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Die Schokohexe

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Chocola Aikawa Kakao OC (Own Character)
16.11.2014
31.12.2016
8
28.507
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04.06.2016 3.516
 
Die Blicke der anderen waren immer wie ein Käfig gewesen.
Es war egal, ob es die Blicke ihres Manager waren, der sie streng überwachte; oder die Blicke der Konkurrenz, die sie stumm verabscheuten; die Blicke der Leute auf der Straße, die sie gaffend verurteilten oder die Blicke der leblosen Kameralinsen, vor denen sie sich so nackt und ausgeliefert fühlte. Sie drängten sich stets um sie wie ein Rudel hungriger Wölfe und pferchten sie ein, bis sie nicht mehr wusste, wie sie frei atmen sollte und ihr Herz wild pochte und rannte wie ein gejagtes Reh.
Jedes Mal aufs Neue.
Grelles Scheinwerferlicht blendete sie, aber sie schützte ihre tränenden Augen nicht, sondern hob den Arm und grüßte ihr Publikum. Betäubendes Gebrüll schlug ihr entgegen – Menschen über Menschen, eine kochende Menge, die ihren Namen rief, wild und manisch. Sie konnte fühlen, wie ihre prüfenden Augen über ihre bloßen Beine und ihren nackten Bauch strichen, immer auf der Suche nach einer Unebenheit, einem kleinen Riss in ihrer schützenden Fassade. Natürlich durfte sie keinen einzigen zeigen. Ihr Kostüm war eng und schien sich wie eine Fessel an sie zu klammern, aber sie lächelte und winkte stur.
„MEINE DAMEN UND HERREN!“, donnerte eine Stimme, so laut, dass sie jedes Geschrei noch um ein Vielfaches übertönte. Sie wollte sich gerne die Hände über die Ohren legen, aber das letzte Mal, als sie das getan hatte, hatte es Ärger gegeben.
„BEGRÜSSEN SIE MIT MIR DEN NEUEN STERN AM HIMMEL DES POP! EINEN LAUTEN APPLAUS FÜR TOTO!“
ToTo. Den Namen hatte sie noch nie gemocht. Er klang nach einem Namen, den eine alte, strenge Dame ihrem Schoßhündchen gab. Sie mochte ihren echten Namen so viel lieber – Tori.
Ihre Ohren klingelten von dem Johlen und Klatschen, das sie überrollte.
„Hi zusammen!“, antwortete sie, aber selbst als sie brüllte, kam es ihr vor, als würde ihre Stimme einfach verschluckt. Die Musik setzte ein, es war eine altbekannte Melodie – irgendwann hatte sie aufgehört, zu zählen, wie häufig sie diesen Song schon aufgeführt hatte. Jedes Mal zwang sie ihre Stimme wieder die gleichen Noten entlang. Sie waren so schrecklich eintönig und langweilig geworden.
Als die letzten Töne verklangen und sie den begeisterten Applaus ihres Publikums mit einem gezwungenen Lächeln entgegennahm, tat ihre Kehle weh. Sie winkte, und aus den Augenwinkeln sah sie die Moderatoren auf die Bühne treten und schon ihre Plätze auf dem breiten Sofa einnehmen. Es sah gemütlich aus, aber Tori wusste, sobald sie dort saß, würde sie noch viel enger eingesperrt sein als hier oben.
„Ihr Song heißt „Party Everyday“, und er ist seit mehreren Wochen auf dem ersten Platz aller Hitlisten!“, erzählte die Moderatorin, was Tori schon lange wusste, „aber was wir wirklich alle wissen wollen: Hat dieser Titel vielleicht etwas mit ihrem persönlichen Leben zu tun?“
„Oh, ja!“, antwortete Tori wie aus der Pistole geschossen, „ich liebe es, zu feiern! Am allerliebsten mache ich Karaoke und gehe tanzen!“
Lüge. Sie hasste es an lauten Orten.
„Aber bestimmt singen Sie doch besser als alle ihre Freunde beim Karaoke!“ Der Moderator ließ ein Lachen hören.
„Das natürlich schon!“ Tori zwang sich selbst, sein Lachen mit einem eigenen, gekünstelten zu erwiedern. „Aber es macht ihnen gar nichts aus! Ich habe sie ja so lieb, meine Freunde!“
Lüge. Sie hatte überhaupt keine Freunde.
„Es war ja ein großer Zufall, dass Sie entdeckt wurden! Was für ein glücklicher Zufall, nicht wahr?“
„Natürlich!“
„Streben Sie denn noch nach Größerem? Den internationalen Bühnen etwa?“
„Aber auf jeden Fall!“
„Sind Sie zufrieden mit Ihrem Leben bisher?“
„Ich könnte nicht zufriedener sein!“
Lüge. Lüge. Lüge.

„Das hast du wunderbar gemacht“, erklärte ihr Manager, als sie eine quälende Stunde später hinter der Bühne verschwinden durfte. Tori antwortete nicht, sie war gerade damit beschäftigt, ihr Make-Up vom Gesicht zu waschen.
„Du hast einen riesigen Erfolg mit „Party Everyday“ gelandet!“, erzählte er weiter, „die Menschen lieben deinen Song! Er wurde schon fast eine Million Mal im Netz heruntergeladen!“
„Es ist ja nicht meiner“, muffelte Tori in ihr Handtuch, als sie an die Songschreiber dachte, die eine Menge solcher hohlen Titel komponiert hatten, bevor es „Party Everyday“ geworden war. Ihr Manager überhörte sie.
„Ich denke, wir werden jetzt daran arbeiten, deine Beliebtheit auf dem japanischen Markt zu festigen… vielleicht können wir „Miss Pretty“ rausbringen, sobald der Hype um deinen jetzigen Hit etwas nachlässt… bei einem erneuten Erfolg können wir die ausländischen Bühnen anstreben…“
„Könnte ich nicht einen von den Songs singen, die ich geschrieben hab?“, schlug sie leise vor und wurde abermals ignoriert.
„Ich denke an eine Tournee in Korea, wenn du Erfolg hast… vielleicht solltest du vorher hier noch ein paar Konzerte geben…“
Er machte Pläne für ihre Zukunft, als hätte sie irgendetwas daran zu sagen, also schaltete sie auf Durchzug und entledigte sich ihres Bühnenkostüms. Ihr wurde sowieso immer sofort gesagt, was sie als nächstes tun sollte.

Als die Limousine sie schließlich vor ihrer Haustür absetzte, verschwanden die Stimmen um sie herum allmählich und sie war von wohltuender Stille umgeben. Erleichtert, dass niemand mehr da war, um ihr zu sagen, dass sie sich beeilen sollte, schloss sie gemächlich die Haustür auf, entledigte sich ihrer Schuhe und schlich in den Hausflur.
Nach einem kleinen Abendessen – Salat, denn sie musste immer in ihre Bühnenoutfits passen und einen schönen, flachen Bauch präsentieren – betrat sie schließlich ihr Schlafzimmer und machte sich bereit fürs Bett. Schlafen zu gehen hatte sie allerdings noch nicht vor…
Stattdessen öffnete sie die Tür zu ihrem Balkon und trat hinaus an die kühle, erfrischende Luft. Jetzt begann ihr eigentliches Leben – vor ihr erstreckte sich still und dunkel der Wald, wo keine Menschenseele war, um sie zu hören oder zu sehen, und über ihr glitzerten die Sterne in der tintenschwarzen Ewigkeit der Nacht. Diese paar kostbaren Stunden zwischen Abendrot und Morgengrauen waren die einzigen, in denen sie wirklich und wahrhaftig Tori war, nicht ToTo, sondern ganz allein sie selbst. Es war die beste Zeit des Tages. Ihre einzigen Stunden außerhalb des Käfigs.
Sie öffnete den Mund und ein paar zaghafte Töne verließen ihre Kehle. Nach „Party Everyday“ taten sie noch ein bisschen weh, aber je mehr sie vor sich hin sang und ihre Stimme frei und unverkrampft wandern ließ, desto weniger wurde es. Bald hörte sie eine Melodie aus ihrem Gesang heraus – sie klang schön, sie würde sie fortspinnen und später aufschreiben…
Das kleine, blaue Notizbuch auf ihrem Nachttisch war voll mit Melodien, die ihr hier auf dem Balkon durch den Kopf gehuscht waren, und voll mit Gedanken, die sie manchmal tief in der Nacht wachhielten. Es wäre so schön, könnte sie ein solches Lied auf einer Bühne singen… ohne Kostüm, nur in einem schlichten, braunen Kleid, ohne Moderatoren und ohne Angst… Ganz anders als jetzt. Wie hatte es nur jemals so weit kommen können?
Früher hatte sie mal so gesungen, wie sie wollte. Sie hatte kleine Auftritte gehabt, in Cafés oder winzigen, kleinen Clubs in Seitengässchen. Die Menschen hatten aufgehört, zu tun, was sie gerade taten und ihr zugehört. Sie hatten niemals reingerufen und ihren Namen gejohlt…
Leider bezahlten solche Auftritte keine Rechnungen, und in ihrer Not hatte Tori schließlich ein Angebot annehmen müssen, das ihr eigentlich zutiefst zuwider war. Damals war sie zu ToTo geworden… und hatte die Käfigtür hinter sich zugezogen.
Ihr Gesang wurde schief und unmelodisch. Enttäuscht ließ sie ihn verklingen. In letzter Zeit funktionierte nicht einmal mehr das richtig, sie hatte in den letzten Wochen keine einzige Note niedergeschrieben…
Vielleicht sollte sie einfach ins Bett gehen und schlafen. In der nächsten Nacht würde sie bestimmt wieder schreiben können. ToTo hatte morgen einen anstrengenden Tag vor sich.

Die Probeaufnahmen für „Miss Pretty“ standen an. Nachdem sie die zwei Wörter gefühlte dreitausend Mal hintereinander stumpf in ein Mikrofon gesungen hatte, gönnte man Tori gegen Nachmittag eine Pause. Lustlos verzog sie sich in eine Ecke, um ihre Kehle mit ein bisschen Wasser wieder anzufeuchten. Der Schweiß stand ihr auf der Stirn; sie musste schon wieder ein enges, unbequemes Kleid tragen, da das Studio von Journalisten belagert wurde und unvorteilhafte Fotos vermieden werden sollten.
Sie sehnte sich die Nacht herbei. Wenn es dunkel war und keiner sie sehen konnte… und einsam, damit sie nur für sich singen konnte… und schön kühl…
„Da bist du ja!“
Ihr Manager rauschte herbei und setzte sich neben sie auf die Bank. Er hatte dieses begeisterte Lächeln im Gesicht kleben, das stets eine Menge Ärger für Tori bedeutete.
„Ich habe tolle Neuigkeiten!“
Er kramte ein Tablet aus der Tasche, schaltete es an und hielt es Tori hin. Pflichtbewusst stellte sie die Wasserflasche zur Seite und nahm es an. Auf dem Bildschirm sah sie einen jungen Kerl, Mitte zwanzig vielleicht, mit dem aalglatten Aussehens eines berühmten Sängers.
„Wer ist das?“
Ein entsetztes Geräusch war die Antwort.
„Ich kann nicht glauben, dass du ihn nicht kennst! Das ist Baiken!“
„Wer?“
Ihr Manager verdrehte genervt die Augen.
„Er ist die Newcomer-Sensation unter den männlichen Popsängern, gerade auf dem Sprung in die Internationalität. Ich habe heute Morgen mit seiner Managerin telefoniert. Er wird dein zukünftiger Freund!“
Tori spuckte fast das Wasser aus, das sie noch im Mund hatte. Sie konnte es rechtzeitig schlucken, musste aber kräftig husten und würgen.
„W-W-Wie bitte?“
„Dein Freund!“, wiederholte er ungeduldig. „Dein Image ist im Moment einfach zu perfekt! Wir wollen nicht, dass du abgehoben wirkst, deine Zielgruppe soll sich besser mit dir identifizieren können…also, Baiken und du, ihr wart schon ewig zusammen, aber jetzt wollt ihr offiziell zusammenziehen und euch an die Öffentlichkeit trauen, okay? Nächste Woche ist es so weit. Für morgen habe ich eine Pressekonferenz angesetzt.“
Tori fühlte sich, als hätte ihr gerade jemand aus dem Nichts eine Ohrfeige verpasst. Mit einem fremden Jungen zusammenziehen…? Das ging nicht! Das durften sie nicht tun! Ihre Einsamkeit war das letzte, das ihr noch geblieben war! Ihr Leben als ToTo war zu Ende, sobald sie zu Hause war – sollte es jetzt etwa gar kein Entkommen mehr geben?
„Aber das geht doch nicht!“, murmelte sie fieberhaft, „das ist zu schnell…! Gebt mir mehr Bedenkzeit!“
„Du hast keine Zeit. Was gibt es da zu bedenken?“, wollte ihr Manager genervt wissen. „Das ist doch nichts Echtes. Die Presse will mehr über dein Privatleben wissen. Wenn du erfolgreich bleiben willst, musst du ihnen Futter geben!“
Wie in Trance schüttelte Tori den Kopf. Ihr war übel. Ihr Herz raste, sie hörte es als dumpfes Pochen im Kopf.
„D-D-Das geht nicht… das will ich nicht…“
Die Bank gab ein Knarzen von sich, als ihr Manager aufstand. Er überragte Tori um ein Vielfaches, und sie fühlte sich ganz klein in seinem Schatten.
„Hör mir genau zu, ToTo.“
Er klang ganz ruhig, als würde er seinen ungeduldigen Hund trainieren, aber Tori wusste, dass er eigentlich sehr genervt und sehr wütend war.
„Wir haben einen Vertrag, erinnerst du dich? Du tust, was ich sage. Und dafür kannst du singen.“
„A-Aber…“, stotterte sie, „i-ich kann doch nicht…“
„Du weißt doch noch, wie es war, bevor es so kam?“, fragte er und Tori senkte den Blick. „Wenn ich nicht gekommen wäre, würdest du jetzt Straßen fegen… oder Sushi verkaufen! Ich habe dich gerettet! Und ich will einen Gegenwert dafür! ToTo ist eine sehr einträgliche Marke, ich lasse nicht zu, dass sie an Wert verliert, klar?“
„Klar“, antwortete sie flüsternd.
„Und aus diesem Grund wirst du morgen der ganzen Welt erzählen, wie sehr du und Baiken sich doch lieben, und dann werdet ihr zusammen in eine schöne, große Villa ziehen. Ich verstehe dein Problem wirklich nicht.“
Geschlagen senkte Tori den Blick – ihr war klar, dass er sie vollkommen in der Hand hatte. Sie war nur sein kleiner Spielball. In den Augenwinkeln fühlte sie Tränen, und in wenigen Sekunden rannen sie ihre Wangen herab.
Ihr Manager schnaubte.
„Hör auf damit. Du ruinierst dein Make-Up.“

Als die Maskenbildnerinnen mit ihr fertig waren, war von Toris Tränen nichts mehr zu sehen. Sie hielt sich an die Worte ihres Managers und setzte für den Rest des Tages eine Maske auf, ein strahlendes, künstliches Lächeln, das niemand durchschauen konnte.
Erst, als sie am Abend an ihrer Wohnung abgesetzt wurde, zerbrach ihre Maske langsam. Kaum war die Limousine um die Ecke verschwunden, formten sich wieder Tränen in ihren Augen, liefen ihr Gesicht herunter und verschmierten ihre Wimperntusche. Mit zitternden Fingern kramte sie ihren Haustürschlüssel heraus, und sobald sie im Flur war und einsam und abgeschieden von der Welt, weinte sie laut los.
Mit Mühe schleppte sie sich hoch ins Schlafzimmer, schmiss ihr Kleid in die Ecke und schlüpfte in einen bequemen Pyjama. Sie stolperte hinüber zu ihrem Balkon und öffnete die Tür. Frische Nachtluft füllte ihre Lungen, aber es wurde nicht besser – ihr Körper wurde von Schluchzern geschüttelt, und alles, vor allem ihr Herz, tat weh.
Sie öffnete den Mund, um zu singen und sich zu beruhigen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Nur ein klägliches, heiseres Krächzen kam heraus.
Sie konnte nicht mehr singen.
„Nein…“, wimmerte sie und sank auf dem Boden zusammen. Tori lag im Sterben. Bald würde nur noch ToTo übrig bleiben… sie würde ihr ganzes Leben im Käfig fristen…
So ein Leben hatte sie nie gewollt! Sie hatte immer nur singen wollen, leicht und frei. Sie hatte Geschichten erzählen wollen, sie hatte der Welt zeigen wollen, wer sie war… aber das war nun unmöglich. Ihr ganzes Leben war künstlich, es war alles eine Lüge.
Sie wollte raus. Sie wollte es beenden. Sie hasste ihr Leben.

Tori hob ihren Kopf, um einen Blick in die Sterne zu werfen. Vielleicht wäre dort eine Antwort, aber natürlich blinkten sie nur weit weg und nutzlos. Enttäuscht ließ sie den Blick über den Wald wandern…
Und sah ein Licht. Erstaunt richtete sie sich auf. Dort war noch nie so ein Licht gewesen… lebte im Wald etwa jemand…?
Sie konnte nicht ganz erklären, warum sie mitten in der Nacht in einen finsteren Wald ging. Irgendetwas an dem kleinen Licht dort draußen zog sie fast magisch an… es war warm und sah gemütlich aus, als würde dort ein bisschen Trost auf sie warten. Also trocknete sie ihre Tränen, schlüpfte in Pantoffeln und einen Morgenmantel und machte sich auf den Weg.
Das Licht schimmerte vor ihr, sobald sie einen Fuß in den Wald setzte. Ihre Schritte waren zuerst langsam und zögerlich, aber je näher sie kam, desto sicherer wurde sie, dass sie dort hin musste. Bald tauchten weiße Wände zwischen den schwarzen Bäumen auf… es war ein Laden, hier draußen? Neugierig pirschte sie sich näher heran.

Innerhalb der Wände des Ladens, den Tori draußen im Wald entdeckt hatte, war die Ladeninhaberin gerade dabei, ins Bett zu gehen. Chocola wollte ihre Bettdecken zurückschlagen, um nach einem langen Tag etwas Schlaf zu bekommen, als Kakao sich plötzlich starr aufsetzte und seine gelben Augen aufs Fenster richtete.
„Was ist los?“, erkundigte sich Chocola.
„Da ist jemand“, informierte Kakao sie, „wir haben Kundschaft.“
„Jetzt noch?“, grummelte Chocola. Sie wollte wirklich gerne ins Bett, aber es half ja doch nichts… und so ging sie in Nachthemd und Morgenmantel in den Verkaufsraum hinunter. Tatsächlich, dort stand jemand vor der Ladentür – eine junge Frau, wie sie in Pyjama und Morgenmantel. Eilig öffnete sie.
„Willkommen bei Chocolat Noir“, begrüßte sie das Mädchen und winkte sie hinein. Sie hatte geweint, das war ihr klar anzusehen, also führte sie sie zu einem Sessel und machte ihr heißen Tee. Mit einem letzten, sehnsüchtigen Gedanken an ihr Bett setzte sie sich ihr gegenüber hin und machte sich zum Gespräch bereit.

„Und? Was wünschst du dir?“
Tori hatte heißen Tee im Mund und registrierte die Frage nur am Rande ihres Bewusstseins, ohne sie richtig zu verstehen. Jetzt, wo sie hier war, fragte sie sich, warum. Sie konnte sich nicht im Wald verstecken, spätestens morgen musste sie sich ihrem Leben wieder stellen.
„Du wärst nicht hierhin gekommen, würdest du dir nicht etwas wünschen“, redete die Frau weiter, wohl, um ihr auf die Sprünge zu helfen. Diesmal blickte Tori auf, um wenigstens aus Höflichkeit zu antworten, aber just in dem Moment blitzte ein Funken Erkenntnis in den Augen ihres Gegenübers auf.
„Oh… bist du nicht diese Sängerin… ToTo?“
„Tori! Ich heiße Tori, nicht ToTo!“
Sie biss sich auf die Lippen, sie wollte nicht laut werden. Aber wie sie diesen Namen hasste. So abgrundtief. Die Frau schmunzelte nur sanft, der Gefühlsausbruch schien ihr nichts auszumachen.
„Magst du diesen Namen nicht?“
„Nein!“, erwiderte Tori. Es half, dass sie nicht auf einer Bühne saß und keine Kameras auf sie gerichtet waren. Sie hatte schon so lange kein vernünftiges Gespräch mehr geführt, ohne beobachtet zu werden, dass die Wahrheit nur so aus ihrem Mund purzelte.
„Ich kann ihn überhaupt nicht leiden… Er ist so bescheuert! Dieser ganze Starkram ist so bescheuert! Mein Leben ist bescheuert!“
Sie war schon wieder fast am Weinen. Die Ladenfrau füllte diskret ihre Teetasse wieder auf und schwieg, als würde sie warten, bis Tori weiterredete.
„Ich hasse es! Ich hasse alles daran! Ich habe nie so leben wollen! Ich wollte einfach nur singen…“
Da waren die Tränen wieder. Tori wollte am liebsten schreien vor lauter Frustration, aber das gab ihre Stimme schon nicht mehr her. Sie konnte nur noch in kläglichen Wimmerlauten reden.
„Ich will, dass dieses Leben ein Ende findet! Ich kann nicht mehr! Ich will nicht mehr!“
Ihre Stimme gab endgültig auf und brach. Wie erbärmlich. Sie wollte am liebsten rausgehen und sich am nächsten Baum erhängen.
„Ist das dein Wunsch? Dieses Leben zu beenden?“
Sie nickte. Wahrscheinlich würde die Ladenfrau jetzt einen Psychiater rufen. Das gäbe großartige Schlagzeilen – „ToTo (19) ins Irrenhaus eingeliefert“ – ihr Manager würde sich überschlagen vor Freude.
„Warte bitte kurz.“
Sie stand auf und verschwand in der Dunkelheit ihres Ladens. Tori kauerte sich auf dem Sessel zusammen. Sie hatte Angst davor, zurückzukehren. Vielleicht sollte sie wirklich… Dann wäre sie den Ärger los…
Ihre Gedanken wurden von einem leisen Geräusch unterbrochen, als die Ladenfrau wieder auftauchte und sich ihr gegenüber hinsetzte. Sie hatte ein kleines Tablett mitgebracht, das sie Tori hinschob. Schokolade war darauf, braune Milchschokolade.
„Wenn du deinen Wunsch wirklich erfüllt sehen willst, iss das hier“, erklärte sie, „das ist Luftschokolade. Ich muss dich allerdings warnen… meine Schokolade ist nicht billig.“
„Damit hört dieses Leben auf?“, wollte Tori wissen, und erhielt ein Nicken als Antwort. Genau, was sie brauchte. So war die Entscheidung leicht. Was hatte sie denn noch zu verlieren?

Die Schokolade war leichter, als sie gedacht hatte, als sie sie hochhob. In einem Bissen war sie verschwunden. Sie fühlte sich gut an auf der Zunge… süß und zart schmelzend…
Sie fühlte die Wirkung einsetzen. Auf einmal wurde sie ganz leicht, als würde Luft ihre Adern füllen und sie könnte vom Boden abheben. Es war ein unglaubliches Gefühl. Es war, als hätte jemand Gewichte entfernt, die sie zu Boden gehalten hatten. Alle ihre Probleme schienen auf einmal kleiner zu werden und zu verschwinden. Ihr Manager… die Kameras… die Fans und die Talkshows… sie würde nie wieder dorthin zurückkehren müssen…
Jetzt war sie wahrhaft frei. Jetzt hatte sie Flügel bekommen, um den Käfig zu verlassen. Keiner könnte sie je wieder einsperren…

Sie öffnete den Mund, und ein wunderschöner, klarer Gesang kam heraus. Chocola lächelte und streckte die Hand aus. Ein Vögelchen hüpfte hinauf, mit unscheinbarem, braunem Gefieder und glücklich trillernd und tschilpend – eine Nachtigall. Sie schlug mit den Flügelchen, als könne sie es kaum erwarten, sie auszuprobieren.
„Das ist es, was du wolltest, nicht wahr, Tori?“, fragte Chocola mit einem Lächeln. „Ein Neuanfang. Jetzt kannst du immer singen, wann und wie du es verlangst… und niemand wird dich je finden können.“
Tori zwitscherte bestätigend und rieb dankbar den Kopf an Chocolas Ärmel. Die lachte glücklich und trug sie zum Fenster hinüber. Mit einem Griff hatte sie es geöffnet und Tori flog… unbeschwert und frei, hinauf in die kühle Nachtluft, dem unendlichen Sternenzelt entgegen. Auf einem Ast vor Chocolas Fenster ließ sie sich schließlich nieder und stimmte ihren Gesang an. Er klang wunderschön, als würde er aus purem Glück bestehen.
„Ich nehme mir nun… deinen Käfig…“

Tori entfernte sich nie wieder besonders weit von dem Wald, in dem ihr ein neues Leben geschenkt worden war. Manchmal segelte sie durch die Straßen der Stadt, und hörte in den Gesprächen der Leute, dass ToTo noch immer mysteriös verschwunden war. Manchmal versteckte sie sich tief im Wald und war nur für sich herrlich allein.
Am liebsten aber saß sie im dichten Laub der Bäume im Stadtpark und sang ihre Melodien. Die Menschen hörten auf, zu tun, was sie gerade taten und hörten zu. Aber niemand konnte sie sehen – sie war nur ein kleiner, brauner Vogel, der niemandem je besonders auffallen würde.

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Hallo! ^^ Tut mir leid, ich habe ewig nichts von mir hören lassen... Aber ich arbeite an einem größeren Projekt, das mich voll vereinnahmt hat. Tut mir echt leid!

Dieses Kapitel fand ich echt angenehm zu schreiben, Tori ist ein netter Charakter. Wahrscheinlich ist sie in dieser Fanfiktion sogar mein zweitliebster Charakter, nach Akemi aus dem ersten Kapitel. Leider hat Chocola diesmal nicht wirklich viel Text abbekommen. Aber was fandet ihr? Wie immer freue ich mich über jegliche Reviews, Kritik, Anregungen und so weiter und so fort. Habt ihr eigene Wünsche für Kapitel? Lasst es mich wissen!

Bis zum nächsten Kapitel! ^^ Und vielen Dank, wenn ihr bis hier gelesen habt!
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