Ein Prinz in Schwarz

von tiffy-
GeschichteDrama / P16
Felix Brummer / Kummer Karl Schumann Max Marschk Steffen Israel / Tidde Till Brummer / Kummer
10.11.2014
29.05.2015
9
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10.11.2014 1.365
 
Einatmen, ausatmen. An der Zigarette ziehen, tiefer einatmen, halten, ausatmen. Runter kommen. Gedanken aussperren.  Die Leute um mich herum einfach aussperren, ihre Stimmen, ihr geschnatter.
Aber anscheinend wird ruhe heute absolut überbewertet, denn ich werde sie auch jetzt nicht bekommen.
Eine Schar junger Mädchen umzingelt mich plötzlich, und ich trete mir innerlich in den Hintern, jetzt keinen Tobsuchtsanfall zu bekommen, denn sie können nichts dafür. Ich unterschreibe brav die Konzerttickets, posiere wild grinsend für die Fotos, und finde sogar ein paar nette Worte.
Dennoch speise ich sie überpünktlich ab, behaupte, ich müsste mein Taxi ins Hotel erwischen, was nur halb gelogen war. Mein Hotel stand nämlich direkt hinter der Halle, in Form eines Nightliners der uns morgen früh in Chemnitz absetzen sollte.
Ich wandte mich mit einem letzten Winken von den Mädchen ab, schaltete wieder den Kopf aus. Einatmen. Ausatmen. Neue Zigarette anzünden. Ziehen, einatmen, ausatmen.
Es herrschte Ruhe im Bus, weswegen ich das direkt ausnutzte. Ich stahl mir einige Sachen aus meinem Koffer, zog mich in Windeseile um, und als ich die anderen hörte, wie sie endlich den Bus betraten, lag ich gerade in meiner Koje, unter der Decke und presste meine Augenlider zusammen.
"Oh Felix?" Dieser elendige Singsang bei jeder Tour ließ mich fast vollkommen aus der Haut fahren.. Till schob vorsichtig die Gardine, die meine Koje vom Rest des Busses abschirmte zur Seite.
Ich hielt meine Augen geschlossen, versuchte, sie nicht zusammen zu kneifen, als er mir unvorsichtig auf die Stirn tippte und drei, zwei, eins…
"Er schläft wirklich." sagte Till etwas enttäuscht.
Ich hörte wie Karl seufzte. "Er war die letzten Tage schon so unruhig und hat kaum geschlafen." bemerkte er leise. "Lass ihm einfach seinen schlaf. Wir können zuhause auch noch auf das Ende der Tour trinken, wir sind doch alle ziemlich geschafft."
Ich spürte Tills Blick noch einige Augenblicke auf mir, dann ein erneutes Tippen auf meine Stirn. Und endlich ließ er mich in Frieden. Es wurde wieder dunkel um mich herum, und binnen weniger Augenblicke war ich doch tatsächlich eingeschlafen.

Schweißgebadet saß ich auf einmal Kerzengerade in meiner Koje und wenn ich ehrlich war, war wusste ich nicht wo ich war. Ich hastete aus dem Bett, verhedderte mich dabei mit meinen Beinen in der Decke und knallte mit meinem linken Arm voran auf den Boden. Etwas knackte bedrohlich und ich konnte nicht anders als vor Schmerz aufzuschreien.
Ich stöhnte, als plötzlich das Licht anging und mir mit voller Kraft in die Augen leuchtete.
"Scheiße, Felix, was soll das?" knurrte Steffen und stellte sich verschlafen neben mich. "Es ist mitten in der Nacht."
Ich rang immer noch nach Atem, es drehte sich immer noch alles vor meinen Augen. Ohne auf ihn zu achten, sprang ich auf die Beine, an Steffen vorbei zu der winzigen Toilette und schloss mich darin ein.
Mein Herz zersprang geradezu in meiner Brust, Adrenalin wurde durch meine Blutbahnen gepumpt und ich versuchte verzweifelt meinen Kopf zur Ruhe zu zwingen.
Dann übergab ich mich.
Es kam nicht viel, hatte ich doch den ganzen Tag nur Kaffee getrunken und Zigaretten geraucht, aber dennoch brauchte ich eine Ewigkeit, bis der Würg reiz nachließ. Keuchend und mit zitternden Händen kämpfte ich mich in eine Aufrechte Position, wobei mein Rücken knackte.
Dann erst nahm ich das hämmern an der Tür wahr.
"Felix mach die scheiß Tür auf." hörte ich Tills Stimme. Er klang besorgt.
"Er ist bestimmt umgekippt." mischte Steffen sich ein, und es herrschte für einen minimalen Augenblick stille.
Dann wieder lautes gepolter.
"Felix, wenn du mich hörst, mach dich bemerkbar, oder ich trete diese Tür ein."
Für den Bruchteil einer Sekunde hob ich meine Hand, ballte sie zur Faust und wollte sie gerade gegen die Tür jagen, damit mein Bruder aufhört, so einen Terz zu machen, aber dann sackte sie in meinen Schoß und ich starrte gegen die weiße Farbe. Erst bewegte ich mich nicht mehr, dann rollte ich mich auf dem viel zu engen Raum in eine Kugel zusammen und legte meine Arme über meine Ohren, damit die Geräusche, die Stimmen, die Gespräche direkt vor der Tür aufhörten.
Ich wusste selbst nicht, was los war, und das brachte mich in genau diesem Moment an den Rand meiner Nerven und ohne es zu bemerken schloss ich meine Augen und spürte Tränen an meinen Wangen.
Ich fühlte mich mies und unkontrolliert und ich wusste auch, das Till die Tür nicht eintreten würde, sondern das sie sie irgendwie anders öffnen würden, denn das hier war immer noch ein für uns gestellter Nightliner, der unfassbare Kosten aufbrachte.
Ein Singsang startete in meinem Kopf, das es mir gut ging. Mir ging es gut. Die Musik lief wunderbar, die Tour war traumhaft und alles in allem war es wirklich schön im Moment. Mir geht es gut. Mir, Felix, geht es gut, sehr gut sogar.
Mir geht es gut, mir geht es gut, mir geht es gut.
Es wurde lauter und ich hatte bald das Gefühl, meine Lunge würde kollabieren als-
Als mir klar wurde, das ich es wirklich sang, nein, viel mehr schrie.
Ich stockte, mein Hals brannte und ich lauschte an der Tür.
Vollkommene Stille.
Fast automatisch setzte mein Körper sich in Bewegung. Ich setzte mich auf, erhob mich dann, lauschte erneut in die Stille hinein, dann öffnete ich mit einem Ruck die Tür.
Till, Karl, Max und Steffen starrten mich an. Ihre Münder waren leicht geöffnet, die Augen aufgerissen. Ich fragte nicht, was los war.
Ohne ein Wort zu sagen, stahl ich mich an ihnen vorbei, polterte die Stufen hinunter, ging nach vorne zum Busfahrer.
Wann wir eine Raucherpause machen würden, fragte ich.
"Kommt sofort." brummte er, schwenkte nach einigen Minuten nach rechts und fuhr auf einen Autohof.
Ich sprang hinaus in den kühlen Regen, kaum dass die Tür sich öffnete.
"Alles klar bei dir?" Till folgte mir, sah mir aber nicht in die Augen. Das tat er nie, wenn er sich unsicher war. Stattdessen reichte er mir eine Zigarette aus seiner Schachtel.
Ich nahm sie, entzündete sie und zog daran. Tief, lange, hielt es in der Lunge, atmete aus. "Ich habe nur schlecht geträumt." sagte ich dann leise.
Er nickte, pustete mir dabei versehentlich rauch ins Gesicht. Unfassbar, aber ich hasste das. Auch als Raucher ist Rauch im Gesicht wirklich unangenehm.
"Du träumst öfter schlecht." bemerkte er dann leise, sah mich verstohlen von unten her an, wandte dann seine Aufmerksamkeit auf den Boden. "Du schläfst sehr unruhig. Ich schlafe ja direkt neben dir im Bus, da fällt einem sowas schon auf."
Ich zuckte die Schultern. "Ich weiß nicht was los ist, Till."
"Aber du würdest zu mir kommen, wenn etwas wäre, oder?"
Ich sah ihn einen Moment lang an. Ich würde nicht zu ihm gehen, das wusste ich. Ich ging nie zu irgendjemanden, wenn ich Probleme hatte. Das war nicht meine Art.
"Natürlich." sagte ich aber dann, lachte leise. "Aber wahrscheinlich bin ich einfach nur erschöpft und brauche etwas Urlaub."
Jetzt sah er mich das erste Mal richtig an, zuckte dann mit den Schultern.
"Weißt du, ich kenne dich lang genug, dass das wahrscheinlich nicht mit einem Urlaub getan ist." murmelte er, trat dann seine Zigarette aus. Er klopfte mir noch einmal auf die Schulter, ehe er in den Bus stieg.
Verblüfft sah ich ihm nach. Ich musste ihm wirklich Angst gemacht haben, denn sonst würde er jede von mir auf dem Silbertablett servierte Lüge schlucken.
Seufzend schnippte ich meine Kippe weg, rieb mir die Augen. Meine Augenlider waren so unendlich schwer, ich hätte auf der Stelle einschlafen können. Dennoch wehrte sich mein Kopf dagegen.
Gedanken rasten durch meinen Schädel, ohne dass ich einen zu fassen bekam und erkennen konnte. Es war, als würde jemand einen Karton mit Tennisbällen auf den Boden schmeißen, und ich konnte mich auf keinen richtig konzentrieren, weil alle so sehr in Bewegung waren.
Ich schüttelte meinen Kopf, versuchte das toben abzuwerfen und meine Gedanken zu klären, aber Nada. Dann stieg ich in den Bus, verkroch mich erneut in meiner Koje und starrte die Decke an.
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