The Black Bride

von baronesse
GeschichteFantasy / P16
Aegon Targaryen Daenerys "Dany" Targaryen Viserys Targaryen
01.11.2014
01.11.2014
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Aus der wundervollen NaNoWriMo-Cabin vom Juli entstand die Idee eines fandomübergreifenden Wichtelns, dessen Geschichten pünktlich zum nächsten NaNo eingestellt werden. Daher ist diese Geschichte für ardara, die sich eine Geschichte über die Anfänge der Drachenkönige gewünscht hat. Es ist nicht Aegon, es ist nicht die Eroberung: diese Geschichte spielt von 23 bis 48 nach der Eroberung.
Ich hoffe, sie gefällt dir, ardara, und auch den restlichen Lesern!

Hinweis: Die Geschichte orientiert sich an Fakten, die bereits vor Erscheinen von "A world of Ice and Fire" bekannt waren, ist aber ohne Kenntnisse dieses Kompendiums geschrieben. Daher ist dies nur meine Version von Rhaenas Leben und hat nichts mit GRRMs Rhaena zu tun.






The Black Bride



Sie war gerade zehn Jahre alt, als sie verstand, was es hieß, eine Targaryen zu sein. Was es hieß, die Schwester eines Targaryen zu sein. Viserys hatte einen seiner Wutanfälle, als er sah, dass Daenerys beim Spielen ein Teil ihrer Haare verloren hatte. Der Zopf war verfilzt und in Teer geraten und einer der Sklaven hatte ihn abschneiden müssen, ganz nah am Kopf. Jetzt hatte sie nur auf der linken Seite lange, hellblonde Haare, die ihr silbern schimmernd bis fast auf die Taille fielen. Rechts waren ein paar unordentliche Strubbel, ein paar Haare bis zum Kinn, und man sah ihre Kopfhaut hervorschimmern, rot und wund vom vielen Scheuern, weil ein wenig Teer auch bis auf die Kopfhaut vorgedrungen war.

Viserys hatte getobt. „Hässliches, kleines, dürres Ding“, hatte er geschrien. „Wer will dich jetzt noch ansehen? Wer will dich jetzt noch heiraten? Nicht mal ich will dich so, dabei bist du meine Schwester!“
Sie hatte nicht verstanden. Sie hatte nicht verstehen wollen. Sie war seine Schwester, er war ihr Bruder. Und dann, irgendwann, als Dany weinend in der Ecke gekauert und versucht hatte, sich hinter den noch langen Haaren zu verstecken, war „du bist meine Schwester“ zusammengegangen mit „wir sind Targaryen“ und „bei den Targaryen heiraten Geschwister“. Plötzlich war ihr nicht klar, wie sie das noch nie hatte sehen können. Wieso sie noch nie bemerkt hatte, wie Viserys sie beäugte oder wie abweisend er wurde, wenn einer ihrer Gastgeber davon sprach, dass er diese hübsche Schwester sicher gut verheiraten könnte.

Er wollte sie für sich. Er wollte die Traditionen fortsetzen.
Er wollte sie heiraten und sie würde niemals frei von ihm sein.

Dany war so elend zumute und das hatte nichts mehr mit ihren Haaren zu tun. Sie wünschte, sie hätte den Mut, auch die linke Seite zu schneiden und mit blankem Kopf vor Viserys zu treten, so dass er sie hässlich fand und nicht mehr wollte. Er war ihr Bruder und sie liebte ihn und hatte niemand anderen auf der Welt, aber sie fürchtete den Zorn, der in ihm schlummerte und sie wollte nicht für den Rest ihres Lebens Angst vor dem Drachen haben müssen. Es musste noch etwas Anderes für sie geben.

Und obwohl sie eine Targaryen war, hatte sie vielleicht ein bisschen geweint, als sie da in der Ecke saß, und Nemma, die alte Sklavin, hatte sie vielleicht gehört. Wenig später lag das Buch auf ihrem Bett; ein dickes, altes Buch. Als Dany es neugierig aufschlug, sah sie, dass es in Valyrisch geschrieben war. Das war kein Problem für sie, Valyrisch war ihre Muttersprache. „Nyke Rhaena hen Targārio Lentrot, hen Valyrio Uēpo ānogār iksan …“, fing sie an zu lesen.




Ich bin Rhaena aus dem Hause Targaryen, aus dem alten Blut von Valyria, und dies ist meine Geschichte. Ich schreibe sie nicht auf, weil ich mich meines Namens rühmen will oder der Ansicht bin, dass alle Targaryen eine Geschichte verdienen; das tun wir nicht. Diese meine Geschichte soll all jenen zum Vorbilde gereichen, die nicht an den Drachen in sich glauben oder vergessen haben, dass das Blut des alten Valyria nicht nur in den Adern unserer Könige fließt.

Meine Geschichte begann an einem windigen, regnerischen Morgen im Fort in der Stadt, die seit meinem Großvater King’s Landing hieß, in einer Kammer voller Damen und Dienerinnen, die alle ängstlich zusahen, wie meine Mutter das erste Kind zur Welt brachte. Ihr Mann, mein Vater Aenys, war als Kind klein und schwächlich gewesen und sie hatten nie geglaubt, dass er leben würde, um König zu werden, aber hier war er, der Thronprinz, und lebte noch immer. Sie sagten, die Verbindung mit seinem Drachen habe ihn stark gemacht und ich glaubte daran. Die Drachen sind es, die uns Targaryen stark machen und zu dem alten Blut in unseren Adern rufen.

Ich war von Geburt an nach meinem Vater die Zweite in der Thronfolge, obwohl mein Onkel Maegor zehn Jahre älter war und ebenfalls ein Sohn von König Aegon dem Eroberer. Man sagt sich, dass seine Mutter schon damals versucht hat, mich mit ihm zu verheiraten, aber die Septons in Westeros hielten das für eine Abnormalität und wehrten sich dagegen. Es wurde nicht durchgesetzt. Stattdessen heiratete Maegor eine Hightower und ich wuchs die ersten Jahre behütet und als das geliebte Kind meiner Eltern auf, eine verhätschelte Targaryenprinzessin. Ich habe nicht viele Erinnerungen an diese Zeit, aber die wenigen sind sehr glücklich.

Es dauerte drei Jahre, bis meine Mutter erneut ein Kind zur Welt brachte. Aegon, Jaehaerys, Viserys, Alysanne wurden in den Jahren nach mir geboren und es gab einige Unstimmigkeiten darüber, wer nun wo in der Thronfolge stand. War ich noch immer die Zweite nach meinem Vater, so wie es die Andalen wollten? Stand ein Sohn über einer Tochter? Oder war es Maegor, der Bruder meines Vaters, der noch vor uns allen kommen würde? Großtante Visenya war erzürnt darüber, dass niemand ihren Sohn ernsthaft in Betracht zog.

Wir alle hatten anderes im Sinne, ganz besonders ich. Noch bevor Alysanne geboren war, in dem Sommer, als ich meinen zwölften Namenstag feierte und langsam verstand, was es hieß, eine Targaryenprinzessin zu sein, verlegte mein Großvater den Hof nach Dragonstone. Großtante Visenya sollte in King’s Landing bleiben und den Bau einer neuen Feste überwachen, in die wir dann ziehen würden, wenn sie fertig war. Vorerst wohnten wir aber auf einer kleinen und windigen Insel. Ich mochte es nicht.

Aegon stand mir vom Alter her am nächsten, aber er spielte lieber mit Viserys und sie schlugen mit Holzschwertern auf Puppen ein, während man mir versuchte, das Sticken und Singen beizubringen. In beidem war ich nicht besonders erfolgreich. Ich liebte das Reiten und die Pferde und genoss es, wenn mein Vater Aenys mich auf seine Reisen mitnahm, was auf Bitten meiner Mutter immer seltener geschah. So war ich in Dragonstone und langweilte mich. Das Leben schien unerträglich. Meine Mutter war mit Alysanne schwanger und hatte keine Zeit für ihre älteste Tochter, Jaehaerys war auch noch klein und brauchte ihre Aufmerksamkeit.

Ich wusste, dass ein solches Schicksal auch mich erwarten würde. Heiraten, Kinder bekommen und sie großziehen. Dabei wollte ich viel lieber wie die beiden Frauen meines Großvaters sein. Rhaenys und Visenya waren an seiner Seite gewesen, als er Westeros erobert hatte, sie waren Drachenreiterinnen gewesen, wie es die Targaryen seit alters her zu sein pflegten.

Schließlich überkam mich eine Idee und ich bettelte solange, bis man mir gestattete, einen eigenen Drachen zu bekommen. Vor einigen Jahren waren sechs Drachen geschlüpft und fünf von ihnen waren groß geworden. Man hatte sie Maegor angeboten, aber er hatte sich mit keinem von ihnen verbinden wollen. Mich hatte man ausgelassen. Aegon war noch zu klein und als er als kleiner Junge zu den Drachen geschickt wurde, fühlte er die Verbindung ausgerechnet mit dem sechsten kleinen Jungtier, welches kurz darauf starb. Also hatte bislang keines von uns Enkelkindern einen Drachen, Aegon ritt Balerion, Großtante Visenya Vhagar und mein Vater Aenys auf Quicksilver. Meine Mutter war keine Targaryen und so hatte man ihr nie gestattet, einen Drachen zu wählen, oder keiner hatte sie ausgewählt, ich wusste es nicht.

Zu dieser Zeit hatten wir auf jeden Fall mehr ungebundene Drachen als jemals danach. Ich bekam die Erlaubnis und wurde das erste Mal näher an die fünf ungebundenen Drachen gelassen. Ich war neugierig. Würden sie mich angreifen? Würden sie mich als Targaryen akzeptieren, als das Blut des Drachen? Vielleicht hatte man auch deshalb so lange gezögert. Meine Mutter war eine Velaryon, keine Targaryen. Niemandem war klar, ob mein Blut noch rein genug war.

Alle Sorgen fielen von mir ab, als ich den blau-cremefarbenen Drachen mit den goldenen Augen sah. Die Wachen, die mich begleiteten (auch wenn niemand so richtig wusste, was sie tun sollten, wenn mich einer der Drachen grillen wollte), sahen ebenfalls erleichtert aus. Ich hob eine Hand, blickte dem jungen Drachenweibchen in die Augen, dann legte ich meine Hand langsam auf ihren Hals und mit dieser simplen Geste war unsere Bindung besiegelt. Ich nannte sie Dreamfyre. Sie war gerade alt und groß genug, dass ich lernen konnte, sie zu reiten, und das tat ich, mit der gleichen Begeisterung, mit der ich sonst Pferde ritt.

Die erste Zeit mit Dreamfyre war eine der glücklichsten in meinem Leben. Ich war eine junge Maid, noch nicht vollständig zur Frau erblüht, und König Aegons Regentschaft war fest und sicher, so dass man mir keine große Beachtung schenkte. Noch viele Jahre danach neidete ich dem Mädchen, das ich damals war, ihre Unbefangenheit und Freiheit. Mein Drache Dreamfyre gehorchte mir nicht, sie liebte mich. Sie flog genauso gerne frei über Westeros wie ich und wir waren uns einig, so dass unsere Meinungen nie kollidierten. In dieser Zeit wuchs sie und überragte bald die Geschwister ihres Wurfs. Ein freier Drache wächst immer schneller als einer, der in einem Hort gehalten wird, und Dreamfyre und ich verbrachten mehr Zeit im Himmel als irgendeiner der anderen Targaryendrachen.

In meinem dreizehnten Sommer passierten mehrere Dinge zugleich. Eines Morgens wachte ich auf und spürte ein Ziehen im Unterleib. Zu meinem großen Schreck fand ich einen Blutfleck in meiner Wäsche. Ich wusste, was es zu bedeuten hatte, aber so hatte ich es mir nie vorgestellt, eine Frau zu werden. Es tat weh. Es war ekelhaft. Drei Tage verbrachte ich im Bett. Ich hatte meinen Schock gerade überwunden und fing an, mich über die neuen Kleider zu freuen, die ich bekommen sollte, als die nächste Nachricht Dragonstone erschütterte.

König Aegon hatte gerade mit meinen beiden kleinen Brüdern gespielt und ihnen vorgelesen, als er einen Stich verspürte und starb. Einfach so. Der Eroberer, der Drachenlord, der weise, alte Mann, den ich in meiner Kindheit gekannt hatte, konnte einfach so umfallen und war tot.
Und während der Tod immer ein Schock für ein Kind ist, welches ihn gerade zum ersten Mal richtig erfährt, waren es doch dessen Folgen, die noch gravierender für mein Leben waren.

Mein Vater Aenys wurde zum König gekrönt und musste nach King’s Landing zurückkehren, weil der Thron seines Vaters nicht verrückt werden konnte. Da meine Mutter sich entschloss, ihm zu folgen, kehrte auch ich Dragonstone den Rücken. Plötzlich war viel weniger Zeit für Dreamfyre. Ich war jetzt die Tochter des Königs, nicht länger nur irgendeine Prinzessin. Plötzlich gab es Ladies, die an den Hof kamen, um meiner Mutter zu dienen, und das taten, indem sie ohne Unterlass an mir herum kritisierten.

Großtante Visenya war ebenfalls in King’s Landing und noch schmallippiger und zorniger geworden. Als sie mich das erste Mal wieder sah, kommentierte sie, dass ihr Sohn ja noch Glück gehabt hatte, mit seiner Hightower-Braut, wenn man sah, was für schmale Hüften ich hatte. Onkel Maegon war natürlich auch da. Er hatte anscheinend einen Aufstand niedergeschlagen, und deshalb hatte Vater ihn zur Hand des Königs ernannt. Nun war er ständig da. Das war die einzige Bedeutung, die ich diesem Titel zumessen konnte, Aufstände und Rebellen waren in dieser Zeit weit weg für mich.

Zudem hatte Maegor den Drachen seines Vaters, Balerion, an sich gebunden, kaum dass wir Aegon verbrannt hatten. Das sorgte für einige Gerüchte. Balerion war einer der ältesten Drachen, groß und mächtig. Sogar Dreamfyre fürchtete ihn. Wenn Maegor auf Balerion flog, wagten wir uns nicht hinaus. Das einzig Gute war, dass zwei neue Drachen geschlüpft waren, was allgemein als gutes Omen gesehen wurde für Aenys’ Regentschaft mit Maegor an seiner Seite. Für mich war es vor allem eine Ablenkung.

Die Schwangerschaft meiner Mutter kam dagegen zu einem weniger guten Ende. Eines windigen Morgens wurde sie von Vaella entbunden, und ich durfte meine kleine Schwester einige Minuten lang bewundern. Das war das einzige Mal, dass ich sie sah. Noch am selben Abend sagte man mir, dass sie gestorben war. Mutter kämpfte mit den Strapazen der Geburt und einige Tage konnte niemand sagen, ob sie überleben würde. Als es schließlich Hoffnung gab, stand fest, dass ich keine weiteren Geschwister bekommen würde. Da die Thronfolge immer noch nicht eindeutig geklärt war, fand ich das nur gerecht. Vater hatte schließlich schon Aegon und mich, unter denen er wählen konnte.

Zudem war ich nun alt genug, um selbst verheiratet zu werden, auch wenn ich nichts hörte, was auf eine anstehende Vermählung hindeutete. „Zerbrich dir noch nicht den Kopf darüber“, sagte meine Mutter stets. „Nicht in diesem Jahr“, sagte mein Vater. „Du bist noch zu jung.“ Ich verstand nicht, ich war bereits eine Frau, und lose Freundinnen, die Töchter der Ladies meiner Mutter, waren in meinem Alter bereits versprochen oder verheiratet. Aber sie waren nicht die Töchter eines Königs und ihre Vermählungen hatten nicht so eine große Tragweite.

Stattdessen heiratete Onkel Maegor – ja, wirklich. Er heiratete nicht nur zum zweiten Mal, sondern obschon seine erste Frau immer noch lebte und putzmunter war, nur nicht schwanger. Der Hohe Septon war empört, so dass Vater sich genötigt sah, seinen eigenen Bruder vor die Wahl zu stellen, Alys Harroway aufzugeben oder verbannt zu werden. Maegor zog seine zweite Frau vor und verließ mit ihr und Balerion Westeros, um in Pentos zu leben. Ceryse, seine erste Frau, blieb hoffnungslos und allein zurück und sorgte noch einige Zeit lang für Getratsche, weil der Hohe Septon verzweifelt versuchte, ihre Fruchtbarkeit sicher zu stellen. Sie wurde auch jetzt nicht schwanger, nachdem ihr Mann sie bereits verlassen hatte, und kehrte schließlich zu ihrer Familie nach Oldtown zurück. Von Maegor hörten wir dagegen wilde Geschichten, dass er in Pentos neben Alys Harroway noch eine weitere Frau hatte. Mir tat Ceryse Leid. Ich hatte die Geschichten nicht vergessen, dass Tante Visenya damals gefordert hatte, mich mit Maegor zu verheiraten und war froh, dass es nicht dazu gekommen war.

Obwohl ich bald meinen achtzehnten Namenstag feiern würde, war es mir lieber, wenn ich gar nicht heiratete, als wenn ich Onkel Maegor heiraten müsste. Man sagte sich über ihn, dass er ein harter Mann war, mit seltsamen Vorlieben. Vielleicht sagte man das allerdings, weil er verbannt worden war und es sich leichter über einen Targaryen reden ließ, der nicht da war.

Vaters Regentschaft war in jenen Jahren bei weitem nicht so blühend, wie ich mir das in meiner behüteten Umgebung vorgestellt hätte.
So wusste ich nicht, was er auslöste, als er mich eines Abends rufen ließ. Mein Bruder Aegon wartete ebenfalls in der kleinen, privaten Kammer des Königs.
„Wir sind Targaryen, aus dem alten Blut Valyriens“, eröffnete mein Vater uns. „Wir sind das Blut des Drachens, das es zu bewahren gilt. Daher habe ich beschlossen, die alten Traditionen auch hier zu wahren, so wie es eure Vorfahren seit Jahrhunderten tun und mir nicht möglich war. Aegon, du wirst deine Schwester heiraten. Somit sind auch sämtliche Spekulationen, wer mein Erbe sein wird, hinfällig. Ihr beide werdet eines Tages König und Königin von Westeros sein“, beschloss Aenys.

Es war keine Frage, es war kein Befehl. Nervös sah ich zu meinem Bruder, doch er erwiderte den Blick nicht. Auch wenn uns nur zwei Jahre voneinander trennten, hatte er stets mehr mit Viserys gespielt als mit mir. Wir hatten uns als Kinder nur wenig gekannt. Den Heranwachsenden kannte ich fast gar nicht. Er war mein Bruder und doch so fremd, wie jeder andere Verlobte es gewesen wäre.

Als wir die Kammer unseres Vaters gemeinsam verließen, überraschte er mich jedoch und hielt mich auf. „Ao ynoma dīnilūks?“, fragte er mich, ganz so, als sei dieser Antrag freiwillig, als könnte ich wirklich mit „Nein“ antworten. Dass er sich dennoch die Mühe machte, rührte mich. „Ja“, nickte ich wild und er kam näher, suchte in meinen Augen und küsste mich, flüchtig zwar, aber es war der Kuss, den er mir eigentlich erst bei der Hochzeit geben sollte. So gestohlen war er ein Geheimnis zwischen uns, das mich positiv für die Ehe stimmte.

Ich sollte recht behalten, zumindest, was das Verhältnis zwischen Aegon und mir anging. Als die Nachricht von unserer Vermählung verkündet wurde, gab es erneut Aufstände. Der Glaube der Sieben, der Aegon als Eroberer gekrönt und aufgenommen hatte, konnte sich mit der Tradition, die er mitgebracht hatte, nicht anfreunden, und sie warfen meinem Vater Frevel und Gotteslästerung vor. Unnormal sei es, Bruder und Schwester zu verheiraten, ein Sakrileg.

Ich konnte nichts davon fühlen. Der Kuss, den Aegon mir bei der Vermählung gab, war schon sicherer, und auch wenn wir in der darauffolgenden Nacht sehr ungeschickt herumfummelten, fiel der Vollzug der Ehe doch zu unser beider Zufriedenheit aus. Jetzt war ich eine verheiratete Frau. Die Septons in King’s Landing tobten. Auch Visenya war in Rage, nicht jedoch wegen unserer Ehe (sie war ja selbst mit ihrem Bruder verheiratet gewesen), sondern, weil Aenys uns zu seinen Erben bestimmt hatte. Wütend flog sie nach Dragonstone und ließ uns allein mit den Fraktionen des Glaubens zurück. Poor Fellows und Warrior Sons waren alles andere als begeistert, und während man vor den einen keine Angst haben musste, waren die letzteren schon eine andere Sache.

Aegon und ich warteten nicht lange. Wir reisten ab, offiziell, um das Land kennenzulernen. Inoffiziell hofften wir alle, dass die Wogen sich glätten würden, wenn King’s Landing erst einmal eine Weile vergessen konnte, dass wir verheiratet waren.
Ich vergaß es nie. Jede Minute an Aegons Seite, jede Nacht in seinem Bett, wuchs meine Zuneigung zu ihm. Wir waren eins, so wie nicht einmal Drachen und Targaryen es sein konnten. Wir teilten so viel, dass es mir immer natürlicher vorkam, den eigenen Bruder als Mann zu besitzen. Wer sonst könnte mich verstehen, wie er es tat? Wer sonst teilte mein Blut, meinen Namen, mein Erbe?

Das einzige, was Aegon damals nicht mit mir teilte, war die Verbundenheit mit einem Drachen, und so hieß ich Dreamfyre in King’s Landing zu bleiben. Es tat ihr weh, zurückgelassen zu werden, aber damals dachte ich, es wäre besser für Aegon und mich, wenn er nicht ständig daran erinnert wurde, dass er keinen Drachen ritt. Hätte ich gewusst, was passieren würde, ich hätte sie niemals zurückgelassen!

Unsere Reise war keine leichte. Das Land kannte erst seinen zweiten Drachenkönig und hatte sich noch nicht daran gewöhnt, dass Aegon der dritte sein würde. Es fehlte an der Höflichkeit, welche die Lords und Ladies in King’s Landing hervorbrachten, dort, wo die Macht der Targaryen am größten war und wo unsere Drachen lebten.

In den Flusslanden wurden wir unterkühlt empfangen, aber die Lords machten uns ihre Aufwartung und gaben uns prächtige Gästezimmer. Sie hätten mich im Stall schlafen lassen können, solange Aegon neben mir lag. Ich konnte es kaum fassen, dass diese zufällige Verbindung, von Vater bestimmt, aus keinem anderen Grund, als dass wir seine ältesten Kinder waren, solches Glück für mich bereit hielt. Ich freute mich darauf, eines Tages an Aegons Seite Königin zu sein.

In den Westlanden schließlich holte uns der Zorn der Sieben ein. Wir wurden von Faith Militants angegriffen und konnten gerade noch nach Crakehall Castle fliehen. Sie belagerten uns und verhinderten jede Weiterreise, ja, wir mussten sogar um unser Leben fürchten, falls sie es schaffen sollten, die Mauern zu durchbrechen. Jetzt ging mir auf, wie sehr wir Dreamfyre gebraucht hätten. Sie hätte Aegon und mich in Sicherheit bringen können. Ich war dumm gewesen, mehr Wert auf seine Gefühle zu legen als darauf, dass wir Targaryen waren. Wir waren das Blut der Drachen. Dreamfyre gehörte zu mir, mehr noch, als Aegon, mein Mann.

Hilflos saßen wir fest, in den Händen der Crakehalls, die zwar für ihre Robustheit bekannt waren, aber ebenso wenig wie wir selbst ewig ausharren konnten gegen Belagerer, wie wir selbst. Wir sandten einen Raben nach King’s Landing und hofften auf Vater, doch kein Drache kam. Ich wusste, er flog so gut wie nie und misstraute ihnen. Es hatte etwas mit dem Tod seiner Mutter zu tun, auch wenn ich nie verstanden hatte, was genau passiert war. Durch sein Band mit Quicksilver hätte er wissen müssen, dass die Drachen nicht per se böse waren, dass sie uns Targaryen nichts taten. Sie waren unser Blut, so wie wir das ihre.

Stattdessen zögerte er und keine Nachricht aus King’s Landing erreichte uns, was uns jeden Tag mutloser werden ließ. Ich vermisste Dreamfyre und rief in meinen Träumen nach ihr, aber anders als meine Ahnin Daenys, die Träumerin, und manch anderer nach ihr, besaß ich nicht diese Gabe, und meine Träume blieben nur meine eigenen.

Das Jahr kam und ging, und wir weilten noch immer in Crakehall Castle. Es zerrte an jedem von uns, sogar Aegon und ich fauchten uns manches Mal an, wenn unsere Nerven überstrapaziert waren. Bald zeigte sich, dass es bei mir nicht nur die Nerven waren, die mich unruhig und feinfühlig werden ließen. Bevor ich Gewissheit hatte, erreichte uns die Nachricht, dass unser Vater Aenys krank geworden war.

Als der Rabe kam, war in King’s Landing schon längst einiges geschehen, aber das ist der Nachteil einer Belagerung; Nachrichten kommen nur selten und sie brauchen lange, bis sie die Eingeschlossenen erreichen. Vater war erkrankt und da er gerade in Dragonstone war, hatte seine Tante Visenya die Pflege übernommen. Ich würde nie erfahren, ob es ihre Hände waren, oder wirklich die Krankheit, doch er starb drei Tage später. Visenya flog auf Vhagar nach Pentos und holte Maegor nach Westeros zurück. Er brachte seine beiden Frauen Alys und Tyanna mit.

In King’s Landing war die Situation damals noch schlimmer als in den Westlanden, und während wir belagert wurden, sah es in der Hauptstadt wirklich brenzlig aus. Es gelang Maegor, den Aufstand niederzuschlagen. Ein erfolgreicher Krieger, bereits früh zum Ritter geschlagen und als Hand meines Vaters mit einem Namen, den man als durchsetzungsfähig und kompetent in schwierigen Zeiten kannte, hatte Visenya diesmal keine Schwierigkeiten, ihn zum König zu krönen. Wir waren nicht da, wir hatten keine Ahnung, was vor sich ging, und der Rest des Landes hörte von den beiden Erben ebenso wenig.

Als uns die Nachricht erreichte, war es schon viel zu spät. Maegor herrschte in King’s Landing. Wir konnten nur hoffen, dass Mutter sich mit Jaehaerys und Alysanne in Sicherheit gebracht hatte. Wo Viserys war, wussten wir nicht. Er war jetzt dreizehn Jahre alt, ein Knappe, doch wo er diente, das war keinem von uns bekannt. Wir hätten uns keine Sorgen machen müssen. Maegor kümmerte sich schneller um die potenzielle Gefahr, und nahm Viserys als seinen eigenen Knappen auf, so dass er den Jungen unter seiner Kontrolle hatte und nicht fürchten musste, dass er ihm den Thron streitig machen würde.

Die Lage sah aussichtslos aus. Doch was habe ich gesagt? Wir sind Targaryen, wir sind das Blut der Drachen. Als alle verzweifelten, sahen wir schließlich Drachenschwingen am Himmel. Mein Herz klopfte wie wild. Hatte Dreamfyre mich endlich erhört? Hatte sie meine Rufe, mein Sehnen, erkannt? Hatte sie sich aus King’s Landing befreien können, wo man sie ohne Zweifel festhielt, so dass sie nicht frei war, zu mir zu fliegen?

Doch es war nicht Dreamfyre. Es war Quicksilver, der Drache unseres toten Vaters. Aegon, der ebenso wie ich meinen Drachen vermutet hatte, stand neben mir auf den Zinnen des höchsten Turms, und sah verwundert in die Höhe, als der alte Drache zu uns herab schwebte. Und in diesem Moment fühlte er erneut das Band, was ihn vor vielen Jahren an ein sterbendes Drachenjunges gebunden und danach nie wieder losgelassen hatte. Er wurde Quicksilvers Reiter. Die Belagerung war beendet. Wir waren frei.

Das erste, was Aegon tat, war, eine Armee aufzustellen. Ich bat und bettelte. In Gedanken bei Maegors grausamer Miene, flehte ich meinen Bruder an, es gut sein zu lassen, sich Maegor zu unterwerfen. Wir könnten unser Leben in Frieden leben. Wir mussten nicht König und Königin sein. „Es ist unser Recht“, beharrte Aegon.
„Er ist ebenfalls ein Targaryen! Tante Visenya hat Recht, er hätte von Anfang an Erbe sein müssen, vor mir, vor dir! Er ist älter, er ist besser geeignet“, wandte ich verzweifelt ein, aber da hatte ich Aegons Stolz getroffen.

„Vater hat mich zu seinem Nachfolger erklärt“, erwiderte er steif. „Es ist meine Pflicht, mir meinen Thron zu holen.“
„Bitte, Aegon. Ich bin schwanger.“ Kurz huschte die Freude über sein Gesicht, aber nicht einmal diese Nachricht half, ihn davon abzubringen, seine Eroberung zu planen. Das einzige, was es brachte, war, dass er nicht länger vorhatte, mich mit Dreamfyre ebenfalls einzusetzen. Ich sollte zurück bleiben, in Sicherheit, damit seinem Erben nichts geschah. Wütend wünschte ich mir, es würde ein Mädchen sein, denn dieser Starrsinn um den Thron schien vor allem die männlichen Targaryen zu befallen. Ich hatte kein Problem damit, den Anspruch aufzugeben, um ein Leben in Frieden zu führen.

Ich war eine Targaryen und niemanden interessierte, was ich wollte. Es schien meine Pflicht zu sein, brav das zu tun, was meine männlichen Verwandten von mir verlangten. Aegon zu heiraten hatte nicht viel Überwindung gekostet und es hatte mich glücklich gemacht. Aegon nun zu folgen, als er mit seiner Armee gegen Maegor zog, kostete mich wesentlich mehr. Mein Glück starb an jenem Tag, an dem Maegor mit Balerion meinen Bruder und Mann verbrannte. Aegon starb, Quicksilver mit ihm, und Maegors Anspruch auf den Eisernen Thron wurde nie wieder infrage gestellt.

Nicht zuletzt, weil er keinen Tag lang zögerte, auch den letzten Erben, der ihm gegebenenfalls im Weg stehen könnte, aus dem Weg zu räumen: mich. Da ich dir noch meine Geschichte erzählen kann, werter Leser, weißt du, dass er mich nicht tötete. Es war weit schlimmer als das. Drei Frauen nannte er bereits sein eigen und den Aufstand des Glaubens an die Sieben hatte er niedergeschlagen. So gab es niemanden mehr, der protestierte, als er mich zu seiner vierten Frau nahm. Ich hatte nicht einmal die Zeit, das Reisegewand gegen Trauerkleidung zu tauschen, als er mich brutal zu der seinen machte. Er wusste, dass ich schwanger war, ich hatte es ihm in meiner Wut entgegen geschrien. Es kümmerte ihn nicht. Später fragte ich mich oft, ob ich es nicht besser verschwiegen hätte, ob er Aegons Kinder als seine anerkannt hätte, wenn es auch nur den Hauch einer Chance gegeben hätte, dass es wirklich sein Samen war. Diese Unsicherheit hatte ich von Anfang an ausgeräumt und es sollte schwere Folgen haben.

Seit jenem Tag habe ich nur noch schwarz getragen und so nennt man mich, noch Jahre danach: die schwarze Braut. Ich war das Pfand, das ihm seinen Weg zum Thron endgültig ebnete. Immer wieder sagte er mir, dass ich immer die seine hätte sein sollen, dass wir so viele Jahre wegen meines Vaters verschwendet hatten. Dass ich Aegon niemals hätte heiraten sollen. Dass ich nur ihm gehörte.

Und dennoch verzichtete er nicht auf seine anderen Frauen. Alys war eine freundliche Frau, listig, aber gerecht, und obwohl sie einige Jahre älter war als ich, akzeptierte sie mich an Maegors Seite. Sie sah es als weitere Tradition der Targaryen und versuchte wirklich, mir eine gute Schwester zu sein, auch wenn es schwer für sie war, die Zeichen meiner Schwangerschaft zu sehen. Ihr war es nie gelungen, ein Kind von Maegor zu empfangen, ebenso wenig wie Tyanna aus Pentos. Nur wenige Tage nach meiner Entbindung ließ Maegor Alys für dieses Versagen hinrichten.

Überhaupt waren es dunkle Zeiten. Ich war wieder mit Dreamfyre vereint, aber wir waren beide eingesperrt, Gefangene hinter Mauern und Gittern. Mutter war mit Jaehaerys und Alysanne auf Dragonstone und verschanzte sich, damit meine jüngeren Geschwister in Sicherheit waren. Ansonsten kannte ich am Hof kein freundliches Gesicht. Vor allem Tyanna verstand es, mir das Leben schwer zu machen.

Ich hatte Recht gehabt, es war kein männlicher Erbe, den Aegon sich gewünscht hatte. Zwei Mädchen brachte ich zur Welt; perfekte, kleine Mädchen, mit hellem Flaum auf den Köpfen und blauvioletten Augen. Sie würden Schönheiten werden, das wusste ich. Doch Maegor gab ihnen nur den Status seiner Stiefkinder und sie wuchsen von Anfang an mit dem Makel auf, dass sie die Töchter eines Mannes waren, der als Verräter gestorben war. Ein Junge hätte nicht einmal die ersten Stunden überlebt, so wie ich Maegor kannte. Alyssa und Rhaenys, wie meine Mädchen hießen, hatten mehr Glück. Vielleicht plante Maegor, sie eines Tages zu verheiraten, vielleicht war es auch nur meine erwiesene Gebärfähigkeit, die ihn gnädig stimmte. Jede Nacht suchte er mein Bett auf und schmähte Tyanna aus Pentos mehr und mehr.

Doch ich empfing nicht. Es war keine schwere Geburt und man hatte mir nicht gesagt (wie damals meiner Mutter nach Vaellas Geburt), dass dies mein letztes Kind sein würde, dennoch wurde ich nicht schwanger. Maegors Laune verdüsterte sich und ich merkte es an den blauen Flecken auf meinen Beinen und dem Schmerz, den ich beinahe täglich mit mir herum trug. Schwarz ist eine gute Farbe, um es zu verbergen, schwarz macht dich mysteriös und unnahbar, wo du eigentlich verletzlich und einsam bist. Jeder Tag mit Maegor ließ mich mehr darüber trauern, was ich mit Aegon verloren hatte.

Maegor war kein guter Mann und es hatte seinen Grund, dass man ihn schon zu Lebzeiten Maegor den Grausamen nannte. Im Grunde passte er gut zu seiner Frau Tyanna, doch nachdem sie ihm keinen Sohn geschenkt hatte, verbrachte er nur noch sehr wenig Zeit bei ihr. Sie hätte sich freuen sollen, dass sie ihn nicht erzürnte, dass sie nicht Gefahr lief, das Falsche zur falschen Zeit zu sagen, so wie Alys, die das den Kopf gekostet hatte. Stattdessen reiste Tyanna durch das Land und wütete, als wäre sie Königin und nicht nur eine der Frauen des Königs.

Ich habe nie erfahren, wie genau sie an Viserys geraten ist. Mein Bruder war noch immer der Knappe seines Onkels, ein vielversprechender junger Bursche. Er hätte einmal ein gefeierter Ritter werden können, ein Vasall des Königs, der in Maegors Namen Recht und Ordnung hielt. Stattdessen geriet er in Gefangenschaft. Man folterte ihn. Ich weiß nicht einmal, was sie von ihm wollten, nur, dass es Tyanna war, die ihn schließlich tötete. Triumphierend kehrte sie nach King’s Landing zurück, sicher, dass Maegor erfreut sein würde, dass sie einen weiteren der Anwärter auf den Thron beseitigt hatte, überzeugt, dass ihre Grausamkeit seine Lust anstacheln würde. Stattdessen wanderte ihr Kopf ebenfalls auf einen Stock über der Mauer von King’s Landing.

Für eine Weile war ich die einzige Frau des Königs. Das einzige Ziel von Maegors nächtlicher Aufmerksamkeit zu sein, fiel mir immer schwerer. Manchmal schimpfte er über Rhaenys Zöpfe, über Alyssas Weinen, und mir wurde bang zumute. Dann überlegte ich, ob ich meine Töchter ebenfalls nach Dragonstone schicken konnte, doch mir fiel kein Weg ein, wie ich es hinter Maegors Rücken tun konnte. Wenn er davon erfuhr, würde er Verrat wittern. Das Leben meiner Zwillinge war nur sicher, solange er sicher war, dass nur er sie für seine Zwecke einsetzen konnte.

Zu unser aller Glück erregte in jenen Tagen eine weitere junge Frau seine Aufmerksamkeit, Jeyne Westerling aus den Westlanden, die ich auf meiner Reise bereits kurz getroffen hatte, und die nun gekommen war, um eine meiner Ladies zu werden. Stattdessen wurde sie Maegors Frau. Ich habe gehört, dass sie geweint haben soll in der Hochzeitsnacht, und dass sie sich nur retten konnte, weil sie überzeugend log, dass es vor Freude sei, endlich mit dem Mann ihrer Träume verheiratet zu sein. Nichts lag ihr eigentlich ferner, es gab einen Verlobten in der Heimat, den sie nun vergessen musste.

Ich bedauerte sie, aber mehr noch war ich um meiner Selbst willen erleichtert. Maegor hatte nicht die Zeit, sich um zwei Frauen gleichzeitig zu kümmern, und für eine Weile war er besessen von dem Gedanken daran, dass Jeyne diejenige sein würde, die seinen Erben gebar. Dabei hegte ich schon lange den Verdacht, dass es nicht seine Frauen, sondern er selbst war, der keinen Erben zeugen konnte. Ich hatte schließlich bereits geboren und bewiesen, dass ich fruchtbar war. Je mehr Zeit verging, in der weder Jeyne noch ich schwanger wurden, desto lauter wurde das Wispern. Bis es schließlich an Maegors Ohr drang. Er kam und schlug mich und beschuldigte mich, die Gerüchte verbreitet zu haben, bis ich mir nicht anders zu helfen wusste, als schluchzend zu erklären, dass es nach einer Geburt von Zwillingen länger dauern konnte und er es nur genug versuchen müsste. Danach hatte ich lange Zeit wieder jede Nacht das zweifelhafte Vergnügen seiner Anwesenheit in meinem Bett. Jeyne atmete erleichtert auf.

Als ich nicht schwanger wurde, fürchtete ich das Schlimmste. Maegors Blick wanderte immer häufiger zu Alyssa und Rhaenys. Ich wusste, sie verhöhnten ihn, sie erinnerten ihn jeden Tag daran, dass er Aegon hatte töten können, aber nicht sein Erbe. Hier saßen die Kinder des rechtmäßigen Erben vor ihm und ihm gelang es nicht, eigenen Nachwuchs zu zeugen. Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn Tante Visenya ihn nicht in einer ruhigen Stunde daran erinnert hätte, dass ich eine Targaryen war. Sie mochte mich nicht, aber sie hatte nicht vergessen, dass sie mich schon immer an Maegors Seite gesehen hatte. Ich war in ihren Augen die Versicherung, dass Maegor rechtmäßiger König war. Aenys hatte Aegon und mich zu Erben ernannt. Aegon war tot, aber dass ich am Leben blieb, war in Visenyas Augen enorm wichtig.

Nur nicht so wichtig, dass sie mich dafür gekrönt hätte. Ich glaube, sie sah sich selbst gern noch als Königin, selbst wenn ihr Mann lange tot war, und es mit meiner Mutter eine weitere Königinwitwe gab.
Und was hätte ich als Königin mehr tun können, um meine Kinder zu schützen, um mich selbst zu schützen? Ich hatte bereits Wachen und Gardisten, die mich gegen jeden Angriff von außen abschirmten (und jeden Versuch, King’s Landing zu verlassen, im Keim erstickten). Die wahre Gefahr drohte von Maegor.

Nach den Worten seiner Mutter sah er immerhin ein, dass er mich nicht anrühren durfte. Den Name, der mich schützten, hatte Jeyne nicht und sie wurde von Tag zu Tag blasser, während ihr Bauch flach blieb. Maegors Blick aber fiel schneller auf eine andere, als seine Wut wuchs, und so starb Jeyne zwei Jahre nach der Eheschließung schließlich an einem Fieber und nicht durch Maegors Hand. Er trauerte nicht, er hatte zwei weitere Frauen an seine Seite geholt. Sie beachteten mich nicht, manchmal glaube ich, sie fürchteten mich. Zumindest neideten sie mir meine Sicherheit als Targaryenprinzessin. Und meine Kinder, erkannte ich eines Tages, als Rhaenys lachend auf mich zu rannte und ich sie in meine Arme nahm. Sie hatte ihren vierten Namenstag bereits gefeiert und war so schön, wie ich immer geahnt hatte. Das Blut der Drachen floss in ihren und Alyssas Adern.

Meine Zwillinge waren mein Stolz und meine Angst. Sie waren lebhafte Mädchen, mutig und stark. Obwohl sie kein Band zu ihr verspürten, liebten sie Dreamfyre und umgekehrt war es genauso. Ich war mir sicher, dass sie Drachenreiterinnen werden würden, nicht nur, weil sie mich stets baten, auf Dreamfyre fliegen zu dürfen. Das konnte ich nicht erlauben. Maegor würde es sofort als Affront auffassen.

Überhaupt hatte er sämtliche Kinder vom Hof verbannt. Ich ermahnte die Zwillinge, leise und unauffällig zu sein. Ich ließ sie in einer kleinen Kammer wohnen, unscheinbar und versteckt, wo Maegor sie nicht finden würde. Nichts in meiner eigenen erinnerte an meine Kinder, damit er nicht daran dachte, wenn er mich, was selten vorkam, des Nachts aufsuchte. So hoffte ich, sie zu schützen, zu verstecken vor dem Zorn des grausamen Königs.

Es half alles nichts. Ich wusste nicht, dass ich es war, die ihn am meisten an sein Versagen erinnerte. Wenn er mich sah, so sah er die Bilder unserer Hochzeit, wie ich nackt und wehrlos unter ihm gelegen hatte, noch unversehrt von den Strapazen der Geburt, die ich später auf meinem Bauch tragen würde. Er sah dieses Bild und verglich es mit der Gegenwart, in der ich schwarztragend, unerschrocken vor ihm stand. In seinen Augen verhöhnte ich ihn jeden Tag, sagte: „Sieh her, Aegon hatte mich und Aegon habe ich Kinder geschenkt, aber dir niemals.“
Wenn dies auch manchmal meine Gedanken waren, so habe ich sie doch nie ausgesprochen, das hätte ich überhaupt nicht gewagt. Es war nicht meine Schuld, dass er das über mich dachte. Ich hatte alles getan, um mich und meine Kinder vor seinem Zorn zu schützen.

Dass es die Kleidung einer Witwe war, die ihn letztlich reizte, hatte ich nicht gewusst. Aegon war mein Liebster gewesen, der einzige, dem ich auch mein Herz geschenkt hatte, deshalb hatte ich nach seinem Tod geschworen, nur noch schwarz zu tragen.
Maegor sah es als Akt der Rebellion. Er hatte in jenem Jahr bereits zwei seiner Frauen für das Vergehen, ihm keinen Erben zu schenken, hingerichtet. Ein blutiges Jahr. Eine junge Rothaarige versteckte sich halb hinter dem Thron, als er mich rufen ließ.

„Mir wurden Pläne eines anstehenden Verrats zugetragen“, teilte er mir ruhig mit. „Ein Anschlag auf den Thron. Du wirst dich freuen, Weib, dass er vereitelt wurde.“
Er winkte einem Mitglied seiner Königsgarde und der Mann trat vor und öffnete ein auf dem Boden liegendes Bündel, was mir nicht aufgefallen war. Dort lagen sie, inmitten zweier Männer, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Rhaenys’ silbernes Haar war blutverkrustet. Alyssa sah so friedlich aus, ein Lächeln auf den kalten Lippen, während der Dolch in ihrem Rücken sie nicht flach auf der Erde liegen ließ, sondern über die anderen Leichen emporhob.

Ich wollte schreien. Ich wollte Dreamfyre anweisen, alles in King’s Landing und der neuen Feste in Schutt und Asche zu legen. Ich wollte ihn brennen sehen, ich wollte ihn leiden sehen, diesen Mann, der meine Kinder getötet hatte. Denn egal, was er mir für eine Geschichte erzählte, wie die Attentäter nicht ihn, sondern meine beiden Töchter gefunden und an seiner Stelle getötet hatten, egal was für abstruse Ideen er produzierte, wer dahinter steckte, es war doch so klar. Der Hass in seinen Augen verriet ihn. „Jetzt bist du wirklich mein“, sagte sein Blick.

Die Nacht, in der er kam, mir das schwarze Kleid vom Leib riss und mich brutal nahm, sagte dasselbe. Es hatte nie einen Anschlag auf sein eigenes Leben gegeben. Der tragische Unfall war in Wirklichkeit kalkulierter Kindesmord. Er hatte das aus dem Weg geräumt, was mich seiner Meinung nach noch von ihm trennte. Ohne die Zwillinge würde mich nichts an Aegon erinnern. Ich würde mich ihm wahrhaft hingeben und ihm den ersehnten Erben gebären, den er von keiner seiner Frauen bekommen hatte.

Maegor irrte. Er erlaubte mir nicht die Zeit zu trauern, und so nutzte ich sie stattdessen, um meine Rache zu planen. Man sagte sich, er sei der grausame König, aber am meisten hatten seine Frauen unter ihm zu leiden, niemand sonst. Es würde niemand kommen, um erneut einen Aufstand zu wagen, bei dem er zu Tode kommen könnte. Es gab niemanden, der den Thron anfocht. So blieb nur ich selbst.

Sie sagen über mich, ich war ein wildes Kind und eine schöne, traurige Frau. Die meisten sehen nur ein hübsches Gesicht und nicht die Stärke des Drachen. Sie mochten mir verbieten, Dreamfyre zu sehen. Vergessen, wer ich war, tat ich deshalb nie.

Die Feste, die mein Vater Aenys geordert hatte, war unter Maegor fertig geworden. Man nannte sie die Rote Feste, die Bergfeste, oder sogar Maegors Feste, auch wenn sich das nur auf einen Teil innerhalb der Burg bezog. Er hatte den Plänen meines Vaters noch einiges hinzugefügt und die Gerüchte besagten, dass einzig er wusste, was für geheime Gänge sich nun in den Wänden befanden. Zwei Baumeister, die er zum Schluss ins Vertrauen gezogen hatte, waren unter mehr oder weniger mysteriösen Umständen gestorben. Ich hatte nicht die Illusion, dass Maegor nicht die Mittel und Wege hatte, mich zu überwachen, wie und wo er wollte.

Dennoch glaubte ich nicht, dass er einem anderen genug vertrauen würde, um die Aufgabe abzugeben. So wagte ich etwas, was ich vor dem Tod meiner Kinder für undenkbar gehalten hätte. Ich zog seine andere Ehefrau, die Rothaarige, ins Vertrauen. Sie war eine Mooton aus Maidenpool und hatte längst gemerkt, dass die Aufmerksamkeit des Königs nichts war, was man sich wünschen sollte. So willigte sie ein, um ihrer eigenen Zukunft willen die Gegenwart noch eine Weile länger auf sich zu nehmen.

Und immer dann, wenn sie ihn ablenkte, hatte ich Zeit, meine Pläne zu schmieden. Ich fand einen Maester, der sich in gewissen Bereichen auskannte. Unter Maegor waren bereits drei Hohe Maester dem Schwert des Henkers zum Opfer gefallen und er verspürte gegenüber meinem Mann ebenso wenig Sympathie wie ich. Obwohl ich ebenfalls eine Targaryen war, half er mir. „Versprecht mir nur, Prinzessin, dass wir nie wieder einen König wie ihn haben werden.“ Das waren seine Worte, als er mir das kleine Fläschchen in die Hand drückte.

Ich hatte keine Versprechen zu geben, nur jenes, dass ich die Welt von Maegor zu befreien gedachte. Eines Nachts träufelte ich das Gift auf den Thron, verteilte es sorgfältig, setzte die Falle. Von dem Maester hatte ich noch ein weiteres Fläschchen erhalten, was ich meiner Mitverschwörerin gegeben hatte. So war Maegor unruhig, unachtsam, als er am nächsten Morgen auf seinem Thron Platz nahm. Es juckte ihn, ohne dass er sagen konnte, wo, und was passiert war. Der Eiserne Thron tat sein Übriges.

Sie sagen, der Eiserne Thron hat ihn selbst umgebracht, ein Stuhl, geschmiedet aus den Schwertern der Gegner seines Vaters. Ich habe kein Interesse daran, diese Ansicht zu ändern und mich Königs- und Verwandtenmörderin nennen zu lassen. Ich bin nur die Schwarze Braut, die erneut über den Verlust eines Mannes trauert.

Nach Maegors Tod kehrte seine letzte Frau nach Maidenpool zurück, heiratete erneut und verlor ihren Lebtag kein Wort mehr über ihren ersten Mann. Der Maester brach bald darauf in die Freien Städte auf. Meine Mitverschwörer haben Wort gehalten und niemals geredet, und was sollten sie auch sagen? Ich war noch immer eine Targaryenprinzessin.

Mutter kehrte mit Alysanne und Jaehaerys nach King’s Landing zurück. Mein Bruder war vierzehn, als er gekrönt wurde. Nachdem Alysanne zur Frau erblüht war, heiratete er sie, und diesmal protestierte niemand. Sie fragten mich, ob ich ebenfalls Königin werden wollte, immerhin war auch Jaehaerys mein Bruder und ich war älter und brachte viel Erfahrung an der Seite eines Königs mit. Wäre es das nicht gewesen? Jaehaerys mit seinen beiden Schwesterfrauen, so wie sein Großvater vor Jahren bei der Eroberung von Westeros?

Ich hatte kein Interesse. Ich war die Schwarze Braut und würde diesmal Witwe bleiben. Einen Bruder hatte ich geliebt wie einen Mann, diesen liebte ich nur wie einen Bruder. Maegor war trotz aller Bemühungen kinderlos geblieben, und so gab es außer Jaehaerys keine weiteren Anwärter auf den Thron. So sollte es bleiben.

Ich war nicht glücklich, das würde ich nie wieder sein, aber zufrieden damit, dass Maegor unter den Toten weilte und der Frieden im Königreich wieder hergestellt werden konnte. Er hatte mir meinen Mann genommen und meine Kinder, aber Dreamfyre lebte noch, und das war das Einzige, was mich aufrecht hielt.

Mein Name ist Rhaena aus dem Hause Targaryen, ich bin das Blut der Drachen und werde es immer sein. Sie müssen nicht meine Geschichte erzählen, sie müssen nicht einmal die Wahrheit erkennen. Es reicht, dass ich weiß, was ich weiß: das Blut der Drachen in unseren Adern macht uns mehr als nur eine Frau und Prinzessin. Solange wir dieses Erbe bewahren, können sie uns niemals unterjochen. Egal, was man mir antat, ich habe Maegor brennen sehen, ich habe Maegor bluten sehen, und ich weiß, er hat bezahlt für das, was er mir angetan hat. Mit Feuer und Blut.





„Perzys Ānogār“, wiederholte Dany die Worte leise, als sie das Buch zuschlug. Sie wusste nicht, ob die Geschichte die Wahrheit erzählte, aber Rhaena Targaryens Worte hallten in ihren Ohren nach. Ihre Ahnin mochte Jahrhunderte vor Dany gelebt haben, aber sie hatte gewusst, was es hieß, jemanden zu haben, der sie herumkommandierte und vor dem sie Angst hatte. Sie hatte ihren Bruder geheiratet und ihren Onkel, und einmal Glück gehabt und einmal nicht. Dennoch hatte Rhaena nicht aufgegeben, sondern für ihr eigenes Schicksal gekämpft.

Ob Dany das auch konnte? Aber was sollte das Buch ihr sagen? War Viserys wie Aegon oder Maegor? Würde sie unverhofft glücklich, wenn sie ihn heiratete, oder würde sie ihn am Ende töten müssen, um ihn davon abzuhalten, sie weiter zu quälen?
„Solange wir dieses Erbe bewahren“, murmelte Dany leise und strich über den Buchrücken. Sie hatte keine Drachen, aber das hatte Rhaena auch nicht geschrieben. Rhaenas Bruder Aegon hatte lange Zeit ebenfalls keinen Drachen gehabt, und letztlich hatte Quicksilver ihn nur ins Verderben geführt. Sie brauchte keinen Drachen aus Fleisch und Blut.

Sie musste nur daran glauben, dass sie selbst das Blut des Drachen war und alles durchstehen konnte, was sich ihr in den Weg stellte. Viserys war nicht der einzige Targaryen, und sie war nicht nur ein hübsches Gesicht. Sie würde es ihm schon zeigen. „Mit Feuer und Blut“, murmelte Dany und lächelte, während sie das Buch zurückbrachte.
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