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...hard to find and hard to hold

von Idlewish
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Bilbo Beutlin Fili Kili Thorin Eichenschild
31.10.2014
31.10.2014
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31.10.2014 8.186
 
Was passiert, wenn die beste Freundin mit einer unglaublichen Idee ankommt? Richtig, man schreibt selbst etwas dazu - und so sind zwei unterschiedliche und doch ähnliche One Shots entstanden.
Unter den Titeln "Love is like a piece of gold..." und "...hard to find and hard to hold" könnt ihr die verschiedenen Varianten finden.
Die Rechte an Mittelerde gehören selbstverständlich J.R.R. Tolkien!



Ein einzelnes Pony galoppierte den Weg entlang, der mitten in den Ort Hobbingen führte, sicherlich nichts Besonderes, doch an diesem Abend stürmte es so heftig wie schon lange nicht mehr, den ganzen Tag hatte es aus so dunklen Wolken geregnet, dass es kaum hell geworden war. Die Wege waren nun, mitten in der Nacht, so aufgeweicht, dass der Schlamm in großen Tropfen von den Hufen spritzte und das Fell des Ponys überzogen. Die Sterne und der Mond waren nicht zu sehen, das einzige Licht waren die heimelig erleuchteten Fenster der Smials auf den Hügeln. Die Laterne am Sattel war bald ausgegangen.
Eine letzte Weggabelung lag noch vor ihm, er musste nur noch nach Beutelsend reiten, dann hatte er sein Ziel erreicht.
Der Reiter lenkte das Pony auf den linken Pfad. Das Schild zeigte an, dass es dort zum Binsenmoor ging.

Ein Donnerschlag riss ihn aus seinen dunklen Träumen, er fuhr auf und sank stöhnend zurück, als sein Kopf sich mit einem Mal anfühlte, als würde er platzen. Hatte er sich nicht hingelegt, um die Kopfschmerzen loszuwerden?
Bilbo Beutlin kniff sich in die Nasenwurzel, um sich durch den entstehenden Schmerz abzulenken, doch es brachte nicht viel. Einen Moment lang flimmerten bunte Funken vor seinen geschlossenen Augenlidern, dann öffnete er sie wieder und streckte sich.
Die Momente, in denen alles ruhig war, wurden immer seltener. Er befand sich in einer Art Daueranspannung, aus der er kaum entkommen konnte.
Das Geräusch kleiner Füße, die über den Boden seines Smials trappelten, gefolgt von schwereren, weiteren Schritten, auf ihn zu, kamen näher. Schließlich huschte der Junge ins Wohnzimmer, wo Bilbo mittlerweile den Kamin wieder angefacht hatte.
„Amad!“, brüllte er und warf sich seinem Vater in die Arme.
Mit einem triumphierenden Strahlen wandte er sich auf Bilbos Arm um und streckte die Zunge heraus.
„Ich hab dir doch gesagt, er ist wach!“, krähte er.
„Ja, Frerin, das hast du gesagt. Er hat bis eben noch deine Bücher durchgesehen, Bilbo. Ich wollte ihn nicht her lassen, eigentlich wolltest du doch schlafen und als er an mir vorbeigeschlüpft ist-“
„Ist schon in Ordnung, Fíli. Ich bin sowieso gerade aufgewacht. Man kann ja nicht den ganzen Tag verschlafen…“, lächelte Bilbo und setzte den kleinen Frerin wieder ab, der sofort zu Fíli lief, der ihn hingehockt und mit ausgebreiteten Armen auffing.
„Wie sieht es aus? Soll ich uns etwas kochen, wir essen und dann können wir eine Geschichte von deinem Vater hören, Frerin?“, fragte Bilbo und fuhr sich über die Augen.
Fíli lächelte schmerzlich, doch Frerin nickte schon begeistert.
Bilbo folgte seinem Sohn mit Fíli aus dem Wohnzimmer in die Küche. Während Frerin, der kleine Wirbelwind mit den dunkelblonden Locken und den klaren, blauen Augen schon wieder weitergetobt war.
Fíli wollte ihm gerade folgen, als der Hobbit ihm eine Hand auf den Arm legte und seinem fragenden Blick mit glänzenden Augen begegnete.
„Fíli – ist alles in Ordnung? Es ist jetzt schon so lange her und doch sehe ich doch, dass du leidest. Es bedrückt dich noch immer. Natürlich, wir waren Beide am Boden zerstört, wir haben Zeit gebraucht, es tut noch immer weh…Fíli, ich hoffe du weißt, dass ich für dich da bin. Egal, was dich so bekümmert – ich bin hier und werde nicht zulassen, dass es dich herunterzieht!“
Der blonde Zwerg nickte langsam, senkte den Blick und wandte sich ab.
„Ich weiß, dass du wieder geträumt hast. Nach all der Zeit schaffst du es nicht mehr, mir etwas vorzuspielen.“, begann er leise, bemerkte dann Bilbos eingefrorene Gesichtszüge und lenkte schnell ab. „Frerin hat gefragt, ob wir noch ein bisschen toben können. Ich gebe ihm das Schwert.“
„Ist gut.“, seufzte Bilbo. „Aber pass auf, dass ihr euch nicht verletzt!“
„Keine Sorge, Bilbo!“, grinste Fíli, „Das würde ich nie zulassen!“
Er lachte, als er die Küche verließ und Frerin hinterher jagte.
Der Hobbit wandte sich zum Herd. Frerin mochte Kartoffeln mit viel Soße, mit der er eine Art Pampe zusammenmatschte.
Während er die Kartoffeln schälte, eine Pfanne auf den Herd stellte und die Soße vorbereitete, musste er sich immer wieder über die Augen wischen.

„Bilbo!“
Die Tür wurde aufgerissen, Thorin Eichenschild polterte in das Schlafzimmer und rüttelte an der Schulter des Hobbits. Verschlafen öffnete der die Augen und blinzelte seinen Mann an.
„Steh auf, ich muss eine Gerichtsverhandlung abhalten! Ich brauche dich an meiner Seite!“
Bilbo setzte sich auf, fuhr sich durch die wirren Locken und spürte einen Moment später Thorins Lippen auf seinen, rau, klammernd – hätte der Hobbit es nicht besser gewusst hätte er behauptet, Thorin wäre verzweifelt.
„Es fällt mir so schwer, Bilbo. Ich brauche dich heute mehr als sonst!“
„Ist ja gut, ich komme. Was ist denn passiert?“
Thorin drehte sich mit wehendem Umhang zu ihm um.
„Fíli…Kíli…ich kann es nicht sagen, Bilbo, es tut mir weh. Und ich bin so wütend!“, schrie der König.
Bilbo schluckte und warf sich eine der bestickten Tuniken über, die in seinem Schrank lagen und folgte Thorin aus dem Schlafzimmer in den Thronsaal. Es war nicht die erste Verhandlung, der er beiwohnte, doch dieses Mal war es anders. Außer ihm, Thorin, Balin, Dwalin und Dís war Niemand in der Halle.
Thorin setzte sich auf den steinernen Thron und zog Bilbo neben sich.
„Du kannst sie hereinholen, Dwalin.“, sagte er gepresst und griff nach der Hand des Halblings.
Die Seitentür wurde geöffnet und der König quetschte Bilbos Finger zusammen – weshalb wurde ihm sofort klar, als Fíli und Kíli in die Halle traten. Das Gesicht des Jüngeren war verschmiert, seine Haare sahen stumpf und seine Knie staubig aus, als hätte er lange gekniet. Fíli hingegen schien gegen eine Tür oder einen ähnlich unnachgiebigen Gegenstand gelaufen zu sein, das dunkle Veilchen um sein Auge sprach eine deutliche Sprache, seine Finger zitterten deutlich sichtbar.
„Was ist denn mit ihm passiert?“, fragte Bilbo entsetzt.
„Kein Mitleid!“, knirschte Thorin, erhob sich ruckartig und sah mit dunklem Blick auf seine Neffen am Fuß der Treppe.
„Fíli und Kíli, Söhne von Dís! Ihr steht heute hier angeklagt des unzüchtigen Verhaltens und sittenloser Verbrechen.“
Bilbo verschluckte sich und hustete verzweifelt. Thorin ließ seine Hand los und trat an die Kante der ersten Stufe.
„Nach reiflicher Überlegung habe ich eine Entscheidung getroffen. Meine Aufgabe als König ist es, mein Volk zu schützen, nicht nur vor Feinden von außen, sondern auch vor Verweichlichung, Dekadenz und Sittenlosigkeit. Dabei muss es mein Anliegen sein, unsere Jungen zu schützen und von schlechten Einflüssen fernzuhalten. Aus diesem Grund habe ich folgendes Urteil gefällt-“
Bilbos Kehle entkam ein gepresstes Geräusch. Er wollte nicht im Thronsaal in Tränen ausbrechen, doch der Anblick von Fíli und Kíli ließ in seinem Hals einen Kloß entstehen, den er nicht herunterschlucken konnte. Kílis ehemals so lebensfrohe, glitzernde Augen, die nun blicklos auf den Steinboden vor ihm gerichtet waren, Fílis blutunterlaufenes Auge, das auf einmal so viel mehr Sinn machte.
Der Hobbit schlang verzweifelt seine Arme um den Oberkörper, zog die Beine an und rollte sich auf dem Thron zusammen. Das enge Gefühl in seiner Brust nahm ihm die Luft zum atmen, es war, als drücke ein Troll ihm langsam die Kehle zu.
„Kíli ist der Jüngere. Es ist meine Pflicht, ihn auf den richtigen Weg zurückzubringen. Deshalb werde ich ihn hier im Erebor belassen, wo er unter der Aufsicht seiner Mutter ist.“
Thorins Stimme schnitt durch die Kühle des Thronsaals, Bilbos Augenlider öffneten sich und er starrte fassungslos das an, das er durch die Wimpern erkennen konnte. Trotz der Tränen, die alles nur verschwimmen ließen sah er Thorins Rücken, breit  und selbstsicher aufgerichtet.
„Fíli, Sohn von Dís. Ich verbanne dich hiermit aus dem Erebor und allen Herrschaftsgebieten von Durins Volk!“
„NEIN!“
Wer zuerst geschrieen hatte?
Kíli.
Dann Dís, die allerdings nicht schrie, sondern in stille Tränen ausgebrochen war und immer wieder den Namen ihres ältesten Sohnes flüsterte.
Bilbo schüttelte fassungslos den Kopf. Er konnte – er wollte es nicht glauben. Wie konnte Thorin das sagen? So etwas Böses?
„Thorin…“
Er sprang auf den Boden, lief an Thorin vorbei, die wenigen Stufen herunter und blieb vor den beiden Jungen stehen.
„Wie kannst du das sagen?“, fragte er erstickt, „Thorin!“
„Geh mir aus dem Weg, Bilbo, mach es nicht noch schwerer! Denkst du, es fällt mir leicht, zu akzeptieren, dass meine Neffen es auf dem Flur…dass sie es miteinander treiben?“
Bilbo unterdrückte zwanghaft ein Schluchzen, seine Hände ballten sich zu nahezu lächerlich kleinen Fäusten.
„Vergisst du da nicht etwas? Wie nennst du es, wenn wir zusammen liegen? Was ist es für dich? Ich kenne die Traditionen der Zwerge, Thorin, vergisst du das vielleicht? Es ist kein Verbrechen daran, was sie tun! Zwerge, Männer, Brüder – du hast es mir erklärt. Es ist kein Fehler dabei! Es ist wie bei uns! Du kannst doch nicht-“
Thorin winkte Dwalin, der Fíli an der Schulter packte und ihn zurückzog.
„Komm, Fíli.“
„Nein! Nein, KÍLI!“
Bilbo zerriss es das Herz. Er wirbelte zu Thorin herum, der Kíli bei der Hand nahm und ihn weiter nach hinten zog.
„KÍLI!“, brüllte Fíli, er wurde von Balin und Dwalin festgehalten, Dís stand wie zur Salzsäule erstarrt neben der Szenerie.
Bilbo hatte sie lieb gewonnen. Und die Mutter dieser Jungen so zu sehen…
„Thorin!“, schrie er, „Das kannst du nicht tun! Du kannst es vielleicht mir antun, weil ich nicht direkt zur Familie gehöre, vielleicht auch Balin und Dwalin – aber nimm dir einen Moment und denk daran, was du deiner Schwester antust. Ihr und deinen Neffen! Denn dass sind die Jungen, Thorin! Deine Neffen! Das Nächste, das du in der Familie hast! Und Fíli ist dein Thronerbe! Dein Erbe, Thorin. Dein Erbe…“
Thorins Blick erfasste ihn, bohrte sich in seinen, wie er da stand. Zwischen ihm und Kíli und nahezu beschützend vor Fíli.
„Geh zur Seite, Hobbit!“
„Nein. Nein, Thorin, das werde ich nicht.“
Bilbo wusste nicht, wo der Mut herkam, mit dem er sich dem König entgegenstellte, doch er schluckte jeden Anflug von Panik herunter.
„Was soll das?“, brüllte Thorin, der mit einem Mal explodierte. „Du stehst zwischen deinem König und einem Verbannten! Du hast Verpflichtungen und die beinhalten, dass du auf meiner Seite stehen solltest. Wenn du jetzt nicht zu mir kommst-“
„Mag sein, dass du dieses Verhalten in deiner Familie ausleben kannst.“, sagte Bilbo leise, „Aber ich unterstehe nicht dir. Ich bin dein Mann – nicht dein Untertan. Und wenn du den Jungen das antun willst – dann werde ich dir das nie verzeihen können. Nur, weil dein Stolz zu groß ist! Anstatt zu akzeptieren, dass es auf diesem Weg keine Erben geben wird…“
„Du hast noch zwei Sätze, Hobbit!“, erwiderte Thorin gefährlich kalt und ruhig.
Bilbo trat noch einen Schritt auf den König zu, ließ Fíli im Augenwinkel allerdings nicht aus dem Blick.
„Schön, dann sage ich, was ich im Moment von dir halte. Ich werde-“
Er beugte sich vor und erbrach sich vor Thorins Füße. Sein Mund füllte sich mit Galle, er würgte und keuchte, die Schmerzen in seinem Bauch breiteten sich in seinem ganzen Körper aus.
„Das waren zwei.“, sagte Thorin ungerührt. „Deine Entscheidung?“
„Ist es dir ernst mit Fíli?“, fragte Bilbo und wischte sich den Mund ab. „Denn sollte es so sein – ich mache mir Sorgen um ihn!“
„Dann geh’! GEH!“, brüllte Thorin und ließ alle zusammenfahren. „Geh mit Fíli, werd glücklich mit ihm! Aber lass mich in Ruhe mit deinem Gefasel von Liebe und den Beiden! GEH! Verlass diese Halle, nimm deine Sachen und GEH!“


Der Schmerz jagte durch seine Hand, durch den Körper und ließ ihn leise aufschreien. Die Pfanne brannte sich in seine Hand, er ließ sie fallen und sprang zum Wasserbottich, um die Hand abzukühlen.
Wie hatte er nur zulassen können, dass er sich hatte ablenken lassen?
Bilbo deckte den Tisch für Drei, wie immer. Seit fast vier Jahren.
Nach dem ersten Erbrechen in der großen Thronhalle war es weiter gegangen. Das zweite Mal in den Gemächern, als er unter Tränen alles zusammenpackte. Dann, als er und Fíli auf dem Weg waren. Immer wieder.
Wie lange hatte es gedauert, bis ihnen die Idee gekommen war, dass es vielleicht doch-
‚Ist das nicht seltsam?’, hatte Fíli gesagt, ‚Ausgerechnet jetzt, wo er uns allen vorgeworfen hat, dass es keinen Erben geben wird!’
Bilbo schluchzte, stellte die Pfanne mit den Kartoffeln auf dem Tisch ab und griff nach dem Küchenhandtuch, um sich die Tränen abzuwischen.

Nach dem Essen wusch Bilbo ab, er hatte die Küche übernommen. Fíli war wie ein großer Bruder für Frerin – sie waren eine kleine Familie.
Noch immer trommelte der Regen gegen die Scheiben des Smial, der Wind zerrte an den Fensterläden und ließ sie klappern.
„Fíli – willst du die Geschichte erzählen?“, fragte Bilbo.
„Nein.“
Die Antwort kam wie aus der Pistole geschossen.
Fíli sprach nicht über den Tag, an dem sein Onkel, der für ihn auch Vaterersatz gewesen war, ihn aus seiner Heimat gewiesen hatte. Für Bilbo war es noch immer hilfreich, die Geschichten erzählen zu können und sei es nur für Frerin. Der Kleine hatte mit zwei Jahren nach seinem Vater gefragt und Bilbo und Fíli vor die Frage gestellt, was und wie viel sie dem Jungen sagen sollten.
Schließlich hatten sie sich dazu entschlossen, ihm alles zu erzählen – außer von dem Tag, an dem sie sich getrennt hatten. Bilbo erzog ihn nach seinem Ideal, doch der Zwerg in Frerin kam durch. Immer, wenn er über Elben sprach, aß oder mit Fíli durch den Smial tobte – dann sprach Bilbo ein Machtwort.
Er wollte einfach nicht hören, dass sein Sohn sprach wie Thorin. Es erinnerte ihn an den Mann, den er geliebt und verloren hatte.
„Aber er soll sich zuerst umziehen – Frerin!“
Der Junge hatte sich mit seinem kleinen Holzschwert auf Fíli gestürzt und schrie vor Lachen, als der Größere ihm auswich und hochhob.
„Wir gehen uns umziehen, Bilbo. Und der kleine Krieger hier ist gleich bettfertig, keine Sorge.“
Bilbo lächelte, bis Fíli und Frerin aus dem Zimmer waren, dann legte er neues Holz auf und schob die Sessel vor den Kamin, holte die Decken vom Fensterbrett und legte sie auf die Sitzflächen.
Sie machten es sich an Tagen wie diesem gemütlich, tranken Tee und sprachen – meistens über Frerins Vater, seine Abenteuer, seine Erlebnisse und Taten. Doch die Gewittertage waren selten und Frerin fragte auch sonst nach.
Der Hobbit ließ sich schwach schluchzend auf den Sessel zurückfallen.
„Amad! Warum weinst du denn?“, fragte Frerin, der gerade wieder im Türrahmen auftauchte, sein Holzschwert in den Händen und im Schlafanzug.
„Es ist nichts, mein Liebling.“, sagte Bilbo schnell und wischte sich über das Gesicht. „Was ist denn mit dir? Lächle für mich, mein Schatz!“
„Es wittert und du bist traurig, Amad. Wie sollte ich da lächeln?“
Fíli strich ihm über den Lockenkopf.
„Es wittert?“, grinste er. „Hast du Angst davor?“
Frerin schüttelte seine Hand ab.
„Ich bin ein großer Krieger, ich habe vor gar nichts Angst!“, rief er überschwänglich und schwang sein Holzschwert gegen Fíli.
Die Beiden verließen das Wohnzimmer wieder und rannten mit ihren Spielzeugwaffen durch den Smial.

Der hellste Blitz des Abends zuckte über den Himmel, fast zeitgleich polterte der Donner über Beutelsend und der Wind drückte die Regentropfen so kräftig gegen die Fensterscheiben, dass es klang, als würden Kiesel dagegen geworfen. Auf der Haut des Reiters fühlten sie sich an wie Nadeln, er zog die bereits triefende Kapuze tiefer ins Gesicht und band das Pony unter dem Dach des Schuppens fest.
Wenige Schritte bis zu dieser runden, grünen Tür, die er so lange nicht mehr gesehen hatte, und diese Schritte waren die schwersten seines Lebens.
Er hatte lange überlegt, ob er es ertragen konnte, diese Beiden zu sehen, die er einmal geliebt hatte.
Nun stand er vor der Tür im Regen und spürte es kaum, zu sehr war er in die Vorstellung versunken, was alles geschehen könnte. Alle Abläufe und Möglichkeiten hatte er sich durch den Kopf gehen lassen und doch hätte die Ungewissheit nicht größer sein können, als er die Faust hob und anklopfte.

Der Donner ließ Bilbo zusammenzucken.
War es Donner? Oder einfach nur – die Tür.
Er stand auf und ging in den Flur, hinter sich hörte er Frerin und Fíli spielen, auch sie schienen die Tür gehört haben und kamen jetzt zurück.
Bilbo öffnete die Tür.
Und erstarrte.

„Ich habe mich verirrt. Schon wieder!“
„Thorin.“
Der Zwerg trat an ihm vorbei in den Smial und schüttelte seinen Mantel aus. Die Wassertropfen stoben glitzernd in der Flurbeleuchtung zu Boden. Seine dunklen Haare hingen ihm nass und schwer ins Gesicht und er stand einfach nur dort, im Flur und sah sich um.
„Was tust du hier?“, presste Bilbo tonlos hervor, seine Knie zitterten, seine Gesicht fühlte sich blutleer und kalt an und er hoffte nur, dass sein Blick nicht die Verzweiflung widerspiegelte, die er in diesem Moment empfand. „Was tust du hier?“
„Ich wollte nach dir sehen. Ich habe-“
„Nein - sag nicht, dass du dir Sorgen gemacht hättest. Das ist eine Lüge und du weißt das! Tu uns Beiden das nicht an!", erwiderte Bilbo kraftlos.
Er kam sich vor, als hätte er alles verbraucht, was er Thorin entgegen hätte setzen können. Es fühlte sich an, als zerbreche er in kleine Stücke seines gequälten Selbst.
„Du musst gehen. Sofort!“, bat er leise und trat einen Schritt zurück, weg von dem Zwerg, der noch immer in der Eingangshalle stand und ihn ohne Regung anstarrte.
Er wollte fliehen, dem Blick der intensiven blauen Augen entgehen, sich verbergen – doch das ging nicht, er konnte nicht zulassen, dass Fíli seinem Onkel allein gegenüber stand, er hatte die Verantwortung für den Jungen und Frerin.
Frerin, sein Sohn, der von seinem Vater eigentlich nichts wusste, außer, dass er ein großer Krieger und gleichermaßen der Mann gewesen war, der Bilbo und Fíli ohne mit einer Wimper zu zucken, von seiner Seite gestoßen hatte.
Alles stürzte wieder auf den Hobbit ein, es war, als wäre Thorins bloße Anwesenheit ein Morgulpfeil in seinem Herzen, denn die widersprüchlichen Gefühle, die sich ihren Weg an die zuvor geheilte Oberfläche seiner Seele kämpften, ließen ihn an sich selbst zweifeln.
Dieser Mann hatte ihn und Fíli, Teile seiner Familie, einfach aufgegeben, weil ihre Entscheidung ihm nicht gefiel und doch war da ein Anflug der Wärme, der Leichtigkeit, die Bilbo stets gespürt hatte, wenn er mit seinem Liebsten zusammen gewesen war.
„Geh’, ich bitte dich.“, wimmerte Bilbo, taumelte zurück und tastete nach der Hutablage seines Vaters. „Du kannst nicht hier sein, ich bin nicht allein.“
Thorin sah ihn verständnislos an und schüttelte den Kopf.
„Aber Bilbo – ich weiß doch, dass Fíli auch…“
Der Zwergenkönig brach ab und starrte über Bilbos Schulter zum hinteren Teil des Smials. Der Hobbit sah es daran, wie sich Thorins Gesichtsausdruck veränderte. Er konnte es nicht begreifen, doch es wurde gleichermaßen härter und weicher. Der Zwerg trat einen Schritt zurück, bis er gegen die noch immer geöffnete Tür stieß.
„Khayum thane Khazadu!“
In diesem Moment zuckte ein weiterer Blitz über den schwarzen Himmel und der Donner ließ den Smial erzittern.
„Es wittert, Amad!“, sagte Frerin leise, starrte aber wie abwesend Thorin an. „Wer ist das?“
Bilbo drehte sich langsam zu seinem Sohn um. Die großen blauen Augen hatten sich noch geweitet und musterten den Zwerg in der Tür aufmerksam und zu großen Teilen neugierig. Trotzdem, das bemerkte Bilbo mit einiger Genugtuung, klammerte sich der Dreijährige an Fílis Bein und schien gebannt von dem, was er sah.
„Das ist…das-“
Bilbo brach ab. Weder konnte er den Namen des Zwergs nennen, der in der Tür stand, denn sein Sohn kannte Thorin Eichenschild als seinen Vater, noch wollte er ihm eine Lüge auftischen, das hatte Frerin nicht verdient.
Er öffnete den Mund, schluckte, sah von Thorin zu Frerin und es kam ihm so vor, als sähe er in das selbe Paar Augen, wohin er auch sah.
Thorin, Fíli, Frerin.

Es war Fíli, der schließlich die angespannte Situation löste.
„Das ist ein alter Geschäfts…partner von deiner Amad, der früher mit ihm zu tun hatte.“, sagte der blonde Zwerg und löste vorsichtig Frerins kleine Hände aus dem Stoff seiner Hose.
Der Kleine sah ihn überrascht an, trat dann einen kleinen Schritt zur Seite und ging auf Thorin zu. Fíli hielt die Luft an, denn der prüfende Blick aus klaren, blauen Augen war fest auf den Zwergenkönig gerichtet, der Anstalten machte, sich vor dem Jungen hinzuhocken-
„Komm her! Frerin, komm zu mir zurück!“
Die Panik in Bilbos Stimme schnitt Fíli ins Herz. Er sah, dass der Hobbit Angst hatte. Angst davor, dass Thorin verstehen würde, Angst, dass er ihm Frerin wegnehmen könnte. Angst davor, dass er wieder eine so wichtige Person verlor, wie drei Jahre zuvor.
Und als Fíli den Blick hob, alarmiert von der Stille in Bilbos Smial, bemerkte er den verletzten Ausdruck in den Augen seines Onkels.
Frerin war der Name seines jüngeren Bruders gewesen und damit der Name eines Vertreters des Hauses Durin.
Bilbo hatte instinktiv nach der Hand seines Sohnes gegriffen und ihn auf den Arm genommen, so, als könne er ihn dort von allem fernhalten, das ihm geschehen könnte. Und auch er bemerkte den Blick Thorins, das ungläubige Flackern, den verletzten und verstörten Blick eines Mannes, der nicht mehr wusste, welchen Sinnen er trauen konnte und was sich vor ihm abspielte. Thorin sah immer wieder bestürzt, beinahe verstört zwischen Bilbo und Fíli hin und her, seine blauen Iriden zuckten und spiegelten die innere Aufgewühltheit des Zwergenkönigs wider.
„Frerin – sag Amad ‚Gute Nacht’, ich bringe dich zu Bett.“, sagte Fíli leise, trat neben Bilbo und streckte die Arme aus, um den Jungen in Empfang zu nehmen, der sich freudig krähend abstieß und ihm in die Arme sprang.
„Hurun ganat, Amad!“, rief Frerin, drückte Bilbo einen liebevollen Kuss auf die Lippen und schlang dann seine Ärmchen um Fílis Hals, der ihn aus der Halle trug.
Der Hobbit sah ihnen nach, bis Fíli die Kinderzimmertür hinter sich schloss. Er wandte sich um, wollte ins Wohnzimmer, zurück an das wärmende Feuer, das ihn mit leisem Knacken und dem stetigen Funkenflug schon oft beruhigt hatte – doch mit einem Mal stand Thorin vor ihm in der Tür und versperrte ihm den Weg.
„Ich wusste gar nicht, dass du ein Kind hast.“, sagte er tonlos und nagelte Bilbo mit einem Blick fest, der Hobbit atmete flach ein, um nicht über die Worte zu stolpern, die sich in seinem Mund sammelten und wandte den Kopf ab, um nicht noch einmal in die Augen des Zwerges zu sehen, mit denen auch Frerin ihn ansah.
„Das geht dich auch nichts an.“, würgte er hervor. „Und nun tritt zur Seite. Dies ist mein Haus und wenn du hier willkommen sein willst, solltest du dich benehmen, als hättest du Anstand im Leib oder zumindest die Rücksicht, über solche Dinge nicht zu sprechen.“
„Dein Sohn spricht Khuzdul und heißt Frerin. Findest du nicht, dass ich es wissen sollte, wenn in meiner Familie ein Kind geboren wird?“, fragte Thorin streng, die Augenbrauen zusammen gezogen und eine tiefe Falte dort in die Stirn gegraben, wo sie beinahe aufeinander trafen.
Bilbos Lunge entkam ein schwacher Laut, seine Knie gaben nach und er wurde totenblass. Allein diese Wandlung ließ Thorin zur Seite treten und gleichermaßen besorgt und überrascht zusehen, wie Bilbo auf seinen Sessel vor dem Kamin zuwankte und darauf zusammenbrach. Es schien, als wollten ihn seine Knochen nicht weiter tragen.
„Warum sollte ich dir sagen, dass ich einen Sohn habe?“, fragte Bilbo, als er wieder zu Atem gekommen und sein Herzschlag sich etwas beruhigt hatte. „Es ist ja nicht so, als hättest du dich übermäßig um mich gekümmert, nach allem, was vorgefallen ist.“
Thorin knetete seine Hände, räusperte sich mehrmals, um seine Kehle frei zu bekommen, ohne, dass es von Nöten gewesen wäre und setzte sich dann Bilbo gegenüber hin.
„Ich hätte es dir nicht vorgeworfen. Sicherlich nicht. Aber mich so zu hintergehen – du hättest es mir einfach sagen können und ich hätte versucht es zu verstehen. Ich wäre nicht hier her gekommen, wenn ich es gewusst hätte, Bilbo, das kann ich dir versichern-“
„Thorin.“, murmelte der Hobbit leise, „Wovon sprichst du? Ich bin müde und kann dir kaum folgen. Wenn du etwas zu sagen hast, dann bring es schnell vor und drück dich klar aus. Andernfalls werde ich kaum verstehen, von was du sprichst.“
„Du willst, dass ich mich klar ausdrücke?“, fragte Thorin scharf und sprang auf, als hätte er auf einer gespannten Feder gesessen, „Dieses Kind, Frerin – ist er der Grund, weshalb du dich damals sofort auf Fílis Seite gestellt hast? Eigentlich wolltest du wohl gar nicht, dass ich Fíli und Kíli ihre…Beziehung…erlaube! Du hattest darin einen Grund gefunden, mit deinem Neuen ohne großes Aufsehen zu verschwinden, einen Grund und einen Anlass, denn wer würde einen selbstlosen Hobbit anzweifeln, der sich eines Verbannten annimmt! Wer würde vermuten, dass alle, alle Zwerge des Erebor Figuren in deinem Spiel waren! Aber ich, ich sehe jetzt, was du getan und ausgeklügelt hast! Du hast dich im Wissen auf Fílis Seite gestellt, dass ich ihn des Hofes verweisen würde, angeblich, um ihn zu unterstützen. In Wahrheit hast du mich verlassen, um zu vertuschen, dass du längst von ihm schwanger warst! Man hätte dich leicht als Metze überführen können und dieses Risiko konntest du nicht eingehen! Wenn es denn überhaupt Fílis Kind ist!“
Thorin umklammerte die Rückenlehne des Stuhls, auf dem er soeben noch gesessen hatte, so fest, dass seine Knöchel weiß hervor traten.
„Nein…“, hauchte Bilbo kraftlos, „mein…mein Kind.“
Seine Sicht verschwamm vor seinen Augen, die Tränen ließen ihn nicht mehr klar sehen. Es tat mehr weh als zuvor, er war sich nicht sicher, ob er nicht einfach einen seiner vielen Alpträume durchlebte. Doch Thorins Wut, das verzerrte, beinahe triumphale Gesicht und die geballten Fäuste schienen zu real, selbst für Bilbos Träume.
„Das Balg ist nicht seines, oder, Bilbo? Du hast nur Jemand gebraucht, dem du es unterschieben kannst, Jemand, dem du auf der Tasche liegen kannst! Und wie der Zufall es will, wird einer der Zwerge, mit denen du das Bett geteilt hast, verbannt! Du musst ja nahezu Luftsprünge gemacht haben, als dir das klar geworden ist.“
Thorin stieß sich von der Stuhllehne ab und trat auf Bilbo zu, bis er nur noch Zentimeter von ihm entfernt stand. Seine Hand fuhr in die dichten Locken des Hobbits, sein Griff bog den Hals Bilbos unnachgiebig nach hinten, bis er ihm in die Augen sehen konnte, sein Blick so kalt und ungerührt, dass es Bilbo nicht möglich war einzuschätzen, was der Zwergenkönig als nächstes tun würde.
„Das. Kind. Ist. Nicht. Von. Fíli.“, hauchte Thorin ihm ins Ohr, gefährlich leise und mit einem Mal blitzte Schmerz, tiefer, nagender Schmerz, in seinen Augen auf.
Bilbo sah es, doch er war nicht mehr in der Lage, etwas zu sagen, seine Augen liefen über, Tränen verschmierten sein Gesicht, er fühlte sich, als würde er keine Luft mehr bekommen und über ihm sah er nur das wutverzerrte und dadurch entstellte Gesicht des Mannes, den er einst geliebt hatte.
Der die grausame Wahrheit nun ausgesprochen und doch nicht verstanden hatte.
Frerin war nicht Fílis Kind.
Welchen Sinn hatte es denn noch, sich gegen Thorin zu wehren, zu versuchen, ihm alles zu erklären? Der Starrsinn des Königs, seine Unnachgiebigkeit und die Geltungssucht ließen nicht zu, dass Thorin sich Sachverhalte erklären ließ, weder von Bilbo noch von Jemand anders.
Während Bilbo weiter stumme Tränen über die Wangen liefen dachte er an die Zeiten zurück, als es Jemand gegeben hatte, der Thorin nicht nur die Stirn geboten, sondern ihn auch hatte beeinflussen und umlenken können.
Das war er gewesen, Bilbo Beutlin, der Gemahl des Königs und sein engster Vertrauter.
Wie sich all das doch geändert hatte.
Es kostete ihn unsägliche Mühe, die Augen zu öffnen und an Thorin vorbei zur Tür zu sehen, von wo er ein leises Geräusch vernommen hatte.
Fíli stand im Türrahmen, die Wangen aschfahl eingefärbt, die Arme nutzlos an seinen Seiten und den Blick fassungslos auf seinen Onkel geheftet, die Augen voller Schmerz, Trauer und Fassungslosigkeit.
Bilbo schüttelte langsam und vorsichtig den Kopf, setzte sich auf und fuhr sich über die Augen, öffnete den Mund, um einen letzten hoffnungslosen Versuch zu beginnen, mit Thorin zu sprechen-

„Du hast es versprochen, nadadel! Einmal vor dem Schlafen!“
Das Geräusch von Frerins bloßen Füßen auf dem steinernen Boden der Eingangshalle ließ sie alle drei aufsehen.
„Nadadel! Jetzt!“
Frerin sprang in den Flur und schwang sein Holzschwert gegen Fíli, der sich mit einem vernichtenden Blick auf seinen Onkel abwandte und den kleinen Jungen in seinen Armen auffing.
„Du sollst doch schlafen, Kleiner!“, sagte er ruhig und nahm Frerin das Holzschwert ab. „Du hast Amad Gute Nacht gesagt und kannst jetzt schlafen!“
„Pah!“, machte Frerin mit aller Abfälligkeit, die ein Dreijähriger aufbringen konnte, „Du hässlicher Elb!“

Bilbos Nerven lagen blank, er war nicht mehr in der Lage, sich und seine Gedanken zu kontrollieren.
Nur so erklärte sich, dass er heftig aufsprang, als sein Sohn diese Worte aussprach und mit ausgestrecktem Zeigefinger rief:
„So etwas will ich nie wieder von dir hören, Frerin! Du klingst wie dein Vater!“
Und er wusste, dass es kein Zurück mehr gab.
Nicht, nachdem er Frerin jahrelang davon erzählt hatte, wie unverzeihlich ignorant sein Vater mit Elben umgegangen war.
Nicht, nachdem sein Zeigefinger anklagend und zitternd auf Thorin deutete.
„A-adad?“, hauchte Frerin.
Fíli räusperte sich, nahm den Jungen auf den Arm und verließ mit ihm das Zimmer, während er versuchte, ihn zu beruhigen und zu erklären, was geschehen war. Bilbo war sich nahezu sicher, dass er das tun müsste, doch er hatte nicht einmal mehr die Kraft, sich in seinem Sessel wieder aufzurichten.
„Ist es…ist es wahr?“
„Was?“, fragte Bilbo schwach, er sah kaum noch etwas und die Ränder seines Sichtfeldes schienen gefährlich zu flimmern.
„Frerin – er ist…er ist mein Sohn?“
Thorin setzte sich wieder.
„Ich würde es nicht so bezeichnen.“, flüsterte Bilbo, „Du hast eben ihn und mich in der schlimmsten Art beleidigt, die man sich vorstellen kann. Man sollte nicht so von seinen Kindern sprechen, Thorin. Und ich weiß nicht, ob ich dir verzeihen kann.“
„Bilbo-“
„Ich meine nicht, dass du mich verletzt und verstoßen hast. Das ist etwas, das ich sogar verstehen kann. Ich habe mich gegen den König gestellt und natürlich kommen deine Geschäfte und das Wohl deines Volkes nach deinem Ermessen an erster Stelle. Aber dass du an meiner Treue und Liebe zu dir zweifelst und es für möglich hältst, dass ich während unserer Ehe mit anderen Männern schlafe und deren Kinder austrage – Frerin ist dein Kind, aber mein Sohn. Er ist ohne dich bis jetzt wunderbar ausgekommen und mit Fíli als seinem Bruder und mir als seinem Vater sehr glücklich. Du hast mich verbannt – und ihn mit mir. Ich brauche dich nicht mehr und er dich ebenso wenig. Es hat lange gedauert aber jetzt kann ich es so sehen. Wir brauchen weder dich noch deine Meinung dazu. Du hast diesen Sohn nicht und es wird sich für dich nichts ändern.“
Bilbo stand auf und öffnete eine  Tür.
„Du kannst im Gästezimmer unterkommen. Morgen reitest du zurück und vergisst Frerin, Fíli und mich wieder, wie in den letzten drei Jahren auch.“
Thorin warf ihm noch einen letzten, verstörten Blick zu und verließ dann das Wohnzimmer.

„Zeig mir deine Hand.“
„Was soll das, Fíli?“, fragte Bilbo, hielt ihm allerdings die Hand hin.
Fíli besah sich die Handfläche, wo sich die Pfanne eingebrannt hatte.
„Thorin schläft? Was wollte er? Bilbo – wollte er euch zurückholen? Wirst du mit ihm darüber sprechen? Hat er etwas über Kíli gesagt?“
Der Hobbit schüttelte den Kopf.
„Er hat mich auf dem falschen Fuß erwischt, aber das ändert nichts daran, dass ich…dass er…ach Fíli-“
„Du liebst ihn. Immer noch. Und jetzt tut es noch mehr weh, als vorher. Ich kann es verstehen, er ist mein Onkel, er hat mich aufgezogen – und was er mir angetan hat kann ich ihm nicht vorwerfen, weil ich ihn noch immer liebe. Es wäre falsch, wenn nicht. Er ist mein Onkel, meine Familie. Alles, was du tun musst, ist, dir darüber klar zu werden, was für Prioritäten du dir setzt und womit du zufrieden bist. Frerin hat Fragen gestellt und ich habe es ihm erklärt. Dass Thorin sein Vater ist, dass er euch lange Zeit…aus den Augen verloren hat. Er schläft und es geht ihm gut. Und du solltest jetzt auch ins Bett gehen und dich ausschlafen, immerhin hast du die ganze Zeit über keine Ruhe gehabt. Thorin wird morgen wieder gehen und wir werden unseren Alltag wieder haben.“

Während Fíli und Bilbo noch in der Küche das Frühstück vorbereiteten, saß Frerin am Tisch und spielte mit den kleinen Holzfiguren, die der blonde Zwerg ihm geschnitzt hatte.
„Amad?“
„Ja, mein Liebling?“
„Bleibt Adad bei uns?“
Das Messer fiel Bilbo klimpernd aus den Fingern.
„Nein, Frerin, Adad wird nicht hier bleiben können. Aber er kann dich und Amad mitnehmen zum Erebor und dort mit euch wohnen.“
Thorin trat in die Küche und setzte sich zu Frerin, der ihn aus großen Augen ansah.
„Ehrlich?“, fragte er nach. „Das kannst du?“
Thorin lächelte, legte ihm eine Hand auf den Kopf und nickte.
„Frerin – willst du einen Elbenkrieger?“
Bilbo warf Fíli einen Blick zu, der den Jungen aus der Küche schob und ihn noch einmal fragend ansah.
Dann war er allein mit Thorin.
„Was sollte das?“
„Was?“
Der Hobbit nahm das Messer wieder in die Hand und schnitt Brot in Scheiben.
„Das gerade. Was denkst du dir dabei, so etwas zu sagen?“, fragte Bilbo, fassungslos den Kopf schüttelnd. „Was soll das?“
„Es ist die Wahrheit, Bilbo. Ich möchte dich und Frerin mitnehmen, ich möchte euch wieder im Erebor wissen, ich möchte euch um mich haben. Bitte, Bilbo! Verzeih mir!“
Bilbos Hände begannen zu zittern, als er sich umdrehte und den Mann ansah, den er geheiratet hatte.
„Du hast bis gestern nichts von Frerin gewusst und hast mir in ziemlich deutlichem Ton zu verstehen gegeben, dass du mir nicht vertraust. Warum sagst du heute Morgen also so etwas? Und das vor Frerin, der es nicht verstehen wird, wenn ich jetzt ‚Nein’ sage? Denn das werde ich! Und wenn du allen Ernstes versuchst, einen Keil zwischen mich und meinen Sohn zu treiben, indem du uns gegeneinander ausspielst, gibt es keinen Valar und keinen Gott der Menschen, der dich dann noch retten kann, Thorin Eichenschild. Ich werde nicht mit dir gehen. Frerin bleibt hier, im Auenland, mit mir. Hier, wo er aufgewachsen ist und wo er die Umgebung kennt. Ich werde ihn nicht zum Erebor bringen, damit du dich als liebevoller Vater aufspielen kannst, der mit einem Mal einen direkten Erben hat und nicht mehr auf seinen Neffen angewiesen ist, den er vor Jahren verbannt hat-“
„Hier geht es nicht um Fíli. Es geht nur um dich und Frerin.“, sagte Thorin und sah Bilbo an.
„Was?“
„Ich spreche…nicht davon, Fíli zurückzuholen. Als ich aufgebrochen bin, wollte ich mich nur bei dir entschuldigen und hatte gehofft, dass du zurückkommst-“
Bilbo starrte den Zwerg einfach nur an, ablehnend, fassungslos und wütend.
„Das kann nicht dein Ernst sein.“, sagte er dann leise. „Fíli ist dein Neffe. Er liebt Kíli und indem du sie getrennt hast, hast du ihrer beiden Herzen gebrochen. Ich habe mich Fíli angeschlossen, weil ich das wusste und er hat sich aufopfernd um Frerin und mich gekümmert wie ich um ihn – einfach, um sich abzulenken! Und jetzt kommst du hier an und meinst, erstens einfach über mein Kind und mich entscheiden zu können und zweitens, Fílis Herz erneut zu brechen? Er hat gelitten, er hat darunter gelitten, dass es sein Onkel war, den er wie einen Vater liebte, der ihn aus der wiedergewonnenen Heimat verbannt hat! Und ich sage dir eines, Thorin Eichenschild: Ich werde nicht ohne Fíli das Auenland verlassen und du wirst es nicht schaffen, mich davon zu überzeugen, dass alles werden kann, wie früher, wenn ich mit dir mitgehe.“
Thorin musterte ihn einen Moment lang sprachlos, dass sprang er heftig auf, warf dabei den Stuhl um und atmete tief ein.
„Schön, Halbling. Du hast mir deinen Standpunkt mehr als verdeutlicht. Ich werde euch nicht mehr länger stören – aber wenn du forderst, dass ich dich und Frerin vergesse, dass ich euch einfach lösche und nicht mehr daran denke, dass ich dich liebe und an meiner Seite wünsche – wenn du das forderst, dann muss ich dir sagen, dass ich es nicht schaffe. Dann muss ich dir sagen, dass mich der Anblick von Kíli, wie er auf einem Felsvorsprung im Mondlicht sitzt und weint, berührt hat. Aber ich kann Fíli nicht bitten, zurückzukommen. Ich hoffe, du verstehst es, Bilbo. Es ist der Fluch aller Zwerge unseres Hauses und sich Fehler einzugestehen wie ein Makel unseres Charakters. Lebt wohl!“
Thorin wandte sich ab, ging durch das Wohnzimmer in den Flur, öffnete die Tür und blieb einen Moment im Morgenlicht stehen.
Dann atmete er tief durch, verließ den Smial und nur Minuten später sah Bilbo durch das Küchenfenster, wie ein Pony den Weg nach Osten nahm und von seinem Reiter nahezu unbarmherzig zu einer so hohen Geschwindigkeit angetrieben wurde, dass es sicherlich schon nach wenigen Meilen völlig kraftlos sein musste.
Thorin floh, das spürte er.
„Bilbo? Was ist geschehen?“, fragte Fíli leise von der Tür, während der Hobbit noch immer dem Tier hinterher sah, das schließlich hinter einer Wegbiegung verschwand.
„Er ist gegangen. Er ist weg – und es fühlt sich falsch an.“
Bilbo ließ die Arme sinken, seine Hände hingen nutzlos und hilflos an seiner Seite und über seine Wange rollte eine einzelne, bittere Träne.
„Fíli – was ist der Fluch von Durins Haus?“
„Es heißt, wie wären stolzer und unnachgiebiger als alle Anderen. Warum? Bilbo – was ist geschehen? Warum fragst du nach diesem wenig schmeichelhaften Charakterzug meiner Familie? Hat Thorin-“
Der Hobbit sank auf die Knie und barg das Gesicht in den Händen.
„Er sprach davon, dich nicht bitten zu können, zurückzukehren. Jetzt verstehe ich es, es war sein Stolz! Sein verdammter Stolz, der ihn daran hinderte, einen Fehler einzugestehen. Sich einzugestehen, dass es falsch war, euch zu trennen, dich zu verbannen, mir zu misstrauen. Aber er konnte es nicht zugeben. Und jetzt…jetzt ist er für immer gegangen.“
Er fühlte sich leer, ausgelaugt und einsam an, als hätte er etwas fortgeworfen, das für ihn lebenswichtig war.
„Ich weiß…“, flüsterte Fíli, „Ich weiß, wie du dich fühlst – was in dir vorgeht. Es ist das Selbe, das ich fühle, wie ich…mich fühle.“
Er ging ein paar Schritte auf den Hobbit zu, der sich auf dem Boden zusammenkrümmte und die Arme um den Kopf gelegt hatte, als wolle er sich schützen, abpolstern und selbst bewahren vor dem, was ihm geschehen war.
„Aber Bilbo – ich glaube nicht, dass er für immer verschwunden ist.“
„Was?“, fragte der Hobbit erstickt und wischte sich über das Gesicht.
„Ich sagte…dass ich nicht glaube, dass er für immer verschwunden ist…weil da nämlich – Bilbo, er kommt zurück!“
Fíli sprang zum Fenster und ballte die Hände zu Fäusten.
„Er kommt zurück.“
Bilbo sah ihn aus großen, rotgeweinten Augen an, rutschte zurück auf die Knie und rappelte sich hoch.
„Was meinst du damit?“
Fíli wandte sich augenverleiernd zu ihm herum und zog ihm am Kragen zum Fenster.
„Ich sehe nichts, Fíli! Was soll ich hier bitte sehen?“
In diesem Moment klopfte es an der Haustür. Fíli und Bilbo schraken wie ertappt von der Fensterscheibe weg und stolperten nach hinten. Der Hobbit konnte sich gerade noch am Küchentisch festhalten und Fíli abfangen – der blonde Zwerg polterte gegen einen Stuhl und setzte sich auf den Hosenboden.
Wieder klopfte es, drängender diesmal.
„Mahal!“, kicherte Fíli, fieberhaft im Versuch, sich aufzurappeln, „Er ist zurück!“
Frerin hüpfte durch den Flur, auf die Tür zu und öffnete sie unter Auferbietung aller Kraft, die er im Stande war, zu nutzen. Bilbo spähte am Türrahmen vorbei und sah die Gestalt des Mannes dort stehen, von dem er noch Minuten zuvor gedacht hatte, ihn verloren zu haben.
„Thorin!“, flüsterte Bilbo unter Tränen, „Er ist zurück.“
Seine Stimme klang erstickt und doch wandte der Zwerg den Kopf und begegnete seinem Blick entschlossen – nahezu verbissen.
„Adad! Du bist wieder hier!“, krähte Frerin vergnügt und schlang die Arme um Thorins Beine.
„Ja. Ja, Frerin, ich bin wieder hier.“
Die Stimme des Zwergenkönigs klang zittrig und nicht halb so fest, wie Bilbo sie kannte, der sich über Hemd und Hose strich und Fíli auf die Beine half, der sich sofort an ihm vorbei drückte, Frerin auf den Arm nahm und mit ihm ins Kinderzimmer zurück ging. Sobald die Tür geschlossen war, erklangen kindliches Kampfgeschrei und das Aufeinandertreffen von Holzschwertern.
Bilbo atmete langsam aus und sah wieder zu Thorin. Sie Beide hatten zur Kinderzimmertür gesehen – jetzt trafen sich ihre Blicke wieder und Bilbo schluckte.
Das Blau in Thorins Augen strahlte intensiver und dunkler als je zuvor, als er auf ihn zu ging, bedächtig Schritt vor Schritt setzte und seine schweren Stiefel auf den Tonfliesen dröhnten. Bilbo atmete hektischer ein und aus, wich zurück und krallte seine zitternden Finger in den Hemdsaum.
Und dann stand Thorin vor ihm, fixierte ihn und hob eine Hand.
Die Finger legten sich an seine Wange, der Daumen stützte das Kinn und hob das Gesicht des Hobbits an, bis er sich nur noch wenig herunterbeugen musste, um seine Lippen in Besitz zu nehmen.
Das Gefühl, ihn erobern zu müssen, ihn zurückerobern zu müssen, übertrug sich auf den Kuss, Thorin presste ihn gegen die Wand und hielt seine Lippen mit seinen fest. Bilbo erwiderte den Kuss und klammerte sich in Thorins Umhang, der fuhr ihm mit den Fingern durch die Haare, als wüsste er sonst nicht, was er sonst mit ihnen anfangen sollte. Er biss  ihn in die Lippen und dann brach das Schluchzen aus ihm hervor.
Thorin Eichenschild brach in Tränen aus und löste seine Lippen von denen des Hobbits. Feuchte Spuren schimmerten auf seinen Wangen und die salzigen Tropfen fielen auf seine Hände, sie noch immer Bilbos Kopf hielten.
„Es tut mir leid, Bilbo! Es tut mir leid!“, schluchzte Thorin und lehnte seine Stirn gegen Bilbos, „Ich kann ohne dich nicht sein, nicht ohne dich, nicht ohne Fíli. Ich möchte euch Beide wieder mitnehmen. Kíli…Kíli hat gelitten, Dís hat gelitten – bitte, Bilbo, denk zumindest darüber nach. Bitte, tu es für mich…oder für Frerin, oder…oder für Fíli – aber bitte…bitte komm zurück. Lass mich noch einmal…gib mir eine Chance, ich liebe dich! Ich liebe dich und ich kann mir selbst nicht verzeihen, was ich damals gesagt und getan habe und was ich gestern gesagt und getan habe. Ich hasse mich dafür und ich möchte alles wieder gut machen. Dir, Frerin und Fíli gegenüber.“
Bilbo fuhr ihm mit dem Daumen über die Wangen, wischte die Tränen weg und schluchzte ebenfalls leise.
„Thorin…“
Seine Stimme klang rau und gebrochen, seine Augen brannten noch von den Tränen des vergangenen Tages und nun reizten die neuen ihn erneut.
„Du kannst mir nicht verzeihen, oder?“, fragte Thorin leise und trat einen Schritt zurück.
Bilbos Blick war in einem Moment auf den anderen verletzt und gleichermaßen liebevoll geworden, er nahm Thorins Hand, atmete tief ein und schüttelte leicht den Kopf.
„Was machen Amad und Adad?“, wisperte Frerin Fíli ins Ohr.
Die Beiden standen im Flur, Fíli hielt den Kleinen auf dem Arm und hatte ihn auf der Hüfte abgesetzt.
„Sie…besprechen…entscheiden….etwas.“, sagte Fíli tonlos. „Lass uns gehen, Kleiner.“

~*~


„Ich verstehe es nicht, Mutter! Warum heute? Warum jetzt? Du gehst sonst nie an Wochentagen aus dem Ort! Du bleibst und kaufst ein, tratschst und redest über Thorin!“
„Aber heute tun wir das nicht, Kíli. Heute gehen wir einfach mal raus.“
Frau Dís war immer eine starke Frau gewesen, doch ihren Sohn aus dem Haus und in die Wälder zu bringen, erwies sich als wahre Aufgabe.
„Und warum tun wir das?“
„Sei still, Kíli und genieß es! Die Vögel singen, der Wind rauscht und wir haben nichts zu tun.“, lächelte Dís.
„Du weißt, dass ich diese Art des Zeitvertreibs als reine Verschwendung ansehe und es als sinnlos erachte, sich so abzulenken, wenn man so Vieles tun könnte, dass einen Sinn hat und Besser zur Situation passt.“
„Kíli!“, rief Dís lachend und wandte sich zu ihrem Sohn um, „Wir machen uns einen schönen Tag im Wald.“
„Gut – ein Tag im Wald. Mutter – ich weiß nicht, wie du dir das vorstellst!“
Der Zwerg ließ sich auf das Gras fallen, legte die Arme hinter dem Kopf zusammen und schloss die Augen.
„Siehst du, Mutter? Ich genieße es. Ich genieße den Vogelgesang, die warme Sonne – verdammter Bastard von Himmelskörper. Warum? Mutter, warum? Warum tut es nach Jahren immer noch weh? Warum bin ich nicht einmal in meinem Herzen sicher, wenn ich alle Gefühle abschalte und nur noch versuche, zu existieren?“
„Kíli – versuch einfach es wieder zuzulassen. Ich bin mir sicher, dass es Fíli gut geht, zusammen mit Bilbo.“
Dís setzte sich neben ihren Sohn und schloss lächelnd die Augen.
All die Geräusche der Natur und um sie herum beruhigten sie ungemein. Die Vögel, den Wind, das Gurgeln des Baches in der Ferne und das leise Summen der Bienen, die an diesem Sommertag so viel Nektar sammelten, wie sie nur konnten.
Und auf dem Weg, irgendwo zwischen den Bäumen, wo der Pfad sich in weiten Bögen zwischen den Stämmen entlang schlang, dort, wo Kieselsteinchen und Sand eine helle Spur bildeten, dort knirschten die Gesteinspartikel, die kleinen Steine unter kräftigen Hornhufen, wurden leise und doch stetig unter Ponyhufen zerquetscht und zur Seite gepresst.
„Ponys?“, fragte Kíli leise und hob den Kopf, „Wer würde um diese Jahreszeit noch zum Erebor reiten? Der Markt hat schon begonnen, wer jetzt kommt, ist zu spät für alles!“
Dís lachte leise und strich sich eine Strähne hinter ihr Ohr. Die erste Strähne, die komplett grau geworden war.
„Es sind doch nur Ponys!“
„Ja, aber drei Stück? Drei Ponys auf dem Weg zum Erebor?“
Kíli stand auf und ging in Richtung des Pfades. Seine Mutter seufzte und folgte ihm.
Die drei Ponys hatte er schnell ausgemacht. Auf dem ersten ritt eine hochgewachsene Gestalt mit langen, dunklen Locken, gleich daneben eine kleinere, vor der ein Kind – wie es aussah – im Sattel saß. Der letzte Reiter war kleiner als der erste und größer als die Beiden auf dem zweiten Pony, seine hellen Locken lagen wie eine Kapuze über seinen Schultern und von seiner Oberlippe baumelten geflochtene Zöpfe, die aus dem Schnauzer liefen.
„Ist das – das kann doch nicht…Fíli?“
Seine Beine und Füße wurden leicht, als er durchs Unterholz brach und einfach nur noch rannte, bis er ein paar Meter vor den Ponys auf dem Weg stand.
„Fíli…“
Die Tiere wurden angehalten, als der junge Zwerg keuchend und außer Atem vor den Reitern stand.
„KÍLI!“
Der hinterste der Reiter sprang von seinem Tier und rannte auf ihn zu. Als er ihm in die Arme fiel riss er sie Beide zu Boden. Sie blieben liegen, Fíli auf Beinen und Unterkörper des Jüngeren, die Lippen so fest aufeinander gepresst, als wollten sie sich nie wieder loslassen, aus den Augen beider Zwerge tropften heiße Tränen, sie schluchzten, umklammerten sich und strichen sich über die Wangen.
„Kíli, nadadith…ich habe dich so sehr vermisst. Mein Stern!“, wisperte Fíli tränenerstickt und presste den Kopf seines Bruders an seine Brust.
Dís wischte sich die Tränen aus den Augen, die ihr bei diesem Anblick in die Augen stiegen. Fíli und Kíli, die sich nach beinahe vier Jahren wieder hatten und dahinter ihr Bruder und der Mann, dessen Herz zurückzuerobern er ausgezogen war.
Sie sah den Beiden an, dass es nicht reibungslos abgelaufen war. Doch jetzt griff Thorin nach Bilbos Hand, drückte einen Kuss darauf und beugte sich dann zu ihm herüber.
„Bald werden wir wieder zu Hause sein, mein Liebster.“, murmelte der König und küsste ihn auf die Lippen.
„Amad? Was tut nadadel da? Und wer ist das?“, fragte da ein helles Stimmchen.
„Das ist Kíli. Er ist für Fíli das, was dein Adad für mich ist.“, erklärte Bilbo lächelnd.
„Oh Mahal!“, rief Dís, „Ihr…ihr habt ein Kind?“
„Ziemliche Überraschung, oder?“, fragte Bilbo leise, „Ich freue mich, Euch wieder zu sehen, Frau Dís.“
„Oh Bilbo…“, seufzte die, „Ich bin ja so froh, dass du wieder da bist. Thorin war unerträglich ohne dich.“

Der Erebor wurde wieder der ganze Stolz des Zwergenvolkes.
Thorin Eichenschild wurde ein gerechter Herrscher, an seiner Seite der liebevollste Mann, den er hatte finden können Bilbo sorgte dafür, dass er König in besonders ernsten Momenten nicht stur Entscheidungen traf, sondern darüber nachdachte, was seine Handlungen für Folgen haben konnten.
Ein halbes Jahr nach der Rückkehr zum Erebor wurden Fíli und Kíli in den Stand der Ehe eingeführt. Dís saß mit Tränen in den Augen in der ersten Reihe und ließ sich nur zu gerne von Frerin ein Taschentuch reichen.
Der kleine Junge liebte seinen Adad und seine Amad abgöttisch. Doch bei aller elterlichen Liebe und der Zuneigung, die er bekam, blieb Fíli sein nadadel und er hatte die Zeit seines Lebens dabei, den Erebor zu erkunden.
Zum ersten Mal seit Jahren war alles von den Valar glücklich gefügt.



Amad - Mutter
Adad - Vater
Khayum thane Khazadu! - Sieg dem König der Zwerge!
Hurun ganat! - Ruht sanft!
Nadadel - geliebter, großer Bruder
Nadadith - geliebter, kleiner Bruder
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