Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Beyond the sunset

von oldi
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Dr. John Watson Inspektor Lestrade Mary Morstan Mycroft Holmes Sherlock Holmes
03.11.2014
06.07.2015
3
7.748
7
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
03.11.2014 2.390
 
Hallo zusammen :)
Erst einmal muss ich danke sagen, dafür, dass so viele von euch auch bei der Fortsetzung wieder mit dabei sind und dass ihr mir so viele tolle Reviews geschrieben habt! Es ist toll, dass euch die Idee zum Sequel bis hierher gefällt :)

In den Reviews wurden einige Fragen aufgeworfen, welche die Art der Beziehung von Holmes und Watson betreffen....deshalb bringe ich in diesem Kapitel ein wenig Licht ins Dunkel. Auch was meine Ankündigung "serious drama incoming" betrifft ;)

Natürlich geht es aber auch mit dem Fall weiter....aber nun lest selbst, bevor ich anfange, euch mit Spoilern gänzlich den Spaß zu verderben.
_______________________________________________________________________
Kapitel 2 – Der seltsame Fall der Lady Myrthle (II)

Der Morgen war bereits nah und die Sonne begann allmählich, sich den Horizont hinauf zu ziehen, als Sherlock Holmes aus seinem Schlaf hochschreckte und senkrecht im Bett saß. Geweckt von ihm viel zu gut bekannten, gequälten Stöhnlauten dauerte es nicht lange, bis sein verschlafenes Gemüt erkannte, dass der Doktor einen heftigen Alptraum zu durchleiden schien. Seufzend erlaubte er sich, sich die Augen zu reiben, bevor er seinen Blick Watson zuwandte, der wenig überraschend nicht still dalag, sondern sich hektisch in den Laken hin und her warf. Bedauernd stellte Holmes fest, dass es seinen Freund wohl wieder einmal in die Vergangenheit der Schützengräben verschlagen hatte. Sachte nahm Holmes Watsons Hand und drückte sie, rückte näher an den Doktor heran und strich ihm beinahe zärtlich durch die Haare. „John“, flüsterte er vorsichtig. „John, wach‘ auf. Es ist nur ein Alptraum.“ Als Watson aber weiter stöhnte und zuckte, rüttelte Holmes ihn schließlich wenig sanft an der Schulter, um ihn aus seinem Traum hinaus zu reißen und war endlich erfolgreich. Keuchend schlug Watson die Augen auf, wirkte für eine Sekunde verwirrt, bis ihm bewusst wurde, wo er war, und er sich merklich entspannte.
„Afghanistan?“, fragte Holmes leise.
Watson nickte. „Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht wecken.“
„Schon gut.“ Holmes lehnte sich zurück in die Kissen und verschränkte die Arme hinter dem Kopf, beobachtete, wie Watson sich seinerseits aufsetzte um sich zu sammeln und der Umklammerung des schaurigen Traumes endlich vollständig zu entkommen.
„Du hast lange nicht mehr vom Krieg geträumt.“
Watson wandte sich zu ihm und zuckte mit den Schultern.
„Es kommt und geht schon immer völlig unberechenbar.“
„Ich weiß.“
Sie tauschten ein Schmunzeln, erinnerten sich daran, wie Holmes auch früher, bevor sie sich über ihre Gefühle zueinander klar geworden waren, des Nachts in Watsons Zimmer gekommen war und ihn schüttelnd aus den Alpräumen geweckt hatte, wenn ihn dessen Geschrei seinerseits aus dem Schlaf geholt hatte.
„Danke, dass du mich geweckt hast.“
Holmes lächelte und stellte keine Fragen. Es war seit Jahren ihre feste Abmachung, dass über den Inhalt Watsons Träume kein Wort fiel, dass Sherlock nicht fragte und John nicht berichtete. Die schmerzliche Vergangenheit war so tief im Doktor vergraben, dass er all das Leid, das er gesehen hatte, nicht in Worte zu fassen vermochte. Und so erwartete er von Holmes nichts, als dass er ihn aus dem Staub hinaus zurück in die Wirklichkeit zog, wenn die Angst ihn einholte. Was sich aber geändert hatte, war die Art und Weise, mit der Holmes seinen Freund weckte, die Wirkung seiner Anwesenheit. Und so beruhigte Watson sich schnell, lehnte sich wieder zurück und drehte sich auf die Seite, beobachtete wie Holmes sich erfolglos schlafend stellte. „Du glaubst nicht wirklich, dass ein Arzt nicht erkennt, ob Schlafatmung echt oder gespielt ist, oder?“
Holmes öffnete ein Auge und starrte ihn an. „Den Versuch war es wert.“
Watson schmunzelte und Holmes konnte nicht umhin, das andere Auge ebenfalls zu öffnen und die blauen Augen Johns im sich hebenden Morgenlicht zu betrachten. Seine verschlafene Benommenheit war es schließlich, die seine weiche Seite in der Dämmerung dominieren ließ und es ihm erlaubte, sich ebenfalls auf die Seite zu drehen und auf seinen Ellenbogen zu stützen. So sahen sie einander eine Weile an, rückten näher zueinander, bis ihre Lippen sich berührten und sich zu zuerst sanften, dann fordernden Küssen vereinigten. Holmes ließ seine Hände in Watsons Nacken und über seinen nackten Brustkorb gleiten, bis dieser sich ruckartig von ihm löste und ihn von sich schob.
„Ich kann das nicht. Das weißt du.“
Holmes wandte den Blick ab und starrte auf die Bettdecke. Sein Kiefer spannte sich und alles in ihm war bereit für einen exzentrischen Wutausbruch. Aber er biss die Zähne zusammen, schluckte Ärger und Enttäuschung hinunter und wandte sich ab, um dem Bann Watsons‘ Anziehung zu entkommen.
Watson legte ihm unsicher eine Hand auf die Schulter.
„Es tut mir leid.“
Holmes schob die Hand fort und zog sich die Bettdecke bis zum Kinn hinauf, um weniger Fläche für Berührungen zu bieten.
„Ich weiß.“

Sie spielten dieses Spiel schon seit Monaten. Holmes begehrte Watson, Watson stieß ihn in seiner rechtschaffenden Angst von sich, sobald es um etwas intimeres als Küsse und Umarmungen ging. Es war ein frustrierendes Spiel für Holmes, das ihn mehr schmerzte, als er zugeben wollte. Der Detektiv war es nicht gewohnt, von Verlangen und Gefühl gelenkt zu sein. Es störte ihn, wie sehr es sein Denken beeinträchtigte, dass Watson ihm diese Art der körperlichen Zuneigung schlicht verweigerte. Hätte Holmes nicht geahnt, dass er zerbrechen würde, wenn er Watson noch einmal verlöre, er hätte ihn möglicherweise wiederholt und endgültig von sich gestoßen, allein um endlich wieder einen unbeeinträchtigten Verstand zu besitzen. Aber Holmes hatte eingesehen, dass alle seine Versuche, ohne den Mann, den er nun einmal liebte, auszukommen, zum Scheitern verurteilt waren und ertrug also stumm die Demütigung, nicht ebenso begehrt zu werden, wie er begehrte. Holmes hielt sich an ihre Abmachung, er bedrängte und verlangte nicht, sondern wartete ab. Wartete darauf, dass Watson sich endlich auf ihn einließ, wie er es versprochen hatte, als sie beschlossen hatten, zusammen ins Fegefeuer zu springen. Holmes musste den Doktor nicht fragen, warum er zögerte. Seine Gründe waren ihm wohl bewusst. Es kam Watson noch immer wie Ehebruch vor, er war unfähig, die Gedanken an die Sündhaftigkeit ihrer Beziehung abzuschütteln, sein innerer Soldat war zerrissen zwischen Furcht und Ekel und obendrein, da war Holmes sich absolut sicher, wusste Watson einfach nicht, was Intimität zwischen zwei Männern bedeuten würde. Holmes selbst hatte zuletzt als junger Mann mit einem Mann das Bett geteilt – damals aus Interesse an der Materie, und weil er heraus finden wollte, ob Sex mit dem gleichen Geschlecht ihm vielleicht mehr bedeuten würde, als Verkehr mit Frauen, was damals nicht der Fall gewesen war – und hatte daher einige Grundkenntnisse, die er durch im Untergrund erstandene Lektüre in den letzten Monaten aufgefrischt und vertieft hatte. Wenn Holmes etwas recherchierte, sich auf etwas vorbereitete, dann gründlich. Und so hatte er Wissen angehäuft und gespeichert für den Fall, dass ihre Beziehung sich eines Tages doch noch einer echten Beziehung nähern und sich von diesem merkwürdigen Konstrukt aus übervorsichtiger Zuneigung wegbewegen würde. Doch obwohl er sich weigerte, das erworbene Wissen wieder aus seinem Verstand zu löschen, obwohl er sein Verlangen nicht unter völlige Kontrolle zu bringen vermochte, verlor er mit jedem Tag, an dem Watson sich ihm verweigerte, an dem er nicht erkaubte, auch nur sachte erkundet zu werden, die Hoffnung. Holmes wusste keinen rechten Rat, hatte keine Idee, wie er Watson die Angst und den Ekel nehmen sollte und fragte sich deshalb allmählich, ob Watson es als Betrug empfinden würde, wenn er das lästige Feuer in sich anderswo löschen würde, verwarf den Gedanken aber gleich wieder, als ihm mit frustrierender Last bewusst wurde, dass er niemanden als den Doktor je so sehr begehrt hatte oder begehren würde.

Watson indessen war, während er bekümmert den Rücken des Detektives betrachtete, den dieser ihm zugewandt hatte, wohl bewusst, dass Holmes unter seiner Zurückweisung litt. Wenn er weniger konservativ erzogen gewesen wäre, hätte er vielleicht gar die Fähigkeit besessen, zu erkennen, wie er selbst darunter litt, sich nicht auf Holmes körperliche Zuneigung einlassen zu können. Als Arzt war ihm längst aufgefallen, dass sein Körper auf Holmes ebenso reagierte, wie er auf Mary reagiert hatte – mit dem Unterschied, dass er sich zu Holmes scheinbar noch intensiver hingezogen fühlte. Dennoch war er zu verängstigt und zu unsicher, um sich fallen zu lassen, um das Offensichtliche zu erkennen: Dass er Holmes eben so sehr wollte, wie er ihn. Er wollte Holmes berühren, abseits einer Umarmung, eines schüchternen Handkontaktes, einem Streichen über dessen Wange. Er wollte die Muskelstränge des Detektives ertasten, wollte über seine Haut streichen, wo die Adern hervortraten, sein Gesicht an dessen Halsgrube vergraben, während seine Hände die delikateren Stellen erkunden wollten. In ihm kämpften Neugierde und Verlangen gegen Furcht und Schuldgefühle und ohne Hilfe würde er nicht in der Lage sein, diesen inneren Kampf zu gewinnen oder gar zu überwinden.

Und so lagen sie denn nebeneinander, zusammen und doch weiterhin getrennt, weil ihre Zeit und Watsons geschlossene Ehe es ihnen so schwer machten, völlig zueinander zu finden. So war Watson nicht in der Lage, sich hinzugeben, während Holmes noch immer nicht aussprechen konnte, was er empfand, weil er es niemals gelernt hatte. So schwiegen sie einander an und taten, als ob sie schliefen, bis die Sonne schließlich hoch genug am Himmel stand, um einen neuen Tag voller unausgesprochener Fragen zu beginnen.

Lord Myrthle war wortkarger, als die Gentlemen es hätten erwarten können und gab nur wenig über seine verschollene Frau preis, die er ohnehin tot zu glauben schien. Nur zögerlich wurden sie überhaupt zu ihm vorgelassen und zu Holmes‘  scheinbarem Ärgernis wich er jeder der Fragen, die der Detektiv ihm stellte, geschickt aus und so hatte Watson das Gefühl, ihr Besuch in dem abgeschiedenen Herrenhaus habe ihnen nichts eingebracht, als einen vergeudeten Nachmittag.

Holmes aber rieb sich die Hände, kaum dass sie in der Kutsche saßen, die sie aus der Peripherie zurück ins Stadtgebiet bringen sollte, und so hob Watson fragend die Brauen. Holmes seufzte, scheinbar ärgerlich, sich erklären zu müssen und schüttelte den Kopf.

„Sagen sie nicht, sie sehen noch immer die einfachsten Dinge nicht.“
Watson, seit dem Morgen bereits ein wenig angekratzt, verschränkte die Arme. „Vielleicht nur, um ihnen die Genugtuung zu gönnen, sich stets so viel klüger als mich erweisen zu können.
Holmes überging die gereizte Bemerkung, zu beschäftigt damit, selbst eine halbwegs passable Laune aufrecht zu erhalten und schnaubte.
„Kürzen wir den Dialog doch ab, indem ich ihnen einfach sage, was sie übersehen haben.“
„Bitte. Erhellen sie meinen Tag.“
„Haben sie nicht bemerkt, dass er bereits keinen Ring mehr trägt und zudem ein zweites Gedeck eilig vom ersten Kammerdiener entfernt wurde, als wir den Raum betraten?“
„Er mag den Ring mit der Frau beerdigt haben, die er fälschlicherweise für seine Ehefrau hielt.“
„Eher unwahrscheinlich, da er weiß, dass es sich dabei nicht um seine Frau handelt und er ein geiziger Kerl ist, der einen wertvollen Gegenstand nicht mit einer Fremden vergraben lassen würde.“
„Woraus schließen sie, dass er weiß, dass Lady Myrthle nicht diejenige ist, die man in der Themse fand?“
„Er war laut Polizeibericht derjenige, der ihre Leiche identifiziert hat. Wie sollte er seine eigene Frau nicht erkennen? Es muss Absicht gewesen sein. Es kam ihm gelegen.“
„Haben sie je eine Wasserleiche gesehen? Sie ähneln ihrer eigenen menschlichen Gestalt kaum noch, wenn sie einmal lange genug im Wasser gelegen haben. Es kann ein Versehen gewesen sein, sie sah der Lady vielleicht ähnlich.“
„Ich halte das für unwahrscheinlich.“
„Wieso?“
„Weil der Lord viel zu gut gelaunt ist für jemanden, der seine Frau verloren hat.“
„Wie verhält sich denn so jemand, Holmes? Sind sie jetzt ein Experte für Gefühle?“
Holmes räusperte sich und verschränkte nun seinerseits die Arme.
„Ihm ist keine Spur der Trauer anzumerken. Er hat das Portrait seiner Frau nicht verhüllen lassen, was bedeutet, dass er seinen Anblick so kurz nach ihrem Tod nicht als schmerzlich empfindet.“
„Oder dass er ein still trauernder Mann ist, der das Andenken an sie zu wahren gedenkt.“
„Und sich dabei gleich neue Gesellschaft ins Haus holt? Zählen sie die Indizien zusammen, Watson, und sie erkennen das Wahrscheinliche!“
„Vielleicht ist eines der Kinder…“
„Das einzige Kind, ein Sohn, starb im letzten Winter bei einem Ausritt. Es muss eine andere Art von Besuch gewesen sein.“
„Sie sprechen von einer Frau?“
„Von einer Geliebten.“
„Also ist Lady Myrthle davongelaufen, aus Kummer und Scham?“
„Nein. Sie ist vielmehr gegangen. Sie wurde aus einer Verbindung entlassen.“
„Ich kann ihnen nicht folgen.“
„Lady Myrthle selbst ist es, die nicht gefunden werden will. Sie hat ihren Tod vorgetäuscht, hat wohl eine Abmachung mit ihrem Mann getroffen, ein neues Leben zu beginnen. Vermutlich mit einem Teil des Vermögens in eine andere Gegend zu ziehen und vorzutäuschen, sie habe das Gedächtnis verloren. Die Einzelheiten kann ich noch nicht gänzlich ausmachen.“
Watson schluckte, verschränkte die Hände, um ihr Beben zu verstecken. Lady Myrthle hatte lügen müssen, um aus einer Verbindung auszubrechen, an deren Scheitern sie keine Schuld zu tragen schien. Sie hatte fliehen und ihr altes Leben hinter sich lassen müssen, wie Mary es hatte tun müssen. Sie hatte ein Opfer gebracht, dessen Wert der Lord nicht einmal zu schätzen wusste. Watson war bedrückt und wütend. Dennoch war er froh, dass der unerfreuliche Fall nun wohl beendet sein musste und er damit die Möglichkeit besaß, sich einige Tage von Holmes zurück zu ziehen. Er war verwirrt und sehnte sich nach Distanz. Und so stellte er mit einem Seufzen eine Spur zu freudig fest: „Sie haben den Fall also gelöst. Legen wir ihn zu den Akten.“
Holmes schüttelte den Kopf und überspielte gekonnt die betrübende Erkenntnis, dass Watson offenbar hoffte, ihre Zusammenarbeit vorerst beenden zu können. „Sie vergessen ein entscheidendes Detail, Watson.“
Der Doktor, inzwischen merklich aufgerieben und genervt, hob verärgert die Brauen.
„Das da wäre?“
„Das jemand anstelle Lady Myrthles sterben musste, damit der Lord etwas zu begraben hatte, um eine neue Ehe mit seiner Geliebten zu ermöglichen, die seinem Ansehen nicht schadet, solange er ein paar Monate vor der neuerlichen Eheschließung verstreichen lässt.“
„Sie wollen sagen, er hat diese Frau – die Ertrunkene – er hat sie töten lassen?“
„Ich vermute es, aber ich bin nicht sicher. Außerdem wissen wir noch immer nicht ob sie jemand und wer sie getötet hat.“
„Gab es eine Obduktion?“
„Nein. Ich habe ihre Leiche vor der Bestattung nur Oberflächlich untersucht.“
„Ihnen fehlt also der nötige medizinische Sachverstand.“
„Und da kommen sie ins Spiel.“
Watson seufzte.
„Stets zu ihren Diensten.“

______________________________________________________________________
Das war also Kapitel 2.
Was sagt ihr?
Könnt ihr die Probleme der beiden verstehen, oder stellen sie sich einfach an?

Bis zum nächsten Kapitel,
oldi
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast