In der Stille der Nacht

von - Leela -
KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Eddie Jake Skelevision Tracy
14.11.2014
14.11.2014
1
1972
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In der Stille der Nacht

Es ging bereits auf den Abend zu, als Eddy es nicht mehr allein in seinem Zimmer aushielt. Zu lange hatte er sich bereits mit seinem Kummer hier verschanzt, wo die Einsamkeit mit kalten Klauen nach seinem Herzen griff. Eigentlich wollte er heute niemanden sehen; ihm war weder nach Smalltalk zumute, noch danach, jemandem seine Seele auszuschütten. Nur einen gab es, dem er sich gerade gerne anvertraut hätte, und nach dessen Nähe und Fürsorge er sich gerade sehnte – jemanden, der ihn ohne viele Worte verstand und immer genau wußte, wie es in ihm aussah; jemanden, der ihm Trost spenden konnte, und ihm ein wenig Wärme geben würde, die er heute so nötig brauchte. Er hatte gehofft, sich bald ungestört zu diesem speziellen Freund zurückziehen zu können. Nichts brauchte er im Moment mehr, als für eine Zeitlang mit ihm allein zu sein, vielleicht mit ihm zu reden, oder einfach Geborgenheit bei ihm finden zu können. Doch ausgerechnet heute war er im Büro nicht allein – oder anders ausgedrückt, nicht allein genug.
      Eine Weile war er hin- und hergerissen, trotz allem das, was ihm guttat, so weit wie es ging in Anspruch zu nehmen und das andere Geschehen um sich herum zu ignorieren. Dafür brauchte er die Nähe seines Freundes gerade viel zu sehr, als daß er auf die anderen Rücksicht nehmen konnte; und als er nicht mehr konnte, sich innerlich zerrissen an sein Kissen klammerte und spürte, daß es nicht mehr lange dauern würde, bis die Tränen sich nicht mehr aufhalten ließen, beschloß er, nichtsdestotrotz den ersehnten Schutz in der vertrauten Zweisamkeit zu suchen, auch wenn sie das Zimmer gerade nicht für sich allein hatten. Es mußte auch so gehen, bevor er hier schier verrückt wurde.
      Niedergeschlagen gesellte sich der mollige junge Mann zu Jake und Tracy ins Büro, die dort jeweils ihren Beschäftigungen nachgingen. Er versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie elend ihm gerade zumute war; obwohl er wußte, daß er es nicht ganz würde verbergen können. Aber vielleicht gelang es ihm zumindest soweit, daß es bei seinen Partnern als Langeweile oder Müdigkeit durchging. Im Augenblick arbeitete Jake am Schreibtisch an einem Bericht, und Tracy bastelte an der Werkbank, so daß sie seinen schwermütigen Zustand ohnehin gerade nicht registrierten. Das kam ihm sehr gelegen. Der brünette Ghostbuster ließ sich ein Stück von ihnen entfernt in seinen Lieblingssessel fallen und starrte vor sich hin. Hoffentlich gingen die anderen bald, damit er mit Fred allein war.
      Es war nicht so, daß er sich Jake und Tracy mit seinen Sorgen, Problemen oder Ängsten nicht anvertrauen mochte. Im Gegenteil; der smarte blonde Teamführer war sein bester Freund seit Kindertagen, mit ihm konnte er über alles reden! Jake war immer für ihn da, das wußte er. Es gab wohl kaum einen Menschen, der ihm näher stand, als sein bester Freund. Und Tracy; der attraktive Berggorilla hatte fast so etwas wie eine väterliche Fürsorge für die Jungs übernommen. Der Erfinder, der auch schon mit ihren Vätern zusammengearbeitet hatte, hielt immer eine schützende Hand über »seine Jungs«, und hatte immer ein offenes Ohr für sie. Beide, sowohl Jake, als auch Eddy, gingen gerne zu ihm, wenn sie Rat brauchten. Und doch wünschte Eddy sich gerade, sie würden gehen und ihn allein lassen. Es gab Momente, in denen wollte er sich keinem von ihnen anvertrauen. Fast fühlte er sich schuldig dabei, doch er konnte seine Gefühle nicht verleugnen. Wenn es ihm so ging wie heute, wo er am liebsten nur vor sich hingeweint hätte, gab es nur einen, dem er sich anvertrauen wollte, mit dem er reden wollte, und dessen Nähe er zulassen wollte.
      Fred kannte ihn, wußte wahrscheinlich inzwischen mehr über ihn als Jake und Tracy zusammen. Der Sessel war der erste gewesen, mit dem er sich im Ghostkommando richtig angefreundet hatte; die beiden hatten sich sofort so gut verstanden, als hätten sie sich schon ewig gekannt, und daraus war nicht nur sehr schnell eine tiefe Freundschaft geworden, sie waren Vertraute, hatten ein inniges Verhältnis, das seinesgleichen suchte. Bei ihm fühlte Eddy sich wohl, sicher, geborgen. Er wußte, Fred verstand ihn und war für ihn da, auf eine ganz besondere Weise.
      Noch immer starrte Eddy vor sich. Wenn nur die anderen jetzt nicht fragten, wie es ihm ging. Aber er konnte es nicht verbergen. Er war noch nie gut darin gewesen, seine Gefühle zu überspielen.
      Fred bemerkte schnell, wie es seinem Freund ging, doch er wagte im Augenblick fast nicht, ihn in den Arm zu nehmen. Er wußte, das hätte Jake und Tracy aufmerksam gemacht, und spätestens dann hätte sich Eddy mit der Sorge seiner Partner auseinandersetzen müssen. Sie hätten gar nicht anders gekonnt, als für ihren Freund dasein zu wollen. Fred wußte allerdings, daß das zu viel für den jungen Ghostbuster gewesen wäre; daß er das nicht ausgehalten hätte. Es war so schon fast zu viel, hier in der Nähe der anderen. Die Anspannung, ob doch einer von ihnen etwas mitbekam, und ihn mit einem Haufen sorgenvoller Fragen überschüttete, hatte den jungen Mann so lange mit sich hadern lassen, es überhaupt zu wagen, herzukommen – doch Eddy brauchte gerade den Trost und die Nähe seines Freundes. Der Sessel wußte es, ohne daß er große Fragen stellen mußte. Dafür kannte er seinen Freund zu gut. Und so ließ sich Fred vorerst nur dazu hinreißen, eine große Hand, die sonst üblicherweise zur Armlehne zusammengefaltet lag, zu öffnen, und seinem Schützling mit einem Finger kurz sanft und aufmunternd über die Wange zu streichen.
      Zumindest das entlockte dem jungen Mann ein kleines Lächeln. Er wußte, sein Freund hatte die Situation verstanden, und war für ihn da, auf die Weise, die er gerade brauchte. In melancholischer Stimmung kuschelte er sich ein wenig mehr in das Polster.
      Indes kam das Skelevision näher und musterte den traurigen jungen Mann besorgt. Selbst dem Fernseher war sein Gemütszustand nicht entgangen. Die beiden wechselten einen Blick, und das Skelevision wußte, als es in die braunen Augen seines Gegenüber sah, in denen der Glanz nicht mehr allzu ferner Tränen lag: Das, was der junge Mollige in dem farbenfrohen Anzug jetzt gerade gar nicht gebrauchen konnte, war, daß der Firmenchef oder der Erfinder auf ihn aufmerksam wurden. Das Skelevision warf dem großen Blonden am Schreibtisch und dem braunfelligen Gorilla an der Werkbank einen schnellen Blick zu. Beide waren noch in ihre Arbeit vertieft. Doch wie lange das noch so sein würde, wie lange sie noch bleiben würden oder wann sie die triste Stimmung ihres Partners und Freundes bemerken würden, konnte keiner von ihnen sagen.
      Der feinfühlige, schädelförmige Fernseher, der sich ebenfalls sehr bald schon nach dem Einzug der Jungs im Ghostkommando mit dem etwas korpulenteren jungen Mann angefreundet hatte, schaltete von sich aus in ein Fernsehprogramm. Er sah seinem Freund an, daß er litt, und nichts von der Serie, in der es um einen Haushälter und seine Chefin ging, aufnehmen würde, doch es war das beste Alibi, das er ihm vor den anderen verschaffen konnte, bis er mit Fred allein war.
      Eddy war mehr als dankbar um die Initiative seines Freundes, auch wenn ihn die Reize aus dem Flimmerkasten gerade überforderten. Aber so war es ihm immer noch lieber, wenn das dafür sorgte, daß keiner seiner Partner Fragen stellte. Er wußte, es hätte ihn noch mehr überfordert, hätte er ihnen gerade Rede und Antwort stehen müssen. Auch wenn er sich lediglich nach Ruhe sehnte; hier konnte er zumindest abschalten, mußte sich nicht auf seinen Gegenüber konzentrieren oder Rechenschaft ablegen. Und so ignorierte er das Fernsehprogramm, ließ es unbeachtet an sich vorüberziehen, während er gedankenverloren durch das Skelevision hindurchsah.
      Der Brünette spürte die sanfte, beruhigende Berührung, als der Sessel sachte, für die anderen unbemerkt, über die Seite des Ghostbusters strich. Fast reichte die kleine tröstende Geste aus, um die Tränen fließen zu lassen. Eddy schloß die Augen und schluckte dagegen an. Es war noch zu wenig, um das bedrückende Gefühl in seinem Inneren bekämpfen zu können, doch mehr gab die Situation gerade nicht her, und er nahm, was er kriegen konnte.
      Es lief bereits die Cosby-Show, als Jake seine Unterlagen in das Dead Letter File einsortierte und zur Uhr sah. Spät war es geworden. Auch Tracy stellte seine Arbeiten gerade ein und sortierte das Werkzeug in die dafür vorgesehenen Schubladen und Plätze, um für den Tag sein Werk abzuschließen.
      Eddy atmete ruhig durch und konzentrierte sich auf das Skelevision. Für ein paar Minuten würde er die Fassade noch aufrecht erhalten können, bis seine beiden Kameraden endlich gingen. So lange mußte er noch durchhalten, um nicht die Aufmerksamkeit des Gorillas, und schon gar nicht die des Teamführers, doch noch zu wecken.
      „So, Leute, ich gehe ins Bett!“ verkündete Jake endlich und streckte sich, bevor er sich zu den anderen umsah. „Was ist mit euch?“
      „Oki Doki!“ bestätigte Tracy.
      „Ich bleibe noch hier!“ gab Eddy so neutral wie es ihm möglich war zurück.
      „Okay. Dann bis morgen!“ Damit verabschiedete sich der Teamführer und war schon auf dem Weg in sein Zimmer.
      „Gute Nacht!“ wünschte auch Tracy und verließ ebenfalls das Büro.
      „Gute Nacht, ihr zwei!“ gab Eddy gedankenverloren zurück. Er wartete noch einen Moment und sah sich dann vorsichtig in dem Halbdunkel des Raumes um. Alles war still, sah man von der Wiederholung von Dallas ab, die gerade begann. Einen Augenblick lauschten der junge Mann, der grüne Lehnsessel und der Fernseher in die nahe Umgebung. Kein Geräusch kündete mehr von Aktivitäten anderer Hausbewohner. Als sie sich sicher sein konnten, daß sie allein waren, schaltete das Skelevision das Fernsehprogramm ab.
      Von einem zum anderen Moment wurde es still im Büro, und als die letzte Lichtquelle im Ghostkommando erlosch, lag der Raum lediglich noch in dem sanften Schein, den die Straßenlaterne vor dem Haus ins Innere des Zimmers warf.
      All die Anspannung des Tages, die ihn bis jetzt begleitet hatte, fiel von dem niedergeschlagenen jungen Mann ab und machte einer heilsamen Ruhe in seinem Herzen Platz, die er so lange so schmerzlich vermißt hatte. Jetzt konnte er endlich die Zuflucht suchen, die er so nötig brauchte. Er verlagerte die Position, zog die Beine an und rollte sich auf dem Polster zu einer Kugel zusammen. Er weinte nicht, doch der Sessel wußte, daß ihm danach zumute war. Während er die Wange an das Polster schmiegte und die Augen schloß, legte Fred nun beschützend seine großen Hände um den unglücklichen jungen Mann. Zu sagen brauchte niemand etwas. Jetzt fühlte er sich wohl; so konnte er schlafen.
      Eddy wußte, einen so besonderen Freund wie Fred gab es kein zweites Mal in seinem Leben. Wie viele Abende er schon in der harmonischen Zweisamkeit mit Fred verbracht hatte, wußte er nicht mehr; Abende, an denen sie geredet, relaxt oder gelacht hatten, ferngesehen, gelesen oder vor sich hingeschlummert; oder an denen sie einfach, wie heute, füreinander da waren. Was er aber wußte war, daß dies hier sein Privileg war. Für niemanden anders, noch nicht einmal Jake oder Tracy, war Fred auf diese besondere Weise da, wie für ihn. Und keiner der anderen wußte etwas davon. Das war ihr kleines Geheimnis.


(Anm. d. Aut.:
Für ein Bild, in etwas fröhlicherer Stimmung: Eddy & Fred)
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