Als ein Blatt das Fliegen lernte

KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P6
11.11.2014
11.11.2014
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Herzlich Willkommen.

Nach einer ewigen Schreibpause habe ich mich wieder an die Tastatur gewagt.
Dieser Oneshot ist mein Beitrag zum Projekt "Herbstgeflüster" von -traumtaenzerin-.
Ich wünsche gute Unterhaltung.




Als ein Blatt das Fliegen lernte


Erst zum Ende ihres Lebens lernen Blätter das Fliegen.
- Dr. Hanspeter Rings


Jahrestag


„Die Astern blühen wieder.“
„Ja.“
„Es sind so viele.“
„Wenn du das sagst.“
„Warum sind es nur so viele?“
„Sie sind doch schön.“
„Aber so unglaublich traurig.“


Der Wecker klingelte. Mühsam rollte sie sich auf die andere Seite, um ihn auszuschalten. Sie hätte ihn nicht gebraucht, sie hatte die ganze Nacht wach gelegen. Außerdem hatte sie sich diesen Tag frei genommen. Diesen Tag.
Sie rollte sich wieder auf den Rücken und zog die Decke bis ans Kinn.
„Guten Morgen“, klang es verschlafen von der anderen Seite des Betts. Sie drehte den Kopf und blickte traurig in seine dunklen Augen.
„Wenn es denn ein guter Morgen wäre.“ Für einen Moment schloss sie die Augen, kämpfte gegen die Tränen. Sie wollte nicht schon so früh morgens anfangen. Seufzend schlug sie die Decke zurück und stand auf. Er verharrte noch einige Augenblicke in seine Decke eingewickelt auf der Matratze, dann gab auch er sich dem neuen Tag geschlagen und stand auf.
Im Bad warf sie einen Blick in den Spiegel und wünschte sofort, sie hätte es nicht getan. Sie war blass mit dicken, dunklen  Ringen unter den geröteten Augen. Ihre Lippen waren trocken und rissig und sprangen auf und ihre dunklen Haare standen in alle Richtungen ab.
„Ich sehe aus wie ein Geist.“
„Einen zweiten kann ich hier aber nicht gebrauchen…“

„Mami?“
„Ja, mein Schatz?“
„Bitte sei nicht mehr traurig.“
„Traurig?“
„Ja. Du bist traurig wegen mir.“
„Ach Noah, es tut mir leid.“
„Ist nicht schlimm... Guck mal, ich hab dir ein Bild gemalt!“


Ein Platz am Küchentisch war leer. Ein Platzdeckchen lag dort, doch anstatt eines dritten Gedecks lag dort ein hübscher Blumenstrauß. Astern und Chrysanthemen mit einer blauen Seidenschleife zusammengebunden.
Sie trank Kaffee, er trank Tee, die Blicke beider wanderten durch den Raum, kamen aber immer wieder bei der Tür an, als könne sie jeden Moment aufspringen und ihnen die Erleuchtung preisgeben. Doch der Platz am Tisch blieb leer.
„Meinst du wirklich, er würde das so wollen?“ Er durchbrach die Stille, als ihre Last ihn zu ersticken drohte.
Sie zögerte. Öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ihr Blick wanderte zu diesem unendlich leeren Platz. Zu den unendlich traurigen Blumen. Aus dem Fenster zu den unendlich bunten Blättern, viel zu schön für diesen Tag. Und doch genau richtig. Dann sah sie in seine unendlich liebevollen Augen.
„Nein. Niemals.“

„Papi, versprichst du mir was?“
„Alles, Großer.“
„Pass auf, dass Mami nicht immer nur traurig ist.“
„Noah, du bist wirklich schon größer als ich dachte.“
„Versprichst du es?“
„Ja. Ich verspreche es dir. Indianerehrenwort!“
„Indianerehrenwort.“


Sanft glitten seine Finger über die Linien, die Kinderhände vor einer Ewigkeit, so kam es ihm zumindest vor, auf das Papier gemalt hatten. Die Sonne in der Ecke. Mit langen Strahlen, aber ohne Gesicht.
„Die echte Sonne hat doch auch keins!“ Sie wusste, woran er dachte.
„Unter dem Gras ist Erde. Die gibt es wirklich, darum male ich die auch.“
Die Erinnerung brachte ihn zum Grinsen und auch auf ihre Lippen stahl sich ein Lächeln.
„Es muss eben korrekt sein. Er wäre bestimmt ein großartiger Naturwissenschaftler.“
„Wäre. Ja.“

„Entschuldigen Sie, Schwester.“
„Können sie das bitte noch einmal wiederholen? Ich glaube, wir haben sie falsch verstanden.“
„Es  tut mir wirklich sehr leid. Ihr Sohn hat Leukämie.“


Das Auto holperte über die schmale Straße, die zu den Parkplätzen führte. Die trockenen Blätter knisterten unter den Reifen, als es bremste und zum Stehen kam. Er stieg aus, ging um den Wagen herum und öffnete ihr die Tür. Unschlüssig saß sie auf dem Beifahrersitz. Sie kaute auf ihrer Unterlippe und machte keinerlei Anstalten, den Wagen zu verlassen.
„Meinst du, du schaffst es?“ Endlich löste sie sich aus ihrer Starre.
„Es wird schon gehen. Ich weiß auch nicht, warum es sich so anders anfühlt als sonst.“ Sie stieg aus, er schloss den Wagen ab. In der einen Hand hielt sie den Blumenstrauß, die andere fand wie von selbst seine. Ihre Finger verschränkten sich und gemeinsam betraten sie den Friedhof.

„Mami, Papi, ich muss euch etwas sagen.“
„Nur zu, du kannst uns alles erzählen.“
„Ich weiß, dass ich sterben werde. Und ihr wisst es auch. Aber bitte, seid nicht immer so, als wäre ich schon tot. Ich lebe doch noch, dann könnt ihr doch auch noch lachen, oder?“


Dieser Tag war viel zu bunt, viel zu mild, viel zu schön um eine solche Bedeutung zu tragen. Das junge Paar stand vor dem Grab ihres Kindes.  Es war über und über von Blumen überseht. Noah war keine sieben Jahre alt geworden. Und doch waren seine Eltern dankbar für jeden Tag, den sie mit ihm hatten verbringen dürfen.
Sanft legte er seine Arme um sie. Sie schmiegte sich an ihn, vergrub den Kopf an seiner Schulter.
„Astern und Chrysanthemen. Das waren immer seine Lieblingsblumen.“
„Meinst du, er hätte sie auch so geliebt, wenn er gewusst hätte, wofür sie stehen?“
„Ich glaube schon. Er fand sie einfach schön.“

„Das einzige, was ich wirklich schade finde, ist, dass ich jetzt niemals lernen werde, wie man fliegt.“
„Aber Noah! Du bist doch dann ein richtiger Engel!“
„Und dann kann ich fliegen?“
„Dann kannst du fliegen.“
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