Dies Irae

von aesculap
GeschichteFreundschaft, Übernatürlich / P12
11.11.2014
11.11.2014
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Es gibt ein Sprichwort, das lautet:"Im Leben geht es nicht darum zu warten, dass das Unwetter vorbeizieht, sondern zu lernen im Regen zu tanzen". Manchmal bedeutet das aber, dass man sich mit Mächten einlassen muss, mit denen man besser nichts zu tun hätte...




~ 29. Oktober 1952 ~

Es ist wirklich interessant, was sich manche Menschen von mir wünschen, wenn sie einen Deal machen. Meistens ist es die alte 'Macht! Macht! Macht! Mehr Maaacht!'-Leier, aber ab und zu finde ich mich Angesicht zu Angesicht mit jemandem, der so dermaßen verzweifelt ist, dass ich sein letzter Ausweg bin.

"Mein Sohn hatte einen Autounfall und liegt im Koma. Ich will, dass er wieder aufwacht und alles wieder gut wird."

"Ich habe mein Baby verloren. Mach das ungeschehen."

"Meine Frau hat Krebs im Endstadium. Bitte erlöse sie von ihrem Leiden."

Ausnahmslos alle bieten mir - von sich aus - dafür ihr eigenes Leben an. Oder ihre Seele. Auch wenn dort, wo mein Herz sein sollte, eine der tiefsten Teergruben der Sieben Höllen blubbert, diese Leute berühren etwas in mir, das niemand berühren können dürfte. Ich empfinde Mitleid.

Wenn mir niemand auf die Finger schaut - und wenn ich ehrlich bin, so ist das eh beinahe immer der Fall - dann achte ich darauf, dass in diesen Verträgen noch der eine oder andere Zusatz steht. Die meisten Leute wissen gar nicht, wie viel wert eine Seele tatsächlich ist, was sie eigentlich alles dafür verlangen können. Und so bekommt der verzweifelte Vater nicht nur seinen Sohn wieder, sein Magenkrebs wird ebenfalls gleich beseitigt, damit er noch miterlebt, wie der Junge eine eigene Familie gründen wird. Das Baby, das gestorben ist, weil es einen genetischen Defekt hatte, wird nicht nur wieder zurückgebracht, es wird auch geheilt - und wenn ich schon dabei bin, bekommt es noch einen Stempel 'Plötzlicher Kindstod - nein, danke!'. Und die todkranke Ehefrau verbringt ihre letzten Tage nicht nur schmerzlos, sondern auch mit so klarem Geist wie schon lange nicht mehr, sodass sie beide genug Möglichkeit haben, sich voneinander zu verabschieden. Für immer. Denn jeder, der mir seine Seele verkauft, landet unten. Ohne Rückfahrkarte.

Aber machen wir uns nichts vor. Früher war es sehr viel leichter, Seelen zu sammeln. Heute, durch TV, Internet und unzählige einschlägige Romane, glaubt jeder genau zu wissen, wie man mit unsereins umgehen muss. Und das Wort 'Seele' ist sowieso ein rotes Tuch. Keiner glaubt mehr daran, dass er eine hat, aber niemand will sie hergeben.

Kurz um, der Job hat sich in den letzten 100 Jahren signifikant verändert. Nicht unbedingt zum Besseren. Und so habe ich es mir irgendwann zur Angewohnheit gemacht, nach jedem erfolgreichen Abschluss eines Deals, bei dem ich eine Seele erworben habe, feiern zu gehen.

Alleine zu feiern mag vielleicht nicht für jeden erstrebenswert erscheinen, aber ich habe kaum eine andere Wahl. Dämonen feiern nicht gemeinsam und die Menschen, die ich kenne? Nun, die würden wohl kaum einen Anlass zur Freude sehen, wenn einer der ihren mir seinen wertvollsten Besitz überlässt. Trotzdem - oder vielleicht gerade deswegen - ist eine Feier alleine sehr entspannend. Es gibt niemanden, der nur darauf wartet, dass ich zu viel getrunken habe und mich dann heimlich abmurksen möchte. Und wenn ich jemanden möchte, der mit mir anstößt, so brauche ich nur eine Lokalrunde zu schmeißen. Es ist ja auch nicht gerade so, als hätte ich zahllose Freunde, die nur darauf warten, mit mir Trinken zu gehen.

Okay, wenn ich ehrlich bin, alleine zu feiern ist auch nicht mehr das, was es mal war. Und außerdem gab es da schon eine Person, deren Gesellschaft ich mir gewünscht hätte.

Mit einem Seufzen leerte ich mein Glas und versuchte nicht an einen intelligenten, schlanken Mann mit ersten silbernen Strähnen in seinen dunkelbraunen Haaren zu denken. Auch wenn die Zeiten langsam ein wenig liberaler wurden, so war es dennoch undenkbar, einen Magier des Weißen Rates zu so einer Feier einzuladen. Ich stellte mein Glas wieder auf die Bar und nahm mir vor, Reinhard Fuchs morgen anzurufen und mich danach zu erkundigen, ob es irgendetwas Neues bei ihm gab. Ein Höflichkeitsanruf bei einem wertvollen Kontaktmann. Mehr nicht. Aber es würde gut tun, mal wieder seine Stimme zu hören.

Ich bezahlte mit einem abgegriffenen zwanzig Schilling Schein, nahm meinen Mantel von der Garderobe und verließ das Lokal. Kalte Luft umgab mich, umschmeichelte mein Gesicht und zog an meinen offenen Haaren. Die Nacht war sternenklar und versprach kalt zu werden.

Oktober in Wien ist ein Monat der Unbeständigkeit. Beinahe so wie der April. Im Oktober kann es passieren, dass man noch mit kurzen Ärmeln draußen in der Wiese sitzt und den Spätsommer geniest, oder aber ein übereifriger November mit seinem dichten Nebel und ersten Schneeflocken einen verfrühten Besuch abstattet und die ganze Stadt in einen eisigen Mantel des Frosts hüllt. Dieses Jahr schien der Oktober es sich zum Ziel gemacht zu haben, sämtliche Kälterekorde zu brechen. Ich hatte einen dicken Schal um meinen Hals gewickelt und eine Fellhaube aufgesetzt, dennoch fand der eisige Wind Lücken und Spalte, durch die er kriechen und mir eine Gänsehaut über den ganze Körper jagen konnte.

Es kommt nicht von ungefähr, dass alle Welt denkt, dass wir die Kälte hassen. Ja, unsereins mag es nicht, wenn es zu kalt wird. Aber nicht unbedingt aus dem Grund, denn alle denken. Nein, unten in der Hölle ist es nicht heimelig warm. In Wirklichkeit erinnert uns die Kälte zu sehr an zuhause. Das Feuer, das in der Hölle brennt, wärmt nicht. Es mag jeden verzehren, der es berührt, aber es verbrennt ohne die befriedigende Wärme, die man mit einem normalen Feuer verbindet. Die Hölle ist kalt.

Mit einem Schaudern zog ich den Schal fester um meinen Hals und eilte in Richtung meines Wagens. Mein knallroter Hudson Hornet, den ich mir vor einem Jahr geleistet hatte, war zwar nur ein Cabrio, dessen Verdeck den Wind, aber leider nicht die Kälte draußen halten konnte, trotzdem würde er mich binnen weniger Minuten nachhause in die heimelige Wärme meiner Wohnung bringen. Wenn dieser verdammte Wind mich nicht vorher in die Donau fegte. Ich packte meine Fellhaube gerade noch, bevor eine besonders starke Böe sie mir endgültig vom Kopf reißen konnte und beschleunigte meinen Schritt.

Ja, ich war mit meinen Gedanken wo anders. Ja, ich war durch das Wetter abgelenkt. Und ja, ich erwartete hier auch eigentlich keinen Angriff. Trotzdem hätte ich besser Acht geben müssen. Einen Moment war ich noch alleine in der Gasse, in der ich meinen Wagen geparkt hatte, im nächsten stand eine Gestalt vor mir - kleiner als ich, aber dafür mit einem unangenehm aussehenden Schwert bewaffnet.

Als das Schwert, ein Katana, zu leuchten begannt und die Gestalt - ein junger Mann mit asiatischen Gesichtszügen - erhellte, wusste ich, dass ich wirklich in Schwierigkeiten steckte. Das hier war nicht irgendein Schwert. Das war eines der Schwerter. Ein heiliges Artefakt, von Gott geschaffen und den Menschen anvertraut, um eine Bastion gegen das Böse darzustellen. Um die Bedrohung durch die Dämonen abzuwehren. Na toll, und ich war alleine und unbewaffnet.

Mit einem Schrei - wahrscheinlich "Attacke" oder "Stirb" oder eine ähnliche Freundlichkeit auf Chinesisch oder Japanisch - stürzte er sich auf mich. Ich taumelte einen Schritt zurück und die scharfe Klinge verfehlte mich um Haaresbreite. Ich hatte nicht einmal Zeit ein zweites Mal zurückzuweichen, bevor das Katana erneut auf mich herab sauste. Verdammt, der Typ war übermenschlich schnell!

Ich ließ mich auf den Boden fallen, rollte ab und wollte hinter ihm wieder auf die Beine kommen, aber diese verdammten Pumps sind nicht eben zum Kämpfen geschaffen. Der Stöckel meines rechten Schuhs verfing sich im Rocksaum und anstatt aufzustehen landete ich auf dem Bauch. Das rettete mir wahrscheinlich das Leben, denn der Asiat war zum selben Zeitpunkt herumgewirbelt und hatte sein Schwert geradewegs durch die Stelle gebohrt, wo eben noch meine Brust gewesen war.

Ich brauchte nur einen Moment um mich hoffentlich aus der Affäre zu ziehen. Eine kurze Willensanstrengung und die gesamte Gasse veränderte sich. Jede ebene Oberfläche begann zu brennen und tauchte die Gegend in ein unwirkliches, flackerndes und heißes Licht. Die Illusion umspannte die Gasse bis zur nächsten Seitenstraße und hatte nicht nur den netten Nebeneffekt, dass es jetzt wirkte, als hätte hier eine Außenstelle der Hölle eröffnet. Nein, unter all den Flammen und Lichteffekten verbarg der Zauber meinen tatsächlichen Aufenthaltsort und sämtliche der Geräusche, die ich beim Aufstehen verursachte.

Der Japaner blinzelte ein paar Mal verwirrt während ich langsam rückwärts das Weite suchte. Meinen Wagen würde ich morgen holen. Jetzt kam es erst mal darauf an, hier möglichst schnell zu verschwinden. Drinnen in der Kneipe gab es garantiert genug Gentlemen, die mir liebend gerne helfen und mich nach Hause chauffieren würden. Dieser Ritter des Kreuzes würde es bestimmt nicht wagen, mich zu attackieren, wenn ein Unschuldiger dabei war.

~*~

Ich atmete tief durch, als ich den letzten Riegel vor meine Türe schob und die magischen Abwehrvorrichtungen zu dritten Mal überprüft hatte. Hier, zuhause, war ich sicher. Und jetzt, nach dem Schock, brauchte ich erst mal etwas zu trinken.

Ich warf meinen Mantel, den Schal und die Haube achtlos in eine Ecke und entledigte mich meiner Handschuhe auf dem Weg in die Küche. Ich liebte es zu kochen und hatte daher eine große Auswahl an normalerweise dafür reservierten Spirituosen jederzeit griffbereit in einem Schrank gleich neben dem Herd stehen. Aber heute war mir egal, welche Flasche ich erwischen würde. Ich griff blind in den Kasten und holte einen alten Cognac hervor.

Zwei Gläser später hatten ich meine Nerven so weit beruhigt, dass ich die Geschehnisse des Abends analysieren konnte.

Es war also ein Ritter des Kreuzes in Wien. Vielleicht auch mehrere. Warum? Ich glaubte nicht, dass ich der Grund dafür war. Ich war zwar gut in dem, was ich tat, aber für die Ritter war ich nur ein kleiner Fisch. Ihr Hauptziel waren die Denarier. Eine Subgruppierung Dämonen, die glauben, mit ihren dämlichen Münzen die Weltherrschaft an sich reißen zu können. Niemand mochte sie. Weder oben noch unten. Und soweit ich wusste, hielt sich zurzeit keiner von ihnen in meiner Stadt auf. Was mich eigentlich noch mehr beunruhigte war die Tatsache, dass offensichtlich sämtliche meiner Frühwarnsysteme versagt hatten. Es hatte keinerlei Hinweise gegeben, dass einer der Ritter sich hier her auf dem Weg befand oder gar dass einer der ihren die Stadtgrenze überschritten hatte. Warum?

Ich musste mehr über diesen jungen Mann herausfinden. Das Schwert hatte ich auf jeden Fall erkannt. Fidelacchius, das Schwert des Glaubens. Aber den Asiaten kannte ich nicht. Ich musste meine Fühler ausstrecken, ein paar Anrufe tätigen - und ein paar Köpfe zurecht rücken. Es würde noch eine lange Nacht werden.

Ich hatte gerade eben mein erstes Telefonat beendet - auch wenn der zweite Weltkrieg jetzt schon weit genug zurück lag sodass sich die Wirtschaft genügend erholt hatte, dass die Leute endlich wieder ausreichend Geld für die schönen Dinge im Leben hatten - Technik und Fortschritt zum Beispiel - so besaß der Großteil meiner Kontakte noch kein eigenes Telefon und ich würde wohl den morgigen Vormittag damit verbringen, diverse Leute persönlich abzuklappern. Der Hörer meines ultra-modernen schwarzen Hochglanztelefons hatte noch nicht einmal die Gabel berührt, als ich eine leicht näselnde Stimme meinen Namen rufen hörte.

Mein Name ist nicht immer Lysandra gewesen, aber irgendwann musste ich feststellen, dass typisch dämonische Namen nicht nur out sind, sondern in den Menschen gleich so viele negative Vorurteile hervorrufen. Einen neuen Namen zu finden war nicht gerade einfach. Ich habe beinahe zwei Jahre nach Optionen gesucht, bevor ich mich dann letztendlich für Lysandra entschieden habe. Nicht nur der Bedeutung wegen.

Es war also nicht weiter verwunderlich, dass ich erstarrte, als ich da meinen richtigen Namen hörte.

"Nergal!"

Ich brauchte ein paar Momente, bevor ich mich einerseits wieder gefasst hatte und andrerseits wusste, woher das Rufen kam.

Ich besaß nur zwei Spiegel - einer in meinem Labor und der andere in einem Schrank im Badezimmer - denn die Dinger sind weitaus gefährlicher, als man gemeinhin annehmen würde. Nicht immer ist es das eigene Spiegelbild, das zu einem zurück blickt, wenn man hinein sieht. Und nicht immer sieht man das, was man sehen möchte. Das aber, was diese einfachen Glasscheiben mit Silberbeschichtung so tückisch macht, ist die Möglichkeit, sie als Portale, als Türen zwischen den Welten zu benutzen. Und ich bin der Meinung, wenn mich wer besuchen kommen will, so soll er gefälligst anläuten und dann die Eingangstüre benutzen.

Der Spiegel, aus dem die Stimme drang, war der in meinem Labor, über den ich normalerweise eine dicke Samtdecke gehängt habe, wenn ich ihn nicht gerade brauche. Es wunderte mich, dass ich das Rufen überhaupt gehört hatte. Das Material vermochte die Geräusche so weit abzuschwächen, dass die schwere Metalltüre zum Labor eigentlich gar nichts mehr durchlassen hätte dürfen. Azroth's Organ war eben selbst unter Dämonen etwas Besonderes.

Azroth, mein Kontaktmann... -Dämon, wie auch immer, er war so etwas wie mein Privatsekretär, der die Stellung daheim hielt und hatte sich seit etwas mehr als 150 Jahren nicht mehr in dienstlicher Angelegenheit bei mir gemeldet. Das konnte nichts Gutes bedeuten.

"Nergal! Komm, gib den Fetz'n endlich weg!"

Mit einem kräftigen Ruck zog ich die Samtdecke vom großen Standspiegel und tatsächlich sah ich dort Azroth - im Nadelstreifanzug und mit Zigarette im Mundeck. Er sah aus, wie einer der Chicagoer Gangsterbosse aus dem Kino.

"Na, wird aber schon langsam Zeit. Was hat dich so lang aufgehalten? Ich bin ja schon fast heiser geworden..."

"Ich war oben. Azroth, du weißt, ich nenne mich jetzt Lysandra."

"Jaja, unwichtig. Du musst sofort die Stadt verlassen."

Ich hob beide Augenbrauen und sah Azroth verdattert an. Er hatte mir schon öfters diverse Dinge von oben.. unten... also von unsren Chefs aufgetragen, aber die Stadt zu verlassen...?

"Meinst du nur kurz für einen Wochenendausflug?"

"Nein, länger. Vielleicht für immer. Du musst untertauchen." Obwohl ich wusste, dass ihm die dafür notwendige Anatomie fehlte, klang er irgendwie atemlos.

"Aber warum, Azroth?"

Azroth beugte sich vor, pflanzte beide Hände wichtigtuerisch auf seinen Schreibtisch und verkündete in schicksalsschwangerem Tonfall: "Schreckliche Dinge haben sich in Bewegung gesetzt. Wien ist nicht mehr sicher. Verlasse die Stadt, suche dir einen neuen Wirkungsbereich." Fast beiläufig fügte er hinzu, "Ich hab gehört, Graz soll ganz nett sein", während er sich wieder normal auf seinen Stuhl setzte.

"Ich will aber nicht nach Graz. Was für 'Schreckliche Dinge'? Ich hoffe, du hast nicht wieder irgendein Hörspiel im Radio gehört, wie damals..."

"Nein, Nergal!" unterbrach mich Azroth ein wenig ungehalten. "Sei nicht dumm. Es geht hier um eine tatsächliche Bedrohung." Tja, dass er damals auf 'Krieg der Welten' hereingefallen war, würde er wohl noch lange zu hören bekommen. "Ich kann dir nichts Genaues sagen, nur dass sich Energien sammeln und einige Seher sehr bedenkliche Visionen hatten."

Er klang richtig besorgt und das mochte ich gar nicht.

"Wovon reden wir hier?"

"Schwarze Magie in einem Ausmaß, wie es sie schon seit mehreren Jahrhunderten nicht mehr gegeben hat. In Wien, direkt unter deinem Hintern. Also pack deine Sachen und mach dass du dort weg kommst."

"Schwarze Magie? Geht's irgendwie genauer? Nekromanten?"

"Ich weiß es nicht. ...vielleicht."

"Mehr als in Zweiten Weltkrieg?"

"Mehr als im Zweiten Weltkrieg in ganz Österreich."

Das klang nicht gut. War das der Grund für die Anwesenheit des Asiaten? Oder übertrieb Azroth mal wieder maßlos?

"Wusstest du, dass einer der Ritter in Wien ist?" fragte ich langsam.

Azroth schüttelte seinen Kopf. "Nein. Aber das ist ein Grund mehr die Stadt zu verlassen."

"Ich hatte heute schon ein Aufeinandertreffen mit ihm. Ich sollte mich ein wenig bedeckt halten, bevor ich aufbreche. Einfach das Weite zu suchen wird nicht gehen, ohne zumindest ein gewisses Maß an Aufmerksamkeit zu erregen. Und das könnte zur Zeit tödlich sein." Und außerdem wollte ich Wien nicht einfach so aufgeben. Ich hatte die Stadt und ihre grantelndend Einwohner zu lieb gewonnen, um einfach das Schiff zu verlassen, sobald der erste Eisberg am Horizont auftauchte.

"Nergal, länger in der Stadt zu bleiben, könnte genauso tödlich sein. Vergiss die Menschen, die dir noch etwas schulden, was sind schon ein paar Gefallen? Du könntest draufgehen! Wenn es sein muss, treibe ich einen schriftlichen Befehl auf, dass du deine sieben Sachen zu packen und zu verschwinden hast."

Mit einem eisigen Blick verschränkte ich die Arme vor meiner Brust. Azroth war zwar meine Verbindung zu den Prinzen der Hölle, aber Befehle konnte er mir deswegen noch lange keine erteilen. Wäre ja noch schöner. Im Himmel war das vielleicht Gang und gebe aber unten bei uns tickten die Uhren ein wenig anders.

Ich wusste, dass ich eine der besten Agenten hier in Europa war und dass nicht nur Azroth sein Gesicht verlieren würde, wenn mir etwas zustieße. Natürlich wollte er mich so rasch als möglich aus der Stadt draußen haben und würde wahrscheinlich auch vor ein wenig Übertreibung und Panikmache nicht zurückschrecken, wenn er sich davon einen Erfolg erhoffte. Ich hatte ziemlich sicher noch mehr Zeit, als er mir zugestehen wollte.

"Ich werde Wien in zwei Tagen verlassen. Ich bin mir sicher, was auch immer da passieren wird, es wird nicht vor Hallowe’en geschehen. So viel Zeit hab ich also noch."

Mit einem Seufzen stimmte Azroth zu. "Gut... Gut."

"Lass es mich wissen, wenn du noch irgendetwas über die kommenden Ereignisse erfährst."

Ich wartete nicht auf seine Antwort und zog die Decke wieder über den Spiegel. Ich musste also die Stadt verlassen. Endgültig. Das war heute wirklich nicht mein Tag.