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Mörderische Goldgier  (Geliebter Blutsbruder Band II)

von Anmiwin
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P18 Slash
OC (Own Character) Old Firehand Old Shatterhand Old Surehand Sam Hawkens Winnetou
11.11.2014
13.05.2016
47
250.615
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11.11.2014 3.023
 
Schwärze. Undurchdringliche Schwärze. Dunkelheit. Beklemmend dunkel, so erdrückend, dass es fast schon schmerzte. Obgleich – ich verspürte tatsächlich starke Schmerzen. Aber nicht die Augen, sondern der Bereich am Hinterkopf bereitete mir größte Probleme, es brummte und dröhnte in meinem Schädel, als würde ich mich unmittelbar unter einer Eisenbahnbrücke befinden.  Warum denn das?
Wo bin ich? Was ist denn nur geschehen?

Das waren die ersten greifbaren Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, als ich aus einem Meer aus Dunkelheit und Stille langsam wieder auftauchte. In diesem Augenblick war es mir einfach unmöglich zu sagen, wo ich mich befand und was mir eigentlich widerfahren war. Sehen konnte ich immer noch nichts, was aber auch daran liegen mochte, dass meine Augen noch geschlossen waren. Mir war, als ob Zentnergewichte auf meinen Lidern ruhten, und nicht nur dort, sondern auf dem gesamten Körper, denn ich konnte mich nicht einen Deut bewegen. In was für einer Lage befand ich mich nur?

Und nun überfielen die Schmerzen meinen Körper mit aller Macht. Vom Hinterkopf ausgehend, strahlten sie wellenförmig in alle Richtungen aus, es schien mir, als seien vor allem die Gelenke zum Zerreißen gespannt. Was geschah hier nur mit mir? Mit aller Kraft, die ich in diesem Moment aufbringen konnte, versuchte ich, mich zu rühren, meine Hände zu bewegen, mir an den Kopf zu fassen, um etwas Linderung für meinen hämmernden Schädel zu erlangen. Es gelang mir nicht. Im Gegenteil, je mehr ich mich anstrengte, umso heftiger wurden die Schmerzen, jetzt vor allem an den Handgelenken, es brannte wie Feuer.
Und dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen: ich war gefesselt! Ich bewegte, um ganz sicher zu gehen, alle Gliedmaßen, zumindest versuchte ich es, hatte aber damit nicht den geringsten Erfolg. Irgendjemand hatte mir Handgelenke und Knöchel so fest und auf eine so unsanfte Art und Weise zusammen gebunden, dass die dafür verwendeten Stricke mir tief ins Fleisch schnitten. Auch für den Rest meines Körpers hatte man nicht mit Schnüren gespart. So wie es sich anfühlte, hatte man diese mehrfach um meinen Leib geschlungen und mich dann in sitzender Position an einen Pfahl oder ähnlichem gefesselt.

Nachdem ich mit meinen Überlegungen schon so weit gekommen war, wollte ich natürlich unbedingt herausfinden, wo ich mich befand und wie ich eigentlich in diese Lage gekommen war. Also unternahm ich einen erneuten Versuch, die Augen zu öffnen, und nach einem kurzen Moment der Anstrengung gelang es mir tatsächlich, die bleierne Schwere, die auf meinen Lidern lastete, langsam zu durchdringen. Sehen konnte ich jedoch immer noch nicht viel, aber das lag jetzt daran, dass ich mich offensichtlich im Inneren eines Zeltes oder ähnlichem befand, welches im Dunkel der Nacht lag und nur ganz schwach von dem Schein eines Feuers, vielleicht eines Lagerfeuers, erhellt wurde.

Langsam drehte ich meinen Kopf, sehr langsam, um das Hämmern und Pochen darin so erträglich wie möglich zu machen, und gewahrte zu meiner Linken zwei Gestalten, ebenfalls sitzend und offensichtlich in der gleichen Weise wie ich gefesselt. Die Person neben mir ergriff sofort leise das Wort, als sie meine Bewegungen bemerkte.
„Nun, altes Greenhorn, endlich ausgeschlafen? Wurde auch mal langsam Zeit, wenn ich mich nicht irre, hihihi!“
Sam? Sam Hawkens? Was um alles in der Welt...?

Und dann, endlich, standen die letzten Ereignisse plötzlich glasklar und messerscharf vor meinem inneren Auge und ließen mich noch nachträglich zusammenzucken. Natürlich! Sam war kurz vor dem Zusammenstoß mit den Kiowas mit uns zusammengetroffen, genau in dem Moment, als wir die Goldsucher unter Einsatz unseres Lebens aus der größten Gefahr gerettet hatten.
Wir, das waren Emery Bothwell, mein steinreicher Freund aus England, der uns nach den dramatischen Ereignissen vor fast sieben Monaten immer noch nicht verlassen wollte, weil er es einfach nicht übers Herz brachte; und den ich jetzt als die zweite, neben Sam Hawkens sitzende Gestalt erkannte, und Winnetou, mein... Winnetou? Mein Blick schweifte noch einmal, diesmal sorgfältiger, durch das Zelt, auf der Suche nach meinem geliebten Blutsbruder. Ohne Erfolg. Wo war er?  Wo war Winnetou?

Ich schloss nochmals kurz die Augen, um nachzudenken, wann ich ihn zuletzt gesehen hatte. Bruchstückhaft glitten einige Szenen an mir vorüber. Wir hatten unser Lager aufgebaut, ich hatte mich um das Feuer gekümmert, Emery und Sam hatten Holz gesammelt und Winnetou die Pferde versorgt. Er wollte auch die erste Wache übernehmen, und so hatten wir anderen drei uns nicht lange danach hingelegt. Ich selbst musste wohl innerhalb kürzester Zeit eingeschlafen sein, da wir einen sehr anstrengenden Tag hinter uns hatten.

Was war dann geschehen? Ich dachte angestrengt nach, aber jetzt flimmerten nur einzelne Empfindungen durch meine Erinnerung: meine Kehle, plötzlich wie zugeschnürt, meine Brust, auf der ein furchtbarer Druck lastete, wie ein Alp, durchdringende Kriegsschreie, dir mir in den Ohren dröhnten...

Natürlich! Die Kiowas mussten uns überfallen haben! Und nun befand ich mich zusammen mit meinen Gefährten als Gefangener in einem ihrer Zelte, aber wo genau? Und wo war Winnetou? Ich hob meinen Kopf, immer noch unter pochenden Schmerzen, erneut an, und versuchte, Sam Hawkens mit meinen Augen zu fixieren, was mir im Moment noch schwer fiel, da meine Umgebung mir immer wieder vor den Augen verschwamm.

„Sam?“ fragte ich leise.
„Was gibt es, altes Greenhorn?“ antwortete dieser in seiner gewohnt launigen Weise.
„Wisst Ihr, wo wir hier sind? Und vor allem, wo ist Winnetou?“
Bei meiner letzten Frage verdüsterte sich das Gesicht meines alten Freundes deutlich, das konnte ich sogar trotz des flackernden Halbdunkel erkennen. Dementsprechend zögerlich antwortete er:
„Tja, wo genau wir uns hier befinden, kann ich Euch auch nicht sicher sagen, geliebter Sir! Genau wie Ihr wurden auch wir beide von den Indsmen ein wenig schlafen gelegt, wenn ich mich nicht irre. Wir vermuten aber, dass sie uns in die Nähe des San-Juan-Rivers gebracht haben, dort lagert im Moment der Hauptteil der Kiowas, und unser Lager war davon ja nicht allzu weit entfernt.“
Ich wartete einige Augenblicke, um ihn meine zweite Frage beantworten zu lassen. Er aber biss sich nur auf seine Lippen, und sein Gesicht nahm wieder einmal jenen zerknautschten Ausdruck an, der ihn immer begleitete, wenn ihm Unangenehmes bevorstand.

Nochmals fragte ich, diesmal deutlich drängender:
„Was aber ist mit Winnetou geschehen? Wo ist er?“
Als Sam immer noch herumdruckste, wandte ich mich an Emery.
„Emery, bitte, so antworte du mir wenigstens! Ist Winnetou etwas geschehen?“
Auch dem Engländer war anzusehen, dass er sich nicht gerade darum riss, mir zu antworten, und so räusperte er sich mehrmals, bevor er begann:
„Wir wissen es nicht, Charlie! Als wir erwachten, befanden wir uns schon hier im Zelt, und er war nicht da. Bis jetzt ist auch noch kein Kiowa erschienen, der uns Auskunft hätte geben können – wobei ich mir sicher bin, dass diese roten Schufte uns auch keinerlei Fragen beantworten würden.“
In mir kroch wieder einmal eine mir nur zu gut bekannte Angst um den Apatschen hoch. Seit seinen schweren Verletzungen vor vielen Monaten hatte meine großen Sorgen um ihn nie völlig abschütteln können - ich wachte seitdem sozusagen mit Argusaugen über meinen Freund. Hatte ich hier etwa versagt?

„Wie lange befinden wir uns denn schon hier?“, wollte ich jetzt wissen. Auch hier erntete ich nur ein Schulterzucken von dem Engländer, zusammen mit der knappen Antwort:
„Verzeih, aber auch das kann ich dir leider nicht sagen, Charlie.“
Daraufhin sah ich mich nochmals im Zelt um, schaute dann durch den schmalen Spalt des Eingangsloches nach draußen. Es herrschte tiefste Dunkelheit, und daraus leitete ich dann folgende Erkenntnis ab, die ich vor meinen Gefährten jetzt auch laut äußerte:
„Es war später Abend, als wir uns schlafen legten, und auch jetzt ist es dunkel. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir alle einen vollen Tag lang ohne Bewusstsein hier gelegen haben, denn dann würde es uns mit Sicherheit deutlich schlechter gehen. Wahrscheinlich ist eher, dass nur wenige Stunden seit dem Überfall vergangen sind!“ Sam und Emery nickten zustimmend.
Ich forschte weiter, versuchte dabei meine innere Unruhe, die Sorge um Winnetou zu unterdrücken, die mich jetzt fest im Griff hatte, aber es war unbedingt notwendig, nun ruhig und überlegt vorzugehen, um uns und dann vielleicht auch meinen Blutsbruder retten zu können.
„Könnte es nicht eventuell möglich sein sein, dass der Apatsche sich hat retten können während des Überfalls? Dass er auf seinen Rundgängen während seiner Wache die herannahende Gefahr bemerkte und, da er keine Möglichkeit mehr hatte, uns zu warnen, sich vor der Übermacht versteckte und uns jetzt heimlich gefolgt ist?“
Ich stellte diese Frage voller Hoffnung, dass es so gewesen sein könnte, klammerte mich geradezu daran. Auch Emery hatte diese Möglichkeit wohl schon in Betracht gezogen und hielt sie sogar für ziemlich wahrscheinlich:
„Wir kennen doch unseren Winnetou. Wem, wenn nicht ihm, sollten wir es zutrauen, sich hier anzuschleichen und uns zu befreien?“
Dieser Meinung war ich zwar auch, aber das ungute Gefühl ließ mich trotzdem nicht los. Außerdem, selbst wenn Winnetou wirklich frei sein sollte und schon unsere Rettung vorbereitete, wollte ich deswegen nicht bis dahin tatenlos herumsitzen, sondern ihm entgegen arbeiten.

„Habt ihr schon mal versucht, eure Fesseln irgendwie zu lösen? Könnt ihr euch vielleicht in irgendeiner Weise bewegen?“ fragte ich die Gefährten, fieberhaft nach einer Möglichkeit zu unserer Befreiung suchend.
„Tut mir wiederum leid, altes Greenhorn, aber die Kerls waren nicht so dumm, uns hier ungefesselt liegen zu lassen, wenn ich mich nicht irre, hihihihi!“, ließ sich jetzt wieder Sam Hawkens mit seinem unnachahmlichen Gekichere hören.
Er verlor niemals seinen Humor; in gefährlichen Situationen wie dieser hier verwandelte er ihn höchstens in eine Art Galgenhumor. Emery ergänzte jetzt:
„Wir sind ebenso wie du nicht nur an Händen und Füßen gefesselt, sondern auch an einem Pfahl, und das wohl doppelt und dreifach. Ich kann meine Hände in keinster Weise bewegen, und unser guter Sam hier auch nicht. So wie ich das sehe, haben wir im Moment nicht gerade viele Möglichkeiten....“

Das sah ich zwar auch so, konnte mich aber absolut nicht damit abfinden, zumal ich alles daran setzen wollte, mehr über Winnetous Schicksal zu erfahren. Ich begann nochmals, mit aller Kraft an meinen Fesseln zu zerren, erreichte aber nur, dass mir in kürzester Zeit das Blut über die Handgelenke lief und Sam mir warnend zurief:
„Haltet ein, haltet ein, geliebter Sir! Es bringt niemanden was, wenn Ihr Eure Hände unbrauchbar macht!“
„Ihr habt ja recht, Sam“, entgegnete ich, etwas verärgert über meinen Misserfolg.
„Wir werden dann wohl doch erst einmal unser Hirn anstrengen müssen!“
Sam kicherte wieder leise in sich hinein und meinte dann:
„Sehr richtig, altes Greenhorn! Das hat Euch ja schon ein paarmal aus der Patsche geholfen, wenn ich mich nicht irre!“
„Und nicht nur ihm!“, ergänzte Emery lächelnd.

Nun versanken wir in nachdenkliches Schweigen, jeder hing seinen Gedanken nach. Ich ließ mir nochmals die vergangenen Tage durch den Kopf gehen und bemühte mich, auch die unwichtigsten Ereignisse nochmals in Erinnerung zu rufen. Vielleicht hatte ich ja etwas Wichtiges übersehen?

Winnetou und ich hatten in den letzten Monaten die glücklichste Zeit unseres bisherigen Lebens im Pueblo seiner Mescaleros verbracht. Es war zwar noch nicht lange her, ungefähr fünf, vielleicht sechs Wochen, seit er wieder vollständig von seinen schweren Verletzungen genesen war, so dass wir erst seit kurzem lange und teils mehrtägige Ausflüge unternehmen konnten - aber auch vorher schon hatten wir jeden Tag in seiner ganzen Lebendigkeit von morgens bis abends intensiv ausgekostet.
Als mein Freund noch nicht oder nur für kurze Zeit aufstehen durfte, hatte ich ihm die für ihn teils wirklich quälende Zeit der ungewollten Untätigkeit irgendwie zu versüßen versucht, beispielsweise durch stundenlanges Vorlesen aus Büchern verschiedenster Thematik. Dadurch hatten wir uns in unendlichen Diskussionen über politische oder historische Geschehnisse ergangen, wobei er mich mit seinen weisen und teils erstaunlich vorausschauenden Gedankengängen auch ein übers andere Mal zum intensiven Nachdenken über meine manchmal doch recht starren und festgefahrenen Ansichten brachte.
Oftmals hatten wir aber auch nur einfach nur schweigend beieinander gesessen, vornehmlich draußen auf der Plattform vor seiner Wohnung, wo wir genüsslich das bunte Treiben des Pueblo beobachteten oder einfach nur die grandiose Naturlandschaft drumherum auf uns wirken ließen.

Ich hatte meinen Blutsbruder vollständig für mich, die ganze Zeit über, vierundzwanzig Stunden am Tag, und das über Monate, und es war uns nicht eine Sekunde langweilig geworden, trotz seiner ärztlich verordneten Tatenlosigkeit. Niemals gab es auch nur den Hauch einer Unstimmigkeit zwischen uns, obwohl wir noch nie über solch eine lange Zeit so nahe zusammen gewesen waren. Es war einfach nur pures Glück, und ich dankte jeden Tag unserem Herrgott voller Inbrunst, dass er meinem geliebten Freund ein zweites Leben geschenkt hatte und uns jetzt dieses Glück vergönnt war.
In dieser Zeit hatte ich mich mehr und mehr in das alltägliche Leben der Mescaleros eingefügt und war einfach nur froh, dazuzugehören, zu diesem stolzen, freundlichen und mit der Natur untrennbar verbundenen Volk, und von ihm vollständig akzeptiert zu werden.
In der ersten Zeit hatte ich mich kaum eine Minute von Winnetou getrennt, und nach wenigen Monaten, als er sich wieder im Freien ergehen durfte, hatte ich mit ihm zusammen Gelegenheit, alle mir noch nicht bekannten Sitten und Gebräuche und alltägliche Lebensgewohnheiten seines Volkes kennen und lieben zu lernen, denn während meinen vorherigen Besuchen hatte ich ja nie genug Zeit dazu gefunden. Mehr als einmal wurde mir dabei bewusst, wie viel ich eigentlich versäumt hätte, wenn ich nicht vor Monaten auf meine innere Stimme gehört hätte, die mich drängte, anstatt wie geplant nach Afrika dann doch in den Westen zu reisen, um meinen geliebten Blutsbruder aufzusuchen.

Niemals werde ich die darauffolgenden Wochen vergessen! Niemals vergessen, wie Winnetou mir schwerverletzt auf seinem Iltschi auf Helmers Home entgegen geritten war, wie er dank der Hilfe des zufällig anwesenden Arztes Walter Hendrick tatsächlich doch noch dem Tod hatte trotzen können, wie er sich mit meiner Unterstützung wieder zurück ins Leben gekämpft hatte, nur um dann, gerade wieder einigermaßen genesen, mir mein Leben zu retten, indem er sich in die Flugbahn der Kugel warf, die eigentlich mir gegolten hatte.
Niemals werde ich vergessen, wie er daraufhin zum zweiten Mal in buchstäblich letzter Sekunde von Dr. Hendrick gerettet worden war, und anschließend Monate brauchte, um wieder vollständig gesund zu werden.

In dieser Zeit wurde mir mit erschreckender Deutlichkeit vorgeführt, wie vergänglich das Leben ist. All die Jahre zuvor hatte ich mich immer wieder für Monate, teils sogar Jahre von Winnetou getrennt, um mein anderes Leben in Deutschland oder auf meinen weltweiten Reisen fortzuführen, hatte ihn mit seiner schweren Aufgabe als Häuptling aller Apatschen, mit all seinen Sorgen und Nöten, leichtfertig alleine gelassen und mich einfach bedenkenlos darauf verlassen, ihn zum verabredeten Zeitpunkt gesund und munter wiederzusehen - und das alles, ohne auch nur den Hauch eines Gedankens daran zu verschwenden, in was für einer gefährlichen Zeit, in was für einem gefährlichen Gebiet er lebte und dass er nicht nur für sich, sondern auch für ein ganzes Volk die Verantwortung trug.
Erst als ich zum ersten Mal überhaupt diese fürchterliche Todesangst um ihn ausstehen und tagelang um sein Leben hatte kämpfen müssen, war mir wirklich bewusst geworden, wie sehr er mich brauchte, und vor allem, wie sehr ich ihn brauchte, wie unendlich lieb und teuer er mir war und dass er das Wichtigste und Kostbarste  überhaupt auf dieser Welt für mich bedeutete, das es mit allen Mitteln zu schützen galt.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich den unwiderruflichen Entschluss gefasst, für immer an seiner Seite zu bleiben, um ihm eine feste Stütze zu werden und ihm Halt und Hilfe für seine schwere Aufgabe zu bieten, so wie er es sich schon von Beginn unserer Blutsbrüderschaft an eigentlich von mir gewünscht hatte. Aus Liebe zu mir, aus Rücksicht auf meine Herkunft und meine Lebensweise hatte er mir gegenüber aber nie darüber gesprochen, sondern mich immer ziehen lassen, weil er mich einfach nur glücklich sehen wollte.
Und wie sehr, wie sehr hatte er sich dann darüber gefreut, als ich ihm meine Entscheidung, für immer bei ihm zu bleiben, mitgeteilt hatte! Mir geht heute noch das Herz auf, wenn ich an den erst ungläubigen, dann langsam begreifenden und anschließend vor Freude aufleuchtenden und überglücklichen Gesichtsausdruck Winnetous denke! Und diese Freude, dieses Glück hätte ich ihm und damit auch mir soviel früher bereiten können, wenn ich nur einmal richtig nachgedacht hätte!

Und über das allerhöchste Glück hatte ich erst recht nicht nachgedacht, weil ich es nie für möglich gehalten hätte, dass er oder auch ich überhaupt jemals so empfinden könnten. Unsere innige Zweisamkeit während seiner ersten Genesungsphase hatte dazu geführt, dass wir uns auch körperlich näher gekommen waren, dass sich unsere große Liebe und Zuneigung zueinander jetzt auch in der körperlichen Liebe formvollendete. Erst seitdem fühlte ich mich, als sei ich endlich zu Hause angekommen, als sei mein jahrelanges Herumreisen in der Weltgeschichte nur eine Suche nach dem absoluten Glück gewesen, welches mir jetzt endlich beschieden worden war und diese Suche endgültig beendete. Es hatte sich in einer gewissen Art bewahrheitet, als Intschu tschuna uns damals prophezeite, dass unsere Seelen und unsere Körper Eins werden würden - genauso fühlte es sich nämlich an, wenn ich mit meinem Winnetou zusammen war.

Natürlich hatte ich mir meine Gedanken darüber gemacht, wie wir diese für unsere Mitmenschen unverständliche Form der Liebe im Alltag leben könnten, aber bei den Apatschen stellte sich das als unkomplizierter dar, als ich es jemals für möglich gehalten hätte.
Ich kann gar nicht genau sagen, ob sie etwas ahnten oder sogar mitbekommen hatten, aber wenn, dann nahmen sie es als eine Selbstverständlichkeit hin, die bei meinen Landsleuten ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre. Hier bei den Mescaleros aber wurde dadurch unser Zusammenleben dadurch deutlich vereinfacht, auch wenn wir diese Art der Liebe so geheim wie möglich versuchten zu halten, um niemanden in einen Gewissenskonflikt zu stürzen.

Wir lebten diese Liebe aber um so mehr und um so leidenschaftlicher aus, wenn wir völlig allein für uns waren, und das war meistens auf unseren Jagdausflügen der Fall. Irgendwo fand sich immer ein geschützter Platz oder eine kleine Grotte, in der wir vor Überraschungen völlig sicher waren und dann in ungehemmter Leidenschaft und Begierde übereinander herfielen, bis wir nach gefühlten Ewigkeiten völlig erschöpft eng umschlungen nebeneinander liegen blieben und dieses unendliche Glück mit allen Sinnen genossen.

So war es auch vor zwei Wochen gewesen. Damals konnten wir aber noch nicht wissen, dass wir uns schon wenige Minuten danach in höchster Gefahr befinden würden...
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