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Die Schokohexe

GeschichteAllgemein / P16 / Gen
Chocola Aikawa Kakao OC (Own Character)
16.11.2014
31.12.2016
8
28.507
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28.09.2015 3.242
 
Der Frühling war angebrochen. Wie die Seide von dem langen, grünen Kleid einer frisch verliebten jungen Frau war er über Nacht auf das Land hinabgefallen. Er hatte seine Klänge mitgebracht, das Zwitschern flirtender Vögel und das Rauschen von Bächen, die der Winter versiegelt hatte und die ihre neu gewonnene Freiheit nun feiern wollten. Der Duft des Frühlings schwebte auch überall, er roch nach Baumharz und Rosen und den vielen anderen Blumen, die nun von den Sonnenstrahlen geweckt auf den Wiesen und in den Parks blühten, wie kleine, bunte Tupfer in einem Meer aus unendlichem, wogenden Grün.
Die Stadt war vom Frühlingsfieber voll erwischt worden. Die Gärtner hatten sich im Stadtpark und in den Blumenbeeten an der Straße richtig austoben dürfen und nun wehte auch durch die Asphaltstraßen eine warme Brise, die schon nach Frühsommer schmeckte. Der Frühling brachte auch die wunderbaren Gefühle von Frische und neuen Anfängen nach einer langen, kalten Zeit des Wartens. Der Valentinstag war schon lange vorbei, doch trotzdem fanden sich mehr Paare denn je und wurden glücklich zusammen. Und natürlich fingen die neuen Schuljahre an. Neue Klassen kamen zusammen, neue Leute lernten sich kennen und zahlreiche neue Freundschaften wurden geschlossen.

Nicht einmal der Wald, um den sich so viele Gerüchte wanden und eins ganz besonders, war von der allgemein produktiven Stimmung ausgelassen worden. Das Blätterdach war noch ganz hell und licht, sodass es nicht einmal an der düstersten Stelle besonders dunkel war, und der Boden knackte und raschelte nicht bei jedem Schritt, weil ihn eine Schicht weichen, dämpfenden Mooses bedeckten, das wie eine Decke überall lag.
In dieser Gegend lag der magische und sagenumwobene Schoko-Laden Chocolat Noir, geführt von der nicht minder magischen und sagenumwobenen Chocolatierin Chocola Aikawa. Sie und ihr Schokoladendämon Kakao hatten alles geputzt und die Fenster aufgestoßen, die Ware und die Tische für die Ware neu verteilt und sämtliches Küchenwerkzeug auf Hochglanz poliert. Wobei, das war eigentlich nur sie gewesen. Kakao war plötzlich verschwunden, sobald sie das Wort „Putzen“ in den Mund genommen hatte.
Aber einmal im Jahr musste es sein. Die Kundschaft sollte schließlich einen schönen, ordentlichen Laden zu Gesicht bekommen. Die Kundschaft, die zu ihr kam und ihr ihre Probleme anvertrauten und auf Rat und magische, Wünsche erfüllende Schokolade hoffte.
Gerade war wieder welche da. Und die hatte einen ganz besonderen Wunsch. Einen, der zwar leicht zu erfüllen war… aber es würde doch interessant sein, was sich daraus entwickelte… Chocola drapierte ihre Schokolade vorsichtig auf einem ihrer Silbertabletts und brachte sie in den Verkaufsraum zu der Kundin, die in einem frisch abgestaubten Sessel wartete.
„Hier… Die sollte deinen Wunsch ordnungsgemäß erfüllen…“
Zweifel standen ihrer Kundin ins Gesicht geschrieben, und ihre Hand zitterte, als sie nach der zartbraunen Masse griff. Doch dann packte sie entschlossen zu, das Konfekt wurde angehoben und verschwand in einem Bissen.

Nur ein paar Tage später begann das neue Schuljahr und ein Mädchen namens Haru wachte morgens mit Unbehagen auf.
Oh nein, ihre Mutter rief schon von unten… war sie zu spät? Auf keinen Fall würde sie an ihrem ersten Tag in einer neuen Klasse zu spät kommen wollen! Das würde alle anderen auf sie aufmerksam machen! Sie hasste Aufmerksamkeit.
Aber ein Blick auf ihre Uhr verriet ihr, dass alles in Ordnung war. Sie antwortete ihrer Mutter, und dann machte sie sich bereit, in ein neues Schuljahr zu starten.
Nicht, dass es sehr viel anders werden würde als das letzte. Summend schlüpfte sie in ihre Schuluniform, flocht ihr dunkles Haar zu einem Zopf und hüpfte die Treppe hinunter zum Frühstück. Ihre Mutter wartete bereits auf sie.
„Du wirkst so vergnügt heute Morgen, Haru-chan!“, stellte sie mit einem Lächeln fest. Haru lachte.
„Ich bin nervös! Ich hoffe so sehr, dass Emi und Saki noch in meiner Klasse sind!“
Das Lächeln ihrer Mutter verblasste für eine Sekunde, aber dann kam es strahlend zurück.
„Aber du kannst doch auch viele neue Freundschaften knüpfen, nicht wahr? Eine neue Klasse ist voller neuer Chancen, mein Schatz!“
Haru senkte den Blick auf ihren Teller und strich sich eine Strähne hinters Ohr, die ihrem Zopf entkommen war. Auf ihren Wangen erschien ein leichter Rosaschimmer und sie fühlte, wie etwas tief in ihrem Inneren zu zittern begann, wie ein Blatt im Wind.
„Aber Mama… du weißt, ich bin schüchtern… ich kann doch niemanden ansprechen…“
Ihre Mutter beugte sich vor und strich ihr über die Wange. Ihre Finger zupften die Strähne sanft wieder hervor, sodass sie seitlich am Gesicht herunterhing.
„Das glaube ich dir nicht. Du findest bestimmt jemanden, den du nett findest. Du bist doch meine Blume, nicht wahr? Du bist wunderschön, und süß, und eine Menge Leute werden dich sehr gerne mögen. Du musst doch keine Angst haben.“
„Du bist lieb, Mama“, murmelte Haru, aber ihre Wangen glühten weiter, und das Zittern hörte nicht auf.

Ihre Mutter hatte ihr ein extragroßes Mittagessen mitgegeben, und Haru freute sich schon darauf, als sie die Straße zu ihrer Schule hinunterlief. Zu Hause hatte sie sich überschwänglich bedankt und sich besonders über die Schokoladenerdbeeren gefreut, aber jetzt trug sie ihre Freude nach innen. Immer mehr Schüler in derselben Uniform wie sie tauchten auf dem Weg auf, und sie wurde immer stiller und stiller. Hüpfen beim Laufen tat sie auch nicht mehr, am Ende würde jemand sie noch für seltsam halten.
Auf dem Schulhof angekommen schlüpfte sie möglichst schnell aus dem großen Strom heraus, der zu den Schildern strömte, auf denen die neue Klassenverteilung angekündigt wurde. Emi und Saki würden sie bestimmt gleich finden, dann wüsste sie, ob sie es geschafft hatte und weiterhin bei ihren Freundinnen bleiben könnte. Alles andere war im Moment nicht wichtig.
„Haru!“
Sie zuckte zusammen, aber dann erkannte sie Emis Stimme. Erleichtert löste sie ihre verkrampften Muskeln etwas.
„Wo hast du gesteckt, du bist spät dran!“
Emi hatte sie jetzt erreicht. Sie hatte sich zum Jahresbeginn eine neue Frisur zugelegt… ihr Haar trug sie jetzt offen, und es war ganz blond. Es sah hübsch aus. Und… aufmersamkeitserregend.
„Oh wow, Haru! Wir dachten schon, du hättest dich in deinem Schrank versteckt.“
Da war ja auch Saki. Sie und Emi kicherten über den Witz, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder Haru zuwandten.
„Wir sind übrigens in eine Klasse gekommen!“
„Ja?“
Haru lächelte glücklich.
„Gott sei Dank, ich bin so…“
„Und Sakai-kun ist auch bei uns!“, unterbrach Emi sie. Saki machte ein geschocktes Gesicht. Haru versuchte, sich zu erinnern, wer Sakai-kun war. Emi mochte so viele Jungen, es war schwierig, den Überblick zu behalten. Oh, richtig… er war der große, mit dem grell gefärbten Haar, dessen Schuluniform nie komplett den Regeln entsprach. Viele standen auf ihn. Sie persönlich nicht. Sie fühlte sich eher eingeschüchtert von ihm.
„Kommst du, Haru?“, rief Saki ihr zu. Haru schreckte aus ihren Gedanken auf. Ihre beiden Freundinnen waren schon halb im Schulgebäude und sie hastete schnell hinter ihnen her.

Mit ihrem Klassenraum, stellte Haru fest, hatten sie großes Glück gehabt. Sie hatte sich sofort einen Platz in der Ecke geangelt, wo sie aus dem Fenster direkt auf den blühenden Kirschbaum schauen konnte, der unten auf dem Schulhof stand. Der Schulgarten stand ebenfalls in voller Blüte. Sie hatte vor, sich dieses Jahr in der Gartenbau-AG zu engagieren. Sie hatte nicht besonders viele Mitglieder, und sie würde sich beim Arbeiten still an ein Beet setzen können und mit niemandem reden müssen. Das wäre perfekt.
Ihr Klassenlehrer betrat den Klassenraum und Haru verbeugte sich zusammen mit den anderen.
„Guten Morgen!“, begrüßte ihr Lehrer sie. Sie hatten Takeuchi-sensei bekommen. Er war nett.
„Es freut mich, für dieses Jahr euer Klassenlehrer zu sein! Bevor wir die Stunde beginnen, möchte ich euch jemanden vorstellen.“
In den Reihen der Schüler erhob sich Geflüster. Haru hörte, wie Saki und Emi sich wunderten, ob sie wohl einen neuen Mitschüler bekommen würden, und dass er hoffentlich heiß sein würde. Emi winkte ab und deutete hinüber zu Sakai-kun, aber Saki sah sehr interessiert aus.
„Rei, kommst du herein?“
Saki sah enttäuscht aus. Ein Mädchen, kein Junge.
Die Tür schob sich noch einmal auf und Rei-san betrat den Klassenraum. Haru schrumpfte unmerklich in ihrem Sitz zusammen. Es war, als hätte Rei einen möglichst dramatischen Auftritt geplant. Sie trug die Schuluniform und alles, aber trotzdem schien sie „rebellisch“ nur so auszustrahlen.
Ihr Haar war pechschwarz, aber sie trug es kurz und in Wellen, und es sah aus, als hätte sie sie absichtlich verwuschelt. Make-Up hatte sie keins, nur schwarze Tusche um ihre Augen, sodass sie wie ein Rabe aussah. Ihren Rucksack hatte sie sich halb über die Schulter geworfen, er war ebenfalls schwarz und voller Buttons mit den Namen von Bands, die Haru nicht einmal kannte. Rei war groß und schlank, und sie schien auf jeden im Klassenraum hinabzublicken.
„Willst du nicht etwas über dich erzählen, Rei?“, erkundigte sich Takeuchi-sensei.
Rei warf ihm einen Blick zu, der verriet, dass sie das alles andere als wollte, aber trotzdem wandte sie sich der Klasse zu.
„Guten Tag. Mein Name ist Rei Kageyama. Ich werde von nun an eure Klasse besuchen.“
Ein nervöses Schweigen breitete sich aus.
„Gibt es nicht noch etwas mehr zu erzählen?“
Takeuchi-sensei gab sich Mühe, aber Rei setzte einen recht genervten Blick auf und verdrehte unmerklich die Augen.
„Nein. Ich werde mich jetzt hinsetzen.“
Und das tat sie dann auch. An den einzigen freien Platz in der Klasse. Neben Haru. Die wusste nicht, was sie darüber denken sollte. Zunächst wollte sie einen schüchternen Blick hinüber zu Rei werfen und stumm um Gnade betteln, aber Rei starrte nur an ihr vorbei in die wehenden Äste des Kirschbaumes.

In der Mittagspause trottete Haru Emi und Saki hinterher zu ihrem Stammplatz draußen auf dem Schulhof. Die beiden schienen Kriegsrat zu halten. Vielleicht hatte jemand Sakai-kun schöne Augen gemacht, überlegte Haru. Das würde Emi wütend machen. Aber als sie genauer hinhörte, schien es um die neue Schülerin zu gehen. Rei Kageyama.
„…ich mag sie nicht“, sagte Saki gerade. „Sie sieht so wahnsinnig arrogant aus. Als ob sie sich für etwas viel Besseres hielte.“
Emi nickte zustimmend und brabbelte irgendetwas davon, dass Rei Takeuchi-sensei so gemein behandelt hätte, aber Haru war schon wieder weg. Sie wusste nicht, was sie von Rei halten sollte. Sie schien nicht sehr nett zu sein… vielleicht sogar furchteinflößend, und unnahbar, aber arrogant? Erhaben vielleicht.
Sie setzte sich mit ihren Freundinnen und holte ihr Mittagessen heraus. Mama hatte Omelett für sie gemacht.
Und plötzlich war es aus ihrer Box verschwunden, und in Sakis und Emis Mündern.
„Lecker“, nuschelte Saki durch ihren vollen Mund. „Deine Mutter kann gut kochen!“
„Können wir noch etwas haben?“, fragte Emi, „ich habe nur ein kleines Mittagessen dabei…!“
„Ich auch!“, schloss Saki sich an.
Haru lächelte. Ihre Mutter würde sich darüber freuen, wenn sie ihr von den Komplimenten erzählte.
„Aber natürlich! Bedient euch ruhig.“
Sie hielt die Box in die Mitte, und die beiden anderen bedienten sich sofort. So aßen sie zu dritt ihr Mittagessen, bis Emi sich plötzlich mit einer Schokoerdbeere im Mund kerzengerade aufrichtete.
„Schaut mal da drüben!“, zischte sie.
Saki und Haru folgten ihrem Blick, und Saki zog scharf die Luft ein. Rei stand dort – ganz friedlich und wohl auf dem Weg zu einem Platz fürs Mittagessen – aber neben ihr… Sakai-kun. Und sie schienen sich miteinander zu unterhalten. Haru konnte nicht verstehen, was sie sagten, aber Emi war ganz rot vor Wut geworden und sie legte sich vorsorglich schon einmal die Hände auf die Ohren.
„Diese Schlampe!“, polterte Emi los.
„Wie kann sie es wagen, Sakai-kun auch nur anzuschauen? Ich meine… er gehört mir! Er würde sich doch nie für eine wie sie interessieren! Oder?“
Sie blickte hinüber zu Saki, die sofort mit einstimmte. Haru blieb stumm, wie üblich. Für sie sah es nicht so aus, als ob Rei sich irgendwie für Sakai-kun interessieren würde. Wahrscheinlich fragte sie nach den Hausaufgaben. Oder er hatte sie angesprochen. Sakai-kun war vielleicht beliebt bei den Mädchen, aber sie glaubte nicht, dass er Reis Typ war. Falls Rei überhaupt irgendeinen Typ hatte, den sie mochte.
„Komm, Saki!“, schnaubte Emi, als Sakai-kun gegangen war und Rei sich auf eine Bank niedergelassen hatte.
„Die knöpfen wir uns vor! Das wird sie bereuen!“
Haru beschloss, hier zu bleiben und sich das lieber nicht mit anzuschauen, aber da hatten Saki und Emi ihr schon ihre Taschen zugeschmissen und sie musste doch mitkommen. Das zitternde Ding in ihrer Brust meldete sich fröhlich zurück. Sie hasste Streitigkeiten, aber sie wollte Emi und Saki auch nicht sagen, dass sie es einfach auf sich beruhen lassen sollten. Das mochten die beiden nicht, und dann würden sie mit ihr streiten.

Rei sah ziemlich unbeeindruckt aus angesichts zweier vor Wut schnaubender Klassenkameraden, die vor ihr standen, und sie machte keine Anstalten, sich mit einem von beiden unterhalten zu wollen. Erst als Emi sie mit einem deftigen „Rei, du blöde Schlampe!“ anschnauzte, schaute sie auf.
„Ich wäre euch sehr verbunden, wenn ihr mich Kageyama-san nennen würdet.“
Haru im Hintergrund konnte nicht anders, als ihre ruhige Art zu bewundern. Trotzdem, sie hatte Angst.
„Du hast dich mit Sakai-kun unterhalten!“, schnaubte Emi.
„Ja. Und?“
Emi machte einen Schritt vorwärts, aber Rei blieb ganz ruhig, obwohl sie saß und um einiges überragt wurde.
„Du hast kein Recht, Sakai-kun anzusprechen, klar? Er steht nicht auf Leute wie dich!“
Reis Gesicht zeigte zum ersten Mal eine Emotion, als ein spöttisch-amüsiertes Lächeln ihre Mundwinkel kräuselte.
„Warum sollte ich Sakai-kun ansprechen wollen? Glaubst du, ich habe Interesse an ihm? Ich brauche keinen Jungen.“
Saki schnappte unmerklich nach Luft. Haru machte einen Schritt zurück. Sie wurde nervöser, je wütender ihre Freundinnen wurden. Sie waren wirklich sehr einschüchternd. Aber Reis Lippen wurden jetzt von einem breiten, zutiefst belustigten Grinsen gespalten.
„Wie kannst du es wagen, ihn so niederzumachen?“, zischte Emi, „wie kannst du es wagen, du…“
„Nur um das klarzustellen.“
Rei stand unglaublich schnell auf. Haru fiel fast hin vor Schreck, und Emi taumelte ebenfalls einen Schritt zurück, als sie plötzlich die Kleinere war.
„Ich habe Sakai-kun nicht angesprochen. Er hat mich angesprochen. Er hat mich gefragt…“
Ihr Grinsen nahm jetzt einen triumphierenden Charakter an.
„…ob wir uns mal treffen wollen. Im Café. Er zahlt. Aber ich habe abgelehnt.“
Emi sah aus wie von einem nassen Waschlappen ins Gesicht geschlagen. Rei nahm ihre Tasche hoch und warf sie sich wieder über die Schulter.
„Ich will keinen Ärger mit euch. Du kannst Sakai-kun haben, wenn du willst. Lasst mich einfach in Ruhe.“
Und damit verschwand sie.
Als sie wieder zurück im Klassenzimmer waren und die nächste kleine Pause erreicht hatten, hatte Emi Zeit, um sich über Rei ausführlich aufzuregen, da diese gerade zur Toilette gegangen war.
„Sie ist so provokant!“, beschwerte sie sich. „Und ich glaube ihr nicht, dass Sakai-kun sie eingeladen hat! Eine intrigante Lügnerin ist sie auch noch!“
Haru hatte den Kopf auf die Arme gelegt und hörte einfach zu. Sie glaubte nicht, dass Rei gelogen hatte. Sie hatte ganz ernst gewirkt. Und provoziert hatte sie auch nicht wirklich… Emi hatte die erste Beleidigung ausgesprochen.
Aber so war das wahrscheinlich, wenn man verliebt war. Emi nahm alles, was mit Sakai-kun zu tun hatte, wohl etwas anders wahr. Sie würde sich bestimmt wieder einkriegen und mit Rei vertragen. Rei hatte gesagt, dass Emi Sakai-kun haben könne, oder? Dann war doch alles in Ordnung. Bestimmt würde sie sich bald beruhigen.

Die Nachmittagsstunden zogen vorbei und schon war die Schule aus und es war Zeit, die Clubs zu besuchen. Saki und Emi wollten in diesem Jahr zusammen in die Koch-AG, sie fanden Gärtnern langweilig. Haru fühlte sich unwohl, als sie hinunter in den Schulgarten kam, ohne sich hinter den beiden verstecken zu können. Aber sie nahm ihren ganzen Mut zusammen und rannte ihnen nicht hinterher zu den Küchen, hauptsächlich, weil sie wohl für sich sein wollten.
Die Gruppe, die sich dieses Jahr um den Garten kümmern sollte, hatte sich bereits um Oshino-sensei, die Lehrerin, die jedes Jahr den Gartenclub leitete, versammelt, und Haru stellte sich abseits, an den Rand von allen hin. Sie würden heute nichts Besonderes machen, erklärte Oshino-sensei, nur ein bisschen Unkraut aus den Beeten entfernen. Es würde keine besonders lange Stunde sein.
Das machte Spaß, dachte Haru sich, als sie sich ein abgelegenes Beet voller bunter Blumen gesucht hatte und bereits fleißig am Unkrautzupfen war. Die Blüten waren so schön und dufteten so gut. Das Unkraut herauszuziehen und auf einem Stapel nebens ich anzuhäufen, machte sie merkwürdig glücklich. Sie musste mit niemandem reden, sie hatte nur sich und die Blumen und ihre Gedanken. So mochte sie es am liebsten.
Die anderen fingen an, sich murmelnd zu unterhalten und Haru blickte auf und hinüber zu Oshino-sensei. Gab es irgendetwas Wichtiges?
Verdammt.
Verdammt, da stand Rei und unterhielt sich mit Oshino-sensei und jetzt schaute sie zu ihr hinüber! Und jetzt kam sie auch noch her! Oh nein!
Bestimmt hatte Rei gesehen, dass sie mit Saki und Emi befreundet war. Bestimmt wollte sie Haru beschimpfen, weil die anderen beiden so gemein zu ihr gewesen waren!
Was sollte sie nur tun? Ihre Hände begannen zu zittern. Ihre Augen brannten. Das zittrige Ding in ihrer Brust wand sich verzweifelt.
Eine Tasche fiel neben ihr zu Boden. Sie wäre fast seitwärts umgekippt vor lauter Schreck. Krampfhaft blickte sie auf ihr Beet und die Erdklumpen, die an ihren feuchten Händen klebten. Rei stand bestimmt über ihr. Sie durfte nicht aufschauen, sie nicht provozieren…
…aber es passierte sowieso nichts.
Nach einer gefühlten Ewigkeit wandte Haru den Kopf zitternd seitwärts. Sie wurde mehr als überrascht.
Rei kniete friedlich neben ihr und jätete Unkraut. Sie schien völlig versunken, als würde sie gar nicht bemerken, dass da noch jemand anders neben ihr war. Auf ihren Lippen war wieder ein Lächeln, aber es war anders als das, das sie Emi und Saki gezeigt hatte. Kein bisschen Spott stand in ihrem Gesicht geschrieben. Sie schien einfach… glücklich.
Sie schien glücklich mit den Blumen, sich selbst und ihren Gedanken. Genau wie Haru.
Den Rest der Gartenstunde verbrachte Haru in Verwirrung. Rei sah anders aus als im Klassenraum. Sie blickte anders in das bunte Lächeln der Blumen als in die verurteilenden Blicke ihrer Mitschüler. Ob sie eine zweite Seite hatte? Vielleicht war Rei ja ganz nett? Harus Brust zitterte nicht mehr. Sie fühlte keine Gefahr von Rei ausgehen.
Sie wollte sie gerne ansprechen. Rei war seltsam, Haru würde gerne wissen, warum. Warum sollte jemand, der sich so liebevoll um Blumen kümmerte, so abweisend zu Menschen sein? Vielleicht könnte Haru ihr helfen!
Sie öffnete den Mund, aber kein Wort kam heraus.
„Hey, Kageyama-san!“, wollte sie sagen. „Ich bin Haru Akari, aber bitte nenn mich Haru. Ich bin in deiner neuen Klasse.“
Aber es kam einfach nicht raus! Sobald sie auch nur daran dachte, etwas zu sagen, blockierten zwei Milliarden Ängste die Wörter auf ihrem Weg hinüber zu Rei. Was, wenn sie doch wütend wurde? Oder – noch schlimmer – was, wenn Saki und Emi herausfanden, dass sie mit Rei geredet hatte? Die würden doch unglaublich sauer sein!
Mit hochrotem Gesicht grub sie weiter ihr Beet um. Sie würde Rei morgen ansprechen.

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Hallo, alle zusammen, und danke, dass ihr das zweite Kapitel gelesen habt! Dieses hier wird leider etwas länger, also muss ich es in zwei Teilen hochladen. Ich hoffe, das macht euch nichts aus!

Wenn ihr Ideen für Kapitel habt, die ich schreiben soll, dann teilt mir die gerne mit! Ich bin immer für Anregungen offen und würde mich total freuen.

Heute ist übrigens ein besonderer Tag. Ich habe mir den neunten Band gekauft. ☆*:.。.o(≧▽≦)o.。.:*☆
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