In den Fängen der Nacht

von - Leela -
GeschichteAngst, Horror / P12
Jake Kong sr.
01.11.2014
01.11.2014
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Dieser Beitrag gehört zum Wettbewerb »Herbstgeflüster« von -traumtaenzerin-.

Hinweis: Geschrieben nach klassischer Rechtschreibung.

Have Fun!


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In den Fängen der Nacht

Aufgeregt liefen die Kinder über den Rasen auf die alte Eiche zu. Seit sie am Morgen mit der Hilfe ihrer Eltern das Baumhaus fertiggestellt hatten, waren sie nicht mehr zu bändigen, und hätten am liebsten jede freie Minute in ihrem neuen Domizil verbracht.
      Jakes Vater hatte die letzten Tage intensiv damit zugebracht, das Holz zu besorgen, zurechtzusägen und sorgfältig zu Wänden, Boden und Dach zu verarbeiten; und dabei hatte er ein erstaunliches Geschick bewiesen, dafür daß er es nicht einmal richtig erlernt hatte. Aber gerade für die Kinder hatte er sich ganz besonders viel Mühe gegeben. Sogar eine kleine Terrasse mit einem Geländer hatte er gebaut. Tashas Mutter hatte in der Zwischenzeit Vorhänge für die Fenster genäht, alte Matratzen herausgesucht, welche die Kinder sich als Schlafplätze herrichten konnten und einen Teppich, sowie einen kleinen Tisch als erste Einrichtungsgegenstände zur Verfügung gestellt. Es war noch nicht viel, gerade mal die Grundausstattung, doch die Kinder liebten es jetzt schon. Kaum daß das Haus fertig war, hatten Jake und Tasha ihr Bettzeug zusammengepackt und die Schlafstätten in ihrem neuen Heim hergerichtet. Seit Stunden waren sie schon nicht mehr zu sehen gewesen, bis Arlene zum Abendessen rief.
      Die Abendbrotzeit wurde heute für die beiden zur Tortur. Viel lieber hätten sie die Zeit oben in ihrem eigenen kleinen Haus verbracht. Doch die Eltern hatten sich nicht darauf eingelassen, das Abendessen ins Baumhaus zu verlegen, und so fügten sie sich für einen Augenblick ungeduldig in das Unvermeidliche. Zumindest aber hatten sie die Erlaubnis bekommen, diese Nacht im Baumhaus zu übernachten. Allein diese Aussicht beflügelte die Kinder, und es gab, zum Leidwesen von Tashas Vater, kaum ein anderes Gesprächsthema am Essenstisch, als das Baumhaus. Selten hatten die Erwachsenen die Kinder so euphorisch erlebt.
      Als das Essen endlich vorbei war, ließen sich Tasha und Jake nicht mehr halten und stürmten in den herbstlichen Abend hinaus. Das Licht des Tages versank bereits golden in der Ferne und ließ die bunten Blätter der Eiche im letzten Schein erstrahlen, als die Kinder den alten Baum erreichten. Tasha enterte knapp vor Jake die Leiter, die zu dem kleinen Häuschen hinaufführte. Immerhin war es ihr Haus, es stand in ihrem Garten, und somit ließ sie sich das Recht nicht nehmen, als erstes in den kleinen Wohnraum zu schlüpfen. Ihr Cousin folgte ihr auf dem Fuße und kletterte nur einen Augenblick später in ihr eigenes kleines Reich. Aufgedreht ließen sie sich auf die beiden Lager fallen, die sie bereits - und wesentlich ordentlicher, als es in ihren Zimmern üblich war - mit ihrem Bettzeug hergerichtet hatten.
      Eine ganz eigene, zauberhafte Atmosphäre stellte sich hier in diesem speziellen, einzigartigen Haus ein, die etwas Besonderes verhieß: Ein Flair, das Abenteuer, ein Gefühl von Unabhängigkeit, aber auch eine besondere Art von Gemütlichkeit vermittelte, und dem Gefühl, zuhause zu sein; in ihrem eigenen Zuhause, das sie mit niemandem teilen mußten. Auf dem Tisch lagen die Taschenlampe, ein paar Comics und ein Kartenspiel. Die zwei Fenster, die in den gegenüberliegenden Wänden eingebaut waren, ließen langsam die Nacht herein. Durch eines der Fenster konnte man den Mond sehen. Eine besinnliche Ruhe umfing die Kinder, die hier nun völlig auf sich allein gestellt waren.
      „Eigentlich könnte ich gleich hier einziehen!” behauptete Tasha.
      „Hättest du gar keine Angst, so alleine hier oben?” fragte Jake, mit einem leicht herausfordernden Tonfall.
      Das Mädchen mit den kurzen blonden Haaren schüttelte den Kopf. „Blödsinn! Wovor sollte ich denn hier Angst haben?” Sie musterte ihren zweieinhalb Jahre älteren Cousin gedankenvoll. „Hast du denn Angst hier alleine?“
      Allein die leichte Provokation in ihrer Stimme ärgerte den Jungen. „Nein!“ stellte er kategorisch klar.
      „Was soll dann die blöde Frage?“ Das schlanke Mädchen schüttelte ihr Kissen auf, um es sich auf ihrem Bett gemütlich zu machen.
      „Ich dachte ja nur…“ begann Jake, merkte aber selbst, daß es müßig war. Er kannte seine Cousine! Sie war ein abenteuerlustiges Energiebündel, und wäre gut und gerne als Junge durchgegangen mit ihrer Art, ihrem Temperament und auch ihren Interessen. Immerhin war das eine der Sachen, warum er sie so mochte. Mit ihr konnte man wenigstens etwas anfangen! Nicht so wie mit den anderen Mädchen, die sich nur für Kleider, Frisuren und solchen Kram interessierten.
      Tasha hatte er noch nie in einem Kleid gesehen. Dafür liebte sie ihre Jeans, die in der Regel irgendwo zerrissen waren, und ihre Mutter zur Verzweiflung brachten. Nein, auf Tasha mußte er nicht aufpassen! Wenn sie sagte, sie hatte keine Angst, dann hatte sie keine Angst! – Warum nur spürte er gerade das Gefühl in sich, er hätte wirklich gerne auf sie aufgepaßt, fast so, als wäre sie seine kleine Schwester…?
      Der Junge nahm seinen Plüschhasen, der bis dahin auf seinem Kopfkissen gebettet gelegen hatte und kuschelte sich ebenfalls in die Decken. „Wollen wir die Vorhänge zumachen?“ fragte er.
      Tasha sah gedankenverloren in das Zwielicht des Raumes, das hauptsächlich aus einem silbrigen Lichtschein, inmitten von skurrilen Schatten bestand. „Dann können wir den Mond gar nicht mehr sehen.“ stellte sie fest.
      „Stimmt!“ In der Stimme des blonden Jungen lag schon wieder eine leichte Herausforderung. „Dann wäre es viel dunkler hier drinnen! Aber du brauchst dir keine Sorgen zu machen, ich beschütze dich!“
      Kommentarlos stand das Mädchen auf und schloß die Vorhänge.
      Jake grinste, ohne daß sie es in der plötzlichen Dunkelheit des Zimmers mitbekam. Er hatte gewußt, daß sie das nicht auf sich sitzen lassen würde. „Aha! Du hast also vorsichtshalber erst meine Bestätigung abgewartet!“ frotzelte er.
      Tasha spannte sich an, hielt sich aber bemerkenswert unter Kontrolle, als sie sich wieder hinlegte. Sie wollte sich nicht provozieren lassen, denn sie wußte, daß das die Sache nur schlimmer machen würde. Statt dessen ließ sie sich bewußt nicht aus der Ruhe bringen, als sie erwiderte: „Laß es mich so sagen: Sollte der Werwolf hier auftauchen, den wir uns dank der geschlossenen Vorhänge nun glücklicherweise nicht ansehen müssen, werde ich deine Worte unter Beweis stellen und für dein Image hoffen, daß du dann nicht auf meine Hilfe angewiesen bist!“ Damit war für sie das Thema beendet, und sie drehte sich demonstrativ auf die andere Seite.
      Jake sah sie in der schemenhaften Dunkelheit perplex an. Er hatte sich darauf eingestellt, sie auf hundertachzig zu bringen; mit dieser souveränen Antwort hatte er aber nicht gerechnet. Er konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Gute Nacht, Tasha.“
      „Gute Nacht, Jake!“
      Das waren die letzten Worte, bevor die beiden Kinder in ihre Traumwelten überwechselten.

Mitten in der Nacht wachte Jake auf, als er leise Geräusche vernahm. Er drehte sich um und machte Bewegungen auf der anderen Seite des Raumes aus. Tasha war aufgestanden, hatte sich notdürftig ihre Sachen über den Schlafanzug angezogen und mit der Taschenlampe bewaffnet. Sie versuchte, möglichst keinen Lärm zu machen, als sie leise zum Ausgang schlich und das Baumhaus verließ. Jake schaute gedankenverloren in die vage Dunkelheit. Wie gut, daß sie einen Schlüssel für die Hintertür zum Wohnhaus mitbekommen hatten, für den Fall, daß einer von ihnen zur Toilette mußte.
      Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und legte sich wieder auf seinem Lager zurück. In der Stille der Nacht drifteten seine Gedanken fort. Warum nur war ihm jetzt plötzlich langweilig, wo er wußte, daß sie nicht da war? Ihm war klar, daß es eigentlich unsinnig war. Immerhin machte es keinen Unterschied zu vorher, als sie beide für sich auf den Betten gelegen und geschlafen hatten… Doch jetzt war er wach, und er war definitiv allein; und allein, daß die Präsenz des Mädchens fehlte, füllte ihn mit einer unwillkürlichen Leere. Er fragte sich, woran das liegen mochte. Vorhin war es ihm doch auch problemlos gelungen, einzuschlafen, als sie nur ein Stück von ihm entfernt gelegen und ihn ignoriert hatte. Und da hatte er auch nicht den Drang verspürt, sich mit ihr zusammen die Zeit zu vertreiben, anstatt zu schlafen. Wahrscheinlich war es aber nicht einmal deswegen, weil er ausgerechnet jetzt unbedingt etwas mit ihr zusammen machen wollte. Vielmehr war es das Wissen, daß er, selbst wenn er es gewollt hätte, gerade keine Möglichkeit gehabt hätte, sich einfach mit ihr zu unterhalten oder etwas anderes mit ihr zusammen zu machen. Wenn sie da war, dann wußte er, es würde nicht langweilig, wenn er es nicht wollte. Das war jetzt anders, und auch wenn er wußte, daß sie bald zurück sein würde, konnte er nicht abschätzen, wie lange sie fort sein würde, und er allein seinen Gedanken nachhängen mußte.
      Das Rauschen des Windes mischte sich in seine Gedanken. In den Ästen des Baumes raschelte es, und es knarrte leise. Jake lauschte. Erst jetzt wurde ihm bewußt, wie laut die Geräusche um ihn herum eigentlich waren. Eine Weile lag er ganz still, und die Laute des Herbstwindes forderten mehr und mehr seine Aufmerksamkeit; lösten schon bald, ohne daß er es selbst richtig wahrnahm, seine vorherigen Gedanken ab. Je mehr er sich darauf konzentrierte, desto schauriger wirkte die Geräuschkulisse, die um das Baumhaus herum zu hören war. Ein beunruhigendes Gefühl erfaßte unwillkürlich sein Inneres. Er redete sich gut zu, daß es ganz normal für den Herbst war, etwas ganz gewöhnliches, nichts, worum er sich zu sorgen brauchte.
      Eine Weile spürte er sein Herz schlagen. Der Wind schien stärker zu werden und heulte durch die Äste. Er konnte hören, wie Zweige gegen das Dach des Baumhauses schlugen. Mit angehaltenem Atem lauschte er in die Dunkelheit, bis er sich vorsichtshalber etwas auf seiner Lagerstatt aufsetzte, wie um sich auf alles, was kommen mochte, vorzubereiten. Das Wispern des Windes in den Blättern der Eiche wurde zu einem immer lauter werdenden Flüstern. An den Wänden schien etwas leicht gegen das Holz zu klopfen und zu kratzen. Vermutlich die Äste, die sich an das Haus schmiegten, hoffte er… Er mahnte sich selbst zur Ruhe, doch es wurde immer schwerer. Hatte er all diese Geräusche vorher nur nicht wahrgenommen, oder waren sie tatsächlich lauter geworden…? Wenn der Wind nur nicht so durch die Äste heulen würde, als würde er etwas anklagen…
      Der Junge haderte einen Moment mit sich, lieber liegenzubleiben, oder einen vorsichtigen Blick aus dem Fenster zu werfen. Schließlich entschied er sich dafür, sich selbst zu beweisen, daß dort draußen nichts schreckliches vor sich ging, vor dem er sich fürchten mußte, und kniete sich ans Fenster. Der Vollmond tauchte die Landschaft in ein fahles Licht. Jake sah die Silhouetten anderer Bäume und dunkle Schatten von fernen Häusern, die in dem ein gutes Stück abseits gelegenen Dorf lagen. Selten bemerkte er sogar noch ein erleuchtetes Fenster zu der nachtschlafenden Zeit.
      In der Ferne bellte ein Hund. Jake zuckte unwillkürlich zusammen. Nur einen Moment später atmete er tief durch, als er das Geräusch erkannte und zuordnen konnte. Fast hätte er vor Erleichterung gelacht, wenn er sich nicht über sich selbst geärgert hätte. Er hatte noch nie Angst vor Hunden gehabt, und auch nicht vor der Dunkelheit! Was hatte nur dazu geführt, daß ihm ausgerechnet jetzt, ohne jeden Grund, die Nerven blank lagen? Glücklicherweise aber war zumindest niemand hier, der es hätte mitkriegen können.
      Er lehnte sich auf das Fensterbrett und betrachtete die nächtliche Landschaft verträumt. Eigentlich war es ein richtig idyllisches Bild. Ein kleines Schmunzeln huschte über sein Gesicht, als er sich selbst einen Narren dafür schimpfte, daß er sich so hatte verunsichern lassen. So schnell wie das merkwürdige Gefühl gekommen war, so schnell war es auch wieder verschwunden, und statt dessen genoß er nun den herrlichen Anblick. Nein, hier gab es wirklich nichts, wovor man sich fürchten mußte. Er konnte von hier den Weg sehen, der vom Haus in das Dorf führte, und er meinte sogar, vage den Kirchturm im Zentrum der Häuser erkennen zu können. Das Schlagen der Kirchturmuhr konnte man bis hierher hören, zu jeder halben Stunde. Im Augenblick war jedoch alles ruhig. Lediglich das Auto, dessen Scheinwerfer er gerade in einer der schummrigen Straßen des Dorfes ausgemacht hatte, konnte er in der Stille von seinem Platz aus hören.
      Gerade entschloß sich der sportliche Junge dazu, sich wieder hinzulegen und zu versuchen, weiterzuschlafen, als er ein Rascheln hörte. Es klang anders als das Rauschen der Blätter im Wind, und es klang nah! Er erstarrte in der Bewegung. War da etwas im Baum? „Tasha?“ rief er leise, da das die einzige logische Erklärung war, die ihm in den Sinn kam. Doch er bekam keine Antwort. Nach einem kurzen Moment der Stille ertönte das Rascheln erneut. Er atmete ruhig und versuchte vorsichtig, die Ursache dafür zu ergründen. Er war sich ziemlich sicher, daß es nicht im Haus gewesen war, ging aber vorsichtshalber einmal durch den Raum und spähte in die dunklen Ecken. Er hielt den Atem an, als er versuchte, das Geräusch zu lokalisieren, doch es war fort. Nach einem Augenblick entspannte er sich etwas. Wahrscheinlich hatte er es sich nur eingebildet.
      Ein paar Wolkenfetzen schoben sich vor den Mond und verdunkelten für einen Augenblick seinen Lichtschein. Ein Heulen durchzog die Nacht.
      Jake schnellte herum. Das konnte nicht der gleiche Hund gewesen sein, der zuvor gebellt hatte, dafür stimmte die Richtung nicht; und es schien auch mehr aus den Wäldern zu kommen, als aus dem Dorf. Er kniff leicht die Augen zusammen, als er aus dem Fenster sah. Lebten in dieser Gegend wilde Wölfe? Er spürte, wie ihm sein Herz bis zum Hals schlug. In seinen Gedanken überschlugen sich gerade eine Reihe harmloser Möglichkeiten, die das Heulen erklärten, als der Ruf erwidert wurde. Das zweite Heulen klang noch näher und löste nun doch ein unangenehmes Gefühl in Jakes Magengegend aus.
      Kurz überlegte der Junge in dem blauen Schlafanzug, einfach zum Haus zu laufen und sich in Sicherheit zu bringen, doch noch haderte er mit sich. Wie sähe das ausgerechnet vor Tasha aus? Aber er konnte behaupten, daß er - zufällig - auch gerade zur Toilette mußte… Der Junge biß die Zähne zusammen. Selbst wenn Wölfe hier in der Gegend waren, was sollten sie ihm hier oben, im Baumhaus, schon anhaben können? Immerhin konnten Wölfe nicht klettern, oder? Wahrscheinlich war er hier sogar sicherer, als wenn er kopflos über die Wiese lief. Davon abgesehen war das Grundstück seiner Tante und seines Onkels gut abgezäunt. Sicher würden die Wölfe nicht einmal bis hierher kommen. – Und wenn er es genau nahm; war es nicht das, was er immer hatte haben wollen? Hatte er nicht oft genug von einer Szene wie dieser geträumt: Eine schaurige Nacht, die er als mutiger Junge in vollen Zügen genießen konnte? Dies war die Gelegenheit, sich zurückzulehnen, den fernen Rufen der Wölfe zu lauschen und unter Beweis zu stellen, daß es nichts gab, das ihn erschrecken konnte!
      Er kam nicht einmal dazu, seinen Gedanken Taten folgen zu lassen, als das nahe Rascheln ihn wieder aufschrecken ließ. Die Wolken hatten den Mond schon fast wieder freigegeben. Er duckte sich unter das Fenster und spähte in die Schatten des Baumes, als er plötzlich etwas in der vollen runden Scheibe des Mondes sah – einen skurrilen Scherenschnitt, der nur wenige Meter von entfernt sein konnte. Er schrak von Grauen erfaßt zusammen. War das eine Klaue gewesen, die er da gerade in dem fahlen Mondlicht gesehen hatte? Hatte Tasha mit ihrem Gerede von einem Werwolf etwa Recht?
      So schnell wie der Schemen gekommen war, war er auch schon wieder verschwunden. Dafür war nun unmittelbar bei der hölzernen Wand ein Scharren zu hören, das sich um das Haus herumzubewegen schien. Dem Jungen gefror das Blut in den Adern. Jetzt war er sich sicher, daß etwas da draußen war! Unvermittelt preßte er sich an die Wand und lauschte auf die Geräusche um sich herum. Überall raschelte und scharrte es, und plötzlich meinte der Junge, sogar ein Schnüffeln auszumachen. Es war ganz in der Nähe, wahrscheinlich nur noch eine Holzwand von ihm entfernt. Sein Blick lag in Schrecken auf der Tür. Konnte er es noch schaffen, von dort aus rechtzeitig zum Haus zu gelangen, bevor das Biest ihn erwischte?
      Er wußte, es war die einzige Möglichkeit, aus der Falle zu entkommen. Doch er wagte es nicht, sich zu bewegen und den Schrecken vor der Tür auf sich aufmerksam zu machen. Vielleicht bemerkte das Wesen ihn ja nicht, wenn er sich ganz ruhig verhielt… In der Stille hörte er seinen eigenen Herzschlag unendlich laut. In seine stille Hoffnung mischte sich Angst. Er wußte doch, daß es seine Witterung aufnehmen konnte. Sicher würde es nicht mehr lange dauern. Wußte es vielleicht sogar bereits, daß er hier war?
      Während sein Atem keuchend ging, bewegten sich kratzende Geräusche weiter um das Haus herum, fast so, als wären sie auf der Suche nach etwas. Vermutlich hatte die Bestie ihn bereits aufgespürt. Jake fixierte atemlos die andere Seite des Raumes. Wenn es nur nicht den Eingang in das Baumhaus fand… Er wußte, wenn das der Fall war, dann war er verloren! Warum nur hatte er nicht gleich die Chance zur Flucht ergriffen, als es noch möglich gewesen wäre?
      Er preßte sich bewegungsunfähig an die Wand, und seine Gedanken überschlugen sich. Warum dauerte es nur so lange, bis Tasha zurückkam? Wußte sie überhaupt, was hier vor sich ging? Hatte sie es schon bemerkt, und würde tatsächlich sie nun zu seiner Rettung kommen, anstatt umgekehrt? Oder hatte das Monster sie gar schon erwischt? – Er hatte kaum zu Ende gedacht, als ihn ein unangenehm elektrisierendes Gefühl erfaßte. Was war, wenn schon alles zu spät war? Wenn sie der Kreatur direkt in die Fänge gelaufen war, während er hier mit sich selbst gehadert hatte? In dem Moment stürzten die Emotionen in einem Chaos über den Jungen herein. Was war, wenn er sie nicht hatte beschützen können? Wenn er zu lange gewartet hatte? Wenn er seine beste Freundin enttäuscht hatte? Den nächsten Gedanken ließ er gar nicht zu, als bereits ein Anflug von Tränen seine Sicht verschleierte. Was war, wenn er sie verloren hatte…?
      Er versuchte, gegen die Tränen gegenanzuschlucken. Er hatte mittlerweile jegliches Zeitgefühl verloren. Tasha konnte schon Stunden fort sein. Ein Schluchzen entrang sich seiner Kehle, ohne daß er etwas dagegen tun konnte. Wahrscheinlich war sie eine leichte Beute für den Werwolf, oder was immer in diesem Baum hauste, gewesen. Vielleicht hatte sie es nicht einmal bis zum Haus geschafft. Und er hatte sie im Stich gelassen. Er hatte sie ihrem grausamen Schicksal überlassen, während er sich hier wie ein wimmerndes Kind verschanzt hatte. Er hatte versagt. Er hatte sie, er hatte sich und er hatte die ganze Welt enttäuscht. Der Angst und Verzweiflung mischten sich ein bitterer Schmerz und Selbstvorwürfe hinzu. Eigentlich hatte er kein besseres Schicksal verdient, als sich ebenfalls von dem Ungetüm erwischen zu lassen. Was hatte er jetzt noch für einen Grund zu überleben, wenn er seine beste Freundin verraten und dem Tode ausgeliefert hatte? Sollte das Monster ihn doch erwischen, das war die gerechte Strafe!
      Er ballte die Hände zu Fäusten. Nein, das was jetzt noch nicht dran! Das ließ sein Verantwortungsgefühl nicht zu. Zumindest so viel Courage mußte er jetzt noch beweisen, und sich der Situation stellen – und die größere Bürde anzunehmen: Mit der Schuld und dem Verlust zu leben, wenn die Kreatur Tasha wirklich erwischt hatte. Er zitterte. In das Heulen des Windes und das Kratzen der Äste auf dem Dach mischte sich das Rumoren des Ungetüms, das in diesem Baum auf seine Opfer lauerte. Er mußte hier raus, mußte zum Wohnhaus und es den anderen erklären. Ihre Eltern mußten Bescheid wissen. Und er würde die ganze Verantwortung auf sich nehmen. Er mußte nur einen günstigen Moment abpassen, in dem das Monster ihn nicht erwischen würde. Doch wie sollte er den richtigen Moment abschätzen? Er konnte ja noch nicht einmal einschätzen, wo sich das Ungetüm gerade befand! Die bedrohlichen Geräusche schienen von allen Seiten zu kommen. Konnte er es überhaupt wagen, das Baumhaus zu verlassen…? Oder besiegelte er damit auch sein Schicksal? Vielleicht war es einfacher und sicherer, hier auszuharren, bis die Erwachsenen ihn fanden, und er ihnen von Tashas schrecklichen Schicksal erzählen konnte…
      Seine Hände umklammerten steif das Fensterbrett hinter sich, während er hin- und hergerissen überlegte, was er tun sollte. Plötzlich schoß ein großer Schatten auf der anderen Seite des Häuschens am Fenster vorbei und ließ den Jungen tödlich erschrocken zusammenfahren. Das Wesen war ganz nah, und nicht mehr weit von der Tür entfernt… Er hielt sich ganz still, atmete flach und versuchte, herauszuhören, wo das Ungetüm jetzt war. Doch alles war ruhig, sah man von dem herbstlichen Wind in den Zweigen ab. Wo mochte der Schrecken jetzt lauern? Vor der Tür? Oder unter dem Haus? Plötzlich wandte er den Blick über sich. Waren die leisen, kratzenden Geräusche, wie von Klauen, die vorsichtig über Holz taxierten, eben auch schon dagewesen? Oder arbeitete sich der Werwolf jetzt über das Dach, um sein Opfer von oben anzugreifen?
      Vorsichtig schob sich Jake zu dem Fenster auf der anderen Seite des Raumes, aus welchem man direkt auf das Wohnhaus schauen konnte. Es kostete ihn einiges an Überwindung, aus dem Fenster zu sehen, in der Angst, Tashas leblosen, zerfleischten Körper auf dem Rasen liegen zu sehen. Mit schwerem Atem und klopfendem Herzen lehnte er neben dem Fenster an der Wand, und wagte es nur langsam, den Blick nach draußen zu wenden. Ihm zitterten die Knie, und seine Finger krallten sich um das Holz des Rahmens; doch das erwartete Horrorszenario blieb aus. Er sah weder Tasha, noch das Biest. Er versuchte, die Entfernung bis zum Haus abzuschätzen. Es war nicht sehr weit bis dorthin, doch er war sich sicher, er würde nicht schnell genug sein. Gegen das Ungetüm würde er niemals ankommen; es würde ihn sicher erwischen, wenn er es versuchte. Andererseits würde es ihn hier auch zu fassen kriegen, wenn er blieb. Früher oder später würde es einen Weg hier hinein finden, und spätestens dann wäre es um ihn geschehen!
      Gerade entschloß er sich, doch ins Haus zu laufen, als er von der Tür her Geräusche hörte, die am Holz kratzten. Erstarrt blieb er stehen und spürte, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht wich. Nun war sein einziger Fluchtweg abgeschnitten, und die Chance, doch noch ins Haus zu gelangen, endgültig vertan. Wie lange würde er mit der Bestie vor dem Eingang hier ausharren müssen? Schatten tanzten an der Tür. Langsam trat er den Rückweg an und versuchte zu erkennen, was das war, das da vor der Tür lauerte. Doch er konnte nichts ausmachen, außer den Mustern, welche die Äste vor den Fenstern in die Nacht malten, als sie sich im Wind bewegten. Er spürte, wie er zitterte. Lange würde er es nicht mehr durchhalten, und es gelang ihm nur noch mit knapper Not, in seinem stockenden Atem die Tränen der Angst zurückzuhalten. Als er die Wand hinter sich spürte, kauerte er sich etwas zusammen in der Hoffnung, vom Schrecken, der vor der Tür lauerte, unentdeckt zu bleiben. Plötzlich machte er aus dem Augenwinkel eine Bewegung nahe bei der Tür aus. Der Junge fuhr herum, und zuckte ein weiteres Mal tödlich erschrocken zusammen. Mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen beobachtete er, wie sich ein Schatten in den Eingang legte und sich näherte, begleitet von einer schaurigen Geräuschkulisse. Das Monster hatte den Eingang gefunden…
      Schnell sah er sich um, und auch wenn er wußte, daß es hier keine Möglichkeit zu einem Rückzug gab, schob er sich in die äußerste Ecke des Raumes. Sein Puls raste, als er die bizarren Schatten an den Wänden betrachtete und spürte, wie ihm die Knie weich wurden, und seine Beine drohten, den Dienst zu versagen. Er saß in der Falle, so viel war klar!
      Als sich das unbekannte Wesen vor der Tür nun endgültig in den Raum schob, war es mit Jakes Ruhe vorbei. Angespannt brachte er sich in Position, um zu rennen! Jetzt mußte er alles auf den Überraschungsmoment setzen, an dem Monster vorbeisprinten, sobald es in den Raum gelangt war, auf die Wiese springen und zum Haus rennen! Jetzt kam alles auf perfektes Timing an, um sich einen guten Vorsprung zu sichern! Alle Fasern seines Körpers spannten sich zum Zerreißen an. Jetzt würde es sich vielleicht einmal auszahlen, daß er im Sportunterricht immer mit zu den besten zählte.
      Die Gestalt in der Tür wuchs in die Höhe, als sie sich aufrichtete. Gerade als der Junge ansetzen wollte, in seiner Panik zu schreien, sagte eine Stimme: „Jake, bist du wach?“
      Der sprachlose Junge unterdrückte ein Keuchen. „Tasha?“
      „Ja! Ich habe noch Kekse mitgebracht. Deswegen hat es so lange gedauert.“
      Der Junge spürte, wie die Erleichterung in einer unangenehmen Welle die Panik aus seinem Körper spülte, und nur sein Stolz, der sich gerade wieder zu Wort meldete, verhinderte, daß er in sich zusammensackte. Schnell riß er sich zusammen und atmete ruhig durch, bis er sich sicher war, man würde seiner Stimme das Entsetzen der letzten Stunden nicht anmerken, bevor er antwortete: „Ach? Ich dachte schon, du wärst vor Angst nach drinnen umgesiedelt!“
      „Nein, ich konnte die Dose nicht finden!“ zischte sie. „Magst du auch welche?“
      Jake beruhigte sich langsam wieder und löste sich aus seiner Starre. Noch immer fühlte er sich, als würde er auf Watte gehen, doch er ließ sich nicht anmerken, wie erschüttert er gewesen war. Wie gut, daß seine beste Freundin in der Dunkelheit nicht gesehen hatte, wie sie ihn in Angst und Schrecken versetzt hatte! Jetzt gab er sich unbedarft und setzte sich zu ihr. „Ja, klar!“
      Tasha hantierte noch mit dem Licht, und ein paar Minuten später saßen sie im Schein der Taschenlampe und aßen Kekse. Eine Weile sagte keiner ein Wort. In der Ferne schlug die Turmuhr gerade ein Uhr. Jake hielt gedankenvoll inne. Tasha konnte nicht mal eine halbe Stunde weggewesen sein, denn er erinnerte sich, daß er, kurz bevor er richtig aufgewacht war, die Turmuhr zur halben Stunde hatte schlagen hören. Hatte sich das ganze grauenhafte Szenario tatsächlich innerhalb so kurzer Zeit abgespielt?
      Tasha lauschte in die Ferne. „Ist es nicht einfach wundervoll?“ sagte sie plötzlich. „Das Rauschen des Windes hört sich fast an wie Flüstern, findest du nicht auch? Fast so, als wenn der Herbst sich mit uns unterhalten will.“
      Jake wußte kaum, was er darauf sagen sollte. Zwischendurch hatte er ja selbst den gleichen Gedanken gehabt, nur nicht auf so freundliche Weise wie sie gerade. Doch er würde sich hüten, ihr das zu offenbaren.
      Tasha nahm sich noch einen Keks, hörte versonnen den Klängen des Herbstwindes zu und kniete sich dann auf Jakes Seite ans Fenster, um die Welt zu betrachten, die im Mondschein unter ihnen lag.
      Jake horchte ebenfalls ruhig in die Nacht hinein. Noch immer waren die Geräusche des Herbstes da: Das Rascheln der Blätter, das leise Kratzen der Zweige auf dem Dach, das Rauschen und Heulen des Windes… Als er bewußt das kleine herbstliche Crescendo analysierte, stellte er fest, daß es die gleichen Geräusche waren, die er die ganze Zeit über schon gehört hatte. Und doch war es jetzt ganz anders, als noch Minuten zuvor. Er schaute zu Tasha herüber, die sich seelenruhig auf das Fensterbrett gelehnt hatte und verträumt die Zweige beobachtete, die im nächtlichen Wind skurrile Muster in die blaßgelbe Scheibe des Mondes malten. Er gesellte sich an ihre Seite und versank in Gedanken. Warum war plötzlich alles wieder ganz einfach, harmlos und ohne jeden Schrecken, jetzt, wo sie wieder da war…?

Als die ersten goldenen Sonnenstrahlen in das Baumhaus fielen, war der Zauber der Nacht vorbei – sowohl der friedliche, als auch der schreckliche. Als die Kinder zum Wohnhaus und in die Küche liefen, war das Frühstück bereits vorbereitet.
      „Na, wie war eure erste Nacht allein draußen im Baumhaus?“ fragte Jack seinen Sohn und seine Nichte.
      „Großartig!“ rief Tasha euphorisch, und das Strahlen des Mädchens ließ keinen Zweifel an ihren Worten zu.
      Jake antwortete nur mit einem Lächeln und hielt sich zurück. Er würde niemandem erzählen, daß in der Nacht, als er ganz allein gewesen war, nicht viel daran gefehlt hätte, um daß er sich fast in die Hose gemacht hätte vor Angst…


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