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Beyond the sunset

von oldi
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / MaleSlash
Dr. John Watson Inspektor Lestrade Mary Morstan Mycroft Holmes Sherlock Holmes
03.11.2014
06.07.2015
3
7.748
7
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
10 Reviews
 
 
03.11.2014 3.039
 
SUMMARY:
Holmes und Watson. Sherlock und John. Schwulsein und Victorian Age. Genie, Wahnsinn und Liebe. Kann das funktionieren? Können Holmes und Watson ihre Beziehung wirklich geheimhalten, können sie einander vertrauen? Schaffen sie es, die Eigenheiten des anderen zu akzeptieren und sich zu öffnen? Bleiben sie unentdeckt? Können sie noch immer jeden Fall lösen? Und wird Mary in Amerika noch einmal das Glück finden, das ihr so oft entrissen wurde?
Diese Story ist eine Fortsetzung von "Verlieren und Gewinnen" und soll diese vielen Fragen beantworten :)

DISCLAIMER: Die Geschichten um den Detektiv Sherlock Holmes gehören nicht mir, sondern Sir A.C. Doyle und seinen Erben.
Die Filme "Sherlock Holmes" und "Sherlock Holmes: Spiel im Schatten" gehören Guy Ritchie, Michele und Kieran Mulroney, Michael Robert Johnson, Anthony Peckham, Simon Kinberg,Lionel Wigram und Warner.
Ich habe mir die Figuren und Teile der Handlung für diese Geschichte, mit der ich kein Geld verdiene, nur geliehen. No Copyright infrigement intended! Diese Story, sowie deren Vorgänger Verlieren und gewinnen gehören mir.

WARNINGS: Slash (könnte expliziter werden als beim letzten mal, weiß ich aber noch nicht --> Gibt dann extra warning vor möglichem expliziten Kapitel),  Drama, Pathos, Kitsch, dialoglastig, düster, Wurmsätze, kruder Humor.

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AN:
Hallo zusammen,

Ich bin zurück. Diese Fortsetzung soll erzählen, was am Ende aller Filme verschwiegen wird: Was kommt nach dem Happy End? Es ist hilfreich, den Vorgänger gelesen zu haben, aber nicht unabdingbar. Falls man aber vorhat "Verlieren & Gewinnen" noch zu lesen, wird man hier schwer gespoilert ;D

Diese Story soll ein wenig humorvoller werden, aber seid gewarnt: Serious drama incoming. Ist ja von mir nicht anders zu erwarten...*hust*.

Ich wünsche euch wie immer viel Spaß und freue mich über jede Art konstruktiven Feedbacks :)

oldi
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Kapitel 1 - Der seltsame Fall der Lady Myrthle (I)

Jeffrey Hill blickte nervös auf seine Hände, während er sprach. Sie waren dreckig und voller Schwielen. Zwischen seinen Fingern knetete er seine schmutzigbraune Schirmmüt-ze, auf der Schweiß und Ruß sich zu einer dicken Schicht vereinten, die ihre ursprüngli-che Farbe unkenntlich machte. Gerne hätte Hill weiter so vor sich hingestarrt, spürte er doch die skeptischen Blicke seiner Gegenüber, denen er nicht in die Augen zu sehen wagte. Ein Räuspern veranlasste ihn dann aber doch, wenigstens den Kopf zu heben.     

„Sie wollen sagen, sie haben den Geist von Lady Myrthle gesehen? In Whitechapel?“
„‘s muss sie gewesen sein. Sie war so grau un‘ irgendwie durchsichtig.“     
„Hatten sie am betreffenden Abend getrunken, Hill?“
Jeffrey schüttelte den Kopf und bemerkte, wie einer der beiden Männer den anderen, der die Frage gestellt hatte, missbilligend anschaute und sich dann wieder ihm zuwandte. „Sind sie sicher, dass sie keiner optischen Täuschung aufgesessen sind?“
„Ich bin vielleicht nich‘ der hellste, Sir, aber ich bin auch nich‘ verrückt. Ich hab’s mir nich‘ eingebildet!“
„Doch, das haben sie.“ Der kleinere der beiden Männer zog an seiner Pfeife und sah Jeffrey forschend in die Augen.
„Sie sind Alkoholiker, Hill. Es ist nicht das erste Mal, dass sie solche Dinge sehen, habe ich recht?“
„Ich…“ Der Fabrikarbeiter blickte zu Boden.
„Danke, Mr. Hill. Sie können jetzt gehen.“
Der kleinere Mann erhob sich, öffnete die Tür des Appartements und wies ihm den Weg hinaus. Mit hängenden Schultern verließ Jeffrey Hill die Wohnung, ohne weiter zu protestieren.

„Interessant.“ Mit einem zufriedenen Grinsen warf Holmes die Tür hinter Hill zu und ließ sich wieder auf seinem Sessel nieder, um seine Pfeife zu Ende zu rauchen und die erhalte-nen Informationen in seinem Kopf zu sortieren. Watson stand derweil neben dem Kamin und warf ihm stirnrunzelnd einen missbilligenden Blick zu. „Was haben sie wieder zu kritisieren, Watson?“, fragte Holmes, ohne ihm den Blick zu-zuwenden und blies eine Rauchschwade in den Salon.
Watson verschränkte die Arme. „Sie hätten nicht so harsch zu dem armen Kerl sein müssen. Was, wenn er wirklich etwas gesehen hat?“
„Oh, das hat er.“
„Aber sie haben ihn doch gerade glauben lassen, er habe es sich eingebildet.“
„Das hat er auch.“
Watson runzelte die Stirn.
„Holmes, sie reden wirr. Wie kann er etwas gesehen und es sich doch eingebildet haben?“
„Für so etwas hat der Mensch das Wort Illusion erfunden. Es ist ihnen doch geläufig, oder, Doktor?“ Holmes warf ihm ein schelmisches überlegenes Schmunzeln zu und beobachtete amüsiert, wie Watson sich schnaubend abwandte und am Schreibtisch niederließ um ziellos einige Unterlagen hin und her zu schieben. Er sah noch eine Weile zu, wie Watson daran scheiterte, beschäftigt zu wirken, löschte das Feuer seiner Pfeife und trat hinter den Doktor.

„Wollen sie es wissen?“ Watson rückte mit seinem Stuhl ein wenig von ihm weg und zuckte die Schultern. „Was denn?“ Holmes folgte Watson, der sich erhob um ans Fenster zu treten. „Warum ich glaube, dass wir einen Fall haben.“
Watson starrte ihn fragend an und verschränkte neuerlich die Arme.
„Jetzt bin ich neugierig.“
„Dachte ich es mir doch.“ Holmes grinste.
„Sie sind mir eine Erklärung schuldig, wieso sie Hill trotzdem fortgeschickt haben.“
„Alles zu seiner Zeit. Setzen wir uns doch.“

Lady Myrthle war vor mehr als sechs Monaten spurlos verschwunden und für Tod erklärt worden, als man ihre Leiche vor etwa sieben Wochen aus der Themse gefischt hatte. Jedenfalls glaubte jedermann, es handle sich bei dem aufgedunsenen leblosen Körper um den, in dem einmal Myrthles Seele gehaust hatte. Jedermann, außer Sherlock Holmes. Er hatte die Untersuchungen des Yards verfolgt und sich Zugang zur Toten verschafft um zu dem Schluss zu kommen, dass es sich dabei um eine einfache ertrunkene Dirne handelte und nicht um eine Lady. Das Yard aber hatte seine Einwände nicht anhören wollen und den Fall für abgeschlossen erklärt. Lange hatte Holmes keine Fährte zur echten Lady Mythle aufnehmen können, bis der ahnungslose Hill durch seine Tür gestolpert war, um ihm den öden Tag zu retten.

Watson lauschte Holmes Schilderungen über die fälschlich als Lady Mythle begrabene Dirne und fragte sich zum wiederholten Male, wie Holmes all diese detaillierten Informationen in seinem Hirn archivierte, während er an anderen Fällen arbeitete. Während Watson die letzten zwei Wochen in der Praxis verbracht hatte – eine frühherbstliche Erkältungswelle hatte ihn von der Bakerstreet fern gehalten – war Holmes mit dem erfolg-reichen Lösen zweier kleinerer Fälle beschäftigt gewesen, hatte einen Mord und einen Kunstdiebstahl aufgeklärt und so wie es nun schien ganz nebenbei auch noch über dem mysteriösen Verschwinden Lady Myrthles gebrütet. Manchmal zweifelte Watson daran, dass Holmes jemals schlief, wenn er nicht zugegen war.

„Schön. Wir haben also einen Fall. Sie glauben, Hill hat nicht Lady Myrthles Geist, sondern die leibhaftige lebende Lady gesehen, richtig?“
„Gut geschlussfolgert, Watson.“
Watson rollte die Augen über Holmes selbstgefälliges Grinsen.
„Warum haben sie Hill dann so schnell gehen lassen? Vielleicht hätte er uns mehr Informationen liefern können.“
„Das hat er bereits. Er hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass die verschwundene Lady dort aufhält, wo man sie am wenigsten vermuten würde: Im Armenviertel.“
„Halten sie das für wahrscheinlich? Warum sollte eine Lady ausgerechnet dort untertau-chen und wovor muss sie dann geflüchtete sein?“
Holmes lächelte und blickte aus dem gräulichen Fenster hinaus auf die belebte Straße.
„Es ist an uns, mein lieber Watson, das herauszufinden.“


Whitechapel war ein Moloch aus Dreck, Gewalt, Krankheit, Armut und Sex. Am hellich-ten Tag rekelten die Dirnen sich in den engen Seitengassen an den Laternen und boten ihren verseuchten Körper für wenige Pennys dar. Unrat lag in den Straßen ebenso wie Abfälle. Die Brunnen stanken wie alte Latrinen und an jeder Ecke spielten Kinder unbeaufsichtigt im Dreck, während aus den Häusern die Schreie unglücklich verheirateter Frauen hallten, die es gewagt hatten, ihrem betrunkenen Mann zu widersprechen. Mit gebührendem Abstand zu all jenen Gassen, in denen jedermann die Fäulniss schwarzer Zähne entgegen grinste und Spucke ins Gesicht spritzte, wo die Dirnen auf Ablehnung stießen, erkundeten Holmes und Watson den Stadtteil, den sie beide seit einiger Zeit nicht mehr gesehen hatte. Watson war zuletzt im letzten Winter bei einem seiner irrlichternden Spaziergänge kurz in das Viertel gestolpert, Holmes hatte es zuletzt aufgesucht, um sich Opium zu besorgen, und seinen Verstand erfolglos mithilfe erkauften Verkehrs zu sortieren. Für beide war Whitechapel ein Ort schmerzhafter Erinnerung, der Unbehagen nicht nur wegen seiner Düsternis verbreitete. Obwohl die seltsamen Morde des Rippers schon vor langer Zeit aufgehört hatten, und die Polizei einen Schuldigen präsentiert hatte, gingen nicht nur diverse Krankheiten, sondern auch die Angst im Viertel um. In Whitechapel war Gewalt allgegenwärtig. Nur weil ein irrer Mörder scheinbar gefasst war, gab es keinen Grund, sich in Sicherheit zu wiegen. Die armen Bewohner dieser Gegend, denen es nicht nur Geld, sondern auch an Bildung und Hoffnung mangelte, begegneten Bürgern aus höheren Schichten nicht nur mit Misstrauen und Ablehnung, sondern mit blanker Verachtung. Es war selbst für Holmes schwer gewesen, jemanden aus seinem Netzwerk dazu zu bringen, sie zu empfangen und sie hatten ein ganzes Pfund versprechen müssen, um von ihm Informationen versprochen zu bekommen.

Als sie schließlich vor dem erbärmlichen Bretterverschlag zum Stehen kamen, in dem Holmes Informant laut Mitteilung hauste, hielt Watson den Detektiv zurück, geradewegs hinein zu spazieren.
„Dieses Mal Holmes, keine Spielchen. Wenn sie jemanden mit einer Waffe vermuten, will ich es wissen. Jetzt.“
Holmes schnaubte.
„Der alte Dawson kann sich eine Pistole nicht erlauben, Doktor. Seine einzige Waffe ist das ständige Husten. Also passen sie auf, dass er ihnen nicht die Krätze beschert.“
„Es wäre schön, wenn sie mich ein einziges Mal ernst nehmen könnten.“
Holmes begegnete seinem Blick und seufzte. Er hasste es, die Gabe verloren zu haben, Watsons Einwände einfach zu ignorieren. Manchmal war es lästig, ihn gern zu haben.
„Vertrauen sie mir. Dawson ist nicht feindlich gestimmt. Wir bezahlen ihn gut.“
Watson zögerte, nickte dann aber. „Gnade ihnen Gott, wenn sie sich irren.“
Holmes schmunzelte und klopfte dann an die wackelige Holztür.

Es dauerte Minuten, bis jemand mit schweren Schritten zur Tür gehinkt kam und sie mit einem lauten Quietschen öffnete. Dawson entpuppte sich für Watson als uralter Mann mit Kapitänsmütze und lahmen Bein, der sie mit einem unwirschen Kopfnicken wortlos hinein bat. Seine Behausung war winzig und klapprig, aber überraschend sauber und so lehnten die beiden Besucher den ihnen angebotenen Tee nicht ab, als Dawson ihnen kommentarlos zwei Tassen vor die Nasen stellte und sie bat, sich zu setzen. „Was gibt’s also?“, brummte der alte Mann, nachdem die Gentlemen höflich an ihrem Tee genippt hatten.
„Was wissen sie über Lady Myrthle, Dawson?“
„Den Geist, oder die echte?“
Watson hob die Brauen. „Es hat sich schon herum gesprochen?“
„Die Geschichten von Jeffrey dem Säufer sprechen sich immer schnell rum. Ganz Whitechapel weiß, dass er sie rumschweben gesehen haben will, der arme Spinner.“
Holmes warf Watson einen zufriedenen Blick zu, der „Ich hatte also Recht“ sagen wollte und wandte sich dann an Dawson. „Haben sie die lebendige Lady Myrthle je in der Gegend gesehen, oder Gerüchte darüber gehört, dass jemand sie angetroffen hat?“
„‘ne echte Lady? In Whitechapel? Ne.“
„Und über den Geist?“
„Nur das, was Jeffrey verzapft. Dass er sie in der Fleet Street hat rumgeistern sehen.“
„Gab es sonst ungewöhnliche Vorkommnisse?“
Dawson hob die Brauen, wie um zu sagen „ungewöhnlicher als sonst?“ und schien dann nachzudenken. „Ja, doch. Da gab’s was. Im Borroughs Inn soll neulich eine abgestiegen sein, die sich beim Wirt über die Bettwanzen beschwert hat und auch sonst ziemlich etepetete gewesen sein muss.“
Holmes Miene hellte sich merklich auf und er rieb unbewusst die Hände, was Watson mit einem dezenten Augenrollen kommentierte. „Wo finden wir das Borroughs Inn?“
„Bigland Street. Ist aber geschlossen. Da hat’s letzte Woche gebrannt.“
Holmes langte in seine Manteltasche und holte mehrere Münzen hervor.
Mit einem Nicken legte er sie auf den Tisch, tippte sich an den Hut und erhob sich.
„Danke, Dawson für ihre Gastfreundschaft.“
Der alte Seemann begleitete sie nicht zur Tür und verabschiedete sich nur mit einem Brummen.

Ins Borroughs Inn einzubrechen war nicht schwer. Niemand scherte sich darum, dass Watson die Tür der Brandruine eintrat, um Holmes daran zu hindern unnötig mit seinem Dietrich herum zu fuhrwerken. Leider barg das verrußte Gebäude aber kaum Hinweise auf den Verbleib einer verschwundenen Dame. Fast eine Stunde wanderten sie durch das instabile Gebäude, welches dank des Feuers teilweise bereits eingestürzt war und entdeck-ten nichts als Asche und Staub, der so schwer in der Luft hing, dass er in ihre Lungen flutete und ihnen keuchende Huster bescherte.

„Holmes, wir sollten hier verschwinden. Die Holzbalken werden das Gebäude nicht mehr lange halten und ich bin wenig erpicht darauf, die Lunge eines Bergarbeiters zu bekom-men.“ Aber Holmes hob die Hand und suchte den Boden ab wie ein Spürhund, der auf eine Fährte gestoßen war. Also fand Watson sich damit ab, dass sie sterben würden, wenn die Infrastruktur des maroden Gebäudes nachgab und lauschte auf ein mögliches Knarzen, dass den Zusammenbruch des Baus ankündigen könnte.

„Hah!“
Watson schrak zusammen, als er Holmes Triumphschrei vernahm und eilte zu ihm, der am Fuß der Treppenreste kniete, die einmal in die erste Etage geführt hatten. „Was ist?“
Holmes wedelte wortlos mit einem verschmutzten Taschentuch vor seiner Nase herum.
„Es ist ein verdrecktes Taschentuch. Ich gratuliere ihnen zu diesem bahnbrechenden Fund.“ Holmes schüttelte den Kopf und wischte mit schmutzigen Fingern über etwas, das aussah wie eine Stickerei. Sein Reiben legte schließlich vier Buchstaben frei, die einmal rosa gewesen sein mussten. „L.G.A.M.“, murmelte Watson. „Wie in…“
„Lady Geraldine Amelia Myrthle. Sie war hier.“
„Das heißt, sie war wirklich in Whitechapel. Was hat sie hier gemacht?“
„Die eigentliche Frage, Watson, ist doch, wo ist sie jetzt?“

Da der Tag sich dem Ende neigte, besuchten die beiden Männer erfolglos das Yard. Lestrade war bereits nachhause gegangen. Nur mit Mühe konnte Watson den euphorischen Holmes davon abhalten, den Inspektor Zuhause aufzusuchen oder in Lord Myrthles Dinner hinein zu platzen, um ihm ungebührliche Fragen über seine Ehe mit Lady Myrthle zu stellen. Die weiteren Ermittlungen wurden auf den nächsten Tag verschoben und so entstiegen sie vor der Bakerstreet einer Droschke und blieben zögernd vor den Stufen der Bakerstreet stehen.

„Also dann. Gute Nacht, Watson.“
Watson schmunzelte über die ausgestreckte Hand des Detektives und blickte in den wol-kenlosen Himmel. „Es sieht nach Regen aus, finden sie nicht? Ich sollte auf eine Partie Schach hinauf kommen.“
Holmes ließ seine förmlich ausgestreckte Hand sinken, unterdrückte mühsam ein Lächeln und nickte steif. „Sie haben völlig Recht. Das sieht nach ganz furchtbarem Wetter aus. Es wäre besser, wenn sie erst morgen den Heimweg anträten.“
Watson blickte schmunzelnd zu Boden, als Holmes ihm schließlich die Haustür aufhielt.

„Gib‘ mir den Brandy.“
„Ausgeschlossen.“
„Wieso nicht?“
„Du hast genug.“
„Habe ich nicht. Siehst du? Ich kann auf einem Bein stehen!“
Entschlossen erhob sich Watson und versuchte erfolglos, auf einem Bein zu stehen, um dann zurück in seinen Sessel zu fallen und zu lachen.
Holmes rollte mit den Augen.
„Kein Brandy mehr. Wenn du wieder lauthals anfängst zu singen, weckst du Mrs. Hudson. Ich will ihr nicht erklären müssen, was der betrunkene Doktor Watson mitten in der Nacht in seiner alten Wohnung zu suchen hat.“
Watson wirkte mit einem Mal völlig klar und nickte. „Du hast Recht.“
Holmes nickte zufrieden und wandte sich wieder dem Schachbrett zu, um seinen letzten Zug zu vollenden. „Schach matt.“
Watson warf sich in die Kissen des Sessels und schnaubte.
„Es ist allein deine Schuld, dass ich trinke. Es beleidigt den Spieler in mir, ständig gegen dich zu verlieren.“
Holmes hob die Brauen. „Warum gibst du es nicht einfach auf, mich belügen zu wollen?“
„Wie bitte?“
„Oh, John. Du bist furchtbar leicht zu durchschauen. Das letzte Mal warst du betrunken, als Marys Freundin Anna vor deiner Tür stand und behauptete, du hättest Mary getötet und im Wald verscharrt.“
Watson starrte missmutig aufs Schachbrett. „Ich will nicht darüber reden.“
„Du bist mitten in der Nacht hier aufgetaucht und hast meinen gesamten Vorrat ausgetrunken. Du warst völlig verwirrt und wolltest dich unbedingt betrinken.“
„Und? Was hat das mit dem heutigen Abend zu tun?“
„Du betrinkst dich nicht, wenn es keinen Anlass dafür gibt.“
„Ist es nicht Anlass genug, dass ich das erste Mal seit einer Ewigkeit hier bin?“
„Ich weiß, dass es wegen Whitechapel ist, John.“
„Was? Du überschätzt meine Sensibilität, wenn du glaubst, das bisschen Elend werfe mich aus der Bahn! Ich habe weit schlimmeres gesehen.“
„Das meine ich nicht.“
„Was, großer Sherlock Holmes, meinst du also dann?“
„Du weißt, dass ich alles über dich weiß, richtig?“
„Ich korrigiere: Zu wissen glaubst.“
Holmes schmunzelte kurz über das alte Wortspiel und fuhr dann fort.
„Ich weiß nicht, warum genau Whitechapel eine schmerzliche Erinnerung für dich ist, John, und vielleicht soll ich es nicht wissen. Aber ich sehe, dass es eine ist.“
Watson wich seinem Blick aus und wirkte verletzt.
„Was schert es dich, Sherlock? Du würdest es nicht verstehen.“
Holmes sah zu Boden. Getroffen. „Sicher. Das übersteigt vermutlich wieder einmal meinen bescheidenen Horizont. Gute Nacht, John.“

Watson sah zu, wie der Detektiv sich erhob, zögerte, und fasste sich dann ein Herz.
„Warte.“
Der Detektiv erstarrte in seiner Bewegung und wandte sich zu ihm um, musterte ihn mit fragendem Blick.
„Du hast Recht. Es ist wegen Whitechapel. Es hat mit letztem Winter zu tun.“
Holmes nickte.
„Wo bleibt dein triumphales ‚Hab ich es mir doch gedacht‘?“
„Du erinnerst dich? Ich arbeite an meinem Taktgefühl, dessen Mangel du stetig beklagst?“
Watson nickte.
„Gehen wir schlafen?“
Watson nahm die dargebotene Hand und erhob sich.

Als Watson längst eingeschlafen war, den Kopf auf Holmes Brust und den Arm um seine Hüfte geschlungen, lag der Detektiv wach und wunderte sich, dass seine Nachtgedanken nicht dem Fall galten. Stattdessen suchte ihn die Erinnerung an die Prostituierte heim, die ihm damals keinerlei Linderung verschaffen konnte. Bitter dachte er zurück an die Dunkelheit, die ihn vor beinahe einem Jahr eingehüllt hatte. Noch heute wünschte er sich manches Mal eine Möglichkeit, sein Verlangen unterdrücken zu können. Er wünschte sich, Watson nicht ständig berühren zu wollen. Er hoffte, dass er irgendwann einmal sein inneres Feuer löschen konnte. Wenn Watson so weit war, sich diesem Feuer zu nähern, vor dem er noch immer zurück schreckte. Holmes sah an sich hinunter, beobachtete den friedlich schlafenden Doktor und lächelte sachte. Für den Moment war es gut, wie es war.

Bevor er schließlich einschlief, galten seine Gedanken wieder der Arbeit und Lady Myrthle, die er, da war er sich sicher, finden würde. Lebend.

TBC

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Na, was sagt ihr?
Wollt ihr überhaupt ein Sequel? ^^
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