Second Sister

GeschichteFantasy, Freundschaft / P16
01.11.2014
24.05.2015
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Second Sister
Prolog

Das kleine Mädchen weinte. Seine Mutter lag verblutend neben der Wiege. Der Mann hob das Schwert, um auch das Leben der Kleinen zu beenden. Hinter ihr explodierte das Fenster in hunderte kleine Splitter. Mitten in der todbringenden Bewegung erstarrte der Mann und sah zum Fenster. "Ihr werdet sie nicht töten! Nicht, wenn wir es verhindern können!" Ein lautes, irres Lachen drang aus dem Mund des Mannes. "Und wer will das verhindern?" Erneut hob er das Schwert. Eine der Frauen trat ins Zwielicht. Sie trug ein rotes Gewand und einen Schleier vor dem Gesicht. "Wir... die Schwestern des Lichts."

Kapitel 1

Laut tönten die Glocken aus der Stadt. Aeile schrubbte unaufhörlich weiter den Boden. Von überall her strömten die Schwestern an der Novizin vorbei zum Gebet. Aeile ignorierten sie völlig. Es war inzwischen 150 Jahre der richtigen Zeit her, doch noch immer behandelten sie die meisten Schwestern - wenn sie sie überhaupt realisierten - wie ein unbedeutendes Nichts. Wie Luft. Aeile schrubbte also weiter Böden und Fliesen und ließ sich ignorieren. Einzig und allein zwei Leute schienen sie als menschliches Wesen zu respektieren: Nathan, der Prophet und Warren, der Bibliothekar aus den Gewölben des Palastes. Außer ihr und einigen wenigen Schwestern des Lichts durfte niemand zu Nathan. Sie durfte nur, weil Nathan es gewollt hatte. Er hatte sie bei einem Spaziergang durch den Palast die Vorhänge von Schwester Ulicias Gemach waschen sehen und sich ganz freundlich erkundigt, wie es ihr ginge. Aeile hatte sich gefreut, dass es jemanden gab, der sie nicht wie ein Stück Dreck behandelte und ihm ehrlich geantwortet, sie könne sich ein besseres Leben vorstellen und dabei auf den Halsring gedeutet, den sie aus "Sicherheitsgründen", wie die Schwestern es nannten, trug. Schwester Phoebe, die bei ihm war, setzte zu einer Ohrfeige an, doch Nathan hatte sie am Arm gepackt und grob zurück gehalten. "Ihr werdet sie in Ruhe lassen, Schwester Phoebe!", hatte er mit deutlichem Befehlston gesagt und die Frau streng angesehen. Phoebe hatte die Augen zusammengekniffen, Aeile noch einmal böse angesehen und war gegangen. Aeile hatte Nathan angegrinst und er hatte gefragt, ob sie ihm in Zukunft das Essen bringen wolle, als Alibi sozusagen, damit sie sich weiter unterhalten konnten. Sie hatte eingewilligt und Nathan hatte die Prälatin gefragt. Auch diese hatte, ganz im Gegensatz zu den für Nathan zuständigen Schwestern zugestimmt. Seither brachte Aeile dem Propheten täglich das Essen und sie unterhielten sich über dieses und jenes, bis eine Schwester kam und Aeile verscheuchte.
Warren hatte sie wie auch der Prophet vor einer Schwester - in diesem Fall war es die sehr nachtragende Merissa gewesen - gerettet. Aeile hatte aus Versehen einen Wassereimer umgestoßen und die schmutzige Flüssigkeit hatte sich direkt über Merissas Schuhe ergossen. Warren, der zufällig in der Nähe gewesen war, hatte Aeile vor den Schmerzen des verfluchten Halsrings bewahrt indem er standhaft behauptete, er habe den Eimer umgestoßen. Merissa hatte die Augen misstrauisch zusammengekniffen, sich dann auf dem Absatz umgedreht und war mit wehendem Gewand verschwunden, vermutlich um sich andere Schuhe anzuziehen. Als Aeile Warren gefragt hatte, warum er ihr half, hatte er nur "Ein Rada'Han-Träger hilft dem anderen" gesagt, auf seinen eigenen Halsring gedeutet, breit gegrinst und war ebenfalls gegangen. Aeile hatte ihm kopfschüttelnd nachgesehen. Sie sah in Warren so etwas wie einen Bruder und in Nathan einen Großvater.

Unentwegt wienerte sie den Fußboden. Das Gebet ging ungeachtet an ihr vorbei. Wieder trampelten viele Füße vorüber, doch sie wollte sie nicht beachten. Sie sah allerdings auf, als laute Stimmen um die Ecke schallten.
"Richard! Nun stell dich bitte nicht so an!", sagte eine Aeile gänzlich unbekannte weibliche Stimme. Sie konnte sie nicht zuordnen, doch wusste sie, um wen es sich handeln musste. Seit Tagen ging das Gerücht um, eine gewisse Schwester Verna sei auf dem Weg zurück in den Palast, zusammen mit einem zukünftigen Zauberer namens Richard.

Eine Frau im Reisegewand, gefolgt von einem Mann von vielleicht 23 Jahren, bog um die Ecke. Die Frau hatte braunes Haar, dass ihr auf die Schultern fiel, und lebhafte, wenn auch von Sorgen getrübte braune Augen. Der Mann hatte dunklere Haare als die Frau und graue Augen mit dem stechenden Raubvogelblick, den Aeile von Nathan kannte. Wenn sie nicht komplett falsch lag, waren diese beiden die lang abwesende Schwester Verna und der Zauberer Richard. Aber Richard war nicht im Kindesalter wie die anderen Zaubererlehrlinge. Verna beachtete sie nicht, wie die anderen Schwestern, doch Richard blieb stehen und lächelte Aeile an. "Hallo, mein Name ist Richard. Wie heißt du?" "Aeile.", sagte Aeile. Verna stoppte abrupt ab und kam zurück. "Nun komm endlich, Richard. Sie ist nur eine einfache Novizin. Sie braucht dich nicht zu interessieren." Richard sah auf. "Und ich dachte, wie Ihr mir so oft gepredigt habt, Schwester, vor der Schöpferin seien alle gleich?" Verna stutzte. Darauf wusste sie nichts zu erwidern. Richards Blick fiel auf Aeiles Halsring. "Ich bin also nicht der einzige, der dieses verfluchte Ding tragen muss.", meinte er. Verna schnaubte erbost. "Richard! Der Rada'Han schützt dich vor den Gefahren deiner Gabe!", sagte sie belehrend. "Aber er tut weh!", riefen Richard und Aeile gleichzeitig. Verna runzelte die Stirn. "Das verstehe ich nicht. Mögen die Seelen mich holen, das verstehe ich nicht.", sagte sie. Richards Gesichtszüge entgleisten und er stützte sich an der Wand ab. "Was hast du?", fragte Verna besorgt. "Er hat diese Worte schon mal gehört.", sagte Aeile. Verna sah sie wütend an. "Woher willst du das wissen?" "Das ist meine Gabe, Schwester Verna. Deswegen trage ich einen Rada'Han.", sagte Aeile. Richard richtete sich auf. "Du bist ein Lauscher.", stellte er fest. Verna lachte ungläubig. "Natürlich, ein Lauscher. Und warum wirkt der Rada'Han nicht?" "Er wirkt. Nur bei sehr starken Gefühlen, wie Schmerz, Hass, Zorn oder Liebe versagt er. All diese Gefühle sind soeben durch Richards Herz und Geist geflossen.", sagte Aeile. "Und woher willst du das wissen?", hakte Verna noch immer misstrauisch nach. "Ich spüre das. Richard hat diese Gefühle, weil... Nein, ich kann es nicht sagen." Richard hatte sie angesehen und ihr dadurch klargemacht, das sie es nicht verraten sollte. Verna packte sie an den Schultern und begann sie zu schütteln. "Du wirst mir auf der Stelle verraten, was du gelesen hast!", befahl sie. Ein Sirren war zu hören. Richard hatte sein Schwert gezogen. Er hielt Vern die Klinge unter die Nase. "Lasst. Sie. Los.", knurrte er abgehackt und senkte die Klinge an ihren Hals. "Richard... Du würdest es nicht wagen, eine Schwester des Lichts zu töten. Sonst wird die Schöpferin dich bestrafen." "Eure Schöpferin ist mir im Augenblick egal." Aeile grinste. Richard schob das Schwert in die Scheide zurück. Verna sah ihn missmutig an und ein gemurmeltes "Grmpf." entwich ihrer Kehle. Dann, auf einmal holte sie aus und verpasste der noch immer grinsenden Aeile eine so saftige Ohrfeige, dass es die Novizin von den Füßen riss. Erneut lag das Schwert an ihrer Kehle. Verna hickste verschreckt, als das kalte Metall ihre Haut berührte. Aeile massierte ihren Fuß. Es hatte übel geknackst, als sie gestürzt war. Richard sah Verna böse an, dann kniete er sich neben sie und untersuchte ihren Fuß. "Er ist nicht gestaucht oder geprellt. Du hast ihn dir nur verknackst." Verna verschränkte die Arme. "Komm endlich Richard." Seufzend erhob er sich. "Bis bald Aeile. Wir werden uns sicher noch mal über den Weg laufen."
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