Dunkles Feuer

GeschichteDrama, Familie / P18
31.10.2014
04.12.2015
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„Wenn Tumult seinen Platz in den acht Winkeln der Welt einnimmt

Wenn der Messingturm wandert und die Zeit neu geformt wird

Wenn die dreifach Gesegneten scheitern und der Rote Turm erzittert

Wenn der Drachenblut-Herrscher seinen Thron verliert und der Weiße Turm fällt

Wenn der Schneeturm darniederliegt, zerstört, königlos, blutend

Dann erwacht der Weltenfresser, und das Rad dreht sich auf das letzte Drachenblut“

Das Buch vom Drachenblut

Jahr 360 der Dritten Ära,
Einundzwanzigstes Jahr der Herrschaft Seiner Majestät Pelagius IV.



Mit einem Tritt wurde Nathaira unsanft aus ihrem Dämmerschlaf gerissen. Murrend blinzelte sie, unwillig, eine ihrer wenigen Ruhepausen in den letzten zwei Wochen aufzugeben. Abermals landete der Stiefel auf ihr und das Grunzen eines Orks ertönte. „Steht auf! Wir sind da!“
Ihre Augen weiteten sich im dunklen Bauch des Schiffes. Tatsächlich war das Schwanken auf dem eigenwilligen Meer kaum noch auszumachen. Es herrschte rege Betriebsamkeit unter Deck, gleichenteils unter Gefangenen und unter Besatzung. Der Gedanke, endlich an die frische Luft zu kommen, trieb sie nach oben.

Nathaira hob den Kopf von dem warmen Körper der Frau, auf der sie halb gelegen hatte. Ihr Arm glitt über ihren Oberkörper und sie setzte sich ächzend auf. Mit dem Ellenbogen stieß sie die schlummernde Rothaarige an. „Wach auf, Reliele!“
Die Frau flüsterte etwas und drehte sich von ihr weg. Nathaira knirschte mit den Zähnen, kniete sich neben sie und rüttelte sie unsanft. „Komm schon!“
Relieles Kopf ruckte hoch. „Was ist los?“
„Wir sind in einem Hafen eingelaufen. Steh auf, bevor sie uns holen kommen.“ Nathaira streckte sich so gut wie möglich, auch wenn ihre Kleidung praktisch vor Schmutz starrte. Viel war von Hemd und Hose sowieso nicht mehr übrig, ebenso wenig von Relieles einst weizenfarbenem Kleid. Missmutig blickte sie auf ihre nackten, dreckigen Füße. Reliele besaß wenigstens noch ihre Stiefel.

Kaum, dass sie beide standen, wurden sie in der Masse mitgeschoben. Nathaira schlang ihre Finger um das Handgelenk der anderen Frau, um sie im Gedränge nicht zu verlieren. Sie waren gemeinsam in dieses Schlamassel hineingeraten, sie würden gemeinsam wieder herauskommen.
Sie steuerten unaufhaltsam auf die Luke zu, die sie immer weiter in Richtung Freiheit bringen würde. Zumindest hatte Nathaira vor, diese Verfrachtung zur Rückgewinnung ihrer Freiheit zu machen.
Jemand stieß sie mit der Schulter an, fester, als es im Gewimmel geschehen sollte. Sie drehte den Kopf und lächelte überrascht. Der Dunmer, der sie angerempelt hatte, erwiderte das Lächeln. Sein noch brauchbares linkes Auge glitt über die Menge. „Gebt auf Euch Acht“, sagte er.
Nathaira nickte. „Werdet Ihr versuchen, zu fliehen?“
Er neigte den Kopf nach unten, erinnerte sie an das Fehlen seines rechten Beines. Knieabwärts trug er eine primitive Vorrichtung aus Holz, mit der er wenigstens laufen konnte. „Wie weit, glaubt Ihr, werde ich kommen?“ Er grinste freudlos.
Sie ärgerte sich über ihre dumme Frage, doch der Dunmer, der ihr nie seinen Namen verraten hatte, nickte nach vorn. „Vielleicht sehen wir uns ja eines Tages wieder.“ Obwohl Nathaira es bezweifelte, stimmte sie ihm leise zu, dann wurden sie und Reliele durch die Luke gestoßen.

Danach waren es nur noch wenige Schritte eine kurze, steile Leiter hinauf, dann standen sie auf dem Deck ihres bisherigen Gefängnisses. Die Sonne ging gerade unter, das grelle Licht stach mit der Intensität tausender Nadeln in ihre Augen. Unbewusst zog Nathaira die Frau neben sich an ihre Schulter, um sie vor dem blendenden rot-orangefarbenen Licht zu schützen. Ihre eigenen Augen tränten, obwohl sie sie geschlossen hatte, doch nie zuvor war sie so glücklich gewesen, die Sonne zu sehen und endlich den Gestank, der unten geherrscht hatte, abstreifen zu können. Abgesehen von den ganzen Körperausdünstungen war auch der Seegang vielen Gefangenen nicht bekommen. Der Geruch war fast noch schlimmer gewesen als das ewig herrschende Dämmerlicht.
Gierig saugte Nathaira die klare Seeluft durch die Nase. Eine bisher viel zu selten geschätzte Wohltat.
„Der Klumpen in meinem Kopf wird gerade wieder zu einem Gehirn“, murmelte Reliele neben ihr. Dem konnte sie nur zustimmen.
Einbein – so nannte Nathaira den Dunkelelfen im Geiste – machte sie abermals auf sich aufmerksam. Er hielt ihr eine Kappe vors Gesicht. „Die solltet Ihr tragen. Ihr fallt sonst zu sehr auf.“
Sie brummte und nahm die Kappe mit einer Hand. „Kann ich gar nicht oft genug hören. Wo habt Ihr sie her?“
„So wurde unten wohl vergessen. Jetzt schnell, bevor sie es sehen.“
„Warte, ich helfe dir.“ Reliele wickelte ihre langen Haare so weit wie möglich nach oben, um sie unter die dunkle Kappe zu schieben. Nathaira konnte ihr nur mäßig helfen, beschränkte sich darauf, das kapuzenähnliche Kleidungsstück festzuhalten, damit die Rothaarige es richten konnte. „Wie geht es deinem Handgelenk?“, wollte sie jetzt wissen.
„Zu gebrauchen ist es noch nicht“, antwortete Nathaira und musterte kurz das geschwollene, verfärbte Gelenk. Einer der Wächter, ein bulliger Ork, hatte ihr das Handgelenk gebrochen, als sie sich geweigert hatte, der Crew als Unterhaltung zu dienen. Sie war bisher zu müde, zu hungrig und zu ausgelaugt gewesen, um sich zu heilen oder sich zu wehren. Da der Ork außerdem versprochen hatte, im Falle ihrer Nichtbereitschaft den Posten an Reliele weiterzugeben, hatte Nathaira ihren Stolz heruntergeschluckt und nachgegeben. Wieder einmal. Zum Glück hatte sie sich alles viel schlimmer ausgemalt, als es gekommen war. Sie war keine Mimose, und wenn einer der Wächter an ihrem Hintern herumgetatscht hatte, hatte sie nur die Augen verdreht. „Aber ich beabsichtige, das bald zu ändern“, fügte sie noch hinzu und Reliele zog einen Mundwinkel nach oben.

Ein Brüllen lenkte sie ab. Eine Karawane kam auf sie zu, eine große Gruppe gut ausgerüsteter Männer und Frauen, die ebenfalls Gefangene mit sich herumschleppten.
„Die Kaiserliche Armee“, stellte Einbein neben ihr verblüfft fest.
„Tja, sie sind dazu autorisiert, Gefangene zu machen.“ Reliele reckte den Kopf, um zwischen all den Leuten etwas sehen zu können. „Unsere Entführer allerdings nicht.“
Das wussten natürlich auch die Männer und Frauen, die sie auf dieses Schiff geschleppt hatten, und plötzlich brach Hektik aus. Die Menge setzte sich schlenkernd in Bewegung, eilig wurden sie auf Kutschen verfrachtet.
Als Reliele, Nathaira und Einbein an der Reihe waren, traf ein Pfeil einen ihrer Entführer in der Brust. Er ging ohne einen Laut zu Boden.
„Die Legion hat uns entdeckt“, lächelte der Dunmer, „vielleicht klappt das ja mit Eurer Flucht.“
„Flieht mit uns“, bat Reliele ihn. Er war ihnen beiden ans Herz gewachsen, beinahe schon ein Freund. Er hatte versucht, sie zu beschützen, wann immer es sein musste.
„Ihr seid ohne mich schneller“, schüttelte er mit dem Kopf.
Ein Teil der Armee kam nun zielstrebig auf sie zu. Die Wächter wurden zunehmend hektischer, sie bellten Befehle.

Ein Feuerball jagt die beiden letzten Kutschen in die Luft. Ein Großteil der Mannschaft wird getötet, auch einige Gefangene. Die Kaiserliche Legion wird nur wenige Männer verhören können. Das Chaos ist unbeschreiblich.

Nathaira sah die Szenerie kristallklar vor ihren Augen. Sie hatte nicht vor, auf sie zu warten. „Wir müssen entkommen“, sagte sie zu Reliele und Einbein.
Jemand drängte sich zwischen den Frauen durch und Nathaira sah einen blonden Schopf aufblitzen. Der Kerl, der sich in der Masse vorarbeitete, war ihr während der Reise schon aufgefallen. Er war entspannter als seine Mithäftlinge gewesen, als wüsste er, dass die Tortur irgendwann ein Ende hatte.

Die letzten beiden Kutschen, die gerade zur Abfahrt bereit waren, wurden samt Insassen durch die Luft gewirbelt. Das Holz zerbrach unter einem riesigen Feuerball, die Kaiserliche Armee flutete Entführer und Entführte gleichermaßen.
Die Sonne versank endgültig hinterm Horizont, im Zwielicht waren Feinde von Mitleidenden kaum zu unterscheiden.
Einbein ging irgendwann im Herumgeschubse und Kampfgetümmel unter. Nathaira nahm sich mit ihrer brauchbaren Hand ein Schwert, das ihr vor die Füße fiel. Sie und Reliele kämpften sich nach vorn, immer nah beieinander.
Ein weiterer Feuerball schlug genau vor ihnen ein und sie wurden davongewirbelt.
Benommen kam Nathaira auf die Beine, schwankend sah sie sich nach der Rothaarigen um, konnte sie aber nirgendwo entdecken. „Reliele?!“ Ihr Ruf ging in unzähligen anderen unter. Ein kurzer Anflug von Panik durchzuckte sie. Sie hatte geschworen, auf Reliele aufzupassen. Außerhalb ihrer Heimat Hochfels waren sie selten getrennt unterwegs gewesen. Es hatte sie beide schon immer in die Welt hinausgezogen, aber Reliele war noch nie in Himmelsrand gewesen – und hier waren sie inzwischen. Nathaira dagegen hatte die Provinz schon oft besucht und ihre Aufenthalte jedes Mal genossen.
Sie rammte einem Mann, der auf sie zustürmte, das Schwert in den Bauch, ohne zu wissen, wer es war. Sie musste Reliele finden.

Nathaira lief vorwärts und ließ jeden, der ihr in die Quere kam, mit ihrem Schwert Bekanntschaft schließen. Ihre Augen wurden schmal, als sie den Ork erblickte, der ihr das Handgelenk gebrochen hatte. Ein Knurren stieg in ihrer Kehle auf. Er trug ihre Kette um den Hals, jenes Schmuckstück, das sie seit ihrer Kindheit aufbewahrte, immer bei sich hatte.
Adrenalin durchströmte sie, verdrängte die ansteigende Ermattung. Wie ein Pfeil schoss sie auf die riesige Kreatur zu, die sie gedemütigt hatte.
Bevor Nathaira den Orsimer erreichen konnte, erschlaffte seine hässliche, grüne Visage und er kippte nach vorn. In seinem Rücken steckte eine Axt. Überrascht suchte sie die Umgebung ab und sah den Blonden von vorhin, der ihr grinsend zuzwinkerte und dann weiterlief, in beiden Händen jetzt je ein Schwert.
Nathaira musste ihr Schwert ablegen, um ihm die Kette abnehmen. Sie riss das Lederband durch, würde es später entweder neu knoten oder ersetzen. Der klobige goldene Ring, der ihr wertvollster materieller Schatz war, verschwand in ihrer Hosentasche. Sie folgte dem Mann, in der Hoffnung, dass er ihr vielleicht bei der Suche nach Reliele helfen würde.
Ganz in der Nähe türmte eine zerfallene Ruine nach oben, wirkte bedrohlich im Schatten der anbrechenden Nacht. Der Turm war noch einigermaßen gut erhalten, was man von den wenigen Gebäuden, die ihn einmal umgeben haben mussten, nicht behaupten konnte.

Nathaira blieb stehen und sondierte ihre Umgebung. Ihre Sinne waren dank ihres Hungers und ihrer Erschöpfung nicht einmal ansatzweise so scharf wie sonst. Auch hier kämpften ehemalige Gefangene, Entführer und Armeemitglieder. Von Reliele fehlte jede Spur. Ihr leuchtendes Haar wäre Nathaira sofort ins Auge gesprungen.
Ein Pfeil verfehlte sie nur knapp und sie sprang fauchend beiseite. Ohne sich nach dem Schützen umzusehen, hastete sie weiter über das Schlachtfeld. Der Geruch von Tod breitete sich schnell aus, die verlockenden Dämpfe von kochendem Blut stiegen ihr in die Nase. Sie setzte über eine hüfthohe Mauer hinweg und landete zwischen einer Frau und einem Ork. Ein zweiter Blick zeigte Nathaira das Kind, das die Frau hinter ihrem Rücken hielt. Sie musst nur zufällig hier gewesen sein, ihr Korb, gefüllt mit Kräutern und Wurzeln, lag umgekippt neben ihr. Sie war unbewaffnet, noch jung.
Ihr Sohn hatte seine Finger in ihre Röcke gekrallt, seine Augen waren viel zu groß in seinem blassen Gesicht. Der Anblick des Kindes war Ansporn genug für sie. Nathaira hob den Arm und schlug ihr Schwert in seine Richtung. Er parierte mit einem Grunzen, seine Axt schleuderte ihr Schwert beiseite. Schmerz schoss ihren Arm hinauf. Mit einem siegessicheren Funkeln in den Augen hob er seine Waffe, um die schwere Klinge auf sie niederfahren zu lassen.

Ein tiefer Schnitt durch seine Kehle beendete sein Leben.
„So ein Zufall.“ Der blonde Mann reichte ihr eines seiner Schwerter. Nathaira bedankte sich und er rannte weiter. „Hey, wartet!“
Er tat es nicht. Nathaira hätte ihm nachrennen sollen, doch die klaffende Kehle des Orks lenkte sie zu sehr ab. Ihre Sicht verschwamm, ihr Oberkiefer pulsierte schmerzhaft. Neben ihm in die Knie sackend, umklammerte Nathaira das Schwert fester und beugte sich über die Wunde. Ihre Zunge stieß zitternd aus ihrem Mund, direkt hinein in das dicke Blut, das vor ihr lag wie ein Geschenk. Einen Sekundenbruchteil später glitten ihre Fänge in seinen breiten Hals, saugten das noch warme Blut heraus, welches ihr endlich ihre Stärke zurückgeben konnte.
Sie trank, bis sie merkte, dass ihr das Blut zu kalt wurde, dann ließ sie von der Leiche ab. Nathaira wischte sich mit dem Arm über den Mund und betrachtete ihr Handgelenk. Es tat immer noch weh, doch der Knochen musste die Verletzung bereits schließen.
Die junge Mutter starrte sie an, eine Mischung aus Entsetzen und Dankbarkeit, während ihr Kind den Mund weit geöffnet hatte. „Flieht!“, befahl ihnen Nathaira.
Die Frau zerrte ihr Kind mit sich, das sich immer wieder zu ihr herumdrehte. Bevor es völlig aus ihrem Blickfeld verschwand, winkte es ihr schüchtern zu.
Nathaira lächelte unwillkürlich, entschied sich dann aber dafür, endlich weiter nach Reliele zu suchen.

Er kommt von hinten, viel zu schnell für einen gewöhnlichen Mann. Sein Schwert wird niedersausen, aber nicht zuschlagen. Seine Augen leuchten in der Finsternis.

Fluchend stolperte sie zurück, stieß gegen die Mauer, über die sie eben gesprungen war. Das Schwert verharrte kurz vor ihrem Gesicht, ihre Füße wurden von einem harten Tritt beiseite gefegt und sie landete auf ihrem Hintern, stieß sich gleichzeitig Kopf und Handgelenk. Schmerz pulsierte bis zu ihrem Ellenbogen und sie fletschte die noch blutverschmierten Fangzähne.
Sein Blick war wild. Zuerst dachte sie, er hätte eine Glatze, bei näherem Hinsehen entdeckte sie aber einen stahlgrauen Pferdeschwanz, der seine Schultern beim Kopfdrehen streifte. Der Haarkranz, der sich um seinen Kopf zog, war von einigen noch braunen Strähnen durchwirkt.
Er zog sein Schwert zurück und packte ihre Kapuze. Nathaira fluchte. „Verdammt, sucht Euch doch gefälligst eine andere Frau!“ Sie trat nach ihm. Sein Griff war stark, legte sich um ihren Nacken. Er war so nah, dass sie diesen irren Blick nur noch deutlicher sah. „Ich habe es satt, jedermanns Dirne zu sein!“ Endlich erwischte ihr gestärkter Tritt sein Knie und er knickte ein Stück zusammen.
Nathaira nutzte den Moment zur Flucht. Sie rannte einfach weiter, ließ die Ruine hinter sich, entfernte sich vom Kampfgetümmel.
Das Land fiel sacht ab, offenbarte eine üppige Wiese, ein Fluss schlängelte sich hindurch. Sie ließ sich keine Zeit, die Schönheit der Umgebung zu bewundern. Ihre Schritte wurden langsamer. Weit waren Mutter und Sohn nicht gekommen – jetzt sahen sie sich einer Bedrohung der Natur gegenüber.

Der Bär schlägt zu. Seine Klauen reißen ihren Oberkörper entzwei. Der Junge wird seinem kräftigen Gebiss zum Opfer fallen.

Nathaira hätte weiterrennen sollen, sichergehen, dass dieser Irre ihr nicht folgte. Ich kann nicht. Das Kind… Der Bär stieg brüllend auf die Hinterbeine. Er war riesengroß, überragte die Frau, die sich vor Schreck nicht rührte.
Nathaira war schon in Bewegung, bevor sie sich über ihre gedanklichen Zweifel hinweggesetzt hatte. Sie stieß die Mutter zu Boden und drehte sich beiseite, als die Klauen des Bären herabfuhren, sie durchtrennten Kleidung, Fleisch und Muskeln. Die Regeneration, die ihr Körper völlig automatisch nach der frischen Blutzufuhr begonnen hatte, stoppte, nun darauf konzentriert, die tiefen Wunden zu schließen.
Ihre eigenen Finger bogen sich, ihre Fänge wurden schärfer. Ohne eine einzige Waffe musste sie nah genug an den Bären herankommen, um ihm eine tödliche Wunde reißen zu können.

Pfeile spickten das Tier, bevor Nathaira zum Sprung angesetzt hatte. Ein Schwert folgte, es blieb im Hals des Bären stecken, der ächzend zu Boden ging.
Der blonde Kerl von vorhin. Und er war in Begleitung dieses schwertschwingenden Verrückten.
„Geht!“, herrschte Nathaira Mutter und Kind an.
„Wir sind keine Feinde“, behauptete der Blonde und hob zum Zeichen ihrer Friedfertigkeit die unbewaffneten Hände.
„Wenn ich jedes Mal Gold bekäme, wenn ich diesen Satz höre…“, knirschte Nathaira und entspannte keinen einzigen Muskel.
„Wir haben gesehen, was Ihr getan habt“, fuhr er fort, überging sie einfach, „Ihr seid eine tapfere Kriegerin.“
„Und eine Blutsaugerin“, fügte der Irre hinzu. Sein Begleiter hob beide Augenbrauen.
„Wie gern mir auch der Sinn nach einem Plausch mit Euch steht“, fuhr Nathaira ihm über den Mund, den er gerade wieder geöffnet hatte, „ich habe etwas zu erledigen!“
„Vielleicht könnten wir Euch helfen. Ihr sucht die rothaarige Bretonin, die auf dem Schiff bei Euch war, nicht?“
Hilflos ließ Nathaira die Hände sinken. „Reliele“, stimmte sie zu, „meine Schwester.“
„Dann suchen wir schnell, bevor die Legion alle abgeschlachtet hat“, knurrte der Verrückte, dessen Blick schon gar nicht mehr so wild wie eben war. Hatte sich seine Augenfarbe geändert? Nathaira runzelte die Stirn. Sie machte zwei kleine Schritte, blieb dann abrupt wieder stehen. In ihren Schädelwänden breitete sich ein Drücken aus, die Ankündigung rasender Kopfschmerzen. Unter der heranbrechenden Flutwelle von Bildern gaben ihre Beine nach.

Reliele bekommt einen Stoß in den Rücken und taumelt vorwärts, die Augen in unwillkürlichem Schrecken auf den Richtblock geheftet, über den auch gleich ihr Kopf rollen wird. Ihr Herz dröhnt, Schweiß steht ihr auf der blassen Stirn. Die Sonne blendet.
Ihre Knie treffen die staubige Erde, mit abgehacktem Atem beugt sie sich nach vorn, in ihren Ohren rauscht überlaut das Blut, so dass sie beinahe das Gemurmel nicht hört, das um sie herum entsteht.
Ein entsetzlicher, unmenschlicher Schrei lässt sie aufschrecken, sie sieht gerade noch einen riesigen, langen Schwanz auf sie zu peitschen, der sie streift und vom Richtblock herunterfallen lässt. Gebäude stürzen ein, Menschen schreien, ungezügelte Flammen versengen alles, was ihnen in den Weg kommt. Etwas Dunkles rauscht über der Zerstörung hinweg, ein kontrollierter Fall aus dem Himmel. Schwarze, kolossale Schwingen verdecken die Sonne. Rote Augen lodern wie das Feuer, mit der sich die Kreatur umgibt.

*********

Nathaira erwachte mit stechendem Kopfschmerz. Dieser Schmerz war nichts neues, stellte sich immer nach solch heftigen Visionen ein. Nicht der Inhalt war entscheidend, sondern die Intensität. Es war nicht das erste Mal, dass sie diese roten Augen gesehen hatte. Ihr Gefühl sagte ihr, dass es auch nicht das letzte Mal gewesen war.
Ihre Augen tasteten langsam über die hohe Decke, an der allerlei Zeug hing. Das meiste davon sah aus wie Jagdbeute. Die Balken waren mit roten Wimpeln geschmückt, auf die goldene Muster und ab und zu eine goldene Doppelaxt eingestickt waren.
„Die Blutsaugerin wacht auf“, hörte sie jemanden sagen. War das nicht die Stimme dieses Verrückten? Sie drehte den Kopf und zischte leise, als vor ihren Augen alles verschwamm. Sie hörte das Prasseln eines Feuers, mehrere Stimmen, das Klirren von Rüstung und Waffen. Ihre Muskeln spannten sich, doch ihr Versuch, sich aufzusetzen, scheiterte. Sie war irgendwo gefesselt. Kaltes Metall schnitt in ihre Haut. Nicht schon wieder. Ihre Füße ließen sich ebenfalls nicht bewegen. Vor Frustration stieß sie ein wütendes Fauchen aus. „Was soll das?“
„Nur eine Vorsichtsmaßnahme. Wir wussten ja nicht, wie hungrig Ihr sein würdet, Blutsäufer.“ Der Verrückte beugte sich über sie.
Hunger? Sie horchte in sich hinein. Nein, ihr Hunger war noch lange nicht gestillt. „Ich kann mich schon beherrschen“, fuhr sie ihn an.
„Was gibt es eigentlich noch zu diskutieren? Ich verstehe sowieso nicht, dass Ihr sie nicht gleich getötet habt!“ Eine Frauenstimme, aber kein Gesicht dazu.
„Sagtet Ihr nicht, dass sie zweimal versucht hat, eine Frau und ihr Kind zu beschützen? Sieht nicht nach einem typischen Blutsauger aus, oder?“
Die tiefe, ruhige Stimme schlug in Nathairas Magen ein. Er zog sich auf eine Art zusammen, die ihr nicht gefiel und die ganz und gar unpassend war. „Was heißt hier versucht? Ich habe sie gerettet, verdammt! Und schert Ihr immer alle über einen Kamm? Lasst mich los!“
„Ich werde Euch losbinden.“ Das war der blonde Mann, der mit ihr auf dem Schiff gefangen gewesen war. „Aber solltet Ihr Anstalten machen, uns anzugreifen, werdet Ihr schneller Pfeile und Schwerter in Eurem Leib haben, als Ihr glaubt.“
Sie schnaubte und wartete drauf, ihre Hände wieder benutzen zu können. Sobald sie frei war, setzte sie sich auf und musterte ihre Umgebung aufs Neue. Sie saß auf einem Tisch, der nur einer von drei sehr langen war, die U-förmig um ein offenes Feuer angeordnet waren. Im Prinzip gab es nur eine große Halle, von der mehrere Türen abgingen, die Fenster waren schmal, man konnte kaum durch sie hindurchsehen. Überall lagen Waffen herum. Die restlichen Tische bogen sich geradezu unter Geschirr, Essen und vielen Metflaschen.
Ihr Blick sprang zu dem Irren, der sie jetzt ebenfalls mit gehobener Augenbraue musterte. Ihr fiel auf, dass sein linkes Auge milchig und von einer dicken Narbe durchzogen war, wahrscheinlich war es unbrauchbar.
Die Fußfesseln fielen herab und Nathaira schwenkte die Beine herum, ohne aufzustehen. Erst jetzt wurde sie sich richtig der Menge an Waffen gewahr, die auf sie gerichtet waren; von Pfeil und Bogen bishin zu gewaltigen Zweihändern war alles vertreten. Sie hob einen Mundwinkel. „So viel Aufhebens wegen eine einzige Frau. Ich sollte mich wohl geehrt fühlen?“
„Wohl eher bedroht.“ Der Blonde schenkte ihr ein Grinsen. „Mein Name ist Torvar.“
„Meiner nicht“, murmelte sie geistesabwesend. Sie sah die beiden Frauen an, eine rothaarig, die andere hatte ihr Haar unter einem Helm verborgen, und fragte sich, welche von beiden ihre Vernichtung vorgeschlagen hatte. „Wo bin ich?“
„Ihr seid in Jorrvaskr.“
Einige der Krieger rückten beiseite, gaben den Blick auf einen alten Mann mit schlohweißem Haar frei. Trotz seines offensichtlichen Alters bewegte er sich zielstrebig, sein Blick war klar.
„In… Jorrvaskr“, wiederholte Nathaira langsam. Sofern es überhaupt möglich war, erbleichte sie noch etwas mehr. Ihre Augen zuckten zu den Männern und Frauen, dann wieder zu dem Weißhaarigen. Sie war bei den Gefährten gelandet. Ausgerechnet bei jener berühmten Kriegergilde, deren Ruf ihr selbst über die Grenzen von Himmelsrand hinweg vorauseilte. Eine Handvoll Söldner, die nur die talentiertesten und geschicktesten Männer und Frauen aufnahmen. „Dann seid Ihr der Herold. Kodlak W-“
„Weißmähne, ganz richtig.“ Er lächelte und sie beruhigte sich etwas. Die Selbstsicherheit und Ruhe, die der alte Mann ausstrahlte, wirkten Wunder.
„Dann…äh… danke“, murmelte Nathaira, obwohl sie nicht wusste, wofür sie sich bedankte, „aber ich muss jetzt gehen.“ Sie sprang vom Tisch, kam jedoch keinen Schritt weit. Ein Zweihänder wurde ihr an den Hals gedrückt und sie zog die Oberlippe fauchend zurück. Eisige Augen, eine faszinierende Mischung aus Blau und Silber, waren konzentriert auf sie gerichtet. „Ich denke, der Herold war noch nicht fertig.“ Nathaira starrte ihn an. Sie wollte es nicht, konnte aber nichts dagegen tun. Er war eine beeindruckende Erscheinung. Dunkle Bartstoppeln zogen sich über seine untere Gesichtshälfte, die breiten Schultern waren unter einer schwer wirkenden Rüstung geschützt, die längeren, dunklen Haare sahen aus, als hätte er sie am Morgen nach dem Aufstehen nur mit der Hand nach hinten gekämmt. Ziemlich attraktiv, attestierte sie und entspannte sich langsam. Sie hatte schon immer eine Schwäche für eindrucksvolle Männer gehabt. „Eure Argumente sprechen wohl dafür“, erwiderte Nathaira und stieß den Zweihänder mit dem Finger an.
„Vilkas“, rügte der Herold den Krieger ohne echten Tadel in der Stimme.
Eben jener zog seine Waffe zurück und ließ sie in der dazugehörigen Scheide verschwinden, die er auf dem Rücken trug.
„Wenn Ihr gehen wollt, werden wir Euch nicht aufhalten. Torvar sagte, Ihr sucht nach Eurer Schwester? Wir könnten Euch die Suche erleichtern.“
Nathairas Lippen kräuselten sich. „Ich habe kein Gold, um Euch zu bezahlen.“
„Weiterhin wurde uns berichtet, wie mutig Ihr Frau und Kind verteidigt hattet, obwohl Ihr offenkundig dringendere Angelegenheiten erledigen musstet. Ihr könntet Eure Schuld abarbeiten.“

Nicht nur sie sah den Herold verblüfft an. Vilkas vor ihr sah auch schweigend schon grimmig aus, jetzt wurde sein Gesicht noch ein bisschen finsterer. „Kodlak-“, hob er an.
„Skjor teilte uns des Weiteren mit, dass Ihr geübt im Umgang mit der Klinge seid“, überging der Herold ihn.
„Bin ich.“ Ihre einzige Lebensaufgabe bestand darin, Reliele zu beschützen. Und jetzt hatte sie bereits das zweite Mal versagt. Ihre Waffenkunst wurde perfektioniert, seit sie ein Schwert halten konnte.
„Ihr habt nicht einmal vernünftige Kleidung und keine einzige Waffe“, wies Kodlak sie auf ihre größten Probleme hin, „Das Land bereitet sich auf Krieg vor.“
Ihr Mund wurde ein bleicher Strich. „Seid Ihr Euch darüber im Klaren, dass Ihr einen Vampir beschäftigen wollt?“
„Ich gebe zu, dass wir Euresgleichen normalerweise töten“, antwortete Kodlak ungerührt, „doch die Kräfte von Vampiren sind berühmt und noch dazu scheint Ihr mir vernünftig genug, um Euch wenigstens eine Probezeit zuzugestehen. Man erkennt Euch nicht einmal auf den ersten Blick. Eure Augen sind… besonders, ohne Zweifel. Aber sie haben nicht die Farbe jener Vampire, mit denen wir es bisher zu tun hatten.“
Menschen, die von der Krankheit Sanguinare Vampiris infizierten wurden, erkannte man tatsächlich leicht an ihren Augen. Das Weiß darin verfärbte sich schwarz und im Allgemeinen waren die Augen von einem glühenden Orange bishin zu stechendem Rot.
„Es gibt kein Euresgleichen“, entgegnete Nathaira kalt, „ich bin selbst den Vampiren zu unnormal.“ Sie hatte Anschluss gesucht, hatte verzweifelt gehofft, jemand würde sie in die Geheimnisse des Vampirismus‘ einweisen, sie unterrichten.  Die Vampirmeister, an die sie geraten waren, hatten bestenfalls versucht, sie zu töten. Die Erinnerungen hinterließen einen gewohnt bitteren Geschmack in ihrem Mund. All das lag lange zurück, dennoch konnte sie die Einsamkeit nie vergessen, die sie in diesen Nächten gespürt hatte. Reliele war nicht nur ihre Schwester, sie war ihre Vertraute, ihre beste Freundin. Ihre einzige Freundin. Doch selbst ihr waren Grenzen gesetzt und sie konnte nicht verstehen, wie sich Nathaira gefühlt hatte. Schluss jetzt.

Die Spannung in der Halle war regelrecht mit den Händen greifbar. Kodlaks Entscheidung traf offenbar auf wenig Gegenliebe. Allerdings musste ihr Vertrauen in ihren Herold unerschütterlich sein, denn niemand erhob Einwände.
„Ich schlage vor, Ihr erholt Euch. Nehmt ein Bad. Skjor und Torvar werden Euch ein wenig einweisen.“
Der Irre hieß als Skjor. Mittlerweile fragte sich Nathaira, weshalb er ihr so verrückt vorgekommen war. Das Glitzern in seinen Augen. Er wirkte so normal wie seine Waffenbrüder und –schwestern.
„Ich könnte Euch in der Zwischenzeit wenigstens eine Grundausrüstung besorgen“, schlug der Mann mit der tiefen Stimme vor, die sie zuvor so erschüttert hatte. Er hatte sich bisher im Hintergrund gehalten, denn er trat nun von der Seite an sie heran, so dass sie ihn das erste Mal überhaupt sah.
Ihr klappte unkontrolliert die Kinnlade auf. Wenn sie schon dachte, Vilkas sei ein höchst faszinierender Krieger, dann war der hier atemberaubend. Er überragte alle, selbst Vilkas. Seine Schultern waren obszön breit, seine Haare ebenso dunkel wie von Vilkas, jedoch schulterlang. Sie sind Brüder. Und sie hatten dieselben Augen. Die Lippen, die von Bartstoppeln umrahmt waren, lächelten.
„Eine gute Idee, Farkas.“ Kodlak nickte. „Und wenn Ihr Euch etwas eingelebt habt, würde ich mich über eine persönliche Unterredung mit Euch freuen.“
Nathaira stimmte zu. Die kleine Versammlung löste sich auf, zurück blieben Torvar, Skjor und sie. Immer noch lehnte sie an dem Tisch, den Blick unsicher auf die Tür gerichtet. Konnte sie hierbleiben, sich ausruhen, wenn Reliele womöglich ihre Hilfe brauchte? War ihr womöglich schon etwas zugestoßen?
Ein beklemmendes Gefühl ergriff von ihr Besitz. Ohne darüber nachzudenken, lief sie auf die Tür zu, ihre Finger schlossen sich um den Türknauf. Sie brauchte ihn nur zu drehen. Sie haben Recht. Mit welcher Armee soll ich ihre vielleicht existenten Feinde überrennen? Mit einem lautlosen Seufzen drehte sie sich wieder um.

„Eine gute Entscheidung“, meinte Skjor leise.
Nathaira furchte die Stirn. „Ihr hättet mich nicht aufgehalten?“
„Nein. Wie der Alte sagte: es steht Euch frei, jederzeit zu gehen. Aber Eurer Schwester ist nicht geholfen, wenn Ihr unbewaffnet und planlos in der Gegend herumirrt. Sie könnte überall sein.“
„Wir haben nach ihr gesehen, als sich die Kämpfe weitgehend erledigt hatten“, fügte Torvar hinzu, „aber wir haben sie nirgendwo entdecken können.“
„Das habt Ihr getan?“ Verblüfft lächelte sie.
„Natürlich. Wir waren zwei Wochen zusammen auf diesem Schiff, ich wusste ja, wie sie aussah. Diese roten Haare leuchten wie Feuer. Nicht einmal Aela kann da mithalten.“ Die Männer lachten und nahmen sie in ihre Mitte.
Die Rothaarige heißt also Aela, speicherte ihr Gehirn diese kleine Randbemerkung ab. „Was tatet Ihr überhaupt auf dem Schiff?“, wollte sie jetzt von Torvar wissen. Er überragte sie um einige Fingerbreiten, während Skjor etwa ihre Größe hatte.
„Wisst Ihr, wozu man Euch gefangen genommen hat?“, stellte er eine Gegenfrage.
„Sklavenhändler oder so.“ Nathaira zuckte mit den Schultern. Sie ließ Skjor den Vortritt, der sie eine eher enge Treppe nach unten führte.
„Richtig. Wir hatten sie schon einer Weile auf dem Kieker.“ Der Krieger lachte. „Es war zwar nicht geplant, dass sie mich mit einsammeln, aber letztendlich ist ja nichts weiter passiert. Und die Arbeit wurde mir von der Kaiserlichen Armee auch noch abgenommen.“ Er machte eine kurze Pause. „Weshalb wart Ihr dort?“
Nathaira sah sich aufmerksam in den unterirdischen Räumen um. Skjor erklärte ihr, dass die Krieger hier schliefen und sich ein wenig ausruhen konnten. Es gab Bücherregale hier unten und im Hinterhof würden sich Puppen befinden, an denen man üben konnte. Es gab wohl eine unausgesprochene Vereinbarung, dass Männer und Frauen getrennt schliefen, jedoch könne sie sich überall ein Bett nehmen und sollte sich nur nicht beschweren, wenn die Zwillinge nachts Jorrvaskr auf Kaminholzlänge sägten.
Zwillinge? Rein vom äußerlichen her hätte Nathaira Vilkas für den älteren Bruder gehalten. Vielleicht lag es an seinem ernsten Gesichtsausdruck. Farkas dagegen wirkte wie ein friedlicher Bär. Sie fragte sich, was geschah, wenn man diesen Bären ein bisschen provozierte. „Wir hatten nur Pech“, sagte sie schließlich zu Torvar, „Reliele und ich sind schon viel herumgekommen. Wir reisen gern. Dieses Mal waren wir wohl zu unvorsichtig gewesen.“ Den Grund dafür verschwieg sie. Ebenso die Rastlosigkeit, die sie beide immer wieder von ihrem gemeinsamen Heim wegtrieb. Das Flüstern, das sie zu unbestimmten Zeiten einfach fortlockte und sie irgendwann wieder enttäuscht nach Hause schickte.
„Wir stellen hinten einen Zuber auf. Ihr könnt Euch in Ruhe waschen.“ Skjor rümpfte die Nase. Erst jetzt wurde Nathaira bewusst, dass sie in den letzten Wochen mit Wasser eher spärlich in Berührung gekommen war. Von sich selbst angeekelt, drehte sie den Kopf beiseite. „Farkas wird Euch ein paar Sachen bringen, mit denen Ihr vorerst über die Runden kommt. Wenn Ihr Euch ausgeruht genug fühlt, geht einfach hier entlang. Das letzte Zimmer, das Ihr findet, ist das vom Alten. Stört ihn ruhig zu jeder Tages- und Nachtzeit. Meistens kann er sowieso nicht schlafen.“ In den letzten Worten klang der Hauch von Verbitterung mit, von dem sich Nathaira nicht sicher war, ob er tatsächlich existierte. Sie nickte lediglich.
„Dann sehen wir uns später.“

Sie sah ihm nicht nach. Torvar brachte sie zu einem weitgehend leergeräumten Raum, in dem zwei Holzzuber standen. Eine ältere Frau war gerade dabei, einen Eimer Wasser hineinzuschütten. „Hier habt Ihr Tücher zum Abtrocknen“, erklärte Torvar und zeigte auf ein flaches Regal. „Kümmert Euch nicht darum, wenn hier Männer und Frauen aus- und eingehen. Privatsphäre ist hier eher Luxus.“ Wieder ein Grinsen, das seine himmelblauen Augen strahlen ließ.
„Danke.“ Nathaira fühlte sich unwohl, der Frau dabei zuzusehen, wie sie ihr Badewasser heranschleppte, so dass sie letztendlich selbst mit zupackte. Ihr Handgelenk protestierte zwar, doch es war nur noch ein nebensächlicher Schmerz.
„Lasst gut sein, Tilma“, sagte Tovar zu der grauhaarigen Frau, die sich mit einem strengen Blick aufrichtete. „Ich kümmere mich seit jeher um die Krieger der Gefährten und ich-“
„Das ist nicht nötig, aber sehr freundlich“, unterbrach Nathaira sie, „vielleicht könntet Ihr mir einen anderen Gefallen tun?“
Sie wurde ungnädig angefunkelt. Erklärend zog Nathaira aus ihrer Hosentasche die kaputte Kette. „Ich brauche ein neues Band. Oder es muss genäht werden. Könntet Ihr…?“
„Ich sehe es mir an“, murmelte Tilma die Sorgenvolle und entfernte sich.
„Ihr solltet sie Euch lieber nicht zum Feind machen. Sie ist die gute Seele des Hauses.“ Torvar half ihr mit den Eimern. Zu zweit hatten sie den Zuber bald gefüllt.
„Wie geht es Eurer Hand?“
Nathaira betrachtete das Gelenk flüchtig. „Besser. Ich habe mich bald erholt und kann es heilen.“ Sie hielt einen Finger in das Wasser, das zum Glück nicht kochend heiß war.
Torvar hielt sie davon ab, sich auszuziehen und hineinzusteigen. Mit zusammengezogenen Brauen fragte er: „Was haben sie mit Euch gemacht?“
Natürlich war es den anderen Gefangenen nicht entgangen, dass sie ständig in die privaten Räume der Wärter gedrängt worden war.
Sie zuckte mit den Schultern. „Ihnen war langweilig und sie haben sich eine Unterhaltung gesucht.“
„Und Euer Handgelenk? Was ist da passiert?“
Ihr Gesicht verzog sich. „Dieses Ekel hatte besondere Pläne, die nur ihn und mich betrafen. Er hatte die Hand schon in meiner Hose, als ihm klar wurde, dass mir das nicht gefällt.“ Sie grinste bei der Erinnerung an seinen Gesichtsausdruck. „Ich konnte ihm zwar leider nichts abreißen, aber er dürfte genug Schmerzen gehabt haben. Erinnert Ihr Euch? Er ist danach ein paar Tage komisch gelaufen.“
Der Krieger schien es weniger amüsant zu finden. „Hat er es noch einmal versucht?“
Nathaira schüttelte den Kopf. „Die meisten tatschten nur ab und zu an mir herum, als wäre ich ein Hund oder ein Pferd, das es zu loben galt.“ Wieder ein Schulterzucken. „Ich glaube, sie hatten ein bisschen Respekt vor mir.“
„Sie taten gut daran“, murmelte Torvar und Nathaira stieß ein leises Lachen aus. „Und weshalb sie Euch wählten, ist wohl auch offensichtlich“, setzte er noch nach und ihr Lächeln minimierte sich auf eine Grimasse. „Ich bin es gewohnt, angeglotzt zu werden“, stimmte sie mit leisem Unbehagen in der Stimme zu, „aber es gefällt mir immer noch nicht.“
„Vertraut mir“, entgegnete Torvar und klopfte ihr auf den Rücken, „wenn sie sich einmal an Euch gewöhnt haben, werden sie Euch nicht ständig anstarren.“
Nathaira nahm es hin. Selbst in ihrer Heimat wurde sie ständig wie eine Kuriosität begafft. Dabei gab es wesentlich seltsamere Dinge auf dieser Welt. „Weshalb fandet Ihr es so derartig beeindruckend, dass ich der Familie geholfen habe?“, wollte sie wissen.
„Ihr seid ein Vampir“, antwortete Torvar gedehnt, „ich habe noch nie einen hilfsbereiten Blutsauger getroffen.“
Ihr Lächeln war säuerlich. „Ich bin nicht hilfsbereit. Aber sie waren unschuldig. Jeder hätte das getan. Ihr hättet es auch getan.“
„Natürlich“, pflichtete er ihr bei, „ich bin ein Gefährte.“ Es war keine Arroganz, sondern eine Tatsache, auf die er stolz war. Dann wurde sein Blick gedankenverloren. „Aber täuscht Euch nicht: nicht jeder hätte ihnen geholfen. Ich denke, die Kaiserliche Armee hätte sie einfach überrannt.“ Er wies auf den Zuber. „Nun aber hinein, bevor das Wasser ganz abgekühlt ist.“

Nathaira wartete, bis sie seine Schritte nicht mehr hören konnte, dann zog sie sich in Windeseile aus. Die Kapuze landete auf dem verdreckten Haufen und ihre Haare ergossen sich über ihre Schultern, hinab bis zu ihren Oberschenkeln. Missmutig ergriff sie eine dunkle Strähne und hielt sie nach oben. Sie hatte sie lange nicht waschen können und das schien ihr Haar ihr ernsthaft übel zu nehmen. Die sonst kräftigen Locken waren kaum noch zu sehen, waren bestenfalls fettige Kringel. Sie schauderte und stieg in den Zuber.
Das lauwarme Wasser war eine Umarmung, in die sich Nathaira mit Freuden begab. Selbst das drängende Stimmchen, das sie unaufhörlich an Reliele erinnerte, verstummte für einen Augenblick, um die Erfrischung zu genießen. Nathaira tauchte bis zum Kinn ins Wasser, auch wenn ihre Knie wieder an die Oberfläche kamen. Gedankenverloren umspielte ihre Zungenspitze die Fangzähne, die sich noch nicht ganz zurückgezogen hatten. Sie würde, sobald sie sich orientiert hatte, was Zeit und Tag anbelangte, einen kurzen Ausflug machen müssen, um ihren Hunger endgültig zu stillen.
Jorrvaskr war viele, viele Jahre alt, eine Met-Halle, um die das Fürstentum Weißlauf gebaut worden war. Sie hatte Weißlauf schon einmal besucht, aber ihre Erinnerungen mussten dringend aufgefrischt werden. Sie sinnierte eine Weile über Torvars Worte nach. Es war ihr Glück, dass die Männer von ihrer Tat so beeindruckt waren. Und es war Glück der jungen Mutter, dass sie ihr Kind bei sich gehabt hatte. Ohne Kind hätte Nathaira ihr nicht geholfen, zumindest kein zweites Mal. Ihre Schwäche für Kinder war zumindest Reliele und natürlich ihren Eltern bekannt. Nathaira selbst vermutete, dass sie ihr irgendwann einmal zum Verhängnis werden würde, weshalb sie dagegen ankämpfte – und immer verlor. Jedes Kind, ob Junge oder Mädchen, ob Nord oder Argonier, erinnerte sie an ein Kapitel ihres Lebens, das sie nie beendet hatte und niemals beenden konnte. Ein Kapitel, das nur sie selbst geschrieben und gelesen hatte, das nur ihr bekannt war.
Nathaira unterbrach diesen Gedankengang abrupt. Sie griff nach der Seife und dem Öl, die bereit standen, und begann sich zu waschen. Ihr Haar bekam viel Zuwendung, mehrere Male wusch sie sich die langen Strähnen, bevor sie ihre Haut schrubbte, bis sie rot wurde. Fast wie eine Verrückte, die sich selbst die Haut herunterreißen will. Nathaira lächelte trocken.
Sobald sie sich endlich wieder sauber fühlte, nahm sie eines der Tücher und wickelte ihr Haar hinein, ein zweites band sie sich um den Körper. Sofort drängte ihr Gewissen, endlich loszugehen und Reliele zu suchen. Allerdings musste Nathaira einsehen, dass Skjor Recht hatte. Ihre Schwester konnte überall sein. Vielleicht konnte sie ihre eigenen Fähigkeiten bemühen, Reliele ausfindig zu machen, doch dafür brauchte sie mehr Kraft. Nichts führte an frischem Blut vorbei.

Er kommt um die Ecke und bringt frische Kleidung. Unbeabsichtigt tritt er auf den Zipfel ihres Tuches und während sie ihm ausweichen will, stolpert sie und das Tuch löst sich. Überrascht will er nach ihr greifen, erstarrt aber beim Anblick ihres nackten Körpers und sie gehen beide zu Boden. Ihre Gesichter verharren wenige Zentimeter voreinander, eindrucksvolle silberblaue Augen sehen sie irritiert an.

Nathaira zog gerade noch das Tuch beiseite, bevor die Vision sich erfüllen konnte. Sie wich zurück und machte dem riesigen Bären von einem Mann Platz, der sowohl mit Präsenz als auch mit seinem Körper den Raum plötzlich wesentlich kleiner machte.
„Ria hat Euch ein paar Kleider zur Verfügung gestellt“, erklärte er mit seiner rauen, tiefen Stimme, die Nathaira unter die Haut ging, „ich hoffe, sie genügen fürs Erste.“
„Danke, Farkas.“ Sein Name in ihrem Mund fühlte sich gut an. Nathaira kniff sich selbst in den Arm, um diese Reaktion zu unterdrücken. Sie war nicht nur unangebracht, sie hatte augenblicklich wirklich andere Sorgen. Dennoch konnte sie sich kaum davon abhalten, ihn ständig anzustarren.
Er nickte. Sein Lächeln war matt, aber freundlich, seine Augen schienen noch ein bisschen heller zu werden. Er musterte sie eine Weile und Nathaira hielt an sich, um sich nicht unter seinem Blick zu winden. „Ich denke, Ihr bevorzugt ein normales Schwert, keinen Zweihänder.“
„Das… das stimmt.“ Sie musterte das simple Stahlschwert, das er auf den Kleiderhaufen legte. Nun, es war besser als nichts.
„Wenn Ihr noch einen Schild oder dergleichen braucht, könnt Ihr Euch gern hier unten umsehen. Es gibt einen Raum, in dem wir einige Dinge lagern, die wir vorerst nicht benötigen. Ich zeige ihn Euch am besten. Dort findet ihr auch noch Rüstungsteile.“ Er hob die massigen Schultern. „Nicht die besten Teile, doch sie dürften für den Anfang reichen.“ Ohne ihre Antwort abzuwarten, drehte er sich um.
Verdattert musterte Nathaira den ebenso breiten Rücken, der sich in eine schmale Taille verjüngte, und trocknete sich dabei ab. Nun, sie wollte doch keine Zeit verlieren, oder?
Sie ertappte sich dabei, wie sie immer noch starrte. Sie hatte schon viele gutaussehende Männer gesehen – und zwischen ihren Schenkeln gehabt – weshalb war sie so von ihm überwältigt?
„Farkas? Habt Ihr irgendwo Bänder für die Haare oder etwas Ähnliches? Ich muss sie zusammenbinden.“
Er drehte halb den Kopf, erinnerte sich dann wohl daran, dass sie noch mit Ankleiden beschäftigt war, und sah wieder geradeaus. „Am besten fragt Ihr Njada. Sie trägt ihr Haar nie offen.“
Nathaira zwängte sich in das Hemd und stellte fest, dass es kräftig über ihren Brüsten und den Schultern spannte. Der Stoff gab kaum nach. Sie musste sich dringend selbst einkleiden. Die Hose war zu kurz, doch das überraschte sie nicht. Die meisten Frauen, die sie traf, überragte sie, ihre Mutter sogar fast eineinhalb Köpfe. Die Stiefel waren etwas zu groß, doch bequem. Sie riss ihr altes Hemd auseinander und die wenigen Stofffetzen, die nicht dreck- oder blutbesudelt waren, stopfte sie in die Stiefel. Das Tuch ließ sie vorsichtshalber um den Kopf gewickelt, zudem saugt es die Feuchtigkeit etwas aus ihrem Haar heraus.

Der Raum lag tatsächlich gleich um die Ecke. Er war mit allem Möglichen vollgestellt, angefangen von einem Doppelbett bishin zu einer strohgefüllten Übungspuppe. Farkas öffnete die Türen des Schrankes und trat beiseite, damit sie den Inhalt begutachten konnte.
Nathaira zeigte auf das Hemd, was darin hing. „Kann ich es haben?“
„Es wird zu groß sein“, überlegte Farkas und die Vampirin zupfte an den Ärmeln des jetzigen Oberteils. „Und das hier ist zu klein.“ Ihre Mundwinkel zuckten, als seine Augen kurz auf ihren Brüsten hängen blieben, dann sofort zurück zum Schrank glitten. Wortlos reichte er ihr das braune Hemd heraus, das sie über den Kopf zog. Natürlich war es zu lang, weshalb sie die Ärmel etwas nach oben krempelte. Obwohl sie überhaupt keinen Draht zu Rüstungen hatte, konnte sie nicht leugnen, dass ein gewisser Schutz vonnöten wäre. Vampire mochten keine Dinge, die ihren Oberkörper durchstechen konnten. Sie entschied sich für einen ledernen Brustharnisch und dazu passende Armschienen, lehnte jedoch weitere Rüstungsgegenstände ab. Sie mochte das Gefühl nicht, durch Kleidung oder Rüstung eingeengt zu werden, ihre Stärke lag vor allen Dingen in ihrer Gewandtheit.
Der Schwertgurt tat sein Übriges und die Länge des Hemdes stellte kein Problem mehr dar. Fragend hielt sie einen einfachen Jagddolch nach oben, woraufhin Farkas zustimmend brummte. Nathaira schnallte ihn an ihrer Wade fest und fühlte sich, derartig ausgerüstet, endlich bereit, nach Reliele zu suchen. Jetzt musste sie nur noch etwas Nahrung finden und das Gespräch mit dem Herold hinter sich bringen. Und meine Schulden abbezahlen. Sie erwog kurz, die Armschienen und den Brustharnisch zurückzugeben, schüttelte dann jedoch unbewusst den Kopf. Es war sinnlos, sie brauchte wenigstens die einfachen Teile. Es gab in Himmelsrand zu viele Dinge, die selbst einem Vampir gefährlich werden konnten. Oder gerade einem Vampir. „Ihr habt mir sehr geholfen, vielen Dank.“ Ein schwaches Lächeln zog ihre Lippen auseinander. „Könntet Ihr mir nur noch sagen, wer Njada-“
„Geht gefälligst beiseite! Habt Ihr keine Augen im Kopf?!“
Farkas neigte den Kopf zur Seite und hob eine Augenbraue. Nathaira seufzte. Sie ließ den Krieger stehen und eilte hinaus in den breiten Gang. Njada war eine der beiden Frauen, die sie oben schon gesehen hatte, sie trug den Helm. Gerade drohte sie einem rothaarigen Dunmer mit der Faust. Der Elf zischte ihr etwas zu, was sie offensichtlich noch mehr zur Weißglut trieb.
„Entschuldigt“, mischte sich Nathaira mit ein und die Frau fuhr zu ihr herum. Der Dunmer musterte die Vampirin abschätzig, ließ die beiden Frauen dann stehen. „Was wollt Ihr?“, fauchte Njada.
„Ich benötige etwas, um mein Haar zusammenzubinden, Farkas sagte, Ihr hättet-“
„Sagte er das, ja?“, fuhr sie ihr über den Mund und senkte die hellen Brauen, die sich auffallend von der sonnengebräunten Haut abhoben, über braune Augen. „Es wundert mich, dass er sich überhaupt etwas merken kann, wo sein Kopf mit so viel Luft gefüllt ist!“ Sie atmete angestrengt aus. „Könnt Ihr bezahlen?“
„Bezahlen?“, wiederholte Nathaira überrascht.
„Glaubt Ihr, alles wächst draußen auf den Bäumen, Blutsäufer?“ Schon war Njadas Stimme wieder laut.
„Schon gut“, erwiderte Nathaira langsam, als wolle sie die temperamentvolle Nordfrau nicht verschrecken, „vergesst es einfach.“
„Vergesst Ihr es, und zwar schnell!“ Njada rauschte an ihr vorbei. Die Vampirin sah ihr verstört hinterher. „Ist sie immer so?“
Farkas grinste nur. Aus irgendeinem Grund ärgerte sich Nathaira über die Bemerkung, die Njada über Farkas hatte fallen lassen, nicht über die Behandlung, die ihr zuteil geworden war. „Ich hätte Euren Namen wohl besser nicht erwähnt, oder?“
Seine Schultern hoben und senkten sich langsam. „Sie sagen alle, dass Vilkas den Verstand hat. Ich dafür die Kraft.“
Sie musterte seine Oberarme, die den Umfang ihrer Beine haben mochten. Das glaube ich sofort.
Sein Blick glitt an ihr vorbei. „Wartet mal.“
Nathaira drehte sich um und sah sich einer brünetten, jungen Frau gegenüber. Sie lächelte ihnen beiden zu. „Hallo, Farkas. Und Ihr seid dann wohl…“
Der Vampirin fiel ein, dass sie ihren Namen nicht einmal gegenüber Kodlak erwähnt hatte. Vielleicht hatte Torvar es ihm gesagt. „Nathaira. Mein Name ist Nathaira Arbell.“
„Ich bin Ria.“ Die Nordfrau gab ihr einen Klaps auf die Schulter. „Ich sehe schon, meine Kleidung passt nicht wirklich.“
„Sie ist bestens geeignet“, log Nathaira und zeigte auf das Tuch, das noch immer um ihr Haar geschlungen war. „Könnte ich Euch noch um einen Gefallen bitten? Ich benötige etwas, um meine Haare zusammenzubinden, weil-“
„Ich verstehe schon, kein Problem. Kommt mit, ich gebe Euch ein paar Bänder.“
Erleichtert folgte Nathaira Ria, da sie schon damit gerechnet hatte, aus dem Tuch einige Streifen schneiden zu müssen. Am Rande bemerkte sie, dass Farkas ihnen nachkam. Wäre die Rüstung nicht, würde sie ihn nicht hören. Für seine Größe und seine massige Gestalt bewegte er sich bemerkenswert leise.
Ria führte sie in ein Vierbettzimmer, das außerdem einen Kleiderschrank und zwei Nachttische beherbergte. Sie deutete auf die beiden rechten Betten und sagte: „Die sind übrigens frei, wenn Ihr euch hinlegen wollt.“
Sie ging zu einem der Nachttische und öffnete ihn. Nach einigen Sekunden des Herumwühlens präsentierte sie Nathaira mehrere Lederbänder, von denen sich Nathaira die drei längsten heraussuchte. „Ich danke Euch. Auch für die Kleidung. Wenn ich genug Gold verdient habe, werde ich Euch alles zurückzahlen.“
Großmütig winkte Ria ab. „Lasst Euch Zeit damit.“
Nathaira verzichtete auf einen weiteren Dank und fragte auch nicht nach einem Kamm. Für gewöhnlich reichte es, wenn sie die Finger benutzte. Sie war es gewohnt, dass Reliele ihre Haare flocht, womöglich würde es ihr selbst nicht gelingen. Die Vampirin zog in Erwägung, sich zurückzuziehen, hielt es dann jedoch für dumm. Es war sinnlos, sie konnte ihr Äußeres nicht ewig vor den Gefährten verbergen, wenn sie nicht wie Njada mit einem Helm herumlaufen wollte.

Also setzte sie sich auf das hintere rechte Bett und zog das Tuch schweigend herunter. Das kollektive, überraschte Einatmen von Ria und Farkas hörte sie kaum noch, sie kannte die Reaktionen auf dieses wilde Durcheinander aus dunkelbraunen und schneeweißen Strähnen, das ihr Haar darstellte, gut genug. Kurz nach Relieles Geburt hatten die Verfärbungen begonnen. Stück für Stück, Haar um Haar. Die linke Seite war beinahe schon komplett weiß, wurde nur noch von ihrer eigentlichen Haarfarbe durchzogen. Sie konnte durch das Zusammenbinden ihrer Haare nicht darüber hinwegtäuschen, verbarg so aber wenigstens die enorme Unregelmäßigkeit.
Ihre Finger glitten durch die feuchten Strähnen, die über einige Stunden hinweg erst trocknen würden, und die sich, sobald das Tuch entfernt war, zusammenrollten wie Katzen vor dem Kaminfeuer.
„Sind die… sind die echt?“, fragte Ria und kam näher, eine Hand ausgestreckt, als wolle sie sie berühren.
„Ja“, antwortete Nathaira tonlos, „kein Zauber, keine Perücke. Ihr könnt sie anfassen, es passiert nichts.“
„Ich könnte sie Euch flechten“, schlug Ria vor, „sie sind doch viel zu lang, als dass Ihr es allein schafft.“
Irgendwie gelang es ihr, dieses Angebot mit einem gezwungenen Lächeln anzunehmen. Ja, all diese Reaktionen waren ihr vertraut. Und ihre Augen – das rechte diopsitgrün, das linke silbern, die Pupillen kaum größer als Nadeln und vertikal wie die einer Katze – waren der krönende Abschluss, der sie zu einer Anomalie machte, an der nicht einmal der Vampirismus etwas geändert hatte.

Ria stellte sich als geschickt heraus, innerhalb von wenigen Minuten war das Chaos von Weiß und Braun zu einem festen Zopf gebunden, der an ihrem Hinterkopf begann und bei ihren Hüften endete. Die kürzesten Strähnen, die ihr Gesicht umrahmten und in ihre Stirn fielen, waren fast getrocknet. Sie bedankte sich und überließ die Nord sich selbst.
Nathaira bemerkte am Rande, dass Farkas ihr folgte. Sie ignorierte den gutaussehenden Mann, versuchte, ein Gespür für die Unterkunft zu bekommen. Ihr Ärger, dass ihr Körper so ungehemmt auf ihn reagierte, obwohl sie ihn nicht einmal kannte, wurde größer. Ihr Gewissen erinnerte sie pausenlos daran, dass es bereits einen Mann in Himmelsrand gab, mit dem sie die letzten Jahre bei jeder sich bietenden Gelegenheit ihr Bett geteilt hatte, und es nicht nötig war, sich einen zweiten anzulachen.
Vielleicht ist es nötig, überhaupt mal wieder einen Mann zu haben, dachte sie und drehte den Kopf, um Farkas abermals anzusehen. Obwohl sie ihn inzwischen ausgiebig gemustert hatte, konnte sie nicht damit aufhören. „Gibt es viel Arbeit für die Gefährten?“, fragte Nathaira, um ihr Glotzen irgendwie zu tarnen.
„Oh ja“, antwortete Farkas. Seine Stimme ließ sie erschauern. Es gab in ihrem Leben bisher nur zwei Männer, die eine derartige Wirkung auf sie hatten; und einen hasste sie aus tiefstem Herzen. „Es gibt immer Leute, die Hilfe brauchen. Unsere Arbeit ist gut, das wissen alle. Sie bezahlen gut und erwarten dafür hervorragende Leistungen.“
„Gibt es Magier unter euch?“
„Nein. Athis mag grundlegende Dinge der Magie beherrschen, doch wir sind Krieger.“ Seine hellen Augen ruhten auf ihr. „Ich spüre Magie an Euch.“
Ihre Augenbrauen zogen sich zusammen. Er hatte keine Frage gestellt, dennoch fühlte sie sich genötigt, etwas zu sagen: „Ja, ich bin mit Magie aufgewachsen. Ich kann ganz gut damit umgehen.“ Sie ließ ihre Fänge mit einem Lächeln aufblitzen. „Insbesondere, was Zerstörung anbelangt.“
Seine Neugierde, was ihre Fangzähne anbelangte, stand ihm ins Gesicht geschrieben. Obwohl es nicht nötig war, Atem zu holen, hielt Nathaira selbigen an. Ihre Kiefer pulsierten und schmerzten, erinnerten sie daran, dass sie viel zu lang vernachlässigt worden waren. Würde Farkas ihre Eckzähne berühren? Sie würde sofort zu einer Pfütze zerlaufen. Ihre Augen begannen vor Hunger zu glühen, sie sah den sanften Schein, er reflektierte sich auf Farkas‘ Rüstung.

Die Tür, die nach oben führte, schwang mit so viel Kraft auf, dass sie an der Wand anschlug.
Der kurze, prickelnde Moment zerplatzte lautlos. Farkas trat einen Schritt von ihr zurück, seine Aufmerksamkeit galt dem Störenfried. Nathaira drehte sich um. Vilkas‘ Blick verriet ihr, dass er die Situation ganz genau durchschaut hatte – und wenig davon angetan war. In der Faust hielt er einen Brief, den er ihr reichte. „In der Beflaggten Mähre gibt es einen Gast namens Thy Schwarzarm. Ihm ist dieser Brief zu überbringen. Lasst Euch von ihm bezahlen. Meint Ihr, Euch gelingt dieser erste Auftrag?“
Nathaira hätte schwören können, dass ihm während des Sprechens Reißzähne gewachsen waren. Sie kannte den Grund für Vilkas‘ offensichtliche Wut nicht, erahnte sie aber. So hatte sie jedes Mal reagiert, wenn sich ein männliches Wesen zu sehr für Reliele interessiert hatte. Er versucht, seinen Bruder zu beschützen. Sie verkniff sich ein Lächeln, setzte stattdessen eine neutrale Maske auf. „Natürlich.“ Sie überging den Hohn in seinen Worten einfach und nahm den Brief entgegen. „Mir scheint, dass die Gefährten sich kaum als Kuriere betätigen. Was ist der Haken an der Sache?“
Die einschüchternde Miene von Vilkas wurde ein wenig sanfter. Nicht unbedingt freundlich, aber er starrte sie auch nicht mehr wie seine nächste Mahlzeit an – im negativen Sinne, natürlich. „Es ist durchaus möglich, dass Schwarzarm ein paar Freunde hat, die nicht zulassen wollen, dass er diesen Brief bekommt. Versucht, keine Unschuldigen mit in die Sache hineinzuziehen. In der Beflaggten Mähre ist immer etwas los, passt also auf.“
Nathaira neigte zustimmend den Kopf. Vilkas sah seinen Bruder mit zusammengekniffenen Augen an. „Der Alte will uns sehen.“ Über die Schulter hinweg sagte er: „Und wenn Ihr in der Mähre fertig seid, könnt Ihr mit ihm sprechen.“
Nathaira widerstand dem Drang, ihm die Zunge herauszustrecken, nur mit Mühe. Es war eine Sache, dass sie auf Reliele aufpasste, denn ihre Schwester war ein wenig naiv im Umgang mit Männern, während Nathaira aus verschiedenen Gründen schon verschiedene Erfahrungen gesammelt hatte – auf verschiedenen Gebieten. Aber Farkas war älter und hatte es vermutlich nicht nötig, von seinem Zwilling beschützt zu werden. Alte Gewohnheiten, dachte sie und kehrte zu Ria zurück, um sich noch einen Mantel oder Umhang geben zu lassen, unter dem sie ihr Haar verbergen konnte.


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Ein kleines Nachwort zu Kapitel 1, ein Vorwort zur Fanfiktion „Dunkles Feuer“ generell: wie in der Kurzbeschreibung schon angedeutet, werde ich mich hier hauptsächlich auf die „größten“ Hauptstorys in Skyrim konzentrieren. Es ist daher manchmal nötig, die Original-Dialoge aus dem Spiel zu übernehmen, an denen ich keine Rechte habe, sondern Bethesda usw. usf. etc. pp. Das hat nichts mit Unlust oder Faulheit zu tun, sondern dient der Verständlichkeit (wenn z.B. mal jemand darüber stolpert, der der kein eingefleischter TES-Fan ist) und dem Aufbau. Ich werde die entsprechenden Stellen nicht extra markieren, von den meisten Lesern werden sie wahrscheinlich erkannt. Das war’s auch schon. :-) Ich wünsche viel Spaß beim Lesen!

LG
LJ
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