Die Schokohexe

GeschichteAllgemein / P16
Chocola Aikawa Kakao OC (Own Character)
16.11.2014
31.12.2016
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16.11.2014 4.402
 
In den Tiefen des Waldes liegt ein Schoko-Laden, der Wünsche erfüllen soll!
Das Gerücht flog schon seit längerem durch die Stadt wie ein flüchtiger Wind. Wer es hörte, vergaß es oft wieder, nur einige mit verliebten, verzweifelten oder gierigen Herzen gingen ihm nach und fanden Chocolat Noir, den Schoko-Laden, der Wünsche erfüllt.
Es gab sogar einige, die von weiter her kamen, um hier Schokolade zu kaufen, von der Chocolatierin Chocola Aikawa mit Können und Magie zubereitet. Sie aßen die Schokolade und alle bezahlten dafür mit etwas Kostbarem.

Es gab jedoch immer noch einige Personen, die Chocolat Noir durch Zufall fanden und dachten, sie hätten einen ganz gewöhnlichen Laden an einem ungewöhnlichen Ort entdeckt…

Eine von ihnen war ein sehr junges Mädchen. Sie war wirklich nicht so wie ihre Altersgenossen – sie wusste nicht einmal, wer sie waren. War sie vier? Oder fünf? Sicher nicht älter als sieben. Sie wusste es wirklich nicht.
Es gab vieles, das sie nicht wusste. Woher sie kam, oder wo Mama und Papa waren, zum Beispiel. Irgendwann war sie wohl in diesen Wald gekommen und da geblieben, ganz alleine, ohne Schutz oder ein Zuhause, den Launen des Wetters und der Güte der Natur ausgesetzt.
Manchmal waren ihre Fragen auch etwas dringlicher. Wo sollte sie morgen etwas zu essen hernehmen, oder heute Nacht schlafen? Und wie lange konnte sie noch rennen, bevor die Jungen sie eingeholt hatten und ihr wehtun würden? Die Antwort konnte sie selten geben – die letzte Frage beantwortete sich meistens von allein – und würde sie jemand fragen, würde sie ihm nichts außer ihrem Namen sagen können: Akemi.
Akemi hatte viele Wünsche. Sicherheit, und ein Haus, und ein weiches Bett, und ein riesiges Kuscheltier. Ihr fehlte so viel, und eins ganz besonders… manchmal wachte sie nachts auf und ihre Brust tat ganz weh vor Verlangen, doch sie wusste nicht, wonach. Es war sowieso nicht wichtig. Ihre Wunschliste war lang genug mit Dingen, die sie nie bekommen würde. Es reichte, all ihre Sehnsüchte aus der Ferne zu betrachten, in den glitzernden Fenstern der Läden in der Stadt, obwohl sie dort nicht gerne gesehen war.
Neulich jedoch hatte sie einen neuen Laden entdeckt, tief in ihrem Heimatgebiet. Der Duft nach irgendetwas köstlich Süßem hatte sie angelockt wie Honig eine Biene, und dort hatte er gelegen, der Schoko-Laden, der Wünsche erfüllt.
Doch Akemi konnte das Schild dieses Ladens nicht lesen. Sie wusste nicht um die Magie, die dieser Ort preisgab, und so begnügte sie sich damit, manchmal stundenlang in dem schützenden Laub eines Baumes zu hocken, auf die edle Villa dort unten herunterzuschauen und von der Schokolade zu träumen. Wenn der Duft alleine so süß war, wie musste sie dann schmecken? Besser als alles, was sie je probiert hatte, ganz bestimmt. Sie träumte von dem Tag, an dem sie auch Schokolade probieren durfte, wohl wissend, dass er niemals kommen würde.
In letzter Zeit erwischte sie sich immer häufiger dabei, dem Laden näherzukommen, doch bis jetzt war sie immer noch rechtzeitig zurückgeschreckt. Die Ladenfrau könnte sie sehen, nicht wahr? Sie hatte doch kein Geld, um etwas zu kaufen. Wenn sie Schokolade wollte, hätte sie stehlen müssen, und das wollte sie nicht! Es war nicht nett. Ihr war auch schon gestohlen worden. Es fühlte sich schrecklich an und tat weh.
An diesem einen Abend war sie besonders traurig. Wieder hatte ein Konditor sie verscheucht, in der Annahme, sie wolle stehlen, obwohl sie nur die wunderhübschen Torten bewundert hatte. Er hatte geschrien, und alle auf der Straße hatten sie angestarrt…! Ihre Stimme hatte versagt, und sie hatte sich nicht wehren können, bis eine Ohrfeige sie getroffen hatte und sie weinend fortgerannt war.
Sie schniefte traurig. Die Erinnerung tat weh. Wie jede Wunde, die sich in ihr Herz brannte.

„Hey, schaut mal!“
Ein entsetztes Wimmern entfloh Akemis Mund. Ihre Beine erstarrten stocksteif. Die Angst schlich sich in ihr hoch und umschloss ihr Herz wie eine eiskalte Hand. Ihre Augen brannten und gleich würden die drohenden Tränen ihre Wangen hinunterfließen, bevor es überhaupt begonnen hatte.
Hinter ihr raschelte es und ihre Beine gaben nach vor lauter Zittern.
Eine riesige Hand packte von hinten in ihre Haare und zog daran. Es tat fürchterlich weh. Akemi schrie leise auf. Die erste Träne rann aus ihren Augen.
„Die kleine Akemi!“
Eine weitere Hand tauchte auf und packte ihr Kinn und zwang sie, dem Anführer der Gruppe in die Augen zu starren, der ihr Tag für Tag für Tag solche Schmerzen bereitete. Ein trockenes Schluchzen entwich ihrer Kehle.
„Eiichi!“, flüsterte sie voller Angst. Sein Griff verstärkte sich noch.
„Ich habe dich heute in der Stadt gesehen!“, erzählte Eiichi lässig, als hätten sie sich zufällig auf der Straße getroffen. „Der alte Konditor hat dich aus seinem Laden geworfen! Aber ich würde auch nicht so ein Dreckstück in die Nähe meines Essens lassen.“
Die Jungen lachten und Akemi wünschte sich nichts sehnlicher, als weglaufen zu können. Aber Eiichis Hand in ihrem Haar war wie eine Fessel. Er liebte es, sie so im Griff zu haben. Er liebte es, andere kontrollieren zu können, und Akemi war für ihn das perfekte Spielzeug.
„Ich finde ja, er hat es dir etwas zu leicht gemacht…“
Sein Fingernagel bohrte sich in die Wange, die der Konditor geschlagen hatte. Weitere Tränen folgten der ersten.
„Sollen wir beenden, was er angefangen hat?“

Und dann kam es wieder. Sie traten und schlugen, und bald tat Akemi alles weh und ihr war übel. Ihr Gesicht war schon ganz tränenverschmiert. Jemand schmiss sie zu Boden, und jemand anderes trat ihr in den Rücken und auf die Hände, dass sie schrie vor Schmerz. Von allen Seiten prasselten Tritte auf sie ein. Sie konnte nichts tun, als um Gnade zu flehen und ihr Gesicht zu verstecken.
Als sie endlich fertig waren, bedeckte ein Gemisch aus Tränen und Blut Akemis Gesicht. Neue Wunden zierten ihre zarte Haut. Es schmerzte.
„Jetzt schaut sie euch an!“
Eiichi zog sie an ihrem Kragen hoch und presste sie gegen die raue Rinde eines Baumes.
„Du bist so jämmerlich, Akemi! Eine lächerliche Heulsuse!“
Wie von selber krümmte sie sich zusammen. Sie wollte die Worte ausblenden! Einfach nicht beachten!
„Warum gehst du nicht und heulst dich bei deinen Eltern aus?“, brüllte jemand anders.
„Oh, du hast ja gar keine! Die fanden dich wohl auch überflüssig!“
Sie hatten Recht, das wusste Akemi. Jedes Mal aufs Neue. Kleine Bäche rannen ihre Wangen stumm herunter. Ihre Seele schien gespalten zu werden. Es brannte noch viel mehr als ihr geschundener Körper.
„Hört auf…“
„Hä?“ Eiichi blickte verächtlich auf sie herunter. „Konntet ihr sie hören?“
Sie hatten sie alle gehört, doch sie lachten und schüttelten den Kopf.
„Lern mal sprechen, Miststück.“ Sie wurde wieder fallen gelassen. Sofort rollte sie sich zusammen. Um sie herum ertönten Schritte, sie gingen von ihr weg. Gott sei Dank! Nur Eiichi blieb noch kurz stehen.
„Bis bald, Akemi. Ich freue mich schon darauf, wieder mit dir zu spielen.“
Sie antwortete nicht. Sie sollte nicht, das wusste sie. Ein Fuß bohrte sich in ihre Seite.
„Weißt du, du bist wirklich ein schönes kleines Spielzeug. Aber nicht mehr als das. Wenn ich wollte, könnte ich dich jederzeit wegschmeißen. Dir wird sicher niemand hinterherweinen.“
Er ging und hinterließ Akemi mit furchtbaren Schmerzen. Ihre Arme und Beine, alles brannte. Und am schlimmsten schmerzte es in ihrer Brust. Es tat weh. So weh!
Mit ihrem letzten Rest von Willenskraft zog sie sich auf die Füße. Sie musste weitermachen. Wenn sie hier liegenblieb, dann würde es Nacht werden und sie wäre gänzlich ungeschützt. Sie könnte nichts zu essen suchen und müsste verhungern. Hunger schmerzte. Das wusste sie sehr gut.
Sie taumelte und musste sich abstützen. Ihre kleine Hand presste sich gegen ihre Brust. Sie fühlte sich an, als hätte jemand ein Loch hineingerissen. Die Worte und Schläge waren zu scharf und bitter gewesen. Es half nichts, sie musste sie vergessen, irgendwie.
Ein honigsüßer Duft strich durch den Wald. Ohne nachzudenken, folgte Akemi ihm.

Der Weg dauerte länger als sonst – sie humpelte und musste sich immer noch an Bäumen abstützen – aber die verheißungsvolle Süße trieb sie an und ließ sie ihre Schmerzen vergessen. Natürlich dachte sie nicht darüber nach, was sie tun würde, sobald sie den Laden erreicht hatte – erst als die hellen Wände der eleganten Villa zwischen den Bäumen auftauchte, stoppte sie.
Sie sah, dass die Fenster dunkel waren. Und es war alles still. Vielleicht war niemand zu Hause? Sie könnte ganz schnell reinschleichen und sich etwas von der Schokolade stehlen…
Aber sie war keine Diebin! Sie hasste Stehlen. Ihr war doch schon so viel genommen worden. Ihr einziges Spielzeug, eine alte Puppe… das Geld, das sie sich mühevoll erarbeitet hatte… jedes Mal war grauenvoll gewesen. Das wollte sie doch niemandem antun!
Ihr Magen knurrte und ihre Brust schien in Flammen zu stehen.
Das war ein Schoko-Laden, nicht wahr? Sie hatten doch so viel davon. Vielleicht würde es nicht einmal auffallen, wenn sie etwas nahm.
Nein! Sie sollte gar nicht hier sein! Sie sollte gehen und nicht wiederkommen. Dann würde sie nicht in Versuchung geraten. Sie könnte gucken, ob sie ein paar Beeren fand, oder ob jemand in der Stadt etwas Leckeres weggeschmissen hatte.
Entschlossen drehte sie sich um, doch dann stand sie plötzlich doch irgendwie vor der Ladentür. Sie war leicht geöffnet, und niemand war drinnen. Der Duft hier machte Akemi fast wahnsinnig vor Verlangen. Sie tat doch nichts Böses! Sie wollte nur einmal im Leben Schokolade essen!
So leise und schnell sie konnte, schlüpfte sie durch die Ladentür.
Der Anblick war überwältigend.
So viel Schokolade!
In jeder Form und Farbe stand sie herum. In kleinen Säckchen, oder in Gläsern, als Pralinen und Kuchen und allem möglichen anderen. Ihre Augen wurden riesig wie Suppenteller. Schon vom Anblick fühlte sie sich besser. Dass es so etwas gab…
Ein plötzliches Geräusch ließ sie aufschrecken. Sie musste weg! Aber sie wollte doch etwas mitnehmen! Ihr Blick fuhr herum. Das sah alles… zu wertvoll aus. Das konnte sie nicht mitnehmen, ohne echten Schaden anzurichten! Sie drehte sich schon um, um ihren Plan aufzugeben und wieder in den Wald zu fliehen und den Schmerz einfach zu ertragen, als ihr Blick auf einen großen Korb gleich neben der Eingangstür fiel. Er war bis obenhin gefüllt mit Plastiktüten, in denen bunte Schokostücke eingepackt waren.
Das sah gut aus. Der Korb war so voll, eine Tüte würde bestimmt nicht auffallen, nicht wahr?
Akemi schnappte sich die oberste und machte, dass sie davonkam.
Sie verschwand im dichten Gestrüpp des Waldes und blickte nicht zurück, sodass sie die Gestalt nicht bemerkte, die sich aus den Schatten des Ladens löste und ihr kichernd hinterherblickte.

„Chocola?“
„Hm?“
Es war schon einige Stunden später, und vor den Fenstern der französischen Villa, in der Chocolat Noir lag, war der Mond bereits aufgegangen. Chocola Aikawa, ihres Zeichnens Chocolatierin und Besitzerin des magischen Schoko-Ladens, hatte sich bereits ihr langes Nachthemd angezogen und freute sich darauf, nach einem langen Tag endlich ins Bett zu kommen, aber jetzt war es besetzt. Ihr schwarzer Kater saß dort und starrte sie mit seinen großen, hellgelben Augen an.
„Ich verstehe die Menschen nicht.“
Chocola seufzte. Diese Diskussion mal wieder. Wenn sie sie nur schnell beenden konnte… sie wollte wirklich gerne ins Bett.
„Natürlich nicht, Kakao. Du bist ein Dämon.“
Sie hoffte, das Thema damit abgeschlossen zu haben, aber Dämonen waren nicht dafür bekannt, sich schnell abwimmeln zu lassen, und Kakao erst Recht nicht.
„Diese Kundin heute, zum Beispiel.“
„Was war mit ihr?“ Leicht angenervt schubste Chocola Kakao zur Seite, sodass sie unter die warmen, angenehmen Decken kriechen konnte.
„Ich verstehe sie nicht. Warum hat sie gestohlen? Wusste sie nicht, was das für ein Laden ist?“
„Woher denn?“
Jetzt hatte Chocola es sich gemütlich gemacht. Wenn sie das Gespräch jetzt schnell beenden könnte, wäre alles perfekt.
„Sie war doch noch so jung. Und du hast doch selbst bemerkt, wie häufig sie um den Laden geschlichen ist. Sie ist allein und ängstlich, wahrscheinlich lebt sie hier im Wald. Von wem hätte sie hören sollen, dass dieser Laden so besonders ist? Und jetzt sei still. Ich will schlafen.“
Den Gefallen tat Kakao ihr nicht. Im Gegenteil. Jetzt spazierte er über die Decken, bis er neben ihrem Kopfkissen saß und sie direkt in seine Augen starren konnte.
„Aber warum hat sie dieses Billigzeug mitgenommen? Wenn ich sie wäre, hätte ich irgendetwas Leckeres geklaut. Sie hatte die freie Auswahl! Wenn sie nicht weiß, was diese Schokoladen können.“
Chocola lächelte, auch wenn sie es Kakao nicht sehen ließ, damit er nicht dachte, sie sei nicht mehr genervt.
„Nur eine bestimmte Art von Mensch wählt unter lauter köstlichen Delikatessen billige Schokolinsen aus, weißt du?“, erklärte sie, „die Art von Mensch, die das für einen Schatz hält, was andere nicht einmal besonders lange anschauen würden. Die Art von Mensch, die gar nichts hat, nicht einmal das allernötigste, das jeder braucht. Sie hat mit Sicherheit unglaublich viele Wünsche. Aber einen ganz besonderen, den sie nicht einmal auszusprechen wagt. Und den erfüllen ihr die Schokolinsen.“
„Was für einen?“, wollte Kakao wissen, aber Chocola hatte nun endgültig genug. Sie war müde.
„Wirst sehen. Und jetzt hau ab.“

Akemis Nacht war gar nicht so schlimm wie die anderen. Sie fand, nachdem sie aus der Villa geflohen war, ein gutes Versteck in einer Kuhle im Waldboden. Es war sogar etwas Laub da, und sie rollte sich glücklich darin zusammen. Ihre Beute hielt sie fest umklammert, und ihr Gutenachtlied war das Knistern des Plastiks, wenn sie es noch etwas fester drückte. Endlich hatte sie auch etwas, auf das sie sich freuen konnte. Gleich morgen würde sie ein Stück probieren. Vielleicht war ihr Leben doch nicht ganz so schlimm…
Endlich tauchten die ersten Sonnenstrahlen zwischen die Baumwipfel und weckten Akemi auf. Sie streckte sich und in ihren Händen knisterte es. Ihr Herz machte einen glücklichen Sprung.
Glücklich sprang sie auf und schüttelte das Laub von sich. Jetzt würde sie endlich Schokolade essen können! Eilig lief sie durch den Wald, bis sie einen umgestürzten Baumstamm fand, auf den sie sich gemütlich setzten konnte. Alles musste perfekt sein.
Vorsichtig zupften ihre kleinen Finger an dem Verschluss der Tüte. Es knisterte ganz herrlich. Wie Musik in ihren Ohren. Endlich löste die Schnur sich, und ein köstlicher, süßer Duft stieg aus der Tüte hervor und umspielte sanft Akemis Nase. Sie lachte glücklich. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen.
Sofort nahm sie sich eine der glänzenden, bunten Stücke, ein rotes, ihre Lieblingsfarbe. Ganz glatt war es auf ihrer Haut. Beruhigend und sanft streichelte es ihre Hand und ließ sie fast alle Schmerzen vergessen, die sie je hatte erfahren müssen. Es war wohl wahr, was sie sich ausgemalt hatte. Schokolade konnte zaubern.
Erwartungsvoll hob sie die Hand zum Mund. Gleich würde sie es wissen. Sie schloss die Augen und bereitete sich auf den süßen, süßen Geschmack vor. Es musste besser schmecken als alle Beeren auf der Welt!

„Akemi!“
Sie erstarrte. Das Schokostück fiel aus ihrer Hand. Nicht jetzt! Bitte nicht jetzt!
Doch sie konnte nichts tun. Das konnte sie nie.
Schon packte die erbarmungslose Hand ihr wieder in den Nacken und riss sie nach hinten. Ihr Herz rannte wie ein aufgescheuchtes Reh. Der Schmerz in ihrer Brust kam zurück, schnell und erbarmungslos. Wie von selbst umklammerte sie ihre Schokoladentüte. Es knisterte, laut und verräterisch.
„Was hast du denn da?“
Sie knallte auf den Boden in den Schlamm. Eiichi tauchte über ihr auf, und neben ihm die Gesichter seiner Freunde. Sie alle waren mit Hass und Verachtung, und Vorfreude gefüllt.
Eiichi beugte sich zu ihr herab, sein Fuß stand in ihrer Bauchhöhle und tat höllisch weh. Er sah zufrieden aus, jetzt, da Akemi so wehrlos und gefesselt und ganz und gar in seiner Kontrolle war. Sie schluchzte leise auf. Verzweifelt drückten ihre schmutzigen Finger die Schokolade noch fester an ihren dünnen Körper.
„Haben wir wieder gestohlen? So ein böses Mädchen!“ Sein Ton ließ nichts Gutes erahnen. Es würde wieder Schläge geben! Akemi fühlte sie schon auf der Haut brennen. Solange sie nur ihre Schokolade behalten konnte! Bitte, bitte! Sie brauchte sie, damit sie hinterher nicht wieder an ihrem Elend zerbrach…
„Her damit!“
Sie wurde ihr aus den Händen gerissen. Ihre Finger zerbrachen fast unter Eiichis Kraft. Das Loch in ihrer Brust sandte eine Welle Schmerz durch ihren Körper.
„NEIN!“
„Halt die Klappe!“, zischte einer der Jungen. Sofort schob ihr jemand eine Faust voll Schlamm in den Mund. Sie würgte und spuckte entsetzt, und ihre Tränen vermischten sich mit dem Schlamm.
„Chocolat Noir“, las Eiichi von dem kleinen Schild an dem Beutel ab. Missbilligend blickte er auf sein hustendes Opfer hinunter.
„Was Besseres hast du nicht finden können, huh? Du hättest irgendetwas Cooles mitnehmen können, und stattdessen kommst du mit den billigen Dingern!“ Sein Fuß in ihrem Bauch drückte noch heftiger zu. Sie schrie auf, doch dann musste sie wieder husten und spucken.
„Die sind wertlos, Akemi! Genauso wertlos wie du!“
Er griff in die Tüte und warf die Schokolinsen in den Schlamm neben Akemi. Sie wollte gerne schreien, doch ihre Kehle war zugeknotet. Die durften ihre Schokolade nicht wegschmeißen! Das war ihr einziger Lichtblick seit Jahren gewesen!
„H-h-hört auf…“
„Ich glaube, der Wind raschelt in den Bäumen!“, spottete Eiichi. Seine Freunde lachten schmutzig. Ihre ekeligen Hände griffen ebenfalls in ihre Tüte. Noch mehr Schokoladenstücke segelten an ihrem Gesicht vorbei.
Jemand schien ihr das Herz aus der Brust zu reißen, so weh tat es.
Sie ertrug das nicht mehr!
„HÖRT AUF! HÖRT AUF DAMIT! LASST MICH IN RUHE!“
Auf einmal herrschte Totenstille. Eiichis Fuß verschwand aus ihrer Magenhöhle. Vorsichtig öffnete sie die Augen.
Eiichis Gesicht war ganz verzerrt vor Hass. Seine Hand fuhr aus und packte ihre Kehle, hob sie daran hoch und schlug sie gegen einen Baum. Akemi fühlte ihre Kopfhaut an der Rinde aufreißen. Die kläglichen Reste ihrer geliebten, kostbaren Schokolade landeten im Schlamm und seine Füße stampften darauf herum. Der plötzliche Anflug von Stärke verschwand aus Akemis Körper. Sie sank zusammen und schluchzte.
„Hör mir gut zu!“
Eiichi zischte dicht an ihrem Ohr. Seine Finger zogen sich zusammen. Akemi kriegte keine Luft mehr. Sie wimmerte, mehr kriegte sie nicht raus. Panik stieg in ihr auf.
„Du widersprichst mir nicht, Akemi, klar? Du tust, was ich dir sage! Du sprichst nicht so mit mir!“
Sein Gesicht war absolut erbarmungslos.
„Du bist unter meiner Kontrolle! Du gehörst mir praktisch, weißt du? DU WIDERSPRICHST MIR NICHT!“
Er ließ sie fallen. Sie sank im Schlamm zusammen, zwischen ihren verlorenen Lichtblicken. Sie war wertlos, wie die Schokolinsen. Billig, und leicht wegzuschmeißen.

Eiichi übernahm ihre heutige Tracht Prügel alleine. Er passte auf, dass sie nicht wieder auf die Füße kam. So lange sie vor ihm kniete und seine Tritte und Schläge unter Schreien und Weinen hinnahm, bedeckte dieses grausame, zufriedene Grinsen sein Gesicht.
Irgendwann war es ihrem Körper zu viel. Sie fühlte die drohende Übelkeit, doch sie konnte nichts auswürgen außer Wasser, vermengt mit etwas Blut. Eiichi lachte nur. Vor ihren Augen schwamm alles. Sogar der Schmerz fühlte sich dumpf an. Nur ihre Brust nicht. Sie schien immer noch auseinandergerissen zu sein.
„Bitte, bitte…“, flüsterte sie. Ihre Arme gaben nach und sie fiel auf den Bauch.
„Schwächling!“, schimpfte Eiichi. Ein letzter Tritt traf sie, und sie hörte etwas knacken.

Endlich gingen sie. Sie beschimpften sie im Fortgehen und einige spuckten sogar, aber sie gingen. Akemi blieb zitternd und bedeckt mit kaltem, feuchtem Matsch zurück. Sie hatte sich noch nie so schlimm gefühlt. Ihr Körper war eine große Wunde, und ihr Herz war nicht gespalten, sondern zersplittert.
Sie versuchte, die Augen zu öffnen, aber alles verschwamm und ihr wurde schwindelig. Ob sie jetzt hier sterben würde? Ihr war so schlecht. Alles tat weh. Sie wollte schlafen.
Ihre tastenden Finger fanden ein rotes Schokoladenstück, ganz körnig vor Schlamm, und sie stopfte es sich in den Mund, um ihre Schmerzen zu lindern, wenigstens ein bisschen.
Es schmeckte furchtbar.
Ein Schauer lief durch ihren kleinen, kaputten Körper, alles wurde schwarz und ihr Kopf fiel in den Matsch.

Chocolas dunkle, hohe Schuhe klackerten durch den weißen, sterilen Gang. Über ihrer Schulter hing – wie immer – Kakao und maunzte vor sich hin. Schließlich hielt sie, an einer geöffneten Tür. Sie blickte in Richtung des Krankenhausbettes, in dem ein kleines, schlafendes Mädchen lag.
„Ein paar Spaziergänger haben sie im Wald gefunden“, erklärte ein Arzt im weißen Kittel einem weiteren jungen Mann, der sich über das Mädchen beugte und vorsichtig über ihre Wangen streichelte. Schließlich blickte er auf.
„Ich denke, ich kann mich um sie kümmern“, meinte er. Seine Hände wuschelten durch ihre Haare und spielten zärtlich an den Verbänden herum, die um ihre Arme und Beine geschlungen worden waren.
„Das war die Wirkung der Schokolinsen?“, fragte Kakao, „sie geben ihr jemanden, der sie liebt?“
Chocola lächelte.
„In meinen Laden kommen viele mit Liebeswünschen. Aber nur wenige – wie sie – wünschen sich irgendeine wahllose Art von Liebe. Es ist ein ganz simpler Wunsch, also eine ganz simple Schokolade.“
Kichernd legte sie den Finger an die Lippen.
„Mein Preis ist… ihr ängstliches Herz. Sie wird aufwachen, und sie wird dem, der sie liebt, vertrauen. Und dann wird sie glücklich werden.“

Sie sollte Recht behalten. Die Tage strichen vorüber und Akemi fühlte sich mehr und mehr wie in einem schönen Traum. Immer war jemand bei ihr und war lieb zu ihr. Sie kriegte zu essen und zu trinken, und er hatte ihr sogar ein bisschen Schokolade besorgt! Es war das Köstlichste gewesen, das sie je gegessen hatte.
Sie verbrachte sehr viel Zeit mit Schlafen und auf seinem warmen Schoß liegen und sich streicheln und beknuddeln lassen. Und manchmal würde er ihr auch vorlesen oder sie in den Schlaf singen. Die unseligen Erinnerungen an den kalten Wald und Eiichi verblassten immer mehr. Und sie war glücklich. So unglaublich glücklich. Zum ersten Mal tat ihre Brust nicht mehr weh.

Ein paar Tage später klingelte die Glocke über der Eingangstür zu Chocolat Noir. Chocolas Kopf flog herum, um ihren neuen Kunden zu mustern, und Kakao tat dasselbe, wenn auch unauffälliger.
„Dein Name… ist Eiichi, nicht wahr?“
„Das muss dich nicht kümmern!“, fauchte er, „das hier ist dieser Schokoladen, der Wünsche erfüllt, oder? Hier hat Akemi diese billigen Schokolinsen her.“
„In der Tat.“ Chocola wies auf den Korb neben der Eingangstür. „Ihr Wunsch war Liebe. Ich habe ihn ihr erfüllt, und sie hat den Preis bezahlt.“ Ihr Lächeln verbreiterte sich. „Was ist dein Wunsch?“
„Wo ist sie?“, verlangte Eiichi. „Sie hört nicht mehr auf mich! Sie hat im Wald zu bleiben, wo ich sie finden kann! Sie gehört mir!“
„Sie befindet sich weit außer deiner Reichweite“, informierte ihn Chocola, immer noch lächelnd. Eiichis Kiefer spannte sich an.
„Ich will sie zurück! Ich will wieder mit ihr spielen!“
„Wie du wünschst.“ Chocola griff nach einem Seidensäckchen. Die Praline darin sah edel aus – verziert mit Gold und aufwendigen Spritzereien.
„Diese Praline hier wird dir Kontrolle über jede Person geben, die du wünschst. Doch der Preis ist entsprechend hoch…“
Aber Eiichi hatte ihr den Beutel schon weggeschnappt und den Laden verlassen. Chocola lächelte.

Akemi war heute wieder sehr glücklich.
Ihr neuer Freund – Haruto – hatte sie mit in die Stadt genommen, denn ihr Körper tat nicht mehr so weh, und sie konnte wieder einigermaßen laufen. Er hatte versprochen, ihr ein neues Kleid zu kaufen, und danach würden sie in ein Café gehen. Sie würde Kakao und Schokoladenkuchen kriegen. Es würde ganz bestimmt ein perfekter Tag werden.
Das dachte sie zumindest, bis sie aus dem Krankenhaus trat und einen ersten Blick auf die Leute um sie herum warf. Sofort erstarrte sie.
„Akemi-chan? Was ist los?“ Haruto tauchte hinter ihr auf und strich ihr beruhigend durchs Haar. Das tat gut. Er würde sie beschützen, oder?
„Eiichi“, murmelte sie. Er stand direkt vor ihnen an einem Straßenstand. Haruto warf einen Blick in seine Richtung und rümpfte die Nase.
„Das ist er? Ignorier ihn einfach, meine Süße. Komm, wir müssen da lang.“
Ja, er hatte Recht. Sie sollte Eiichi einfach hinter sich lassen. Er war nicht mehr wichtig. Ihr Leben war nicht mehr von seinen Launen abhängig.
Schnell hüpfte sie Haruto hinterher und versuchte, sich ihr neues Kleid schon mal vorzustellen. Rosa sollte es sein, und mit Rüschen, ganz vielen, und Blümchen.
„Bleib stehen, Akemi.“
Sie wollte nicht, wirklich nicht. Aber ihre Füße erstarrten, als gehorche ihr Körper, ohne vorher den Kopf zu fragen. Haruto lief weiter, er bemerkte gar nicht, dass sie stehengeblieben war. Wie denn auch?
Vorsichtig drehte sie den Kopf um. Die Leute zwischen ihr und Eiichi bildeten eine Gasse. Sie alle hatten seltsame, leere Gesichtsausdrücke. Was war nur los mit ihnen?
Eiichi grinste unheilverkündend. Akemi wollte ihren Freund rufen, damit er sie beschützen konnte, aber ihre Lippen wollten sich nicht voneinander lösen.
„Komm her, Akemi.“
Ihre Beine setzten sich in Bewegung. Was tat sie denn? Sie wollte nicht! Sie hatte jegliche Kontrolle über ihren Körper verloren! Er tat einfach, was Eiichi wollte.
„Was machst du denn, Akemi-chan?“
Endlich hatte Haruto sie bemerkt, aber es war ihr nicht mehr erlaubt, mit ihm zu sprechen. Sie lief einfach weiter.
„Akemi! Bleib stehen! Akemi-chan!“
Sie schluchzte. Ihre Beine hielten endlich still. Eiichi stand jetzt direkt vor ihr. Es musste ihn freuen, wie sie in seiner Kontrolle war.
Er lachte verächtlich. Akemi schrumpfte zusammen.
„Wo warst du denn, Akemi-chan? Du sollst doch nicht weglaufen!“
Seine Hand hob sich zum Schlag. Akemi war vollkommen erstarrt. Es würde wehtun. Ganz bestimmt. Ganz furchtbar.
„Halt!“
Harutos großer, warmer Körper stellte sich schützend vor sie. Eiichis Faust sauste herunter. Akemi bereitete sich schon auf den schmerzerfüllten Schrei ihres Freundes vor.
Aber er kam nie. Stattdessen brüllte Eiichi auf.

Überrascht riss Akemi die Augen auf. Haruto stand immer noch vor ihr, und er schien nicht minder verdutzt. Vorsichtig lugte sie an ihm vorbei.
Eiichi hob schon wieder die Hand und ballte sie zur Faust. Und dann sauste sie herunter – auf ihn. Er schlug sich selber! Einfach so! Wie er es immer mit Akemi gemacht hatte.
Sie gluckste leise. Haruto entspannte sich und griff ihre Hand. Es war so lustig! Zum ersten Mal hatte sie keine Angst vor Eiichi. Im Gegenteil, er schien in Panik zu geraten!
„Was passiert hier?“, brüllte er wütend. Akemis Beine lösten sich wieder. Sie schüttelte sich vor Lachen.
Die Leute um sie herum tauten aus ihrer Starre auf und liefen weiter und lachten und redeten. Zwischen ihnen stand Chocola, in ihrem dunklen Kleid und mit wehenden, langen violetten Haaren.
„Jetzt, wo du Kontrolle über alle anderen hast, brauchst du die über dich selbst ja nicht mehr, nicht wahr?“, fragte sie lächelnd.
„Selbstsüchtiges Wesen, das andere in seinem Griff erdrückt… stürze hinab in die schwarze Finsternis!“
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