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Die Schokohexe

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Chocola Aikawa Kakao OC (Own Character)
16.11.2014
31.12.2016
8
28.507
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26.09.2016 3.398
 
Eigentlich war Daichi nichts Besonderes. Zumindest nicht, soweit er das beurteilen konnte. Er sah wie der durchschnittliche Oberschüler aus; vielleicht war sein dunkles Haar etwas verwegener und seine Uniform etwas unordentlicher. Seine Noten waren ganz okay, aber nicht überragend. Er war ziemlich gut in seinem Lieblingssport Badminton, aber seiner Meinung nach gab es in seinem Team noch andere, viel bessere Spieler als ihn. Wie gesagt, total durchschnittlich.
Deshalb hatte er auch keinerlei Verständnis dafür, dass ein Mädchen namens Kami Obata ihm plötzlich aus heiterem Himmel ein Liebesgeständnis machte und ihn bat, ihr Freund zu werden. Er erinnerte sich, wie ihm damals die Kinnlade runtergeklappt war. Er hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal gekannt!
Selbstverständlich hatte er ablehnen müssen. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, etwas mit ihr anzufangen. Damals waren es Schock und Unwissen gewesen – und selbst heute, einige Monate nach ihrem ersten Treffen, fand er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte.
Sicher, Kami sah ziemlich gut aus (weswegen sein bester Freund Isao Daichi wahrscheinlich einen Schwachkopf genannt hatte, als er ihm erzählte, dass er abgelehnt hatte). Sie war süß, aufgeweckt und immer gut gelaunt, hatte Freunde wie Sand am Meer und war bei den Jungen hart umkämpft. Und doch, Daichi fand nicht, dass sie gut zueinander passten. Was Kami leider ganz anders sah.

„Oh Mann, sie wartet schon wieder auf mich“, murmelte Daichi genervt, während er und Isao auf das Schultor zu trotteten. Sie kamen schon immer gemeinsam, das hatten sie auch in der Grund- und Mittelschule so gemacht. Isao lachte leise.
„Irgendwie ist das doch süß.“
„Es nervt“, murrte Daichi. „Sie kapiert es einfach nicht.“
„Guten Morgen, Daichi-kun!“
„Morgen, Kami“, muffelte er. Er kam schon extra spät, aber sie schien eine unermüdliche Ausdauer zu besitzen, mit der sie ihn jeden Morgen erwartete.
„Guten Morgen, Kami!“, begrüßte Isao sie enthusiastisch. „Wie geht es dir?“
Kami schenkte ihm keine Beachtung, sie war zu sehr auf Daichi fixiert, der nun versuchte, möglichst schnell zu seinem Klassenzimmer zu flüchten.
„Hast du heute nach der Schule Zeit, Daichi-kun?“, fragte sie, „eine Freundin von mir hat mir gestern von einem coolen, neuen Crêpe-Stand erzählt, der in der Innenstadt…“
„Sorry, hab Training. Die Meisterschaften stehen bald an.“
Er erzählte ihr schon seit einem halben Jahr, dass die Meisterschaften bald anstanden, aber sie ignorierte ihn hartnäckig.
„Dann werde ich dir zusehen!“, kündigte sie an, „können wir danach gemeinsam nach Hause fahren?“
„Ich bin bei Isao“, log Daichi. Isao nickte pflichtbewusst. Er öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber just in dem Moment hatten sie ihr Klassenzimmer erreicht und Daichi zog ihn mit sich hinein, so schnell er konnte.
„Bis nachher dann!“, rief Kami ihm hinterher.

„Alter, verfolgt die dich immer noch?“, fragte einer von Daichis Freunden belustigt, als er sich erschöpft auf seinen Stuhl fallen ließ.
„Ich wünschte, sie würde aufhören“, murrte Daichi, „ich hab wirklich keine Lust darauf, dass sie sich für den Rest unserer Oberschulzeit an mich hängt.“
„Ich würde sie ja nehmen“, warf ein anderer ein. „Ich meine, sie sieht doch gar nicht schlecht aus!“
„Wenn du meinst“, antwortete Daichi vage, bevor er sich wegdrehte und seine Tasche auspackte. Ihm ging es einfach nicht darum, wie gut Kami aussah. Sicher würde auch er ein schönes Mädchen einem hässlichen vorziehen – das konnte er gar nicht verleugnen. Aber letzten Endes war ihm dann doch wichtiger, was für eine Art von Mädchen es war, und ob er das Gefühl hatte, dass sie ihn verstand. Das fehlte bei Kami, ganz gewaltig.
Isao neben ihm hatte sich ebenfalls in kompletter Stille niedergelassen. Er schien Trübsal zu blasen, während er in einem der kleinen Romane las, die er ständig mit sich herumzutragen schien.
„Hey, gehen wir nach dem Training gemeinsam nach Hause?“, erkundigte Daichi sich, er mochte es nicht, zu lange still zu sein. „Dann glaubt Kami mir vielleicht.“
Isao brummte zur Antwort bestätigend.

Eigentlich sollte es ein Tag wie jeder andere auch werden. In den Pausen versuchte Daichi, sich vor Kami zu verstecken, so gut es ging; und ansonsten war alles normal. Erst in der Mittagspause ereignete sich etwas, das Daichi überraschend heftig traf.
Wie üblich aß er in der Mensa, gemeinsam seinen Freunden aus Klasse und Badminton-Team. Isao meldete sich ab, er wollte zum Lehrerzimmer gehen. Und Kami tauchte ebenfalls nicht auf – normalerweise versuchte sie stets, einen Platz neben Daichi zu ergattern. Nur heute war sie nicht da. War ja auch egal, dachte Daichi mit einem unwillkürlichen Schulterzucken, dann nervte sie ihn wenigstens nicht. Schade, dass sein bester Freund ausgerechnet heute nicht da war, um die Stille zu genießen.
Ein paar Minuten später musste er die Toiletten aufsuchen. Auf dem Rückweg stellte er fest, dass jemand die Fenster im ersten Stock geöffnet hatte, um die frische, nach Herbst riechende Spätsommerluft hineinzulassen. Gedämpfte Stimmen drangen vom Schulhof zu ihm hoch.
Moment mal. War das Kami? Unwillkürlich zuckte Daichi zusammen. Verfolgte sie ihn jetzt bis zu den Toiletten?
Nein… sie schien sich mit jemand anderem zu unterhalten. Einem Jungen. Daichi zögerte. Eigentlich konnte es ihm egal sein – aber er war neugierig…
Kurz entschlossen schlich er zum Fenster und beugte sich verstohlen ein paar Zentimeter weit vor. Unter ihm konnte er Kamis goldenen Haarschopf erkennen, und vor ihr Isao.
„Tut mir leid!“, sagte Kami gerade, „ich fühle mich geschmeichelt, aber mein Herz gehört schon jemand anderem!“
Isao blickte wütend und enttäuscht. Daichis Brust zog sich unangenehm zusammen.
„Ich weiß, an Daichi“, sagte Isao. „Aber sag mal, wie lange willst du ihm noch hinterherrennen?“
„Was meinst du?“, fragte Kami mit ihrem üblichen, gut gelaunten, leicht verträumten Lachen.
„Er liebt dich nicht!“, rief Isao, „er hat überhaupt gar kein Interesse an dir! Wärst du nicht lieber mit jemandem zusammen, der sich um dich kümmert?“
„Ich bin sicher, er liebt mich!“ Versonnen lächelte Kami. Daichi legte die Stirn in Falten. „Tief in seinem Herzen! Jungs können einfach nicht zu ihren Gefühlen stehen. Wenn ich bei ihm bleibe, dann zeigt er es mir bestimmt!“
Daichi duckte sich weg und ging langsam zurück zur Mensa. Er hatte genug gehört, und er fühlte sich furchtbar.

Für den Rest des Tages beobachtete er Isao aufmerksam. Sein bester Freund war eindeutig niedergeschlagen und traurig; aber zu Daichis großer Erleichterung schien er nicht wütend auf ihn zu sein.
Trotzdem machte ihm das Ganze schwer zu schaffen. Seiner Meinung nach war Isao ein perfekter Typ für Kami. Er sah besser aus als Daichi, er war schlauer und belesener als er. Und er liebte sie tatsächlich – es war so unfair, dass dieses Mädchen trotzdem ihm, Daichi, hinterherrannte!
Würde Kami ihre ganze Schulzeit auf ihn verschwenden? Würde sie auf niemanden, nicht einmal ihn selbst, hören und ihn immer weiter verfolgen? Und dabei die echte Liebe, die Isao ihr bot, einfach links liegenlassen, bis sie schließlich einsam und alleine endete?
Und würde Isao sie weiterlieben? Würde ihre Freundschaft das überstehen oder von Eifersucht und unerfüllter Liebe vergiftet werden? Daichi wollte seinen besten Freund um nichts in der Welt verlieren. Sie kannten sich schon, seit er denken konnte, sie waren immer ein Team gewesen!
Er wollte nichts lieber, als mit Kami zu sprechen, ihr endlich klar zu machen, dass das zwischen ihnen niemals etwas werden würde – aber er kannte den Ausgang des Gespräches bereits. Sie würde ihm nicht glauben. Und selbst, wenn es endlich zu ihr durchdrang, hatte er Skrupel, jemandem solche Schmerzen zuzufügen.

Er beschloss, zuerst mit Isao zu reden. Nach einem kurzen Gespräch mit ihrem Badminton-Kapitän durften sie die Probe heute auslassen – es stand sowieso kein wichtiges Turnier an, egal, was Daichi Kami jeden Morgen erzählte – und gingen früher.
Unangenehmes Schweigen herrschte zwischen ihnen, während sie auf dem Bürgersteig nebeneinander her trotteten. Daichi wusste nicht, wie er ein Gespräch anfangen sollte, aber schließlich hielt er es nicht mehr aus und entschied sich, einfach offen zu sein.
„Ich habe dich heute mit Kami reden hören“, sagte er.
Isao wurde puterrot und stolperte prompt über seine eigenen Füße. Hastig half Daichi ihm wieder hoch. Vielleicht hätte er doch subtiler sein sollen.
„Tut mir Leid!“, war das erste, das Isao sagte, sobald er wieder sicher stand.
„Hä? Wofür?“
Isao schwieg betreten, und Masao winkte ab.
„Meinst du, was du über mich gesagt hast? Ist schon okay, Mann, war ja die Wahrheit. Ich sollte mich entschuldigen.“
Isao nickte langsam. Eine Weile lang liefen sie schweigend weiter.
„Seit wann bist du in sie verliebt?“, erkundigte Daichi sich irgendwann.
„Seit unserem ersten Schultag.“ Isao lächelte traurig. „Wir sind zu unseren Klassenräumen gegangen, da ist sie vor unserer Nase gestolpert und hat all ihre Bücher fallen gelassen. Du hast ihr hochgeholfen, und ich habe ihre Bücher eingesammelt.“
Er wurde ein wenig rot.
„Sie hatte ein paar Romane von Yu Ashikaga dabei. Das ist mein Lieblingsautor. Ich mag Mädchen, die lesen…“
Seine Stimme verlor sich. Daichi versuchte, sich zu erinnern. Hatte Kami sich damals in ihn verliebt? Weil er ihr vom Boden aufgeholfen hatte?
„Ich versteh es immer noch nicht“, meinte er, „warum ist sie ausgerechnet in mich verknallt? Du hattest doch ein viel größeres Interesse an ihr.“
„Du bist vielleicht ein Trottel.“
Überrascht blickte er zu Isao hinüber. Auch wenn seine Stimme einen scherzhaften Ton gehabt hatte, lächelte er nicht.
„Du siehst so gut aus, Daichi. Mädchen haben schon immer für dich geschwärmt. Ist dir das nicht klar?“
Daichi schüttelte stumm den Kopf. Er wusste nicht, ob er arrogant oder einfach nur dumm war.
„Ich wünschte, es würde ihr klar werden, dass ich nichts an ihr finde“, sagte er. „Sie sollte sich nicht an mich verschwenden, und du verdienst sie.“
Isao lachte halbherzig.
„Wie edel du klingst. Aber ich habe es schon versucht. Die Wahrheit dringt einfach nicht zu ihr durch. Sie ist ein frecher, willensstarker kleiner Sturkopf. Das mag ich an ihr.“
Er blieb stehen, als sie sein Haus erreicht hatten.
„Wenn es dir nichts ausmacht, mir ist heute Abend nicht danach, mich mit Leuten zu treffen…“
„Ist schon okay“, sagte Daichi hastig und ging seines Weges.

Auf dem Heimweg schlug er missmutig den Pfad durch den Stadtpark ein. Sein Kopf summte vor lauter Gedanken. Was für ein Mist, in den er da hineingeraten war. Dabei hasste er Dreiecksgeschichten! Wie sollte er seinem Freund helfen – ohne Kami dabei zu verletzen?
Es war ja nicht so, als hätte er noch nie versucht, Kami loszuwerden. Er war nur nicht deutlich genug dafür… damals, als sie ihm ihr Geständnis gemacht hatte, war er unsicher und überrascht gewesen, und bis heute tat er nicht viel mehr, als sie anzulügen, ihr aus dem Weg zu gehen und halbherzige Andeutungen zu machen.
Sein Fuß stieß gegen eine Wurzel. Überrascht stolperte er. Wann war er in den Wald gekommen?
Verwirrt blickte er sich um. Der Weg hinter ihm verschwand in dichtem Gestrüpp.
„Ich habe mich doch nicht verlaufen“, murmelte er, leicht ängstlich, „ich muss einfach nur zurückgehen…“
Entschlossen kämpfte er sich durch das Gebüsch. Aber der Weg aus dem Wald hinaus tauchte nicht wieder auf. Stattdessen schimmerten plötzlich weiße Wände durch die schwarzen Baumstämme hindurch.

Chocolat Noir, las er auf dem Schild über dem Eingang. Vielleicht konnten die Inhaber ihm den Weg nach draußen zeigen.
Er wurde erwartet. Eine Frau mit violettem Haar stand im Laden, zwischen Regalen und Tischen, die über und über mit Schokolade beladen waren. Sie hatte den Blick zum Eingang gerichtet und lächelte ihm zu, als er eintrat.
„Äh… hi!“, sagte er unsicher.
„Willkommen bei Chocolat Noir, Daichi!“, begrüßte die Frau ihn. „Ich bin Chocola Aikawa. Hast du einen Wunsch?“
„Ich würde wirklich gerne den Weg aus diesem Wald wissen“, bat Daichi. Sie kicherte.
„Nein, du willst etwas anderes als das… bitte, setz dich, ich bringe dir Tee!“
Daichi gehorchte, bevor er wusste, wie ihm geschah. Die Frau brachte tatsächlich eine Tasse mit dampfendem Tee und setzte sich zu ihm.
„Du hast Sorgen, nicht wahr?“, erkundigte sie sich, „erzähl mir davon!“
Daichi öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Diese Frau schien Gedanken lesen zu können. Andererseits, es war kein Geheimnis, was zwischen ihm und Kami war und diese Frau kannte keinen von ihnen.
„Ich hab Probleme, mit einem Mädchen.“
„Ach, die Liebe!“, murmelte Chocola gut gelaunt.
„Nein, eben nicht die Liebe. Sehen Sie, dieses Mädchen…“ Hilflos zuckte er mit den Schultern. „Sie ist total in mich verknallt, aber ich schaffe es nicht, ihr klar zu machen, dass ich nichts von ihr will! Ich finde es schwierig, sie zu verletzen. Ich verstecke mich vor ihr, weiche aus, lüge sie an… ich kann einfach nicht deutlich genug sein.“
Verzweifelt seufzte er.
„Ich fessele sie an mich und mache sie bestimmt unglücklich. Und jetzt habe ich auch noch herausgefunden, dass ich meinem besten Freund im Weg stehe, weil er sie liebt. Das will ich nicht… ich weiß nicht, was ich tun soll…“
„Ich verstehe.“
Nachdenklich lehnte die Frau sich in ihrem Sessel zurück.
„Aber, Daichi… wir sprechen hier von einer unerfüllten Liebe. Es wird Kami wehtun, egal ob du es ihr jetzt sagst oder sie es irgendwann selbst merkt. Und so, wie es jetzt ist, tust du auch deinem Freund weh.“
„Das weiß ich“, muffelte er. Die Frau erhob sich.
„Ich habe etwas, das dir helfen kann.“

Die große Hilfe entpuppte sich als Schokolade. Genau genommen als ein kleiner Riegel dunkler Schokolade, der ihm auf einem silbernen Tablett gebracht wurde.
„Und das hilft mir?“, zweifelte er. Die Schokoladenfrau kicherte.
„Das ist Kaffeeschokolade, die kleine Stückchen Kaffee enthält. Sie wird dir deinen Wunsch erfüllen – wenn du und Kami sie gemeinsam esst, dann wird sie der bitteren Wahrheit ins Auge sehen müssen.“ Ein freundliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Aber mach dir keine Sorgen… die Bitterkeit wird nur ganz kurz währen. Sie macht das Schmerzhafte weniger schmerzhaft, weißt du…“
Zweifelnd betrachtete Daichi die Schokolade. Sie war so dunkel, dass sie gegen das weiße Tuch, auf dem sie lag, fast schwarz wirkte.
„Und das funktioniert?“
„Natürlich!“
Er konnte es nicht recht glauben, aber die Ladenfrau wirkte so nett, und bisher hatte sie nicht den Anschein gemacht, verrückt zu sein. Und er brauchte wirklich Hilfe…
„Dann nehme ich sie. Was soll sie kosten?“
Die Frau stellte ihr Tablett auf dem Tisch ab und wuselte zurück in ihren Laden. Sie holte ein kleines Cellophan-Tütchen, in das sie den Riegel verpackte und es mit rosa Ringelband verschloss.
„Es kostet dich kein Geld“, beantwortete sie schließlich Daichis Frage, „ich nehme mir mehr von dir… es kann alles Mögliche sein. Möchtest du sie trotzdem?“
Verführerisch schwenkte sie das fertig gepackte Tütchen hin und her. Daichi nickte entschlossen.
„Dann viel Spaß damit!“, wünschte Chocola ihm.

Am nächsten Tag konnte er es kaum erwarten, zur Schule zu kommen. Isao musste ihn auf dem Schulweg immer wieder bitten, langsamer zu laufen; so früh am Morgen war ihm nicht nach Sport.
„Warum bist du so energiegeladen?“, brummte er. Ihm war anzusehen, dass er schlecht geschlafen hatte; er war blass und hatte tiefe Ringe unter den Augen. Daichi gab ihm einen aufmunternden Boxer gegen die Schulter.
„Ich werde heute mit Kami sprechen“, kündigte er an.
„Tatsächlich?“ Nun wirkte Isao doch wieder etwas wacher. „Und was wirst du ihr sagen?“
„Wie es um uns steht, natürlich!“
Isao setzte eine skeptische Miene auf, aber er hatte keine Zeit mehr, seine Zweifel zum Ausdruck zu bringen, da das Schultor schon vor ihnen auftauchte.
„Guten Morgen, Daichi-kun!“, schallte ihnen Kamis übliche Begrüßung entgegen.
„Kami! Gut, dass ich dich treffe!“
Mit einem breiten Lächeln blieb Daichi vor ihr stehen. Kami sah überrascht aus. Ihre Wangen färbten sich knallrot.
„Kann ich dich nach der Schule auf dem Dach treffen? Ich habe ein Geschenk für dich!“
„Eeeecht?“
Ihre Augen leuchteten begeistert auf. Isao, der neben Daichi stand, wirkte hingegen entsetzt.
„Dann werde ich da sein! Bis nachher, Daichi-kun!“
Zum ersten Mal ließ sie ihn freiwillig in Ruhe und hüpfte zu einer Gruppe ihrer Freundinnen, die etwas weiter entfernt standen und sie begierig auf Neuigkeiten empfingen.
„Was machst du denn?“, zischte Isao, halb wütend, halb verzweifelt. „Ich dachte, du wolltest…“
„Keine Panik, will ich auch.“ Beruhigend klopfte Daichi ihm auf die Schulter. „Am besten kommst du mit und wartest im Treppenhaus.“

Der Schultag schoss geradezu an ihnen vorbei. Als es zum Schulschluss läutete, war Daichi hibbelig vor Aufregung, ob es klappen würde, und Isao merkwürdig still und blass.
Den Aufstieg zum Schuldach legten sie schweigend hin. Als sie die Glastür ganz oben erreichten, hielten sie kurz an.
„Sie ist schon da“, bemerkte Daichi, während er nach draußen spähte. „Nun, ich hoffe, dass das klappt…“
Er wollte schon gehen, als Isao nach seiner Schulter griff.
„Hey… ich vertraue dir.“
Seine Stimme hatte etwas Flehendes. Daichi schenkte ihm noch ein aufmunterndes Lächeln, bevor er auf das im Abendlicht gebadete Dach trat.

„Du bist spät dran, Daichi-kun!“, empfing Kami ihn. Selbst im Abendrot sah man, dass ihre Wangen sich ganz pink gefärbt hatten. Verlegen wippte sie auf ihren Fersen, und Daichi bemerkte, dass sie sich wohl den Lippenstift und Wimperntusche von einer Freundin ausgeliehen hatte.
„Tut mir leid!“
„Schon gut, ich kann dir doch nicht lange böse sein!“ Sie kicherte und kam langsam zu ihm hinüber. Daichi stellte seine Tasche ab und holte das Tütchen mit der Kaffeeschokolade heraus.
„Was ist das?“, wollte sie neugierig wissen.
„Schokolade. Wir teilen sie uns!“
Er öffnete das Tütchen und brach den Riegel mit einem leisen Knacken entzwei. Kamis Hände zitterten vor Aufregung, als er ihr das größere Stückchen in die Hand drückte.
„Guten Appetit!“, wünschte er ihr.
„Das ist so romantisch!“, seufzte sie und biss zu.

Der Geschmack füllte Daichis ganzen Mund aus. Es war bitter – aber eine gute Art der Bitterkeit. Bittersüß, ja, so war diese Schokolade. Es knusperte in seinem Mund, als er auf die Kaffeestückchen biss.
Er bemerkte, dass er die Augen geschlossen hatte und öffnete sie langsam. Kami hatte ihr Stück ebenfalls schon gegessen, und es schien seine Wirkung zu entfalten.
Zum ersten Mal war ihr strahlendes, freches Lächeln aus ihrem Gesicht gewichen. Ihre himmelblauen Augen starrten ihn an, sie schienen direkt durch ihn hindurch in sein Herz zu sehen. Langsam füllten sie sich mit Tränen, die ihre Wangen hinunterliefen und ihre sorgfältig aufgetragene Wimperntusche verschmierten.
„So ist das also“, flüsterte sie. Daichi schluckte und nickte. Es tat ihm weh, jemanden wegen ihm so traurig zu sehen. Aber verschmähte Liebe tat weh, hatte die Schokoladenfrau ihm gesagt, das ging nicht anders. Es würde nicht lange dauern…
„Tut mir leid.“
„Nein, bitte… e-es ist gut, wenn du es so klar machst…“ Sie hickste und senkte den Kopf, während sie sich die Tränen von der Wange wischte.
„I-ich… ich muss gehen…“
„Ist schon gut“, sagte Daichi. Kami rannte an ihm vorbei zum Treppenhaus.

Daichi blieb alleine zurück. Ein schweres Seufzen entkam ihm. Auch er fühlte sich traurig – allerdings auch frei und unbeschwert, als könne er die Traurigkeit mit einem Sprung zurücklassen.
Langsam trat er seinen Weg zurück zum Treppenhaus an. Vorsichtig öffnete er die Glastür, nur einen Spalt, um die Stimmen, die sich dort unterhielten, verstehen zu können.
„…schon gut“, sagte Isao gerade, „es ist besser, wenn du dir keine falschen Hoffnungen mehr machen musst, Kami.“
Ein ersticktes Schluchzen drang zu ihm hoch. Es schien, als hätte Kami eine Schulter zum Ausweinen gefunden.
„Wie wäre es, wenn wir zu dem neuen Crêpe-Stand gehen, von dem du neulich erzählt hast?“, schlug Isao mit sanfter Stimme vor. „Ich spendiere dir einen, okay? Dann geht es dir schon besser. Ich lasse mein Training für dich ausfallen.“
„O-Okay“, schnüffelte Kami leise, „du bist lieb, Isao-kun…“
Isaos Antwort konnte Daichi schon nicht mehr verstehen, aber das musste er auch nicht. Lächelnd schloss er die Tür wieder und drehte sich um, damit er das Abendlicht noch ein wenig genießen konnte.
Die Bitterkeit war jetzt fort und nur noch in einem Geschmack nach frisch gebrühtem Kaffee geblieben, der sich langsam in seinem Mund ausbreitete.

Unten, auf dem Schulhof, wanderte eine einsame Gestalt in Richtung Schultor, mit wehendem, violettem Haar und zwei leuchtenden Kristallen, die über ihrer Hand schwebten.
„Ich nehme mir nun… eure Fesseln aneinander…“

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Dieses Kapitel geht an die liebe SakuraNeko, die es sich gewünscht hatte! Ich bin echt nicht gut in Liebesgeschichten, aber ich hoffe, es gefällt dir! ^^

Habt ihr Anmerkungen, Ideen oder Kritik? Einen Wunsch für das nächste Kapitel? Ich freue mich darüber! Ich hoffe, dass ich bald noch ein Kapitel hochladen kann, aber mit der anderen Fanfiktion, die ich angefangen habe (und den ganzen Kapiteln zu dieser, die ich mal beenden müsste), ist gerade sehr viel zu tun... trotzdem hoffe ich natürlich, euch alle bald wiederzusehen!

LG, Crystal
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