Artemis' Auftrag

GeschichteAllgemein / P16
31.10.2014
31.10.2014
1
5393
1
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Willkommen, liebe Leser!
Dies ist mein Beitrag zu dem Wettbewerb Das Leben als Halbgott von Flufy07.  
In dem Wettbewerb geht es darum, ein Halbgottkind durch verschiedene Phasen seines Lebens zu begleiten.
Ich wünsche euch viel Spaß mit meinen Beiträgen!  

Infos: Vorneweg sollte ich wohl sagen, dass diese Geschichte in der Vergangenheit spielt. Wann genau weiß ich selbst nicht - aber in der Vergangenheit, zu einer Zeit, als Irland noch unter englischer Herrschaft stand.
Das Dorf, den Aufstand und so habe ich mir aber ausgedacht :)

Widmung: Dieses Kapitel widme ich Apfelpfote, als sehr, sehr spätes Geburtstagsgeschenk. Ich sagte doch, ich würde dir mal ein Kapitel widmen ^^ Here it is :D

Runde 1: Soll eine Szene in der Kindheit eures Charakters darstellen. Dabei ist wichtig, dass dieser noch nicht weiß, dass er oder sie ein Halbgott ist. Ansonsten steht euch die Gestaltung recht offen.

~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*~*

Ein Zwischenfall kommt selten allein!


Vorsichtig spähte Arya zwischen den großen Kisten hervor, hinter denen sie sich versteckt hatte. Waren ihre Verfolger weg? Hatte sie sie täuschen können? Da hinten waren sie und suchten nach ihr, Arya konnte ihre silbern blitzenden Rüstungen sehen. Es waren drei; scheinbar hatten sie noch einen Soldaten auftreiben können. Am Anfang dieser Verfolgungsjagd waren sie nur zu zweit gewesen…
Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend sah Arya sich um. Sie saß nicht in der Falle, nicht ganz, doch es würde schwieriger als gedacht werden, zu entkommen. Das ernüchterte Arya; es war schon länger her, dass sie in so eine Lage gebracht worden war. Sie war hochmütig geworden, hatte geglaubt, der feiste Hauptmann würde es nicht bemerken, wenn sie ihm seinen Geldbeutel direkt vor der Nase wegnahm. Leute bemerkten sie nie, wenn sie es nicht wollte; er hatte es getan.
Innerlich verfluchte sie sich und ihn. Jetzt hatte sie das Problem. Auf das Bestehlen von königlichen Soldaten stand eine harte Strafe, wenn man die Diebe erwischte! Arya sah sich um. Die Soldaten hatten sie ins Hafengebiet getrieben, zu den abgelegenen Lagerhäusern. Hier war nicht so viel los, es kamen nur wenige Schiffe hierher, jetzt, wo regelmäßig heftige Stürme an den Küsten mit ihren scharfen, spitzen Steinen wüteten. Das Wetter spielte verrückt, niemand wusste, wo diese plötzlichen, unvorhersehbaren Wetterumschwünge herkamen. Himmel und Meer schienen einander zu bekriegen, manche munkelten, es wären die Götter, die im Streit miteinander lagen. Arya schnaubte dann immer abfällig. Es gab keine Götter! Niemanden, der seine Schafe schütze, wie es die Kirche ihnen weißmachen wollte. Wo war Gott, wenn sie drohte, an einem Hauseingang des Nachts zu erfrieren, weil sie mal wieder bestraft wurde? Wo war er, wenn ihr Magen sich vor Hunger zusammenzog und alles andere bedeutungslos wurde? Wenn ihr Vater sie schlug, weil sie kein Geld nach Hause brachte, Geld, dass er für Gin und Huren ausgab?  
Arya sah auf den prallen Geldbeutel, den sie dem Hauptmann abgenommen hatte und ein bitterer Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus. Er verdiente so viel, und sie kroch in Schmutz und Dreck und Kälte, bettelte um ihr Leben!
Plötzlich bewegten sich die Kisten vor ihr. Erschrocken ließ Arya den Beutel in ihr zerlumptes Hemd gleiten und presste sich stärker gegen die Lagerhauswand. Wild blickte sie hin und her, doch es gab keinen Ausweg. Sie saß in der Falle. Innerlich schalt sie sich, dass sie nicht besser aufgepasst hatte; dass sie in der Vergangenheit geschwelgt hatte, statt sich auf einen Fluchtplan zu konzentrieren. Entsetzt beobachtete sie, wie ein Soldat zwei Kisten auseinander schob und seinen behelmten Kopf durch die entstandene Lücke schob. Einen grauenhaft langen Augenblick starrten er und Arya sich an.
Er war jung, bemerkte Arya beiläufig, darauf trainiert, ihre Umgebung und Gegenüber genau zu beobachten. Er konnte höchstens 17 oder 18 sein, ein Frischling in der Stadtwache. Arya sah, wie er den Mund öffnete, um zu rufen, um sie zu verpfeifen, und sie handelte instinktiv. Sie sah ihm direkt in die Augen und dachte angestrengt: Du siehst mich nicht, ich bin nicht hier. Ich bin nicht die, die du suchst, geh weg! Geh einfach weg!
Es war kindisch und sinnlos, dass wusste sie sofort. Warum sollte er sich um ihre Gedanken kümmern und sich davon abhalten lassen, seine Befehle auszuführen? Doch irgendetwas passierte. Der Blick des Soldaten trübte sich und ein benommener Ausdruck lag auf einmal auf seinen Zügen. Er schien Arya direkt anzusehen, und sie doch nicht – irgendwie- zu bemerken. Völlig verwirrt sah das kleine Mädchen zu, wie der Kopf des jungen Soldaten verschwand. Kurz darauf hörte sie, wie jemand rief: »Da ist auch niemand!« Was um alles in der Welt war da grade geschehen? fragte das Mädchen sich. Hatte der Soldat Mitleid bekommen und sich entschieden, ihr zu helfen und sie zu retten? So musste es sein; niemand konnte wen anders durch seine Gedanken steuern… Das wäre Hexerei!
Eine zweite Stimme sagte ebenfalls, dass das Mädchen nirgends zu sehen sei. Atemlos hielt Arya die Luft an. Konnte es sein, dass sie die Suche nach ihr aufgeben würden? Eine dritte, tiefere Stimme, die Arya als die vom Hauptmann erkannte, wehte zu ihr herüber.
»Was?« Er klang sehr gereizt. »Das kann nicht sein! Sie ist hier hergerannt! Ich will, dass ihr jedes verdammte Staubkorn umdreht! Findet diesen Bastard, oder ich sorge dafür, dass ihr demnächst die Scheiße von dreckigen Schornsteinfegern von der Straße sammelt, statt für Recht und Ordnung zu sorgen! Und jetzt los, was steht ihr da noch rum?!«, brüllte er seine Untergebenen an, die hastig davonstürmten, um seinem Befehl Folge zu leisten.  
Angst machte sich in Arya breit, doch sie zwang sich, die Furcht hinunterzuschlucken und verbot sich jeden Gedanken an die Folgen eines Entdeckt werdens. Sie musste einen Ausweg finden, irgendwie… diese Typen durften sie nicht erwischen! Sie musste doch nach Hause zu ihrem kleinen Bruder… ihr Vater würde ihn umbringen, über kurz oder lang, wenn sie ihn nicht beschützte…
Langsam wagte sie, den Kopf zwischen die Kisten zu schieben und nach ihren Verfolgern Ausschau zu halten. Sie sah nur den Hauptmann, der einen Lagerarbeiter zur Schnecke machte. Es sah lächerlich aus, wie der Hauptmann mit puterrotem Gesicht und Schmerbauch den stämmigen und viel größeren Lagerarbeiter anschrie und wie der den Kopf einzog wie ein kleiner Schuljunge, doch Arya konnte darüber nicht lachen. Es hieß, jetzt oder nie! Mit einem letzten Blick vergewisserte sie sich, dass niemand in der Nähe war und auf sie achtete, dann spurtete sie los, so schnell sie konnte, rüber zu den dichter bevölkerten Teilen des kleinen Hafens. Sie nutze die herumstehenden Kisten als Deckung, huschte um Ecken und bog in schmale Gassen ein. Und sie rannte. Rannte, bis ihr Atem nur noch pfeifend kam und bis ihre Füße schmerzten und das Blut in ihren Ohren rauschte. Keuchend verlangsamte sie ihren Schritt und horchte nach hinten. Wurde sie verfolgt? Nein, da war niemand, wie sie sich mit einem schnellen Blick über die Schulter vergewisserte.
Sie bog um noch eine Ecke und hockte sich in einen Hauseingang, um wieder zu Atem zu kommen. Als sie nicht mehr so keuchte und ihr Herzschlag sich verlangsamt hatte, strich sie sich eine verrutschte hellblonde Strähne wieder hinter die Ohren und rappelte sich auf. Suchend sah sie sich um. Sie kannte jeden Winkel der kleinen irischen Küstenstadt, die bis vor kurzem friedlich und von allen unbeachtet sein Dasein gefristet hatte. Doch dann hatte es einen Aufstand ganz in der Nähe gegen den König von England gegeben, und wie immer war er brutal niedergeschlagen worden. Seitdem lungerten die Truppen in der Stadt herum, fraßen die Vorräte für den Winter weg und schubsten die Bewohner nach Gutdüngen herum. Arya hatte nicht das geringste schlechte Gewissen, weil sie dem Anführer sein Geld weggenommen hatte.
Arya wusste jetzt, wo sie war und atmete erleichtert auf. Hier in der Nähe wohnte ihre beste Freundin, ein Waisenkind namens Cera. Wenn sie zu ihr gelangen könnte, wäre es nicht mehr weit bis nach Hause, und sie könnte auch gleich etwas von dem Geld verstecken…
Mit entschlossenen Schritten machte Arya sich auf den Weg. Sie lief über die staubigen Straßen und hielt sich dabei penibel in der Mitte. Sie hatte schon einmal den Inhalt eines Nachttopfes abbekommen, ein zweites Mal brauchte sie nicht. Schon bald kam sie an dem baufälligen, halb eingestürzten Haus an, in dem ihre Freundin seit dem Tod ihrer Eltern alleine lebte. Das Dorf versorgte sie mit dem Nötigsten, doch in Luxus lebte Cera nicht. Trotzdem schien ihr Optimismus nie zu versiegen; Ceras Lachen war Balsam für Aryas Seele, und ihre Hände wussten stets ihre Wunden zu heilen, wenn ihr Vater sie mal wieder verprügelte, weil sie nicht genug Geld mit nach Hause brachte.
Arya bewunderte ihre Freundin, der das Leben ins Gesicht geschlagen hatte. Und trotzdem, immer noch, lachte Cera, lachte dem Schicksal ins Gesicht wie eine übermütige junge Möwe, die gegen heftige Sturmböen ankämpft. Cera hingegen zog Nutzen aus dem Extraproviant, den Arya ihr aus Mitleid brachte, und schon bald waren die beiden Mädchen eine tiefe Freundschaft eingegangen. Sie hielten sich stark, wenn der eine schwach wurde. Allein Cera verdankte Arya es, dass sie noch nicht zusammengebrochen war unter den Misshandlungen ihres Vaters. Und schon bald wäre sie ihn für immer los… dafür sparte sie, um von ihm wegzukommen, um dem kümmerlichen Leben in dem Dorf davonzulaufen. Sie träumte von einer großen Stadt; von vielen Menschen und unendlichen Möglichkeiten! Von Essen im Überfluss, und von einem warmen Bett. Von einem Haus, in dem sie leben konnte, ohne die Strafen und Schläge fürchten zu müssen, wenn ihr Vater mal wieder betrunken nach Hause kam, oder von seinem keuchendem Atmen und dem Stöhnen, wenn er in weiblicher Gesellschaft die Nacht verbrachte. Es waren diese Nächte, die ihr Übelkeit bereiteten, die ihr Angst machten. Denn sie wusste: Sollte sie alt genug werden, wäre sie für ihn nur ein weiteres, noch dazu kostenloses, Vergnügen. Er hatte es ihr gesagt, hatte es ihr zugeraunt, als er mal wieder sturzbetrunken vom Gin am Tisch gesessen hatte.
Panik kam in Arya hoch, als sie daran dachte, doch sie schaffte es, sie hinunter zu würgen und an Ceras Tür zu klopfen. Wie immer reagierte Cera schneller, als es irgendwem möglich sein sollte, und schon nach Sekunden riss sie die Tür auf und fiel ihrer Freundin um den Hals. Dann rückte sie ein Stück weg und hielt Arya eine Armeslänge von sich. Schweigend betrachtete Cera ihr verstörtes Gesicht und sah an ihrer beunruhigend schmalen Gestalt herab, dann zog sie sie wortlos hinein und bugsierte sie zu einem ungemütlichen Sofa, dem einzigen Möbelstück in dem kleinen Raum. Links führte ein Weg in die Küche, die jedoch fast nie genutzt wurde, und geradeaus konnte man ein drittes Zimmer erkennen; das einzige Zimmer, wie Arya wusste, das Cera benutzte und in dem noch ein paar Möbelstücke waren.
Arya gab Cera den Geldbeutel des Soldaten. Sie hatte genug Geld, um ihren Vater zufrieden zu stellen. Dieses hier würde sie für ihre Zwecke verwenden. Cera nahm den kleinen Lederbeutel an sich und verließ kurz den Raum, um das Geld zu dem Rest ihrer Ersparnisse zu legen, dann kam sie wieder. Schweigend setzte sich Cera auf die Lehne und wartete darauf, dass Arya das Wort ergriff. Sie wusste, wie ungerne Arya von sich redete und Schwierigkeiten zugab,  doch noch mehr hasste Arya Stille. Nach ein paar Minuten gab ihre Freundin nach und berichtete von ihrem Tag. Vom Marktplatz, wo sie genug Essen hatte  stibitzen können, um weitere zwei Tage über die Runden zu kommen, von dem Handelsschiff, dass im Hafen angelegt hatte  und von all dem Geld, dass sie aus den Taschen nichtsahnender Seemänner genommen hatte. Und zuletzt erzählte sie von dem Ursprung des prallen Geldbeutels und der darauf folgenden Hetzjagd, die sie beunruhigend knapp gewonnen hatte. Die ganze Zeit hörte Cera schweigend zu. Erst als Arya verstummte, lachte sie leise und schüttelte den Kopf. Worein sich Arya nur schon wieder geritten hatte! Das war typisch für sie, sie schien Ärger magisch anzuziehen. Andauernd passierten in ihrer Nähe seltsame Dinge, doch Cera maß dem keine große Bedeutung bei. Manche im Dorf munkelten, Arya betriebe schwarze Magie und gehöre als Hexe verbrannt, doch Cera hielt nichts auf solche Sagen. Arya hatte ein gutes Herz und war ihre beste Freundin, das war alles, was für Cera zählte.  
Langsam beruhigte Arya sich. Cera hatte diesen Effekt. Cera, das zierliche Mädchen mit den wilden roten Locken, der bleichen Haut, den Sommersprossen und ihren moosgrünen Augen. Sie war das perfekte Klischee, so Irisch, wie man nur sein konnte. Sie war wie das Meer, mal so ruhig wie ein Spiegel, mal so wild wie die aufgepeitschte See. Arya liebte das Meer, und sie liebte  ihre Freundin. Entspannt lehnte sie sich zurück gegen die Lehne.
»Was ist? Kein Schelten heute?«, fragte sie mit einem leichten Lächeln und geschlossenen Augen. Sie spürte, wie Ceras Finger ein Muster auf ihre Schulter malte.
»Doch, die gibt es in der Tat. Einen Soldaten, noch dazu einen Hauptmann vor seiner Nase zu berauben! Was hast du dir nur gedacht, Arya? Nun werden sie hinter dir her sein, und dich früher oder später finden!« Sie seufzte schwer. »Ach Arya, was soll ich nur mit dir machen? Du bist so… so… siehst du? Mir fällt noch nicht mal ein Wort ein, um dich zu beschreiben!«
Geduldig wartete Arya auf das Ende der Predigt. Sie wusste, ihre Freundin schätzte ihren Wagemut, auch wenn er sie in die Verzweiflung trieb. Aber Cera hatte auch einen Punkt. Arya runzelte die Stirn. Der Hauptmann würde sie suchen, dessen war sie sich nun sicher. Er war viel zu starrsinnig, um einfach aufzugeben. Könnte sie sich verstecken, bis die Soldaten weggegangen waren? Sie konnten doch auch nicht ewig bleiben. Nein, das ging nicht, was sollte aus ihrem Bruder werden?
Cera verstummte, als sie merkte, dass Aryas Gedanken weit weg waren. »Was willst du nun tun?«, fragte sie ruhig und stupste Arya an, um eine Antwort zu verlangen.
»Ich… ich weiß es nicht«, gab diese zögernd zu. »Aber ich bereue es trotzdem nicht, ihm sein Geld weggenommen zu haben! Wir brauchen es, er nicht!«
Oh Arya, dachte Cera mit milder Verzweiflung.  Angestrengt überlegten die beiden Freundinnen, doch sie fanden keine Lösung. Als die Sonne langsam unterging, stand Arya auf und streckte sich.
»Zwar haben wir jetzt den Soldaten im Nacken, aber es hat sich doch gelohnt, oder? Es fehlt nicht mehr viel, dann können du, ich, John und Moon weg von hier! Wir könnten ein Schiff nehmen und ganz weit weg von hier gehen, fort von allem! Wir können einen Neuanfang machen…« Wie immer wurden die Augen der beiden Mädchen glasig bei dem Gedanken an eine Zukunft, fern von dem Elend hier. Sie lebten für diesen Traum und sparten alles, was sie finden konnten. Und bald hätten sie genug Geld, um ein Schiff für eine Überfahrt zu bezahlen, vielleicht nach Frankreich, oder Spanien. Die Mädchen seufzten unisono auf und sahen sich dann lachend an.
»Auf Wiedersehen! Bis morgen!«, rief Arya fröhlich und hüpfte hinaus auf die Straße. Dann rannte sie los, nach Hause. Sie wollte dort ankommen, bevor die Sonne untergegangen war. Sie hasste es, nachts unterwegs zu sein, hasste die Dunkelheit und die Stille. Dann kamen die Monster, die sie jagten und in ihren Träumen verfolgten. Einmal war sie von einem großen, pechschwarzen Hund angefallen worden, dessen Augen rot zu glühen schienen. Zum Glück hatte Moon, ihr silbergrauer Wolf, ihn vertreiben können.
Moon… wie sehr wünschte Arya sie jetzt herbei, wo es immer schneller dunkel wurde. Sie hatte Moon als Welpen im Moor gefunden und dann per Hand aufgezogen. Niemand, nicht einmal ihr Vater, hatte sie aufhalten können. Sie hatte Moon versteckt, bis sie ausgewachsen war, und sie erst dann nach Hause gebracht. Ihr Vater hatte es nicht gewagt, der knurrenden Moon zu nahe zu kommen. Seitdem schlug er Arya seltener, er fürchtete sich vor dem Wolf, der Arya treu zur Seite stand.
Arya hetzte durch die Straßen und nutze jede Abkürzung, die sie kannte. Zum Glück war es nicht weit von Cera nach Hause, sie schaffte die Strecke innerhalb von fünf Minuten. Angekommen nahm sie sich nicht die Zeit, zu Atem zu kommen. Sie stieß die unverschlossene Tür auf, die einst weiß gewesen war. Jetzt blätterte die Farbe ab. Das ganze Haus sah aus, als wäre es bereits verlassen, und es wurde nur notdürftig in Stand gehalten. Es sickerte Wasser durchs Dach, und die Wände waren mit Moos bedeckt, die Fenster mit Brettern zugenagelt, durch die der Wind pfiff, weil das Glas schon lange zerbrochen war. Arya hasste das Haus aus tiefstem Herzen.
Langsam betrat sie das Cottage, in dem sehr dunkel war. Mit einem lauten Knall schlug die Tür hinter ihr zu und Arya zuckte erschrocken zusammen, als auch diese letzte Lichtquelle verschwand. Zitternd stand sie im Raum. Sie fürchtete sich, ihr Herz flatterte in ihrer Brust wie ein kleiner Vogel, der in die Freiheit entkommen wollte. Das Mädchen wusste, was nun kommen würde.
»Arya«, kam eine sanfte männliche Stimme aus der Dunkelheit. »Ich dachte, ich hätte dir befohlen, vor Einbruch der Dunkelheit wieder da zu sein. Hast du das etwa vergessen?«
»Nein, Vater«, flüsterte Arya furchtvoll. Auf diese Frage gab es keine richtige Antwort.
»Warum bist du dann zu spät? Liebes, ich habe mir Sorgen um dich gemacht! Ich will das nie wieder erleben, hörst du?« Seine trügerisch leise Stimme hob sich, und nun lag Kälte in ihr, eisig, schneidend wie ein Dolch. »Hörst du? Ich muss dich bestrafen… Sonst hörst du nicht… Arya, komm her!«
Der Befehl peitschte durch den Raum und Arya schluchzte auf. Sie wusste, was kommen würde. Er würde sie schlagen, würde ihr wehtun, einfach, weil es ihm Spaß machte.
»Moon…«, wisperte Arya flehend, doch ihr Wolf war nicht da. Arya sah, wie ihr Vater einen kleinen Kerzenstummel anzündete, der sein hageres, eingefallenes Gesicht beleuchtete und in eine scheußliche Maske verwandelte. Bittere Tränen traten in ihre Augen, doch sie weinte nicht. Sie weinte nie.
Als der erste Schlag sie traf, schrie sie auf, und sie hörte Moon in der Ferne verzweifelt aufheulen. Arya ging zu Boden und hielt sich ihren Arm, wo seine Faust sie getroffen hatte.
»Was ist? Steh auf!«, brüllte er sie an und griff nach ihr. Wütend biss Arya sich auf die Unterlippe, doch sie konnte nichts tun. Sie konnte nicht… konnte gar nichts gegen ihn ausrichten… Hilfloser Zorn wütete in ihr, als er sie auf die Beine zog, nur um ihr einen Schlag in die Magengrube zu geben. Arya krümmte sich vor Schmerz zusammen und der nächste Hieb traf sie an der Schläfe und schickte sie wieder zu Boden. Sie wollte, dass er aufhörte! Er sollte aufhören, er sollte sie in Ruhe lassen, er sollte aufhören!  Etwas schepperte laut und sie hörte ein Klirren wie von einem zerberstendem Tonkrug, und dann den schweren Aufprall eines Körpers.
Vorsichtig wagte Arya, den Kopf zu heben und zu ihrem Vater zu blicken. Und ihr blieb der Mund offen stehen. Da lag er, lang ausgestreckt und bewusstlos. Neben seinem Kopf lagen die zerbrochenen Überreste einer Vase, die das letzte Andenken an ihre Mutter gewesen war. Was war passiert?, fragte sie sich, doch das hielt sie nicht lange auf. Sie wusste: Ihr Vater würde sie umbringen, wenn er wieder erwachte. Er würde sie für den Unfall verantwortlich machen, er würde sie zu Tode prügeln, dafür, dass die Vase seiner geliebten Frau kaputt gegangen war. Sie musste weg von hier!
Panisch stürzte Arya davon. Hastig stopfte sie alles in einen Beutel, von dem sie glaubte, dass es nützlich sein könnte: Proviant, zusätzliche Kleidung, Geld. Schnell lief sie hinüber zu der Pritsche, wo ihr kleiner Bruder schlief. John, erst fünf Jahre alt, sah Arya mit großen blauen Augen an. Er verstand nicht, was hier passierte, warum Arya ihn von seinem Lager zerrte. Er konnte in dem schwachen Kerzenlicht nicht sehen, wie sein Vater ausgestreckt auf dem Boden lag, doch er spürte, dass etwas ganz, ganz falsch war. Hilfesuchend sah er seine Schwester an.
»Wir müssen weg hier, lieber Bruder, so schnell wie möglich. Pack deine Sachen, aber nimm nicht zu viel mit! Nur, was du unbedingt brauchst! Hast du verstanden?«
Der kleine Junge nickte stumm und lief los, um seine Sachen zu holen. Tief atmete Arya durch, dann lief sie zur Hintertür und riss sie auf. Ein silberner Blitz schoss an ihr vorbei und stürzte sich auf den Vater.
»Moon!«, pfiff Arya ihren Wolf zurück. Sie hätte nichts dagegen, dass die Wölfin ihm die Kehle aufriss, doch sie wollte nicht, dass das Dorf sie wegen Mordes verfolgte. Moon knurrte protestierend, gehorchte jedoch und kam zu Arya zurück. Entschuldigend warf sie sich vor ihrem Mädchen auf den Boden und leckte ihre die herunterhängende Hand. Mit einem Schniefen sank Arya auf die Knie und vergrub ihr Gesicht in dem dichten Nackenfell ihrer Wölfin. Still hockte sie für ein paar Momente da und zog Kraft aus der beruhigenden Gegenwart ihrer Freundin, dann festigte sich ihr Griff und entschlossen stand sie auf.
»John, bist du fertig?«, rief sie. Ihr Bruder kam mit einem kleinen Beutel über der Schulter angerannt und stellte sich neben sie. Er sah auf seinen Vater hinab.
»Wird er wieder in Ordnung kommen?« fragte er neugierig. Es lag nicht der geringste Hauch von Sorge in seiner Stimme. Früher hatte er seinen Vater geliebt, doch nach dem Tod seiner Mutter hatte er sich verändert. Er war nicht mehr sein Vater, er war nur noch ein gemeiner Fremder, der seiner Schwester wehtat!
»Er wird schon wieder«, antwortete Arya angespannt. »Und jetzt komm, schnell, bevor er wieder aufwacht!«
Schnell verließen sie das Haus und stürmten los, in Richtung von Ceras Haus. Aryas Gedanken rasten und ihr Herz klopfte wild vor panischer Angst, aber auch vor wilder Aufregung, wie sie leicht überrascht feststellte. Es war so weit. Jetzt stand alles auf der Kippe – würden sie es schaffen, schnell ein Schiff auszutreiben, das sie fortbringen würde? Würde das Geld reichen? Diese und weitere bange Fragen huschten durch ihren Kopf, doch Arya schob alle fort. Jetzt musste sie sich darauf konzentrieren, Cera abzuholen und zum Hafen zu kommen. Wenn sie Glück hatten, war das Handelsschiff noch nicht wieder losgefahren, sondern hatte für die Nacht Anker gesetzt. Vielleicht konnten sie dort eine Überfahrt irgendwohin kriegen.
An Ceras Haus angekommen, klopfte Arya wie wild an die Tür ihrer Freundin. Es dauerte lange, viel länger als üblich, bis diese ihr aufmachte. Außer Atem wollte Arya ihrer Freundin erklären, was los war, doch Cera schob sich einfach an ihr vorbei und stellte sich neben John, ein kleiner Beutel hing über ihrer Schulter.
»Willst du mich weiter nur überrascht anstarren, oder können wir uns auf den Weg machen?«, fragte Cera mit einem milden Lächeln. Arya blinzelte. Wie hatte sie…? Dann schüttelte sie leise lachend den Kopf. Es war eben Cera, die gute, weitsichtige Cera. Vermutlich hatte sie ihren Beutel in dem Moment gepackt, in dem Arya zuvor das Haus verlassen hatte und wahrscheinlich hatte sie schon am Morgen gewusst, dass der Tag so enden würde. So war Cera halt. Sie schien immer vor allen anderen zu wissen, was geschehen würde.
»Hast du das Geld?«, stellte Arya sicher.
»Habe ich.«
»Dann los, wir müssen hier weg… ich erzähle dir später, was geschehen ist«, kam Arya der Frage zuvor, von der sie wusste, dass sie kommen würde. Zustimmend nickte Cera, dann rannten sie los, in Richtung Hafen. Moon lief vor ihnen her und stellte sicher, dass die Straßen frei waren. Dabei war sie still und leise wie ein Schatten, auch wenn der steigende Mond ihr Fell strahlend hell aufleuchten ließ, wenn sein Licht darauf traf. Arya hatte schon vor langer Zeit aufgehört, sich darüber zu wundern, wie sehr Moon sich von den Straßenkötern des Dorfes oder von anderen Wölfen unterschied. Sie war immer so leise… und so intelligent. Sie schien immer zu wissen, was Arya brauchte, noch bevor sie es selbst wusste.  
Da! Da war schon der kleine Hafen, und da war auch noch das Schiff von heute Morgen! Aufregung ergriff Arya, als sie ihr Glück in so greifbarer Nähe sah. Doch dann ging alles schief.
Moon heulte warnend auf, doch es war schon zu spät. Arya flog durch die Luft, als ein dunkler Schatten sie in die Seite traf. Mit einem grässlichen knirschenden Geräusch krachte sie in eine Holzkiste, und stinkender Fisch ergoss sich über sie. Wie aus weiter Ferne hörte sie Cera schreien und Moon knurren und jaulen, doch ihre Sinne wurden von dem scharfen Schmerz betäubt, der in ihrer Seite pochte. Benommen entfernte sie einen Fisch aus ihrem Gesicht und richtete sich auf. Zumindest versuchte sie es, doch mit einem leisen Schrei sank sie wieder zu Boden. Fahrig tastete sie mit ihrer Hand ihre Seite ab. Sie konnte keine offene Wunde spüren, aber als sie ihre Rippe betastete, konnte sie nur mit Mühe einen Aufschrei verhindern. Es tat höllisch weh, war also vermutlich gebrochen. Tränen traten in ihre Augen vor Schmerz, doch tapfer schluckte sie sie hinunter. Sie hatte schon schlimmere Schmerzen überlebt. Langsam rappelte sie sich wieder auf und schaffte es, sich umzugucken. Und was sie dann sah, ließ sie sich wünschen, dass sie nie wieder aufgewacht wäre.
Ihr kleiner Bruder lag ein paar Meter rechts von ihr und bewegte sich nicht mehr. Wegen der Dunkelheit konnte Arya nicht erkennen, ob und wie schwer er verletzt war, aber er lag verdächtig ruhig da. Cela hatte sich an eine Hauswand gedrückt und starrte mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen auf ein riesiges Biest. Für Arya sah es aus wie ein Fuchs, mit rotem Fell und buschigem Schweif mit weißer Spitze. Nur mit dem Unterschied, dass seine Augen Rot glühten und der Fuchs mindestens so groß wie ein erwachsener Mann war. Und er sah sehr, sehr hungrig aus. Mit funkelndem Blick hatte er Moon fixiert, die geduckt und zum Sprung bereit vor John hockte und herausfordernd knurrte. Höhnisch schnarrte die Bestie und machte einen Satz nach vorne, und blitzschnell schoss die Wölfin unter ihren Bauch und versenkte ihre Reißzähne tief in den weichen Bauch des Fuchses.
Aufjaulend warf er sich herum und schleuderte die tapfere Moon gegen eine Lagerwand, wo sie mit einem hässlichen Knirschen abprallte und dann reglos liegen blieb. Eine kleine Blutlache glänzte im Mondlicht. Entsetzt schrie Arya auf und Tränen liefen ihr hemmungslos über die Wangen. Moon! Nichts wollte sie lieber, als zu ihrer treuen Gefährtin zu laufen, doch der riesige Fuchs hatte sich jetzt wieder John zugewandt und machte sich bereit, ihrem Bruder die Kehle herauszureißen und sich an seinem Fleisch zu laben.
Ohne nachzudenken griff Arya sich einen Fisch und warf ihn nach dem Fuchs. Das Biest knurrte irritiert ob der erneuten Störung, und wandte seine Aufmerksamkeit einen Moment von seiner Beute ab. Arya tastete nach einem weiteren Fisch, als er langsam auf sie zukam, doch sie rutschten ihr aus den Fingern. Endlich bekam sie einen zu fassen und erhob ihn drohend, Panik schnürte ihr die Kehle zu. Sie wimmerte. Warum half ihnen denn niemand? Sie brauchten Hilfe!
Ein silberner Pfeil bohrte sich in die Seite des Wesens und es jaulte schmerzerfüllt auf. Verwirrt packte Arya den Fisch in ihrer Hand fester, nur um ihn fallen zu lassen, als neben ihr plötzlich ein junges Mädchen auftauchte. Es war in lederne Jagdkleidung gekleidet und trug in der Hand einen silbernen Bogen, auf ihrem Rücken hing ein wunderschön verzierter Köcher mit weiteren schlanken, silbernen Pfeilen. Das Mädchen konnte nicht älter als vierzehn sein, doch selbstsicher legte sie einen zweiten Pfeil an und schoss, bevor das Monster sich von dem ersten Schuss erholen konnte. Sie traf es mitten in die Brust, doch statt tot umzufallen, bleckte der Fuchs ein letztes Mal die Zähne, bevor er mit einem gewaltigen Sprung auf ein Lagerhausdach sprang und dann mit irrsinniger Geschwindigkeit verschwand.
Mit ruhiger, alt klingender Stimme befahl das Mädchen: »Lailaps, lass ihn nicht entkommen! Ich folge dir gleich.« Ein großer, goldener Hund tauchte aus dem Nichts auf und verschwand genauso schnell wieder, auf demselben Weg wie zuvor das rote Monster.
Erst dann wandte Aryas Retterin sich dem Mädchen zu. Mit irritierend intensiven, silbern strahlenden Augen musterte sie Arya, dann nickte sie ihr knapp zu. Als Cera auf Arya zugestürzt kam, ging die Jägerin mit leichten Schritten auf die am Boden liegende Moon zu und ließ ihre Hände durch deren Fell streichen.
Arya schluchzte kurz und tastete mit zitternden Händen nach Ceras, um von ihr die Stärke zu ziehen, die sie brauchte, dann rannte sie zu ihrem zusammengekrümmten Bruder und warf sich neben ihn. Mit bebenden Händen tastete sie nach seinem Puls, doch ihr eigener Herzschlag übertönte alle möglichen Lebenszeichen. Erschrocken zuckte Arya zusammen, als Cera sie sanft fortzog und selbst zwei Finger an Johns Hals legte. Leise zählte sie bis zehn, dann nickte sie Arya beruhigend zu. Ihr Bruder lebte, und sein Puls war zwar schwach, aber gleichmäßig. Erleichtert sackte Arya in sich zusammen, nur um sich sogleich an ihre Wölfin zu erinnern. Hastig sprang sie auf und hetzte zu ihrer Gefährtin, neben der immer noch das seltsame Mädchen saß. Mit stetem Blick sah dieses Arya an.
»Deine Wölfin wird leben, doch sie wird nicht bei dir bleiben können. Ich nehme sie mit und pflege sie. Ihr müsst jetzt gehen – der Teumessische Fuchs war nur der erste, der dich gewittert hat. Geh. Im Hafen liegt ein Schiff vor Anker, das dich und deine Freunde nach London bringen wird. Frage im Hafen nach Sahra, sie wird dich an Bord bringen.«
Und mit diesen Worten stand das Mädchen auf und hob den schweren Wolf mühelos auf. Mit fast schwerelosen Schritten ging sie davon.
»Warte!«, schrie Arya. »Was geht hier vor? Wohin bringst du Moon? Was hast du mit ihr vor, und was meinst du mit „Er war nur der erste, der mich gewittert hat“? Der erste von was? Und wer bist du? Antworte mir!«
Ein silberner Schimmer hüllte das zarte Mädchen ein, als es sich ein letztes Mal umdrehte und Arya mit einem ernsten Gesicht ansah. »Die Antworten auf deine Fragen werden dir schon bald beantwortet werden. Und zu deiner Frage, wer ich bin… nun, mein Name ist Artemis, und ich habe noch viel mit dir vor, kleine Arya. Deine Zeit wird kommen. Bis dahin… Lebe wohl. Wir werden uns wiedersehen.«
Und damit verschwand sie endgültig, zwei junge Mädchen und einen bewusstlosen Jungen alleine zurücklassend.  


>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>>

Teumessischer Fuchs - griechisches Monster in Gestalt eines riesigen Fuchses, dass in Theben wütete und nur durch ein monatliches Opfer besänftigt werden konnte. Es ist ein Wesen, das niemand fangen kann.

Lailaps - Jagdhund, dem nichts entkommt. Jagte den Teumessischen Fuchs, bis Zeus persönlich der unendlichen Jagd zwischen dem Fuchs, die nicht gefangen werden konnte und dem Hund, dem nichts entkommt, beendete, indem er beide zu Stein verwandelte.
Review schreiben
 
 
'