"Ich habe ihn in einem Imbiss kennengelernt, Stella hat sich einen Döner gekauft und da sind wir uns halt über den Weg gelaufen."
"Heute?", Mama runzelte die Stirn.
"Ja, heute!", ein bisschen Wahrheit musste an der Geschichte dran sein!
"Und dann nennst du ihn schon ›Freund‹? Du kennst ihn doch gar nicht!"
"Er war nett!", gab ich zu.
"Fremde sind immer nett bis sie dich dann in ihren Kofferraum zerren und dich nach Rumänien schmuggeln!", fantasierte meine Mutter mal wieder.
"Das ist völlig absurd und das weißt du auch!"
"Dennoch weißt du, was ich von Fremden halte. Ich kenne ihn doch gar nicht!"
"Aber ich, Mama und ich mag ihn!", beharrte ich.
"Dein Urteilsvermögen lässt auch manchmal zu wünschen übrig, mein Schatz!", Mama lächelte mich an. Es war ihr mein-kleiner-Schatz-wird-mich-niemals-verlassen-und-wenn-ich-ihr-dafür-ihr-leben-zerstören-muss-Lächeln. Es zeigte, dass sie mich liebte, mich aber auch nicht für erwachsen hielt. Sie hielt mich für die kleine, naive Sophie, die sie zur ersten Ballettstunde brachte.
"Sind noch Reste vom Abendessen übrig?", wechselte ich schnell das Thema.
"Ich habe nichts gegessen und das solltest du auch nicht, wenn du beim Ballett mithalten willst...", sie ließ mir freie Wahl, aber die war nicht wertfrei. Wenn ich jetzt was essen würde, wäre sie enttäuscht!
"Natürlich nicht. Ich gehe schnell duschen und gehe dann ins Bett, okay?", fragte ich freundlich und sah meine Mutter an. Sie lächelte mich sanft, aber kühl an.
"Ist in Ordnung. Das pH-neutrale Haarshampoo habe ich dir in die Dusche gestellt, das soll gesünder für die Haare sein, deine werden ganz struppig.", bemerkte Mama und ich ging kommentarlos in mein Zimmer. In meinem Versteck - einer kleinen Truhe - hatte ich zum Glück noch einen Schokoriegel -  den nicht zuckerfreien, den ich mir leichten Herzens von meinem Taschengeld gekauft habe.
Unter der Dusche ließ ich das heiße Wasser über meine Haut laufen. Es fühlte sich gut an, einfach mal allein zu sein und nachdenken zu können.
Der Tag hatte so gut angefangen! Mein Ballettlehrer war mal wieder begeistert von mir, Stella hatte mal keinen Streit mit ihren Eltern und ich habe einen Döner gegessen. Eigentlich hätte mein Tag nicht besser laufen können, doch dann kam Flo und mit ihm Chris und die Zweifel und ich wollte einfach alles nur vergessen. Natürlich wollte ich Flo auch näher kennenlernen, aber unter anderen Umständen und nicht so verkrampft. Bei sich Zuhause wirkte Flo angespannt und auch beim Autofahren wirkte er abgelenkt. Aber ich wollte und werde ihn auf jeden Fall wieder sehen!
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